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Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band V
GA 239

14 Juni 1924, Wrocław

Fünfzehnter Vortrag

[ 1 ] Sie haben schon aus mancherlei Betrachtungen, die im Zusammenhange mit der Schicksalsbildung des Menschen, der Karmabildung stehen, ersehen können, daß eigentlich dieses Menschenleben unvollständig betrachtet wird, wenn man nicht das Schlafleben einbezieht in die Selbstbeobachtung. Aber das Schlafleben bleibt ja eigentlich aus dem Bewußtsein draußen. Wenn sich der Mensch gewöhnlich in seinem nun einmal ihm im heutigen Zeitenleben eigenen Bewußtsein auf sich selbst besinnt, so sieht er zurück und sieht eigentlich nur die Tage; er läßt, da sie unbewußt verlaufen, die Nächte weg. Es bleibt also bei normalen Schläfern, da wir heute keine Siebenschläfer sind, ein Drittel des Lebens weg. Für die Betrachtung aber des Übersinnlichen, des Anteils des Menschen an der geistigen Welt, ist gerade dieses Drittel von einer ungeheuren Bedeutung. Wir wollen einmal durch die paar Striche, die man da machen kann, schematisch hinstellen, was eigentlich gemeint ist (es wird gezeichnet). Wenn jemand ein bestimmtes Alter erreicht hat, so schaut er zurück zunächst auf den ersten Tag, an den er sich erinnert, stückelt dann an das, was dazwischen liegt, den zweitletzten Tag an, den drittletzten Tag und so weiter, so weit, als er sich eben erinnert. Da bleiben die Nächte dazwischen, die läßt der Mensch unberücksichtigt. Er erinnert sich nicht so, daß er sich sagt: Da sind ja immer Zwischenzeiten. — Das müßte er eigentlich tun. Im heutigen Leben kommt auch der Mensch nicht zu einer so genauen Rückschau. Er beachtet das Leben viel zu wenig, um zu einer so genauen Rückschau zu kommen. Aber wenn er dazu kommen würde, so würde er gerade durch das, was er da in der Rückschau nicht sieht, was ihm fehlt für sein Leben, eine Anleitung, eine Hinweisung haben auf das Karma. Und gerade die Schlafbeobachtung, die gibt bedeutsame Hinweise auf das einzelne, individuelle Karma. Man muß nur einmal wirklich sich darauf einlassen, zu beachten, wie verschieden die zwei Momente sind im menschlichen Leben: der des Aufwachens, der des Einschlafens. Diese Verschiedenheit kann man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein gefühlsmäßig bemerken, aber die Initiationswissenschaft kann erst ein Licht verbreiten über dasjenige, was da gefühlsmäßig verschieden auftritt. Besonders verschieden erweist sich ja der Moment des Aufwachens und der Moment des Einschlafens bei etwas kranken oder kränklichen Menschen. Die haben bemerkt, leichter als die Gesunden, daß der Moment des Einschlafens etwas hat von einem leisen Lustgefühl, oftmals wenigstens. Der Moment des Aufwachens, wenn der Mensch sich in sich selbst zurück fühlt, hat etwas von einem leisen Unbehagensgefühl. Der Moment des Aufwachens ist eigentlich nur dann von Freude begleitet, wenn der Mensch gleich auf die äußere Welt aufmerksam wird und wenn die Außenwelt in seinem Bewußtsein übertönt dasjenige, was in ihm aufsteigt. Der Moment des Aufwachens hat ja etwas Dämmerhaftes für viele Menschen; auch der Moment des Einschlafens. Aber im Moment des Einschlafens hat der Mensch das Gefühl, daß er die Tagesereignisse, die er erlebt hat, so ein wenig mitschleppt, daß sie sich dann nebulos und nebuloser gestalten und er sie sozusagen verläßt; sie werden ihm immer leichter. Der Moment des Aufwachens hat etwas von einem Schweregefühl, von einem Gefühl, daß man sich erhebt wie aus gewissen Tiefen, aus denen man heraufsteigt und aus denen man etwas mitnimmt, was man in den Tag hineinträgt, was man im Tage erst abschleift, wodurch gerade das Rückerfühlen in sich beim Aufwachen etwas Unbehagliches haben kann. Wir haben eine unbehagliche Geschmacksempfindung, was bis in ein unbehagliches Empfinden eines dumpfen Kopfes hineingehen kann. Gewiß, der Mensch unterscheidet gewöhnlich nicht diese feineren Erfahrungen, die er an sich machen kann, aber gerade diese feineren Erfahrungen, die er an sich machen kann, deuten auf vieles im gesamten menschlichen Leben in einer sehr deutlichen Weise hin. Was geht denn mit dem Menschen eigentlich vor? Wir beschreiben ja ganz richtig, von einem gewissen Gesichtspunkte aus sehr genau dasjenige, was mit dem Menschen vorgeht: Im Bette bleibt liegen der physische und der ätherische Leib, heraus gehen in die geistige Welt beim Einschlafen das Ich und der astralische Leib; wiederum hinein gehen in den physischen und ätherischen Leib am Morgen beim Aufwachen das Ich und der astralische Leib. Aber wie vollzieht sich denn das? Gerade um in der Karmabetrachtung weiterzukommen, wollen wir uns heute einmal deutlich vor die Seele stellen, wie sich diese Sache eigentlich vollzieht, die wir mit einem gewissen Rechte zunächst etwas abstrakt beschreiben.

[ 2 ] Sehen Sie, dieses Herausgehen des Ich und des astralischen Leibes aus dem physischen und dem Ätherleibe kann man schematisch in der folgenden Weise hinzeichnen (es wird gezeichnet). Wir nehmen an, das sei der Mensch. Wenn das der physische Leib und der Ätherleib ist, so gehen am Abend beim Einschlafen das Ich und der astralische Leib so heraus, daß sie sich gegen das Haupt zu herausbewegen. Und wir zeichnen ganz schematisch, wie die zwei immer größer und größer werden, aber eine Art Umkreis beschreiben. Und am Morgen, beim Aufwachen, gehen das Ich und der astralische Leib wirklich durch die Gliedmaßen, durch die Finger, durch die Zehen wieder in den physischen Leib hinein. Es ist also die Sache so, daß eigentlich ein Kreis beschrieben wird, und dieses, daß ein Kreis beschrieben wird, das ist wörtlicher zu nehmen, als man denkt. Denn in Wirklichkeit haben wir, wenn wir als normaler Mensch am Morgen aufwachen, nicht gleich vor dem hellsehenden Bewußtsein das Bild, daß nun der ganze astralische Leib und das ganze Ich in dem physischen Leib und in dem Ätherleibe drinnen sind, sondern sie rücken langsam dazu vor vom Morgen bis gegen Mittag und Nachmittag. Langsam rücken in den physischen Leib das Ich und der Astralleib hinein. Sie werden sagen: Ja, dann müßte ja die Sache höchst eigentümlich sein; dann müßten wir nach und nach fühlen, wie unser Ich und astralischer Leib von den Fingerspitzen und Zehenspitzen sich nach und nach dem Kopf zu bewegen. — Für einen außerordentlich genauen hellseherischen Anblick ist es auch so, nur fühlt das innerlich der Mensch so nicht. Denn die Wirkungsweise dieser höheren Wesensglieder ist eben anders als die Wirkungsweise irgendwelcher physischen Dinge. sehen Sie, wenn eine Lokomotive einen Wagen schiebt, so wirkt sie immer so vor sich hin an dem Orte, wo sie gerade ist. Und wenn ein Geleise dreißig Meter lang ist und die Lokomotive schiebt an, so schiebt sie in der ersten Zeit den ersten Meter, dann den zweiten und so weiter, und am fünfzehnten Meter gibt es noch keine Wirkung von der Lokomotive, wenn die Lokomotive noch nicht dort ist. So abet ist es nicht bei geistigen Dingen, sondern die geistigen Dinge wirken auch am anderen Orte, als wo sie sind. So daß in der Tat der wache Tag, der durchwachte Tag dazu benutzt wird, daß wir langsam von den Fingerspitzen und den Zehenspitzen aus unser Ich und unseren astralischen Leib hineinbringen in unseren physischen Leib und in unseren Ätherleib, aber wirken tun sie darinnen schon von Anfang an, vom Aufwachen an, so daß man innerlich das Gefühl hat, man sei von ihnen ganz ausgefüllt. Dem hellseherischen Blicke zeigt sich aber, wie auch da ein richtiger Kreislauf ist durch den Tag hindurch; der andere, der ergänzende Kreislauf findet dann die Nacht hindurch statt. Ein solcher Kreislauf findet aber auch statt — es hängt das nicht sehr stark von der Zeit ab —, wenn Sie ein Nachmittagsschläfchen machen: dann geht das auch im Kreise herum. Dann müßten Sie eigentlich richtig sich vorstellen, daß wiederum das Ich und der astralische Leib herausgehen, und daß sich das so einrichtet nach Ihrem Schlafbedürfnis. Der Schlaf weiß nämlich schon in sich, wann der Schläfer aufwachen wird. Der Schlaf ist ein Prophet, und alles geht ganz richtig in derselben Schnelligkeit, in der er sich abspielt. Sie wissen nichts davon, aber der Schlaf weiß das; der astralische Leib weiß das unter allen Umständen. Selbst dann weiß er es, wenn Sie durch irgendeine Störung kürzer schlafen als Sie wollen; selbst dann, wenn Sie also vor dem Schlafe sagen, nur eine halbe Stunde schlafen zu wollen und Sie liegen dann drei statt einer halben: da weiß der schlafende astralische Leib ganz genau, wie lange Sie schlafen werden. Er ist ein ganz genauer Prophet, weil die inneren geistigen Verhältnisse eben andere sind als die äußeren Verhältnisse, die man erlebt.

[ 3 ] Daraus schon werden Sie merken, daß es etwas anderes ist, wenn man einschläft, und etwas anderes, wenn man aufwacht. Denn man war eben, wenn man aufwacht, in der geistigen Welt drinnen, und wenn man eben einschläft, kommt man aus der physischen Welt und geht in die geistige Welt hinein. Man erkennt da den Strom, den man gewissermaßen in der geistigen Welt durchschwimmt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, aber man erlebt darinnen auch. Nur ist eben das gewöhnliche Bewußtsein nicht geeignet, das zu wissen, was man da erlebt; es wird im Unbewußten erlebt. Man erlebt aber auch da, und man erlebt sogar da auf eine ähnliche Weise, wie man bei Tag erlebt, nur auf eine viel markantere Weise, auf eine viel intensivere Weise. Es ist da nämlich folgendes.

[ 4 ] Wenn Sie bei Tag dieses wache Seelenleben beobachten, dann werden Sie darinnen zunächst haben diejenigen Erlebnisse, welche die Gedankenerlebnisse sind, die durch die verschiedenen Eindrücke des Lebens hervorgerufen werden. Die sind da. Aber da mischt sich immer hinein dasjenige, was an Erinnerungen aus dem schon vergangenen Erdenleben da ist. Versuchen Sie nur einmal zu prüfen, was sich da in allen Lebenslagen zusammenmischt aus den augenblicklichen Erinnerungen und aus dem, was da aufsteigt. Man kann ja insbesondere dadurch ein schönes Bild davon bekommen, wie sich das da durcheinandermischt, wenn man so recht darauf aufmerksam wird, wie doch das Leben in verschiedenen Augenblicken so ein recht gehöriger Brei ist, der sich zusammenmischt aus Erinnerungen und Augenblickseindrücken. Nun, das sind zwei ganz verschiedene Elemente des inneren Lebens; die Gedanken, die aufsteigen, und die Gedanken, die gewissermaßen einsteigen in die Sinne. Zwei solche verschiedenen Ströme des inneren Lebens sind nun auch während des Schlafes vorhanden. Es setzt sich nämlich während des Schlafes dasjenige fort, was hauptsächlich beim Einschlafen da ist, und dem strömt gewissermaßen fortwährend entgegen, so daß es des Morgens beim Aufwachen uns ganz entwischt, weil es gegen den Kopf hinströmt, was wir erleben beim Aufwachen (siehe die Zeichnung auf Seite 238).

[ 5 ] Diese zwei Ströme gehen einander entgegen. Die eine Strömung, deren Qualität man besonders beim Einschlafen erlebt, ist die schon erwähnte, die man bewußt und stark und kräftig durchmacht in den ersten Jahrzehnten nach dem Tode, wo man das Leben noch einmal durchlebt, aber so, daß man alles in der entgegengesetzten Art erfährt. Wie ich es Ihnen drastisch gesagt habe: daß, wenn Sie einem eine Ohrfeige versetzten, Sie nun beim Durchleben nach dem Tode nicht das erfahren, was Sie während des bewußten Erdenlebens gehabt haben an Wut, als Sie die Ohrfeige gegeben haben, an Befriedigung vielleicht dadurch, daß Sie die Wut ausleben konnten, sondern Sie machen dasjenige durch, was der andere erlebt hat bei dieser Ohrfeige, seine physischen Schmerzen und auch seine moralischen Leiden. Das würden Sie so im Bilde, nun nicht in Wirklichkeit erleben, wenn Sie bewußt fortsetzten das Leben, das Sie gerade im Anfluge haben beim Einschlafen, wo es schon dämmrig wird. Wenn man sich voll, hell bewußt da hineinlebte, dann würde man dasjenige durchleben, was das Entgegengesetzte ist des Tageslebens, aber im Bilde. In den ersten Jahrzehnten nach dem Tode erlebt man es in Realität.

[ 6 ] Die Art, wie ich das beschrieben habe, entspricht ungefähr dem Leben, das man bei Tag hat im wachen Zustande, wenn man bloß mit seinen Gedanken dem äußeren Leben hingegeben ist. Man hat aber auch die andere Strömung. Und diese andere, die hat etwas ganz Gigantisches. Man erlebt sie beim Aufwachen, wie ich es auseinandergesetzt habe. Nur hat sie etwas Beschwerliches, das man in den Tag hineinträgt und erst nach und nach überwindet; dann wird man davon frei. Wenn das mit Initiations-Anschauung ganz durchschaut wird, dann steckt in dieser zweiten Strömung das ganze menschliche Karma. Die ganze karmische Vergangenheit, sie zieht mit jedem Schlafe an dem Menschen vorüber. Während der Mensch vorzugsweise in dem, was er erleben kann beim Einschlafen, einen kleinen Vorgeschmack hat von dem werdenden Karma, das sich da ausbildet für die Zukunft, hat er, wenn er aufwacht in diesem Gefühl, das ich beschrieben habe, eine leise, allerdings eine sehr leise Empfindung von dem Karma, das er trägt. Der Moment des Aufwachens ist ein solcher, von dem man sagen muß: er bedeutet eine leise Andeutung alles dessen, was der Mensch in sich trägt von seinen vergangenen Erdenleben. Das wird allerdings aufgefangen durch alles das, durch das der astralische Leib und das Ich hindurchstrahlen, wenn sie sich von den Fingerspitzen und den Zehenspitzen aus in den Menschen hinein verbreiten. Aber es ist doch so, daß ein sehr beschwerliches Karma, ein Karma, an dem man stark trägt, die Eigentümlichkeit hat, daß es einem gewissermaßen in den Kopf hinaufstrahlt alles dasjenige, was ungesunde abgelagerte Stoffe sind, während ein gutes Karma eigentlich die guten abgelagerten Stoffe hinaufstrahlt, Und da ist es, wo Geistiges und Natürliches sich berühren. Das Gute im Karma des Menschen strahlt die gesunden Zustände des Organismus am Morgen in den Kopf hinauf, macht den Kopf frei; es dünstet nicht so viel Krankhaftes in den Kopf hinauf vom guten Karma. Vom bösen Karma, von dem Nachgebliebenen alles dessen, was wir im bösen Sinne vollbracht haben, werden alle möglichen ungesunden Ablagerungen im menschlichen Organismus zu einer Art Hinaufdünsten in den Kopf gebracht. Man spürt dann den Kopf brummig und dumpf von dem, was das böse Karma ist. Man kann schon gerade an den Zuständen, die man da am Morgen hat, bis ins Physische hinein das Walten und Weben des Karma empfinden. Und das Karma bildet sich ja aus in der Wechselwirkung von Schlafen und Wachen. Geradeso wie das werdende Karma, das sich so zusammensetzt aus dem, was wir jeden Tag bis ans Lebensende vollbracht haben, wie dieses ganze bis zum Lebensende ausgearbeitete Karma uns für die Nacht dasselbe bedeutet, wie die augenblicklich gestalteten Gedanken für den Tag, so bedeutet jenes ganz Gigantische, was uns da entgegenströmt, was wir antreffen, wenn wir sozusagen vom Abend bis zum Morgen eingeschlafen sind, die Welterinnerungen an unser vergangenes Karma. Wie wir die persönlichen Erinnerungen beim Wachen haben, so haben wir, wenn sich das Bewußtsein darüber ausdehnt, unsere karmischen Erinnerungen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Da kommen uns entgegen die Erinnerungen an die verschiedenen Erdenleben, die wir durchgemacht haben. Bald nach dem Einschlafen kann entgegenkommen dem, der solches durch die Initiations-Weisheit, Initiations-Einsichten aufzufassen weiß, . das letzte, das vorletzte Erdenleben, und so hinauf bis zu jenen Erdenleben, die unbestimmt werden, weil der Mensch selber noch mit einem unbestimmten, traumhaften, pflanzenhaften Bewußtsein damals im All lebte. So daß der Schlaf wirklich das Fenster ist, durch das der Mensch hineinschaut in sein Karma. Er lebt sich hinein in sein Karma, und er webt weiter durch seine Taten und Gedanken, die den Inhalt seines Lebens im Wachen bilden, er webt weiter gerade während des Schlafes an der Ausgestaltung seines Karma. Das ist das erste Weben am Karma: während des Schlafes. Ein zweites Weben haben wir schon betrachtet; das geschieht in den ersten Jahrzehnten nach dem Tode.

[ 7 ] Wir werden wiederum an ernster Lebensauffassung gewinnen, wenn wir in dieser Weise die Bedeutung des Schlafes vor unserer Seele stehen haben, wenn wir uns sagen, daß wir jede Nacht in den Schlaf versinken aus dem Grunde, weil wir da weben vom Einschlafen bis zum Aufwachen an der Gestaltung unseres Karma, und weil da es ist, wo unser Karma aus den vergangenen Erdenleben den Ansatz findet, um in unser Tagesleben einzugreifen. Von der Nacht aus greift allmählich das Karma in das Tagesleben des Menschen ein, und wir nehmen aus der Nacht herauf etwas ganz Bestimmtes mit in den Tag hinein. Wer sich richtig besinnen kann darauf, wie er ein besonders bedeutungsvolles Ereignis in seinem Leben durchmacht an irgendeinem Tage, und wer eine intimere, feinere Selbstbeobachtung hat, wird dann schon leicht empfinden, wenn er, sagen wir, dieses bedeutsame Ereignis seines Lebens am Nachmittage erlebt, wie er fühlen kann, daß schon vom Morgen an die Unruhe in ihm war, zu diesem Ereignisse hingestoßen zu werden. Die meisten Menschen, die so etwas empfinden können, werden eigentlich das Gefühl haben, daß sie schon vom Morgen an losgelaufen sind auf ein solches Ereignis, das eine Bedeutung hat im Leben. Die ganzen vorhergehenden Tagesstunden färbte gewissermaßen ein solches Ereignis, auch wenn es ein ganz unerwartetes, wenn es ein wirklich schicksalhaftes, unerwartetes Ereignis ist. An Tagen, an denen wir Bedeutungsvolles im Leben durchmachen, wachen wir anders auf als an Tagen, die im gewöhnlichen Trott fortlaufen. Nur beobachtet man das nicht. Die einfachen Menschen, die in bäuerlichen Verhältnissen auf dem Lande früher gelebt haben — jetzt wird das immer seltener —, die wußten von solchen Dingen, und deshalb wollten sie nicht gleich aus dem Schlafe herausgerissen werden, weil, wenn man gleich aus dem Schlafe herausgerissen wird und in das wache Tagesleben ohne einen Übergang hineinkommt, man aus solchen intimen Erlebnissen herausgerissen wird. Deshalb sagt der Bauer, man solle niemals, wenn man aufwacht, gleich ins Fenster schauen, sondern lieber vom Fenster wegschauen, damit man noch das Finstere hat, damit man noch beobachten kann, was da aus dem Schlafe heraufkommt. Der Bauer will nicht gleich ins Fenster schauen, und der Bauer liebt es auch nicht, dutch irgend etwas im Moment Schockierendes zu erwachen; er liebt es, so etwa mit dem Gang der Natur zu erwachen, mit der Kirchenglocke, die jeden Tag um dieselbe Zeit ihn aufweckt, so daß er sich schon während des ganzen Schlafes vorbereiten kann darauf. Dann dämmert ihm, die Kirchenglocke tönt langsam ins Leben hinein, und dann hat er am Morgen seine Ahnungen vom Schicksal; von den Schicksalsereignissen, nicht von den freien Willensereignissen. Das hat er gern, und er wird es hassen, auch wenn der Kulturmensch es so liebt, sich vom Wecker aufwecken zu lassen, denn der treibt einen gründlich, mit Todsicherheit aus allem Geistigen heraus, viel stärker natürlich als das Fenster, das man gerade beim Aufwachen beguckt. Aber unsere moderne Kulturentwickelung hat es ja eben durchaus in den Lebensverhältnissen mit dem Materialismus gehalten und hält es weiter. Es gibt vieles im modernen Leben, was durchaus den Menschen es unmöglich macht, das Geistige, das in der Welt webt und lebt, eigentlich zu beobachten. Je mehr der Mensch jenes Unbestimmte, man möchte sagen halb Mystische, das vom Schlaf aus in sein Leben hineinstrahlen kann, beobachtet, desto mehr kommt er zum Aufmerken auf sein Karma.

[ 8 ] Und jetzt werden Sie verstehen, warum ich sagen konnte: Von Menschen, denen man im Leben entgegentritt, und wo gleich Sympathie und Antipathie aufsteigt aus dem Innern, ganz unabhängig, was sie für äußere Eindrücke im einzelnen machen, träumt man leicht. Was tut man denn da? Das sind solche Menschen, mit denen man schon in früheren Erdenleben zusammen war. Man hat also, sagen wir, am 14. Juni 1924 nachmittags dieses Erlebnis gehabt: man hat einen Menschen, der einem antipathisch sein kann, getroffen. Jetzt trägt man dieses Erlebnis, das in uns Gefühle hat aufsteigen lassen, in den Schlaf hinein. Aber da drinnen ist das Karma; da drinnen steht er, wie er im zweitletzten und im letzten Erdenleben war, da begegnet man ihm in der Gestalt des früheren Erdenlebens. Man trifft auf alles das, was man da durchgemacht hat mit dem Menschen, der da aufgetaucht ist, und der einen am Tage nur an etwas erinnert hat. Geistig leibhaftig begegnet man ihm. Kein Wunder, daß man zunächst von ihm träumt; mit dem gewöhnlichen Bewußtsein kann man nichts anderes tun. Trifft man aber einen Menschen zum ersten Mal im Leben, da mögen einem die Nase, die Augen schön oder häßlich sein, einen noch so stark interessieren: schläft man jetzt ein, man trifft ihn nirgends, denn man war in früheren Erdenleben nicht mit ihm zusammen. Kein Wunder, daß man nicht von ihm träumen kann! Sie sehen, wie dergleichen durchsichtig wird, wenn man geistig sachgemäß beobachtet.

[ 9 ] Nun, das, was sich da abspielt zwischen Schlafen und Wachen in der Karmabildung, das kann normal verlaufen, richtig normal verlaufen; dann wird der Mensch erleben, wie sich sein Schicksal gestaltet als Erfüllung desjenigen, was er in früheren Erdenleben sich angehängt hat. Oder aber er wird erleben, welchen späteren karmischen Wert jene Dinge haben, die er denkt oder tut in diesem Erdenleben. Es wird sich in der Regel in dem, was der Mensch denkt oder handelt, ausleben. Aber es kann noch etwas anderes auftreten.

[ 10 ] Sehen Sie, man kann irgend etwas in einem Erdenleben vollbracht haben, das ein schwerwiegendes Tun oder Denken ist. Also nehmen wir an, irgendein Mensch, der heute auf der Erde lebt, hätte in einem früheren Erdenleben irgend etwas Schwerwiegendes vollbracht. Dasjenige, was sich als karmisches Ergebnis herausstellt, lebt nicht im physischen Leibe, den man von den Eltern bekommen, auch nicht im Ätherleibe, den man von den Eltern bekommen, sondern es lebt im astralischen Leibe und im Ich; es lebt in dem, was in der Nacht drauBen ist außer dem physischen und ätherischen Leib. Aber nehmen wir an, es habe dasjenige, was da karmisch auf dem Menschen lastet, etwas so Starkes, daß es nicht warten kann bis zu jenem Lebensalter, wo der astralische Leib schwach sein darf, weil im hohen Alter Muskeln und Knochen schon brüchig geworden sind. Nehmen wir an, nicht wahr, die normale Lebenszeit eines Menschen ist siebzig Jahre, — das Patriarchenalter. In diesen siebzig Jahren, die der Mensch auf der Erde leben kann normalerweise, macht ja auch der Astralleib und macht das Ich eine Entwickelung durch. Beim Kinde ist der astralische Leib so, daß er stark wirken, kräftig wirken kann auf den ganzen physischen und ätherischen Organismus; er kann beim Kinde gewissermaßen einhämmern auf Muskeln und Knochen. Das kann er im Alter nicht mehr; da wird der Astralleib auch verhältnismäßig schwach. Das Ich wird stärker, aber es zieht sich in den schwächeren Astralleib zurück und wirkt so auch schwächer; doch liegt dies namentlich am Astralleib, der im Alter nicht mehr richtig geeignet ist, einzuhämmern auf Muskeln und Knochen. Nun denken Sie, es lebte also jemand gegenwärtig, sagen wir, im zwanzigsten Jahrhundert, und er habe früher gelebt im vierzehnten, im elften Jahrhundert. Da aber, als er im elften Jahrhundert gelebt hat, da habe er eine recht schwerwiegende Tat vollbracht, eine Tat, die stark, stark Eindrücke machte auf den astralischen Leib; jetzt steckt das als Ergebnis im astralischen Leib drinnen. Wenn der Mensch im zwanzigsten Jahrhundert wiederkommt, will es sich ausleben, will von diesem astralischen Leib aus die Anregung geben, sich auszuleben. Ja, wenn dasjenige, was von dem Erleben im elften Jahrhundert kommt, so schwerwiegend ist, daß es sich nicht begnügen kann mit einem schwachen, alt gewordenen astralischen Leibe, der kaum noch die Beine vorwärts bewegen kann zu großen Taten, dann muß es einen astralischen Leib benutzen im früheren Lebensalter. Und wenn das Ereignis so wichtig war, daß es alle anderen Lebensereignisse überstrahlt, so muß es viel zusammendrängen in dem jugendlichen Alter des astralischen Leibes. Was heißt das? Das heißt nichts anderes, als: der Mensch wird eine kurze Lebensdauer haben in der Inkarnation, die im zwanzigsten Jahrhundert eintritt. Hier sehen Sie, wie die Lebensdauer bestimmt wird durch die Art und Weise, wie im astralischen Leibe verankert sind die Ergebnisse früherer Erdengedanken, Erdentaten. Die sind im astralischen Leibe verankert.

[ 11 ] Nun gehen wir weiter. Sehen Sie sich einmal einen solchen Astralleib an, der geradezu aufgebauscht wird durch wichtige Lebenstaten in irgendeinem früheren Erdenleben, namentlich durch böse Lebenstaten; die bauschen den Astralleib auf, so daß dieser astralische Leib stark auf den physischen Leib und auf den Ätherleib einschlägt. Dieses Einschlagen ist nicht gesund. Nur ein gewisses normales Verhalten des astralischen Leibes zu dem physischen und dem Ätherleibe ist gesund. Das starke Einschlagen, das zum Beispiel durch ein böses Karma bewirkt werden kann, das zerhämmert die Organe, das zermürbt die Organe, das bewirkt Krankheiten in den Organen. Jetzt haben wir das zweite. Solch ein entsprechendes Tun oder Denken im elften Jahrhundert kann den Astralleib aufbauschen, dadurch über den Menschen den Tod im frühen Lebensalter verhängen. Aber durch dieses Zusammenbauschen wird der Mensch außerdem noch krank; der Mensch ist krank vielleicht an schwerer Krankheit, er stirbt infolge dieser Krankheit. Das ist physisch gesprochen. Denn wenn wir sehen, was da vorgeht im physischen Leibe des Menschen, dann sagen wir: Der Mensch ist krank, und die Krankheit läuft in den Tod aus, der Mensch stirbt; er wird mit fünfundzwanzig Jahren krank und stirbt mit dreißig Jahren infolge der Krankheit.

[ 12 ] Ist das auch geistig gesprochen? Ist das auch im Sinne der Initiations-Wissenschaft gesprochen? Nein. Da muß ja das Gegenteil gesagt werden. Da wird gerade das schwerwiegende Erlebnis, das der Mensch tut oder denkt, der Tod für das nächste Erdenleben; die Tat im elften Jahrhundert wird der Tod für das zwanzigste. Und der Tod schiebt sich die Krankheit voraus. Man wird krank, auf daß man im richtigen Momente sterben könne. Die Folge des späteren Todes, der karmisch eintreten muß, ist, wie Sie jetzt sehen, die vorausgeschobene Krankheit. Das ist geistig gesprochen. Es kehrt sich eben, wenn man von der physischen Welt in die geistige aufsteigt, eigentlich alles um, es nimmt den umgekehrten Verlauf, und wir sehen, wie auf diesem Wege in den Menschen karmisch die Krankheit hereingebracht wird. Das ist die karmische Seite der Krankheit. Diese karmische Seite der Krankheit, sie kann schon außerordentlich wichtig sein auch für das Diagnostizieren. Man braucht ja nicht gleich sich mit dem Patienten darüber zu unterhalten, aber wichtig kann es doch sein. Wenn Sie bedenken, daß, was im Karma liegt, geradezu lokal bestimmt ist, dann werden Sie schon darauf kommen müssen.

[ 13 ] Sehen Sie, wenn in einer unmittelbar vorhergehenden Inkarnation, sagen wir, im elften Jahrhundert, einem Menschen oder einer Sache gegenüber das bedeutsame Ereignis im Tun und Denken da war, so trifft man ja beim Hinausgehen in den Schlaf dasjenige, was im elften Jahrhundert da war, früher an als das, was man antrifft aus einer noch früheren Inkarnation, sagen wir zum Beispiel aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert. Man trifft so nach und nach dasjenige, was man da in vorigen Erdenleben durchgemacht hat. Aber sehen Sie (es wird auf die Zeichnung hingewiesen), wenn man hier eintritt, so ist, was man zuerst da trifft, dasjenige, was den Weg von hier bis hierher gemacht hat; das, was früher da war, hat nur den Weg von hier bis hierher gemacht. Das Karma kommt einem ganz entgegen; das deutet aber darauf hin, daß dasjenige, was hier oben ist, von dem da unten kommt, das, was hier unten ist, vielleicht vom Herzen kommt; das aber, was ganz unten ist im Organismus, was in der vorhergehenden Inkarnation durchgemacht ist, vom Kopfe kommt. Man kann also aus dem Karma, wenn man durchschaut, wie weit zurück die maßgebenden Ereignisse liegen, bei auftretenden Krankheiten sagen: Was krankhaft an den Beinen auftritt, das ist aus verhältnismäßig kurz zurückliegenden Erdenleben, was krankhaft im Kopfe auftritt, aus verhältnismäßig weit zurückliegenden Erdenleben. So daß man also da schon den Übergang vom Geistigen ins Physische auch nach dem Karma beurteilen kann.

[ 14 ] Nun, wesentlich ist aber das, was daraus folgt für das Therapeutische. Wo wird man denn die Heilmittel für dasjenige suchen müssen, was im Kopfe krank ist, und wo wird man die Heilmittel suchen müssen für dasjenige, was in den Beinen krank ist? Für das, was im Kopfe krank ist, muß man die Heilmittel suchen in dem, was möglichst weit zurück in der Naturentwickelung schon da war, — bei dem also, was erinnert an frühere Naturprozesse, sagen wir zum Beispiel bei den Pilzen, die in ihrer jetzigen unvollkommenen pflanzlichen Gestalt gewissermaßen wiederholen dasjenige, was frühere Pflanzenbildung war, oder bei den Algen und Flechten, oder an den vollkommenen Pflanzen bei den Wurzeln, die dasjenige sind, was in frühester Periode zurückbleibt. Das, was im Unterleibe, im Unterleib mehr nach der Peripherie zu gelegen, krank ist, wird man heilen müssen mit dem, was später in der Naturentwickelung aufgetreten ist: mit den Blüten, mit den Blütenpflanzen, oder auch aus dem mineralischen Reich mit dem, was später aufgetreten ist. Alles das, was am Menschen spät aufgetreten ist, muß man auch mit spät in der Natur Aufgetretenem heilen. Das geht bis in die Einzelheiten hinein. Natürlich sind auch im Kopfe Organe, die verhältnismäßig spät aufgetreten sind. Der Mensch lebte in der Erdenentwickelung, als die Erde noch Mond- und Sonnenentwickelung war, ohne die heutigen Augen, überhaupt ohne die Sinnesorgane, obzwar die Sinnesorgane in ihrer ersten Anlage schon während der alten Saturnentwickelung vorhanden waren. So wie sie jetzt sind, daß sie die Außenwelt innen widerspiegeln, haben sie sich verhältnismäßig spät entwickelt, gleichzeitig mit dem Auftreten zum Beispiel des Kieseligen auf der Erde in seiner jetzigen Form. Kiesel ist in der Naturentwickelung, so wie es heute ist, natürlich in der Anlage weit zurückgehend, in der Natur ein Spätprodukt; die Geologie wirft da alles durcheinander und weiß nicht, wie sich die Dinge verhalten. Daher wirkt Kieselsäure, wenn man sie richtig als Heilmittel anwendet, auf alles das, was Sinnes- und Nervensystem, namentlich Sinne ist, durch den ganzen menschlichen Organismus durch. Die Sinne sind in ihrer heutigen Form ganz zuletzt gebildet in einer Zeit, als auch die Gesteine, in denen Kieselsäure ist, sich in ihrer heutigen Form gebildet haben. Wir waren einfach unserem Karma nach in unserer ersten Inkarnation, die überhaupt noch Inkarnation genannt werden kann, wo wir noch mit unserem ganzen Leibe mehr aufgegangen sind in der Natur, mit anderen Formen des Pflanzen- und Tierlebens zusammen, die heute Nachfolger haben. So schauen sie nicht aus, die Pilze und die Pflanzenwurzeln, wie sie damals ausgeschaut haben, aber in gewisser Weise ist dasjenige, was heute vorhanden ist in den Pilzen, Flechten, Algen, in den Pflanzenwurzeln, ähnlich dem, was wir damals durchgemacht haben in unserer ersten maßgebenden Inkarnation. Bei all dem, was in den Blüten und Blütenpflanzen und in den gleichwertig ausgebildeten Mineralien heute vorhanden ist... (Lücke in der Nachschrift). Ich führe Ihnen dieses nur an, damit Sie sehen, wie eine richtige Karmabetrachtung auch ganz entsprechend in die Naturentwickelung hineinführt. Und aus der Beziehung der Natur zu dem Menschen kann man schon aus dem Karma heraus erkennen, wie man heilen muß. Alles im Leben muß schließlich so erweitert werden, daß es in die Geisteswissenschaft allmählich einläuft. Denn alles andere ist Tappen und Tasten im Leben, wie ein Hinleben in geistiger Finsternis, und das hat die Menschheit in die gegenwärtige Lage hineingebracht. Will die Menschheit wieder aus ihr herauskommen, so muß sie auch ins Helle sich hineinarbeiten; das heißt, das Physische muß sich erweitern zum Geistigen. Und durch nichts kommt man, ich möchte sagen, so sachgemäß ins Geistige hinein als gerade durch alles das, was man über das Karma sich vorstellen kann.

[ 15 ] Wenn man so sich vorstellt,wie aus dem Schlafe heraus die Karmabildung webt, wie sie wieder hineinwebt durch den Schlaf beim Einschlafen, wie die normale Karmabildung den Menschen zu Taten treibt, seine Taten wiederum aufnimmt in das Karma, und der Mensch dabei das gewöhnliche Karma des Lebens lebt, oder wenn man anschaut,wie das Leben zusammengeschoben werden muß, der Mensch früher sterben muß, daher das Karma den astralischen Leib, den es stark in Anspruch nehmen muß aus früheren Taten, aufbauscht, was zu dem Krankwerden des Menschen beiträgt: überall zeigt sich, wie das Karma wirkt. Oder nehmen wir an, der Mensch hat einen Unfall und wird dadurch krank. Dann wirkt unter Umständen ein solcher Unfall, der karmisch bedingt sein kann, aber nicht sein muß, im weitern karmischen Verlaufe durch die folgenden Erdenleben hindurch. Krankheit kann auch der Anfang von Karma sein. Da wiederum wird man wahrnehmen, daß solche Krankheiten, die der Anfang von Karma sind, das Einschlafen unangenehm machen, namentlich erschweren. Aber wenn Krankheiten der Anfang von Karma sind, dann haben sie ja eigentlich etwas 'Tröstendes. Und das müssen wir uns gegenüber manchen Krankheiten durchaus sagen: Krankheiten, die erfülltes Karma sind, die für das Aufwachen unangenehm sind, die sind dasjenige, was auf vorhergehende, frühere Erlebnisse hinweist; Krankheiten, die werdendes Karma sind und die unangenehm beim Einschlafen sind, die uns nicht einschlafen lassen, die sind der Anfang von gutem Karma. Denn das wird ja ausgeglichen, was man in einer solchen Krankheit erleidet. Man hat jetzt den Schmerz, und nachher hat man sozusagen die Ausgleichung für den Schmerz, das erhebende und freudige Erleben. Da nimmt sich auch wiederum manches im Leben gegenüber der geistigen Betrachtung anders aus als gegenüber der physischen. Für das physische Erleben ist es manchmal recht schmerzlich, nicht einschlafen zu können; eine richtige Betrachtung des Geistigen kann einen darüber dann hinwegtrösten. Und wenn man nicht das momentane physische über das geistige Leben des Menschen stellt, so kann man eigentlich sagen: Gott sei Dank, daß ich so oftmals Schwierigkeiten habe mit dem Einschlafen, denn das beweist mir, daß ich im künftigen Erdenleben viel Erhebendes erleben werde; da will von meinem jetzigen Erdenleben viel hineinkommen in das folgende Erdenleben. — Schlaflosigkeit kann manchmal ein guter Tröster sein, und wäre nicht Schlaflosigkeit aus dem Geistigen heraus karmisch etwas Gutes, dann würde Schlaflosigkeit den Menschen viel mehr schaden. Denn manche Menschen erzählen einem ganze Legenden von ihrer Schlaflosigkeit, so daß man äußerlich-medizinisch das Urteil aussprechen könnte: Wieso lebt dann der Mensch noch? — Zum normalen Leben ist normaler Schlaf notwendig. Nun erzählen einem die Menschen, wie lange sie nicht geschlafen haben. Man muß dann erstaunt sein darüber, daß sie noch leben, denn sie müßten eigentlich tot sein, sie sind es aber nicht. Aber da wirkt jenes frische Geistige, das, vom Ich gehalten, in das Leben hineinwirkt, als ausgleichend. Und wenn man ein wenig das Leben überschaut, dann ist ja auch zuweilen der wirkliche ruhige Schlaf nach hartem Lebenskampf und harter Lebensarbeit zu ertragen; aber zu liegen in vollständiger Ruhe ohne zu schlafen und beim völligen Wachsein gewissermaßen die Nacht ruhig wachend zu verbringen, das ist dasjenige, was dennoch das Entzückendere ist, gerade weil es in den Willen gestellt ist, weil da der Mensch sich gerade in das Ewige mehr und mehr hineinlebt. Nur muß es eben in den Willen gestellt sein. Es darf nicht, wenigstens der Hauptsache nach, von dem bloß Physiologischen abhängen. Aber dennoch, für schweres Einschlafen und Schlaflosigkeit gibt es schon einen karmischen Trost, denn es weist eigentlich hin auf das künftige Karma, weist hin auf die Zukunft in bezug auf gewisse Dinge.