Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge
Band VI
GA 240
24 August 1924, London
Das Karma im einzelnen Menschen und in der Menschheitsentwickelung II
[ 1 ] Läßt man den Blick dahinziehen über die geschichtliche Entwickelung der Menschheit, so erscheinen Ereignisse nach Ereignissen im Laufe der Zeiten, und man ist in der neueren Zeit vielfach gewohnt worden, einfach die geschichtlichen Erscheinungen, die da auftreten, so zu betrachten, daß man in den späteren Zeiten die Wirkungen früherer Zeiten sucht, sogar von Ursachen und Wirkungen in der Geschichte redet, wie man in der äußeren physischen Welt von Ursache und Wirkung redet.
[ 2 ] Wenn man so das geschichtliche Leben ins Auge faßt, wird man sich aber gestehen müssen, daß fast alles unerklärt bleibt. Es wird Ihnen nicht gut gelingen, zum Beispiel den Weltkrieg aus den Ereignissen vom Beginne des 19. Jahrhunderts bis 1914 wie eine Wirkung einfach herzuleiten. Es wird Ihnen nicht gelingen, die am Ende des 18. Jahrhunderts ausbrechende Französische Revolution bloß aus dem hervorzuleiten, was vorher war. Mancherlei Geschichtskonstruktionen werden gemacht, aber man kommt mit ihnen nicht sehr weit, und man fühlt zuletzt doch, daß es künstliche Geschichtskonstruktionen sind.
[ 3 ] Dasjenige, was im geschichtlichen Leben der Menschen vor sich geht, wird erst erklärlich, wenn man die geschichtlichen Persönlichkeiten, die eine bedeutsame Rolle spielen beim Zustandekommen der geschichtlichen Ereignisse, sich anschaut in bezug auf ihre wiederholten Erdenleben. Und erst wenn man eine Weile sich damit beschäftigt hat, das Karma solcher geschichtlichen Persönlichkeiten im Verlaufe der sich wiederholenden Erdenleben zu betrachten, dann wird man sich eine Seelenstimmung dafür aneignen, wie es um das eigene Karma steht. Deshalb wollen wir heute ein wenig geschichtliches Karma betrachten, Persönlichkeiten der Geschichte, die das oder jenes uns Bekannte getan haben, und dieses uns Bekannte dann herleiten von dem, was in ihrem Karma gewissermaßen geschrieben war aus der Wiederholung ihres Erdenlebens heraus. Dadurch werden wir zu der Anschauung kommen, daß die Dinge, die in einer Geschichtsepoche geschehen, von den Menschen aus früheren Zeitaltern herübergetragen werden. Und wenn wir uns mit vollem Ernste dasjenige, was oftmals in bezug auf Karma und wiederholte Erdenleben nur theoretisch angeschaut wird, ganz präzise und konkret vor Augen stellen, so werden wir uns ja sagen: Alle, die wir hier sitzen, waren oftmals auf der Erde da und tragen in das gegenwärtige Erdenleben die Ergebnisse früherer Erdenleben herüber.
[ 4 ] Erst wenn wir dieses völlig ernst nehmen, können wir sagen, daß wir diese Anschauung vom Karma kennen. Aber lernen durch die Anschauung vom Karma kann man nur, wenn man das, was man als Ideen über das Karma aufnimmt, nun als große Frage ausbildet für das geschichtliche Leben. Dann sagt man nicht mehr: Das, was 1914 geschehen ist, ist die Folge von dem, was 1910 geschehen ist, das, was 1910 geschehen ist, ist die Folge von dem, was 1900 geschehen ist und so weiter. — Sondern dann sucht man zu begreifen, wie die Persönlichkeiten, die im Menschenleben auftreten, selber aus früheren Epochen in spätere Epochen hinübertragen das, was in Betracht kommt. Und erst auf diese Weise kann eine echte, wahre Geschichtsbetrachtung zustande kommen, wenn man die Hintergründe der Menschenschicksale sieht gegenüber den Vordergründen der Ereignisse, die einem äußerlich in der Geschichte entgegentreten.
[ 5 ] Die Geschichte bietet ja so viel Rätselhaftes. Manches Rätselhafte aber klärt sich auf, wenn man eine solche Erklärung versucht, wie ich sie eben gesagt habe.
[ 6 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, da treten oftmals Persönlichkeiten in der Geschichte auf, man möchte sagen wie Meteore. Man ist erstaunt darüber, daß sie in einer gewissen Zeit auftauchen. Prüft man ihre Erziehung, so kann man aus ihrer Erziehung nicht erklären, warum sie in dieser Weise auftreten. Prüft man ihr Zeitalter, kann man wiederum nicht erklären, warum sie in dieser Weise auftreten. Erst die karmischen Zusammenhänge bringen Aufklärung hinein.
[ 7 ] Ich will auf einzelne solcher Persönlichkeiten hinweisen, bei denen man zweierlei Fragen gerne aufstellt, wenn sie Persönlichkeiten sind, die unserem eigenen gegenwärtigen Leben naheliegen, das heißt, wenn sie in noch nicht sehr lange verflossenen Zeitabschnitten gelebt haben. Dann frägt man wohl gerne: Wie hat es in ihrem vorigen Erdenleben ausgesehen? Was haben sie aus diesem vorigen Erdenleben herübergebracht, daß sie so geworden sind, wie sie geworden sind?
[ 8 ] Und hat man es wiederum mit früheren Persönlichkeiten zu tun, die in weit zurückliegenden Zeiten der geschichtlichen Entwickelung gewirkt haben, dann möchte man doch gern wissen, wann sie wieder aufgetreten sind, als was sie wieder erschienen sind. Wenn gerade ein früheres geschichtliches Leben die betreffenden Persönlichkeiten berühmt gemacht hat, so frägt man sich: Als was sind sie wiedergekommen? Man will dann auf dieses ihr geschichtliches Erdenleben hin andere haben; vielleicht ist es wieder ein geschichtlich oder anderwärtig berühmtes — aber man möchte eben die Zusammenhänge kennenlernen.
[ 9 ] Nun sind solche Zusammenhänge wirklich außerordentlich schwer zu erforschen, und deshalb möchte ich Ihnen zunächst einen Begriff davon geben, wie man, wenn man karmische Zusammenhänge erforschen will, auf den ganzen Menschen hinzusehen hat, nicht bloß auf das, was einem oftmals als besonders Sprechendes, Charakteristisches entgegentönt.
[ 10 ] Da möchte ich ein Beispiel, das zunächst scheinbar persönlich klingen wird, anführen. Ich hatte einmal einen von mir sehr geliebten Geometrielehrer. Es war nicht schwer für ihn, von mir geliebt zu werden, weil ich Geometrie während meiner Knabenzeit außerordentlich liebte. Aber der Lehrer hatte wirklich viel, viel Eigentümliches. Er hatte eine spezifische Begabung in der Geometrie, die faszinierte, trotzdem er sehr leicht auf Menschen, die nicht tiefe Eindrücke von anderen Menschen empfangen können, einen trockenen, nüchternen Eindruck machte. Aber trotzdem er trocken und nüchtern war, konnte man durch die Wirkung, die von ihm ausging, zwar nicht Iyrisch, aber doch außerordentlich künstlerisch berührt sein.
[ 11 ] Nun hatte ich immer das intensivste Bedürfnis, hinter das Geheimnis gerade dieser Lehrerpersönlichkeit zu kommen. Und ich versuchte dann anzuwenden jene Mittel okkulter Forschung, die in solchen Dingen zum Ziele führen können.
[ 12 ] Ich hatte drüben in Torquay schon davon gesprochen und möchte hier nur wiederholen, daß, wenn man vorrückt in der Entwickelung der okkulten Kräfte der Seele, wie ich sie auch hier im Zweigvortrage vor einem Jahre beschrieben habe, und zu dem leeren Bewußtsein kommt, wenn sich dann das leere Bewußtsein erfüllt mit dem, was aus der geistigen Welt heraus tönt, und wenn man dann solche Dinge hinzufügt, wie ich sie heute vormittag dargestellt habe, man schon dahin gelangen kann, Impressionen zu haben, Intuitionen zu haben, die ganz exakt sind wie eine mathematische Wahrheit und die aus gewissen Erscheinungen im gegenwärtigen Leben eines Menschen auf das frühere Leben hinweisen.
[ 13 ] Nun konnte ich durch die ausgezeichneten Geometrie-Absichten, möchte ich sagen, durch die Art und Weise, wie der Lehrer Geometrie behandelte, großes Interesse für diesen Lehrer fassen. Und dieses Interesse blieb mir, und die Persönlichkeit blieb vor mir stehen, blieb vor mir stehen auch, als sie im hohen Alter dann starb. Nur führte mich das Schicksal, nachdem ich die Schule, an der dieser Lehrer wirkte, verlassen hatte, nicht mehr mit dieser Persönlichkeit zusammen. Aber im Geiste, als Realität, stand diese Persönlichkeit bis zu ihrem Tode, und nach ihrem Tode ganz besonders deutlich vor mir, mit allen Einzelheiten ihres Tuns und Treibens.
[ 14 ] Nun ergab sich mir eine Möglichkeit, aus dem gegenwärtigen Leben dieser Persönlichkeit die Intuition für das vorhergehende oder für ihr maßgebendes vorhergehendes Erdenleben zu bekommen aus der Tatsache, daß diese Persönlichkeit einen Klumpfuß hatte, den einen Fuß kürzer hatte, also mit einem kürzeren Fuß ging.
[ 15 ] Wenn man bedenkt, daß beim Übergang von einem Erdenleben in das andere dasjenige, was im vorhergehenden Leben Kopforganisation war, Fußorganisation wird, und das, was vorher Fußorganisation, Gliedmaßenorganisation war, Kopforganisation wird — man kennt das aus meinen früheren Vorträgen —, dann wird man schon einsehen, daß solch ein äußerlich körperlich Auftretendes eine gewisse Bedeutung im Leben des Menschen haben kann, insofern dieses Leben wiederholte Erdendaseine umfaßt. Von diesem Klumpfuß aus konnte ich diese Lehrerpersönlichkeit zurückverfolgen. Und trotzdem sie, ich möchte sagen, als eine unberühmte Persönlichkeit dasteht — aber als eine Persönlichkeit, die in dem Kreise, in dem sie wirkte, wenigstens auf mich und auch auf andere einen intensiven Eindruck machen konnte und auch auf das Leben vieler Menschen in der Tat einen außerordentlich starken Einfluß hatte —, konnte ich verfolgen, wie die Betrachtung dieser Persönlichkeit zurückführte in dieselbe Region der geschichtlichen Entwickelung, wo man auch Lord Byron zu suchen hat.
[ 16 ] Nun hatte Lord Byron auch einen Klumpfuß. Und diese Eigentümlichkeiten — scheinbar äußerlich, aber was in einem Leben äußerlich körperlich ist, ist in einem anderen Leben geistig-seelisch —, diese Eigenschaften, die führten dazu, zu erkennen, daß die beiden Persönlichkeiten, die jetzt nicht im gleichen Erdenleben lebten — mein Geometrielehrer mit dem Klumpfuß lebte später als Byron mit dem Klumpfuß —, daß die in einem früheren Erdenleben miteinander vereinigt waren. Also diese beiden: der eine als der geniale Dichter, der andere als der geniale Geometer, der eine zu weiter Berühmtheit kommend, der andere nur intimen Eindruck auf einzelne Menschen machend, aber schicksalbestimmend für manche Menschen, sie standen nebeneinander im früheren mittelalterlichen Erdenleben. Beide hatten sie miteinander gehört die Legende vom Palladium, das einstmals das Kleinod von Troja war, das heilige Kleinod, das dann mit Äneas herübergekommen ist, dann als Kleinod von Rom angesehen war, an dem das Glück von Rom hing und das dann von dem Kaiser Konstantin hinübergebracht worden ist nach Konstantinopel. Das Glück wiederum, das mit Konstantinopel geschichtlich verbunden war, hing an diesem Palladium. Und die Legende erzählt weiter, prophetisch in die Zukunft schauend: wer dieses Palladium erwirbt, der wird die Weltherrschaft in der Zukunft haben.
[ 17 ] Über das Meritorische und das Inhaltliche dieser Legende mich auszulassen, ist hier keine Veranlassung. Ich will nur sagen, daß diese beiden Menschen, die dazumal im heutigen Rußland inkarniert waren, miteinander die enthusiastische Reise nach dem Palladium, nach Konstantinopel unternommen hatten, dort das Palladium nicht erobern konnten, aber ihren Enthusiasmus im Herzen behielten.
[ 18 ] Und nun konnte man wirklich sehen, wie Byron in anderer Weise das Palladium als Teilnehmer an der griechischen Freiheitseroberung holen wollte. Und wenn man das Leben Lord Byrons durchprüft, wird man schon finden, wieviel bei dieser genialen Dichterpersönlichkeit davon abhing, daß sie eine solche enthusiastische Anregung in einem früheren Erdenleben durchgemacht hatte.
[ 19 ] Und wiederum, wenn ich auf meinen Geometrielehrer zurückschaue: bei all den bescheidenen Eigenschaften, die er hatte, erschien es mir, daß er die reizenden, sympathischen Eigenschaften, die er entwickeln konnte, dieser Unternehmung von dazumal verdankte, wenn er auch an jener damaligen Unternehmung nur in zweiter Linie beteiligt war. Wäre er vollständig gleichbeteiligt gewesen mit Lord Byron, dann wäre er auch im späteren Leben sein Zeitgenosse geworden.
[ 20 ] Dieses Beispiel führe ich an, damit Sie sehen, man muß auf den ganzen Menschen, zum Beispiel auch auf körperliche Fehler schauen, wenn man karmische Zusammenhänge erforschen will. Wenn man da findet, daß irgendeine Persönlichkeit eine hervorragende geistige Signatur in einem bestimmten Erdenleben hat, sagen wir ein großer Maler war, dann darf man nicht etwa daraus abstrakt schließen: das war auch in dem vorigen Erdenleben ein großer Maler. Was an der Oberfläche der Seele auftritt, das sind auch nur die Wellen, die vom Karma erst gewoben werden. Das Karma verfließt viel tiefer und hat es mit Leib, Seele und Geist des Menschen zu tun. Und man muß einen Blick haben für das gesamte Erdenleben.
[ 21 ] Manchmal führt einen bei diesen Eigentümlichkeiten des menschlichen Lebens auf karmische Zusammenhänge die Art, wie jemand seine Finger bewegt, viel mehr, als irgendwie seine sonst maßgeblichen Betätigungsmöglichkeiten im Leben. Ich habe schon die Erfahrung einmal gemacht, daß ich bei einer Persönlichkeit auf intime karmische Zusammenhänge durch etwas Nebensächliches gekommen bin. Es machte mir bei dieser Persönlichkeit, die oft Unterricht zu erteilen hatte, einen tiefen Eindruck, daß sie jedesmal, bevor sie Unterricht erteilte, zuerst das Taschentuch herausnahm und sich die Nase putzte. Er fing niemals anders mit seinem Unterricht an, der betreffende Mann, es war eine tiefgewurzelte Eigentümlichkeit. In dem bedeutsamen Eindruck, den ich davon bekommen habe, konnte man dann eine Intention finden, um zurückzugehen auf wichtige Dinge, auf bedeutungsvolle Dinge im vorigen Erdenleben. Zeichen muß man finden, Zeichen, etwas am Menschen, was oftmals Bedeutsames bezeichnet: dann findet man zurück in die vorigen Erdenleben.
[ 22 ] Nun, nachdem ich Ihnen dies gewissermaßen vor die Seele hingestellt habe, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, wie geschichtlich interessant die Frage nach dem Karma wird. Nehmen Sie nur einzelne konkrete Fälle. Nehmen Sie zum Beispiel den Fall: Im 18. Jahrhundert tritt in einer ganz merkwürdigen Weise Swedenborg auf. Ich habe im vorigen Jahr in Penmaenmawr von einem ganz anderen Standpunkte aus über die geistige Eigentümlichkeit von Swedenborg gesprochen, damals wohl aber sein Karma nicht berührt.
[ 23 ] Swedenborg ist eine merkwürdige Persönlichkeit. Er wird mehr als vierzig Jahre alt und ist bis dahin ein außerordentlich großer, bedeutender Gelehrter, so bedeutend, daß er viele rein wissenschaftliche Schriften schreibt, die die Wissenschafter ganz gelten lassen; so bedeutend, daß jetzt sich noch die schwedische Akademie der Wissenschaften damit beschäftigt, die vielen Bände, die noch nicht herausgegeben sind, die im Nachlaß sind, herauszugeben — rein wissenschaftliche Schriften. Mit der Ausgabe dieser ganz exakt wissenschaftlichen Werke beschäftigt sich zum Beispiel Arrhenius, und man muß schon sagen, da muß etwas im höchsten Grade unspirituell sein, wenn sich Arrhenius dafür interessiert! Also niemand könnte dem Swedenborg nachsagen bis in sein vierzigstes Jahr hinein, daß er irgend etwas mit Spirituellem zu tun gehabt hätte in seinem Erkennen. Dann plötzlich fängt er an — wie die Wissenschafter sagen — verrückt zu werden, fängt plötzlich an, große, umfassende Beschreibungen der geistigen Welt zu geben, wie er sie gesehen hat. Wie etwas ganz Neues, kometenartig, tritt es auf in diesem Swedenborg-Leben. Man frägt sich: Ja, wie muß es da liegen mit einem früheren Erdenleben, daß das so herauskommen kann?
[ 24 ] Wiederum ist eine Persönlichkeit da wie Voltaire — ich will einzelne jetzt anführen, die uns Fragen stellen können —, Voltaire, der auftritt als eine ganz, ich möchte sagen, inkommensurable Persönlichkeit. Man weiß zunächst gar nicht, wie dieser zum Teil spottende, zum Teil pietistisch mit allen Lebenssalben geschmierte Mensch aus seinem Zeitalter herauswächst und wiederum einen so riesigen Einfluß auf sein Zeitalter gewinnt.
[ 25 ] Und wie ironisch wirkt da das Schicksal! Dieser Voltaire übt einen so großen Einfluß auf den preußischen König aus, es spielt sich so Bedeutsames im Schicksale des europäischen Geisteslebens ab durch diese Verbindung des Voltaire mit dem preußischen König! Man bekommt die Frage: Was liegt da eigentlich tiefer in den Hintergründen der historischen Entwickelung vor?
[ 26 ] Und wiederum ein anderer Fall kann aufgeworfen werden, gerade in der heutigen Zeit, wo manches wiederum sehr aggressiv hervortritt aus den Hintergründen des Daseins: Betrachten wir eine solche Persönlichkeit, wie die des im 16. Jahrhundert verstorbenen Ignatius von Loyola, des Begründers der Gesellschaft Jesu, des Jesuiten-Ordens.
[ 27 ] Wenn man das merkwürdige Schicksal des Jesuiten-Ordens nimmt, dann muß man doch die Frage stellen: In welcher Weise lebte, und falls er schon wiederum gekommen ist, lebt in der geschichtlichen Entwickelung Ignatius von Loyola fort, nachdem er für das Erdenleben durch die Pforte des Todes gegangen war?
[ 28 ] Da haben Sie solche Fragen, die, wenn sie beantwortet werden können, doch gewiß geeignet sind, den historischen Hintergrund von manchem zu beleuchten, was geschehen ist.
[ 29 ] Es führte zum Beispiel der intuitive Blick zurück zu einer Seele, die in der Zeit, die nicht lange auf Augustinus folgte, in nordafrikanischen Schulen ausgebildet wurde, ebenso wie Augustinus selbst. Diese Persönlichkeit, von der ich spreche als etwa dem 5. Jahrhunderte der christlichen Zeitrechnung angehörig, sie konnte in Afrika in jenen Schulen, die eben auch der heilige Augustinus durchgemacht hat, bekannt werden mit alldem, was aus der Manichäer-Wissenschaft hervorging, aus dem, was herrührte aus tief orientalischer, aber in der späteren Zeit veränderten Weisheit. Diese Persönlichkeit kam dann in ihrer weiteren Lebenswanderung herüber nach Spanien, nahm da dasjenige in sich auf, was man frühkabbalistische Lehre nennen könnte, kabbalistische Lehre, durch die man große Zusammenhänge in der Weltenordnung überblickt, so daß diese Persönlichkeit in Afrika, in Spanien ausgestattet werden konnte mit einem außerordentlich weiten Blick, aber zu gleicher Zeit mit einer Erkenntnis, die zum Teil schon in der Dekadenz, zum Teil erst im Aufblühen war, die also in einer gewissen Beziehung die Seele vertiefte und auch zu gleicher Zeit unklar ließ.
[ 30 ] Diese Persönlichkeit kam dann, nachdem sie durch die Pforte des Todes gegangen war, vorher aber sich auch auf Reisen herumgetrieben hatte, in der Auswirkung ihres Karmas an einer bestimmten Stelle zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in eine Berührung mit einem besonderen Genius, mit einer besonderen geistigen Wesenheit, die der Marswelt angehört.
[ 31 ] Sehen Sie, es ist ja so, daß der Mensch in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit anderen Menschenseelen, mit denen er karmisch in Verbindung steht, sich sein folgendes Karma, das er sich einverleibt in den folgenden Erdenleben, geistig ausbaut. Aber nicht nur andere Menschenseelen nehmen an dem Ausbau dieses Karma teil, sondern auch Wesenheiten der verschiedenen geistigen Hierarchien, die gerade durch das, was die betreffende Seele herüberbringt aus früheren Erdenleben, Aufgaben bekommen. Und so war denn diese Seele, von der ich hier spreche, durch dasjenige, was sie in früheren Erdenleben, namentlich in dem Erdenleben, das maßgeblich war, das ich eben skizzierend beschrieben habe, aufgenommen, getan, gedacht, empfunden hatte, bei dem karmischen Ausbau des folgenden Lebens in die Nähe einer geistigen Wesenheit gebracht worden, die den Marswelten angehört. Da hatte sie erstens einen stark aggressiven Sinn bekommen, auf der anderen Seite aber auch eine ungeheureSprachgewandtheit, denn aus dem Kosmos heraus wird alles, was jemals in eineSprache eingeht, durch Marswesenheiten präpariert und den Menschen in ihr Karma gelegt. Was an Sprachgewandtheit, Sprachkunst, in des Menschen Karma auftritt, rührt immer davon her, daß die betreffende Persönlichkeit je nach ihren karmischen Erlebnissen in die Nähe von Marswesenheiten gekommen ist.
[ 32 ] Diese Persönlichkeit, von der ich gesprochen habe, diese Individualität, die nun in die Nähe einer besonderen Marswesenheit gekommen war — welche Marswesenheit mich im höchsten Grade anfing zu interessieren, als ich sie im Zusammenhange mit dieser Menschenseele kennenlernte —, diese Individualität erschien dann im 18. Jahrhundert wieder als Voltaire. So daß Voltaire alles das, was ich Ihnen geschildert habe von den nordafrikanischen, spanischen Menschen, aus einem früheren Erdenleben in sich trug, es umgearbeitet so in sich trug, daß die Formung des Karma mit Hilfe dieses Marswesens, dieses besonderen Marsgenius geschehen war. Wenn Sie die große Sprachgewandtheit Voltaires nehmen, wenn Sie seine Haltlosigkeit in vielen Dingen nehmen, wenn Sie nicht so sehr den Inhalt dessen, was er schrieb, als vielmehr die ganze Haltung und den Habitus seines Wirkens nehmen, so werden Sie Stück für Stück begreiflich finden, daß Voltaire so wurde unter den Einwirkungen, die ich Ihnen als seine karmischen Einflüsse eben schilderte. Und wenn man nun sieht, wie sich Voltaire aus früheren Erdenleben herüberlebt mit seinem aggressiven Sinn, mit seiner Sprachgewandtheit, mit seiner Spottsucht über so vieles, mit seiner teilweise verhüllten Unaufrichtigkeit, wiederum aber mit einem großen Enthusiasmus für die weitere Wahrheit, wenn man das auf der einen Seite im Verhältnis mit früheren Erdenleben nimmt, auf der anderen Seite in Zusammenhang bringt mit dieser Marswesenheit, so fängt einen doch sowohl Voltaire, aber noch mehr von einem okkulten Standpunkte aus diese Marswesenheit zu interessieren an.
[ 33 ] Dieser Marswesenheit nachzugehen, wurde für mich zu einer bestimmten Zeit eine bestimmte Aufgabe. Und durch diese Marswesenheit wurde das Folgende wiederum beleuchtet, was Erdenereignisse sind. Uns fällt in der Geschichte die merkwürdige Gestalt des Ignatius von Loyola auf, des Begründers der Gesellschaft Jesu: Ignatius von Loyola, der zunächst Kriegsmann ist, durch eine schwere Krankheit niedergeworfen wird und während dieser schweren Krankheit zu allerlei Seelenexerzitien getrieben wird, durch die er sich mit innerlicher spiritueller Stärke erfüllt, sich die Aufgabe stellen kann, das alte katholische Christentum gegenüber den sich ausbreitenden evangelischen Bestrebungen zu retten. Dieser Ignatius von Loyola, dem es gelingt, in sich selber mit Hilfe derjenigen Kräfte, die er gerade durch sein verwundetes Bein hatte — und das ist das Interessante —, den Jesuiten-Orden zu stiften, der in der stärksten Weise okkulte Willensexerzitien ins praktisch-religiöse Leben überführt, der in einer großartigen Weise im Grunde genommen — wie man sich sonst dazu stellen mag, das kommt gar nicht in Frage —, aber der in einer großartigen Weise auf eine rein materielle Art durch Willenstrainierung die Sache Jesu auf der Erde vertreten will und diesen Jesuiten-Orden stiftet.
[ 34 ] Wer sich einläßt auf das Leben des Ignatius von Loyola, kommt schon zu einer gewissen Bewunderung dieses merkwürdigen Lebens. Und nun faßt man, wenn man gerade mit dem intuitiv-okkulten Blicke die Sache verfolgt, dann ein Bedeutsames auf.
[ 35 ] Durch Ignatius von Loyola ist dieser Jesuiten-Orden entstanden, der das Christentum am meisten einsenkt in das irdisch-materielle Leben, aber es mit starker spiritueller Kraft einsenkt. Dieser Jesuiten-Orden hat ja eine Regel, die den modernen Menschen ganz abstößt, die aber in vieler Beziehung die größte seiner Wirksamkeiten bedeutet. Der Jesuiten-Orden hat außer den gewöhnlichen Mönchsgelübden, außer den Exerzitien, außer alledem, was die werdenden Jesuiten durchmachen müssen, um überhaupt Priester zu werden, auch noch die Regel, daß er sich bedingungslos dem Befehl des römischen Papstes unterwerfe. Was auch der römische Papst fordert, es wird nicht gefragt innerhalb des Jesuiten-Ordens, was man weiter darüber denken soll: es wird ausgeführt, weil man überzeugt ist, daß durch den römischen Papst höhere Dinge sich kundgeben und man im unbedingten Gehorsam gegen Rom den Befehl dieser höheren Macht auszuführen habe. Das ist, wenn auch eine bedenkliche Sache, doch eine Selbstlosigkeit, die im Walten des Jesuitismus vorhanden ist, die aber wiederum eine ungeheure Stärkung der Kraft bedeutet; denn alles, was ein Mensch so tut, daß er es mit ungeheurer Kraftanstrengung und Intensität in einem Dienste tut, nicht aus Emotion heraus, das gibt eine gewaltige Stärke. Diese Stärke bewegt sich sozusagen in der niederen Wolke des Materiellen, ist aber eine spirituelle Kraft. Es ist eben etwas ganz Eigentümliches.
[ 36 ] Und nun kommt man, wenn man diese merkwürdigen, frappierenden, großartigen Erscheinungen verfolgt, darauf, daß dieser selbe Genius vom Mars, von dem ich Ihnen gesprochen habe, der dem Leben Voltaires zugrunde liegt, daß dieser selbe Genius es ist, der aus übersinnlichen Einflüssen heraus das Leben des Ignatius von Loyola begleitet hat von dem Punkte an, wo Ignatius von Loyola durch die Pforte des Todes gegangen ist. Immerfort stand Ignatius von Loyolas Seele unter dem Einflusse dieses Marsgenius.
[ 37 ] Unmittelbar nachdem Ignatius von Loyola durch die Pforte des Todes gegangen war, war es bei ihm ganz anders als bei anderen Menschen. Andere Menschen haben, indem sie ihren Ätherleib nicht sogleich nach dem Tode, aber wenige Tage später ablegen, eine kurze Rückschau auf das Erdenleben, bevor die Wanderung durch die Seelenwelt anzutreten ist. Ignatius von Loyola hatte eine lange Rückschau. Gerade durch diese besondere Art von Exerzitien, die in der Seele des Ignatius von Loyola aufgestoßen sind, entstand nämlich eine besondere intensive Verbindung mit dem Marsgenius, weil eine Art Aktivität, eine Verwandtschaft, eine Wahlverwandtschaft bestand zwischen diesem Marsgenius und dem, was da in der Seele dieses kranken Kriegers vor sich ging, dieses Kriegers, der durch das Fußleiden auf das Bett geworfen war und von einem Krieger zu einem Menschen, der sein Bein nicht benützen konnte, geworden war.
[ 38 ] Das alles hatte eben einen ungeheuer starken Einfluß, und wenn man den Blick auf den ganzen Menschen richtet, so sieht man das ein. Und das führte diesen Ignatius von Loyola in Zusammenhang mit diesem Marsgenius, den ich aber auf dem anderen Wege kennenlernte. Und das, was sich da bildete durch diesen Zusammenhang, das machte es möglich, daß nun für Ignatius von Loyola diese bedeutungsvolle Rückschau gar nicht aufhörte, die sonst die Menschen nur tagelang haben nach dem Tode; sie dauerte immer fort. In dieser Rückschau auf sein Erdenleben verblieb Ignatius von Loyola und konnte dadurch einen rückschauenden Zusammenhang für alle diejenigen übernehmen, die im Jesuiten-Orden nachfolgten. Er blieb verbunden mit seinem Orden in der Rückschau auf sein eigenes Leben.
[ 39 ] In dieser Rückschau des Ignatius von Loyola selber bildeten sich die Kräfte aus, die den Orden zusammenhielten, diese Kräfte, die eben so abnorm waren, daß sie auch die abnormen Schicksale des JesuitenOrdens bedingten: so sich zu stellen unter den unbedingten Gehorsam des Papstes, trotz der Aufhebung des Ordens durch den Papst, trotz den vielen Verfolgungen wiederum! Aber auch das, was die Jesuiten selber in der Welt vollbrachten, das alles wurde durch diesen eigentümlichen Zusammenhang, den ich eben dargestellt habe, herbeigeführt.
[ 40 ] Nun zeigt dieses Beispiel noch etwas anderes, etwas, was geradezu funkelnd Licht verbreitend ist über gewisse historische Zusammenhänge. Sehen Sie, nachdem Ignatius von Loyola gelebt hat, ist er ja eigentlich immer in Erdennähe geblieben, denn man ist in Erdennähe, wenn man diese Rückschau hat. Wenn sich diese Rückschau nun ausdehnt, so kann sie sich ja doch nicht über viele Jahrhunderte ausdehnen, denn eigentlich ist sie, wenn sie sich schon über lange Zeiträume ausdehnt, etwas ganz Abnormes — aber es treten eben immer abnorme Dinge im Weltenzusammenhang ein. Und da erschien verhältnismäßig kurz nach seinem Erdenleben Ignatius von Loyola wieder in der Seele von Emanuel Swedenborg.
[ 41 ] Das ist etwas außerordentlich Frappierendes, aber zugleich auch etwas außerordentlich Aufklärendes. Denn nehmen Sie das funkelnde historische Licht, das da verbreitet wird: Der Jesuiten-Orden bestand weiter; aber derjenige, der ihn zusammengehalten hat bis zu einem gewissen Momente, der war ein ganz anderer geworden, der trat auf als die Individualität des Emanuel Swedenborg, so daß durch Emanuel Swedenborgs Vergeistigung der Jesuiten-Orden von ganz anderen Impulsen geleitet ist, als von denen seines früheren Stifters. Man sieht eben im geschichtlichen Werden die Stifter von irgendeiner Sache, diejenigen Persönlichkeiten, die tief verbunden waren mit einer Sache, wenn man den karmischen Verlauf verfolgt, sich von diesen Bewegungen trennen und diese Bewegungen an ganz andere Kräfte übergehen. So daß man lernt: es hat ja gar keinen historischen Sinn, vom heutigen JesuitenOrden so zu sprechen, daß man ihn zurückführt auf Ignatius von Loyola. Die äußere Geschichte tut das. Das innere Erkennen kann das gar nicht tun, weil man sieht, wie sich die Individualitäten trennen von ihren Bewegungen.
[ 42 ] So wird manche historische Erscheinung nach dem äußeren Verlaufe auf diesen oder jenen Begründer zurückgeführt; kennt man aber das spätere Erdenleben des Begründers, weiß man, daß er sich längst von der Erscheinung, die er historisch begründer hat, getrennt hat, dann verliert die ganze Geschichte für vieles, so wie es dargestellt wird, einfach ihren Sinn, wenn man die okkulten Tatsachen, die dahinterstehen in der karmischen Evolution, wirklich treffen will. Das ist das eine.
[ 43 ] Das andere ist dieses: Es trat nun die Seele des Ignatius von Loyola, des Swedenborg, in einen Organismus, der sich seine Kopfgesundheit, seine ungeheure Kopfgesundheit durch die Beinkrankheit des Ignatius von Loyola errungen hatte im vorigen Leben. Und so konnte zunächst diese Seele, die immer in der Nähe der Erde geblieben war, in den Erdenkörper, der ihr jetzt in Emanuel Swedenborg gegeben war, nicht untertauchen. Der Körper blieb so, daß Emanuel Swedenborg bis in seine Vierzigerjahre hinein nur eben einen außerordentlich gesunden Körper mit einem gesunden Gehirn, einen außerordentlich gesunden Ätherleib mit gesunder Organisation, einen gesunden Astralleib hatte, daß er aber, indem er bei diesen Organisationen die höchste Gelehrsamkeit seiner Zeit entwickelte, erst mit den Vierzigerjahren, nach der Ich-Entwickelung, als er hineinkam in die Entwickelung des Geistselbstes, unter einen Einfluß kam, der nur etwas zurückgedrängt war in den ersten vierzig Jahren des Lebenslaufs des Swedenborg; er kam unter den Einfluß jenes selben Marsgenius, von dem ich schon gesprochen habe; und dieser Marsgenius mit all dem, was er jetzt geistig vom Weltenall weiß, spricht. Denn der war es, der jetzt sprach durch Emanuel Swedenborg.
[ 44 ] Und so tritt der glänzende, großartige, geniale Beschreiber des Geisterlandes — wenn auch in Bildern, die bedenklich sind — in Emanuel Swedenborg auf, indem sich das große spirituelle Wollen des Ignatius von Loyola in dieser Weise umgestaltet.
[ 45 ] Es ist immer so: geht man den konkreten karmischen Zusammenhängen nach, so kommt in der Regel etwas Frappierendes heraus. Dasjenige, was man sehr häufig ausspintisiert über wiederholte Erdenleben, ist eben «ausspintisiert». Die Dinge, wirklich exakt erforscht, ergeben zumeist außerordentlich Frappierendes; denn das, was eigentlich als karmische Evolution sich fortbewegt von Erdenleben zu Erdenleben, das ist im Grunde unter all dem, was der Mensch zwischen Geburt und Tod auslebt, sehr, sehr verborgen.
[ 46 ] Ich wollte Ihnen dieses Beispiel in einer Persönlichkeit, die man gut kennen kann, vorführen, damit Sie sehen können, wie verborgen dasjenige sein kann, was karmisch weiterfließt von Erdenleben zu Erdenleben. Erforscht man dieses Verborgene, dann ergeben sich aber eigentlich erst die wirklichen Erklärungen.
[ 47 ] Sehen Sie sich einmal das Leben des Emanuel Swedenborg an, Sie werden überall Erklärliches über Erklärliches finden, wenn Sie die Zusammenhänge kennen, von denen ich Ihnen gesprochen habe.
[ 48 ] Im Beginne dieses Jahrhunderts war ich ja mehrmals in London. Bei einem dieser Aufenthalte erhielt ich eine gewisse Orientierung, zunächst äußerlich literarisch, über eine außerordentlich bedeutsame Persönlichkeit. Und da damals während der Aufenthalte bei den Reisen doch größere Zwischenzeiten waren, als jetzt sind, ließ ich mir die Bücher aus der Theosophischen Bibliothek geben, die von dieser Persönlichkeit geschrieben sind: von Laurence Oliphant.
[ 49 ] Laurence Oliphant ist ja tatsächlich eine außerordentlich interessante Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, die einem sogleich eben als eine ganz bedeutende entgegentritt, wenn man ihre Bücher studiert. Die Bücher, welche über das Gleichartige in den verschiedenen Religionen handeln, über spirituelle Religionen und so weiter, diese Bücher zeugen alle von einer intensiven Kenntnis Laurence Oliphants des Zusammenhanges des Menschen in seinen verschiedenen Vorgängen, körperlichen und seelischen Vorgängen, mit den Geheimnissen des Weltenalls. Und man bekommt eigentlich, wenn man die Schriften von Oliphant liest, den Eindruck: Hier wird aus tiefen kosmischen Instinkten heraus der Mensch in seinem Erdenleben geschildert. Und wiederum, es werden die Vorgänge des menschlichen Erdenlebens, die zusammenhängen mit Geburt, Embryonalleben, Abstammung und so weiter so geschildert, daß sie in dem Lichte, in dem sie bei Laurence Oliphant erscheinen, zeigen, wie der Mensch als Mikrokosmos im Makrokosmos wunderbar drinnen wurzelt.
[ 50 ] Nun führte mich das Studium von Oliphant sehr bald dazu, die Gestalt des verstorbenen Laurence Oliphant vor mir zu haben, aber viel weniger in solcher Art, daß mir scheinen konnte, man habe es mit der Individualität zu tun, wie sie jetzt lebt nach dem Tode; sondern aus dem Lebendigwerden, aus dem Spirituellwerden dessen, was in diesen, ich möchte sagen, kosmisch-physiologischen, kosmisch-anatomischen Schriften enthalten ist, kam eine nicht gleich ganz klare Gestalt heraus, die bei den verschiedensten Anlässen dann da war. Man konnte okkulte Untersuchungen auf diesem, auf jenem Gebiete machen: diese Gestalt, die ich nicht anders als in Zusammenhang mit dem bringen konnte, was mir aufgestiegen war aus der Lektüre von Laurence Oliphant, diese Gestalt war oftmals da; sie war eben da, sie stand da. Zunächst konnte ich mir oftmals nicht recht Rechenschaft darüber geben, was diese Gestalt wollte, was ihre Manifestationen bedeuten. Aber es zeigte sich eben aus der ganzen Art und Weise, wie diese Gestalt sich darlebte, von der ich genau wußte, sie ist Laurence Oliphants Individualität, daß diese Gestalt ein langes Leben gehabt hatte in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, das heißt eben der Geburt des Laurence Oliphant, wahrscheinlich nur einmal durch ein Erdenleben unterbrochen, das aber nicht sehr bedeutend war für die andere Welt. So daß viel stecken konnte in dieser Persönlichkeit Laurence Oliphant. Kurz, auf eine bedeutsame karmische Frage wies immer dieses Erscheinen der Gestalt des Laurence Oliphant hin.
[ 51 ] Nun war da bei den karmischen Forschungen solch eine geistige Wesenheit aufgetreten, die an der Ausarbeitung von Menschenkarma beteiligt ist, wie diejenige, von der ich Ihnen gelegentlich Voltaires, gelegentlich Ignatius von Loyolas eben gesprochen habe als einem Marsgenius. Solche Genien kann man in der verschiedensten Weise kennenlernen. Solche Genien sind dann namentlich da, wenn es darauf ankommt, Forschungen anzustellen, die nun gerade dahingehen, dasjenige, was dem Menschen zunächst in der Erdenwelt physisch gegeben ist, spirituell zu erforschen.
[ 52 ] Nun lag mir ja das immer nahe. Schon meine «Philosophie der Freiheit», die hier übersetzt ist in «Philosophy of Spiritual activity», führt ja in kosmische Betrachtungen des menschlichen Willenslebens hinein. Es lagen mir solche Dinge immer sehr nahe. Und die Fragen, die jetzt im Bereiche der Aufgaben der anthroposophischen Bewegung stehen, die führen ja, wenn sie sich auch darin nicht erschöpfen, wenn das auch nur ein Teil sein kann, sie führen ja auf karmische Untersuchungen. Und wieder, karmische Untersuchungen führen auf solche Genien, wie dieser Marsgenius ist, von dem ich gesprochen habe. Solche Genien treten einem aber auch entgegen, wenn man solche Forschungen anstellt, welche andeutungsweise von mir besprochen worden sind als demnächst erscheinend in dem Buche, das von Dr. Wegman und mir zusammen ausgearbeitet wird auf medizinischem Gebiete, das jetzt in seinem ersten Teile gedruckt ist. Wenn man in dieser Weise die initiierte Naturerkenntnis sucht, so kommt man in ähnlicher Weise auf Merkurgenien, die namentlich einem deshalb entgegentreten, weil im Karma der Menschen die Merkurgenien eine eigentümliche Rolle spielen. Wenn der Mensch durch das Leben zwischen dem’Tode und einer neuen Geburt geht, so wird er unter dem Einflusse der Mond wesen zuerst geläutert in bezug auf seine moralischen Qualitäten. Durch die Merkurgenien werden seine Krankheiten umgewandelt in spirituelle Qualitäten. So daß der Mensch dasjenige, was er an Krankheiten im Leben durchmacht, durch die Merkurgenien in der Merkursphäre umgewandelt bekommt in spirituelle Energien, Qualitäten. Das ist ein außerordentlich bedeutsamer Zusammenhang.
[ 53 ] Dieser Zusammenhang führt dann aber weiter dahin, gerade nach der Seite, die mit dem Pathologischen irgendwie zusammenhängt, karmische Fragen zu untersuchen. Nun führten mich diejenigen Forschungen, welche ich gerade jetzt in Torquay beschrieben habe, dazu, in einer eingehenderen Weise solch einen Geist, wie Brunetto Latini, den Lehrer Dantes, kennenzulernen.
[ 54 ] Man kann ja dadurch, daß man in diese geistigen Welten auf die geschilderte Weise eindringt, auch Individualitäten gegenüberstehen in der Gestalt, in der sie in einer bestimmten Zeit gelebt haben. Und so kann sich einem interessant gegenüberstellen im 13. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung Brunetto Latini, der große Lehrer Dantes, der noch eine Naturerkenntnis hatte, in der die Natur angesehen wurde nicht in solchen Abstraktionen wie heute in Naturgesetzen, sondern unter dem lebendigen Einflusse eben geistlebendiger Wesenheiten. Und Brunetto Latini, als er zurückkehrte von seinem Posten als spanischer Gesandter, fand ja auf dem Wege zurück nach seiner Heimatstadt Florenz allerlei bedrückende, aufregende Nachrichten, bekam aber außerdem einen leichten Sonnenstich. Und gerade unter diesem Zustande, unter dem Einflusse auch der pathologischen Aufregungen, die er durchmachte, hatte er Einblicke in Naturschaffen, kosmisches Schaffen, Einblicke in den Zusammenhang des Menschen mit der planetarischen Welt, die großartig sind und die, ich möchte sagen, nur wie im Schattenbilde dann untergetaucht sind in das gewaltige Werk der «Commedia» von Dante.
[ 55 ] Aber wenn man nun diesen Brunetto Latini verfolgt, so sieht man, daß in einem entscheidenden Augenblicke, da wo die Erkenntnis ihn erdrücken will, wo es für ihn so scheint, als ob er aus einer wahren Erkenntnis in Irrtum abirren könnte, daß in diesem Momente Ovid sein Führer wird, Ovid, der alte römische Schriftsteller, der die Metamorphosen geschrieben hat, wo er, allerdings in nüchtern römischer Weise, in nüchtern latinischer Weise, großartige Einsichten der alten Griechenzeit aufgenommen hat.
[ 56 ] Nun tritt einem dieser Ovid, die Individualität des Ovid im Zusammenhange mit Brunetto Latini auf. Hat man ihn innerlich ergriffen, diesen Zusammenhang, dann erscheint einem in der Vordanteschen Zeit Brunetto Latini wirklich mit der Individualität des Ovid zusammen. Ovid steht auch da. Und gerade im Zusammenhange mit naturwissenschaftlich-medizinischen Forschungen enthüllte sich dieser Ovid als Laurence Oliphant. Nach diesem langen Leben, zwischen der alten Ovid-Zeit, mit Übergehung des Christentums, nur einmal auf der Erde in einer für die Außenwelt unbedeutenden Inkarnation, in einer weiblichen Inkarnation, erscheint wiederum Ovid, umgesetzt in moderne Zeit in bezug auf seinen Seeleninhalt, als Laurence Oliphant.
[ 57 ] Und nicht nur Brunetto Latini, auch andere Persönlichkeiten aus dem mittelalterlichen Geistesverlauf bringen immer wieder und wiederum vor, daß Ovid ihr Führer war. Das erscheint zunächst wie sich forterlebende Tradition, nicht wahr?
[ 58 ] In Wirklichkeit, meine lieben Freunde, war der reale Ovid der Führer in der geistigen Welt für viele Initiaten, wie er dann als Laurence Oliphant in der großartigen kosmisch-anatomischen, kosmisch-physiologischen Anschauung wieder erschienen ist. Eines, ich möchte sagen, der glänzendsten und aufschlußreichsten Beispiele, ein Beispiel von ungeheurer Tragweite enthüllt sich durch diesen Zusammenhang zwischen Laurence Oliphant und Ovid.
[ 59 ] Über diese Dinge werde ich dann in der nächsten Stunde weitersprechen.
