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Supplements to Member Lectures
GA 246

6 June 1911, Copenhagen

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Supplements to Member Lectures, tr. SOL
  1. Nachträge zur Abteilung Mitgliedervorträge

42. Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit II

42. The Spiritual Guidance of Humanity II

[ 1 ] In den nächsten Vorträgen möchte ich Ihnen über einen Gegenstand sprechen, welcher dem Menschen wichtig ist sowohl in Bezug auf das gewöhnliche, alltägliche Leben, wichtig ist auch für jene Ausnahmefälle des Lebens, wo uns das Schicksal ganz besondere Prüfungen aufzuerlegen scheint, wichtig auch für alles das, was wir das «höhere Leben» nennen, die Entwicklung der menschlichen Seele in die geistigen Welten hinein. Denn alles - das regelmäßige und das abnorme Leben des Tages und das höhere Leben in die geistigen Welten hinein — weist uns zuletzt auf etwas hin, was wir im umfassendsten Sinne nennen können: die geistige Führung des Menschen und auch der ganzen Menschheit.

[ 1 ] In the next few lectures, I would like to speak to you about a subject that is important to human beings both in relation to ordinary, everyday life and in those exceptional circumstances of life where fate seems to impose very special trials upon us; it is also important for everything we call the “higher life”—the development of the human soul into the spiritual worlds. For everything—the regular and the extraordinary aspects of daily life, as well as the higher life extending into the spiritual worlds—ultimately points us toward something we can call, in the broadest sense, the spiritual guidance of the individual and of all humanity.

[ 2 ] Es ist in unserer Zeit nicht gerade ganz leicht, sich völlig verständlich zu machen, wenn von dieser geistigen Führung des Menschen geredet werden soll. Denn wir leben nun einmal in einem Zeitalter, in dem der Mensch sogar nicht einmal sehr gern hört, dass er «geführt» werde und dass es zum Wesen des Menschen gehöre, sich einer «Führung», gleichsam einer höheren Gewalt zu unterstellen. Ein «Führer» in Bezug auf dieses oder jenes möchte heute der Mensch nur allzu gern sein, ein Führer - aber ein «Geführter»? Das scheint zu verstoRen gegen alles, was der Mensch heute denkt über seine Würde, über seine Selbstständigkeit und seine Freiheit. Dennoch aber gibt es ein sehr einfaches Selbstexperiment für die menschliche Seele, aus dem mit voller Klarheit zunächst hervorgehen kann, wie der Mensch einer, wenn wir auch zunächst sagen müssen «unbekannten» Führung untersteht.

[ 2 ] In this day and age, it is not exactly easy to make oneself fully understood when discussing this spiritual guidance of humankind. For we live in an age in which people do not even like to hear that they are “guided” and that it is part of human nature to submit to “guidance,” as it were, to a higher power. People today would all too gladly be a “leader” in this or that regard—a leader—but someone who is “led”? That seems to run counter to everything people today think about their dignity, their independence, and their freedom. Nevertheless, there is a very simple self-experiment for the human soul, from which it can initially emerge with complete clarity how a person is subject to a guidance that, even if we must initially call it “unknown.”

[ 3 ] Dieses einfache Experiment besteht darin, dass man öfter in seinem Leben, wenn man immer älter und älter wird, ein wenig Rückschau hält auf dasjenige, was man erlebt und getan hat, zurückdenkt ein wenig auf dasjenige, was man vielleicht in seiner Jugend getan hat, was man in einem späteren Lebensalter getan hat, getan hat oder gesprochen hat, wie man dieses oder jenes Ereignis, das einen betroffen hat, aufgefasst hat und so weiter. Wenn man darüber einmal nachdenkt, öfter nachdenkt, immer nachdenkt, wenn wieder ein paar Jahre verflossen sind, dann kann man eine merkwürdige Entdeckung machen. Diese Entdeckung macht nicht etwa bloß der Mensch, der so im gewöhnlichen Leben drinnen steht, sondern in einem noch viel höheren Maße macht sie jener Mensch, der schon ein wenig geistige Entwicklung durchgemacht hat. Und in einem noch höheren Maße macht dieselbe Erfahrung sogar der Eingeweihte. Eine merkwürdige Entdeckung machen wir da. Wenn wir uns so fragen: Was hast du in dieser oder jener Zeit deines Lebens getan oder gesprochen? - Dann stellt sich sehr häufig heraus, dass man eine ganze Menge Dinge gemacht hat- man kommt schon auf solche Dinge -, die man eigentlich erst jetzt versteht. Da hat man vor sieben oder acht Jahren oder vielleicht vor zwanzig, einundzwanzig Jahren Dinge getan, von denen man jetzt ganz genau weiß: Jetzt reicht eigentlich erst dein Verstand so weit, dass du die Dinge verstehen kannst, die du damals getan hast!

[ 3 ] This simple experiment involves, as you grow older and older, taking the time more often in your life to reflect a little on what you have experienced and done, to think back a bit on what you may have done in your youth, what you did or said later in life, how you perceived this or that event that affected you, and so on. If one thinks about this—thinks about it more often, thinks about it constantly—once a few more years have passed, one can make a remarkable discovery. This discovery is not made merely by the person who is immersed in ordinary life, but to an even greater extent by the person who has already undergone some spiritual development. And to an even greater extent, the initiated person makes the same experience. We make a curious discovery here. When we ask ourselves: What did you do or say during this or that period of your life?—it very often turns out that we’ve done a whole host of things—we do indeed come across such things—that we actually only understand now. Seven or eight years ago, or perhaps twenty or twenty-one years ago, one did things about which one now knows quite precisely: “Only now has your understanding actually reached the point where you can comprehend the things you did back then!”

[ 4 ] Viele Menschen machen solche Selbstentdeckungen nicht, weil sie nicht darauf ausgehen. Aber es ist außerordentlich wichtig, dass der Mensch öfter eine solche Einkehr hält. Denn von einem solchen Moment, wo der Mensch darauf kommt: Du hast eigentlich in früheren Jahren Dinge getan, die du jetzt erst anfängst zu verstehen; damals war dein Verstand noch nicht reif, um die Dinge zu verstehen; damals hast du sie getan, sogar von ihnen gesprochen.

[ 4 ] Many people do not make such self-discoveries because they do not seek them out. But it is extremely important for people to take time for such introspection more often. Because there comes a moment when a person realizes: You actually did things in earlier years that you’re only now beginning to understand; back then, your mind wasn’t yet mature enough to understand those things; back then, you did them—and even talked about them.

[ 5 ] Von einem solchen Moment, wo man solche Entdeckungen macht, geht etwas aus wie die Empfindung in der menschlichen Seele: Man fühlt sich wie geborgen durch eine gute Macht, die durch einen hindurchwaltet. Man fängt an, immer mehr und mehr Vertrauen zu gewinnen zu der Tatsache, dass man eigentlich im höchsten Sinne des Wortes doch nicht allein ist in der Welt und dass das, was man versteht, was man kann, im Grunde genommen nur ein kleiner Teil dessen ist, was man zu vollbringen hat in der Welt.

[ 5 ] In such a moment, when one makes such discoveries, something emanates from the human soul: one feels as if one is protected by a benevolent power that flows through one. One begins to gain more and more confidence in the fact that, in the highest sense of the word, one is not alone in the world after all, and that what one understands and what one is capable of is, in essence, only a small part of what one has to accomplish in the world.

[ 6 ] Man kann, wenn man die Beobachtung öfter macht, etwas, was ja theoretisch sehr leicht einzusehen ist, zu einer vollen Lebenspraxis erheben. Theoretisch leicht einzusehen ist: Wenn alles, was der Mensch machen muss, damit er leben kann, seinem eigenen Verstande, seiner eigenen Intelligenz überlassen wäre, so würde er gar nicht weit kommen - wirklich gar nicht weit. Denn wir brauchen uns diese Frage theoretisch nur in folgender Weise zu beantworten: Wann macht der Mensch eigentlich an sich selber die künstlerischsten Taten? Wann handelt er am allerweisesten an sich selber? Das tut er ungefähr bis zu dem Zeitpunkte, bis zu dem er sich noch zurückerinnern kann, wenn er im späteren Leben zurückblickt auf die verflossenen Jahre. Wenn Sie zurückblicken auf das, was sich vor drei, vier, fünf Jahren und so weiter zugetragen hat, so kommen Sie mit Ihrem Gedächtnis bis zu einem gewissen Punkt; weiter geht es nicht. Dann können Ihnen die Eltern oder die, welche bei Ihrem früheren Leben dabei waren, erzählen, was Sie als Kind vollbracht haben; aber die eigene Erinnerung reicht nur bis zu einem gewissen Punkt zurück. Das ist auch der Zeitpunkt, wo der Mensch gelernt hat, sich als ein Ich zu fühlen. Bei den Menschen, die sich im normalen Leben zurückerinnern, ist dies im Alter von drei oder dreieinhalb Jahren der Fall. Vor dieser Zeit aber hat die menschliche Seele am Menschen selbst die allerweisesten Dinge getan, und niemals kann der Mensch später, wenn er zu seinem Bewusstsein kommt, so Großartiges und Gewaltiges an sich selber leisten, als er in den allerersten Jahren seiner Kindheit im Unbewussten vollzieht. Denn wir wissen, dass wir durch unsere Geburt in den physischen Plan hineintragen, was wir uns mitgebracht haben als die Früchte der früheren Inkarnationen. Und wenn wir geboren werden, ist unser äußeres Gehirn zum Beispiel noch ein sehr unvollkommenes Instrument. Da muss nun des Menschen Seele hineinarbeiten die feineren Gliederungen. Aber während dieser Zeiten muss nicht nur das geschehen, dass wir unser Gehirn plastisch fein ausarbeiten müssen, sondern wir lernen auch drei der wichtigsten Dinge, bevor wir zum Bewusstsein kommen. Als Erstes lernen wir unsere eigene Körperlichkeit im Raume orientieren. Was damit gesagt ist, beachtet der heutige Mensch gar nicht ordentlich; denn darin liegt einer der wesentlichsten Unterschiede des Menschen vom Tier, indem das Tier von vorn herein bestimmt ist, seine Gleichgewichtslage im Raume zu entwickeln. Das eine Tier ist ein Klettertier, das andere ein Schwimmtier und so weiter. Das Tier ist von vornherein so organisiert, dass es sich in richtiger Weise in den Raum hineinsetzt, und das ist bis hinauf zu den menschenähnlichsten Säugetieren der Fall.

[ 6 ] If one makes this observation frequently, one can elevate something that is, in theory, very easy to understand into a way of life. It is theoretically easy to see: If everything a person must do in order to live were left to his own reason, to his own intelligence, he would not get very far—truly not very far at all. For we need only answer this question theoretically in the following way: When does a person actually perform the most artistic acts in relation to himself? When do they act with the greatest wisdom toward themselves? They do so roughly up to the point that they can still recall when, later in life, they look back on the years gone by. When you look back on what happened three, four, five years ago, and so on, your memory takes you only so far; it doesn’t go any further. Then your parents or those who were present during your earlier life can tell you what you accomplished as a child; but your own memory only goes back to a certain point. This is also the point at which a person has learned to feel themselves as an “I.” For people who can recall their past in normal life, this occurs at the age of three or three and a half years. Before this time, however, the human soul has accomplished the wisest of deeds within the person themselves, and never later, when they come to consciousness, can a person achieve anything as magnificent and powerful within themselves as what they accomplish unconsciously in the very earliest years of their childhood. For we know that through our birth we bring into the physical plane what we have brought with us as the fruits of previous incarnations. And when we are born, our external brain, for example, is still a very imperfect instrument. The human soul must now work within it to develop its finer structures. But during this time, it is not only necessary for us to finely shape our brain in a malleable way; we also learn three of the most important things before we come to consciousness. First, we learn to orient our own physicality in space. Modern humans do not pay proper attention to what this implies; for therein lies one of the most essential differences between humans and animals, in that animals are predetermined from the outset to develop their equilibrium in space. One animal is a climber, another a swimmer, and so on. Animals are organized from the outset in such a way that they position themselves correctly within space, and this is true even of the mammals most similar to humans.

[ 7 ] Wenn die Zoologen über dieses Faktum nachdenken würden, so würden sie weniger betonen, dass zum Beispiel Mensch und Tier so und so viele gleichartige Muskeln haben und so weiter, denn so etwas kommt viel weniger in Betracht als die Tatsache, dass der Mensch nicht von vornherein seine Gleichgewichtslage mitbekommt; denn die muss er sich erst selbst verschaffen. Es ist ungeheuer bedeutungsvoll, dass der Mensch an sich selbst arbeiten muss, um sich aus einem Wesen, das am Boden kriecht, zu einem solchen zu machen, das aufrecht gehen kann. Der Mensch ist es selbst, der sich seine vertikale Lage, seine Gleichgewichtslage im Raum gibt, der sich in ein Verhältnis zur Schwerkraft bringt.

[ 7 ] If zoologists were to reflect on this fact, they would place less emphasis on the fact that, for example, humans and animals have such-and-such a number of similar muscles and so on, because such considerations are far less significant than the fact that humans are not born with a natural sense of balance; rather, they must first achieve it on their own. It is immensely significant that humans must work on themselves to transform themselves from a creature that crawls on the ground into one that can walk upright. It is humans themselves who establish their vertical position, their state of balance in space, and who place themselves in relation to gravity.

[ 8 ] Ich kann dies hier nur andeuten und weiß sehr wohl, dass manches von zoologischer Seite gegen solche Dinge eingewendet wird, und das geschieht auch heute. Aber in Zukunft werden auch die Zoologen finden, dass cs richtig ist, dass sich der Mensch [selbst] im Laufe seiner ersten Kindheit seine Gleichgewichtorganisierung gegenüber der Schwerkraft verschafft.

[ 8 ] I can only hint at this here, and I am well aware that zoologists have raised objections to such ideas—and continue to do so today. But in the future, even zoologists will find that it is correct that human beings [themselves] develop their balance in relation to gravity during early childhood.

[ 9 ] Das Zweite, was der Mensch selber sich lehrt - wirklich aus jener Individualität heraus, die von Inkarnation zu Inkarnation, von Verkörperung zu Verkörperung geht -, ist die Sprache, durch die er die Wahrheit von seinen Mitmenschen erfährt und selber ausdrücken kann. Diejenigen Pädagogen, die tiefer hineinsehen in das menschliche Getriebe, wissen sehr gut, dass ein Mensch, der hinausversetzt würde auf eine einsame Insel und nicht mit anderen Menschen zusammen wäre, die Sprache nicht lernen würde. Was wir ererbt erhalten, was eingepflanzt ist für spätere Jahre, sodass es den Vererbungsprinzipien unterliegt, das hängt nicht davon ab, dass der Mensch mit seinen Mitmenschen zusammen ist. Wir sind zum Beispiel von vorneherein durch die Vererbungsverhältnisse dazu veranlagt, im siebenten Jahre die Zähne zu wechseln. Da können wir draußen auf einer einsamen Insel sein; wenn wir nur die Möglichkeit haben aufzuwachsen, werden wir die Zähne schon wechseln. Sprechen aber lernen wir nur, wenn unser Seelenwesen als solches angeregt wird; wenn das angeregt wird, was wir von Leben zu Leben tragen. Wir müssen in jener Zeit den Keim für unsere Kehlkopfentwicklung formen, wo wir noch nicht unser Ich-Bewusstsein haben. Vor der Zeit, bis zu der wir uns zurückerinnern, müssen wir den Keim legen zur Formung unserer Kehlkopfentwicklung, sodass unser Kehlkopf ein Sprachorganismus werden kann.

[ 9 ] The second thing that human beings teach themselves—truly from that individuality which passes from incarnation to incarnation, from embodiment to embodiment—is language, through which they learn the truth from their fellow human beings and can express it themselves. Those educators who look more deeply into the workings of the human mind know very well that a person who were transported to a deserted island and were not together with other people would not learn language. What we inherit, what is implanted for later years so that it is subject to the principles of heredity, does not depend on a person being together with their fellow human beings. For example, we are predisposed from the very beginning, through hereditary factors, to lose our baby teeth in the seventh year. We could be out on a deserted island; as long as we have the opportunity to grow up, we will lose our baby teeth. But we learn to speak only when our soul being as such is stimulated—when that which we carry from life to life is awakened. We must form the seed for the development of our larynx during that period when we do not yet have our sense of self. Before the time we can recall, we must lay the seed for the formation of our larynx so that it can become a speech organ.

[ 10 ] Und dann gibt es ein Drittes, von dem es weniger bekannt ist, dass es der Mensch durch sich selbst lernt, durch das, was in seinem Innern von Inkarnation zu Inkarnation lebt: Das ist das Leben in Gedanken selber. Wir machen uns deshalb an die Bearbeitung des Gehirns, weil das Gehirn das Werkzeug des Denkens ist. Das Gehirn ist zuerst deshalb so unplastisch, weil der Mensch es erst formt und weil es das Instrument seines Denkens ist, das heißt desjenigen Lebens, welches das Leben des Menschen auf der Erde sein kann; denn der Mensch muss mit seinen Mitmenschen in Gedanken leben, dann lebt ererstin Wahrheit. Und würde sein Gedankenleben verkümmert werden, so würde das Menschenleben nicht das vollständige auf der Erde sein.

[ 10 ] And then there is a third aspect, about which it is less well known, that human beings learn through themselves, through what lives within them from incarnation to incarnation: This is life in thought itself. We therefore set about working on the brain because the brain is the instrument of thought. The brain is initially so inflexible because human beings must first shape it, and because it is the instrument of their thinking—that is, of the life that human life on Earth can be; for human beings must live with their fellow human beings in thought, and only then do they truly live. And if their life of thought were to wither away, human life on Earth would not be complete.

[ 11 ] Warum können wir so viel lernen in den allerersten Jahren unseres Lebens? Wir könnten wirklich, wenn es auf unsere Klugheit ankäme, das nicht vollbringen, was wir ohne unsere Klugheit in unserer ersten Lebenszeit vollbringen, was wir noch aus dem Unbewussten heraus — aber nicht minder aus unserer Seele, aus unserer Individualität heraus - in den allerersten Jahren vollbringen. Warum können wir das alles? Nun, wir können es aus dem Grunde, weil wir in den ersten Jahren unseres Lebens mit unserer Seele, mit unserer ganzen Individualität viel mehr angeschlossen sind an die geistigen Welten der höheren Hierarchien als später. Für den Hellseher, der eine geistige Entwicklung durchgemacht hat, sodass er die wirklichen geistigen Vorgänge verfolgen kann, tritt mit dem Zeitpunkte, wo der Mensch sein Ich-Bewusstsein erlangt hat, etwas ungeheuer Bedeutungsvolles ein. Während das, was wir die «kindliche Aura» nennen, in den ersten Lebensjahren wie eine wunderbar goldige, menschlich-übermenschliche Intelligenz das Kind umschwebt, [und zwar] so umschwebt, dass diese kindliche Aura, der eigentliche höhere Teil des Menschen, überall seine Fortsetzung in die geistige Welt hinein hat, dringt in jener Zeit, wo das Kind lernt, zu sich «Ich» zu sagen, diese Aura mehr in das Innere hinein.

[ 11 ] Why are we able to learn so much in the very first years of our lives? If it depended solely on our intelligence, we truly could not accomplish what we accomplish in our early years without relying on it—what we accomplish in those very first years, still drawing from the unconscious, yet no less from our soul and our individuality. Why are we able to do all this? Well, we are able to do it because, in the first years of our lives, we are much more closely connected through our soul—through our entire individuality—to the spiritual worlds of the higher hierarchies than we are later on. For the clairvoyant who has undergone spiritual development to the point of being able to observe the actual spiritual processes, something of immense significance occurs at the moment when a human being attains self-consciousness. While what we call the “childlike aura” hovers around the child in the first years of life like a wonderfully golden, human-superhuman intelligence—[indeed] in such a way that this childlike aura, the actual higher part of the human being, extends everywhere into the spiritual world, at the time when the child learns to say “I” to itself, this aura penetrates deeper into the inner self.

[ 12 ] Der Mensch lernt, sich als Ich zu empfinden, als Ich zu erkennen, indem das, was früher an die höheren Welten angeschlossen ist, in sein Ich hineingeht. Von da ab lernt er alles durch sein Bewusstsein, lernt überall sich selber in Verbindung zu bringen mit der Außenwelt. Das hat er früher nicht getan. Früher waren die Dinge so, als wenn sie wie eine wunderbare Traumwelt über ihm schwebten. Aber er wirkte auch aus dem Geiste herein, wirkte so tief in seine Körperlichkeit herein, dass er sein Gehirn aus dem Geiste heraus formen konnte. Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht, dass man nicht mit Unrecht sagt: «Von einem Kinde kann auch der Weiseste noch lernen.» - Größte Meister können von Kindern lernen. Warum? Weil man - wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf - an dem, was das Kind umgibt als Aura, etwas wie einen «Telefonanschluss» nach den geistigen Hierarchien hat, nach der geistigen Welt. Da strömt aus den geistigen Welten etwas ein in die kindliche Aura, in den Menschen, und der Mensch ist da unmittelbar als einzelnes Wesen unterstehend der Führung der ganzen geistigen Welt. Die geistigen Kräfte aus der ganzen geistigen Welt strömen in den Menschen ein. Sie sind es, die ihn aufstellen, die ihn so weit bringen, dass er die Schwerkraft überwindet; sie sind es, die seinen Kehlkopf formen, die sein Gehirn so formen, dass es ein lebendiges Glied für Gedanken, Empfindungen und Moralität wird. Da arbeitet die ganze geistige Welt in den Menschen herein.

[ 12 ] Human beings learn to perceive themselves as an “I,” to recognize themselves as an “I,” as that which was previously connected to the higher worlds enters into their “I.” From that point on, they learn everything through their consciousness and learn to connect themselves with the outside world in every situation. They did not do this before. In the past, things were as if they hovered above him like a wondrous dream world. But he also acted from the spirit inward, acting so deeply into his physicality that he could shape his brain from the spirit. I have already pointed out that it is not without reason that people say: “Even the wisest person can still learn from a child.”—The greatest masters can learn from children. Why? Because—if I may use the trivial expression—in what surrounds the child as an aura, there is something like a “telephone line” connecting it to the spiritual hierarchies, to the spiritual world. Something flows from the spiritual worlds into the child’s aura, into the human being, and the human being is thereby immediately, as an individual being, subject to the guidance of the entire spiritual world. The spiritual forces from the entire spiritual world flow into the human being. It is these forces that raise him up, that bring him to the point where he overcomes gravity; it is these forces that shape his larynx, that shape his brain so that it becomes a living organ for thoughts, feelings, and morality. Thus, the entire spiritual world works its way into the human being.

[ 13 ] Das ist dieselbe Welt, aus der das kommt, das wir auch später empfinden, wenn wir so vor der Tatsache stehen: Manchmal sagst du Besseres, als du eigentlich nach deinem Verstande, nach deiner Klugheit sagen kannst, sagst etwas, was du selber kaum verstehen kannst!

[ 13 ] This is the same world from which comes what we also feel later on when we are confronted with this reality: Sometimes you say things that are better than what you could actually say based on your reason and wisdom—you say something that even you yourself can hardly understand!

[ 14 ] Dann fühlt man so recht: Als man mit der Geburt hereingetreten ist in die physische Welt, war man noch nicht so ganz. entlaufen der Welt, die man verlassen hat mit dem Eintreten in das physische Dasein, [man] war noch mit ihr verbunden. Dann tritt das, was man als ein Stück Geistigkeit hat, in unsere leibliche Gestalt herein und folgt uns. Aber oft ist es so, dass wir fühlen: Was in uns gelegt ist, ist nicht nur ein höheres Selbst, das nach und nach ausgebildet werden soll, sondern das ist etwas, was schon da ist und uns oftmals dazu bringt, dass wir über uns selber hinauswachsen.

[ 14 ] Then one truly feels: When one entered the physical world at birth, one had not yet completely slipped away from the world one had left behind upon entering physical existence; [one] was still connected to it. Then what we possess as a part of our spiritual nature enters our physical form and follows us. But we often feel that what is within us is not merely a higher self that is to be gradually developed, but rather something that is already there and often leads us to rise above ourselves.

[ 15 ] Wir werden im Verlaufe dieser Vorträge sehen, dass dies, was uns da in der ersten Kindheit umschwebt und dann hereintritt in den Menschen, später noch in einem sehr merkwürdigen Verhältnis steht zu unserm Leibe und unserm ganzen äußeren Menschen. Alles, was der Mensch hervorbringen kann an Idealen, an künstlerischen Sachen, aber auch alles, was er hervorbringen kann an naturgemäßen Heilkräften im eigenen Leibe, das kommt nicht von dem gewöhnlichen Verstande, sondern von den tieferen Kräften, die in den ersten Jahren arbeiten an unserer Aufstellung, an der Prägung des Kehlkopfes; denn es sind dieselben Kräfte, die später noch in uns sind, zum Beispiel, wenn wir sagen: Äußere Kräfte können uns jetzt nicht mehr helfen; da muss unser eigener Leib die tieferen Heilkräfte hervorholen, die unten in der Tiefe unserer Organisation schlummern.

[ 15 ] In the course of these lectures, we will see that what surrounds us in early childhood and then enters into the human being later on stands in a very remarkable relationship to our body and our entire outer being. Everything a person can produce in the way of ideals and artistic creations, but also everything they can produce in the way of natural healing powers within their own body, does not come from ordinary intellect, but from the deeper forces that work in the early years to shape our constitution and form the larynx; for these are the same forces that remain within us later on—for example, when we say: “External forces can no longer help us now; our own body must draw forth the deeper healing powers that lie dormant deep within our organism.”

[ 16 ] Und weiter kommen uns von dort her auch die besten Kräfte, wenn wir hinaufgehen wollen in die geistige Welt und unsere Seele zu einem Hellseherorgan machen wollen.

[ 16 ] And it is also from there that the greatest powers come to us when we wish to ascend into the spiritual world and transform our soul into a clairvoyant organ.

[ 17 ] Jetzt kann eine Frage sehr naheliegen: Warum bleibt denn höchstens drei bis dreieinhalb Jahre dieses, was wir an höheren Kräften hereinleuchten haben in unseren Leib, warum will es denn dann anders?

[ 17 ] Now a question may naturally arise: Why does this light that we have received from higher powers remain in our bodies for no more than three to three and a half years—why, then, does it want things to be different?

[ 18 ] Die eine Hälfte der Antwort können Sie sich leicht geben; denn sie liegt in Folgendem. Wenn jene höheren Kräfte in derselben Weise weiterwirkten, würden wir immer Kinder bleiben, würden wir nicht zum Ich-Bewusstsein kommen. Es muss hineingehen, was vorher von außen gewirkt hat. Aber es gibt einen bedeutungsvolleren Grund, der uns noch mehr aufklären kann als das eben Gesagte über die Geheimnisse des Menschenlebens, und das ist Folgendes. Durch die theosophischen Mittel, welche Sie aus den bisherigen Vorträgen oder sonst wie kennengelernt haben, erfahren wir, dass der menschliche Leib, wie er heute ist, etwas Gewordenes ist, dass er in früheren Zeiten einer Evolution unterlegen ist. Wir wissen auch, dass er diese Evolution so durchgemacht hat, dass auf ihn verschiedene Kräfte gewirkt haben, gewirkt haben auf den physischen Leib, auf den Ätherleib und auf den Astralleib, welche den menschlichen physischen Leib und auch den Ätherleib nicht so gestaltet haben, wie er geworden wäre, wenn die Kräfte solcher Wesenheiten, die wir die luziferischen und die ahrimanischen nennen, nicht auf ihn gewirkt hätten. Der menschliche Leib ist hervorgegangen aus Kräften, die ihn in einer gewissen Weise schlechter gestaltet haben, als er geworden wäre, wenn nur die eine Art von Kräften wirksam gewesen wäre, die von den guten, die Menschheit vorwärtsbringenden göttlichen Wesenheiten herstammten. Das ist ja die Ursache von Leiden und Krankheit - und auch des Todes, dass auch noch jene anderen Kräfte, die luziferischen und die ahrimanischen - gewaltet haben. Was wir durch die Geburt ins Dasein hereinbringen, das ist besser als alles, was sonst an uns ist; es enthält allerdings Kräfte der höchsten Geistigkeit.

[ 18 ] You can easily figure out half of the answer yourself; for it lies in the following. If those higher forces continued to act in the same way, we would remain children forever; we would never attain self-awareness. That which previously acted from the outside must now enter within. But there is a more significant reason that can shed even more light on the mysteries of human life than what has just been said, and it is this: Through the theosophical teachings you have come to know from previous lectures or elsewhere, we learn that the human body, as it is today, is something that has come into being—that it has undergone an evolution in earlier times. We also know that it underwent this evolution in such a way that various forces acted upon it—acting upon the physical body, the etheric body, and the astral body—which shaped the human physical body and also the etheric body differently than they would have been shaped had the forces of those entities we call the Luciferic and the Ahrimanic not acted upon them. The human body has emerged from forces that, in a certain sense, have shaped it less favorably than it would have been had only one kind of force been at work—namely, those originating from the good, divine beings who advance humanity. This is, after all, the cause of suffering and illness—and also of death—namely, that those other forces—the Luciferic and Ahrimanic ones—have also been at work. What we bring into existence through birth is better than anything else about us; it does, however, contain forces of the highest spirituality.

[ 19 ] Und würde es länger als drei bis dreieinhalb Jahre, als Durchschnittszahl genommen, im physischen Körper des Menschen wirken wollen, so würde dieser ein solches Wirken nicht aushalten können. Denn der physische Menschenkörper ist so organisiert, dass er in der Form, wie das Menschenwesen aus der geistigen Welt hereinwirkt, eine solche Wirksamkeit überhaupt nur drei bis dreieinhalb Jahre verträgt. Der menschliche Leib würde zerbrechen, wenn jene Kräfte, die den Organismus in den ersten Kindheitsjahren, wenn er noch weich ist, so gestalten, dass er zu einem gehenden und stehenden Wesen wird, sich noch länger in dieser Weise betätigen würden. Diese Kräfte sind so grandios, dass, wenn sie später noch wirken würden, unser Organismus zerbrechen müsste unter der Heiligkeit dieser Kräfte. Nach drei bis dreieinhalb Jahren ist die Zeit da, wo im Grunde genommen zerstörend wirken müssten diese Kräfte, welche in den ersten Kindheitsjahren in den Menschen hereinwirken.

[ 19 ] And if it were to act within the human physical body for longer than three to three and a half years—taken as an average—the human being would not be able to endure such an influence. For the human physical body is organized in such a way that, given the manner in which the human being acts upon it from the spiritual world, it can tolerate such an influence for only three to three and a half years at most. The human body would break down if those forces—which, in the early years of childhood, when the body is still malleable, shape the organism so that it becomes a being capable of walking and standing—were to continue acting in this way for any longer. These forces are so immense that, if they were to continue acting later on, our organism would have to break down under the might of these forces. After three to three and a half years, the time comes when these forces—which act within the human being during the early years of childhood—would, in essence, have a destructive effect.

[ 20 ] Daraus aber geht uns ein Gedanke hervor, der große praktische Wichtigkeit haben kann, ein Gedanke, von dem Sie wissen, dass er ausgesprochen ist im [Neuen] Testament, im Evangelium; sehr konkrete Gestalt gewinnt da jenes Wort: «So Ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt Ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen!» Denn was wäre das höchste Ideal für den Menschen, wenn das richtig wäre, was jetzt ausgesprochen worden ist? Sich immer mehr und mehr dem zu nähern, wo man bewusst das beherrschen lernt, was man beherrscht unbewusst in den ersten Jahren der Kindheit! Das ist in der Tat etwas Höchstes, was sich der Mensch so als ein Ideal vorschreibt: In bewusstes Leben herüberzubringen und in bewusster Weise das wirken zu lassen, was in den ersten Jahren der Kindheit wirkt. Das ist ein großes Ideal, ein so großes Ideal, dass der Mensch sich Folgendes sagen kann, wenn er einmal ganz ernsthaft über sich selber nachdenkt.

[ 20 ] But this gives rise to a thought that can have great practical importance—a thought that, as you know, is expressed in the [New] Testament, in the Gospel; there, that saying takes on a very concrete form: “Unless you become like little children, you cannot enter the Kingdom of Heaven!” For what would be the highest ideal for human beings if what has just been said were true? To draw ever closer to the point where one consciously learns to master what one masters unconsciously in the early years of childhood! This is indeed the highest thing a person can set as an ideal for themselves: to bring into conscious life—and to allow to work in a conscious way—what is at work in the early years of childhood. This is a great ideal, such a great ideal that a person can say the following to themselves when they reflect quite seriously on themselves.

[ 21 ] Das Durchgehen durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen muss einen Sinn haben. Wir sind in der Vergangenheit durch aufeinanderfolgende Inkarnationen geschritten; wir werden weiterschreiten, wenn die Erde in ihrer Entwicklung vorwärts geht durch folgende Inkarnationen. Dann wird einmal der Zeitpunkt kommen, wo die Erde am Ende ihrer Laufbahn angelangt sein wird, wo der Rest des Erdplaneten abfallen wird von allen Menschenseelen, wie der menschliche Leib mit dem Tode abfällt, wenn die Menschenseele, um weiterzuleben, eintritt in ein geistiges Reich, um das Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt zu führen. Und da kann uns als höchstes Ideal erscheinen, dass wir es dann so weit gebracht haben durch alle die Lehren und durch die Arbeit unserer Inkarnationen, dass dasjenige bewusst wird, das uns den ganzen Leib und unsern ganzen Menschen beherrschen gelehrt hat, was in den ersten Kindheitsjahren in den Leib hereinwirkt, sodass wir uns dadurch erst zum Menschen machen. Das ist ja unser höchstes Ideal, dass wir lernen, uns so zu ganzen Menschen zu machen, wie wir es können in den ersten Lebensjahren unter der Hilfe, der Kraft der geistigen Hierarchien unbewusst. Dann tritt vor unsere Seele ein Gedanke, der uns erfüllt mit Demut - aber auch mit richtigem Bewusstsein von Menschenwürde, der Gedanke: Wir sind nicht allein. In uns lebt etwas, was uns immerdar den Beweis liefern kann: Wir können uns als Menschen über uns selbst erheben, zu etwas erheben, was jetzt schon über uns hinauswächst und was wachsen wird von Inkarnation zu Inkarnation mit uns; das lebt in uns, so wahr, als wir Menschen sind! - Das ist das real werdende Ideal in uns, das uns über uns selbst erheben wird. Immer bestimmtere und bestimmtere Gestalt kann dieser Gedanke annehmen und liefert uns dann etwas ungeheuer Beruhigendes und Erhebendes - aber auch eine entsprechende Demut und Bescheidenheit. - Was haben wir da in uns? Wahrhaftig einen höheren, einen göttlicheren Menschen, von dem wir lebendig fühlen können: Er ist in uns!

[ 21 ] There must be a purpose to passing through successive incarnations. We have passed through successive incarnations in the past; we will continue to do so as the Earth progresses in its development through future incarnations. Then the time will come when the Earth will have reached the end of its course, when the rest of the Earth will be cast off by all human souls, just as the human body is cast off at death, when the human soul, in order to continue living, enters a spiritual realm to live the life between death and a new birth. And there, our highest ideal may appear to be that we have then progressed so far through all the teachings and through the work of our incarnations that we become aware of that which has taught us to master our entire body and our whole being—that which works into the body during the first years of childhood, so that through it we first become fully human. That is indeed our highest ideal: that we learn to make ourselves into whole human beings, just as we do unconsciously in the first years of life with the help and power of the spiritual hierarchies. Then a thought arises before our soul that fills us with humility—but also with a true awareness of human dignity—the thought: We are not alone. Something lives within us that can always provide us with proof: We can, as human beings, rise above ourselves, rise to something that already transcends us and that will grow with us from incarnation to incarnation; this lives within us, as truly as we are human! — This is the ideal becoming real within us, which will lift us above ourselves. This thought can take on an ever more definite and concrete form, providing us with something immensely soothing and uplifting—but also with a corresponding humility and modesty. —What do we have within us? Truly, a higher, more divine human being, of whom we can feel vividly: He is within us!

[ 22 ] Dann kommt wohl leicht der Moment, wo wir uns im Leben sagen: Das Beste, was wir tun können, können wir dann tun, wenn wir uns mit allem, was in uns ist, was unsere Klugheit ist, was selbst unsere schon erreichte Moralität ist, so recht hingeben dem besseren Menschen, diesem besseren Menschen gegenüber hinopfern - und allen Stolz und alles, was wir an Überhebung in uns haben, abtilgen und abdämpfen gegenüber dem, was da in uns waltet! - Dann fühlen wir, dass da etwas in uns ist, was so recht in den ersten drei Kindheitsjahren lebt und uns zum Menschen macht. Und wir sind uns bewusst, wenn wir das überlegen, was jetzt gesagt worden ist: So, wie der Mensch heute ist, ist er unvollkommen und kann nicht das bewusst in sich tragen, was in den ersten Lebensjahren in ihm waltet; er muss sich erst vollkommener machen, damit er dasjenige bewusst in sich tragen kann, was jetzt in den ersten drei Kindheitsjahren unbewusst in ihm arbeitet.

[ 22 ] Then the moment will likely come when we say to ourselves in life: The best we can do is when we devote ourselves—with everything within us, with our wisdom, and even with the morality we have already attained—to the better human being, sacrificing ourselves for that better human being—and eradicating and subduing all pride and all arrogance within us in the face of what reigns within us! —Then we feel that there is something within us that truly lives in the first three years of childhood and makes us human. And when we reflect on what has just been said, we realize: As human beings are today, they are imperfect and cannot consciously carry within themselves what reigns within them during the first years of life; they must first become more perfect so that they can consciously carry within themselves what is now unconsciously at work within them during the first three years of childhood.

[ 23 ] Wenn nun ein Mensch vor uns stünde und es durch irgendwelche Weltenmächte bewirkt werden könnte, dass das gewöhnliche Ich von dem Menschen entfernt würde - wir müssten also annehmen: Es könnte erreicht werden, dieses gewöhnliche Ich, das mit dem Menschen durch die Inkarnationen gegangen ist, aus [dem] physischen Leib, [dem] Ätherleib und [dem] Astralleib zu entfernen, und wir könnten in ihn ein solches Ich bringen, das im Zusammenhange wirkt mit den geistigen Welten - was würde mit einem solchen Menschen geschehen? Nach drei Jahren müsste sein Leib zerbrechen! Es müsste etwas geschehen durch das Weltenkarma, dass er nicht länger als drei Jahre in diesem Leibe leben könnte! Erst am Ende der Erdenlaufbahn wird der Mensch das in sich fühlen können, was ihn länger leben lässt als drei Jahre. Aber dann wird der Mensch sich auch sagen: Nicht ich, sondern dieses Höhere in mir, das immer da war, das arbeitet jetzt in mir. - Einstweilen kann er das noch nicht sagen, sondern er könnte höchstens sagen: Er spürt es, aber er ist noch nicht mit seinem wirklichen realen Menschheits-Ich dahin gekommen.

[ 23 ] If a person were standing before us and some cosmic forces could cause the ordinary “I” to be removed from that person—we would therefore have to assume: It were possible to remove this ordinary “I,” which has accompanied the person through the incarnations, from [the] physical body, [the] etheric body, and [the] astral body, and we could instill within them an “I” that acts in connection with the spiritual worlds—what would happen to such a person? After three years, their body would have to break down! Something would have to happen through world karma that would prevent him from living in this body for more than three years! Only at the end of the Earth’s cycle will a human being be able to feel within himself what enables him to live longer than three years. But then the human being will also say to himself: It is not I, but this Higher Being within me—which has always been there—that is now working within me. - For the time being, he cannot yet say that; at most, he could say: He senses it, but he has not yet reached that point with his true, real human “I.”

[ 24 ] Ich frage Sie nun - und beantworten Sie sich jeder die Frage selbst: Wenn nun irgendeinmal in der Zeit, da die Erdenzeit noch nicht abgelaufen ist, ein menschlicher Organismus hingestellt wird in die Welt und in irgendeinem Jahre würde es durch gewisse Weltenmächte bewirkt werden, dass das Ich entfernt würde, wie es sich entwickelt hat, und jenes Ich, das in den ersten drei Kindheitsjahren wirkt, würde später so wirken, dass cs im Zusammenhang stünde mit den geistigen Welten, mit den Hierarchien, würde also so wirken wie das göttliche Ich selber: Wie lange könnte ein solcher Mensch leben? Drei Jahre! Denn dann müsste etwas eintreten, dass das Weltenkarma diesen Leib zerstörte.

[ 24 ] I now ask you—and let each of you answer this question for yourselves: Suppose that at some point in time, while the Earth period has not yet come to an end, a human organism were placed into the world, and in a certain year, certain world forces were to cause the “I” to be removed as it has developed, and that “I” which is active during the first three years of childhood were later to act in such a way that it would be connected to the spiritual worlds, to the hierarchies—in other words, were it to act just as the divine “I” itself does—how long could such a human being live? Three years! For then something would have to occur that would cause world karma to destroy this body.

[ 25 ] Das war ja da - war da, als ein menschlicher Organismus bei der Johannes-Taufe am Jordan stand, als das Ich des Jesus von Nazareth - von dem man wahrhaftig sagen kann, dass es so werden muss wie die Kindlein, damit es eintreten kann in die Reiche der Himmel -, als dieses alte Ich fortging, und als das höhere Ich sich hineinsenkte in die drei Leiber. Aber damit war die Notwendigkeit gegeben, da ein solches Ich nur drei Jahre leben kann, dass die gesamten Ereignisse so verlaufen mussten, dass nach drei Jahren dieses irdische Leben zu Ende war.

[ 25 ] That was indeed there—was there when a human organism stood at the Jordan during the baptism of John, when the “I” of Jesus of Nazareth—of whom it can truly be said that one must become like little children in order to enter the Kingdom of Heaven—when this old “I” departed, and when the higher “I” sank into the three bodies. But this created a necessity—since such a “I” can live only three years—that the entire course of events had to unfold in such a way that, after three years, this earthly life would come to an end.

[ 26 ] Da haben Sie den ganzen tiefen Zusammenhang zwischen dem, was der Führer ist im Menschen, was wie im Dämmerlichte in unsere Kindheit hereinscheint, was immer wirkt, wirkt unter der Oberfläche unseres Bewusstseins als das, was unser Bestes ist, und zwischen dem, was einmal hereintrat in die ganze Menschheitsevolution, sodass es drei Jahre in einer menschlichen Hülle bleiben konnte.

[ 26 ] Here you have the entire profound connection between what the Leader is within the human being—that which shines into our childhood as if in the twilight, that which is always at work beneath the surface of our consciousness as the very best within us—and that which once entered into the entire evolution of humanity, so that it could remain in a human form for three years.

[ 27 ] Was lehrte dieses Ich, das da zusammenhängt mit den geistigen Hierarchien, das in den Menschenleib des Jesus von Nazareth damals eintrat, dass sein Eintreten dargestellt wird symbolisch unter der Signatur des herabsteigenden Geistes in Gestalt der Taube mit den Worten: «Dies ist mein vielgeliebter Sohn, heute habe ich ihn gezeuget!» - denn so hießen die Worte ursprünglich -, das heißt hineinsenkt in einen menschlichen Leib den wahren Menschensohn, der sich sonst nur wie in einem schattenhaften Dämmerbilde in den ersten drei Kindheitsjahren zeigt?

[ 27 ] What did this “I”—which is connected to the spiritual hierarchies and which entered the human body of Jesus of Nazareth at that time—teach, such that its entry is symbolically represented under the sign of the descending Spirit in the form of a dove, with the words: “This is my beloved Son; today I have begotten him!”—for that was the original wording—that is, does it mean that the true Son of Man, who otherwise appears only as a shadowy, twilight figure during the first three years of childhood, is now being lowered into a human body?

[ 28 ] Wenn wir dieses Bild vor uns hinstellen, haben wir zugleich das höchste menschliche Ideal vor uns hingestellt. Denn es heißt nichts anderes, als dass uns berichtet wird: In jedem Menschen ist erkennbar der Christus! - Und wenn keine Evangelien oder heilige Schriften sagen würden: Irgendeinmal habe ein Christus gelebt -, so würden wir durch unsere eigene Natur erkennen, dass der Christus in uns lebt. Selbst wenn alle Dokumente zugrunde gegangen wären und nichts von ihnen überliefert worden wäre, so würden wir doch erkennen, weil wir richtig dasjenige einschätzen, was in uns in den drei ersten Jahren unserer Kindheit lebt, dass der Christus da war. Wir brauchen keine Urkunden und Dokumente, denn der Christus ist zu erkennen aus den Naturgesetzen heraus.

[ 28 ] When we hold this image before us, we are at the same time holding the highest human ideal before us. For it means nothing other than what is told to us: Christ is recognizable in every human being! — And even if no Gospels or sacred writings were to say that a Christ once lived, we would recognize through our own nature that Christ lives within us. Even if all records had been lost and nothing had been handed down from them, we would still recognize—because we correctly assess what lives within us during the first three years of our childhood—that Christ was there. We need no records or documents, for Christ can be recognized through the laws of nature.

[ 29 ] Was erkennen wir aus den Naturgesetzen, wenn wir uns jetzt an das erinnern, was der Christus dann auch gesagt hat: Ich will für euch Menschen ein solches Ideal sein, das da im Geiste euch erfüllen lässt, was ihr sonst im Leiblichen erfüllt. - Was erfüllen wir in den drei ersten Jahren unseres Lebens im Leiblichen? Wir lernen gehen, physisch gehen aus dem Geiste heraus; das heißt, der Mensch weist sich seinen Weg aus dem Geiste heraus. Wir lernen sprechen, das heißt, die Wahrheit prägen aus dem Geiste heraus - oder mit anderen Worten: Der Mensch entwickelt das Wesen der Wahrheit aus dem Laute heraus in den ersten drei Jahren seines Lebens. Und das Leben, das der Mensch auf der Erde als Ich-Wesen lebt, das bekommt sein Lebensorgan durch das, was sich in den ersten drei Jahren der Kindheit ausbildet. So also lernen wir leiblich, ganz physisch mit unseren Beinen gehen. Den «Weg» lernen wir, lernen die «Wahrheit» und lernen das «Leben» in dem Geiste leben. Keine bessere Interpretation des Wortes «Wenn ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnt ihr nicht in die Reiche der Himmel kommen» könnte es geben. Kein tieferes Wort konnte die Ich-Wesenheit des Christus prägen - jenes selbe Ich, das drei Jahre im Leben weilte als: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!»

[ 29 ] What can we learn from the laws of nature when we now recall what Christ also said: “I want to be for you, human beings, an ideal that allows you to fulfill in the spirit what you otherwise fulfill in the physical body.” — What do we fulfill in the physical body during the first three years of our lives? We learn to walk—to walk physically from the spirit; that is, the human being finds his way from the spirit. We learn to speak—that is, to express the truth from the spirit—or, in other words: The human being develops the essence of truth from sound during the first three years of his life. And the life that a human being lives on Earth as an “I”-being derives its life force from what is formed during the first three years of childhood. Thus, we learn physically, entirely physically, to walk with our legs. We learn the “path,” we learn the “truth,” and we learn to live “life” in the spirit. There could be no better interpretation of the words, “Unless you become like little children, you cannot enter the kingdom of heaven.” No deeper words could have characterized the I-being of Christ—that very same I who dwelt in life for three years as: “I am the Way, the Truth, and the Life!”

[ 30 ] Solche Worte, die da gesprochen werden wie [durch die] Türen der Ewigkeit herein, aus dem Geiste herein, zu der Menschheit, um die Menschen zu ermahnen über das, was wirklich ist, und wie sie ihr Leben als Menschen leben sollen, sie stellen uns die ganze Menschheitsevolution vor die Seele hin. Und wenn wir die Art und Weise jener geistigen Führung, die wir empfinden können, wenn wir in Wahrheit an den Christus denken, auch empfinden wollen, so brauchen nur unsere Gedanken hinzuschweifen zu der grandiosen, majestätischen Tatsache - denn das ist sie! -, dass durch das kindliche Ich die Arbeit der Hierarchien hereinwirkt, um uns gehen, sprechen und denken zu lehren, das heißt ein Ziel uns zu geben, die Wahrheit durch uns strömen zu lassen und uns das Leben in der richtigen Art zu weisen. Wir können die Größe dieser Tatsache messen an dem, was das Christus-Ideal aus uns macht, wenn wir ihm nachleben. Dann donnern herein die Worte, die aus der Ewigkeit selbst hereinbeben, aus der Ewigkeitsbestimmung des Menschenseins in unser ganzes Fühlen: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!» Dann fühlen wir, dass es unberechtigt ist zu fragen: Warum treten wir, wenn wir schon so viele Inkarnationen durchgemacht haben, immer wieder als Kinder in das Dasein? Denn wir wissen, es ist diese Unvollkommenheit eine immerwährende Erinnerung an das Höchste, was in uns lebt. Und wir können nicht oft genug — wenigstens jedes Mal am Eingange eines jeden Lebens - an diese große Tatsache erinnert werden.

[ 30 ] Such words, spoken as if coming in through the doors of eternity, coming in from the Spirit to humanity, to admonish people about what is truly real and how they should live their lives as human beings—these words present the entire evolution of humanity before our souls. And if we wish to experience the nature of that spiritual guidance which we can sense when we truly think of the Christ, we need only let our thoughts wander to the magnificent, majestic fact—for that is what it is! —that through the childlike self, the work of the Hierarchies takes effect to teach us how to walk, speak, and think; that is, to give us a goal, to let the truth flow through us, and to show us the right way to live. We can gauge the greatness of this fact by what the Christ ideal makes of us when we live according to it. Then the words, which resound from eternity itself—from the eternal destiny of the human condition—thunder into our very being: “I am the Way, the Truth, and the Life!” Then we feel that it is unjustified to ask: Why, having already gone through so many incarnations, do we repeatedly enter existence as children? For we know that this imperfection is a perpetual reminder of the Highest that lives within us. And we cannot be reminded of this great truth often enough—at least at the beginning of every life.

[ 31 ] Es ist nicht gut, wenn man in der Geisteswissenschaft oder Theosophie oder überhaupt im Okkultismus viel definiert, viel in Begriffen redet. Besser ist es, wenn man charakterisiert und eine Empfindung hervorzurufen versucht von dem, was ist. Deshalb versuchte ich heute, eine Empfindung hervorzurufen von dem, was ist, was ist in den ersten drei Jahren unseres Lebens, eines jeden menschlichen Lebens, und was herauskommt, wenn wir uns das Leben beleuchten lassen von jenem Lichte, das ausstrahlt von dem Lichte des Kreuzes auf Golgatha. Denn dann erhalten wir eine Empfindung, ein Gefühl davon, wie ein Impuls durch die menschliche Evolution geht, von dem man mit Recht sagen kann, dass das paulinische Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» Wahrheit werden muss. Braucht man dazu auf irgendeine «positive» Urkunde zu schwören? Braucht man irgendein äußeres Dokument, um zu dieser Christus-Kraft zu kommen? Nein! Man braucht nur zu wissen, was der Mensch in Wahrheit ist. Daher ist nichts «positiv» Christliches in dieser Christus-Idee, wie sie die Theosophie hinstellt.

[ 31 ] It is not good to define things too much or to speak too much in terms of concepts in Spiritual Science, theosophy, or the occult in general. It is better to characterize things and try to evoke a sense of what is. That is why I tried today to evoke a sense of what is—what exists in the first three years of our lives, of every human life—and what emerges when we allow life to be illuminated by that light which radiates from the light of the Cross on Golgotha. For then we gain a sense, a feeling, of how an impulse runs through human evolution—an impulse about which one can rightly say that the Pauline words “Not I, but Christ in me!” must become truth. Does one need to swear by some “positive” document to achieve this? Do we need some external document to attain this Christ-force? No! We need only know what the human being truly is. Therefore, there is nothing “positively” Christian in this idea of Christ as presented by Theosophy.

[ 32 ] Wenn man aber durch die wahre Menschheitsbetrachtung zu dieser Christus-Idee gekommen ist und weiß: Willst du den Christus entdecken, so entdeckst du ihn am besten in dir selber -, und wenn man dann zurückgeht zu den biblischen Urkunden, dann gewinnt für einen solchen Menschen die Bibel wieder ihren großen Wert. Und es gibt keinen größeren, aber auch bewussteren Schätzer der Bibel als einen Menschen, der das gefunden hat. Das ist es aber auch, was wir darin sehen.

[ 32 ] But when one has arrived at this idea of Christ through a true contemplation of humanity and knows: “If you want to discover Christ, you will best discover him within yourself”—and when one then returns to the biblical texts, the Bible regains its great value for such a person. And there is no greater—nor more conscious—appreciator of the Bible than a person who has found this. But that is also what we see in it.

[ 33 ] Und wenn jemand gar nichts wüsste von der Bibel und würde über den Menschen in dieser entsprechenden Weise nachsinnen, so würde die Christus-Idee in ihm leben. Ganz sicher! Und es wäre denkbar, dass Wesen, wie sie jetzt den Mars bewohnen, dass ein Wesen herunterkäme auf die Erde, das nie etwas gehört hat von dem Christus und seinem Wirken. Vieles, was sich hier auf der Erde abgespielt hat, würde ein solcher Marsbewohner nicht verstehen; vieles, was die Menschen heute interessiert, würde ihn nicht interessieren. Aber das würde ihn interessieren, was der Mittelpunktimpuls der Erdenevolution ist: die Christus-Idee, wie sie die Wesenheit des Menschen selber ausdrückt! - Wer das begriffen hat, der begreift jetzt erst recht die Bibel; denn er findet, was in der Bibel steht, in den einzelnen Evangelien in einer wunderbaren Weise ausgedrückt, und er sagt sich dann: Ich brauche gar nicht erzogen zu sein zu einer besonderen Schätzung der Evangelien, sondern trete als ein vollbewusster Mensch vor die Evangelien und durch das, was ich durch die Theosophie erkannt habe, erscheinen sie mir in ihrer ganzen Größe.

[ 33 ] And if someone knew absolutely nothing about the Bible and were to reflect on human beings in this way, the idea of Christ would live within them. That’s for sure! And it’s conceivable that beings like those who now inhabit Mars—that a being might come down to Earth who had never heard of Christ or his work. Much of what has taken place here on Earth, such a Martian would not understand; much of what interests people today would not interest him. But what would interest him is the central impulse of Earth’s evolution: the Christ-idea, as expressed by the very essence of the human being! — Whoever has grasped this now understands the Bible all the more; for they find what is written in the Bible expressed in a wonderful way in the individual Gospels, and they then say to themselves: I do not need to have been trained to hold the Gospels in special esteem, but rather I approach the Gospels as a fully conscious human being, and through what I have come to know through Theosophy, they appear to me in all their grandeur.

[ 34 ] Ich glaube, es wird eine Zeit kommen, wo man sagen wird: Die, welche durch die Theosophie gelernt haben den Inhalt der Evangelien in richtiger Weise zu schätzen, die wissen den Inhalt der Evangelien so zu würdigen, dass sie ihn höher stellen, als irgendein Papst oder Kirchenvater ihn jemals gestellt hat - trotzdem diese ihn sehr hoch gestellt haben. Die Menschheit wird erst lernen durch die Erkenntnis des Wesens des Menschen, was in diesen tiefen Urkunden ruht. Was wird man aber dann erkennen? Das ist auch wieder leicht, durch ein bloßes Nachsinnen zu finden. Man wird sich sagen: Wenn wir das Wesen des Menschen finden in den Evangelien, so muss es durch die hineingekommen sein, die sie auf der Erde geschrieben haben, sodass für diese besonders gelten muss, was wir bei einem demütigen Nachdenken - je älter wir werden, desto mehr - sagen müssen: Wir haben so manches gemacht, wodurch wir über uns hinausgerückt sind, wo sich der höhere Mensch angekündigt hat. Und nur aus dem Hereinragen des höheren Menschen haben die, welche die Evangelien schrieben, diese Urkunden schreiben können! Da bekommt der Inspirationsbegriff wieder seine gute Bedeutung. Wie in das Gehirn in den ersten drei Jahren der Kindheit höhere Kräfte hineinarbeiten, so wurden hineingeprägt in die Seelen der Evangelienschreiber aus den geistigen Welten Kräfte, dass die Evangelien geschrieben wurden. - Jetzt spüren wir noch etwas anderes als eine Führung. Eine Menschheit muss wahrhaftig geführt werden, wenn sie zustande bringt, dass die, welche die Feder führten, als die Evangelien zustande kamen, nicht auf derselben Stufe standen mit dem, was sic hervorgebracht haben - und was verständlicher werden wird, je weiter die Menschheit vorschreitet. Da lernen wir fühlen: In dem, was im Laufe der Zeiten hervorgebracht ist, walten Impulse aus der geistigen Welt; und wie der Mensch in sich fühlt eine Führung, so walten in der ganzen Menschheitsentwicklung Impulse einer geistigen Führung. Und wenn die Menschen hineingestellt werden in eine geistige Führung, so geschieht das Beste, was sie tun können, eben unter einer geistigen Führung.

[ 34 ] I believe there will come a time when people will say: Those who, through theosophy, have learned to appreciate the content of the Gospels in the proper way—they know how to honor the content of the Gospels in such a way that they hold it in higher esteem than any pope or Church Father ever did—even though they held it in very high regard. Only through an understanding of the nature of the human being will humanity learn what lies within these profound documents. But what will people then come to realize? This, too, is easy to discover through simple reflection. One will say to oneself: If we find the essence of the human being in the Gospels, then it must have come through those who wrote them on Earth, so that what we must say—especially as we grow older—through humble reflection applies particularly to them: We have done many things through which we have transcended ourselves, where the higher human being has made itself known. And it was only through the higher human being reaching into them that those who wrote the Gospels were able to compose these documents! Here the concept of inspiration regains its true meaning. Just as higher forces work into the brain during the first three years of childhood, so too were forces from the spiritual worlds imprinted upon the souls of the Gospel writers, enabling the Gospels to be written. - Now we sense something else besides guidance. Humanity must truly be guided if it is to bring about a situation in which those who wielded the pen when the Gospels came into being did not stand on the same level as what they produced—and what will become more understandable the further humanity progresses. There we learn to feel: In what has been brought forth over the course of time, impulses from the spiritual world are at work; and just as the individual feels a guiding influence within themselves, so too do impulses of spiritual guidance govern the entire development of humanity. And when human beings are placed under spiritual guidance, the best they can do is precisely what they do under that spiritual guidance.

[ 35 ] Was wird nun jemand sagen, der einige Schüler gefunden hat, einige Leute, die sich zu ihm bekennen, und wenn er das auf sich wirken lässt, was wir jetzt hervorgehoben haben? Nehmen wir an, er findet Bekenner, Schüler in der Welt, die auf ihn hören, ihn vielleicht bis zu einem gewissen Grade verehren. Wenn er nun nicht ein Mensch ist, wie es in einem materialistischen Zeitalter viele gibt, sondern ein Mensch, der alles das in seiner majestätischen Größe durch sein Herz ziehen lassen kann, so wird er sagen: Ich habe gefunden, was ich aber keinem Schüler geben kann, was ich nicht durch das gewöhnliche Ich weitergeben kann, das da mit diesen Schülern herumgeht. Ich weiß eigentlich nicht so recht in diesem Momente das zu sagen, was der Bekenner finden kann. Ich fühle, dass etwas ganz Unbestimmtes, etwas ganz Unbewusstes in mir Größtes wirkt! - So wird etwa ein solcher Mensch sagen. Er wird sich so fühlen, wie er als ganzer Mensch ein Werkzeug wäre einer höheren Individualität, die aus dumpfer Dämmerung hereinleuchtet, sodass der Gedanke nahetritt: Als ich Kind war, habe ich alles an mir gemacht, was aus der geistigen Welt hereinwirkt; und das, was ich jetzt als mein Bestes tun kann, wirkt auch aus höheren Welten herein; ich darf es mit meinem gewöhnlichen Bewusstsein gar nicht anrühren! - Ja, er darf sagen: Etwas Dämonisches, etwas wie ein Dämon - aber das Wort «Dämon» im besten Sinne genommen - das wirke herein.

[ 35 ] What, then, will someone say who has found a few disciples, a few people who profess their allegiance to him, when he reflects on what we have just emphasized? Let us suppose he finds followers, disciples in the world, who listen to him and perhaps revere him to a certain degree. If he is not the kind of person—as there are many in a materialistic age—but rather someone who can allow all of this to pass through his heart in its majestic grandeur, then he will say: I have found something, but I cannot give it to any disciple; I cannot pass it on through the ordinary “I” that goes about with these disciples. I don’t really know how to put into words at this moment what the believer can find. I feel that something quite indefinable, something entirely unconscious, is at work within me on the grandest scale! —That is roughly what such a person will say. He will feel as though, as a whole human being, he were an instrument of a higher individuality that shines in from a dim twilight, so that the thought occurs to him: When I was a child, I embodied everything within myself that worked upon me from the spiritual world; and what I can now do as my very best also works upon me from higher worlds; I must not touch it with my ordinary consciousness at all! — Yes, he may say: Something demonic, something like a demon—but the word “demon” taken in the best sense—is at work here.

[ 36 ] So etwas empfand Sokrates, von dem Platon erzählt, dass er von seinem «Dämon» sprach, von dem, was ihn lenkt und leitet. Viel hat man versucht, um diesen «Dämon» des Sokrates zu erklären. Aber man kann es nur erklären, wenn man sich dem Gedanken hingeben kann, dass Sokrates so etwas empfinden konnte, wie es hervorgeht aus einer Betrachtung, wie wir sie heute gepflogen haben. Dann können wir auch wieder begreifen, dass durch die drei bis vier Jahrhunderte, da das sokratische Prinzip in Griechenland gewirkt hat, eine solche Stimmung, die durch Sokrates in die griechische Welt hereintrat, vorbereitend wirken konnte für ein anderes großes Ereignis. Die Stimmung, dass der Mensch nicht so, wie er dasteht, dasjenige ganz ist, was aus höheren Welten hereinragt — diese Stimmung ging fort.

[ 36 ] This is what Socrates felt; Plato recounts that he spoke of his “daemon,” that which guides and directs him. Many attempts have been made to explain this “daemon” of Socrates. But it can only be explained if one is willing to accept the idea that Socrates could have experienced something like this, as becomes clear from a reflection such as the one we have undertaken today. Then we can also grasp once again that, throughout the three to four centuries during which the Socratic principle was at work in Greece, such a mood—which entered the Greek world through Socrates—could have served as a preparatory force for another great event. The mood that human beings, as they stand, are not entirely what extends from higher worlds—this mood spread far and wide.

[ 37 ] Die Besten, bei denen diese Stimmung blieb, sind die gewesen, welche später auch am besten das Wort verstanden: «Nicht ich, sondern der Christus in mir!» - Denn jetzt konnten sie sich sagen: Sokrates hat noch wie von einem dämonisch Hereinwirkenden, aus der Dämmerwelt des geistig Hereinwirkenden gesprochen; durch das Christus-Ideal wird uns klargemacht, wovon Sokrates noch selber gesprochen hat.

[ 37 ] The best among them—those who maintained this spirit—were the ones who later understood the saying best: “Not I, but Christ in me!” - For now they could say to themselves: Socrates still spoke as if under the influence of a demonic force, from the twilight realm of the spiritually active; through the ideal of Christ, it is made clear to us what Socrates himself had spoken of.

[ 38 ] Da fühlen wir wieder etwas von geistiger Führung der Menschheit: Nichts kann in die Welt hineingestellt werden ohne Vorbereitung. Warum hat Paulus gerade die besten Anhänger in Griechenland gefunden? Weil dort durch den Sokratismus der Boden vorbereitet war durch die Stimmung, die wir jetzt charakterisiert haben. Das heißt: Was jetzt geschieht, führt uns zurück zu Ereignissen, die früher dort gewirkt haben und die Menschen reif gemacht haben, um das Spätere auf sich wirken zu lassen. Fühlen wir da nicht, wie weit der Impuls reicht, der durch die menschliche Evolution geht und im rechten Moment die richtigen Menschen dort hinstellt, wo sie für die Evolution gebraucht werden, der uns aber auch in manchem Lebensmomente über uns selbst hinaushebt, wo wir zu einer wahren Selbsterkenntnis kommen, wo wir uns anzustrengen versuchen, um über den gewöhnlichen Menschen hinaus zum Schauen von höheren Welten zu kommen, zu Kräften zu kommen, die der gewöhnliche Mensch nicht hat. Im gewöhnlichen Leben machen wir uns oft krank und so weiter. In uns sind die Kräfte, die uns töricht und krank und unklug machen; in uns sind die Kräfte, welche uns über uns selbst in der Welt hinausführen. So walten die Kräfte, die im geschichtlichen Werden walten, die in der einzelnen Individualität walten. So im Walten der ganzen Menschheit - so in der einzelnen Individualität. Lernen wir das fühlen. Fühlen wir das, was als Kraft und Impuls von Epoche zu Epoche, aber auch von Lebensalter zu Lebensalter durch die Menschen geht.

[ 38 ] Here we sense once again something of the spiritual guidance of humanity: Nothing can be brought into the world without preparation. Why did Paul find his most devoted followers in Greece of all places? Because there, through Socratism, the ground had been prepared by the atmosphere we have just described. This means: What is happening now leads us back to events that took place there in the past and that prepared people to be open to what was to come later. Do we not sense how far-reaching is the impulse that runs through human evolution, placing the right people at the right moment where they are needed for evolution—an impulse that also lifts us beyond ourselves in certain moments of life, when we attain true self-knowledge, when we strive to rise above the ordinary human being to perceive higher worlds, to attain powers that the ordinary person does not possess. In ordinary life, we often make ourselves sick and so on. Within us are the forces that make us foolish, sick, and unwise; within us are the forces that lead us beyond ourselves and into the world. Thus do the forces reign that govern historical development and that govern the individual. Thus in the life of all humanity—thus in the individual. Let us learn to feel this. Let us feel what passes through human beings as a force and impulse from epoch to epoch, but also from one stage of life to the next.

[ 39 ] Das im Genaueren zu zeigen, wie es in das Leben des einzelnen Menschen - in die verschiedensten Verhältnisse eingreift -, soll die Aufgabe der nächsten beiden Vorträge sein.

[ 39 ] The task of the next two lectures will be to show in more detail how this affects the life of the individual—in a wide variety of circumstances.