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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239

11 Juni 1924, Wrocław

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Wir werden im Verlaufe unserer Betrachtungen nach und nach übergehen zu demjenigen, was Karma im einzelnen Menschenleben bedeuten kann, obwohl ich auch da immer wieder den Blick hinwenden werde auf gewisse karmische Zusammenhänge, welche durch Persönlichkeiten aufgetreten sind, die in der Geschichte sichtbar geworden sind. Denn auch das Einzelnste, was uns in unserem eigenen Karma interessieren, was uns nahe gehen muß, wird beleuchtet in der Weise, wie wir es brauchen, wenn wir auf die umfassenden geschichtlichen Karma-Erscheinungen hinblicken. Zunächst sei darauf aufmerksam gemacht, daß es durchaus nicht notwendig ist, um sich der Empfindung, dem Gefühl von einem Vorhandensein des Karma zu nähern, irgendwelche hellseherischen Einsichten gerade zu haben. Gewiß, um zu überblicken alle Zusammenhänge der karmischen Gesetzmäßigkeiten, sind solche Einblicke notwendig, und manches von demjenigen, was ich in den verflossenen Tagen hier beigebracht habe, ist natürlich nur durch solche Einsichten zu gewinnen. Aber den Weg zu solchen Einsichten bahnt, ich möchte sagen, die Empfindung, die deutliche Empfindung von dem Karma, die eingreifen kann in jedes einzelne Menschenleben, wenn dieses Menschenleben nur nicht oberflächlich an den Dingen vorbeigeht und den Blick nur auf die äußerlich sensationsreichen Ereignisse richtet, sondern wenn dieses Menschenleben etwas sich abgewinnen kann nach der Richtung, die intimeren Erlebnisse des Daseins zu überblicken, gefühlsmäßig zu durchdringen und dadurch sich selber eine Art von Ahnung davon zu verschaffen, wie gewisse schicksalsmäßige Zusammenhänge eben im Leben dastehen, die schon durch ihr eigenes Wesen zeigen, daß sie nicht bloß begründet sein können im einmaligen Erdenleben zwischen Geburt und Tod.

[ 2 ] Sehen wir doch einmal hin auf die Art, wie wir Menschen im Leben begegnen können. Von unserer Begegnung mit Menschen im Leben hängt ja der weitaus größte Teil unserer Schicksale im Leben ab. Wir begegnen dem einen, wir begegnen dem anderen Menschen. Dasjenige, was wir mit ihm zusammen erleben, das greift in unser Dasein ein. Und gerade in diesem gemeinsamen Erleben mit Menschen in .diesen oder jenen Lebensverhältnissen wird sich der aufmerksamen Beobachtung so recht zeigen, daß das Karma durchaus nicht dem widerspricht, was wir als unsere freie Empfindung in uns tragen, als die Empfindung dessen, was in unserem Handeln freien Entschlüssen unterliegt. Wir werden ja zunächst als Kind hineingestellt in das Dasein in einer solchen Lebensepoche, in der von Freiheit eben noch nicht die Rede sein kann, so weit der irdische Impuls in Betracht kommt. Und wie vieles hängt doch von der Art und Weise ab, wie wir als Kind in das Dasein hineingestellt werden! Welche Fähigkeiten da aus unserem Inneren herausgeholt werden, welche Wege uns zugewiesen werden, das ist von einer unendlich großen, schicksalsmäßigen Bedeutung in unserem ganzen Erdenleben. Gewiß, wir können dann später mehr oder weniger als selbständige Menschen in unser eigenes Leben eingreifen, aber wir können das doch nur an dem Platze, den uns die Kindheit angewiesen hat. Und so werden wir schon sehen, wenn wir genau betrachten, was in unser freies Handeln schicksalsmäßig deutlich, klar hineinspielt.

[ 3 ] Nun nehmen wir einmal den Fall: Wir begegnen im Leben Menschen. Da stellt sich ja ein deutlicher Unterschied heraus zwischen der einen Art von Begegnungen, die wir mit Menschen haben, und der anderen Art. Es kann sein, daß wir einem Menschen in diesem Erdenleben durchaus zum ersten Male gegenübertreten, und wir haben sogleich das Gefühl, daß eine Brücke hinübergeht von unserer Seele nach der Seele dieses Menschen. Und es kann durchaus sein, daß wir für diesen Menschen intensiv empfinden, aber uns vielleicht durchaus nicht ebenso stark gleich des näheren interessieren, wie er ausschaut, ob er schön oder häßlich ist, ob er freundlich oder unfreundlich schaut. Dasjenige, was uns zu diesem Menschen hinzieht, steigt aus unserem Inneren auf, wir entwickeln sympathische Gefühle. Ja, in dem einen oder anderen Falle kann es sein, daß wir antipathische Gefühle entwickeln, die eigentlich nur davon abhängen, daß wir in dieses Menschen Nähe gekommen sind und uns bewußt geworden sind, daß er da ist; aber was wir von ihm empfinden, das hängt nicht ab von dem Eindruck, den er durch sein Handeln oder durch die Worte macht, die er zunächst zu uns sagt. Solche Erlebnisse stellen sich ja hinein in das Erdendasein wie die großen Fragezeichen, wie die umfassenden Lebensprobleme, die uns die Wirklichkeit aufgibt. Und dann ist es wohl so, daß wir uns gar nicht gedrängt fühlen. nun nachzudenken, wenn wir eine solche Bekanntschaft gemacht haben: Wie ist der Mensch, was tut der Mensch? Alles, was uns zu ihm hinzieht, zieht sich gewissermaßen zusammen zu einer Summe von Gefühlen, in eine Summe von inneren Erlebnissen und Ausfüllungen unserer Seelenverfassung, denen gegenüber wir gar nicht das Bedürfnis haben, sie zu rechtfertigen an dem, was er tut.

[ 4 ] Aber es gibt Begegnungen anderer Art mit Menschen, da steigt keine solche Empfindung auf. Aber diese Menschen beginnen uns zu interessieren, ohne daß wir eigentlich fühlen, dieser oder jener tief in die Seele gehende Zug von Sympathie und Antipathie ist da. Die Menschen interessieren uns. Wir fühlen uns gedrängt, nachzugehen, ob sie gut, böse, wohlwollend, mißwollend sind, ob sie Fähigkeiten haben oder keine Fähigkeiten haben. Und in der Zeit, die dann auf solche Bekanntschaft folgt, zeigt es sich — sagen wit, wenn wir jemand gerade treffen, der auch einen solchen Menschen kennt, den wir getroffen haben und mit dem wir nun über den gleichen Menschen sprechen —, daß wir uns angeregt fühlen, uns über den Menschen zu unterhalten. Wir erkundigen uns gerne über ihn, wer er ist, worinnen er steckt im Leben und so weiter, wir interessieren uns für dasjenige, was äußerlich an ihm ist. Bei den Menschen der ersten Art kann es sogar vorkommen, daß es uns höchst unangenehm ist, wenn wir einen anderen Menschen treffen, der ihn auch kennt und der gleich anfängt, über ihn zu plaudern. Wir wollen gar nicht über diesen Menschen reden. Wenn nun so etwas auftritt im Leben — und die geisteswissenschaftlichen Methoden versuchen, hinter derlei Geheimnisse zu kommen —, da stellt sich ja dieses heraus, wenn wir im gewissen Sinne uns liebwerdendes oder verhaßtwerdendes unerklärliches Empfinden bei der Begegnung mit einem Menschen aufsteigen haben, daß wir dann mit diesem Menschen durch die Vergangenheit hindurch irgendwie karmisch verbunden waren, und daß uns dasjenige, was wir mit ihm gemeinsam hatten, eigentlich schon das ganze Erdenleben die Wege geführt hat, um ihn in einem gewissen Moment im Leben zu treffen. Und dasjenige, was wir mit ihm gemeinsam gehabt haben in vergangenen Zeiten, das formt unsere Gefühle, das formt unsere Empfindungen ihm gegenüber. Und diese Empfindungen, diese Gefühle sind maßgebend, nicht, ob er schön oder häßlich ist, oder ob er ein wohlwollender oder übelwollender Mensch ist. Gerade wenn man ganz deutlich und klar so etwas empfindet, so wird man durch diese Empfindung dann, wenn es sein kann, daß geisteswissenschaftliche Forschung in eine solche Sache hineinleuchtet, die Empfindung gerechtfertigt finden durch dasjenige, was geisteswissenschaftliche Forschung über ein in der Vergangenheit geformtes Karma zu sagen hat. Und wir werden noch durch mancherlei andere Dinge das, was ich da sage, bestätigt finden.

[ 5 ] Wenn wir schlafen, aus unserem physischen und Ätherleibe heraus sind, nur im Ich und im astralischen Leibe geistig in der Welt vorhanden sind, unser physischer und unser Ätherleib im Bette liegen geblieben ist, getrennt von der eigentlichen geistig-seelischen Wesenheit, da steigen ja für das gewöhnliche Bewußtsein die Träume auf. Aber ist es denn nicht so — fragen Sie sich einmal in einer intensiven Selbstbeobachtung —, daß wir bei gewissen Begegnungen, die gerade so geartet sind, daß im Inneren die Empfindungen und Gefühle aufsteigen, sogleich alle möglichen Träume von diesem Menschen haben? Wir können so leicht träumen von dem einen oder dem anderen Menschen. Das zeigt, daß dieser Mensch mit unserem Geistig-Seelischen, das mit ihm gemeinsam durch viele Erdenleben, oder durch mehrere Erdenleben, oder durch ein Erdenleben gegangen ist, zusammenhängt, daß dieses Geistig-Seelische, in dem allein wir jetzt sind, Ich und astralischer Leib, etwas zu tun hat mit diesem Menschen. Anderen Menschen begegnen wir, irgend etwas Berufsmäßiges oder dergleichen führt uns mit ihnen zusammen. Sie interessieren uns in der Art, wie ich es angeführt habe. Ja, es kommt sogar vor, daß wir mit ihnen vielleicht sehr viel zu tun haben; das Leben stellt uns zunächst neben sie hin, aber wir können nicht von ihnen träumen. Wir können es nicht, Träume kommen nicht. Wir sind dann nur in diesem Erdenleben mit ihnen verbunden, und die Verbindung wird zunächst hergestellt durch dasjenige, was das Seelisch-Geistige des Menschen an das Physische und das Ätherische bindet. Und weil der physische Leib und der Ätherleib an diesem Interesse, das wir haben, das an äußere Handlungen und an äußeres Aussehen sich knüpft, vorzugsweise beteiligt sind, und dieser physische und Ätherleib im Bette liegen bleiben und unser geistig-seelisches Wesen fort ist, so können wir von solchen Menschen nicht träumen. Da zeigt uns wiederum die Geisteswissenschaft, daß da allerdings das Karma wirkt, aber es wirkt so, daß sich das Karma jetzt erst anspinnt, daß man erst vom geistigen Erleben nach dem Tode zurückschauen wird auf dieses Erdenleben und wird sagen können: da haben sich karmische Zusammenhänge angeknüpft. Da tritt man ein in ein werdendes Karma.

[ 6 ] Wir haben gesehen, wie dieses Karma gewoben wird, wie eine lange Zeit an dem Weben dieses Karma dasjenige arbeitet, was wir gemeinsam erleben mit höheren geistigen Wesenheiten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Aber wenn Sie sich überlegen, was da in Anlehnung an die Gesetzmäßigkeit des Karma gesagt worden ist, dann werden Sie sich sagen müssen: Menschen werden ja durch das Erdenleben zusammengeführt; dasjenige, was sie im Erdenleben zusammenführt, bindet sie auch karmisch. Sie gehen dann miteinander durch das Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt, sie gestalten gerade da mit den höheren Wesenheiten ihr Karma für das nächste Erdenleben aus. Was folgt denn daraus für das Erdenleben des Menschen im groBen ganzen? Im großen ganzen folgt doch daraus, daß die Menschen, die für ein Erdenleben zusammen sind, weil sich ja gerade da das Karma anspinnt, auch wiederum für das nächste Erdenleben zueinander streben werden. Da werden sie wiederum karmische Zusammenhänge begründen, werden wiederum gehen durch das Leben zwischen Tod und neuer Geburt — aber dieses schmiedet sie ja nun stärker zusammen —, um ein gemeinsames Erdenleben wiederum aufzusuchen. Und da kommt ja das Merkwürdige heraus, daß die Menschen im Verlaufe der Erdenentwickelung eigentlich gruppenweise miteinander leben. So ist es auch. Wenn wir uns schematisch diese Sache vor Augen führen, so ist dies ja so: Die Zeit verläuft; eine gewisse Menschengruppe, die in irgendeinem Zeitpunkte miteinander lebt und karmisch miteinander verbunden wird, erscheint wiederum auf Erden, nachdem sie durchgegangen ist durch das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Eine andere Menschengruppe, die wiederum karmisch sich miteinander verbindet, erscheint wiederum gemeinsam auf der Erde; eine dritte ebenso. Und da die Zeiten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die weitaus längeren sind, so folgt ja daraus, daß sich die meisten Erdenmenschen eigentlich nur begegnen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und daß die karmisch besonders miteinander verbundenen Menschen gruppenweise durch die Entwickelung der Menschheit gehen und immer wieder und wieder auf Erden zusammentreffen. Das ist auch die Regel. In der Regel ist es so, daß wir nicht mit Menschen zusammentreffen auf der Erde, die in einer anderen Zeit als der unsrigen in der Vorzeit inkarniert waren.

[ 7 ] Sehen Sie, man erfährt dieses, wenn man in geistiger Betrachtung der Welt wirklich auf die Ereignisse der menschlichen Zusammenhänge eingeht. Wenn man nur unbefangen über das Leben nachdenkt, dann kommt man schon dazu, diese Dinge, die da gesagt werden aus einer geistigen Beobachtung heraus, bestätigt zu finden. Ich habe mich, wie Sie ja wissen, eine lange Zeit in meiner Jugend mit Goethe beschäftigt. Ich habe mich oftmals fragen müssen, da mir die geistige Beschäftigung mit Goethe ganz tief zu Herzen ging: Ja, was wäre denn, wenn ich ein Zeitgenosse Goethes geworden wäre? — Äußerlich betrachtet müßte einem so etwas entzückend vorkommen! Wenn man Goethe gerne hat, wenn man gerade ungeheuer gern eingeht auf dasjenige, was er geschaffen hat, wenn man einen Teil seines Lebens dazu verwendet, ihn zu erklären, zu interpretieren, sollte einem da nicht der Gedanke kommen, es müßte entzückend sein, in Weimar, als Goethe herumgewandelt ist, auch gelebt zu haben und ihn gesehen zu haben, vielleicht ihn haben sprechen zu können? Aber das ist doch nur eine oberflächliche Betrachtung, die sich sofort korrigiert, wenn man genauer auf die Sache eingeht. Wenigstens ich sagte mir: Der Gedanke, mit Goethe gleichzeitig gelebt zu haben, wäre doch eigentlich ganz unerträglich. Denn Goethe ist mir gerade dadurch besonders wert geworden, daß alles da war, was er hinterlassen hat, daß das eine Zeit hindurch gewirkt hat, daß man es wiederum heraussuchen konnte aus den geistigen Urtiefen des Weltenwerdens. Und es ist so: Es wäre gar nicht erträglich gewesen, mit Goethe gleichzeitig zu leben! Nur wenn man das konkrete Verhältnis zu ihm, das man dann hat als Nachgeborener, ins Auge faßt, und wenn man dann übergeht auf die feineren Zusammenhänge des Seelischen gerade in einem solchen Falle, wo man an eine Persönlichkeit herankommt, mit der man nicht gleichzeitig lebt, mit der einen also ein Lebenskarma nicht unmittelbar zusammenführen kann, sondern wo verwickeltere karmische Verhältnisse vorliegen, da zeigt dann die geistige Betrachtung: Hätte man mit einer solchen Persönlichkeit gleichzeitig gelebt, so würde sie auf die Seele wie Gift gewirkt haben. — Ich weiß, es ist damit viel gesagt, aber es ist so. Man würde gar nicht sich in seiner inneren Seelenverfassung zusammenhalten können, wenn man Zeitgenosse dieser Persönlichkeit gewesen wäre.

[ 8 ] Auch im ganzen und großen wird ja gerade durch eine solche Betrachtung der Blick für das Menschenleben, für die innere Wahrheit und für die inneren Zusammenhänge des Menschenlebens geschärft. Man redet nicht mehr unbestimmt herum. Man wird gar nicht versucht sein, in die allgemeine phrasenhafte Redensart auszubrechen: «Ach, hätte ich doch damals gelebt!» Das Karma befestigt einen sozusagen, wenn man es richtig erklärt, in seinen Lebensverhältnissen, stellt einen auch an den Ort hin, wo man lebt mit seinem Erdendasein. Damit aber schon zeigt sich der echt schicksalsmäßige Charakter des Karma. Der tritt hervor, wenn wir anfangen nachzusinnen darüber, warum wir gerade in einer bestimmten Zeit ins Erdenleben hereingetreten sind. Es hat uns zu dieser Zeit hereingebracht eben der Umstand, daß wir mit anderen Seelen, mit denen wir karmisch zusammenhängen, unser Karma vorbereitet haben, so für die Zeit vorbereitet, wo wir hineinsteigen in dieses physische Erdendasein.

[ 9 ] Nun ist das, was ich auseinandergesetzt habe, die Regel, aber im Geiste ist alles individuell. Regeln haben ihre Bedeutung, aber nicht so, daß wir sie als Prinzipien ansehen dürfen. Wer ein Prinzipienreiter ist, wer Regeln nimmt so, daß sie gar keine Ausnahme haben dürfen, der kann eigentlich niemals in die geistige Welt hereinkommen. Denn in der geistigen Welt ist einmal alles anders als in der physischen Welt. Selbst die einfachsten Sachen sind in der geistigen Welt anders als in der physischen Welt. Ich möchte Ihnen davon ein Beispiel geben. Was könnte klarer sein für einen Menschen, der in der physischen Welt lebt, als der allgemeine mathematische Grundsatz: Das Ganze ist gröBer als jeder seiner Teile, oder: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. Nun, es muß doch einer wirklich verrückt sein, wenn er bestreiten wollte, das Ganze wäre nicht größer als jedes seiner Teile. Man nennt solche Dinge Axiome, weil sie durch sich selbst wahr sind und eines Beweises, wie man so schön sagt, weder fähig noch bedürftig sind. So heißt die Formel. So ist es auch mit dem Satze: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. Aber beide Sätze gelten nicht mehr in der geistigen Welt. In der geistigen Welt gilt sogar der Satz: Das Ganze ist immer kleiner als jedes seiner Teile. Und schon im Menschenwesen finden wir das bekräftigt und bewahrheitet. Wenn Sie nämlich das Geistige von Ihrem physischen Menschen in der geistigen Welt betrachten, so ist es ungefähr so groß — etwas gröBer, aber ungefähr so groß, wie Sie selbst auch in der physischen Welt sind. Wenn Sie aber Ihre Lungen oder Leber in der geistigen Welt betrachten, so sind die riesengroß, und dennoch, sie sind die Teile eines Kleinen. Da müssen wir umdenken lernen. In der geistigen Welt ist die Gerade gar nicht der kürzeste Weg, sondern der allerlängste, weil es in der geistigen Welt, wenn wir von einem Punkte zum anderen kommen, ganz anders hergeht. In der physischen Welt, da geht es pedantisch zu: dieser Weg ist lang, dieser Weg ist länger, jener Weg ist der kürzeste: die Gerade. — In der geistigen Welt ist es nicht so, sondern da bietet, «gerade» herzukommen, so große Schwierigkeiten, daß jeder der krummen Wege kürzer ist als der gerade. Und es hat auch keinen Sinn zu sagen: Die Gerade ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten —, weil sie in der Tat der längste ist.

[ 10 ] Man muß sich durchaus bekanntmachen damit, daß in der geistigen Welt alles anders ist als in der physischen Welt. Deshalb kommen die Menschen so schwer mit ihren Übungen, die sie treulich machen, in die geistige Welt herein, weil sie mit ihrem Urteil haften an solchen Vorurteilen, daß das Ganze größer sei als seine Teile, oder die Gerade der kürzeste Weg sei zwischen zwei Punkten. So ist es mit den Axiomen. Aber alle anderen Wahrheiten für die physische Welt müssen auch abgewöhnt werden, sobald man in die geistige Welt eindringen will. Und so ist es nämlich, daß es in der geistigen Welt keine Prinzipien geben kann, sondern alles ist individuell. Man muß jedes Ding für sich einzeln kennenlernen. Dieses schreckliche logische Zusammenfassen, dieses Ausgeben allgemeiner Regeln gibt es gar nicht in der geistigen Welt. Und so ist natürlich auch diese Wahrheit, obzwar sie eine Wahrheit ist und im großen und ganzen gilt: daß die Menschen gruppenweise die Entwickelung des Erdenlebens absolvieren — sie ist durchbrochen. Und gerade dann, wenn sie durchbrochen ist, lernt man ihre Bedeutung so recht kennen. Auch davon ein Beispiel.

[ 11 ] Sie müssen schon verzeihen, daß das Beispiele sind aus dem eigenen Leben. Denn wie sollte man Beispiele genauer kennenlernen, die sich auf solche Dinge beziehen, als wenn sie gerade die Beispiele des eigenen Lebens sind? Da steckt man mit der Individualität drinnen. Ich habe ja bei der Beschreibung meines Lebensganges hingewiesen auf einen Geometrielehrer, den ich hatte. Dieser Geometrielehrer war mir nicht nur außerordentlich nahegestanden, während ich sein Schüler war, sondern auch nachher noch. Und es war mir schon interessant, seinem Karma, seinen Lebenszusammenhängen nachzugehen. Ich hatte ja gerade für Geometrie eine außerordentliche, wie man sagt, Schwäche. Schon mit neun Jahren bildete ein Geometriebuch, das ich so gerade in die Hände bekam von meinem Lehrer, der mich noch lange nicht für reif hielt, so etwas kennenzulernen, sozusagen mein Glück. Wissen zu lernen, daß die drei Winkel eines Dreiecks 180 Grad sind, erschien mir als außerordentlich beglückend im neunten Jahre. Aber dann bekam ich diesen Geometrielehrer, der wirklich eine merkwürdige Persönlichkeit war. Ich war so etwa zwölf Jahre alt, als ich ihn bekam, hatte ihn dann sieben Jahre hindurch. Wirklich, er war eine interessante Persönlichkeit, denn er war eigentlich ganz Geometrie, aber auf eine ganz eigentümliche Art: deskriptive, konstruktive Geometrie. Als ich in die höheren Klassen hinaufkam, zu der sogenannten analytischen Geometrie, da mußte man alles, was man über analytische Geometrie erfuhr, von anderen kennenlernen, denn davon verstand er gar nichts. Er war ein ausgezeichneter Konstrukteur, er konstruierte alles, und er machte einen großartigen Eindruck. Und ich machte eigentlich ganz bedeutsame Fortschritte gerade in der Geometrie, weil ich ihn so außerordentlich liebte. Es war mir immer eine liebe Stunde, wenn gerade dieser Lehrer in die Klasse kam und auf seine Art seine Geometrie entwickelte.

[ 12 ] Später sah ich — weil er mich mit dem Interesse festhielt —, daß ich eigentlich gar nicht anders konnte, als über seine Lebenszusammenhänge nachzudenken. Nun ist es, wenn man Karma erforschen will, wirklich so, daß man es gar nicht erforschen kann, wenn man auf die zunächst auffälligen Lebensverhältnisse hinschaut. Hätte ich bloß hingeschaut auf das, daß er ein ausgezeichneter Geometrielehrer war, auf alles das, was er vorzubringen wußte, ich wäre sicher niemals auf die Zusammenhänge seines Karma gekommen. Aber es machte einen tiefen Eindruck auf mich im Zusammenhang mit seinem ganzen Leben, daß dieser Lehrer einen Klumpfuß hatte. Ein Bein war kürzer als das andere.

[ 13 ] Sehen Sie, das sind solche Dinge, die eigentlich gewöhnlich als außerhalb des Lebens stehend betrachtet werden. Was einen tief interessiert, das sind solche Dinge, die, wenn man sich darauf einläßt, in die karmischen Zusammenhänge hineinführen. Es muß nicht immer etwas so Auffälliges sein; man kann es erleben, daß man in die karmischen Zusammenhänge hineingeführt wird dadurch, daß jemand eine Gewohnheit hat, die man immer wieder sieht an ihm und die sich zum Bilde formt. Eine kleine Gewohnheit kann sich da zum Bilde formen und einführen karmisch in frühere Leben des betreffenden Menschen. So wurde ich bei einem anderen Lehrer, den ich hatte, den ich ungeheuer gern hatte, tief eingeführt in gewisse karmische Zusammenhänge — über die ich jetzt nicht sprechen möchte — aus der Tatsache heraus, daß jedesmal, wenn dieser Lehrer vor uns hintrat, sein erstes dieses war, daß er sein Taschentuch herausnahm und sich die Nase putzte. Nie hat er eine Stunde anders begonnen. Gerade dieses, das sich immer wiederholte, das formte sich mir zum Bilde, indem es sozusagen karmisch zurückführte in die früheren Erdenleben dieses Menschen. Und so war es bei dem anderen, der den Klumpfuß hatte. Und siehe da, jetzt erst wurde mir aus diesem Klumpfuß heraus ein Licht aufgesteckt über die ganze geistige Kapazität dieses Menschen. Die Menschen glauben nämlich gewöhnlich, Linien zu geometrischen Figuren zu formen, das käme aus dem Kopf. Aber das kommt gar nicht aus dem Kopf, es ist gar nicht wahr, daß der Mensch die Geometrie mit dem Kopf erlebt. Sie würden nicht auf einen Winkel kommen, wenn Sie nicht gehen würden. Daß Sie den Winkel in Ihren Beinen erleben, das macht, daß Sie vom Winkel etwas wissen. Der Kopf schaut bloß zu, wie der Arm oder die Beine Winkel machen und so weiter. Wir erleben in der Geometrie tatsächlich unseren durch unsere Gliedmaßen webenden Willen. Unsere Gliedmaßen lehren uns die Geometrie. Nur weil wir solche Abstraktlinge schon geworden sind, wissen wir das nicht, glauben wir, daß wir die Geometrie aus dem Kopfe herausspinnen. Der Kopf schaut zu, wie wir in der Geometrie gehen, tanzen und so weiter, und dann bildet der Kopf die Formen, die er im Geometrischen hat. Er schaut zu. Und dieser ganze Zusammenhang, diese eigentümliche Art, die Geometrie zu betonen, die wurde mir klar, als ich in das Innere gerade dieses Menschen hineinschaute, der mit einem Klumpfuß gehen mußte, und dadurch, daß er diesen Klumpfuß besonders empfand, eben einseitig ein so ausgezeichneter Geometer wurde. Das sind so die intimeren Zusammenhänge des Lebens.

[ 14 ] Aber wodurch kam ich weiter? Es stellte sich mir nun dieser Lehrer neben einen anderen Menschen mit einem ähnlichen Bein, nämlich neben den englischen Dichter Lord Byron. Diese zwei Menschen, die äußerlich der Persönlichkeit nach gleich geartet waren, stellten sich mir nebeneinander, und jetzt erschien mir manches, was im Leben Byrons auftrat, zusammenhängend mit alledem, was sich aus einem früheren Karma in seine moralisch-ethischen Lebensverhältnisse hineingeschlichen hat, was aber auch in seinem Klumpfuß zum Ausdruck gekommen ist. Und dann, wenn man einmal das Karma an einem solchen Zipfel hat, dann bildet es sich einem weiter aus. Und nun konnte ich finden, wie diese zwei Menschen in einer gewissen Zeit des Mittelalters im Osten von Europa miteinander gelebt haben, wie sie da gemeinsam miteinander ein gleiches Schicksal durchgemacht haben. Ich kam auf den Inhalt ihres damaligen Lebens.

[ 15 ] Das frühere Leben des Byron war nicht ähnlich dem Leben des Byron des neunzehnten Jahrhunderts; das frühere Leben meines Lehrers ist nicht Ähnlich seinem Leben im neunzehnten Jahrhundert, aber beide haben ein sehr intim geartetes gleichzeitiges Schicksal. Sie erfuhren, als sie Bewohner des europäischen Ostens waren, von jener bedeutungsvollen Legende, daß einstmals das Kleinod des Palladiums, das in Troja — als behaftet mit der Zauberkraft für die Macht Trojas — eingegraben war und verehrt wurde, dann herübergebracht wurde über Afrika nach’ Rom, lange in Rom war, daß dann, als der Kaiser Konstantin Konstantinopel begründete, er unter großen Opfern, mit einem Aufwand, der ungeheuer war, das Palladium, an dem hängen sollte die Macht zuerst Trojas, dann Roms, nach Konstantinopel bringen und es dann in Konstantinopel versenken ließ, um die Macht Konstantinopels an die Stelle der Macht Roms zu setzen. Es wird ja erzählt und ist sogar bis zu einem hohen Grade richtig, daß der Hochmut des Kaisers Konstantin das Palladium von Rom nach Konstantinopel hat bringen lassen, daß er eine mächtige, schwere Säule auf dem Platz aufgerichtet hat, auf dem er das Palladium versenken ließ, daß er dann eine Art Apollo-Statue aufgegriffen hat und diese auf die Säule hinaufstellen ließ. Nun, es war schon sehr schwer, die Säule nach Konstantinopel zu bringen an den Platz, an den sie gebracht wurde, denn man mußte dafür einen eisernen Schienenweg bauen. Die Säule, die einstmals von Ägypten nach Rom gebracht worden war, sie war so schwer, daß jeder Weg, auf dem sie gefahren wurde, sich senkte und es da gefährlich wurde. Dann wurde die Säule aufgerichtet, das Palladium war in der Basis gut verwahrt. Darüber, auf der Spitze der Säule, ließ er nun die Apollo-Statue aufrichten, aber verbreiten, daß die Statue ihn, den Kaiser Konstantin, darstelle. Dann ließ er von dem Kreuze Christi im Orient Holz bringen, das er in der ehernen Statue verbarg, und Nägel aus dem Kreuze Christi, die er zu Strahlen formen ließ; damit ließ er das Haupt des Apollo umgeben. So daß dort oben nach seiner Ansicht der Konstantin stand und in Strahlen erglänzte, die von den Nägeln des Kreuzes Christi selbst genommen waren. Aber es schloß sich eine Legende an dieses Palladium an in der späteren Zeit, und es spielte sogar diese Legende selbst noch in das Testament Peters des Großen hinein: daß dieses Palladium geholt werden würde von Menschen des Ostens nach der Hauptstadt des Ostens, und daß sich einstmals die Slawenmacht des Ostens ebenso begründen werde auf die Zaubermacht dieses Palladiums, wenn es versenkt werden würde mehr im Osten oder im Norden von Konstantinopel, und daß dadurch die Macht auf die Slawen übergehen würde, so wie einstmals an dieses Palladium geknüpft war die Macht Trojas, die Macht Roms, die Macht Konstantinopels. In solchen Dingen liegen ja auch tiefe Wahrheiten verborgen, wenn sie auch legendenhaft auftreten.

[ 16 ] Aber schließlich, derjenige, der die Geschichte des Palladiums durchschauen kann, durchschaut ja recht viel von dem Werdegang der europäischen Geschichte. Und diese beiden Menschen, von denen ich gesprochen, Byron und derjenige, der damals sein Genosse war im frühen Mittelalter, die hörten von dieser Legende, und die nahmen sich das einmal vor, daß sie das Palladium holen und hinbringen wollten nach dem Norden, nach Rußland. Es gelang ihnen nicht; sie scheiterten, wie es ja selbstverständlich scheitern mußte. Aber es blieb ihnen etwas davon. In karmischen Zusammenhängen bleibt den Menschen etwas auf die merkwürdigste Weise. Byron suchte später das Palladium auf andere Art, er schloß sich der Freiheitsbewegung Griechenlands an, er wollte ein geistiges Palladium holen. Und das war der Drang, der ihm aus jener Zeit geblieben ist, von der ich erzählte. Und mein Lehrer zeigte für jeden, der ihn intim betrachten konnte, daß er an jedem Platze, an welchem er auch stand, wenn er auch ein verhältnismäßig unbedeutender Mensch war, einen unbändigen Freiheitssinn hatte, der im Inneren einen tiefen Zusammenhang hatte mit dem körperlichen Fehler, ebenso wie sein Genosse.

[ 17 ] Nun, was war denn da eigentlich geschehen? Sehen Sie, diese beiden Menschen waren ja auseinandergekommen, die fanden sich nicht wieder: der eine ist der berühmte Dichter Byron, der andere der etwas später lebende, der unbedeutende Geometrielehrer. Da ist die Regel, von der ich gesprochen habe, durchbrochen gewesen. Aber das Leben bestätigte mir diese Durchbrechung in seltsamer Weise. Sehen Sie, jener Geometrielehrer, den ich so innig liebte, auf den ich wartete jedesmal, wenn er zur Stunde hereinkam, jener Geometrielehrer gab mir niemals, während er mein Lehrer war, die Gelegenheit, auch nur ein einziges privates Wort mit ihm zu sprechen. Er lebte sich so dar, wie wenn er eine Persönlichkeit wäre, von der ich bloß gelesen hätte in der Geschichte. Er paßte in die Zeit nicht hinein, er kam einem vor wie deplaciert in der Zeit. Und das ging so weiter: Als ich später zu einem anthroposophischen Vortrag in die Stadt kam, in der er in Pension lebte, suchte ich mir im Adreßbuch seinen Namen auf. Ich hatte doch eine Ahnung, daß er da sein müßte, und ich wollte jetzt sozusagen einfach mit dem alten Lehrer, weil ich ihn liebte, einmal wenigstens nach langen Jahren — es waren nun dreißig Jahre vergangen — privat reden. Er war mittlerweile alt geworden und lebte in der allgemeinen Universitätspensionsstadt Österreichs, in Graz. Ich kam nach Graz zu dem anthroposophischen Vortrag, nahm das Adreßbuch, nahm mir ganz bestimmt vor, ihn aufzusuchen: es kam nicht dazu, fortwährend kamen Besuche, ich war abgehalten und konnte ihn auch da nicht privat sprechen. Er blieb für mich eine Persönlichkeit, die schattenhaft in mein Leben hineingestellt ist, trotzdem ich sie so ungeheuer liebte. Als ich wieder nach Graz kam, wollte ich ihn wieder besuchen: da war er schon gestorben. Also es blieb dabei, daß ich hier einer Persönlichkeit gegenüberstand, die eigentlich, trotzdem sie mir so nahestand, sich für mich so ausnahm, als ob ich von ihr irgendwo lesen würde wie von einer ganz anderen Zeiten angehörenden Persönlichkeit. So etwas lag vor: Ich war sein Zeitgenosse, aber durchaus nicht karmisch mit ihm verbunden. Er war in keiner seiner früheren Inkarnationen mein Zeitgenosse gewesen. Er stand also im letzten Leben ganz offenbar außerhalb der fortlaufenden karmischen Gruppen, in denen er eigentlich stehen sollte. Aber auch der andere zeigte mir, daß er nicht anders stand zu diesen Gruppen, denn er war abgekommen von der Inkarnationenfolge, in der er drinnengestanden hatte, da er gerade mit dieser Individualität, an die er zuerst gebunden gewesen war, in diesem Erdenleben eben nicht verbunden war, so daß sie sich nicht trafen, Byron und er. Ich erzähle Ihnen solche Dinge, damit Sie sehen, wie eigentlich Karma wirkt, und wie man, wenn man tiefer auf das Leben eingeht, gerade an Erlebnissen, die aber erst zum Rätsel werden müssen — und das Leben wird überall zum Rätsel — schon wirklich auf das geheimnisvolle, wunderbare Weben des Karma hinschauen kann. Aber ebenso, wie man Zeitgenossen haben kann, die einem erscheinen wie Bilder, weil sie eben hinausgestellt sind aus ihrer karmischen Folge, so wird man auch auf der anderen Seite durchaus gewahr, wie doch weitaus die meisten Menschen mit einer gewissen starken inneren Notwendigkeit in ihre Zeit hineingestellt sind. Gerade das zeigt sich einem oftmals bei historischen Persönlichkeiten.

[ 18 ] Ich möchte auch da auf ein Beispiel hinweisen. Genügend bekannt geworden ist ja der italienische Freiheitsheld Garibaldi: ein merkwürdiges Leben. Garibaldi war mir als Persönlichkeit gerade ebenso wenig sympathisch wie diejenige, die ich gestern erwähnt habe und der ich karmisch nachgegangen bin. Er ist mir eigentlich erst im Verlaufe der karmischen Forschung über ihn sympathischer geworden, denn mir erschien, bevor ich die karmischen Zusammenhänge über ihn erforschte, manches unnatürlich, phrasenhaft bei ihm, was er denn gar nicht war. Aber jedenfalls erscheint diese Persönlichkeit als eine solche, welche, trotzdem sie so praktisch, so radikal-politisch-praktisch ins Leben hineingewirkt hat, sich wiederum, wenn man sie betrachtet, so merkwürdig aus dem Leben herausstellt — wie in einer bloß gedachten Welt lebend, wie ein Stück über dem Erdboden schwebend. So praktisch Garibaldi war, so idealistisch war er auch. Das zeigt schon sein äußeres Leben. Man braucht nur wenige charakteristische Züge aus dem Garibaldi-Leben anzuschauen, so zeigt sich das sogleich. Ich will, weil die Zeit schon drängt, nur ein weniges anführen. Es ist nicht gewöhnlich bei einem Menschen, daß er in einer so couragierten, waghalsigen Weise in der damaligen Zeit, der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, wo die Adria so unsicher war — Garibaldi ist 1807 geboren —, wiederholt als junger Mensch die Adria durchschifft, wiederholt in die Hände von Seeräubern fällt, die größten Abenteuer durchmacht, sich wieder befreit; aber das mag noch angehen, das passiert anderen auch. Aber das passiert doch nicht jedem: daß er in Lebensverhältnissen ist, wo er außerhalb der Welt steht, keine Zeitungen liest, und als er dazu kam, sozusagen zum ersten Mal ordentlich eine Zeitung zu lesen, da las er in der Zeitung sein eigenes Todesurteil! Das war so gekommen: Er war von irgendeinem Abenteuer auf dem Meere zurückgekehrt, und ohne es zu wissen, war er beschuldigt worden, teilgenommen zu haben an gewissen politischen Verschwörungen. Er war in absentia zum Tode verurteilt worden und las das in der Zeitung. Er schien schicksalsmäßig über dem Leben zu stehen.

[ 19 ] Aber andere Züge in seinem Leben sind noch merkwürdiger. So zum Beispiel geschah es, daß, als er gerade, um teilzunehmen an Kämpfen freiheitlicher Bewegungen in fremdem Lande, auf dem Meere draußen sich der Küste näherte, durch das Fernrohr nach der Küste hinschaute. Dasjenige, was er sah, war eine sehr liebe, junge Dame, und siehe da, Garibaldi verliebte sich in diese Dame durchs Fernrohr! Das ist doch nicht die alltägliche Art, sich zu verlieben! Menschen, die ganz im Leben drinnen stehen, verlieben sich ja nicht durchs Fernrohr. Nun aber, er verliebte sich wirklich Hals über Kopf, er schiffte mit aller Gewalt jetzt in die Richtung hin, nach der er sich verliebt hatte. Als er ankam, war allerdings die Geliebte fort, aber ein Mann stand da; dem gefiel er so, daß er ihn zum Mittagessen einlud, und siehe da, das war der Vater der Dame, in die er sich durchs Fernrohr verliebt hatte! Und so konnte er gleich am Diner teilnehmen, an dem auch die Dame zugegen war. Er konnte nur Italienisch, sie nur Portugiesisch, aber durch die Sprache des Herzens verstanden sie sich: sie verlobten sich. Es war ein gemeinsames Leben, das Heldenhaftigkeit von der Frau forderte. Sie hat ihn in seinen Kriegszügen in wirklicher Heldenhaftigkeit begleitet. Auch das kommt nicht gerade oftmals vor, daß in Abwesenheit des Mannes, entfernt durch viele Meilen, das erste Kind geboren wird, die Frau durch furchtbare Abenteuer erst den Mann auf dem Schlachtfeld suchen muß, das Kind aber an einem Seile sich um den Hals bindet, damit es an der eigenen Brust erwärmt werde. Und so nun eilt sie durch alles Mögliche hindurch, um den Mann zu finden, von dem sie gehört hatte, daß er getötet worden wäre; sie fand ihn aber dann noch lebendig. — Es war dennoch eine großartige Ehe. Sie starb ja, wie denen, welche die Biographie Garibaldis kennen, bekannt sein wird, bevor er starb. Und siehe da, nach zehn Jahren, wie es das Leben eben so bringt, verlobte er sich und verheiratete sich auf ganz gewöhnliche, bürgerliche Art, wie man es sonst auch meistens macht unter den Philistern, mit einer anderen Dame. Diese Ehe, die nun richtig geschlossen war, die dauerte nur einen Tag, dann trennten sie sich. Er war schon, sehen Sie, anders gerade mit dem Erdenleben verbunden als andere Menschen. Es interessierte mich, einem solchen Leben nachzugehen.

[ 20 ] Da wurde ich wiederum, als ich diesem Leben nachging, in die Gegend der irischen Mysterien geführt. Auch dieser Garibaldi ist eine Seele, in welcher eine Individualität steckt, die durch die Mysterien Hybernias gegangen war und die, während sie bis zu einem gewissen Grade eine Art irischer Eingeweihter war, nach Osten zog, sogar in der Gegend des Rheins mit anderen zusammengewirkt hat. Aber mich interessierte an dem Leben Garibaldis insbesondere das karmisch, daß in ihm eine Persönlichkeit da ist, bei der einem ihr Leben schwer erklärlich ist. Denn Garibaldi ist in einem gewissen Sinne die Wahrheit selbst. Nun war er seinem ganzen tiefsten Inneren, seiner seelischen Gesinnung nach Republikaner. Und doch war er es, der, trotz seiner republikanischen Gesinnung, den Victor Emanuel zum König von Italien beförderte. Er förderte das Königtum in der Person des Victor Emanuel. Es erscheint einem zunächst unglaublich. Wie kommt dieser Republikaner dazu, Victor Emanuel zum König von Italien zu machen? Und lesen Sie das in der Geschichte nach. Ohne Garibaldi hätte es nie das italienische Königreich gegeben. Man kann weiter gehen, man findet dann, daß Garibaldi mit anderen Persönlichkeiten verbunden ist, die ihm eigentlich seiner inneren Verfassung nach ferne stehen: Cavour, Mazzini. Ganz anders geartete Naturen: Mazzini, der Idealist, der nicht ins Praktische eingreift, Garibaldi, überall der praktisch-militärische Staatsmann, und doch auch wie schwebend über dem Irdischen, Cavour, der schlaue, gescheite Politiker. Wie passen diese Menschen zusammen? Das wurde die Frage. Gerade da zeigte sich etwas, was ich Ihnen hervorheben möchte als ein dem Karma Eigentümliches. Da zeigte sich, daß diese drei anderen Menschen der Individualität des Garibaldi, während er ein irischer Eingeweihter war, als Schüler gefolgt waren, seine Schüler waren. Nun ist es gerade in irischen Mysterien etwas Eigentümliches, daß sich ein lebensnotwendiges Band ergibt zwischen dem Schüler und dem Lehrer. Diese können sich nicht wieder trennen, wenigstens nicht durch gewisse Inkarnationen. Da wird ein karmisches Band gebunden, man kann sich nicht wieder trennen. Nun tritt das Eigentümliche ein: Um das Jahr 1807 herum werden diese vier wiedergeboren, der eine in Genua, zwei in Turin, der dritte zu Nizza, also an ein und demselben Erdenflecke und auch ungefähr in derselben Zeit. Sie werden miteinander in derselben Zeit, in derselben Gegend Italiens geboren. Und da zeigt es sich, daß allerdings diejenigen, welche zusammengehören, wieder zusammengebracht werden, selbst gegen ihre Neigung zusammenkommen. So daß ein so starrer Republikaner wie Garibaldi den ganz anders gearteten Victor Emanuel an sich gekettet hat und die menschliche Zusammengehörigkeit mehr bedeutet als die sogenannte Überzeugung. Ich führe dieses Beispiel an, damit Sie sehen, was menschliche Zusammengehörigkeiten, die karmisch begründet sind, bedeuten. Da mag der eine das, der andere jenes für wahr halten: die karmische Zusammengehörigkeit ist stärker bindend. Menschliche Zusammengehörigkeiten sind es, die da wirksam sind im Leben, nicht so sehr das Abstrakte, was wir durch den Verstand haben. Aber wie Menschen zusammenhängen im Leben und wie Menschen schattenhaft durch das Leben gehen können, wenn sie herausgestellt werden aus ihrem Karma, das zeigt sich eben erst, wenn wir das Karma gerade in charakteristischen Fällen verfolgen.

[ 21 ] Das wollte ich Ihnen heute noch sagen. Morgen werden wir diese Betrachtung fortsetzen.