Supplements to Member Lectures
GA 246
1 February 1911, Bonn
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Supplements to Member Lectures, tr. SOL
35. Menschheitsentwicklung und Geisteswissenschaft
35. Human Development and the Spiritual Science
[ 1 ] Eine Frage, die sich uns heutzutage oft aufdrängt und eine Beantwortung sucht, ist die folgende: Weshalb findet bei einem Teil der Menschen, und zwar nur bei einem kleinen Bruchstück derselben, die Geisteswissenschaft sofort Eingang in ihr Innerstes, wohingegen dieselbe bei dem größten Teil der heutigen Menschheit gleichgültig hingenommen wird, ja oft sogar mit Abscheu zurückgewiesen wird? Um diese Frage nach dem Werte geisteswissenschaftlicher Forschungen klarzustellen, müssen wir uns nicht [nur] ins Gedächtnis rufen, was uns die Geisteswissenschaft über die verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit lehrt, sondern wir müssen uns auch die ganze Entwicklung, der diese sieben Glieder der Menschen durch Jahrtausende hindurch unterworfen sind, vor Augen führen.
[ 1 ] A question that often presents itself to us today and demands an answer is the following: Why does Spiritual Science immediately find its way into the innermost being of a certain segment of humanity—and indeed, only a small fraction of it—whereas the vast majority of people today accept it with indifference, and often even reject it with aversion? To clarify this question regarding the value of spiritual scientific research, we must not [only] recall what Spiritual Science teaches us about the various members of the human being, but we must also keep in mind the entire development to which these seven members of the human being have been subjected over the course of millennia.
[ 2 ] Wenn wir, sagen wir, vor zirka 12000 Jahren diese sieben Glieder der Menschen betrachten könnten, so würden wir gewahr werden, dass dieselben in einer ganz anderen Verbindung untereinander standen, als wie sie es in dem heutigen Entwicklungszustand der Menschen tun. Der Ätherleib des damaligen Menschen war noch nicht so durchzogen mit dem Astralleib, wie es im gegenwärtigen Zeitalter der Fall ist; der Astralleib war noch mehr für sich abgesondert vom Ätherleib, er beeinflusste ihn nicht so, wie er es heute tut, wo er ihn fast gänzlich durchsetzt und dadurch die drei niederen Leiber gleichsam fester zusammenschmiedet, verhärtet. Die Ursache liegt in der Entwicklung des Verstandes, des Intellekts, wodurch das Astralische losgelöst wird, ja, man könnte sagen, das Seelenhafte von sich abstößt. Dadurch, dass die drei unteren Körper sich ineinander verdichten, verhärten, dadurch kann ein Teil der heutigen Menschen, deren ganze Erziehung auf die Ausbildung des Verstandes gerichtet wird, schwer die geistigen übersinnlichen Wahrheiten in sich aufnehmen; dieses ist jedoch ebenfalls eine karmische Folge, und daher können diese Menschen auch beim besten Willen der Geisteswissenschaft kein Interesse abgewinnen. Je tiefer ihr Astralleib sich in den Ätherleib hineingesenkt hat und dieser wieder in den physischen Leib, umso gleichgültiger oder feindlicher stellen sie sich der Geisteswissenschaft gegenüber. Die Folge dieser ganz anderen Zusammensetzung der drei unteren Körper oder Glieder hat auch noch eine besondere Bedeutung, nämlich in Bezug auf das Horoskop des Menschen. Der Mensch als Mikrokosmos steht ja, wie Sie wissen, im engsten Zusammenhang mit den Kräften des Makrokosmos. Das Horoskop, welches man vor Jahrtausenden für den einzelnen Menschen stellte, stimmte mit unfehlbarer Genauigkeit, was seine vier unteren Glieder betraf; doch die Menschheitsentwicklung ist in ewigem Fluss. Und wie wir gesehen haben, ist die Zusammensetzung der verschiedenen Glieder seit jener Zeit eine ganz andere geworden; sie haben eine große Veränderung durchgemacht, sodass sich durch ihre festere Substanz die Zusammenstellung des ganzen Menschen geändert hat. Daher kann für die unteren drei Glieder des Menschen das Horoskop nicht mehr mit absoluter Genauigkeit gestellt werden; nur noch bei den höheren Gliedern, die sich auf das Geistige im Menschen beziehen.
[ 2 ] If we could, say, observe these seven members of the human being about 12,000 years ago, we would realize that they were connected to one another in a completely different way than they are in the current stage of human development. The etheric body of humans at that time was not yet as permeated by the astral body as is the case in the present age; the astral body was still more distinct from the etheric body; it did not influence it as it does today, when it permeates it almost entirely and thereby, as it were, fuses the three lower bodies more firmly together, hardening them. The cause lies in the development of the mind, the intellect, through which the astral is detached—indeed, one might say, the soul-aspect is repelled. Because the three lower bodies are condensing and hardening within one another, some people today—whose entire education is directed toward the development of the mind—find it difficult to take the spiritual, supersensible truths into themselves; this, however, is also a karmic consequence, and therefore these people cannot take an interest in Spiritual Science even with the best of intentions. The deeper their astral body has sunk into the etheric body—and the etheric body, in turn, into the physical body—the more indifferent or hostile they become toward Spiritual Science. This entirely different composition of the three lower bodies—or members—also has a special significance, namely in relation to a person’s horoscope. As you know, the human being as a microcosm stands in the closest connection with the forces of the macrocosm. The horoscope drawn up for individual human beings millennia ago was infallibly accurate as far as their four lower members were concerned; yet human evolution is in a state of perpetual flux. And as we have seen, the composition of the various members has become quite different since that time; they have undergone a great transformation, so that their more solid substance has altered the composition of the whole human being. Therefore, the horoscope can no longer be drawn up with absolute accuracy for the lower three members of the human being; this is now only possible for the higher members, which relate to the spiritual aspect of the human being.
[ 3 ] Wenn wir der Verhärtung dieser drei Glieder, welche in der Zukunft immer mehr zunehmen wird, entgegentreten wollen, so müssen wir unsere Denkgewohnheiten vergeistigen, das heißt uns erfüllen lassen mit den Wahrheiten der Geisteswissenschaft, damit das Denken über übersinnliche Dinge unseren Astralleib wieder freier macht und wir uns durch ihn mit dem Göttlichen verbinden können.
[ 3 ] If we wish to counteract the hardening of these three members—which will only increase in the future—we must spiritualize our habits of thought; that is, we must allow ourselves to be filled with the truths of Spiritual Science, so that thinking about supersensible things may free our astral body once more and enable us to connect with the Divine through it.
[ 4 ] Doch muss hier betont werden, dass es hierbei nicht die Hauptsache ist, sich in das Wissen, in die Theorie allein zu vertiefen, denn nicht das Studium über die Dinge des Übersinnlichen treibt unseren Astralleib zur Verbindung mit dem Göttlichen; das Studium soll uns Mittel zum Zweck sein, denn durch dasselbe soll die Erhabenheit und Weisheit der Gottheit unser Innerstes ergreifen, damit sich unser Herz erwärme und ausfließe in unser Leben, in unsere Taten und in die Liebe zu allen Wesen fließe. Was hilft es uns, wenn wir die Bruderliebe in schönen Worten verkündigen; dieses führt uns nicht zur Geistigkeit, zur Entwicklung unserer Seele. Erfüllen wir aber unsere Seele mit den theosophischen Lehren, so werden wir die Bruderschaft von selbst üben, ohne darüber zu reden. Denn es würde ein Schamgefühl in uns hervorrufen, wenn wir sie so im Munde führen wollten, wie cs heute in vielen Vereinigungen geschieht.
[ 4 ] However, it must be emphasized here that the main point is not merely to immerse oneself in knowledge and theory alone, for it is not the study of supernatural matters that drives our astral body toward union with the Divine; the study should be a means to an end, for through it the sublimity and wisdom of the Deity should take hold of our innermost being, so that our heart may be warmed and overflow into our life, into our deeds, and flow into love for all beings. What good does it do us to proclaim brotherly love with fine words? This does not lead us to spirituality or to the development of our soul. But if we fill our soul with theosophical teachings, we will practice brotherhood of our own accord, without speaking of it. For it would arouse a sense of shame within us if we were to pay mere lip service to it, as happens today in many associations.
[ 5 ] Blicken wir zurück bis in die Zeit des Griechentums, so können wir uns den Gegensatz, der in der Zusammensetzung des heutigen und des damaligen Menschen besteht, so recht vor Augen führen. Damals stand der menschliche Körper eigentlich auf der Stufe seiner höchsten Vollendung; die Pflege desselben gehörte daher auch zur bedeutendsten Lebensfrage. Der Ätherkörper, der Kraftkörper durchdrang und beherrschte den physischen [Körper] fast ausschließlich. Die abgerundeten Formen, die Regelmäßigkeit der Gliedmaßen waren vollendet in ihrer Schönheit; der Verstand, das logische Denken, der Intellekt übte seinen Einfluss noch längst nicht so über den Menschen aus, wie es in unserem heutigen Jahrhundert der Fall ist, weil die Menschheit eben das Hauptgewicht auf die Pflege der physischen Schönheit legte, weil der Astralleib noch wenig in die Materie gedrungen war. Deshalb war diese noch plastischer, umbildungsfähiger, mit anderen Worten, sie war noch nicht so verhärtet, sondern weicher als sie in den Körpern der heutigen Menschen ist, deren Zusammenstellungen durch die Jahrhunderte, Jahrtausende hindurch jetzt ganz andere geworden sind. In ferner Zukunft wird die Menschheitsentwicklung noch wieder andere Menschenkörper hervorbringen; sie werden sich immer mehr verhärten, die Menschen werden hässlicher geboren werden.
[ 5 ] If we look back to the time of ancient Greece, we can truly appreciate the contrast between the constitution of people today and that of people back then. At that time, the human body had actually reached the pinnacle of its perfection; caring for it was therefore one of the most important concerns in life. The etheric body—the body of force—permeated and dominated the physical [body] almost entirely. The rounded forms and the regularity of the limbs were perfect in their beauty; the mind, logical thinking, and the intellect did not yet exert nearly as much influence over human beings as is the case in our present century, because humanity placed the main emphasis on the cultivation of physical beauty, and because the astral body had not yet penetrated deeply into matter. Therefore, the body was still more malleable, more capable of transformation; in other words, it had not yet hardened so much but was softer than it is in the bodies of people today, whose physical constitutions have become entirely different over the course of centuries and millennia. In the distant future, human evolution will bring forth yet other human bodies; they will become increasingly hardened, and people will be born uglier.
[ 6 ] Dahingegen wird die Seele des Menschen eine größere Kraft vom Inneren heraus auf die physischen Formen ausüben können. Die Physiognomie, die Gesten, die Redeweise, sie werden das Seelische im Menschen besser zum äußeren Ausdruck bringen; der Gesichtsausdruck des Menschen wird charaktervoller, ausdrucksvoller werden, dabei wird er das Seelenhafte ausstrahlen. Und die Menschheit wird auch ein längeres Leben dadurch erreichen können, dass die Körperlichkeit sich in einem verhärteten Zustand befindet.
[ 6 ] In contrast, the human soul will be able to exert a greater force from within upon physical forms. Physiognomy, gestures, and manner of speech will better express the soul within a person; a person’s facial expression will become more distinctive and expressive, radiating the essence of the soul. And humanity will also be able to achieve a longer life because the physical body will be in a hardened state.
[ 7 ] Wir können uns dieses letztere durch ein kleines Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir einen jungen, von grünem Lebenssaft strotzenden Baum und setzen wir diesen verschiedenartigen Witterungsverhältnissen aus, so wird dieser viel eher der Unbill des Temperaturwechsels unterworfen sein als ein alter trockener Baum mit verhärteter Rinde. Heute konstatiert schon die Wissenschaft, dass durch die Register der Sterbeziffern der letzten Jahrzehnte sich eine zunehmende Lebensdauer der Menschen erwiesen hat. Im Anschluss hieran könnte noch erwähnt werden, dass der Grund, weshalb mehr Frauen als Männer sich zur Geisteswissenschaft hingezogen fühlen, darin zu suchen ist, dass ihr Gehirn noch weicher, für plastisches Umformen geschickter geblieben ist; es hat sich nicht so den wissenschaftlichen Verstandesübungen und dem Theoriebilden hingegeben, die das letzte Jahrhundert von den Männern gefordert hat.
[ 7 ] We can illustrate this latter point with a simple example. If we take a young tree, brimming with green vitality, and expose it to various weather conditions, it will be much more susceptible to the harsh effects of temperature changes than an old, dry tree with hardened bark. Science has already established that mortality records from the past few decades show an increase in human life expectancy. In connection with this, it might also be mentioned that the reason why more women than men are drawn to the Spiritual Science lies in the fact that their brains have remained more malleable and better suited to plastic reshaping; they have not devoted themselves to the scientific exercises of the intellect and the formation of theories that the last century demanded of men.
[ 8 ] Werfen wir einen Blick auf die Kunst, dann werden wir auch hier wiederum einen Unterschied in Bezug auf das eben Gesagte bemerken. Wenn wir zum Beispiel die verschiedenen Madonnen aus den verschiedenen Zeitepochen betrachten, so fällt uns der große Unterschied sowohl der äußerlichen als auch der innerlichen Wiedergabe ins Auge. Betrachten wir die raffaelischen, die murilloschen Madonnen: Hier strahlt uns überall in der ganzen Figur die Schönheit entgegen. Stellen wir dahingegen daneben die Madonnen von Holbein: Dort sehen wir in ihrer äußeren und inneren Wiedergabe das Charaktervolle, die Frömmigkeit, da tritt zurück die Schönheit, dafür aber das Innere mehr nach außen.
[ 8 ] If we take a look at art, we will once again notice a difference in relation to what has just been said. If, for example, we consider the various Madonnas from different historical periods, the great difference in both their external and internal depiction immediately catches our eye. Consider the Madonnas by Raphael and Murillo: here, beauty radiates from the entire figure. In contrast, let us look at Holbein’s Madonnas: there, in their external and internal depiction, we see character and piety; beauty recedes into the background, while the inner qualities are brought more to the fore.
[ 9 ] Die Menschen unserer heutigen Kulturepoche wollen die alte griechische Kultur teilweise wieder heraufbeschwören in ihren Spielen, in ihren Gewohnheiten. Sie wissen nicht, dass man die Gewohnheiten der alten Zeit nicht in unsere Zeit hineinversetzen kann; sie passen nicht mehr zu der Zusammenstellung unserer Körper, sie sind für uns nicht zeitgemäß, weil unsere Körper anders geworden sind.
[ 9 ] People in our current cultural era want to partially revive ancient Greek culture in their games and customs. They do not realize that the customs of ancient times cannot be transplanted into our own; they no longer fit the constitution of our bodies, and they are no longer appropriate for us because our bodies have changed.
[ 10 ] So entwickelt sich alles in der ganzen Menschheit hin zu einem bestimmten Ziel. Und damit wir uns wieder herüberretten können zum Geiste, ist uns gegeben worden die große, gewaltige kosmische Strömung, die wir den Christus-Impuls nennen. Auch das Horoskop des Christus kann nicht durch die Sternengesetze festgestellt werden. Er ist nicht dann gekommen, wo er nach der Sternenschrift am Himmel hätte kommen müssen; denn wäre er da gekommen, so hätte die Menschheit ihn blindlings aufgenommen -, es wäre alles nach vorgeschriebenen Gesetzen verlaufen. Automatenhaft, ohne inneren Drang hätten die Menschen den Christus empfangen. Er ist aber gekommen, als die Menschheit um eine ganze Entwicklungsperiode weiter war, um so viel weiter, als sie später immer tiefer in die Materie versunken ist; dann, in der Zeit ist er gekommen, als die Menschen durch die luziferischen Versuchungen Unterscheidungen machen konnten durch eigene Erkenntnisse und Erfahrungen zwischen Gut und Böse. Da durchbrach der Christus die vorgeschriebenen Gesetze: Es sollten die Menschen keine Automaten werden. Sie sollten aus eigener Kraft an ihn glauben, damit durch den Glauben an ihn die geistige Welt ihnen wieder zurückgegeben werden könne. Er hätte auch nicht später kommen dürfen, denn dann wäre es nicht mehr möglich gewesen, dass die Menschen sich noch hätten aufraffen können. Unmöglich hätten sie noch an ihn glauben können. Die an ihn glaubten, waren ja auch nur ein kleines Häuflein Menschen, diese ersten Christen.
[ 10 ] Thus, everything in all of humanity is evolving toward a specific goal. And so that we may save ourselves and return to the Spirit, we have been given the great, mighty cosmic current that we call the Christ impulse. Even the horoscope of the Christ cannot be determined by the laws of the stars. He did not come when, according to the celestial script in the heavens, He should have come; for if He had come then, humanity would have accepted Him blindly—everything would have proceeded according to prescribed laws. People would have received the Christ mechanically, without any inner impulse. But He came when humanity had advanced by an entire period of development—so much further than it later sank ever deeper into matter; He came at a time when, through the Luciferic temptations, people were able to distinguish between good and evil through their own insights and experiences. Thus, the Christ broke through the prescribed laws: people were not to become automatons. They were to believe in him of their own accord, so that through faith in him the spiritual world might be restored to them. Nor could he have come any later, for then it would no longer have been possible for people to muster the strength to do so. It would have been impossible for them to believe in him. Those who believed in him were, after all, only a small handful of people—these first Christians.
[ 11 ] Und dieser Christus soll nun so in uns weiterleben und wirken, wie Paulus es in seinen Worten zum Ausdruck bringt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Je mehr wir uns mit ihm erfüllen, umso mehr werden wir uns durch ihn vereinigen können mit der geistig-göttlichen Welt.
[ 11 ] And this Christ is now to continue to live and work within us, as Paul expresses it in his words: “Not I, but Christ in me.” The more we become filled with him, the more we will be able to unite ourselves through him with the spiritual-divine world.
Es leuchten gleich Sternen
Am Himmel des ewigen Seins<
Die gottgesandten Geister.
Gelingen mög? es allen Menschenseelen
Im Reich des Erdenwerdens
Zu schauen ihrer Flammen Licht.
They shine like stars
In the sky of eternal being<
The spirits sent by God.
May all human souls
In the realm of earthly existence
Be able to behold the light of their flames.
