Supplements to Member Lectures
GA 246
30 June 1918, Hamburg
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Supplements to Member Lectures, tr. SOL
77. Der Dornacher Bau als Repräsentant des Goetheanismus
77. The Dornach Building as a Symbol of Goetheanism
Schlusswort von Rudolf Steiner im Anschluss an eine Ansprache von Mathilde Scholl über den Dornacher Bau
Closing Remarks by Rudolf Steiner Following a Speech by Mathilde Scholl on the Dornach Building
[ 1 ] Nicht wahr, meine lieben Freunde, weil gerade diese Stellen hier angeführt werden, möchte ich zu diesen Stellen noch ein paar Worte sagen: Es ist in der Tat jetzt eine Zeit, in der sich solche Dinge erfüllen müssen, wie ich sie heute ausgesprochen habe. Und diese Dinge hängen schon zusammen auch damit, dass man in sinnigerer Weise erkennt, wie aus dem deutschen Geistesleben heraus, aber im vornehmsten, edelsten Sinne, sich etwas entwickeln soll, das die Welt wirklich erfassen muss. Aber ich habe nicht unbedacht ein Kapitel meines Buches «Vom Menschenrätsel» genannt «eine vergessene Strömung». Ich habe charakterisiert, wie eine solche vergessene Strömung wieder aufleben muss und in einem höheren Sinne in die Menschheit eindringen muss. Es gehört schon tiefer Ernst dazu, um dasjenige, was der Menschheit im eminentesten Sinne notwendig ist, in die Kultur der Gegenwart und der nächsten Zukunft hineinzuführen.
[ 1 ] Isn’t it true, my dear friends, that since these very passages are being cited here, I would like to say a few more words about them: It is indeed a time now when such things as I have spoken of today must come to pass. And these things are also connected to the fact that one must recognize in a more meaningful way how, out of German spiritual life—but in the noblest, most exalted sense—something must develop that truly must grasp the world. But it was not without reason that I titled a chapter of my book The Riddle of Man “A Forgotten Current.” I have described how such a forgotten current must be revived and must permeate humanity in a higher sense. It requires profound seriousness to introduce into the culture of the present and the near future that which is necessary for humanity in the most eminent sense.
[ 2 ] Sehen Sie, ich habe wiederum einmal an Goethe angeknüpft, über den ich ja mein ganzes Leben hindurch verschiedenes geforscht, geredet, geschrieben habe. Als ich neulich in Prag war und dort einen Vortrag hielt über Goethes persönliche Beziehungen zu seinem Faust, da war auch ein Herr, den ich seit meiner Zeit in Weimar nicht gesehen habe, wo er mit mir zusammen gearbeitet hatte. Ich sprach mit ihm einiges nach dem Vortrage - er ist jetzt ein alter Herr geworden - auch über die Leitung der gegenwärtigen Goethegesellschaft, und der Mann sagte aus seiner elementaren Empfindung heraus: «Das ist ja jetzt der reine Hohn.»
[ 2 ] You see, I have once again drawn on Goethe, about whom I have researched, spoken, and written in various ways throughout my entire life. When I was in Prague recently and gave a lecture there on Goethe’s personal relationship to his Faust, there was also a gentleman present whom I hadn’t seen since my time in Weimar, where he had worked with me. I spoke with him at length after the lecture—he’s become an elderly gentleman now—including about the leadership of the current Goethe Society, and the man said, speaking from his gut feeling: “That’s pure mockery now.”
[ 3 ] Es gibt ja eine Goethegesellschaft; aber diese Dinge müssen auch über einen größeren Horizont hin betrachtet werden. Wir müssen uns heute sagen, dass wir hineingekeilt sind in das Westmächtige, das Britisch-Amerikanische, das sich als eine rein materielle Kultur ausbreitet, das ja leider auch in Mitteleuropa so viele Kreise ergriffen hat, und auf der anderen Seite, gegen den Osten hin, in das, was sich von dort ausbreitet. Sie brauchen nur den Aufsatz über den Geist Japans von Rabindranath Tagore zu lesen, wie da jemand, der nun wirklich drinnen steht im Geist des Orientalismus, wie der richtig wegwerfend spricht über die Kultur Mitteleuropas. Was sieht aber ein solcher Mensch von der Kultur Mitteleuropas? Er sieht eben nicht dasjenige, was werden muss, wenn die vergessene Strömung, die auch im Goetheanismus liegt, aufgenommen wird. Der Goetheanismus muss wiederum aufgenommen werden, er ist zum großen Teil vergessen worden. Von außen sieht man nur das, was sich auch nach außen hin geltend macht. Außen sieht man noch wenig von diesen sonderbaren, als etwas verrückt und verdreht angesehenen Zirkeln, in denen wir auch so etwas pflegen, wie den spirituellen Goetheanismus. Der Mut muss entwickelt werden, dass sich das geltend macht.
[ 3 ] There is, of course, a Goethe Society; but these matters must also be viewed from a broader perspective. We must acknowledge today that we are caught between the dominant Western powers—the Anglo-American sphere—which is spreading as a purely material culture and has, unfortunately, taken hold in so many circles in Central Europe, and, on the other hand, toward the East, in what is spreading from there. You need only read Rabindranath Tagore’s essay on the spirit of Japan to see how someone who is truly steeped in the spirit of Orientalism speaks so dismissively about the culture of Central Europe. But what does such a person actually see of Central European culture? He simply does not see what must come to be when the forgotten current—which is also present in Goetheanism—is taken up again. Goetheanism must be revived; it has been largely forgotten. From the outside, one sees only what asserts itself outwardly. From the outside, one still sees little of these peculiar circles—regarded as somewhat crazy and twisted—in which we also cultivate something like spiritual Goetheanism. We must develop the courage to let this assert itself.
[ 4 ] Nach außen sehen die Leute einen Goetheanismus leben in der offiziellen Goethegesellschaft. Die Goethegesellschaft hatte, nachdem sie eine Zeit lang mehr oder weniger gelehrte Leute an der Spitze hatte, vor einigen Jahren die Gelegenheit, wiederum einmal einen Präsidenten zu wählen - diese Goethegesellschaft, die nach der Welt hin den Goetheanismus repräsentiert. Denn dass so durch uns der Goetheanismus durch den Dornacher Bau repräsentiert wird, das gilt den Leuten als Phantasterei. Es sollte also ein neuer Präsident gewählt werden. Da fand man nicht die Notwendigkeit aus dieser offiziellen Goethegesellschaft, einen Menschen, der von Goethes Geist durchdrungen ist, vor die Welt hinzustellen als Präsidenten der Goethegesellschaft, sondern es wurde gewählt ein ehemaliger Finanzminister. Ein ehemaliger Finanzminister erscheint durch die Goethegesellschaft als die Verkörperung des Goetheanismus vor der Welt. Das gehört auch zu denjenigen Dingen, die die Urteile über deutsches Geistesleben und deutsches Geisteswesen in der Welt begründen. Man fand sich genötigt, vor die Welt hinzustellen nicht irgendjemand, der den Goethegeist vertritt, sondern einen ehemaligen Finanzminister. Leute, die ein wenig etwas empfinden, wie dieser alte Herr, nennen es natürlich einen Hohn. Aber es muss nicht nur so kommen, dass die Leute die Faust in der Tasche ballen und von Hohn sprechen, sondern dass auch etwas getan wird, dass auch wirklich diese wahrhaftig deutsche Kultur, die eine durch und durch spirituelle in ihren Grundlagen in Wahrheit ist, erkannt werde. Wir brauchen keine amerikanischen und keine orientalischen Einflüsse, wir brauchen nur das aufzunehmen, was in der mitteleuropäischen Kultur - allerdings als vergessene Strömung - liegt. Möchte es eine Art Symptom sein für eine gewisse Umkehr, was in dem Vornamen jenes Finanzministers liegt - es wird vielleicht noch lange dauern. Der Herr, der der Präsident der Goethegesellschaft ist - sie hat ihn gewählt, weil sie einen ehemaligen Finanzminister als die richtige Persönlichkeit findet - die anderen sind «ungeschickt», «phantastisch» — aber das ist ein Mensch, der einen recht guten Vornamen hat: «Kreuzwendedich». Ich möchte gerne, dass dieser Vorname auch symptomatisch sein könnte für das, was auf diesem Gebiete geschehen muss.
[ 4 ] To the outside world, people see the official Goethe Society as embodying Goetheanism. After having been led for some time by more or less scholarly figures, the Goethe Society had the opportunity a few years ago to elect a new president—this Goethe Society, which represents Goetheanism to the world. For the fact that Goetheanism is represented through us by the Dornach Building is regarded by people as mere fantasy. A new president was therefore to be elected. Yet this official Goethe Society did not feel the need to present to the world a person imbued with Goethe’s spirit as its president; instead, a former finance minister was elected. Through the Goethe Society, a former finance minister appears before the world as the embodiment of Goetheanism. This is also one of the factors that shape the world’s judgments about German intellectual life and the German spirit. They felt compelled to present to the world not just anyone who represents the spirit of Goethe, but a former finance minister. People who feel even a little bit like this elderly gentleman naturally call it a mockery. But it need not merely come to the point where people clench their fists in their pockets and speak of mockery; rather, something must be done so that this truly German culture—which is, in truth, thoroughly spiritual in its foundations—is truly recognized. We don’t need American or Oriental influences; we need only to embrace what lies within Central European culture—albeit as a forgotten current. If the first name of that finance minister is meant to be a kind of symptom of a certain reversal—it may still take a long time. The gentleman who is president of the Goethe Society—they elected him because they consider a former finance minister to be the right person for the job—the others are “clumsy,” “fantastical”—but this is a man who has a rather good first name: “Kreuzwendedich.” I would like this first name to also be symbolic of what needs to happen in this area.
