Supplements to Member Lectures
GA 246
25 November 1911, Tübingen
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Supplements to Member Lectures, tr. SOL
47. Ansprache zur Einweihung des Ludwig-Uhland-Zweiges in Tübingen
47. Speech on the Occasion of the Dedication of the Ludwig Uhland Branch in Tübingen
[ 1 ] Wenn ein Kind zum ersten Mal nach eigenem Denken und Empfinden eine Frage des Vaters oder der Mutter beantwortet, welche freudigen und dankbaren Gefühle steigen da in der Eltern Herzen auf! Auf diese Weise können wir uns ein Bild davon machen, wie sich die geistigen Wesenheiten, die von höheren Welten auf uns herabwirken und uns leiten wollen, freuen, wenn sie auf ihre vielen Fragen endlich eine Antwort bekommen. Dies geschieht, wenn sich spirituell denkende Menschen - Menschen, welche hinter allem Äußerlichen noch eine verborgene Kraft suchen, welche sich in dem, was wir nur im Physischen erleben oder schauen können, noch nicht befriedigt fühlen -, zu einer Loge zusammenschließen und vereinen. Ist sie auch klein und treten sich da die Mitglieder auch noch nicht mit völligem Bewusstsein zur Erfüllung ihrer Aufgabe gegenüber, so wird doch durch ernsten Fleiß und durch Treue und durch hingebende Liebe die Arbeit gefördert, - und langsam, Schritt für Schritt steigen wir von einer Stufe zur anderen, vom Glauben zum Erkennen, vom Erkennen zum Schauen.
[ 1 ] When a child answers a question from his father or mother for the first time based on his own thoughts and feelings, what joyful and grateful emotions well up in the parents’ hearts! In this way, we can imagine how the spiritual beings who influence us from higher worlds and seek to guide us rejoice when they finally receive an answer to their many questions. This happens when spiritually minded people—people who seek a hidden power behind all outward appearances, who are not yet satisfied with what we can only experience or perceive in the physical realm—come together and unite in a lodge. Even if it is small, and even if the members do not yet approach one another with full awareness of their task, the work is nevertheless advanced through earnest diligence, faithfulness, and devoted love—and slowly, step by step, we ascend from one level to the next, from faith to knowledge, from knowledge to vision.
[ 2 ] Betrachten wir einmal eine Pflanze in ihrem Wachstum. Nicht gleich in ihrer vollen Blüte steht sie vor uns, sondern langsam, ganz allmählich entwickelt sich aus dem Blatt die Blüte, aus der Blüte die Frucht. Will uns auch manchmal der Mut entsinken, die Arbeit schwer werden - wir dürfen versichert sein, dass uns helfende Mächte zur Seite stehen; und der Geist, der die ganze theosophische Bewegung durchdringt, auch uns nicht verlässt.
[ 2 ] Let’s take a look at a plant as it grows. It does not appear before us immediately in full bloom, but slowly, very gradually, the flower develops from the leaf, and the fruit from the flower. Even if our courage sometimes wanes and the work becomes difficult—we can be assured that helping forces stand by our side; and the spirit that permeates the entire Theosophical Movement will not forsake us either.
[ 3 ] Immer wieder soll in eines jeden Theosophen Herzen der Ruf ertönen: «Es werde!» - «Es werde!», ruft es uns ja aus der ganzen Natur entgegen; wohin wir unsere Blicke wenden, überall erklingt ein: «Es werde». - Wie niederdrückend wäre die Herbststimmung für uns, wie ganz erfüllt von wehmütigen, traurigen Gedanken müssten wir sein beim Anblicke der absterbenden Natur, die nun schmucklos, ihrer ganzen Pracht beraubt, dasteht, wenn wir nicht im tiefsten Innern die Überzeugung, die feste Überzeugung hätten, dass zwar dieses Absterben kommen muss, damit neben diesem Absterben schon wieder umso lauter der Ruf «Es werde!» uns entgegentönen kann. Und welche trostreichen, erhebenden Gefühle ziehen dann in uns ein beim Gedanken, dass im Absterben der Pflanze schon wieder der Keim für das neue Erwachen und Erblühen derselben liegt und sie im Frühling wieder in der alten Pracht und Herrlichkeit vor uns stehen wird. Auf diese Weise dürfen wir, auch wenn es Menschenherbst geworden ist, schon den Keim für Weihnachten und für den Frühling darin erblicken. Und gerade in solchem Gedenken muss in jeder theosophischen Vereinigung stets eine fröhliche, selige Weihnachtsstimmung herrschen und der Christus immer wieder von Neuem in uns geboren werden.
[ 3 ] Time and again, the call “Let there be!” should resound in the heart of every theosophist—for “Let there be!” is what all of nature cries out to us; wherever we turn our gaze, everywhere we hear: “Let there be.” - How oppressive the mood of autumn would be for us, how filled with wistful, sad thoughts we would be at the sight of nature dying off—now standing there unadorned, stripped of all its splendor—if we did not have, deep within, the conviction, the firm conviction, that although this dying off must come, so that alongside it the cry “Let there be!” can resound all the more loudly. And what comforting, uplifting feelings then take hold of us at the thought that within the plant’s withering lies the seed for its new awakening and blossoming, and that in spring it will stand before us once more in its former splendor and glory. In this way, even when the “autumn of life” has set in, we may already perceive within it the seed of Christmas and of spring. And it is precisely in such remembrance that a joyful, blissful Christmas spirit must always prevail in every Theosophical Society, and Christ must be born anew within us time and again.
[ 4 ] Es gibt ja Materialisten, die das Göttlich-Geistige im Menschen leugnen und ihre Nebenmenschen nur als Maschinen, als Automaten betrachten. Im Leben verneinen aber diese Menschen nie den Geist; denn, wenn nun ein solcher Mensch zum Beispiel einen andern leiden sieht und ihm beispringt, regt sich da nicht in seinem Innern ein Gefühl, das er gewiss nicht hätte, wenn der Leidende nur eine bloße Maschine ohne jegliches Geistige in ihm wäre? Das Mitleiden, das Mitgefühl stellen sich auch selbst bei einem solchen Menschen ein! Ein Beweis dafür, dass in jedem Menschen, ob er es zugibt oder nicht, in seinem tiefsten Innern etwas schlummert, das geweckt werden kann - und dass unser physischer Körper nur die Hülle eines hohen geistigen Keimes ist.
[ 4 ] There are, of course, materialists who deny the divine-spiritual aspect of human beings and view their fellow human beings merely as machines, as automatons. In life, however, these people never deny the spirit; for if, for example, such a person sees another suffering and comes to his aid, does not a feeling stir within him that he certainly would not have if the sufferer were merely a machine without any spiritual element within him? Compassion and empathy arise even in such a person! This is proof that within every human being—whether they admit it or not—there lies dormant, deep within, something that can be awakened—and that our physical body is merely the shell of a lofty spiritual seed.
[ 5 ] Nun können natürlich viele Menschen einwenden: Ich lebe nun einmal so, wie ich es für gut und für recht halte; was dann nach dem Tode kommt und was ich dann weiterarbeiten muss, das werde ich schon sehen; die Gottheit, die mich in die Welt gestellt hat, wird mir schon weiterhelfen. - Dem ist entgegenzustellen, dass man zum Beispiel jedem Beruf, den man ergreifen will, nicht erst Liebe und Interesse entgegenbringt, wenn man an die Ausübung desselben denkt; sondern schon lange Zeit vorher mit großer Mühe und Sorgfalt darauf hinarbeitet. Und doch ist dies nicht zu vergleichen mit dem einen hohen Ziel, dem wir entgegenstreben!
[ 5 ] Now, of course, many people might object: “I simply live as I see fit; whatever comes after death and whatever work I must continue to do then, I’ll figure it out; the deity who brought me into this world will surely help me along.” - To this, one must counter that, for example, when it comes to any profession one wishes to pursue, one does not begin to show love and interest for it only when one thinks about practicing it; rather, one works toward it long beforehand with great effort and care. And yet this cannot be compared to the one lofty goal toward which we strive!
[ 6 ] Im Alten Testament lesen wir, der Mensch sei nach dem Ebenbilde Gottes erschaffen worden. Aber wie weit hat sich der Mensch von seinem göttlichen Ursprung entfernt! Immer weiter ist er herabgestiegen in den Materialismus, und erst, wenn er sich wieder in aufsteigender Linie befindet, kann er sich seinem Ziele, seinem göttlichen Ausgangspunkt wieder nähern! Also, nach dem Ebenbilde Gottes sei der Mensch geschaffen worden. Aber, heißt es dann weiter im Neuen Testament: «Gott ist Geist». Können wir uns aber nun bei dem Worte «Geist» etwas Ruhendes, Untätiges denken? - Ganz gewiss nicht; sondern eine nie rastende, nie erlahmende Tätigkeit verbirgt sich in diesem Worte. Wir stehen jetzt auf einer Übergangsstufe; denn das, was wir von den Göttern mitbekommen haben, ist allmählich erloschen und vergessen - umso mehr, je weiter der Mensch herabsteigt; und von Neuem müssen die geistigen Fähigkeiten erweckt, erworben und errungen werden.
[ 6 ] In the Old Testament, we read that humankind was created in the image of God. But how far has humankind strayed from its divine origin! He has descended ever further into materialism, and only when he is once again on an upward path can he draw closer to his goal, his divine starting point! So, man was created in the image of God. But, as the New Testament goes on to say: “God is Spirit.” Can we, however, conceive of the word “Spirit” as something static or inactive?—Certainly not; rather, a never-resting, never-flagging activity is hidden within this word. We now stand at a transitional stage; for what we have inherited from the gods has gradually faded away and been forgotten—all the more so the further humanity descends; and once again, spiritual faculties must be awakened, acquired, and attained.
[ 7 ] Im Jahre 1899 sind neue Tore in die geistige Welt geöffnet worden! Von Zeit zu Zeit dringen Fragen und Mahnungen höherer Wesenheiten ganz besonders stark an unsere Ohren. Eine Antwort auf solche Fragen war es, als sich in Rom einige Menschen aus den untersten Schichten der Bevölkerung, aus den Sklaven in den Katakomben, in den unterirdischen Grabkammern ihrer Toten heimlich zusammenfanden und so den Grund zum späteren Christentum legten. Nicht die sogenannten «Gebildeten» waren es, denn die saßen hoch oben auf ihren Galerien. Und jene Armen, nach Wahrheit Strebenden, die waren es, die zum Beispiel bei theatralischen Aufführungen im alten Rom tief drunten als Beute wilder Tiere dienen mussten. - Und doch! Unterdrückt werden konnte der in ihnen lebende Funke nicht; er hat sich immer weiter ausgebreitet und ist schließlich zum lodernden Feuer geworden. Eine Antwort auf Götterfragen aus höheren Welten war es, als Moses einst die Zehn Gebote schrieb; und eine neuerliche Antwort auf solche Himmelsfragen ist die ganze theosophische Bewegung!
[ 7 ] In 1899, new gates to the spiritual world were opened! From time to time, questions and exhortations from higher beings reach our ears with particular intensity. One answer to such questions came when, in Rome, a few people from the lowest strata of society—slaves in the catacombs—secretly gathered in the underground burial chambers of their dead, thus laying the foundation for what would later become Christianity. It was not the so-called “educated” who did this, for they sat high up in their galleries. And those poor people, striving for truth—they were the ones who, for example, had to serve as prey for wild beasts deep underground during theatrical performances in ancient Rome. - And yet! The spark living within them could not be suppressed; it continued to spread and eventually became a blazing fire. It was an answer to questions about the gods from higher worlds when Moses once wrote the Ten Commandments; and the entire Theosophical Movement is a renewed answer to such heavenly questions!
