Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239
7 Juni 1924, Wrocław
Achter Vortrag
[ 1 ] Am allertiefsten greift ja die anthroposophische Weisheit dadurch in das Menschenleben ein, daß sie hinweist auf die umfassendsten kosmischen Geheimnisse, auf die Geheimnisse der ganzen Welt, die ja in der Wesenheit des Menschen eigentlich wiederum mikrokosmisch vereinigt sind. Aber in alledem, was uns auf diese Weise aus dem Kosmos heraus klar werden kann, lichtvoll werden kann, lebt etwas, das nicht nur ins Tägliche, sondern bis ins Stündliche des Menschenlebens hineinleuchtet, was dadurch, daß es dieses Menschenleben in bezug auf sein Schicksal, sein Karma behandelt, hineinleuchtet in dasjenige, was dem Menschenherzen unmittelbar naheliegt, ihm ja, wie gesagt, stündlich naheliegt. Und so möchte ich denn, von den verschiedensten Gesichtspunkten ausgehend, in diesen Tagen zu Ihnen namentlich sprechen über die anthroposophische Begründung derjenigen Ideen, derjenigen Geistesbilder, die uns das Karma des Menschen nahebringen können.
[ 2 ] Wir wissen ja, daß in das Menschenleben, wie es abläuft zwischen Geburt und Tod, sozusagen zwei Augenblicke hineinspielen, die sich von allen anderen Augenblicken dieses irdischen Menschenlebens wesentlich unterscheiden. Das ist der Augenblick — es ist natürlich im wörtlichen Sinne kein Augenblick, aber Sie werden es verstehen —, in welchem der Mensch als geistig-seelisches Wesen heruntersteigt ins irdische Leben, annimmt einen physischen Leib als Werkzeug seines Wirkens im Irdischen, sich nicht nur umkleidet mit diesem physischen Leibe, sondern sich sozusagen in diesen physischen Leib verwandelt, um auf der Erde wirken zu können: der Anfang des irdischen Lebens, Geburt und Empfängnis. Der andere Augenblick ist der, in dem der Mensch aus dem irdischen Leben herausgeht, indem er durch die Pforte des Todes in die geistige Welt zurückkehrt.
[ 3 ] Wenn wir an den letzteren Augenblick uns zunächst halten, so sehen wir ja, wie in den ersten Tagen nach dem Tode die physische Menschenform bis zu einem gewissen Grade erhalten bleibt. Wir fragen uns aber: Wie verhält sich dasjenige, was da als physische Menschenform erhalten bleibt, zur Natur, zu demjenigen Dasein, das uns im Erdenleben in den verschiedenen Reichen der Natur umgibt? Sind diese Reiche der Natur, ist die ganze äußere Natur imstande, sich so zu dem Überreste der menschlichen Wesenheit zu verhalten, daß sie diesen Überrest in seiner Bildung aufrechterhalten kann? Nein, dazu ist die Natur nicht imstande. Die Natur ist einzig und allein in der Lage, dasjenige, was als menschlich-physisches Gebilde aufgebaut ist seit dem Hineintreten in das physische Erdenleben, zu zerstören, und mit dem Tode beginnt die Auflösung der Form, die der Mensch als seine Erdenform betrachtet. Wer diese ja ganz offensichtliche Wahrheit nur tief genug auf seine Seele wirken läßt, dem geht auf, wie einfach schon in der physischen Menschenform der Gegenbeweis gegen alles Materielle liegt. Denn wäre das Materielle richtig, so müßte man sagen können, die Natur baue die menschliche Form auf. Man kann es nicht sagen, denn die Natur kann die menschliche Form nur zerstören, nicht aufbauen. Und es kann von diesem Gedanken ein mächtiger Eindruck ausströmen. Er strömt auch aus, er wird nur sehr häufig nicht in die richtige Gedankenform gebracht. Er lebt im Unbewußten der menschlichen Seele, er lebt in allem, was wir beim Todesrätsel empfinden. Da aber lebt er doch ein energisches Dasein. Und Anthroposophie will ja nichts anderes, als solche Rätsel, die dem unbefangenen Menschensinn an dem Leben aufgehen, bis zu jenem Grade der Lösung bringen, der “ eben wiederum zur richtigen Führung des Lebens notwendig ist. Und so muß sie zunächst einfach den unbefangenen Menschengeist hinweisen auf dasjenige, was der Moment des Todes ist.
[ 4 ] Auf der anderen Seite kann sie hinweisen auf den Moment der Geburt. Aber über diesen Moment der Geburt kann man eigentlich nur eine der Todesvorstellung entsprechende Vorstellung gewinnen, wenn man sich ein wenig einläßt auf eine unbefangene Selbstbeobachtung. Diese Selbstbeobachtung muß auf das menschliche Denken gehen. Das menschliche Denken, es verbreitet sich über alles dasjenige, was in der physisch-sinnlichen Erdenwelt geschieht. Wir machen uns über das, was so in der Welt vorgeht, unsere Gedanken. Wir könnten gar nicht Menschen sein, wenn wir uns nicht diese Gedanken machten; denn durch die Bildung dieser Gedanken unterscheiden wir uns von allen anderen Wesenheiten, die uns in dem irdischen Bereiche umgeben. Aber wenn wir unsere Gedanken in unbefangener Selbstbeobachtung erfassen, dann erscheinen sie uns ja wirklich recht weit entfernt von alledem, was uns sonst als Wirkliches umgibt. Man stelle sich nur in der richtigen Art vor, wie innerlich-abstrakt und kalt wir werden, wenn wir uns dem Denken hingeben, gegenüber der Art, wie wir sind, wenn wir uns mit unserer Seele dem Leben hingeben. Darüber sollte gar kein Zweifel sein vor dem unbefangenen Gemüte, daß Gedanken als solche zunächst etwas Kaltes, Abstraktes, etwas Nüchternes, Trockenes haben. Aber es sollte zu dem ersten meditativen Erleben des Anthroposophen gehören, in der richtigen Art gerade unser Gedankenleben anzuschauen. Dann wird ihm an diesem Gedankenleben etwas aufgehen, was ihm sehr ähnlich erscheinen kann wie der Anblick, den wir gegenüber einem Leichnam haben. Was ist denn charakteristisch für den Anblick eines Leichnams? Da liegt er vor uns, dieser Leichnam. Wir sagen uns: In diesem Gebilde hat eine menschliche Seele, ein menschlicher Geist gelebt; diese menschliche Seele, dieser Geist sind fort. Wie eine Schale der Seele und des Geistes liegt das da, was ein menschlicher Leichnam ist, aber uns zugleich den Beweis liefernd, daß alles, was außermenschliche Welt ist, dieses Gebilde niemals hätte hervorbringen können, daß dieses Gebilde nur aus der innersten, geistbeseelten Menschennatur selber hervorgehen konnte, daß es ein Überrest ist von etwas, das nicht mehr ist. Die Form selber zeigt uns: Der Leichnam ist ja keine Wahrheit, er ist nur ein Rest von einer Wahrheit, er hat nur einen Sinn, wenn Seele und Geist darin leben. Jetzt in der übriggebliebenen Form hat er eben vieles verloren, aber so wie er ist, zeigt er gerade, daß Seele und Geist in ihm gewohnt haben.
[ 5 ] Dann können wir unseren seelischen Blick auf das Denkleben richten. Es wird uns — zwar von einem etwas anderen Gesichtspunkte aus — auch so erscheinen, als ob es etwas Leichnamhaftes wäre. Das menschliche Denken, wenn wir es unbefangen in uns selber anschauen, kann eigentlich ebensowenig dutch sich selber bestehen, wie die menschliche Form im Leichnam. Die hat keinen Sinn, und der menschliche Gedanke, wie er die äußere Natur auffaßt, hat gar keinen Sinn, ebensowenig wie ein Leichnam. Denn die äußere Natur ist ja immer etwas, was von den Gedanken wohl erfaßt werden kann, aber niemals den Gedanken hervorbringen kann. Es könnte ja sonst keine Logik geben, die unabhängig von allen Naturgesetzen sieht, was denkerisch richtig und falsch ist. Wenn wir den Gedanken hier in der irdischen Welt auffassen und ihn richtig durchschauen, muß er uns als ein Leichnam, als ein seelischer Leichnam erscheinen, wie das als ein physischer Leichnam erscheint, was vom Menschen übrigbleibt, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Wir verstehen die Form des Menschen nur, wenn wir sie anschauen als einen Rest dessen, was ein belebter Mensch übriggelassen hat im Tode. Denken Sie sich einmal, es gäbe nur einen einzigen Menschen auf der Erde und der wäre gestorben, und ein Marsbewohner käme herunter und schaute sich diesen Leichnam an: er würde ihn gar nicht verstehen. Er könnte alle Formen im Mineralischen, Pflanzlichen, Tierischen studieren und würde doch nicht begreifen, wie diese Form, die da tot liegt, zustande kommen konnte. Denn sie widerspricht sich selbst, und sie widerspricht der ganzen außermenschlichen, irdischen Welt. Sie verrät in sich selber, daß sie von etwas verlassen worden ist, denn sie könnte nicht so sein, wie sie ist, wenn sie nur immer so sich selbst überlassen gewesen wäre.
[ 6 ] Geradeso ist es mit unseren Gedanken. Die könnten gar nicht so sein wie sie sind, wenn sie nur durch die äußere Natur da wären. Sie sind ein Seelenleichnam, dem physischen Leichnam zu vergleichen. Wenn ein Leichnam da ist, muß etwas gestorben sein. Was ist gestorben? Gestorben ist diejenige Form des Denkens, die wir gehabt haben, bevor wir heruntergestiegen sind in die irdische Welt. Da lebte das, was im abstrakten Gedanken tot ist. Es verhält sich das Denken der Seele, die noch keinen Körper hatte, zu dem Gedanken, wie wir ihn nun haben, so, wie sich der beseelte und durchgeistigte Mensch zum Leichnam verhält. Und wir Menschen im physischen Leibe sind das Grab, in dem begraben worden ist das lebendige Seelenleben des vorirdischen Daseins. Der Gedanke war in der Seele lebendig. Die Seele ist für die geistige Welt gestorben. Wir tragen nicht den lebendigen Gedanken, wir tragen den Gedankenleichnam in uns.
[ 7 ] Das ist es, was sich ergibt, wenn wir an die andere Seite des irdischen Lebens gehen, die entgegengesetzt liegt der Seite des Todes, wenn wir nach der Geburt hin gehen. Wir sagen uns: In einer gewissen Weise stirbt das Geistige im Menschen durch die Geburt; das Physische am Menschen stirbt durch den Tod. — Dann sprechen wir richtiger über diese Tatsachen, als gewöhnlich gesprochen wird in unserer Zeit.
[ 8 ] Wenn wir zuerst die Eingangspforte in die Anthroposophie suchen durch ein gemütvolles Hinlenken der Seele zu dem Tode und uns so begreiflich machen, wie das Denken ein Leichnam ist gegenüber dem vorirdischen Denken, dann weitet sich uns der Blick auf den Menschen über das Erdenleben hinaus, und wir bereiten uns erst dadurch vor, die anthroposophische Lehre, die anthroposophische Weisheit aufzunehmen. Nur weil man nicht in der richtigen Weise auf dasjenige sieht, was im Erdenleben zwar noch da ist, wenn auch als Leichnam — aber dazu ist das Erdenleben die Stelle —, deshalb findet man so schwer den naturgemäßen Weg zur Anthroposophie. Heute überschätzt man das Denken, aber man kennt es eigentlich nicht; man kennt es nur in seiner seelen-leichnamhaften Beschaffenheit.
[ 9 ] Nun, wenn man so die Gedanken lenkt, wie ich sie versuchte vor Ihnen zu lenken, dann wird man ja stark auf die zwei Seiten des ewigen Lebens der menschlichen Seele gewiesen. Wir haben ja, im Grunde aus den menschlichen Hoffnungen heraus, nur ein Wort in den modernen Sprachen für die halbe Ewigkeit, die jetzt beginnt und nicht aufhört. Wir haben nur das Wort «Unsterblichkeit», weil den Menschen unseres Zeitalters vorzugsweise interessiert, was nach dem Tode geschieht. Er ist jetzt da, und es hängt mit allen seinen Lebensinteressen zusammen, zu wissen, was nach dem Tode geschieht. Aber es gab Zeiten in der Menschheitsentwickelung, da interessierte den Menschen noch ein anderes. Heute sagt sich der mehr egoistisch denkende Mensch: Das, was auf den Tod folgt, interessiert mich, denn ich möchte wissen, ob ich über den Tod hinaus lebe; das, was vor der Geburt war oder vor der Empfängnis, interessiert mich nicht. — Denn er ist da, der Mensch, also denkt er über das vorirdische Leben nicht ganz so nach wie über das nachtodliche. Aber zum Ewigen der Menschenseele gehören diese zwei Seiten: die Unsterblichkeit und die Ungeborenheit. Ältere, ursprüngliche Mysteriensprachen der Menschen, die noch, dem Zeitalter entsprechend, die übersinnliche Welt sahen, hatten auch für Ungeborenheit ein entsprechendes Wort. Wir müssen uns erst wiederum eines abringen dadurch, daß wir nach solchen Richtungen hin die Gedanken lenken. Dadurch aber werden wir auch zu der ganz andersartigen Gesetzmäßigkeit geführt als die Naturgesetzmäßigkeit ist, wie sie im Menschen besteht: zu dem menschlichen Schicksal.
[ 10 ] Zunächst tritt uns ja dieses menschliche Schicksal nur so vor die Seele, daß es uns sozusagen wie zufällig trifft, daß es sich wie zufällig auslebt. Wir vollbringen dies und jenes aus diesem oder jenem Impulse heraus und müssen uns dem gewöhnlichen Leben gegenüber sagen: In unzähligen Fällen kommt es vor, daß dem Guten schwierige, leidvolle, tragische Lebenserfahrungen beschieden sind, wogegen demjenigen, der gar nicht gute Absichten hat, nicht schlimme, sondern gerade gute Lebenserfahrungen zuteil werden. Den Zusammenhang zwischen dem, was seelisch von uns ausgeht, und dem, was uns schicksalsmäßig trifft, diesen Zusammenhang sehen wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein im gewöhnlichen Leben bekanntlich nicht. Wir sehen, wie das Gute getroffen werden kann von den schlimmsten Schicksalsschlägen, das Böse nicht getroffen zu werden braucht von etwas anderem als oftmals von einem relativ guten Schicksal. Wir sehen im Naturgeschehen die Notwendigkeit, wie Wirkungen auf die Ursachen folgen; wir können das in geistiger Beziehung, in das unser moralisches Leben eingesponnen ist, nicht sehen. Und dennoch, wenn wir wiederum unbefangen auf das Leben hinsehen, sehen wir auch das Schicksal sich so abspielen, daß wir uns sagen müssen: es fließt so das Schicksal fort, daß wir es selber gesucht haben.
[ 11 ] Man sei nur ganz unbefangen sich selbst gegenüber. Man schaue sich in irgendeinem Zeitpunkte des Lebens, den man in dieser Inkarnation erreicht hat, das frühere Leben an. Sagen wit, es ist einer fünfzig Jahre alt geworden und er schaut mit unbefangenem Blicke diese fünfzig Jahre zurück bis in die Kindheit; dann sieht man, wie man eigentlich durch einen inneren Drang zu allem selber hingegangen ist, was einen trifft. Es ist unangenehm, es zu beobachten; aber man verfolge die Dinge rückwärts, und man sieht, wie man sich sagen muß bei dem, was ausschlaggebend ist im Leben: Man hat sich wie zu einem Punkte, auf den man im Raum losgeht, so in der Zeit zu diesen Ereignissen des Lebens hinbewegt. — Es fließt schon das Schicksalsmäßige aus uns selber. Deshalb ist es durchaus begreiflich, wenn solche Menschen, die nun auch etwas väterlich geworden sind, wie Goethes Freund Knebel, sich sagen: Betrachtet man dieses Menschenleben, so kommt es einem ganz planvoll vor. Gewiß, dieser Plan ist nicht immer so, daß, wenn man auf ihn zurückblickt, man sich auch immer sagt: Wenn ich so zurückschaue, da würde ich es wieder so tun. — Aber dennoch, wenn man auf die Einzelheiten, die man getan hat, hinsieht, sieht man immer: Man hat zum Vorhergehenden das Folgende zugesetzt aus inneren Trieben heraus, und so ist es geschehen, daß dieses oder jenes Ereignis in unser Leben hineinfiel, — Man kommt auf diese Weise dazu, einzusehen, daß eine ganz andere Gesetzmäßigkeit durch unser moralisches Seelenleben sich ausdrückt als im Naturleben. Durch alles das kann man sich dann die Stimmung schaffen, in der man gegenübertreten muß dem Geistesforscher, der nun aus der Anschauung der geistigen Welt die Gestaltung des Schicksals ebenso zu schildern weiß, wie der Naturforscher aus den Naturvorgängen die Naturgesetze. Und eben dieses Erfassen der geistigen Gesetzlichkeit im Weltenall, das ist die Aufgabe der Anthroposophie in der Gegenwatt.
[ 12 ] Davon zunächst einleitend ein paar Worte, Sie erinnern sich, ich habe zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» angeführt und auch in anderen Zusammenhängen dargestellt, wie dasjenige, was uns als Mond draußen vom Himmel herunterscheint, einmal mit der Erde verbunden war, wie der physische Mondenkörper sich von der Erde losgelöst hat, in einem ganz bestimmten Zeitpunkt sich getrennt hat von der Erde. Der Mond wird sich in einer zukünftigen Zeit wieder mit der Erde vereinigen. Aber nicht nur der physische Mond hat sich von der Erde getrennt, sondern auch gewisse Bewohner, die auf der Erde waren, als der physische Mond noch mit der Erde verbunden war, haben sich von der Erde getrennt. Wenn wir dasjenige, was als geistige Güter innerhalb der menschlichen Entwickelung lebt, nehmen, so kommen wir auch nur durch eine solche Betrachtung immer mehr darauf, daß zwar die gegenwärtige Menschheit ungeheuer gescheit ist — fast alle Menschen sind heute ungeheuer gescheit —, abet nicht weise. Weisheitsgüter — wenn auch nicht in verstandesmäßiger Form, sondern mehr in poetisch-bildhafter Form — waren einmal am Beginne der Menschheitsentwickelung da, hinausverstreut unter die Menschheit unserer Erde von großen Lehrern, von Urlehrern, die unter den Menschen waren. Diese Urlehrer der Menschheit waren nicht in einem physischen Menschenleibe wohnend, sie verkörperten sich nur in einem Ätherleibe, und der Verkehr mit ihnen war etwas anders, als erzwischen physischen Menschen ist. Diese Lehrer wanderten in einem Ätherleibe auf der Erde herum. Der Mensch, dem sie Führer wurden, der fühlte ihre Nähe in seiner Seele. Er fühlte in seine Seele etwas hineinkommen, was wie eine Inspiration war, wie ein innerliches Aufleuchten von Wahrheiten, auch von Anschauungen. Auf eine geistige Weise lehrten sie. Aber es war in der damaligen Zeit der Erdenentwickelung so, daß man unterschied Menschen, die man sehen kann, und Menschen, die man nicht sehen kann. Man machte nicht Anspruch darauf, Menschen, die man nicht sehen kann, sehen zu wollen, denn man hatte die Gabe, von ihnen die Lehren zu empfangen, auch wenn man sie nicht sah. Man hörte diese Lehren aus dem Innern der Seele heraus kommen und man sagte sich: Wenn diese Lehren kommen, dann hat sich mir genaht ein großer Urlehrer der Menschheit. — Und man hatte auch nicht etwa äußerlich Anschauungen von diesen Urlehrern; man begegnete ihnen im geistigen Schauen. Man schüttelte ihnen nicht physisch die Hand, aber begegnete sich doch und fühlte so etwas wie einen geistigen Händedruck.
[ 13 ] Diese Urlehrer haben der Menschheit die ursprünglichen großen Weistümer gegeben, die nur im Nachklang erhalten sind selbst in solchen Schöpfungen, wie es die Veden sind und die Vedantaphilosophie. Selbst diese großen Lehren des Orients sind doch nur Nachklänge. Da war einmal eine Urweisheit über die Menschheit der Erde ausgebreitet, die dann zugrunde gegangen ist, damit die Menschen aus sich selber heraus in freiem Wollen sich wieder hinaufarbeiten können zum Geist. Freiheit des Menschenwesens wäre nicht möglich gewesen, wenn die Urlehrer dageblieben wären. Diese waren daher eine verhältnismäßig kurze Zeit, nachdem der Mond sich getrennt hatte von der Erde, dem Monde gefolgt und haben ihren Wohnplatz in dieser Weltenkolonie des Mondes aufgeschlagen. Sie sind wichtigste Bewohner dieser Mondenkolonie seit jener Zeit geworden, seit der sie sich von der Erde getrennt und die Menschen sich selber überlassen haben. Aber wenn wir auch seit jener Zeit diesen großen Urlehrern nicht mehr hier auf der Erde begegnen, begegnen wir ihnen doch als Menschen, die von Erdenleben zu Erdenleben gehen, in unserem Leben nach dem Tode, und zwar sehr bald, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind. Auch das ist geschildert worden, daß der Mensch, wenn er durch die Pforte des Todes geht, erlebt, wie sich, nachdem er den physischen Leib verlassen hat,'der Ätherleib immer mehr weitet, immer größer und größer, aber auch dünner wird, und zuletzt im Weltenall verschwindet. Dann aber, dann fühlen wir unser Dasein nicht auf der Erde, sondern wir fühlen diese wenigen Tage nach dem Tode, nachdem wir den Ätherleib abgelegt haben, unser Dasein im unmittelbaren Umkreis der Erde. Ein paar Tage nach dem Tode fühlen wir uns nicht auf dem Erdenkörper lebend, sondern wir fühlen so, wie wenn dieser Erdenkörper erweitert wäre bis dahin, wo der Mond um die Erde herumkreist. Wir fühlen uns auf einer vergrößerten Erde, und wir fühlen gar nicht den Mond als nur einen Körper, sondern wir fühlen die ganze Sphäre als eins, die Mondenbahn nur als das Ende der Sphäre; die Erde einfach vergrößert wie bis zur Mondensphäre hin und geistig geworden. Wir sind in der Mondensphäre, und in dieser Mondensphäre verbleiben wir nun eine längere Zeit nach dem Tode. Da aber kommen wir zunächst wiederum zusammen mit denjenigen geistigen Wesenheiten, die im Ausgangspunkt des Erdendaseins des Menschen die großen Urlehrer waren. Die ersten Wesenheiten, denen wir nach unserem Tode im Kosmos sozusagen begegnen, sind diese ersten Urlehrer der Menschen; in deren Bereich kommen wir wieder. Und es ist nun eine merkwürdige Erfahrung, die wir machen.
[ 14 ] Man könnte sich leicht vorstellen, das Dasein nach dem Tode, das eben eine Zeitlang dauert — von der Zeit werde ich noch zu sprechen haben —, habe etwas Schattenhaftes gegenüber dem Erdenleben. Das Erdenleben kommt uns ja so robust vor, wir können überall die Dinge anpacken, sie sind dicht; der Mensch ist dicht, kompakt. Wir bezeichnen etwas als wirklich dann, wenn wir es recht angreifen können. Dieses robuste Erdenleben erscheint uns, wenn wir durch die Todespforte gegangen sind, eigentlich wie ein Traum. Denn wir treten, indem wir auf die geschilderte Weise in den Mondenbereich eintreten, in ein Dasein, das uns nunmehr viel realer, viel mehr von Wirklichkeit durchsättigt erscheint, und das aus dem Grunde, weil diese Urlehrer der Menschheit, die ihr Dasein in der Mondenregion fortsetzen, uns mit ihrem eigenen Sein durchdringen und uns alles viel realer erscheinen lassen, als wie wir hier als Erdenmenschen die Dinge der Welt erleben. Und was erleben wir?
[ 15 ] Nun, sehen Sie, das Erdenleben erleben wir ja eigentlich nur fragmentarisch. Wenn wir so zurückblicken mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, dann kommt es uns wie ein einheitlicher Strom vor. Wie haben wir aber gelebt? Wir haben gelebt schattenhaft, einen Tag, dann folgt eine Nacht. Aber daran erinnert sich das gewöhnliche Bewußtsein nicht. Dann kommt wieder ein Tag, dann wieder eine Nacht, und so geht es fort, und wir setzen in der Erinnerung die Tage nur zusammen. Wir müssen in einer wahren Rückerinnerung immer die Tage unterbrechen mit dem, was wir in der Nacht erlebt haben, immer die Tage unterbrechen durch die Nächte. Das tut das gewöhnliche Bewußtsein mit einem gewissen Recht nicht, weil es herabgedämpft ist im Schlafe. Wenn wir unter diesen Mondenwesen sind, die einmal die Urlehrer der Menschheit waren, dann erleben wir gerade dasjenige, was wir in den Nächten durchgemacht haben hier auf der Erde. Daraus ergibt sich auch, wie lange diese Form des Daseins in der Mondenregion dauert. Wenn einer nicht eine Schlafratte ist, so verschläft er etwa ein Drittel seines Erdenlebens. Aber genau ebensolange dauert das Leben in der Mondenregion: ungefähr ein Drittel des Erdenlebens. Ist einer zwanzig Jahre alt geworden, so dauert es etwa sieben, ist einer sechzig Jahre alt geworden, so dauert es zwanzig Jahre, und so weiter. Da lebt man nun unter diesen Wesenheiten, da durchdringen sie einen mit ihrem Dasein.
[ 16 ] Um aber zu verstehen, was man da ist, muß man gleich eindringen in dasjenige, was man nun wird, wenn man den physischen Leib verläßt. Davon weiß der Initiierte zu sagen und der Tote zu sagen, denn der Tote verläßt den physischen Leib durch die Region des Raumes. In dem Augenblicke, wo man den physischen Leib verlassen hat, geht man gerade in demjenigen auf, was außerhalb des physischen Leibes ist. Wenn ich hier stehe und ich meinen Leib verlasse, so ist das erste, in dem ich drin bin, der Tisch, und dann alles, was mich umgibt. Ich bin immer in demjenigen drinnen, was die Welt erfüllt, und immer weiter in dem drinnen, nur just nicht innerhalb meiner Haut. Dasjenige, was bisher meine physische Innenwelt war, das wird meine Außenwelt, und alles, was früher die Außenwelt war, wird meine Innenwelt. So wird auch das Moralische meine Außenwelt. Stellen wir uns vor, ich habe, als ein böser Kerl, einem anderen eine Ohrfeige gegeben, und ich lebe jetzt zurück nach dem Tode ins vierzigste Jahr: da habe ich ihn verletzt. Es war für ihn ein furchtbarer moralischer Eindruck. Ich lachte vielleicht in meinem Leben darüber. Jetzt erlebe ich nicht das, was ich damals erlebt habe, sondern was er erlebte an physischem Schmerz, an moralischen Leiden. Ich bin ganz in ihm. Das war ich in Wirklichkeit schon während jeder Nacht, nur bleibt das im Unterbewußten, da erfährt man es nicht, es bleibt Bild. Jetzt werden wir durchdrungen mit der Substanz der großen Urlehrer, die in dem Monde leben. Da machen wir es durch in einer intensiveren Weise als hier auf der Erde. Es wird, was hier auf der Erde wie ein Traum ist, eine viel stärkere Realität; sie machen wir durch. Diese intensive Realität erlebt auch noch derjenige, welcher aus dem hellseherischen Bewußtsein heraus mit einem Toten nach dem Tode weiter fortlebt, mit ihm dadurch, daß er sich zur Inspiration aufschwingen kann, übersinnlich schauend leben kann. Da erlebt man dann, wie die Menschen nach dem Tode eine intensivere Realität durchmachen als vor dem Tode. Das zu erleben, was ein Mensch nach dem Tode durchmacht, das wirkt viel stärker, wenn man es wirklich erlebt, als irgendwelche irdischen Einflüsse wirken können. Dafür ein Beispiel.
[ 17 ] Einige werden doch wohl meine Mysterien kennen und in diesen Mysterien die Gestalt des Strader. Die Gestalt des Strader ist dem Leben nachgezeichnet. Es hat eine solche Persönlichkeit annähernd gegeben, sie hat mich außerordentlich interessiert. Ich habe das Leben dieser Persönlichkeit äußerlich verfolgt, die in der Gestalt des Strader — natürlich poetisch verändert — gegeben ist. Nun wissen Sie ja, daß ich vier Mysteriendramen geschrieben habe. Im vierten stirbt Strader. Dieses vierte Mysteriendrama, das 1913 geschrieben ist, das erlebte ich so, daß ich gar nicht anders konnte, als Strader sterben zu lassen. Warum? Nun, mein Blick war, solange das Vorbild von Strader in der physischen Welt hier lebte, auch auf dieses Vorbild des Strader gerichtet. Aber nun war mittlerweile dieses entsprechende Vorbild gestorben. Es hat mich so interessiert, daß ich es weiter verfolgte. Da waren die Eindrücke von dem Leben nach dem Tode so stark, daß sie mir völlig das Interesse auslöschten, wie er war während des Erdenlebens. Nicht so, als ob die Teilnahme nicht geblieben wäre, aber es war diese Teilnahme nicht hinreichend gegenüber den gewaltigen Eindrücken von dem, was er erlebte nach seinem physischen Erdentode, wenn man das verfolgte. Ich mußte den Strader sterben lassen, weil sein Vorbild mir vor Augen war, wie es nach dem Tode weiterlebte, und das war viel stärker als das frühere Leben.
[ 18 ] Sehen Sie, das hat sich auch praktisch ausgelebt. Freunde haben sich gefunden, die erraten haben, wer das Vorbild des Strader ist, und haben mit einer gewissen edlen Hingabe sich bemüht, nachzuforschen dem Nachlasse dieses Vorbildes des Strader. Sie brachten mir das mit einer ungeheuren Freude. Ich mußte sozusagen unwillkürlich etwas unartig werden, denn mich interessierte das gar nicht, weil in dem Augenblicke, wo gegenüber diesen Überresten des Irdischen die Eindrücke vom Leben nach dem Tode auftraten, diese alles dasjenige auslöschten, was die Freunde noch aus dem irdischen Leben mir brachten. Und das ist es nun, daß diese Eindrücke, die bewirkt werden dadurch, daß in den Menschen die Substanz der Mondenwesen einzieht, daß diese Eindrücke eben alles, was man im Erdenleben erfahren kann, übertönen, das Dasein realer machen. Man erlebt also in einer stärkeren Realität die ausgleichende gerechte Tat. Was es bedeutet für den anderen, daß man ihm dieses oder jenes zugefügt hat, das erlebt man stärker als dasjenige, was man selbst getan hat.
[ 19 ] Aus diesem Erleben nach dem Tode, das wir in der Sphäre der groBen Urlehrer der Menschheit durchmachen, bildet sich der erste Keim des Karma. Da fassen wir die Absicht: Das, was wir getan haben, muß durch uns selber ausgeglichen werden. Da tritt zuerst das auf, daß Absichten Wirkungen haben im Leben. Hier in der irdischen Welt braucht sich das Gute nicht im Guten, das Böse nicht im Bösen zu verwirklichen. In dem Augenblicke, wo wir die außerirdische Welt betreten, muß so etwas, wie wir es als Entschluß fassen innerhalb einer viel realeren Welt als die irdische, was da lebt in uns als Impuls: Du mußt dasjenige, was da als die Gegenseite dessen erscheint, was du getan hast, ausgleichen —, in dem Augenblicke muß, was wir so in uns erfassen als Absicht, eine reale Ursache werden für den Ausgleich im späteren Leben.
[ 20 ] Schildern möchte ich Ihnen, wie sich nach und nach das Karma bildet, was der Mensch, wenn er wieder erscheint, nachdem er durchgemacht hat die Zeit zwischen dem Tod und der neuen Geburt, zu einem neuen Leben gestaltet. Die erste Zeit, die wir durchmachen nach dem Tode, wird eben in dieser Weise durchgemacht, daß wir die Absicht, unser Karma auszuführen, durch das Zusammenleben mit den Mondenwesen in uns fassen. So möchte ich Ihnen konkret die Etappen schildern, in denen der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein Karma ausgleicht.
