Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239
30 März 1924, Prague
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Gestern habe ich begonnen, einige Gesichtspunkte anzugeben über das Begreifen des menschlichen Schicksals, und ich führte ja an, wie die Ahnung von dem Walten des Schicksals aufgehen kann in dem Menschen, wenn für sein Leben bedeutsame Erfahrungen eingreifen. Und ich sagte, man nehme an, man begegne einem anderen Menschen in einem bestimmten Lebensalter; man begegne dem Menschen so, daß sich das fernere Schicksal der beiden Menschen, die sich begegnen, gemeinsam abspielt, daß sich aber auch das ganze Leben, das sie bis dahin geführt haben, in einer tief einschneidenden Weise ändert. Wenn ein solches Ereignis eintritt, dann wäre es sinnlos, wenn alles dasjenige, was der Mensch vorher erlebt hat auf Erden, in gar keiner Beziehung stünde zu diesem Ereignis. Das ist auch nicht der Fall. Denn für eine unbefangene Beobachtung, die nach rückwärts blickt, zeigt sich ja klar, daß eigentlich fast jeder Schritt im Leben, den wir getan haben, ein Schritt war in der Richtung nach jenem Erlebnis hin. Wir können zurückblicken bis in die Kindheit, immer wird es sich uns zeigen, daß die der Zeit nach weit von diesem Erlebnis entfernte Tat, die wir getan haben, der ganze Lebensweg, den wir genommen haben, so die Richtung hat nach diesem Ereignis, als wenn wir bewußt und überlegt diesen Weg genommen hätten. Es ist gerade eine solche Betrachtung geeignet, den Menschen immer wieder und wiederum hinzuweisen auf dasjenige, was wir in der Anthroposophie karmische Zusammenhänge nennen müssen.
[ 2 ] Und dann habe ich auch darauf hingewiesen, wie die Begegnungen mit Menschen sich in verschiedener Weise ausnehmen und habe Ihnen zwei extreme Fälle angeführt: Wir begegnen einem Menschen, es entsteht zu ihm ein Lebensverhältnis, ganz gleich, wie er äußerlich für unsere Sinnesanschauung, für unsere ästhetische Empfindung uns entgegentritt. Wir kümmern uns nicht weiter um seine besonderen Eigenschaften. Es ist etwas, was aus unserem Inneren aufsteigt, und was uns den Zug zu ihm eingibt. Anderen Menschen begegnen wir, so sagte ich, bei denen sich ein solcher innerer Drang nicht geltend macht. Wir werden mehr auf die Eigenschaften aufmerksam, die sie uns von außen zeigen, die sie unseren Sinnen, unserem Vorstellungsvermögen, unserem ästhetischen Empfinden einflößen. Bis in die Träume, sagte ich, geht das hinein. Wir treffen Menschen der ersteren Art, beschäftigen uns sogleich, wenn wir nachts außer dem physischen und dem Ätherleibe im Ich und astralischen Leib sind, mit ihnen. Träume über sie tauchen auf. Die sind eben ein Zeichen, daß wir innerlich in uns etwas aufgerüttelt haben bei der Begegnung. Anderen Menschen begegnen wir, wir können nicht von ihnen träumen, weil sie uns nicht aufrütteln, weil nichts in uns aufsteigt. Wir leben ihnen vielleicht sehr nahe, aber wir träumen nicht von ihnen, weil sie in unserem Innern nichts aufrütteln, was uns bis in den Astralleib und in die Ich-Organisation hinein beschäftigen kann.
[ 3 ] Dasjenige, was da vorliegt, haben wir dann in Beziehung gebracht zu den Kräften, mit denen der Mensch zusammenhängt außerhalb des irdischen Wesens, auf welche die heutige Weltanschauung wenig Rücksicht nimmt, mit den Kräften, die von der Umwelt, von dem Außerirdischen auf die Erde hereinwirken. Und wir haben darauf hingewiesen, daß der Mensch diejenigen Kräfte, welche von den geistigen Mondenwesenheiten her tätig sind, in Zusammenhang bringen muß mit alledem, was für ihn selbst Vergangenheit ist. Ja, meine lieben Freunde, es ist für uns Vergangenheit, wenn wir an einen Menschen herantreten und sogleich in uns etwas aufsteigt, was uns den Zug nach ihm hin gibt.
[ 4 ] Wie aber diese Dinge zusammenhängen, das wird erst klar, wenn an Stelle der äußeren ahnenden Betrachtung die Eingeweihten-Wissenschaft tritt, jene Eingeweihten-Wissenschaft, welche wirklich die inneren Zusammenhänge bloßlegen kann. Der Eingeweihte, vor dem die geistige Welt offen liegt, hat diese beiden Erlebnisse, von denen ich gesprochen habe, eben noch in einem viel intensiveren Sinne, als sie das gewöhnliche Bewußtsein haben kann. In dem einen Falle, wo das gewöhnliche Bewußtsein dieses innere Aufsteigen hat, erlebt der Eingeweihte, wenn er dem anderen Menschen entgegentritt, daß wirklich ein Bild oder auch eine Reihe von Bildern, ganz wesenhaften Bildern, aus seinem Inneren aufsteigen. Es ist, wie wenn sich da aus seinem Inneren diese Bilder hervorarbeiteten, wie wenn man eine Schrift vor sich hat und den Sinn, den sie ausdrücken will, lesen kann. So wird einem das Erlebnis klar, das man an diesen Bildern hat: Das Bild, das in dir aufsteigt, das aus deinem Inneren kommt, das erlebst du als ein innerliches Zusammensein mit dem Bilde, wie wenn der Maler ein Bild malte und nicht vor dem Bilde, vor der Leinwand stünde, sondern in der Leinwand selber darin weben würde, mit jeder Farbe mitgehen und jede Farbe innerlich erleben würde. So erlebt man und man weiß, das Bild, das da aufsteigt, hat etwas zu tun mit dem Menschen, dem man im Leben entgegengetreten ist. Und durch ein ähnliches Erlebnis, wie das ist, wenn man einem Menschen nach Jahren wieder begegnet — man erlebt das immer wieder —, erkennt man in dem Menschen, der physisch vor einem steht, der einem physisch gegenübertritt, die Wiederholung desjenigen, was da innerlich in einem aufsteigt. Man weiß, indem man das innerlich aufsteigende Bild mit dem vergleicht, was äußerlich vor einem steht: Das, was da innerlich aufsteigt, ist das Bild desjenigen, was man gemeinsam mit dem Menschen selbst in einem früheren Erdenleben erlebt hat. Und man schreitet wirklich zurück in frühere Zeiten, in denen man gemeinsame Erlebnisse mit ihm hatte. Und durch das, was man durchgemacht hat, um sich für die Einweihungswissenschaft vorzubereiten, erlebt man nicht bloß als dunkles Gefühl, wie sonst im gewöhnlichen Bewußtsein, sondern wie in einem lebendigen Bild das mit dem Menschen, dem man nun begegnet, gemeinsam Erlebte eines vorigen Erdenlebens oder einer Anzahl voriger Erdenleben. Man kann schon sagen, die Einweihungswissenschaft macht es durchaus möglich, daß man das, was man mit einem Menschen durchlebt hat, mit dem man karmisch verbunden ist, aus dem eigenen Inneren so intensiv aufsteigen sieht, daß es ist, daß es aussieht wie wenn der Mensch, der da vor einem steht, aus seinem Selbst hervortritt, in seiner früheren Gestaltung vor uns hintritt und sich selbst in seiner jetzigen Gestalt begegnet. So intensiv wirkt das. Aber gerade dadurch, daß man die Sache in einer solchen Wirklichkeit erlebt, lernt man sie beziehen auf die Kräfte, die ihr zugrunde liegen, und man wird verwiesen auf die Art und Weise, wie man zu diesem Bilde gekommen ist.
[ 5 ] Der Mensch, indem er aus seinem geistig-seelischen Dasein, das er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verbringt, zum Erdenleben heruntersteigt, macht ja die verschiedenen Regionen durch. Sozusagen die letzte Region, die er durchmacht, ist die Mondenregion; vorher geht er durch andere Sternen- und geistige Regionen durch. Da trifft er wirklich auf seinem Wege durch die Mondenregion jene Wesenheiten, die, wie ich gestern auseinandersetzte, früher einmal die Urlehrer der Menschheit waren. Ihnen begegnet er im Weltall, bevor er zum irdischen Dasein heruntersteigt, und sie sind es, die in jene feine Substanz, welche die orientalischen Weisen im Gegensatz zu den irdischen Substanzen Akasha nennen, alles dasjenige einschreiben, was im Menschenleben zwischen Menschen durchgemacht wird. Es ist einmal so, alles, was man im Leben durchmacht, alles, was erlebt wird von den Menschen, das wird beobachtet von jenen Wesen, welche einmal mit den Menschen die Erde bewohnt haben — nicht als verkörperte Wesen, sondern als Geistwesen. Das wird beobachtet und wird nicht in jener abstrakten Schrift, wie es die unsere ist, sondern in lebendiger Gestalt eingetragen in die Akasha-Substanz. Diese Mondenwesen, die einstmals die großen Lehrer während der Zeit der Urweltweisheit waren, diese Geistwesen, sie sind die Registratoren für die Erlebnisse der Menschheit. Und wenn dann der Mensch auf seinem Wege, der da verläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, sich wieder der Erde nähert, um sich zu vereinigen mit dem Keim, der ihm durch die Eltern gegeben wird, dann geht er durch das Gebiet, wo die Mondwesen dasjenige registriert haben, was auf der Erde in früheren Inkarnationen erlebt worden ist. Während diese Mondenwesen, als sie auf der Erde lebten, den Menschen Weisheit brachten, eine Weisheit, welche sich namentlich auf die Vergangenheit des Weltalls bezog, halten sie in ihrem jetzigen kosmischen Dasein die Vergangenheit fest. Indem der Mensch hinuntersteigt zum irdischen Dasein, gräbt sich gewissermaßen alles das, was sie festgehalten haben, in seinen Astralleib ein. Ja, meine lieben Freunde, man redet so leicht davon: der Mensch besteht aus einer Ich-Organisation, einem Astralleib, einem Ätherleib und so weiter. Die Ich-Organisation ist eben diejenige, die am meisten der Erde zugeneigt ist, ist dasjenige, was wir im Erdendasein lernen und erleben; anders aber ist das bei den tiefer liegenden Gliedern der menschlichen Wesenheit. Schon beim Astralleib ist es anders, der ist voller Eintragungen, voller Bilder. Dieses gewöhnlich nur «unbewußt» Genannte, das wird ja etwas außerordentlich Reiches, wenn es in das Wissen wieder emporkommt. Und die Einweihung gibt eben die Möglichkeit, hinunterzutauchen in diesen astralischen Leib und alles, was die Mondwesen eingetragen haben — und das ist eben von der Art wie die gemeinsamen Erlebnisse mit andern Menschen —, an das Schauen heranzubringen. So kommt man durch die Einweihungswissenschaft wirklich hinter das Geheimnis, wie die ganze Vergangenheit im Menschen ruht, und wie «Schicksal » dadurch wird, daß mit dem Mondendasein Wesen verbunden sind, welche die Vergangenheit festhalten, so daß sie in unserem Inneren ruht, wenn wir die Erde betreten.
[ 6 ] Ein anderer Fall: Wenn der Eingeweihte an Menschen herantritt, bei denen das gewöhnliche Bewußtsein so sich verhält, daß es einen ästhetischen, einen vorstellungsgemäßen Eindruck hat, er auch davon nicht träumen kann, dann steigt bei diesem Begegnen aus dem Innern des Eingeweihten zunächst nichts Bildhaftes herauf; aber indem der Eingeweihte einer solchen Persönlichkeit gegenübertritt, wird sein Blick, wie in dem andern Falle zum Mond, so jetzt zur Sonne geleitet. Und ebenso wie der Mond mit den Wesen in Verbindung ist, die ich Ihnen in der angegebenen Weise charakterisieren konnte, so ist die Sonne nicht etwa bloß der Gasball, von dem die Physiker heute sprechen. Die Physiker würden höchlichst erstaunt sein, wenn sie einmal eine Expedition ausrüsten und an den Ort kommen könnten, von dem sie meinen, daß er ausgefüllt sei durch allerlei glühende Gase, und der nach ihrer Meinung die Sonne bildet. Die Physiker würden nämlich finden, daß dort, wo sie glühende Gase vermutet haben, überhaupt nichts ist, viel weniger ist, als der Raum, weniger ist als nichts: ein Loch im Weltenraum. Was heißt Raum? Was Raum ist, das wissen ja die Menschen nicht, am wenigsten die, die viel darüber nachdenken, die Philosophen. Denn sehen Sie, wenn hier ein Stuhl ist, und ich gehe hin, ohne ihn zu beachten, so stoße ich mich an ihm. Er ist dicht, läßt mich nicht durch. Wenn kein Stuhl da ist, gehe ich durch den Raum ungehindert.
[ 7 ] Nun gibt es aber noch einen dritten Fall. In diesem dritten Fall würde ich, wenn ich ginge, nicht aufgehalten, nicht gestoßen, aber ich würde aufgesogen werden, ich würde verschwinden: da fehlt der Raum, da ist das Gegenteil von Raum vorhanden. Und dieses Gegenteil von Raum ist eben in der Sonne. Die Sonne ist negativer Raum, ist ausgesparter Raum. Und gerade dadurch, daß da negativer, ausgesparter Raum ist, ist sie der Sitz, der gewöhnliche Sitz der dem Menschen nächststehenden, über ihm stehenden Wesenheiten: Angeloi, Archangeloi, Archai. Und der Blick des Eingeweihten wird in dem Falle, den ich erzählt habe, gelenkt nach jenen Wesen, die in der Sonne sind, nach den geistigen Wesenheiten der Sonne. Das heißt mit anderen Worten: eine solche Begegnung mit einem Menschen, die nicht karmische Vergangenheit ist, die neu auftritt, sie ist für den Eingeweihten die Vermittlung, mit diesen Wesenheiten in Zusammenhang zu kommen. Und es zeigt sich, daß da gewisse Wesen sind, mit denen der Mensch eine nähere, mit andern eine entferntere Verbindung hat. Und an der Art und Weise, wie diese Wesen an ihn herantreten, wird ihm nicht im einzelnen, sondern im großen und ganzen klar, welches Karma sich da anspinnt: kein altes Karma, sondern eines, dem er zum ersten Male begegnet. Da wird der Mensch gewahr, daß diese Wesenheiten, die mit der Sonne in Verbindung sind, ebenso mit der Zukunft zu tun haben, wie die Wesen, die mit dem Monde in Verbindung sind, mit der Vergangenheit zu tun haben.
[ 8 ] Sehen Sie, es ist wirklich eine Vertiefung des ganzen menschlichen Gemütslebens, wenn sich der Mensch das, was so die Einweihungswissenschaft aus den Tiefen des Geisteswesens hervorholt, klarmacht, auch wenn er noch kein Eingeweihter ist. Denn die Dinge können. schon einleuchten. Geradeso wie man ein Bild verstehen kann, ohne daß man ein Maler ist — ich habe den Vergleich oft gebraucht —, kann man diese Wahrheiten verstehen, ohne daß man ein Eingeweihter ist. Aber wenn man diese Wahrheiten auf sich wirken läßt, vertieft sich ungeheuer das ganze Verhältnis, das der Mensch zum Weltall hat. Denken Sie doch, wie abstrakt, trocken, nüchtern eigentlich heute der Mensch von der Erde zum Weltgebäude hinaufsieht. Wenn der Mensch auf die Erde hinsieht, dann hat er noch einiges Interesse an der Erde. Er sieht die Tiere des Waldes mit einigem Interesse an. Wenn er ein edler Mensch ist, so gefallen sie ihm, die schlanke Gazelle, das flinke Reh. Wenn er weniger edel ist, interessieren sie ihn dennoch als Wildbret, er kann sie essen. Der Kohl auf dem Felde interessiert ihn. Das alles hat Beziehung zu demjenigen im Menschen, was er zunächst in sich selber wahrnimmt. Aber ebenso, wie der Mensch Beziehungen hat zu diesem Irdischen, das seine Gefühlswelt aufrüttelt, kann er seine Gefühlswelt aufrütteln, kann er seine Beziehungen entwickeln zu dem außerirdischen Kosmos. Und alles dasjenige, was schicksalsgemäß von der Vergangenheit herüberkommt, ruft — wenn es auf uns einen Eindruck macht — unser Herz, unsere Seele auf, hinzublicken nach den Mondwesenheiten und sich zu sagen: Hier auf der Erde wandeln Menschen herum; auf dem Monde leben Wesen, die einstmals mit uns auf der Erde waren. Sie haben einen anderen Schauplatz, Wohnplatz gesucht, aber wir Menschen sind mit ihnen verbunden geblieben; sie registrieren unsere Vergangenheit. Dasjenige, was sie tun, lebt in uns, wenn die Vergangenheit herüberwirkt in unser Erdendasein.
[ 9 ] Wir schauen mit einer gewissen ehrfürchtigen Inbrunst zu diesen Wesen auf, und der äußere, silbern leuchtende Mond ist nur ein Zeichen für jene Wesenheiten, die so innig mit unserer Vergangenheit zusammenhängen. Und wir lernen gewissermaßen, eine Beziehung zu haben mit diesen kosmischen, außerirdischen Mächten, deren Sinnbilder die Sterne sind, eine Beziehung zu haben zu ihnen durch dasjenige, was wir als Menschen erleben, wie wir sonst eine Beziehung haben dutch unser fleischliches Dasein mit alledem, was auf Erden lebt. Ebenso, wenn wir als Menschen ahnend, wie in banger Erwartung, der Zukunft entgegenschauen, wenn wir in diese Zukunft hineinleben mit unseren Hoffnungen und Bestrebungen, dann bleiben wir mit unserer Seele nicht allein, sondern wir verbinden uns ahnend mit demjenigen, was uns von der Sonne entgegenglänzt. Angeloi, Archangeloi, Archai werden für uns Sonnenwesen, sie werden für uns Wesen, von denen wir wissen: sie geleiten uns aus unserer Gegenwart in die Zukunft hinüber. Wenn wir dann hinaufschauen in den Kosmos und sehen, wie der Mondenschein abhängig ist vom Sonnenschein, wie diese Himmelskörper in gegenseitiger Beziehung stehen, dann sehen wir da draußen im Kosmos ein Bild desjenigen, was in uns selber lebt. Denn so wie Sonne und Mond draußen in der Sternenwelt in Beziehung zueinander stehen, so steht in uns, was in uns mondenhaft ist, unsere Vergangenheit, in Beziehung zu unserem Sonnenhaften, zu unserer Zukunft. Und das Schicksal ist ja das, was im Menschen durch die Gegenwart aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberläuft. Wir sehen — gewissermaßen eingesponnen in den Kosmos, den Gang der Sterne — durch die gegenseitigen Verhältnisse der Sterne dasjenige im Großen, im Weiten abgebildet, was in unserem eigenen Inneren lebt.
[ 10 ] Ja, meine lieben Freunde, das aber erweitert den Blick tief hinein in die Weltenzusammenhänge. Denn wenn der Mensch durch des Todes Pforte geht, hat er sich zunächst bloß losgelöst von seinem physischen Leib. Er lebt in seiner Ich-Organisation, seinem Astralleib, seinem Ätherleib. Aber der Ätherleib löst sich nach einigen Tagen los vom Astralleib und von dem Ich. Dasjenige, was der Mensch erlebt, das ist etwas, was gewissermaßen aus ihm herauswächst; es ist zunächst klein, dann wird es immer größer und größer: es ist sein Ätherleib. Es wächst hinaus in die Weiten, es wächst hinaus bis in die Sternenwelt, so erscheint es ihm. Aber in diesem Wachsen wird es so dünn, daß es nach wenigen Tagen dem Menschen schon entschwindet. Doch es ist noch etwas anderes dabei. Indem wir so unseren Ätherleib dem Kosmos übergeben, indem er sich verdünnt, erweitert, ist es, wie wenn wir ergreifen würden nach dem Tode die Geheimnisse der Sterne, wie wenn wir uns hineinleben würden in die Geheimnisse der Sterne.
[ 11 ] Zunächst ist es ja so — und das ist auch der Fall, wenn wir durch die Todespforte gegangen sind —, daß, wenn wir jetzt hinaufgehen, wenn wir durch die Mondenregion kommen, aus unserem astralischen Leibe die Mondenwesen dasjenige ablesen, was eben von uns erlebt worden ist im Erdendasein. Beim Weggange aus dem Erdendasein, da empfangen uns diese Mondwesenheiten, da ist ihnen unser astralischer Leib, in welchem wir jetzt sind, wie ein Buch, in dem sie lesen. Und das notieren sie getreulich, um es in den neuen astralischen Leib, wenn wir wieder heruntergehen zur Erde, einzuschreiben.
[ 12 ] Aus der Mondenregion kommen wir dann durch andere Regionen, durch die Merkur- und Venusregion in die Sonnenregion. In dieser Sonnenregion wird nun alles dasjenige in uns lebendig, was wir als Menschen in früheren Leben durchlebt, gewirkt, getan haben. Wir treten ein in die Wesenheiten der höheren Hierarchien, in ihr Wirken, in ihre Taten und wir sind jetzt im Kosmos darinnen. Wie wir während des Erdendaseins auf der Erde herumwandelten, gewissermaßen gebannt in die Verhältnisse der Erde, so sind wir jetzt in den Weiten des Kosmos. Wir erleben im Weiten, während wir hier auf der Erde im Engen leben. Es kommt uns vor, wenn wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt unser Dasein verbringen, wie wenn wir auf der Erde eingesperrt gewesen wären, denn alles wird nun weit, wir erleben die Geheimnisse des Kosmos. Wir erleben sie nicht wie etwas, was unter physischen Naturgesetzen steht; diese physischen Naturgesetze erscheinen uns kleinliche Erzeugnisse des Menschengeistes. Wir erleben, was in den Sternen vorgeht, als die Taten der göttlich-geistigen Wesenheiten, wir gliedern uns ein in die Taten der göttlich-geistigen Wesenheiten. Nach dem, was wir können, handeln wir zwischen ihnen und mit ihnen, und eben aus dem Kosmos heraus bereiten wir unser nächstes Erdendasein vor.
[ 13 ] Das ist es, was eigentlich wirklich in einem tieferen Sinne begriffen werden soll, daß dasjenige, was der Mensch in sich trägt, von ihm erarbeitet worden ist, während er im Kosmos war zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es ist ja so wenig, was der Mensch äußerlich von seiner Organisation wahrnimmt. Das, was in jedem Organ steckt, ist nur verständlich, wenn das betreffende Organ aus dem Kosmos heraus verstanden wird. Nehmen wir gleich das edelste Organ, das menschliche Herz. Ja, der Naturforscher von heute seziert den Embryo, sieht daraus, wie das Herz allmählich zusammenschießt; er macht sich weiter keine Gedanken darüber. Aber dieses äußere plastische Gebilde, das menschliche Herz, es ist ja das Ergebnis, so wie es beim einzelnen Menschen individuell ist, desjenigen, was er mit den Göttern zusammen erarbeitet hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Erst muß der Mensch, indem er das Leben zwischen Tod und neuer Geburt durchmacht, in jener Richtung arbeiten, die von der Erde nach dem Löwen, dem Sternbild des Löwen im Tierkreis hingeht. Diese Richtung, diese Strömung von der Erde nach dem Sternbild des Löwen ist ja angefüllt von lauter Kräften. In dieser Richtung muß der Mensch arbeiten, damit er als Keim das Herz hervortreiben kann; da drinnen sind ja kosmische Kräfte. Dann muß der Mensch, wenn er diese Region durchgemacht hat, welche in den Weiten des Weltalls liegt, in sozusagen der Erde nähere Regionen, in die Sonnenregion kommen. Da werden wiederum Kräfte entwickelt, die das Herz weiter vervollkommnen. Und dann kommt der Mensch in jenes Gebiet hinein, wo er schon berührt wird von dem, was man Erdenwärme nennen kann; da draußen im Weltenraum ist ja nicht Erdenwärme, da ist ja etwas ganz anderes. Da wird das menschliche Herz in einer dritten Etappe vorbereitet. Die Kräfte, aus denen das Herz vorbereitet wird, sind in der Löwenrichtung zunächst rein moralisch-religiöse Kräfte; in unser Herz sind zunächst rein moralisch-religiöse Kräfte hineingeheimnißt. Demjenigen, der das durchschaut, erscheint es eigentlich ruchlos, wie die heutige Naturwissenschaft die Sterne, ohne das Moralische zu sehen, als gleichgültige, neutrale physische Massen ins Auge faßt. Und wenn der Mensch durch die Sonnenregion geht, werden diese moralisch-religiösen Kräfte von den Ätherkräften ergriffen. Und erst wenn der Mensch der Erde schon näher kommt, der Wärme, der Feuer-Region, da werden gewissermaßen der Vorbereitung die letzten Schritte hinzugefügt. Da beginnen die Kräfte tätig zu sein, die dann den physischen Keim gestalten für den Menschen, der als geistig-seelisches Wesen heruntersteigt.
[ 14 ] Und so ist es, daß jedes einzelne Organ herausgearbeitet wird aus den Weiten des Weltenalls. Wir tragen in uns einen Sternenhimmel. Und wir hängen nicht nur durch den Grießbrei, den wir eben in den Magen hineingetan haben und der eben im Begriffe ist, sich in unseren Organismus zu verarbeiten, zusammen mit der Pflanzenwelt, die uns nährt, sondern wir hängen mit den Kräften des ganzen Kosmos zusammen. Diese Dinge werden dem Menschen allerdings erst klar, wenn er Sinn hat dafür, das Leben wirklich zu beobachten. Man wird schon dazu kommen, wiederum gegenüber dem Mikroskopischen, dem man heute geradezu einen Kultus entgegenbringt, auch das Makroskopische ins Auge zu fassen. Heute will der Mensch kennenlernen die Geheimnisse der Organisation des Tierischen, des Menschlichen, indem er möglichst sich vom Weltenall abschließt. Da versenkt er den Blick in eine Röhre, nennt das Mikroskopieren, und er schneidet ein winziges Ding aus, gibt es aufs Probiergläschen und bemüht sich, möglichst wegzugehen von der Welt, möglichst das Leben zu verlassen. Er reißt ein Stückchen ab, betrachtet es durch etwas, was den Blick abschließt von der übrigen Welt. Es soll gar nichts gesagt werden selbstverständlich gegen diese Art von Forschung, da kommen allerlei ganz schöne Dinge zutage. Aber den Menschen wirklich kennenlernen kann man auf diesem Wege nicht. Und sehen Sie, wenn man so vom Irdischen hinausblickt ins Außerirdische des Kosmos, hat man ja auch erst einen Teil von der Welt. Denn schließlich ist das nur ein Teil, der in das Sichtbare hereinstrebt. Die Sterne sind zwar nicht dasjenige, als was sie sich dem Auge darbieten — das ist bloß das Sinnbild —, aber sie sind ja doch noch sichtbar! Doch die ganze Welt, die wir durchmachen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, ist ja unsichtbar, ist übersinnlich. Und es gibt Regionen, die ja außerhalb des Sinnlichen liegen. Der Mensch gehört aber mit seinem Wesen diesen übersinnlichen Daseinsgebieten ebenso an wie dem Sinnlichen, und das, was der Mensch ist, lernt man eigentlich erst richtig kennen, wenn man in Betracht zieht, wie der Mensch durch die Weiten des Kosmos durchgegangen ist. Wenn er durch die Pforte des Todes in die Weiten des Kosmos getreten und wiederum zurückgekommen ist zur Erde, so lebt ja das auch in uns in den kosmischen Zusammenhängen; es lebt in uns, was von uns durch die Weiten des Kosmos durchgegangen ist, was einmal schon auf der Erde gelebt hat, aufgestiegen ist in den Kosmos und wiederum heruntergekommen ist zum engen Erdendasein. Und wir lernen allmählich hinblicken auf das, was wir im früheren Erdendasein waren. Losgerissen wird unser Blick vom Physischen, erhoben wird er in das Geistige. Denn wenn wir zurückblicken in frühere Erdenleben, vergeht uns durch die Kraft der Einweihungswissenschaft die Lust, alles nur sinnlich vorzustellen.
[ 15 ] Zwar hat man auch in dieser Hinsicht manches erlebt. Es war eine Zeit, da gab es gewisse Theosophen, die wußten, daß der Mensch in wiederholten Erdenleben lebt. Sie wußten das aus der orientalischen Weisheit, aber sie wollten sich das Ganze so vorstellen, wie man es sinnlich vorstellen kann. Sie täuschten sich darüber, aber sie brauchten ein sinnliches Vorstellen. So wurde man damals darauf angeredet, daß ja der Mensch als physischer Organismus, wenn er durch die Pforte des Todes geht, zerfällt, zerstäubt; aber ein Atom bliebe, dieses eine Atom gehe auf wunderbaren Wegen zum nächsten Erdenleben über, und das nannten dann diese Theosophen das «permanente Atom». Es war nur ein Umweg, die Sache materialistisch vorstellen zu können. Aller solcher Hang zum materialistischen Vorstellen vergeht einem, wenn man wirklich durchmacht, was die Seele erleben kann, wenn man sieht, dieses menschliche Herz ist aus den Weltenweiten heraus gebildet.
[ 16 ] Dagegen wird die Leber erst ganz nahe der Erdenregion gebildet; sie hat wenig Gemeinschaft noch mit dem, was Weite des Kosmos ist. Man lernt allmählich durch die Einweihungswissenschaft den Menschen so kennen, daß man sich sagt: das Herz, das könnte gar nicht im Menschen sein, wenn es nicht zubereitet würde, innerlich gestaltet würde aus den ganzen Weiten des Kosmos. Dagegen ein solches Organ wie die Leber, wie die Lunge, das wird erst in der Nähe des Erdendaseins gebildet. In bezug auf Lunge, Leber sieht der Mensch kosmisch der Erdennähe ähnlich, in bezug auf das Herz ist er ein weites kosmisches Wesen. Es geht einem am Menschen die ganze Welt auf. Man möchte, wenn man mit geistiger Anatomie Leber, Lunge, einige andere Organe aufzeichnet, sich die Erde aufzeichnen und das, was in ihrer Nähe ist; so ist es eigentlich in bezug auf die Kräfte. Geht man über zum Herzen, so möchte man das ganze Weltenall aufzeichnen. Der Mensch ist das ganze Weltenall, zusammengezogen, zusammengerollt. Er ist ein ungeheures Geheimnis, der Mensch, er ist ein wirklicher Mikrokosmos. Aber dieser Makrokosmos, in den der Mensch sich nach dem Tode verwandelt, reißt das Erkennen ganz los von der Sinnlichkeit, von der Materialität. Und man lernt jetzt erkennen die gesetzmäßigen Zusammenhänge, welche bestehen zwischen Geistigem und Physischem, zwischen Seelischem und Seelischem.
[ 17 ] Wir finden zum Beispiel Menschen in der Welt, die ein angeborenes Verständnis für die Dinge ihrer Umwelt haben, für die Menschen, die sie umgeben. Betrachten Sie nur nach diesen Verhältnissen das Leben, meine lieben Freunde! Es gibt Menschen, die begegnen vielen anderen Menschen, sie lernen sie aber nie wirklich kennen, Was sie einem von ihnen erzählen, ist höchst uninteressant, es sind keine charakteristischen Züge darin. Solche Menschen können sich nicht versenken, können sich nicht hingeben an die Wesenheit des anderen Menschen, sie haben kein Verständnis für den anderen. Es gibt Menschen, die haben dieses Verständnis. Wenn sie einen Menschen kennengelernt haben, und sie erzählen einem von ihm, dann trägt alles das Gepräge des Treffsicheren; man weiß gleich, wie der andere ist, wenn man ihn auch nie gesehen hat, er steigt vor einem auf. Es braucht nicht eine ausführliche Erzählung zu sein, kurze charakteristische Sätze kann derjenige zum vollständigen Hinmalen eines Bildes gebrauchen, der sich versenken kann in das Wesen eines Menschen. Es muß nicht ein Mensch sein, es kann irgend etwas in der Natur sein. Mancher Mensch erzählt einem, wie ein Berg ausschaut, ein Baum ausschaut; man gerät in Verzweiflung, man bekommt kein Bild davon, es bleibt alles leer, man hat das Gefühl, das Gehirn trocknet einem aus. Dagegen gibt es andere, die haben gleich volles Verständnis für irgend etwas; man könnte malen dasjenige, von dem sie einem erzählen. Solche Gaben oder Ungaben, Verständnis für die Umwelt, Verstocktheit gegenüber der Umgebung, die sind nicht aus dem Nichts heraus entstanden, sondern sie sind Ergebnisse unseres früheren Erdendaseins. Wenn man nun mit der Einweihungswissenschaft einen Menschen betrachtet, der recht viel Verständnis für seine menschliche und außermenschliche Umgebung hat, und man geht dann zurück — ich werde noch viel über dieses Zurückgehen zu sprechen haben —, mit der Einweihungswissenschaft in das vorige Erdenleben, dann findet man, welche Eigenschaften der Mensch im vorigen Erdenleben hatte, und wie sie sich verwandelt haben in das Verständnis der Umwelt im Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt. Und man kommt dann darauf, ein Mensch, der Verständnis hat für die Umwelt, war im vorigen Erdenleben so geartet, daß er viel Freude erleben konnte. Das ist sehr interessant. Menschen, die keine Freude erleben konnten im vorigen Erdenleben, können auch nicht zu einem Verständnis für die Menschen oder für die Umwelt kommen. Bei jedem Menschen, der dieses Verständnis hat, findet man: er war ein Mensch, der Freude haben konnte an der Umgebung. Aber auch das hat man sich erworben in einem früheren Erdenleben. Und wodurch kommt man dazu, diese Freude, diese Begabung, diese Anlage zur Freude an der Umgebung zu haben?. Dazu kommt man, wenn man in weiter vorangehenden Erdenleben Liebe entwickelt hat. Liebe in einem Erdenleben verwandelt sich in Freude; die Freude des nächsten Erdenlebens verwandelt sich in verständnisvolles Erfassen der Umwelt im dritten Erdenleben.
[ 18 ] So schaut man Erdenleben an Erdenleben sich reihen, und so gewinnt man Verständnis auch für dasjenige, was aus der Gegenwart in die Zukunft hinüberstrahlt, Menschen, die viel hassen können, sie tragen als Ergebnis ihres Hassens in das nächste Erdenleben hinüber die Begabung, von allem schmerzlich berührt zu sein. Das ist so, wenn man einen Menschen studiert, der so als rechter «Zwiderwurzen » durch das Leben gehen muß, weil er von allem schmerzlich berührt wird, immer leidet. Man kann ja Mitleid haben, das ist auch das Richtige, aber es führt einen immer in ein voriges Erdenleben zurück, wo er es über den Haß nicht hinausbrachte. Ich bitte, mich .nicht mißzuverstehen. Wenn da von Haß gesprochen wird, sagt sich der Mensch leicht: Ich hasse nicht, ich liebe alle. Er soll sich nur einmal prüfen, wieviel verborgener Haß auf dem Grunde der Menschenseele ruht. Ja, diese Zusammenhänge, sie werden einem wirklich erst klar, wenn man die Menschen voneinander reden hört. Es wird wirklich — denken Sie sich eine solche Statistik — viel mehr Schlechtes über einen Menschen gesagt, als Lobendes, Anerkennendes gesagt wird. Und wenn man eben wirklich diese Statistik aufnehmen würde, so würde man finden, daß unter den Menschen hundertmal — man kann wirklich diese Zahl angeben — mehr gehaßt als geliebt wird. Ja, es ist so, nur merken es gewöhnlich die Menschen nicht, weil sie ja glauben, immer berechtigt zu sein, zu hassen, und es ungeheuer entschuldbar finden, wenn sie hassen. Aber dieser Haß entwickelt sich in Leidensfähigkeit, Schmerzfähigkeit im nächsten Erdenleben, und in Verständnislosigkeit, in Verstocktheit im dritten Erdenleben, die an nichts heranwill, sich in nichts vertiefen kann.
[ 19 ] Und so haben Sie die Möglichkeit, dadurch drei hintereinanderlaufende Erdenleben zu beobachten, indem Sie das Gesetz betrachten: Liebe wandelt sich in Freude, Freude im dritten Erdenleben in Verständnis für die Umgebung. Haß verwandelt sich in Anlage zum Schmerzerleiden; diese Anlage zum Schmerzerleiden, die aus dem Haß kommt, verwandelt sich im dritten Erdenleben in Verstocktheit, in Verständnislosigkeit gegenüber der Umgebung. Das sind seelische Zusammenhänge, die von einem Erdenleben in das andere hinüberführen.
[ 20 ] Versuchen wir aber, an das Leben in einer andern Form heranzutreten. Es gibt Menschen — vielleicht haben sie es sich gerade auf diese Art in ihr Leben hereingebracht —, die interessiert nichts, sie wollen sich für nichts anderes interessieren außer für sich selber. Aber es hat eine große Bedeutung im Menschenleben, ob der Mensch sich für etwas interessiert oder nicht interessiert. Wirklich, auch in dieser Beziehung liefert die Statistik die merkwürdigsten Dinge. Ich habe Menschen kennengelernt, die am Vormittag mit einer Dame gesprochen haben, und am Nachmittag haben sie nicht gewußt, was die Dame für einen Hut oder was sie für eine Brosche gehabt hat, oder was für eine Farbe ihr Kleid gehabt hat. Es gibt solche Menschen, die sehen das nicht! Es gibt da die merkwürdigsten Anschauungen. Man hält das manchmal sogar für etwas Verzeihliches; aber das ist nicht verzeihlich! Es ist Interesselosigkeit, eine Interesselosigkeit, die manchmal soweit geht, daß der Mensch wirklich nicht weiß, ob derjenige, dem er begegnet ist, einen schwarzen oder einen hellen Rock angehabt hat! Es verbindet sich nicht inniglich dasjenige, was der Mensch aus seinem Leben hinaus schaut, mit dem, was da draußen steht. Ich erwähne etwas radikal diese Dinge; ich will ja nicht gleich behaupten, man verfalle Ahriman oder Luzifer, wenn man nicht weiß, ob die Dame blonde oder schwarze Haare gehabt hat. Ich will nur hinweisen darauf, daß die Menschen einen gewissen Grad von Interesse entwickeln für ihre Umgebung, oder auch Interesselosigkeit; doch das hat ja für die Seele eine große Bedeutung. Interessiert man sich für die Umgebung, dann wird die Seele innerlich erregt von dieser Umgebung, die Seele erlebt innerlich die Umgebung mit. Aber was man hier erlebt, mit Interesse, Anteil erlebt, das trägt man ja durch des Todes Pforte hinaus in die ganzen Weiten des Kosmos. Und so wie man hier Augen haben muß, um Farben zu sehen auf der Erde, muß man hier auf der Erde durch Interesse angeregt worden sein, um zwischen dem Tod und einer neuen Geburt die Möglichkeit zu haben, geistig zu sehen dasjenige, was da durchlebt wird. Und. geht man interesselos durch das Leben, haftet man an nichts mit seinem Blick, hört man nichts von dem, was vorgeht, dann hat man zwischen dem Tod und einer neuen Geburt keinen Zusammenhang mit dem Kosmos, man ist gewissermaßen seelisch blind, kann nicht arbeiten mit den Kräften des Kosmos. Dadurch aber bereitet man seinen Organismus und seine Organe schlecht vor: man kommt in die Löwenrichtung und kann nicht die erste Vorbereitung für das Herz durchmachen; man kommt in die Sonnenregion und kann das Herz nicht weiter ausbauen; man kommt in die Feuerregion der Erde und kann hier nicht den letzten Schliff geben; man kommt auf die Erde und kommt mit der Anlage zur Herzkrankheit auf die Welt. So wirkt ein Seelisches, die Interesselosigkeit, in dieses Erdenleben hinüber. Und eigentlich wird das Wesen des Krankseins erst völlig erklärlich, wenn man die Zusammenhänge durchschauen kann, wenn man sieht, wie der Mensch, der gegenwärtig an dem oder jenem physisch leidet, dieses physische Leiden dadurch hat, daß er ein Seelisches in einem vorigen Erdenleben entwickelt hat, das sich in ein Physisches in diesem Erdenleben verwandelt. Physische Leiden in einem Erdenleben sind so oder anders geartete Erlebnisse eines vorigen Erdenlebens. Menschen, die, wie man sagt, pumperlgesund sind, die nicht krank werden können, die immer die beste Gesundheit haben, die führen in der Regel den Blick aus diesem Erdendasein zurück in frühere Erdendasein, in denen sie das tiefste Interesse gehabt haben für alles dasjenige, was ihre Umgebung ist, alles angeschaut, alles erkannt haben.
[ 21 ] Natürlich dürfen Dinge, die sich auf das geistige Leben beziehen, niemals gepreßt werden. Sehen Sie, es kann natürlich auch eine karmische Strömung anfangen. Ich kann mit Verständnislosigkeit in diesem Leben beginnen: dann wird die Zukunft auf diese Verständnislosigkeit zurückweisen. Man darf nicht bloß von der Gegenwart in die Vergangenheit weisen. Daher kann man auch nur sagen: in der Regel, oder wenn eben karmische Veranlagung stattfindet, ist es so, daß gewisse Krankheiten zusammenhängen mit einer gewissen Seelenartung.
[ 22 ] Überhaupt: Seelisches aus einem Erdenleben verwandelt sich in Körperliches im anderen Erdenleben; Körperliches aus einem Erdenleben verwandelt sich in Seelisches in einem anderen Erdenleben. In dieser Beziehung ist es wirklich so, daß derjenige, der auf karmische Zusammenhänge sehen will, manchmal den Blick auf Kleinigkeiten lenken muß. Es ist ungeheuer wichtig, den Blick nicht auf die Dinge ‘ zu lenken, welche wir sonst im Leben für besonders wichtig halten. Wenn man erkennen will, wie ein Erdenleben auf ein früheres Erdenleben zurückführt, muß man den Blick zuweilen auf Kleinigkeiten lenken. Ich versuchte zum Beispiel karmische Zusammenhänge — über solche Dinge werde ich noch in den nächsten Tagen zu sprechen haben — für verschiedene Persönlichkeiten des geschichtlichen und geistigen Lebens zu suchen, in ernster Weise natürlich, nicht so, wie häufig gesucht wird, und ich fand eine Persönlichkeit, welche ein so merkwürdiges inneres radikales Leben entwickelte, daß sie zuletzt dazu kam, besondere Wortbildungen sogar zu machen. Diese Persönlichkeit hat viele Bücher geschrieben, darin hat sie die merkwürdigsten Wortbildungen geschaffen. Zum Beispiel schimpfte sie viel, kritisierte viel die Zustände, die Menschen, ihre Gemeinschaften. So kritisierte der Betreffende auch die Art, wie manche Gelehrte im Neid gegen andere sich benehmen. Da stellt er Tatsachen nach dieser Richtung zusammen, in denen er das Schleicherische gewisser Gelehrtennaturen gegenüber den anderen Mitmenschen charakterisieren wollte, und das betreffende Kapitel überschrieb er: «Schlichologisches in der wissenschaftlichen Welt.» Es ist charakteristisch, wenn ein Mensch den Ausdruck «Schlichologisches» bildet, man fühlt etwas bei diesem Schlichologischen. Und sehen Sie, gerade das scharfe seelische Ins-Augefassen solcher Wortbildungen führt dazu, zu erkennen, wie diese Persönlichkeit in einem vorigen Erdenleben ein Mensch war, der viel zu tun hatte mit allerlei kriegerischen Unternehmungen, wo man vieles auf schleichenden Wegen durchzuführen hatte. Karmisch verwandelte sich das in die Fähigkeit, so Bilder zu machen vom Schleichen, von Kämpfen, Bekriegen in allerlei Unternehmungen, indem er in solchen Wortbildungen für die Dinge, die er jetzt erschaute, aus dem Kopf heraus das bezeichnen konnte, was er früher mit den Füßen, mit den Händen tat. So könnte ich bei dieser Persönlichkeit vieles anführen, was sich in gewisser Weise aus dem Physischen verwandelte in ein Seelisch-Geistiges.
[ 23 ] Nun werden wir diese Betrachtungen morgen fortsetzen.
