Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band VI
GA 240
18 Juli 1924, Arnheim
Das Karma der Anthroposophischen Gesellschaft und der Inhalt der anthroposophischen Bewegung I
[ 1 ] Gestern konnte ich wegen der verspäteten Ankunft nicht diejenigen Worte zu Ihnen sprechen, die ich gerne gesprochen hätte und die angemessen sein sollen dem, was seit der Weihnachtstagung am Goetheanum in der Anthroposophischen Gesellschaft geworden ist. Ich möchte auch, da ja durch das Mitteilungsblatt im wesentlichen unter unseren Freunden bekanntgeworden ist, was mit jener Weihnachtstagung gemeint war, nur kurz über das Allerwesentlichste sprechen und dann fortfahren in den Betrachtungen, die mehr innerlich mit dem zusammenhängen, was diese Weihnachtstagung für die Anthroposophische Gesellschaft zu bedeuten hat.
[ 2 ] Diese Weihnachtstagung sollte ja eine Erneuerung, man möchte sagen, eine Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft darstellen. Bis zu dieser Weihnachtstagung konnte ich immer unterscheiden zwischen der anthroposophischen Bewegung und der Anthroposophischen Gesellschaft. Die letztere sollte gleichsam die irdische Projektion von etwas darstellen, das in den geistigen Welten in einer gewissen Strömung des geistigen Lebens vorhanden ist. Was hier auf der Erde gelehrt wird, was hier als anthroposophische Weisheit mitgeteilt wird, das sollte eben der Abglanz dessen sein, was in geistigen Welten gemäß der Entwickelungsphase der Menschheit in den gegenwärtigen Zeiten erfließt. Dann war die Anthroposophische Gesellschaft gewissermaßen die Verwalterin desjenigen, was da als anthroposophisches Lehrgut durch die anthroposophische Bewegung floß.
[ 3 ] Das hat sich im Laufe der Zeit nicht als dasjenige herausgestellt, was mit einer echten, wahren Pflege des Anthroposophischen zusammenhängen kann. Deshalb trat die Notwendigkeit ein, daß ich selbst, der ich bis dahin — ohne alle offizielle Verbindung mit der Anthroposophischen Gesellschaft — Lehrer des Anthroposophischen war, daß ich selbst mit dem Dornacher Vorstande zusammen die Führung in der Anthroposophischen Gesellschaft als solcher übernehmen mußte. Damit aber ist anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft eins geworden. Und seit jener Dornacher Weihnachtstagung muß gerade das Entgegengesetzte gelten: Man muß nicht mehr unterscheiden zwischen anthroposophischer Bewegung und Anthroposophischer Gesellschaft, sondern beide sollen eins sein. Und diejenigen, die mir zur Seite stehen als der Vorstand am Goetheanum, sollen angesehen werden als eine Art esoterischer Vorstand. So daß das, was durch diesen Vorstand geschieht, so charakterisiert werden kann, daß es ist: Anthroposophie tun, während früher nur verwaltet werden konnte, was in Anthroposophie gelehrt wurde.
[ 4 ] Das bedeutet aber zugleich, daß die ganze Anthroposophische Gesellschaft nach und nach auf eine andere Basis gestellt werden muß, auf eine Basis, die möglich macht, daß das Esoterische unmittelbar durch die Anthroposophische Gesellschaft ströme, und in dem Entgegenbringen der entsprechenden Gesinnung von seiten derjenigen, die Anthroposophen sein wollen, wird das bestehen müssen, was in der Zukunft das eigentliche Wesen der Anthroposophischen Gesellschaft ausmacht. Daher wird man zu unterscheiden haben zwischen der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, die in der Zukunft eine völlig öffentliche Gesellschaft sein wird, so daß auch die Zyklen, wie damals zu Weihnachten verkündet wurde, für jeden zu haben sein werden — mit jenen entsprechenden Klauseln, die ja eine Art ideell-spiritueller Begrenzung darstellen —, und der innerhalb dieser Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft ja seitdem begründeten Schule, welche nach und nach drei Klassen umfassen wird. Bis jetzt konnte nur die erste Klasse begründet werden. Wer Mitglied dieser Schule werden will, muß dann andere Pflichten übernehmen als diejenigen, die nur die allgemeinen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind. Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft kann werden, wer sich für Anthroposophie interessiert und das Lehrgut entgegennimmt; er geht damit eigentlich keine anderen Verpflichtungen ein als die, welche jeder anständige Mensch von selbst aus moralischen Gründen befolgt.
[ 5 ] Damit wird in gründlicher Weise so manches weggeschafft, was als Schäden gerade in den letzten Jahren innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft aufgetreten ist und was manchem Mitgliede schwere Stunden bereitet, weil allerlei Gründungen entstanden sind, die ja aus sogenanntem gutem Willen hervorgegangen sind, die aber doch nicht das werden konnten, was man von ihnen sagte, und die eigentlich die anthroposophische Bewegung nach Nebenströmungen abgeleitet haben. In der Zukunft wird anthroposophische Bewegung in menschlicher Weise dasjenige sein, was durch die Anthroposophische Gesellschaft fließt.
[ 6 ] Je mehr dies eingesehen wird, desto gedeihlicher wird es für die anthroposophische Bewegung sein. Und ich darf sagen: Dadurch, daß damals zu Weihnachten jener Impuls bei den am Goetheanum Versammelten geherrscht hat, ist es seit jenem Weihnachten möglich geworden, einen ganz anderen Ton in die anthroposophische Bewegung zu bringen. Und zu meiner tiefen Befriedigung darf ich bemerken, daß an den verschiedenen Orten, wo ich bisher sein konnte, dieser Ton mit herzlichem Entgegenkommen überall aufgenommen worden ist. Man darf schon sagen: Was zu Weihnachten übernommen worden ist, war in gewissem Sinne ein Wagnis. Denn es war eine gewisse Eventualität vorhanden: diese, daß vielleicht — dadurch, daß die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft unmittelbar zusammengebracht wurde mit der Vertretung des spirituellen Weisheitsgutes — jene geistigen Mächte, welche in der geistigen Welt die anthroposophische Bewegung leiten, ihre Hände hätten abziehen können. Es darf gesagt werden, daß dies nicht der Fall war, sondern das Gegenteil ist der Fall: Mit einer größeren Gnade, mit einem höheren Wohlwollen kommen diese geistigen Mächte demjenigen entgegen, was durch die anthroposophische Bewegung fließt. Es liegt auch in einem gewissen Sinne ein Versprechen vor gegenüber der geistigen Welt. Dieses Versprechen wird in unverbrüchlicher Weise erfüllt werden, und man wird sehen, daß in der Zukunft die Dinge geschehen werden, wie sie der geistigen Welt gegenüber versprochen wurden. So daß nicht nur der anthroposophischen Bewegung, sondern auch der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber dem Vorstande eine Verantwortung auferlegt ist.
[ 7 ] Dagegen muß von denen, die Mitglieder der Schule werden wollen, verlangt werden, daß sie sich im Leben darstellen als richtige Repräsentanten der anthroposophischen Bewegung und daß sie im Einklange handeln mit dem esoterischen Vorstande am Goetheanum in Dornach. Damit ist also gesagt, daß der, der Mitglied der Schule sein will, sich auch bemühen muß, die Anthroposophie durch seine eigene Persönlichkeit in der Welt darzustellen. Das bedingt natürlich, daß die Leitung der Schule, wenn sie der Meinung ist, daß jemand nicht einen Repräsentanten der anthroposophischen Bewegung darstellt, sich vorbehalten muß, erklären zu können, daß der Betreffende nicht weiter Mitglied der Schule sein kann. — Sagen Sie nicht, das sei eine Beeinträchtigung der menschlichen Freiheit. Sondern es ist sozusagen ein freies Vertragsverhältnis zwischen den Mitgliedern der Schule und der Leitung der Schule; denn auch die Leitung der Schule muß frei sein, das, was sie sagen will, dem zu sagen, dem sie es zu sagen hat. Daher muß sie dem, von dem sie meint, daß sie nicht zu ihm sprechen kann, dies auch bezeichnen können.
[ 8 ] In der ganzen Auffassung des esoterischen Zuges, der fortan gehen wird durch die anthroposophische Bewegung, wird das Gedeihliche, wird die fruchtbare Entwickelung der anthroposophischen Sache liegen. Es wird darauf gesehen werden, daß nichts Bürokratisches, nichts ÄAußerlich-Verwaltungsmäßiges die Anthroposophische Gesellschaft berührt, sondern daß alles lediglich beruhe auf dem innerhalb der Gesellschaft zu pflegenden Menschlichen. Gewiß, auch der Vorstand am Goetheanum wird allerlei verwalten müssen; das wird aber nicht die Hauptsache sein. Das Wesentliche wird sein, daß der Vorstand am Goetheanum dies oder jenes aus seiner Initiative heraus tue. Und das, was er tut, was er in Mannigfaltigkeit schon begonnen hat, wird eben Inhalt der Anthroposophischen Gesellschaft sein.
[ 9 ] Nur diese paar Worte wollte ich vorausschicken, um sogleich etwas anzuschließen, was nunmehr gesagt werden kann und was von der Art ist, daß es Inhalt werden kann der anthroposophischen Bewegung. Ich möchte etwas sprechen, was zusammenhängt mit dem Karma der Anthroposophischen Gesellschaft selbst.
[ 10 ] Wenn wir heute ins Auge fassen, wie die Anthroposophische Gesellschaft als die Verkörperung der anthroposophischen Bewegung in der Welt drinnensteht, dann sehen wir, daß eine Anzahl von Menschen innerhalb dieser Anthroposophischen Gesellschaft zusammenkommt. Wer ein Auge dafür hat, der sieht, daß noch andere Menschen in der Welt da sind — überall findet man solche Menschen —, die nach ihrem Karma auch die Vorbedingungen dazu haben, an die Anthroposophische Gesellschaft heranzukommen. Sie finden zunächst Hindernisse, sie finden nicht in vollem Sinne sogleich den Weg zu ihr; aber sie werden ihn, entweder in dieser Inkarnation oder in der nächsten, schon finden. Das aber müssen wir ins Auge fassen: daß diejenigen Menschen, die durch ihr Karma an die anthroposophische Bewegung herankommen, für diese Bewegung vorbestimmt sind.
[ 11 ] Alles das nun, was hier innerhalb der physisch-sinnlichen Welt geschieht, hat sein Vorgeschehen in geistigen Welten. Nichts geschieht hier in der physischen Welt, was nicht vorher in geistiger Art in der geistigen Welt vorbereitet ist. Und das ist gerade das Bedeutungsvolle: Was mit dem 20. Jahrhundert hier auf der Erde sich vollzieht als das Zusammenströmen einer Anzahl von Persönlichkeiten zu der Anthroposophischen Gesellschaft, das hat sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts dadurch vorbereitet, daß die Seelen dieser heute verkörperten Menschen, die da in großer Anzahl zusammenströmen, im Geistigen vereinigt waren, als sie noch nicht in die physisch-sinnliche Welt herabgestiegen waren. Und es ist dazumal in den geistigen Welten von einer Anzahl von Seelen, zusammen wirkend, eine Art von Kultus gepflegt worden, ein Kultus, der die Vorbereitung für diejenigen Sehnsuchten war, die in den Seelen aufgetreten sind, welche in Leibern jetzt zur Anthroposophischen Gesellschaft zusammenströmen. Und wer die Gabe hat, die Seelen in ihren Leibern wiederzuerkennen, der erkennt sie, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit ihm zusammen gewirkt haben, als in der übersinnlichen Welt hingestellt worden sind mächtige kosmische Imaginationen, welche dasjenige darstellen, was ich nennen könnte: das neue Christentum. Da waren — wie jetzt hier in Leibern auf Erden — die Seelen vereinigt, um sich aus dem, was ich die kosmische Substantialität und die kosmischen Kräfte nennen möchte, in Realität dasjenige zusammenzufügen, was in mächtigen Bildern kosmische Bedeutung hatte und was der Vorklang desjenigen war, das sich hier als Lehre, als anthroposophisches Tun auf der Erde vollziehen soll. Ich möchte sagen: die weitaus meisten der Anthroposophen, die beisammensitzen, könnten, wenn sie diesen Tatbestand durchschauen würden, einander sagen: Ja, wir kennen uns, wir waren in geistigen Welten zusammen und haben in einem übersinnlichen Kultus mächtige kosmische Imaginationen zusammen gehabt!
[ 12 ] Aber alles, was so als Seelen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengeströmt war, um das vorzubereiten, was auf der Erde anthroposophische Bewegung werden sollte, alles das bereitete im Grunde genommen dasjenige vor, was ich immer wieder genannt habe: die Michael-Strömung, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgetreten ist und die den bedeutendsten geistigen Einschlag in der neueren Entwickelungsströmung der Menschheit bildet. Michael-Strömung: Michael die Wege vorzubereiten für sein irdisch-himmlisches Wirken — das war die Aufgabe der Seelen, die da zusammen waren.
[ 13 ] Diese Seelen aber waren wieder veranlaßt zusammenzukommen durch das, was mit ihnen durch lange, lange Zeit- durch Jahrhunderte, bei vielen durch Jahrtausende — vorgegangen war. Und innerhalb dieser Seelen finden sich hauptsächlich zwei Gruppen. Die eine Gruppe ist die, welche in den ersten christlichen Jahrhunderten dasjenige Christentum durchgemacht hat, das eben in dieser Zeit in Südeuropa, zum Teil auch in Mitteleuropa verbreitet war. Dieses Christentum hatte noch für seine Gläubigen einen Christus im Auge, der angeschaut worden ist als der große göttliche Sendbote, der von der Sonne auf die Erde heruntergestiegen ist, um weiterhin unter den Menschen zu wirken. Als der «große Sonnengott» wurde — mit mehr oder weniger größerem oder geringerem Verständnis — von den ersten Christen der ersten Jahrhunderte dieser Christus angesehen.
[ 14 ] Aber es war in diesen ersten christlichen Jahrhunderten nicht mehr dasjenige da, was einmal in der Menschheit instinktives Hellsehen war. Man sah nicht mehr in der Sonne das große geistige Reich, in dessen Mittelpunkt einmal der Christus gelebt hat. An der Stelle der alten instinktiven hellseherischen Einsichten von dem Herunterstieg des Christus auf die Erde griff gerade in den ersten christlichen Jahrhunderten dasjenige Platz, was bloße Tradition war, Tradition davon, daß der Christus von der Sonne auf die Erde heruntergestiegen ist und sich mit dem Jesus von Nazareth im physischen Leibe vereinigt hat. Die Masse dieser Christen hatte nichts mehr als die Vorstellung, daß einmal in Palästina eine Wesenheit gelebt hatte, der Christus Jesus, über dessen Natur und Wesenheit, ob er Gott oder Gott und Mensch zugleich oder etwas Ähnliches gewesen war, man anfing, in den Konzilien zu streiten. Die Masse der Menschen hatte immer mehr und mehr nur das, was man von Rom aus diktierte.
[ 15 ] Aber da lebten unter der Masse dieser Christen einzelne, die immer mehr als Ketzer angesehen wurden. Sie hatten noch die lebendig-traditionelle Erinnerung daran, daß der Christus ein Sonnenwesen war und daß einmal ein der Erde ganz fremdes Wesen, eben ein Sonnenwesen, auf die Erde heruntergestiegen ist in diese physisch-sinnliche Welt. Diese Seelen sind in den Jahrhunderten bis zum 7., 8. nachchristlichen Jahrhundert immer mehr und mehr in die Lage versetzt worden, daß sie sich sagten: Was nun als Christentum nachkommt, das versteht eigentlich den Christus nicht mehr! — Diese ketzerischen Seelen, sie wurden, man möchte sagen, Christentum-müde. Und es gab einfach solche Seelen, die in den ersten christlichen Jahrhunderten, bis zum 7. und 8. hin, durch die Pforte des Todes gegangen sind, die Christentum-müde geworden waren. Für diese Seelen, gleichgültig, ob sie eine Zwischeninkarnation gehabt haben oder nicht, wurde maßgebend die Inkarnation, die sie in den ersten christlichen Jahrhunderten hatten. — Diese Seelen bereiteten sich vom 8., 9. Jahrhundert ab in der geistigen Welt vor für jenes große, gewaltige Wirken, das ich eben andeutete, indem ich sagte: Eine Art übersinnlicher Kultus fand statt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. An diesem Kultus nahmen diese Seelen teil. Sie bilden die eine Gruppe der Seelen, die zur Anthroposophischen Gesellschaft gekommen sind.
[ 16 ] Die anderen Seelen sind solche, die ihre letzte maßgebende Inkarnation in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten — nicht in den ersten christlichen — gehabt haben und die noch in den Mysterien des alten, vorchristlichen Heidentums mit hellseherischem Blick hineinschauen konnten in die geistige Welt. Es waren solche Seelen, die in den alten Mysterien davon Kenntnis bekommen hatten, wie der Christus einst herabsteigen wird auf die Erde. Diese Seelen machten nicht die ersten Zeiten der christlichen Entwickelung auf der Erde durch, sondern sie waren während dieser Zeit im Übersinnlichen und kamen erst später, nach dem 7. nachchristlichen Jahrhundert, zu einer maßgebenden Inkarnation. Das sind solche Seelen, die gewissermaßen vom Gesichtspunkte des Übersinnlichen aus das Hereintreten des Christus in die Erdenkultur mit angesehen haben. Sie waren die Christentum-Sehnsüchtigen. Aber sie waren zugleich die, die mit starker Aktivität dahin wirken wollten, um ein echtes kosmisches, spirituelles Christentum in die Welt zu bringen.
[ 17 ] Diese zweite Gruppe vereinigte sich mit den anderen Seelen zu jenem übersinnlichen Kultus, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts stattfand. Es fand so die große kosmisch-spirituelle Feier statt, die durch viele Jahrzehnte dauerte und ein geistig-spirituelles Geschehen in derjenigen Welt bildete, die unmittelbar an die physische angrenzt. Die Seelen waren da, die dann herabstiegen, die entweder als Christentummüde oder als Christentum-sehnsüchtige Seelen in der übersinnlichen Welt für die nächste Erdeninkarnation zusammengewirkt hatten. Dann kamen sie gegen das Ende des 19. Jahrhunderts zur Inkarnation und waren, indem sie auf die Erde herabstiegen, vorbereitet dazu, in die Anthroposophische Gesellschaft zu kommen.
[ 18 ] Alles das wurde aber eben durch Jahrhunderte vorbereitet. Hier auf der Erde hatte sich allmählich ein Christentum herausgebildet, welches die Evangelien so nahm, als ob sie nur von einem Wesen — Jesus von Nazareth — sprächen, das von irgendwelchen abstrakten Höhen her den Christus verkünden sollte. Man hatte keine Ahnung mehr, wie die Sternenwelt als der Ausdruck des Geistigen zusammenhängt mit der geistigen Welt, konnte daher auch nicht verstehen, was es bedeutet: der Christus, als ein göttlicher Sonnenheld, sei in den Jesus heruntergestiegen, um das Schicksal der Menschen zu teilen. — Für diejenigen, welche heute nach der üblichen Weise die Geschichte betrachten, sind ja gerade die allerwichtigsten Tatsachen nicht da. Vor allen Dingen ist kein rechtes Verständnis vorhanden für diese «ketzerischen» Seelen; sie kennen sich ja selber zumeist nicht, jene ketzerischen Seelen, die entweder als Christentum-müde oder Christentum-sehnsüchtige gegen das 20. Jahrhundert auf die Erde herabgestiegen sind. Gegen das 7., 8. Jahrhundert verschwand allmählich das an Traditionen über den Christus, was unter den Christentum-müde werdenden Ketzern lebte. Es blieb dann nur noch in kleinen Kreisen, wo es weitergepflegt worden ist bis in die Mitte des Mittelalters, bis ins 12. Jahrhundert hinein. Da waren kleine Kreise von, ich möchte sagen, gottbegnadeten Lehrern, die noch etwas erhalten haben von den Nachrichten der alten Zeiten über das spirituelle Christentum, über das kosmologische Christentum. Unter diesen waren auch solche, die diese Mitteilungen aus alten Zeiten empfingen und denen dabei etwas aufging wie eine Inspiration; so daß sie noch in sich selber einen, wenn auch nur starken oder schwachen, aber doch einen Abglanz desjenigen erleben konnten, was man in den ersten Jahrhunderten des Christentums — noch unter einer mächtigen Inspiration des Heruntersteigens des Sonnengottes in das Mysterium von Golgatha — erschauen konnte.
[ 19 ] So waren also zwei Strömungen namentlich da. Einmal jene Strömung, die direkt hervorgeht aus den ketzerischen Bewegungen der ersten Jahrhunderte des Christentums. Diese Seelen waren noch durch das angeregt, was im alten griechischen Platonismus lebte. Sie waren so angeregt, daß, wenn durch die Mitteilungen aus den alten Zeiten der innere seelische Durchbruch kam, sie immerhin, wie eben unter einer zwar schwachen, aber doch vorhandenen Inspiration, hineinschauen konnten in das Herabsteigen und in das Wirken des Christus auf Erden. Es war die platonische Strömung. Die andere Strömung war zu etwas anderem ausersehen. Ihr gehörten namentlich diejenigen Seelen an, die ihre letzte maßgebliche Inkarnation in der vorchristlichen Zeit durchgemacht hatten und damals das Christentum als etwas Künftiges angeschaut hatten. Es war das die Strömung, die den Intellekt vorzubereiten hatte für dasjenige Zeitalter, das ich immer bezeichnet habe als in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts beginnend. Da sollte das Zeitalter der Bewußtseinsseele heraufkommen, das Zeitalter, in welchem der menschliche Intellekt ausgebildet werden sollte. Das war im Gegensatz zu den Platonikern — aber im harmonischen Gegensatz zu ihnen vorbereitet durch die Aristoteliker. Und diejenigen, welche die aristotelische Lehre fortpflanzten bis ins 12. Jahrhundert, das waren noch die, welche ihre eigentliche maßgebende Inkarnation in der alten Heidenzeit, namentlich im Griechentum durchgemacht hatten. — Und dann kam — in der Mitte des Mittelalters, im 12. und 13. Jahrhundert — die große, die wunderbare, möchte ich sagen, Auseinandersetzung zwischen den Platonikern und den Aristotelikern. Und unter diesen Platonikern und Aristotelikern waren auch die Führer derjenigen, die als die zwei Gruppen von Seelen, die ich bezeichnet habe, die anthroposophische Bewegung forderten.
[ 20 ] Gegen das 12. Jahrhundert hin bildete sich, wie durch eine innere Notwendigkeit, eine gewisse Schule aus, in der namentlich der Nachklang des alten platonischen Schauens auflebte. Das war die große, die herrliche Schule von Chartres. Sie hatte die großen Vertreter, welche noch Nachrichten hatten von den Geheimnissen des ersten Christentums; sie hatte diejenigen Vertreter, in deren Herzen und Seelen aus solchen Nachrichten dasjenige aufglänzte, was sie hineinschauen ließ in die geistigen Zusammenhänge, in die das Christentum hineingestellt war. In der Schule von Chartres in Frankreich, wo der herrliche, in so vielen großen Einzelheiten ausgeführteDom von Chartres ist, vereinigte sich, konzentrierte sich das, was kurz vorher, eben in kleinen Kreisen noch, viel verbreitet war. Wenn wir einen derjenigen nennen wollen, an den die Schule von Chartres anknüpfen konnte, die insbesondere am Ende des 11. und im 12. Jahrhundert blühte, so müssen wir nennen Peter von Compostella, der in inspirierten Einsichten in seiner eigenen Seele, in seinem eigenen Herzen das alte spirituelle Christentum erneuerte. Und neben ihm erleben wir eine ganze Reihe von wunderbaren Gestalten, die in Chartres lehrten. In diesem 12. Jahrhundert gab es in der Schule von Chartres ganz merkwürdige Töne über das Christentum. Da haben wir zum Beispiel Bernardus von Chartres, Bernardus Sylvestris, Johann Salisbury; da gab es aber namentlich den großen Alanus ab Insulis. Gewaltige Lehrer! Wie wenn Plato, interpretierend das Christentum, persönlich unter diesen Geistern gewirkt hätte, so sprachen sie in der Schule von Chartres. Sie lehrten den spirituellen Gehalt des Christentums. Die Schriften, die von ihnen herrühren, erscheinen vielleicht den heutigen Menschen, wenn sie sie lesen, abstrakt, was aber nur herkommt von der Abstraktheit der Seelen der heutigen Menschen. Die Schriften dieser großen Persönlichkeiten schildern die geistige Welt durchaus mit dem Einschlag des Christus. Und ich möchte Ihnen jetzt, meine lieben Freunde, so etwas vor die Seele hinstellen, wie es gelehrt wurde ganz besonders von Bernardus Sylvestris, von Alanus ab Insulis vor den eingeweihten Schülern. So paradox sich das für den heutigen Menschen ausnimmt — aber solche Erscheinungen gab es damals für den Schüler von Chartres.
[ 21 ] Da wurde gelehrt: Das Christentum wird eine Erneuerung finden. Es wird in seinem geistigen Gehalt wieder verstanden werden, wenn das Kali Yuga, das finstere Zeitalter, abgelaufen sein wird und ein neues Zeitalter angebrochen sein wird. — Das aber ist mit dem Jahre 1899 für uns Heutige nunmehr abgelaufen; darum der heutige Umschwung, der mit dem Ablauf des Kali Yuga für die Menschheit geschehen sollte. Der ungeheure Impuls, der zwei Jahrzehnte vorher durch das Eingreifen des Michael geschehen ist, er wurde in der Schule von Chartres im 12. Jahrhundert bereits prophetisch vorausgesagt, insbesondere von Bernardus Sylvestris und Alanus ab Insulis. Aber diese Menschen lehrten nicht aristotelisch, sie lehrten nicht mit dem Intellekt. Sie lehrten ganz und gar in mächtigen Bildern, die sie vor ihren Zuhörern entrollten — Bilder, in denen anschaulich das hingestellt wurde, was spiritueller Gehalt des Christentums ist. Aber gewisse prophetische Lehren gab es. Und von einer solchen möchte ich ganz im Auszuge etwas vor Ihre Seelen hinstellen.
[ 22 ] Da sagte Alanus ab Insulis zu einem engen Kreise seiner eingeweihten Schüler: Wir schauen heute die Welt so an, daß wir noch die Mittelpunktstellung der Erde erkennen, daß wir von der Erde aus alles beurteilen. Wenn man mit dieser irdischen Anschauung, die uns zu unseren Bildern, zu unseren Imaginationen befähigt, die folgenden Jahrhunderte allein befruchten würde, dann würde die Menschheit nicht fortschreiten können. Wir müssen ein Bündnis eingehen mit den Aristotelikern, die in die Menschheit den Intellekt hereinbringen, der dann spiritualisiert werden soll und im 20. Jahrhundert in einer neuen spirituellen Weise unter den Menschen aufleuchten soll. Wenn wir jetzt die Erde als den Mittelpunkt des Kosmos anschauen, wenn wir die Planeten als um die Erde kreisend, wenn wir den ganzen Sternenhimmel, wie er sich zunächst auch für das physische Auge darbietet, so beschreiben, als wenn er sich drehen würde um die Erde, so wird aber doch einer kommen und wird sagen: Stellen wir einmal die Sonne räumlich in den Mittelpunkt des Weltensystems! Dann aber, wenn dieser kommt, der die Sonne räumlich in den Mittelpunkt des Weltalls stellt, dann wird die Weltanschauung veröden. Die Menschen werden dann nur noch die Bahnen der Planeten ausrechnen, werden nur noch die Orte der Himmelskörper angeben. Die Menschen werden von den Himmelskörpern nur sprechen wie von Gasen oder physischen Körpern, die da brennen und brennend leuchten; sie werden nur ganz mathematisch-mechanisch etwas von dem Sternenhimmel wissen. Aber das, was da als öde Weltanschauung sich ausbreiten wird, das hat doch eines- ein Armseliges —, aber eines hat es: Wir schauen von der Erde aus die Welt an; der, der da kommen wird, wird von der Sonne aus die Welt anschauen. Er wird sein wie einer, der nur die «Richtung» angibt, die Richtung auf einen großartig bedeutsamen, mit den wunderbarsten Ereignissen und wunderbarsten Wesenheiten ausgestalteten Weg. Aber er gibt nur die abstrakte Richtung an — damit war auf die kopernikanische Weltanschauung hingedeutet, in ihrer Ode, in ihrer Abstraktheit, aber als Richtung —, denn alles das muß zuerst fort, was wir mit unseren Imaginationen vertreten, so sagte Alanus ab Insulis; das muß fort, und gewissermaßen ganz abstrakt muß das Weltbild werden, fast nur wie ein Meilenzeiger auf einem Wege mit wunderbaren Denkmälern. Denn da wird in der geistigen Welt einer sein, der diesen Meilenzeiger, der für die Erneuerung der Welt nichts anderes haben wird als Richtung, nehmen wird, damit er dann, mit dem Intellektualismus zusammen, die neue Spiritualität begründen kann, einer, der nichts wird brauchen können als diesen Meilenzeiger. Das aber wird sein, wie Alanus ab Insulis sagte, Sankt Michael! Für ihn muß das Feld frei werden; er muß den Weg mit neuen Saaten besäen. Dazu muß nichts anderes da sein als Linie, mathematische Linie.
[ 23 ] Es ging etwas wie ein Zauber durch die Schule von Chartres, wenn Alanus ab Insulis so etwas vor nur wenigen Schülern lehrte. Aber es war ja so, wie wenn die ätherische Welt ringsumher von den Wellenschlägen dieser mächtigen Michaels-Lehre ergriffen worden wäre.
[ 24 ] So breitete sich aus, über den Westen Europas bis in den Süden Italiens, was dieser Welt die geistige Atmosphäre gab. Und manchen gab es, der es dann auffassen konnte, in dessen Seele etwas aufstieg wie eine mächtige Inspiration und der dann noch hineinschauen konnte in die geistige Welt.
[ 25 ] Aber es ist ja so in der Entwickelung der Welt, daß die, welche in die großen Geheimnisse des Daseins eingeweiht sind, wie bis zu einem gewissen Grade Alanus ab Insulis und Bernardus Sylvestris, wissen: in beschränktem Maße kann man immer nur dies oder jenes tun! Ein solcher Mensch wie Alanus ab Insulis sagte sich: Wir, die Platoniker, müssen durch die Pforte des Todes gehen, wir können zunächst nur in der geistigen Welt leben. Wir müssen herabschauen aus der geistigen Welt und die physische Welt anderen überlassen, denjenigen, die in aristotelischer Weise den Intellekt ausbilden. Der muß jetzt fortgepflegt werden. Alanus ab Insulis nahm in vorgerücktem Alter noch das Zisterzienser-Ordenskleid an, er wurde Zisterzienser. Und im ZisterzienserOrden war vieles von solchen Lehren. Aber gerade diejenigen unter den Zisterziensern, welche die tieferen Einsichten hatten, sagten sich: Wir können fortan nur von der geistigen Welt aus wirken, wir müssen das Feld den Aristotelikern überlassen.
[ 26 ] Diese Aristoteliker wurden hauptsächlich die Dominikaner. Und so ging an sie im 13. Jahrhundert die Führung in der geistigen Welt Europas über. Aber es war, ich möchte sagen, noch etwas, das bedeutsam in das europäische Geistesleben eingriff, zurückgeblieben gerade von diesen Geistern: Peter von Compostella, Alanus ab Insulis, Bernardus von Chartres, Johann Salisbury und jenem Dichter, der von den sieben freien Künsten ein bedeutendes Gedicht aus der Schule von Chartres heraus verfaßte. Was in der Schule von Chartres vorging, es war ja so wirksam, daß es zum Beispiel bis an die Universität von Orleans herunterwirkte, wo in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts manches in lehrhafter Weise von dem durchdrang, was in so großen, gewaltigen Bildern wie mit Silberworten von des Bernardus Sylvestris, von des Alanus ab Insulis Munde floß an die Schüler von Chartres. Aber ich möchte sagen, die geistige Atmosphäre war soweit durchdrungen von diesem, daß einmal ein Mensch, der als Italiener von seiner spanischen Gesandtenstellung zurückkam und bei seiner Rückkehr, als er seiner Heimat zueilte, von der Vertreibung der Welfenherrschaft daselbst erfuhr, wozu noch ein leichter Sonnenstich hinzukam, bei Florenz in die Lage kommen konnte, daß sein Ätherleib aussetzte, und auffing, was gewissermaßen aus der Schule von Chartres ätherisch herüberwehte, was davon erhalten geblieben war. Und er bekam durch das, was so zu ihm ätherisch herüberwehte, etwas wie eine Intuition, eine Intuition, wie sie bei vielen in den ersten christlichen Jahrhunderten vorhanden war. Er sah zunächst vor sich ausgebreitet die irdische Welt, wie sie um den Menschen herum ist, aber nicht beherrscht, wie man später sagte, von Naturgesetzen, sondern beherrscht von der großen Gehilfin des göttlichen Demiurgos, von der Natura, welche die Nachfolgerin der Proserpina in den ersten christlichen Jahrhunderten war. Damals gab es nicht abstrakte Naturgesetze; da schauten die Eingeweihten wesenhaft das, was in der Natur wirkte als eine umfassende göttliche Macht. In den griechischen Mysterien wurde die Proserpina, die ihre Zeit teilt zwischen Oberwelt und Unterwelt, dargestellt als die die Natur beherrschende Macht. Ihre Nachfolgerin in den ersten christlichen Jahrhunderten war die Göttin Natura.
[ 27 ] Nachdem jene Persönlichkeit, die durch Sonnenstich und durch das Herüberwehen dessen, was in der Schule von Chartres gepflegt wurde, so hineingeschaut hatte in das Leben und Weben der Göttin Natura und dann weiter diese Intuition auf sich wirken ließ, schaute sie das Wirken der Elemente, Erde, Wasser, Luft, Feuer, wie man es in den alten Mysterien gesehen hat: das machtvolle Weben der Elemente. Dann sah sie die Geheimnisse der Menschenseele, sah jene sieben Mächte, von denen man wußte, daß sie die großen himmlischen Unterrichter des Menschengeschlechtes sind. Das wußte man in den ersten christlichen Jahrhunderten. Damals hat man nicht von solchen abstrakten Lehren gesprochen, wie das heute geschieht, wo man irgend etwas durch Begriffe und Ideen lehrt. In diesen ersten christlichen Jahrhunderten sprach man davon, daß man aus der geistigen Welt unterrichtet wird durch die Göttinnen Dialektik, Rhetorik, Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Astrologie oder Astronomie und Musika. Diese sieben stellte man nicht abstrakt vor, wie in späterer Zeit: sie schaute man, sie sah man vor sich, ich kann nicht sagen leibhaftig, aber seelenhaftig. Man ließ sich unterrichten von diesen himmlischen Gestalten. Später erschienen sie den Menschen nicht mehr als die lebendigen Göttinnen Dialektik, Rhetorik und so weiter in einer einsamen Vision, sondern in abstrakten Formen, in abstrakt-theoretischen Lehren.
[ 28 ] Diese Persönlichkeit, von der ich jetzt spreche, sie hat das alles noch auf sich wirken lassen. Und sie wurde dann eingeführt in die Planetenwelt, die zu gleicher Zeit die Geheimnisse der menschlichen Seele enthüllt. Und in der Sternenwelt, nachdem sie durchgegangen war durch den großen Weltenozean, wurde sie geführt durch Ovid, der durch die Pforte des Todes gegangen war und der Führer der Seelen in der geistigen Welt geworden war. Diese Persönlichkeit, Brunetto Latini, wurde der Lehrer des Dante. Und was Dante von Brunetto Latini gelernt hat, das hat er dann in seiner poetischen Weise in der «Divina Commedia» niedergelegt. So ist also das große Gedicht «Divina Commedia» ein letzter Abglanz dessen, was in platonischer Weise an einzelnen Stätten weiterlebte und was aus Sylvestris’ Munde in der Schule von Chartres im 12. Jahrhundert noch von solchen gelehrt wurde, die durch die alten Mitteilungen angeregt worden sind, so daß ihnen die Geheimnisse des Christentums aufgingen wie in besonderen Inspirationen, die sie dann durch die Worte ihren Schülern mitteilen konnten.
[ 29 ] Was Alanus ab Insulis in den Zisterzienser-Orden hineingeleitet hat, das ging dann über an die Dominikaner, die namentlich den Intellekt, in Anknüpfung an Aristoteles, pflegten. Aber es gab da eine Zwischenzeit: Im 12. Jahrhundert blühte die Schule von Chartres, und im 13. Jahrhundert begann im Dominikaner-Orden das mächtige Wirken für die Scholastik im Sinne des Aristotelismus. Die, welche als die großen Lehrer der Schule von Chartres durch die Pforte des Todes hinaufgingen in die geistige Welt, sie waren dort noch eine Weile zusammen mit den durch die Geburt herabsteigenden Dominikanern, die dann nach ihrem Herabsteigen hier den Aristotelismus begründeten. Daher müssen wir also hinschauen auf eine Zwischenzeit, wo wie in einem großen himmlischen Konzil die letzten großen Lehrer von Chartres, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen waren, beisammen waren mit denen, die als Dominikaner den Aristotelismus pflegen sollten, bevor diese letzteren heruntergestiegen waren. Da wurde in der geistigen Welt der große «himmlische Vertrag» geschlossen. Die, welche da unter der Führung des Alanus ab Insulis hinaufgekommen waren in die geistige Welt, sie sagten den heruntersteigenden Aristotelikern: Unsere Zeit ist jetzt nicht auf der Erde; wir haben zunächst hier von der geistigen Welt aus zu wirken. Wir können gar nicht in irgendwelche Inkarnationen in der nächsten Zeit auf die Erde herabsteigen. Eure Aufgabe ist es jetzt, den Intellekt zu pflegen im aufgehenden Bewußtseinsseelen-Zeitalter.
[ 30 ] Dann kamen sie herunter, die großen Scholastiker, und führten dasjenige aus, was sie mit den letzten großen Platonikern der Schule von Chartres ausgemacht hatten. Manches Bedeutende trug sich da zu. Einer, der als einer der früheren heruntergekommen war, bekam zum Beispiel eine Botschaft durch einen anderen, der noch länger als er in der geistigen Welt bei Alanus ab Insulis geblieben war, das heißt bei derjenigen geistigen Individualität, die früher Alanus ab Insulis war. Der später Herunterkommende brachte diese Botschaft, das heißt, er wirkte zusammen mit dem Älteren, und es begann so auf der Erde die Vorbereitung für das intellektualistische Zeitalter, das ja im Dominikaner-Orden seinen Anfang genommen hat. Gerade der, welcher etwas länger bei Alanus ab Insulis in der geistigen Welt geblieben war, zog zuerst das Zisterzienser-Ordenskleid an und wechselte es erst später mit dem Dominikaner-Kleid. So wirkten also nunmehr auf der Erde diejenigen, die einstmals unter dem Einflusse desjenigen standen, was bei Aristoteles herausgekommen war, und oben «wachten» gewissermaßen, aber im Zusammenhange mit den auf der Erde wirkenden Aristotelikern, die Platoniker, die in der Schule von Chartres waren. Die geistige Welt ging mit der physischen Welt Hand in Hand. Es war gleichsam wie ein Handreichen der Aristoteliker mit den Platonikern durch das 13., 14., 15. Jahrhundert hin. Und dann waren ja auch schon wieder viele von denen, die heruntergestiegen waren, um in Europa den Aristotelismus einzuleiten, droben bei den anderen.
[ 31 ] Aber die weitere Entwickelung ging so vor sich, daß sowohl die, welche in der Schule von Chartres die Führer waren, wie auch die, welche im Dominikaner-Orden die führenden Stellungen hatten, sich an die Spitze derjenigen stellten, welche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in jenem mächtigen übersinnlichen Kultus, der sich in den angedeuteten Bildern entfaltete, die spätere anthroposophische Strömung vorbereiteten. Es mußten zunächst diejenigen wieder heruntersteigen, die mehr oder weniger als Aristoteliker gewirkt hatten; denn unter dem Einfluß des Intellektualismus war noch nicht die Zeit gekommen, um die Spiritualität neuerdings zu vertiefen. Aber es bestand eine unverbrüchliche Abmachung, die weiter wirkt. Und nach dieser Abmachung muß aus dem, was anthroposophische Bewegung ist, etwas hervorgehen, was seine Vollendung vor dem Ablaufe dieses Jahrhunderts finden muß. Denn über der Anthroposophischen Gesellschaft schwebt ein Schicksal: das Schicksal, daß viele von denjenigen, die heute in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, bis zu dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts wieder herunterkommen müssen auf die Erde, dann aber vereinigt mit jenen auch, die entweder selbst führend waren in der Schule von Chartres oder die Schüler von Chartres waren. So daß vor dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts, wenn die Zivilisation nicht in die völlige Dekadenz kommen soll, auf der Erde die Platoniker von Chartres und die späteren Aristoteliker zusammenwirken müssen.
[ 32 ] Das hat in der Zukunft mit vollem Bewußtsein die Anthroposophische Gesellschaft in sich aufzunehmen: etwas zu verstehen von ihrem Karma. Denn vieles ruht ja im Schoße der geistigen Entwickelung der Menschheit, was insbesondere heute nicht an die Oberfläche des Daseins kommen kann. Es erscheint heute manches recht äußerlich; aber wenn man das, was äußerlich erscheint, erkennen kann in seinen Symptomen, in seiner inneren Bedeutung, dann enthüllt sich gar manches von dem, was geistig in den Jahrhunderten lebt. Ich darf da vielleicht einiges andeuten. Und warum sollte denn das jetzt, wo der esoterische Zug durch die Anthroposophische Gesellschaft gehen soll, nicht angedeutet werden? Ich möchte einiges andeuten, was Ihnen zeigen soll, wie ein Hinschauen auf das, was um uns herum ist, Sie in mancherlei Zusammenhänge hineinschauen läßt.
[ 33 ] Wenn ich selber, vorbereitend die anthroposophische Bewegung, einen besonderen Schicksalsweg durchgemacht habe, so zeigte sich dieses in einem ganz merkwürdigen Zusammenhange mit dem ZisterzienserOrden, der ja im Zusammenhange steht gerade mit Alanus ab Insulis. Ich bemerke für die, welche gerne Legenden bilden, daß ich mit Bezug auf meine eigene Individualität nichts zu tun habe mit Alanus ab Insulis. Ich möchte nur vermeiden, daß sich Legenden bilden aus dem, was ich esoterisch vorbringe. Es handelt sich darum, daß diese Dinge aus dem Esoterischen heraus dargestellt werden. In einer ganz merkwürdigen Weise hat mich mein Schicksal durch die äußeren Ereignisse auf das hinblicken lassen, was solche spirituellen Zusammenhänge lehren konnten, die ich jetzt dargestellt habe. Vielleicht kennen einige von Ihnen die Aufsätze «Mein Lebensgang» im «Goetheanum». Da mußte ich erzählen, wie ich in meiner Jugend nicht ein Gymnasium, sondern eine Realschule durchgemacht habe und mir die Gymnasialbildung erst später angeeignet habe. Ich muß das selber als eine merkwürdige Fügung meines Karma betrachten. Denn in der Stadt, wo ich meine Jugend durchmachte, waren nur ein paar Schritte vom Gymnasium zur Realschule, und um ein Haar handelte es sich, daß ich nicht in die Realschule, sondern ins Gymnasium gekommen wäre. Wäre ich aber damals in jener Stadt in das Gymnasium gekommen, so wäre ich Zisterzienser-Ordenspriester geworden. Das ist ganz zweifellos. Denn es war dies ein Gymnasium, an dem nur Zisterzienser lehrten. Ich hatte gar einen tiefen Hang zu allen diesen Patres, die auch zum großen Teile außerordentlich gelehrte Menschen waren. Ich las vieles, was diese Patres schrieben, es berührte mich außerordentlich tief; ich liebte diese Patres. Und eigentlich bin ich nur dadurch sozusagen neben dem Zisterzienser-Orden vorbeigegangen, daß ich gar nicht in das Gymnasium gekommen bin. Das Karma führte mich anders; aber der ZisterzienserOrden ließ mich nicht los. Das beschreibe ich auch. Ich war eine Natur, die immer gesellig lebte, und ich erzähle in meinem Lebensgange auch, daß ich später im Hause der Marie Eugenie delle Grazie mit fast allen Theologen dort verkehrte. Das waren fast alles Zisterzienser-Ordenspriester. Da bildete sich sozusagen die Perspektive aus, um zurückzugehen. Es war auch persönlich für mich sehr naheliegend: der Blick, die Perspektive bildete sich aus, durch die Strömung des ZisterzienserOrdens zurück in das geistige Leben hineinzukommen, bis in die Schule von Chartres. Denn Alanus ab Insulis war ein Zisterzienser. Und es ist merkwürdig: Als ich dann später das erste meiner Mysteriendramen, «Die Pforte der Einweihung», schrieb, da konnte ich aus ästhetischen Notwendigkeiten heraus gar nicht anders, als die Frauen in einer Bekleidung auf die Bühne zu bringen, die in einer langen Tunika und in dem bestand, was Stola genannt wird. Wenn Sie sich also ein solches Kleid so vorstellen, daß Sie eine gelblich-weiße Tunika haben, dazu die Stola schwarz und die Binde schwarz — dann haben Sie das Zisterzienser-Ordenskleid. Ich dachte damals nur an ästhetische Notwendigkeiten; aber es kam diese Bekleidung dem Zisterzienser-Ordenskleid sehr nahe. Da haben Sie einen Hinweis darauf, wie sich die Zusammenhänge für den ergeben, der in der äußeren Welt auftretende Symptome ihrer inneren spirituellen Bedeutung nach verfolgen kann.
[ 34 ] Zu Weihnachten wurde damit begonnen, diese inneren Zusammenhänge immer mehr und mehr zu enthüllen. Sie müssen an den Tag kommen, denn die Menschheit wartet auf die Erkenntnis des Inneren, nachdem sie durch viele Jahrhunderte hindurch nur Äußeres erfahren hat und heute die Zivilisation in einer furchtbaren Lage ist. Unter dem vielen, was da kommen wird, muß der Hinweis stehen darauf, wie auf der einen Seite die Schule von Chartres gewirkt hat, wie die in dieser Schule Eingeweihten durch die Pforte des Todes gegangen sind, in der geistigen Welt noch diejenigen Seelen getroffen haben, die später das Dominikaner-Ordenskleid getragen haben, um den Aristotelismus mit seiner Intellektualität auszubreiten, um in kraftvoller Weise das Zeitalter der Bewußtseinsseele vorzubereiten. Und so haben wir, ich möchte sagen, fortwirkend in der Anthroposophischen Gesellschaft den Aristotelismus, nur heute spiritualisiert, und seine weitere Spiritualisierung erwartend. Dann werden, am Ende des 20. Jahrhunderts, diejenigen kommen, von denen heute so mancher da ist, aber vereinigt mit jenen, welche die Lehrer der Schule von Chartres waren. Dahin zielt die anthroposophische Bewegung: beide in sich zu vereinigen. Aristotelismus in den Seelen, die vorzugsweise im alten Heidentum in Erwartung des Christentums standen und Christentum-sehnsüchtig gelebt haben, bis sie als Dominikaner das Christentum durch die Intellektualität verkünden konnten; sie werden vereinigt sein mit denjenigen, welche das Christentum noch in physischer Weise erlebt haben und deren bedeutendste Führer vereinigt waren in der Schule von Chartres. Diese letztern waren bisher nicht in einer Inkarnation, obwohl ich bei meinem Nahetreten dem Zisterzienser-Orden immer Inkorporationen von manchen derjenigen antreffen konnte, die in der Schule von Chartres waren. Denn im Zisterzienser-Orden begegnete man mancher Persönlichkeit, die nicht eine Wiederverkörperung eines Schülers von Chartres war, die aber Augenblicke im Leben hatte, wo sie in begeisterter Weise für Stunden, für Tage durchsetzt war von einer solchen Individualität aus der Schule von Chartres. Inkorporationen also, nicht Inkarnation lag da vor. Und Wunderbares ist da geschrieben worden, wovon man fragen muß: Wer ist der Schriftsteller? Der Schriftsteller ist nicht der Pater, der damals im Zisterzienser-Orden war, in dem blaßgelben Kleid mit der schwarzen Stola und schwarzen Binde; sondern der Schriftsteller ist in diesem Falle jene Persönlichkeit, die für Stunden oder für Tage oder Wochen in der Seele eines solchen Zisterzienser-Ordensbruders Platz gegriffen hatte. Davon hat dann noch manches nachgewirkt in solchen Aufsätzen oder Schriften, die wenig in der Literatur bekanntgeworden sind. Ich selber habe ein merkwürdiges Gespräch gehabt, von dem ich auch in «Mein Lebensgang» erzählt habe, mit einem Angehörigen des Zisterzienser-Ordens, der ein außerordentlich gelehrter Mann war. Wir gingen aus einer Gesellschaft fort und sprachen über das Christus-Problem. Ich setzte meine Ideen darüber auseinander, die im wesentlichen dieselben waren, die ich immer vortrage. Er sagte, indem er unruhig wurde, während ich dies auseinandersetzte: Wir mögen vielleicht auf so etwas kommen; wir werden uns nicht gestatten, so etwas zu denken. — In ähnlicher Weise sprach er sich über andere Probleme der Christologie aus. Aber dann blieben wir — der Moment steht mit großer Lebendigkeit vor meiner Seele — in Wien, dort wo der Schottenring und der Burgring aneinandergrenzen, auf der einen Seite die Hofburg, auf der anderen Seite das Hotel de France und die VotivKirche, etwas stehen, und da sagte der Mann zu mir: «Ich möchte, daß Sie mit mir gehen. Ich werde Ihnen aus meiner Bibliothek ein Buch geben; da steht etwas Merkwürdiges drin, was an das anknüpft, was Sie jetzt eben sagten.» Ich ging mit. Der Mann gab mir ein Buch über die Drusen. Aus dem ganzen Zusammenhange unseres Gespräches mit dem der Lektüre dieses Buches erfuhr ich, daß dieser grundgelehrte Mensch, als ich, von der Christologie ausgehend, auf die wiederholten Erdenleben zu reden kam, in einer ganz merkwürdigen Weise wie entgeistert war und, als er zu sich gekommen war, sich bloß erinnerte: er hat ein Buch über die Drusen, in dem steht etwas von der Wiederverkörperung. Aus dem einen einzigen Buche wußte er das. Er war so gelehrt, daß man — er war schon Hofrat an der Wiener Universität — von ihm sagte: Der Hofrat N.N. kennt die ganze Welt und noch drei Dörfer — so gelehrt war er, aber er wußte nicht mehr in seiner Leiblichkeit, als daß in einem Werke über die Drusen etwas über die wiederholten Erdenleben steht. Das ist der Unterschied zwischen dem, was die Menschen in ihrem Bewußtsein haben, und dem, was als die geistige Welt durch die Menschenseelen strömt. — Und dann kam das Merkwürdige, daß ich einmal in Wien einen Vortrag hielt. Dieselbe Persönlichkeit war dabei, und nach dem Vortrage machte sie eine Bemerkung, die gar nicht anders aufzufassen war, als daß der Mann in diesem Augenblicke ein volles Verständnis hatte für einen Menschen der Gegenwart und für die Beziehung dieses Menschen der Gegenwart zu seiner früheren Inkarnation. Und was er da über den Zusammenhang von zwei Erdenleben sagte, das war richtig, war nicht falsch. Aber er verstand gar nichts; er sprach das nur.
[ 35 ] Ich will mit diesem nur andeuten, wie spirituelle Bewegungen hereinragen in die Gegenwart. Das aber, was heute nur wie durch kleine Fenster hereinschaut, muß in der Zukunft durch jene Verbindung zwischen den Führern der Schule von Chartres und den Führern der Scholastik eine Einheit werden, wenn die spirituelle Erneuerung, die auch das Intellektuelle in das Spirituelle heraufführt, mit dem Ende des 20. Jahrhunderts eintritt. Daß das eintrete, dürfen sich die Menschen des 20. Jahrhunderts nicht verscherzen! Da aber alles heute vom freien Willen abhängt, so hängt, daß dies eintrete — namentlich ob die miteinander verbündeten Parteien herabsteigen können zur Wiederspiritualisierung der Kultur im 20. Jahrhundert —, auch davon ab, ob die Anthroposophische Gesellschaft versteht, im rechten Sinne hingebend die Anthroposophie zu pflegen.
[ 36 ] Das ist, was ich heute sagen wollte: wie die anthroposophische Strömung zusammenhängt mit dem tiefen Geheimnis des Zeitalters, welches mit dem Erscheinen des Christus in dem Mysterium von Golgatha begonnen hat und sich so weiterentwickelt hat, wie ich es jetzt geschildert habe. Darin wollen wir im zweiten Vortrage fortfahren.
