Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The History of the German Section
of the Theosophical Society
1902–1913
GA 250

4 February 1913, Berlin

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

The History of the German Section of the Theosophical Society, tr. SOL
  1. Zur Geschichte der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft

50. Autobiografischer Vortrag über die Kindheits- und Jugendjahre bis zur Weimarer Zeit

50. Autobiographical Lecture on His Childhood and Youth Up to the Weimar Era

[ 1 ] Meine lieben theosophischen Freunde! Es ist meine ganz ehrliche Überzeugung, dass es im Grunde genommen eine arge Zumutung ist, vor einer solchen Versammlung das vorzubringen, was ich nun werde darzustellen haben. Sie können wirklich überzeugt sein, dass ich, dieses fühlend, nur aus dem Grunde zu dieser Schilderung meine Zuflucht nehme, weil in der letzten Zeit Dinge zutage getreten sind, die gewissermaßen unserer Sache wegen die Zurückweisung von Verdächtigungen und Entstellungen zur Pflicht machen.

[ 1 ] My dear Theosophical friends! It is my sincere conviction that, fundamentally speaking, it is a great imposition to present before such an assembly what I am now about to describe. You can truly be assured that, while I am aware of this, I am resorting to this account solely because certain matters have recently come to light that, in a sense, make it our duty—for the sake of our cause—to refute suspicions and misrepresentations.

[ 2 ] Ich werde mich bemühen, so objektiv wie möglich das darzustellen, was darzustellen ist, und ich werde mich bemühen - da ich ja selbstverständlich nicht alles vorbringen kann -, das, was ich vorbringe, subjektiv höchstens insoweit zu beeinflussen, als die Auswahl des Vorzubringenden in Betracht kommt. Hierbei soll mich der Grundsatz leiten, das zu erwähnen, was auf meine ganze Geistesrichtung irgendwie von Einfluss gedacht werden kann. Betrachten Sie die Art, wie ich versuchen werde darzustellen, nicht als eine Koketterie, sondern als etwas, was mir in vielen Punkten doch als die natürliche Form erscheinen muss.

[ 2 ] I will endeavor to present what needs to be presented as objectively as possible, and I will endeavor—since I obviously cannot cover everything—to influence what I present subjectively only to the extent that the selection of what is to be presented is concerned. In doing so, I shall be guided by the principle of mentioning whatever might be considered to have had some influence on my entire way of thinking. Please do not regard the manner in which I will attempt to present this as mere affectation, but rather as something that, in many respects, must seem to me to be the natural form.

[ 3 ] Wenn sich jemand zu einem ganz modernen Leben, zu einem Leben in den modernsten Errungenschaften der gegenwärtigen Zeit hätte anschicken wollen und sich dazu hätte aussuchen wollen die entsprechenden Daseinsbedingungen der gegenwärtigen Inkarnation, so, scheint mir, hätte er in Bezug auf seine gegenwärtige Inkarnation diejenige Wahl treffen müssen, die Rudolf Steiner getroffen hat. Denn er war von allem Anfange an eigentlich umgeben von den allermodernsten Kulturerrungenschaften, war umgeben von der ersten Stunde seines physischen Daseins an vom Eisenbahn- und Telegrafen-Wesen.

[ 3 ] If someone had wanted to set out on a thoroughly modern life—a life immersed in the most advanced achievements of the present age—and had wanted to choose the corresponding conditions of existence for their current incarnation, it seems to me that, with regard to their present incarnation, they would have had to make the same choice that Rudolf Steiner made. For from the very beginning he was, in fact, surrounded by the most modern cultural achievements; from the very first hour of his physical existence, he was surrounded by the railroads and the telegraph system.

[ 4 ] Geboren ist er am 27. Februar 1861 in Kraljevec, das jetzt zu Ungarn gehört. Er hat nur die ersten anderthalb Jahre an diesem Orte, der auf der sogenannten Mur-Insel liegt, zugebracht, dann ein halbes Jahr in einem Orte in der Nähe von Wien und dann eine ganze Anzahl von Knabenjahren in einem Orte an der Grenze von Niederösterreich und Steiermark, mitten drinnen in jenen österreichisch-steierischen Verhältnissen einer Gebirgsgegend, die einen gewissen tiefer gehenden Eindruck machen können auf das Gemüt eines Kindes, das für solche Sachen empfänglich ist.

[ 4 ] He was born on February 27, 1861, in Kraljevec, which is now part of Hungary. He spent only the first year and a half of his life in this town, which is located on the so-called Mur Island, then half a year in a town near Vienna, and then a good number of his boyhood years in a town on the border between Lower Austria and Styria, right in the heart of that Austrian-Styrian mountain region, which can make a certain profound impression on the mind of a child who is receptive to such things.

[ 5 ] Sein Vater war ein kleiner Beamter der österreichischen Südbahn. Die Familie hatte immerhin zu tun mit denjenigen Verhältnissen, die nach Lage der Sache dazumal nicht anders charakterisiert werden können als ein «Ankämpfen gegen die schlechte Bezahlung solcher kleiner Eisenbahnbeamter». Die Eltern haben - das muss ausdrücklich hervorgehoben werden, damit nicht ein Missverständnis entsteht - stets die Bereitschaft gezeigt, ihre letzten Kreuzer für das hinzugeben, was dem Wohle ihrer Kinder entsprach; aber es waren nicht sehr viele solcher letzten Kreuzer vorhanden.

[ 5 ] His father was a low-ranking official with the Austrian Southern Railway. The family, after all, had to contend with circumstances that, given the state of affairs at the time, can only be described as a “struggle against the meager pay of such low-ranking railroad officials.” His parents—and this must be explicitly emphasized to avoid any misunderstanding—always showed a willingness to spend their very last kreuzers on whatever served the well-being of their children; but there were not very many of those last kreuzers to begin with.

[ 6 ] Was der Knabe - man könnte sagen - stündlich sah, waren auf der einen Seite die hereinblickenden, oftmals in so schönem Sonnenschein erstrahlenden, oftmals von den herrlichsten Schneefeldern bedeckten steirisch-österreichischen Berge. Auf der anderen Seite waren da zum Erfreuen des Gemütes die Vegetations- und sonstigen Naturverhältnisse einer solchen Gegend, die dort, als am Fuße des österreichischen Schneeberges und des Sonnwendsteins gelegen, vielleicht zu den schönsten Flecken des österreichischen Landes gehören. Das war einerseits dasjenige, woraus man die Eindrücke bestimmen kann, die an den Knaben herankamen. Das andere war, dass stündlich der Blick gerichtet sein konnte eben auf die modernsten Kulturverhältnisse und -errungenschaften: auf die Eisenbahn, mit deren Bedienung ja sein Vater zu tun hatte, und auf das, was dazumal schon die Telegrafie im modernen Verkehr hat leisten können. Man möchte sagen, dass dasjenige, was da an den Knaben herantrat, ganz und gar nicht moderne Stadtverhältnisse waren. Denn der Ort, zu dem der Bahnhof gehörte, wo er aufwuchs, war ein sehr kleiner Ort und bot nur insofern moderne Eindrücke, als zu dem Orte eine Spinnfabrik gehörte, sodass man fortwährend einen recht modernen Industriezweig vor Augen hatte.

[ 6 ] What the boy—one might say—saw every hour were, on the one hand, the Styrian-Austrian mountains visible from his window, often glistening in such beautiful sunshine and often covered by the most magnificent snowfields. On the other hand, there were, to the delight of the soul, the vegetation and other natural features of such a region, which, situated there at the foot of the Austrian Schneeberg and the Sonnwendstein, perhaps ranks among the most beautiful spots in the Austrian countryside. That was, on the one hand, what one could use to determine the impressions that made an impact on the boy. The other factor was that, at any given moment, his gaze could turn to the most modern cultural conditions and achievements: the railroad—which his father was involved in operating—and what telegraphy had already been able to accomplish in modern communications at that time. One might say that what the boy encountered there was by no means a modern urban environment. For the town to which the train station belonged—where he grew up—was a very small town and offered modern impressions only insofar as it was home to a spinning mill, so that a quite modern branch of industry was constantly in view.

[ 7 ] Diese Verhältnisse müssen alle erwähnt werden, weil sie tatsächlich bildend und herausfordernd auf die Kräfte der Seele des Knaben einwirkten. Stadtverhältnisse waren sie wirklich durchaus nicht; aber der Schatten der Stadtverhältnisse kam in diesen abgelegenen Ort herein. Denn es war nicht nur — mit all den Wirkungen, die so etwas hat — eine der kunstvoll angelegten Gebirgsbahnen in unmittelbarer Nähe, die Semmeringbahn, sondern es waren auch in der Nähe die Quellen, aus welchen gerade in der damaligen Zeit die Wasser der Wiener Hochquellenwasserleitung entnommen wurden. Außerdem war die ganze nähere Umgebung viel von Leuten aufgesucht, die ihren Sommeraufenthalt von Wien und anderen österreichischen Orten aus in dieser Gebirgsgegend verleben wollten. Aber man muss sich dabei vorstellen, dass in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts solche Orte noch nicht so übersät waren mit Sommerfrischlern, wie es in späteren Zeiten der Fall war, und dass man auch als Kind in gewisse persönliche Beziehungen trat zu den Leuten, die solche Sommerfrischen aufsuchten, sodass man dadurch eine Art intimen Verhältnisses gewann zu dem, was in der Stadt vorging. Wie der Schatten der Stadt erstreckte sich das, was sich da zeigte, in diese kleine Ortschaft hinein.

[ 7 ] All of these circumstances must be mentioned because they actually had a formative and challenging effect on the boy’s inner strength. They were certainly not urban conditions in the strict sense; yet the shadow of urban life crept into this remote place. For it was not only—with all the effects that such a thing entails—one of the ingeniously designed mountain railroads in the immediate vicinity, the Semmering Railway, but there were also nearby the springs from which, at that very time, the water for Vienna’s Hochquellenwasserleitung was drawn. Moreover, the entire immediate vicinity was frequented by people who wanted to spend their summer vacations in this mountainous region, coming from Vienna and other Austrian towns. But one must have in one's mental image that in the 1860s, such places were not yet as overrun with summer vacationers as they were in later times, and that even as a child one formed certain personal connections with the people who sought out these summer retreats, thereby gaining a kind of intimate relationship with what was happening in the city. Like the shadow of the city, what unfolded there extended into this small village.

[ 8 ] Was noch in Betracht kam - wer sich ein wenig psychologischen Blick angeeignet hat, wird schon sehen, dass so etwas doch in Betracht kommen kann -, waren gewisse Eindrücke, von denen man nichts anderes sagen kann, als dass sie die Auflösung von althergebrachten religiösen Verhältnissen im engsten Kreise einer kleinen Ortschaft zeigten. Es gab in dem Orte selber, in dem der Knabe heranwuchs, einen Pfarrer. Erwähnen möchte ich nur, dass ich selbstverständlich alle Namen und dergleichen weglasse, deren Nennung irgendwelchen Anstoß erregen oder auch nur verletzen könnte, da man es bei einer solchen Darstellung oft mit Leuten zu tun hat, die selbst oder deren Nachkommen noch leben; das soll also vermieden werden, trotz des Bestrebens, in der genauesten Weise darzustellen. In diesem Orte hatte man es also zu tun mit einem Pfarrer, der auf unsere Familie keinen anderen Einfluss nahm, als dass er meine Geschwister taufte; mich selber hat er nicht mehr zu taufen brauchen, da ich schon in Kraljevec getauft worden war. Im Übrigen galt er auf dem Bahnhof, wo der Knabe, von dem ich zu erzählen habe, heranwuchs, bei den Bewohnern des Bahnhofes und allen denen zum Beispiel, die von der unmittelbar benachbarten Spinnfabrik fast bei jedem Zug anwesend waren, da das Ankommen eines Zuges ein großes Ereignis war, als eine recht komische Figur. Und der Knabe hörte in einer nicht gerade respektvollen Weise den betreffenden Pfarrer nicht anders nennen als «unseren Pfarrer-Nazl».

[ 8 ] Another possibility—and anyone with even a basic understanding of psychology will see that such a thing is indeed plausible—was certain impressions that can only be described as evidence of the dissolution of time-honored religious traditions within the innermost circle of a small village. There was a pastor in the very town where the boy grew up. I would just like to mention that I am, of course, omitting all names and the like whose mention might cause offense or even just hurt someone’s feelings, since in such an account one often has to deal with people who are still alive—or whose descendants are still alive; so this should be avoided, despite the effort to portray events as accurately as possible. In this town, then, there was a pastor who had no influence on our family other than baptizing my siblings; he did not need to baptize me, since I had already been baptized in Kraljevec. Incidentally, at the train station where the boy I am about to describe grew up, he was regarded as a rather comical figure by the station’s residents and by all those—for example, the workers from the neighboring spinning mill who were present for almost every train—since the arrival of a train was a major event. And the boy, in a manner that was not exactly respectful, heard people refer to the pastor in question as nothing other than “our Pastor Nazl.”

[ 9 ] Dagegen gab es im Nachbarorte einen anderen Pfarrer; der kam oftmals in unser Haus. Dieser andere Pfarrer war aber gründlich zerfallen erstens mit dem Pfarrer-Nazl und zweitens mit allen Berufsverhältnissen, in denen er stand. Und wenn jemand schon in der allerersten Kindheit, die Rudolf Steiner zu verleben hatte, vor dem Ohr des Knaben die losesten Worte gebrauchte über alles, was damals auch schon als gesuitisch» bezeichnet worden ist -, wenn jemand die losesten Worte gebrauchte in Gegenwart des vier- bis fünfjährigen Knaben über die kirchlichen Verhältnisse, so war es jener Pfarrer, der sich als ein entschieden Liberaler fühlte und den man in unserem Hause liebte wegen seiner selbstverständlichen Freigeistigkeit. Es machte damals dem Knaben einen außerordentlichen Spaß, was er einmal von jenem Pfarrer hörte. Es war ihm der Besuch des Bischofs angesagt worden. In einem solchen Falle werden sonst in so kleinen Ortschaften große Vorbereitungen getroffen. Unserem freigeistigen Pfarrer aber war es passiert, dass man ihn aus dem Bette holen musste, indem man ihm sagte: Er solle schnell aufstehen, denn der Bischof stünde schon in der Kirche. Kurz, es waren Verhältnisse, denen gegenüber es unmöglich war, dass sich etwas anderes entwickelte als das, was vielleicht nur Österreicher kennen: eine gewisse Selbstverständlichkeit gegenüber den Verhältnissen der religiösen Tradition, eine selbstverständliche Gleichgültigkeit. Man kümmerte sich sozusagen nicht darum und nahm ein kulturhistorisches Interesse an einer so originellen Persönlichkeit, wie der ebengenannte Pfarrer war, der zum Bischof zu spät kam, weil er tatsächlich einen sonderbaren Anblick bot. Man wusste gar nicht, warum er eigentlich Pfarrer war. Denn von allem, was sonst einen Pfarrer interessiert, sprach er nie; dagegen sprach er sehr häufig davon, welche Knödel ihm besonders gut schmeckten und was er sonst alles erlebte. Er zog manchmal ganz gewichtig los über seine Behörden und erzählte, was er da alles auszuhalten hätte. Aber irgendeine Anleitung zum Zelotismus konnte von diesem «Herrn Pfarrer» ganz gewiss nicht kommen.

[ 9 ] In contrast, there was another pastor in the neighboring town; he often came to our house. This other pastor, however, was thoroughly at odds, first with Pastor Nazl and second with all the professional relationships in which he was involved. And if anyone, even during Rudolf Steiner’s very earliest childhood, used the most casual language in the boy’s presence about everything that was already being described as “Suitic” at that time—if anyone used the most casual language in the presence of the four- to five-year-old boy about church affairs, it was that very pastor, who considered himself a staunch liberal and whom we loved in our home for his natural free-spiritedness. At the time, the boy took great delight in something he once heard from that pastor. He had been told that the bishop was coming to visit. In such cases, extensive preparations are usually made, even in such small towns. But as it happened to our free-thinking pastor, he had to be roused from bed and told: “You must get up quickly, for the bishop is already in the church.” In short, these were circumstances in which it was impossible for anything other to develop than what perhaps only Austrians know: a certain matter-of-factness toward the circumstances of religious tradition, a natural indifference. People, so to speak, didn’t really care and took a cultural-historical interest in such an original personality as the aforementioned pastor, who arrived late to meet the bishop because he truly presented a peculiar sight. No one really knew why he was a pastor at all. For he never spoke of any of the things that usually interest a pastor; instead, he spoke very often about which dumplings he particularly enjoyed and what else he had experienced. He would sometimes launch into weighty tirades against the authorities and recount all the things he had to endure there. But certainly no call to zealotry could come from this “Mr. Pastor.”

[ 10 ] Kurz nur wurde von dem Knaben die dortige Ortsschule besucht. Aus Gründen - es braucht ja nichts irgendwie auch nur unexakt dargestellt zu werden -, die einfach in einem persönlichen Zwist des Vaters des Knaben mit dem Schullehrer lagen, wurde der Knabe sehr bald aus der Dorfschule herausgenommen und bekam dann zwischen den Zeiten, wo die Züge verkehrten, in der Stationskanzlei von dem Vater einigen Unterricht.

[ 10 ] The boy attended the local school there for only a short time. For reasons—and there’s no need to present anything inaccurately—that simply stemmed from a personal dispute between the boy’s father and the schoolteacher, the boy was taken out of the village school very soon after and then received some instruction from his father in the station office between train schedules.

[ 11 ] Dann wurde der Vater des betreffenden Knaben, als dieser acht bis neun Jahre alt war, an eine andere Bahnstation versetzt, die an der Grenze liegt zwischen - wie man in Österreich sagt - «Cisleithanien» und «Transleithanien», zwischen den österreichischen und ungarischen Ländern, doch war die Station schon nach Ungarn hinüber gelegen. Bevor aber von dieser Versetzung gesprochen werden kann, muss noch etwas erwähnt werden, was von einer außerordentlichen Bedeutung und Wichtigkeit für das Leben des Knaben Rudolf Steiner war.

[ 11 ] Then, when the boy in question was eight or nine years old, his father was transferred to another train station located on the border between—as they say in Austria—“Cisleithania” and “Transleithania,” between the Austrian and Hungarian territories; however, the station was already situated on the Hungarian side. But before we can speak of this transfer, something else must be mentioned that was of extraordinary significance and importance for the life of the boy Rudolf Steiner.

[ 12 ] Der Knabe war in einer gewissen Beziehung für seine Angehörigen ein unbequemer Knabe, schon deshalb, weil er einen gewissen Freiheitssinn im Leibe hatte, und wenn er bemerkte, dass etwas von ihm gefordert wurde, womit er nicht ganz übereinstimmen konnte, dann wollte er sich dieser Forderung gern entziehen. Er entzog sich zum Beispiel der Forderung, Leute zu grüßen oder mit ihnen zu sprechen, die zu den Vorgesetzten seines Vaters gehörten und die auch als Sommerfrischler an dem betreffenden Orte waren. Er verkroch sich dann und wollte nichts wissen von einer Untertänigkeit, die ja natürlich ist und gegen die nichts eingewendet werden soll. Nur als Eigentümlichkeit soll hervorgehoben werden, dass er nichts davon wissen wollte und sich dann oft in den kleinen Wartesaal zurückzog, wo er versuchte, in sonderbare Geheimnisse einzudringen. Diese waren in einem Bilderbuch enthalten, das bewegliche Figuren hatte, wo man unten an Fäden zog. Es enthielt die Geschichte einer Persönlichkeit, die für Österreich - besonders für Wien - eine gewisse Bedeutung hatte: die Persönlichkeit des «Staberl». Sie war so etwas Ähnliches geworden = allerdings mit lokaler Färbung - wie ein Mittelding zwischen einem Kasperl und einem Eulenspiegel.

[ 12 ] In a certain sense, the boy was a troublesome child for his family, if only because he had a certain spirit of independence in his blood, and whenever he noticed that something was being demanded of him with which he could not fully agree, he was eager to evade that demand. For example, he would evade the expectation that he greet or speak with people who were his father’s superiors and who were also spending the summer at that particular location. He would then retreat into a corner and refuse to have anything to do with the deference that is, of course, natural and against which no objection should be raised. It should be noted, merely as a peculiarity, that he wanted nothing to do with it and would often retreat to the small waiting room, where he tried to unravel strange mysteries. These were contained in a picture book with movable figures that could be operated by pulling strings at the bottom. It told the story of a figure who held a certain significance for Austria—especially for Vienna: the figure of the “Staberl.” He had become something akin to—albeit with a local flavor—a cross between Kasperl and Eulenspiegel.

[ 13 ] Aber auch noch etwas anderes bot sich dem Knaben. Da saß er eines Tages in jenem Wartesaale ganz allein auf einer Bank. In der einen Ecke war der Ofen, an einer vom Ofen abgelegenen Wand war eine Tür; in der Ecke, von welcher aus man zur Tür und zum Ofen schauen konnte, saß der Knabe. Der war dazumal noch sehr, sehr jung. Und als er so dasaß, tat sich die Tür auf; er musste es natürlich finden, dass eine Persönlichkeit, eine Frauenspersönlichkeit, zur Türe hereintrat, die er früher nie gesehen hatte, die aber einem Familiengliede außerordentlich ähnlich sah. Die Frauenspersönlichkeit trat zur Türe herein, ging bis in die Mitte der Stube, machte Gebärden und sprach auch Worte, die etwa in der folgenden Weise wiedergegeben werden können: «Versuche jetzt und später, so viel du kannst», so etwa sprach sie zu dem Knaben, «für mich zu tun!» Dann war sie noch eine Weile anwesend unter Gebärden, die nicht mehr aus der Seele verschwinden können, wenn man sie gesehen hat, ging zum Ofen hin und verschwand in den Ofen hinein. Der Eindruck war ein sehr großer, der auf den Knaben durch dieses Ereignis gemacht worden war. Der Knabe hatte niemanden in der Familie, zu dem er von so etwas hätte sprechen können, und zwar aus dem Grunde, weil er schon dazumal die herbsten Worte über seinen dummen Aberglauben hätte hören müssen, wenn er von diesem Ereignis Mitteilung gemacht hätte.

[ 13 ] But something else also presented itself to the boy. One day he was sitting all alone on a bench in that waiting room. In one corner was the stove; on a wall some distance from the stove was a door; the boy was sitting in the corner from which he could see both the door and the stove. He was still very, very young at the time. And as he sat there, the door opened; naturally, he noticed that a person—a woman—entered through the door, someone he had never seen before, but who bore an extraordinary resemblance to a member of his family. The woman stepped through the door, walked to the middle of the room, made gestures, and spoke words that can be rendered roughly as follows: “Try now and later, as much as you can,” she said to the boy, “to do things for me!” Then she remained present for a while longer, making gestures that, once seen, can never be erased from one’s mind; she walked over to the stove and disappeared into it. This event made a very deep impression on the boy. He had no one in his family to whom he could have spoken of such a thing, for if he had reported this incident, he would have had to endure the harshest words about his foolish superstition even back then.

[ 14 ] Es stellte sich nach diesem Ereignis nun Folgendes ein. Der Vater, der sonst ein ganz heiterer Mann war, wurde nach jenem Tage recht traurig, und der Knabe konnte sehen, dass der Vater etwas nicht sagen wollte, was er wusste. Nachdem nun einige Tage vergangen waren und ein anderes Familienglied in der entsprechenden Weise vorbereitet worden war, stellte sich doch heraus, was geschehen war. An einem Orte, der für die Denkweise der Leute, um die es sich da handelt, recht weit von jenem Bahnhofe entfernt war, hatte sich in derselben Stunde, in welcher im Wartesaale dem kleinen Knaben die Gestalt erschienen war, ein sehr nahestehendes Familienglied selbst den Tod gegeben. Dieses Familienglied hatte der Knabe nie gesehen; er hatte auch nie sonderlich viel von ihm gehört, weil er eigentlich in einer gewissen Beziehung - das muss auch hervorgehoben werden - für die Erzählungen der Umgebung etwas unzugänglich war; sie gingen bei dem einen Ohr hinein, bei dem anderen wieder hinaus, und er hatte eigentlich nicht viel von den Dingen gehört, die gesprochen worden sind. So wusste er auch nicht viel von jener Persönlichkeit, die sich da selbst gemordet hatte. Das Ereignis machte einen großen Eindruck, denn es ist jeder Zweifel darüber ausgeschlossen, dass es sich gehandelt hat um einen Besuch des Geistes der selbstgemordeten Persönlichkeit, die an den Knaben herangetreten war, um ihm aufzuerlegen, etwas für sie in der nächsten Zeit nach dem Tode zu tun. Außerdem traten ja die Zusammenhänge dieses geistigen Ereignisses mit dem physischen Plan, wie soeben erzählt worden ist, in den folgenden Tagen gleich stark zutage.

[ 14 ] After this incident, the following happened. The father, who was otherwise a very cheerful man, became quite sad after that day, and the boy could tell that his father was keeping something from him—something he knew. After a few days had passed and another family member had been prepared in the appropriate manner, it finally became clear what had happened. In a place that, according to the way of thinking of the people in question, was quite far from that train station, a very close family member had taken his own life at the very same hour that the figure had appeared to the little boy in the waiting room. The boy had never seen this family member; nor had he ever heard much about him, because—and this must also be emphasized—in a certain sense he was somewhat impervious to the stories circulating among those around him; they went in one ear and out the other, and he hadn’t really heard much of what had been said. Thus, he also knew little about that person who had taken his own life. The event made a profound impression, for there is no doubt whatsoever that it involved a visit from the spirit of the person who had taken his own life, who had approached the boy to entrust him with a task to perform on his behalf in the time immediately following his death. Moreover, as has just been recounted, the connections between this spiritual event and the physical plane became equally evident in the days that followed.

[ 15 ] Nun, wer so etwas in seiner frühen Kindheit erlebt und es nach seiner Seelenanlage zu verstehen suchen muss, der weiß von einem solchen Ereignisse an - wenn er es eben mit Bewusstsein erlebt -, wie man in den geistigen Welten lebt. Und da nur an den unmittelbar notwendigen Punkten das Hereinleuchten der geistigen Welten besprochen werden soll, so soll hier gleich angedeutet werden, dass von jenem Ereignisse ab für den Knaben ein Leben in der Seele anfing, welchem sich durchaus diejenigen Welten offenbarten, aus denen nicht nur die äußeren Bäume, die äußeren Berge zu der Seele des Menschen sprechen, sondern auch jene Welten, die hinter diesen sind. Und der Knabe lebte etwa von jenem Zeitpunkt ab mit den Geistern der Natur, die ja in einer solchen Gegend ganz besonders zu beobachten sind, mit den schaffenden Wesenheiten hinter den Dingen, in derselben Weise, wie er die äußere Welt auf sich wirken ließ.

[ 15 ] Now, anyone who experiences something like this in early childhood and must seek to understand it in accordance with the nature of their soul knows, from the moment such an event occurs—provided they experience it consciously—how one lives in the spiritual worlds. And since the revelation of the spiritual worlds is to be discussed only insofar as is immediately necessary, it should be noted here right away that, from that event onward, a life within the soul began for the boy, to whom those worlds were fully revealed—worlds from which not only the outer trees and mountains speak to the human soul, but also those worlds that lie beyond them. And from that point on, the boy lived, as it were, with the spirits of nature—which, after all, are particularly evident in such a region—and with the creative beings behind things, in the same way that he allowed the outer world to influence him.

[ 16 ] Nach der schon erwähnten Versetzung des Vaters an den an der Grenze von Österreich und Ungarn, aber noch in Ungarn gelegenen Ort kam der Knabe in die Bauernschule jenes Ortes. Es war eine Bauernschule nach alter Einrichtung, wie sie damals bestanden, wo Knaben und Mädchen ganz selbstverständlich noch untereinander waren. Was in dieser Bauernschule gelernt werden konnte, das wirkte noch nicht einmal, trotzdem es natürlich nicht besonders viel war, mit der vollen Intensität auf den Knaben, von dem die Rede ist, aus dem einfachen Grunde, weil der ausgezeichnete Lehrer dieser Bauernschule - in seiner Art ausgezeichnet innerhalb der Grenzen, in denen das möglich ist - eine besondere Vorliebe für das Zeichnen hatte. Und da der Knabe ziemlich früh die Anlage zum Zeichnen zeigte, so nahm einfach jener Lehrer den Knaben während der Zeit, wo den anderen Schülern gezeigt wurde, wie man lesen und schreiben lernt, aus dem Schulzimmer heraus, führte ihn in seine kleine Stube, und der Knabe musste immer zeichnen, sodass er es verhältnismäßig bald dazu gebracht hatte, ganz nett - wie einzelne Leute sagten - eine der bedeutendsten politischen Persönlichkeiten Ungarns zu zeichnen, nämlich den Grafen Széchenyi.

[ 16 ] After his father’s transfer—as already mentioned—to a town located on the border between Austria and Hungary, though still within Hungary, the boy enrolled in that town’s rural school. It was a rural school of the old style, as they existed at that time, where boys and girls naturally attended classes together. What could be learned at this rural school—though, of course, it was not particularly much—did not even have a full impact on the boy in question, for the simple reason that the excellent teacher at this rural school—excellent in his own way within the limits of what was possible—had a special fondness for drawing. And since the boy showed an aptitude for drawing quite early on, that teacher simply took him out of the classroom during the time when the other students were being taught how to read and write, led him into his little study, and the boy was always made to draw, so that he was able relatively soon to draw—quite nicely, as some people said—one of Hungary’s most prominent political figures, namely Count Széchenyi.

[ 17 ] In jenem Orte lebte selbstverständlich auch ein Pfarrer. Aber von dem Pfarrer, der da jede Woche in jene Bauernschule kam, lernte der Knabe in Bezug auf das Religiöse auch nicht sonderlich viel. Man kann nur sagen: weil ihn die Sache nicht besonders interessierte. Im Elternhause wurde nicht viel von religiösen Dingen gesprochen, und ein besonderes Interesse war dafür nicht vorhanden. Dagegen kam der Pfarrer einmal in die Schule mit einer kleinen Zeichnung, die er gemacht hatte; es war das kopernikanische Weltsystem. Das setzte er einigen Knaben und Mädchen, bei denen er besonderes Verständnis dafür annahm, auseinander, sodass der Knabe, der von dem Pfarrer nichts in der Religion lernen konnte, durch ihn das kopernikanische Weltsystem ganz gut verstanden hat.

[ 17 ] Of course, there was also a pastor living in that town. But the boy didn’t learn much about religion from the pastor who came to that rural school every week. One can only say that it was because the subject didn’t particularly interest him. Religious matters were not discussed much at home, and there was no particular interest in them. On the other hand, the pastor once came to school with a small drawing he had made; it was the Copernican model of the universe. He explained it to a few boys and girls whom he thought would be particularly receptive to it, so that the boy, who had been unable to learn anything about religion from the pastor, came to understand the Copernican model of the universe quite well through him.

[ 18 ] Der Ort, wo dies alles geschah, war ein sehr eigentümlicher Ort, weil da wiederum sozusagen hereinschauten gewichtige politische und kulturelle Verhältnisse. Es war damals gerade die Zeit, als die Ungarn anfingen zu magyarisieren und wo besonders in solchen Grenzgegenden sich vieles abspielte, was der Zusammenhang zwischen verschiedenen Völkerschaften ergab, besonders zwischen den magyarischen und deutschen Völkerschaften. Außerordentlich vieles lernte man noch kennen an bedeutsamen Kulturverhältnissen - ohne dass man damals alles rubrizierte —, sodass auch da der Knabe mit den modernsten Verhältnissen bekannt wurde.

[ 18 ] The place where all this happened was a very peculiar one, because, so to speak, significant political and cultural circumstances were at play there as well. It was precisely the time when the Hungarians were beginning their Magyarization efforts, and especially in such border regions, many events were unfolding that stemmed from the interrelationships between different ethnic groups, particularly between the Magyar and German peoples. One learned an extraordinary amount about significant cultural conditions—without categorizing everything at the time—so that even there, the boy became acquainted with the most modern circumstances.

[ 19 ] Was nun missverstanden worden ist, das ist, dass der Knabe, wie die anderen Schulbuben des Ortes - eine ganz kurze Zeit war das zwar nur der Fall - in der Dorfkirche Ministranten-Dienste leisten musste. Es wurde da einfach gesagt: Der und der haben heute die Glocken zu läuten und sich die Ministranten-Kleider anzuziehen und Ministranten-Dienste zu tun. Es war das gar nicht so sehr lange geschehen, da bestand der Vater des Knaben - und zwar aus sehr merkwürdigen Gründen - darauf, dass diese Ministranten-Dienste nicht zu lange ausgedehnt werden sollten. Der Knabe konnte, aus gewissen Verhältnissen heraus, ab und zu es nicht vermeiden, dass er zu spät kam, und der Vater wollte nicht, dass sein Junge ebensolche Schläge bekäme wie die anderen Jungen, wenn sie zu spät zum Glockenläuten kamen. Da brachte er es denn dahin, dass seinem Sohne dieses Amt wieder entzogen wurde.

[ 19 ] What has been misunderstood is that the boy, like the other schoolboys in the village—though this was only the case for a very short time—had to serve as an altar boy in the village church. It was simply stated there: So-and-so are to ring the bells today, put on their altar server robes, and perform their duties as altar servers. This had not been going on for very long when the boy’s father—for very peculiar reasons—insisted that these altar server duties should not be extended for too long. Due to certain circumstances, the boy could not always avoid arriving late from time to time, and his father did not want his son to receive the same beatings as the other boys when they were late for bell-ringing. So he managed to have his son removed from this duty.

[ 20 ] Noch in anderer Beziehung waren die damaligen Verhältnisse ganz interessant. Der Pfarrer, der eigentlich nicht besonders tief mit seinem Amt verbunden war, aber dies nicht - wie jener andere Pfarrer, von dem ich vorhin erzählt habe - merken ließ, war ein außerordentlich enragierter magyarischer Patriot, und es schien ihm klug - das konnte auch der Knabe schon durchschauen -, sich gegen etwas zu wenden, was an diesem Orte damals aufkam und was gerade zeigt, wie man als Knabe auch dort kulturhistorische Verhältnisse recht gut studieren konnte. Es war nämlich ein heftiger Kampf ausgebrochen zwischen dem Pfarrer und der Freimaurerloge, die an jenem Orte war, der als Grenzort schon in Ungarn lag. Solche Grenzorte wurden von den Logen gern ausgesucht. Es wurde von den dortigen Freimaurern, neben dem Berechtigten, das Unglaublichste aufgebracht als Anklagen gegen die Kirche. Und wenn man bekannt werden wollte mit dem, was - auch in berechtigter Weise — gegen die klerikalen Verhältnisse vorgebracht werden konnte, so hatte man dazu genügend Gelegenheit, trotzdem man vielleicht noch nicht eine gewisse Jugend überschritten hatte.

[ 20 ] In yet another respect, the circumstances at that time were quite interesting. The pastor, who was not actually particularly devoted to his ministry but did not let this show—unlike that other pastor I mentioned earlier—was an extraordinarily fervent Hungarian patriot, and it seemed wise to him—even the boy could see that—to oppose something that was emerging in that place at the time, which just goes to show how, even as a boy, one could study cultural and historical conditions quite well there. Namely, a fierce struggle had broken out between the pastor and the Masonic lodge located in that town, which, as a border town, was already within Hungary. Such border towns were often chosen by the lodges. The local Freemasons leveled the most unbelievable accusations against the Church, alongside the legitimate ones. And if one wished to become acquainted with what—even justifiably—could be raised against the clerical establishment, one had ample opportunity to do so, even if one had not yet passed a certain age.

[ 21 ] Manche Dinge, die nicht gerade dazu beitragen, in einem Knaben einen besonderen Respekt vor der Kirche zu erwecken, sollten eigentlich in einem späteren Abdruck nicht gedruckt, sollen hier aber doch erwähnt werden. Es trug nämlich nicht gerade zur Erhöhung der Ehrfurcht vor den kirchlichen Traditionen bei, dass der Knabe Folgendes ansehen musste. Es war da ein Bauernsohn des betreffenden Ortes, der es dahin gebracht hatte, Geistlicher zu werden, worauf ja die Bauern besonders stolz sind. Er war Zisterzienser geworden, was der Knabe nicht miterlebt hatte, aber er sah, was sich nun abspielte. Damals war eine große Feier veranstaltet worden, denn der ganze Ort war stolz darauf, dass es ein Bauernsohn so weit gebracht hatte. Es waren fünf bis sechs Jahre dahingegangen, der betreffende Geistliche hatte eine Pfarre bekommen und kam zuweilen auch in seinen Heimatort. Da konnte man dann beobachten, wie ein Wagen, den eine bauernmäßig gekleidete Frau und jener Pfarrer zusammen schoben, immer schwerer und schwerer wurde. Das war nämlich ein Kinderwagen, und mit jedem Jahr gab es ein Kind mehr für diesen Kinderwagen. Man konnte von dem ersten Besuche an bei diesem Geistlichen eine merkwürdige Vermehrung seiner Familie beobachten, die als eine «Beigabe» seines Zölibates mit jedem neuen Jahr immer sonderbarer erschien. Vielleicht darf da doch die Bemerkung eingefügt werden, dass in dieser Weise nicht dafür gesorgt wurde, dass der Knabe möglichst viel Respekt bekam vor dem, was die Traditionen geistlicher Körperschaften sind.

[ 21 ] Some things that do not exactly help instill a special respect for the Church in a boy should not really be included in a later publication, but they should be mentioned here nonetheless. For it certainly did not contribute to increasing reverence for ecclesiastical traditions that the boy had to witness the following. There was a farmer’s son from that village who had managed to become a clergyman—something farmers are particularly proud of. He had become a Cistercian monk, which the boy hadn’t witnessed, but he saw what was happening now. At the time, a grand celebration had been organized, for the entire village was proud that a farmer’s son had made it that far. Five or six years had passed; the priest in question had been assigned a parish and would occasionally return to his hometown. There, one could observe how a wagon—pushed by a woman dressed in peasant attire and that priest—was becoming heavier and heavier. It was, in fact, a baby carriage, and with each passing year, there was one more child for that carriage. From his very first visit, one could observe a curious expansion of this clergyman’s family, which, as a “side effect” of his celibacy, seemed increasingly strange with each passing year. Perhaps it is worth noting here that this approach did not ensure that the boy developed as much respect as possible for the traditions of the clergy.

[ 22 ] Es soll nun noch erwähnt werden, dass der Knabe im Alter von etwa acht Jahren in der Bibliothek des vorhin erwähnten Lehrers auch eine «Geometrie» von Močnik fand, die in den österreichischen Ländern viel gebraucht wurde, sich nun ganz allein an ein eifriges Studium der Geometrie machte und mit einer großen Lust sich gerade in diese Geometrie vertiefte.

[ 22 ] It should also be mentioned that, at the age of about eight, the boy found a copy of Močnik’s *Geometry*—a text widely used in the Austrian provinces—in the library of the teacher mentioned earlier; he then set about studying geometry on his own with great zeal and immersed himself in this very subject with great enthusiasm.

[ 23 ] Dann brachten es die Verhältnisse mit sich, die so charakterisiert werden könnten, dass es in der Familie des Knaben als eine völlige Selbstverständlichkeit galt, dem Knaben nur eine Bildung zu geben, die ihn zu irgendeinem modernen Kulturberuf befähigen konnte - alles Bestreben ging dahin, ihn ja nicht zu etwas anderem als zu einem modernen Kulturberuf zu bringen -, diese Verhältnisse also brachten es mit sich, dass man den Knaben nicht in das Gymnasium, sondern in die Realschule schickte. Er hat also überhaupt nicht eine Vorbildung genossen, die ihn zu einem geistlichen Berufe vorbereiten konnte, denn er hat kein Gymnasium, sondern nur eine Realschule besucht, die damals in Österreich ganz und gar nicht die Befähigung zum späteren geistlichen Berufe gegeben hätte. Für die Realschule war er durch sein Zeichentalent und durch seine Hinneigung zur Geometrie recht gut vorbereitet.

[ 23 ] Then circumstances—which could be characterized in such a way that it was taken for granted in the boy’s family that he should receive only an education that would qualify him for some modern cultural profession —all efforts were directed toward ensuring he did not end up in anything other than a modern cultural profession—these circumstances, then, meant that the boy was sent not to a Gymnasium but to a Realschule. He therefore did not receive any education at all that could have prepared him for a clerical vocation, for he did not attend a Gymnasium but only a Realschule, which at that time in Austria would not have provided the qualifications necessary for a future clerical vocation. He was quite well prepared for the Realschule thanks to his talent for drawing and his aptitude for geometry.

[ 24 ] Schwierig erging es ihm nur in allem Sprachlichen, auch im Deutschen. Jener Knabe hat bis zu seinem vierzehnten, fünfzehnten Jahre die allertörichtesten Fehler in der deutschen Sprache bei seinen Schulaufgaben gemacht; nur der Inhalt hat ihm immer wieder hinweggeholfen über die zahlreichen grammatikalischen und orthografischen Fehler. Weil es Symptome sind für eine gewisse Artung der Seele, darf auch noch erwähnt werden, dass der Knabe, von dem hier die Rede ist, zu einer Nichtberücksichtigung gewisser grammatikalischer und orthografischer Verhältnisse selbst seiner Muttersprache dadurch geführt wurde, dass ihm in einer gewissen Weise der Zusammenhang mit dem fehlte, was man nennen könnte: unmittelbares Sichhineinleben in das ganz trockene physische Leben. Das trat zuweilen grotesk hervor. Dafür ein Symptom: In der Bauernschule, die der Knabe besuchte, bevor er in die Realschule kam, mussten die Kinder immer zu Neujahr und zu den Namenstagen der Eltern und so weiter auf schönem buntem Papier Glückwünsche schreiben. Diese wurden dann zusammengerollt und, nachdem der Inhalt auswendig gelernt worden war, von dem Lehrer in eine sogenannte kleine Papiermanschette gesteckt; die gab man nachher unter Aufsagen des Inhalts an die betreffenden Angehörigen ab, an die sie gerichtet waren. Jener Pfarrer, der einmal auf den Knaben einen unausbleiblich komischen Eindruck dadurch gemacht hat, dass er, als die dortige Freimaurerloge erbaut war, furchtbar zeterte und, weil noch dazu - zu einer wirksamen Redewendung gut zu gebrauchen - der Begründer der Freimaurerloge ein Jude war - es war unauslöschlich komisch -, von der Kanzel herunter verkündete, dass zu alledem, was schlechte Menschen seien, auch das dazu gehöre, dass man so etwas würde wie ein Jude oder ein Freimaurer, jener Pfarrer hatte auf seinem Pfarrhof - es soll dabei an nichts Schlim mes gedacht werden - einen Knaben. Der ging auch zu uns in die Schule und schrieb dort auch seine Glückwünsche. Da kam es einmal so, dass der Knabe Rudolf Steiner in das Glückwunschkonzept des betreffenden Knaben hineinschaute, der im Pfarrhof wohnte, und dabei sah, dass dieser Knabe nicht wie die anderen sich unterschrieb, sondern: «Ihr herzlich ergebener Neffe». Der Knabe Rudolf Steiner wusste damals nicht, was ein «Neffe» ist; er hatte nicht viel Sinn für die Verbindung von Worten mit Dingen, wenn die Worte selten ausgesprochen wurden. Aber er hatte einen merkwürdigen Sinn für den Klang der Worte, für das, was man durchhören kann durch den Klang der Worte. Und so hörte der Knabe aus dem Klange des Wortes «Neffe», dass es etwas besonders Herzliches sei, wenn man auf seinem Glückwunsch sich seinen Angehörigen gegenüber unterschrieb: «Ihr herzlich ergebener Neffe», und er fing nun auch an, für seinen Vater und seine Mutter zu unterschreiben: «Ihr herzlich ergebener Neffe». Erst durch die Aufklärung über die Tatsachen wurde dem Knaben klar, was ein Neffe ist. Das geschah, als er zehn Jahre alt war.

[ 24 ] He struggled only with language-related matters, including German. Until he was fourteen or fifteen, that boy made the most foolish mistakes in German on his school assignments; it was only the content that repeatedly helped him get past the numerous grammatical and spelling errors. Since these are symptoms of a certain disposition of the soul, it is also worth mentioning that the boy in question was led to disregard certain grammatical and orthographic conventions—even in his native language—because he lacked, in a certain sense, a connection to what one might call an “immediate immersion” in the very dry, physical reality of life. This sometimes manifested itself in a grotesque way. Here is one example: At the rural school the boy attended before entering secondary school, the children were always required to write greetings on beautiful, colorful paper for New Year’s and their parents’ name days, and so on. These were then rolled up and, after the content had been memorized, placed by the teacher into a so-called small paper sleeve; these were subsequently handed over to the respective family members to whom they were addressed, while the content was recited aloud. That pastor, who once made an inevitably comical impression on the boy by ranting and raving terribly when the local Masonic lodge was built—and, because, to top it all off—a phrase that lent itself well to a striking turn of phrase —the founder of the Masonic lodge was a Jew—it was inextricably funny—proclaimed from the pulpit that among all the things that make a person bad, one of them was becoming something like a Jew or a Freemason; that pastor had a son—and please do not think anything bad of this—living on his parsonage grounds. He also attended our school and wrote his congratulatory messages there. It so happened one day that the boy Rudolf Steiner glanced at the draft of the congratulatory message written by the boy in question, who lived in the parsonage, and noticed that this boy did not sign his name like the others, but wrote: “Your most devoted nephew.” The boy Rudolf Steiner did not know at the time what a “nephew” was; he did not have much sense of the connection between words and things when the words were rarely spoken. But he had a remarkable sense for the sound of words, for what one can hear through the sound of words. And so the boy heard from the sound of the word “nephew” that it was something particularly heartfelt when one signed off on a greeting to one’s relatives as “Your affectionately devoted nephew,” and he now began to sign off to his father and mother as well: “Your affectionately devoted nephew.” It was only after learning the facts that the boy realized what a nephew actually was. This happened when he was ten years old.

[ 25 ] Dann kam der Knabe auf die Realschule in die benachbarte Stadt. Diese Realschule war nicht so ganz leicht zu erreichen. Es war nach den Verhältnissen der Eltern gar nicht daran zu denken, dass er in der Stadt hätte wohnen können. Aber es war der Besuch der Realschule auch dadurch möglich, dass die Stadt nur eine Wegstunde von dem Ort entfernt war, wo er wohnte. Wenn - was nicht sehr häufig geschah - die Eisenbahnstrecke im Winter nicht eingeschneit war, so konnte der Knabe am Morgen mit der Eisenbahn zur Schule fahren. Aber gerade in den Zeiten, in denen auch der Fußweg nicht besonders angenehm war, denn dieser führte über Felder, waren die Bahngeleise tatsächlich sehr häufig verschneit, und dann musste der Knabe morgens zwischen halb sieben und acht Uhr oftmals durch wirklich knietiefen Schnee zur Schule wandern. Und am Abend war gar nicht daran zu denken, anders als zu Fuß nach Hause zu kommen. Wenn ich jetzt auf den Knaben zurücksehe, der recht viele Anstrengungen hat machen müssen, um zur Schule und wieder zurück zu kommen, so kann ich nicht anders sagen, als dass es mein Glaube ist, der gewisse Grad von Gesundheit, den ich selber jetzt habe, sei vielleicht zurückzuführen auf jenes anstrengende Waten durch knietiefen Schnee und auf die sonstigen Anstrengungen, die mit dem Besuch der Realschule verbunden waren. Es war ja dadurch, dass sich eine wohltätige Frau in der Stadt gefunden hatte, die den Knaben über Mittag - durch die ersten vier Schuljahre hindurch - zu sich eingeladen hatte und ihm zu essen gab, wenigstens nach der Richtung hin die Not, dass nichts zu essen dagewesen wäre, gelindert. Auf der anderen Seite aber war dabei auch wieder Gelegenheit, die modernsten Kulturverhältnisse zu sehen. Denn der Mann jener Frau war in der Lokomotiv-Fabrik jenes Ortes angestellt, und man lernte da viel kennen von den Verhältnissen jenes Industrieortes, die für die damalige Zeit außerordentlich wichtig waren. So warfen auch die modernsten industriellen Verhältnisse ihre Schatten in das Leben des Knaben.

[ 25 ] Then the boy started attending the secondary school in the neighboring town. It wasn’t exactly easy to get to that secondary school. Given his parents’ financial situation, it was out of the question for him to live in the city. But attending the secondary school was made possible by the fact that the city was only an hour’s walk from where he lived. If—which didn’t happen very often—the railroad tracks weren’t snowed in during the winter, the boy could take the train to school in the morning. But especially during times when even the walk wasn’t particularly pleasant—since it led across fields—the railroad tracks were in fact very often snowed in, and then the boy often had to trudge through snow that was truly knee-deep on his way to school between half past six and eight in the morning. And in the evening, there was no way to get home other than on foot. When I look back now on the boy who had to make quite an effort to get to school and back again, I can’t help but say that it is my belief that the degree of good health I myself now enjoy may be attributable to that strenuous wading through knee-deep snow and to the other hardships associated with attending secondary school. It was, after all, thanks to a charitable woman in town who invited the boy to her home for lunch—throughout his first four years of school—and gave him something to eat that, at least to some extent, alleviated the hardship of having nothing to eat. On the other hand, however, this also provided an opportunity to witness the most modern cultural conditions. For that woman’s husband was employed at the local locomotive factory, and there the boy learned a great deal about the conditions of that industrial town, which were extraordinarily important for that time. Thus, the most modern industrial conditions also cast their shadow over the boy’s life.

[ 26 ] Nun gab es mehreres im Zusammenhang mit der Schule, was den Knaben in einer außerordentlichen Weise interessierte. Zunächst war da der Direktor der Realschule, ein ganz merkwürdiger Mann. Der stand mitten darinnen in dem damaligen naturwissenschaftlichen Leben und setzte all sein Streben daran, aus den Begriffen und Ideen der Naturwissenschaft, Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, sich eine Art von Weltsystem zu begründen. Von den Bestrebungen seines Direktors lernte der Knabe einen Programmaufsatz der Schule kennen, der hieß «Die Anziehungskraft betrachtet als eine Wirkung der Bewegung». Und die Sache ging gleich los mit ganz kräftigen Integralen. Das heftigste Bestreben des Knaben war nun, sich hineinzulesen in das, was er nicht verstehen konnte, und immer wieder las er darüber, so viel er erfassen konnte. Einen gewissen Sinn verstand er: dass die Kräfte der Welt und selbst die Anziehungskraft aus der Bewegung heraus erklärt werden sollten. Es entstand nun ein Streben in dem Knaben, möglichst bald so viel von Mathematik zu kennen, um diese Ideen durchdringen zu können. Das war nicht ganz leicht, da man zunächst viel Geometrie lernen musste, um solche Sachen zu verstehen.

[ 26 ] There were several things related to school that interested the boy in an extraordinary way. First of all, there was the principal of the secondary school, a very peculiar man. He was at the very center of the scientific world of that time and devoted all his efforts to establishing a kind of worldview based on the concepts and ideas of natural science in the late 1960s and early 1970s. Through his principal’s endeavors, the boy came across a school essay titled “Gravitational Force Considered as an Effect of Motion.” And the text began right away with some very complex integrals. The boy’s greatest ambition was now to immerse himself in what he could not understand, and he read it over and over again, as much as he could grasp. He grasped a certain meaning: that the forces of the world—and even the force of attraction—were to be explained in terms of motion. A desire now arose in the boy to learn as much mathematics as possible as soon as possible so that he could fully grasp these ideas. This was not entirely easy, since one first had to learn a great deal of geometry to understand such matters.

[ 27 ] Nun kam noch etwas anderes hinzu. An jener Realschule war ein ausgezeichneter Lehrer für Physik und Mathematik, der einen zweiten Programmaufsatz verfasst hatte, den der Knabe zu Gesicht bekam. Das war ein außerordentlich interessanter Aufsatz über Wahrscheinlichkeitsrechnung und Lebensversicherung. Und der zweite Anstoß, den der Knabe daraus bekam, war eben der, dass er kennenlernen wollte, wie man die Leute versichert aus den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung heraus, und das war in jenem Aufsatze sehr übersichtlich wiedergegeben.

[ 27 ] Now something else came into play. At that secondary school, there was an excellent physics and mathematics teacher who had written a second essay for the curriculum, which the boy happened to see. It was an extraordinarily interesting essay on probability theory and life insurance. And the second inspiration the boy drew from it was precisely this: he wanted to learn how to insure people based on the rules of probability theory, and that was explained very clearly in that essay.

[ 28 ] Dann muss noch ein dritter Lehrer erwähnt werden, der Lehrer der Geometrie. Der Knabe hatte nämlich das Glück, diesen Lehrer schon in dem zweiten Schuljahre zu haben und von ihm zu bekommen, was später zu der darstellenden Geometrie hinüberführte und verbunden ist mit geometrischem Zeichnen, sodass man auf der einen Seite das Rechnen hatte und auf der anderen außerdem noch Freihandzeichnen. Der Lehrer der Geometrie war ein anderer als der Direktor und ein anderer als jener, der den Aufsatz über das Lebensversichern schrieb. Die Art nun, wie dieser Lehrer die Geometrie vorbrachte und Anleitung gab, Zirkel und Lineal zu gebrauchen, war etwas außerordentlich Praktisches, und es darf gesagt werden, dass sich der Knabe infolge der Anleitung dieses Lehrers ganz in die Geometrie vernarrte und auch in das geometrische Zeichnen mit Zirkel und Lineal. Die übersichtliche und praktische Art, Geometrie durchzunehmen, war auch noch dadurch besonders erhöht, dass jener Lehrer verlangte, dass man die Bücher eigentlich nur als so eine Art Dekoration habe. Was er gab, diktierte er den Schülern und zeichnete es selbst an die Tafel; man zeichnete es ab, machte sich auf diese Weise selbst sein Heft und brauchte eigentlich nichts anderes zu wissen, als was man selbst im Heft ausgearbeitet hatte. Es war eine gute Art, selbsttätig mitzuarbeiten. In anderen Fächern dagegen war oft eine recht gute Anleitung vorhanden, alles, was vorkam, zu verschlafen.

[ 28 ] Then there is a third teacher who must be mentioned: the geometry teacher. The boy was fortunate enough to have this teacher as early as his second year of school and to learn from him what would later lead to descriptive geometry and is connected with geometric drawing, so that on the one hand he had arithmetic and on the other, in addition, freehand drawing. The geometry teacher was someone other than the principal and someone other than the one who wrote the essay on life insurance. The way this teacher presented geometry and provided instruction on how to use a compass and ruler was exceptionally practical, and it can be said that, as a result of this teacher’s guidance, the boy became completely enamored with geometry and also with geometric drawing using a compass and ruler. The clear and practical approach to teaching geometry was further enhanced by the fact that this teacher insisted that the textbooks be used merely as a sort of decoration. He would dictate what he taught to the students and draw it himself on the blackboard; the students would copy it, thereby creating their own workbooks, and really needed to know nothing more than what they had worked out in their own workbooks. It was a good way to work independently. In other subjects, on the other hand, there was often a pretty good guide to simply sleeping through everything that came up.

[ 29 ] Nun ging die Sache so, dass der Knabe Gelegenheit hatte, schon in der dritten Realschulklasse jenen Lehrer für Mathematik und Physik zu bekommen, der den Aufsatz über Wahrscheinlichkeitsrechnung und Lebensversicherung verfasst hatte. Der stellte sich heraus als ein ganz ausgezeichneter Lehrer für Mathematik und Physik. Und wenn dem Manne, der aus dem Knaben geworden ist, hier etwas durch das Gemüt schießt, indem er an jenen Lehrer denkt, so ist es das, dass er jederzeit in geistiger Beziehung seinen Kranz niederlegen möchte vor jenem ausgezeichneten Lehrer für Mathematik und Physik. Nun fing man erst recht an, mit Hingebung sich der Mathematik und Physik zu widmen, und so konnte es dazu kommen, dass es möglich geworden war, verhältnismäßig bald zu greifen zu den damals viel mehr als heute verbreiteten ausgezeichneten Lehrbüchern für den Selbstunterricht in Mathematik von Lübsen. Mit Anleitung der Bücher von H. B. Lübsen brachte es auch der Knabe dahin, verhältnismäßig bald zu verstehen, was sein Direktor geschrieben hatte über die «Anziehungskraft betrachtet als eine Wirkung der Bewegung» und was sein Lehrer geschrieben hatte über Wahrscheinlichkeitsrechnung und Lebensversicherung. Das war eine große Freude, diese Dinge nach und nach zum Verständnis getrieben zu haben.

[ 29 ] It so happened that, as early as his third year of secondary school, the boy had the opportunity to be taught by the very same math and physics teacher who had written the essay on probability theory and life insurance. He turned out to be an absolutely excellent math and physics teacher. And whenever the man—who the boy has become—is struck by a thought as he recalls that teacher, it is this: that he would like, at any time, to lay a wreath in spiritual tribute before that outstanding math and physics teacher. Now he began in earnest to devote himself to mathematics and physics, and so it came to pass that he was able, relatively soon, to gain access to Lübsen’s excellent textbooks for self-study in mathematics—which were far more widespread then than they are today. With the guidance of H. B. Lübsen’s books, the boy also managed relatively quickly to understand what his principal had written about “the force of attraction considered as an effect of motion” and what his teacher had written about probability theory and life insurance. It was a great joy to have gradually come to understand these things.

[ 30 ] Nun spielte in das Leben des Knaben noch hinein, dass er kein Geld hatte, um die Schulbücher einbinden zu lassen. Da hatte er denn von einem Gehilfen seines Vaters die Buchbinderei gelernt und konnte sich in den Ferien damit beschäftigen, sich seine Schulbücher selbst einzubinden. Es scheint mir wichtig, dies hervorzuheben, weil es etwas bedeutete für die Entwicklung jenes Knaben, eine so praktische Sache wie die Buchbinderei in verhältnismäßig frühen Lebensjahren kennenzulernen.

[ 30 ] Another factor in the boy’s life was that he had no money to have his schoolbooks bound. So he learned bookbinding from one of his father’s assistants and was able to spend his vacations binding his own schoolbooks. It seems important to me to emphasize this, because it meant a great deal for that boy’s development to become familiar with something as practical as bookbinding at a relatively early age.

[ 31 ] Aber noch anderes spielte da hinein. Es war die Zeit, von der jetzt die Rede ist, gerade die, in welcher in Österreich eingeführt wurde anstelle des alten Zoll-, Fuß-, Pfund- und Zentner-Systems das neue metrische Maß- und Gewichtssystem, das Meter- und Kilogramm-System. Und den ganzen Enthusiasmus erlebte der Knabe mit, der sich abspielte in allen Verhältnissen, als man aufhörte, in der bisherigen Weise mit Fuß und Pfunden und Zentnern zu rechnen und nun anfing, Meter und Kilogramm an ihre Stelle zu setzen. Und das gelesenste Buch, welches er immer in der Tasche hatte, war das heute schon vergessene über das neue Maß- und Gewichtsystem. Und schnell wusste der Knabe herzusagen, wie viel eine Anzahl von Pfunden ausmachten in Kilogrammen und wie viel eine Anzahl Fuß in Metern, denn darüber waren lange Tabellen in dem Buche enthalten.

[ 31 ] But there were other factors at play as well. It was the period we are now discussing—precisely the time when Austria introduced the new metric system of weights and measures, the meter-kilogram system, to replace the old system of customs measures, feet, pounds, and hundredweights. And the boy witnessed all the enthusiasm that unfolded in every aspect of life when people stopped calculating in the old way with feet, pounds, and hundredweights and began to use meters and kilograms instead. And the book he read most often—which he always carried in his pocket—was the one, now long forgotten, about the new system of weights and measures. And the boy could quickly recite how many kilograms a certain number of pounds amounted to and how many meters a certain number of feet amounted to, for the book contained long tables on these subjects.

[ 32 ] Eine Persönlichkeit, die in das Leben des Knaben hineinspielte, darf nicht unerwähnt bleiben: ein Arzt, ein sehr freigeistiger Arzt, der aber - vielleicht wird es mir nicht übel genommen - eine gewisse «weitschauende Lebensauffassung» hatte. Er hatte nun dadurch auch seine Eigenarten, war jedoch in gewisser Beziehung ein außerordentlich guter Arzt. Aber es passierten ihm zum Beispiel solche Sachen: Der Arzt war dem Knaben schon bekannt von der ersten Eisenbahnstation her, wo die okkulte Erscheinung stattfand. Damals war Folgendes vorgekommen. Der Weichenwärter auf der dortigen Station hatte einen heftigen Zahnschmerz. Der betreffende Arzt war nun auch Bahnarzt und hatte, obwohl er nicht dort wohnte, den Weichenwärter zu behandeln. Und siehe da, der gute Arzt wollte recht schnell mit den Sachen fertig werden und schickte ein Telegramm, dass er mit einem bestimmten Zug kommen würde. Er wolle aber nur so lange aussteigen, als der Zug hielte, um in dieser Zeit den Zahn herauszuexpedieren und dann gleich weiterzufahren. Die Sache wurde in Szene gesetzt, der Arzt kam mit dem festgesetzten Zug, zog dem Weichenwärter den Zahn aus und fuhr weiter. Aber nachdem der Arzt abgefahren war, kam der Weichenwärter und sagte: «Nun hat er mir halt einen gesunden Zahn ausgerissen, aber der kranke tut mir au nit mehr weh!»

[ 32 ] One figure who played a role in the boy’s life must not go unmentioned: a doctor, a very free-spirited doctor, who—and I hope you’ll forgive me for saying so—had a certain “far-sighted outlook on life.” This did give him his quirks, but in certain respects he was an exceptionally good doctor. Yet things like this would happen to him: The boy had already met the doctor at the first train station, where the occult phenomenon had taken place. At that time, the following had occurred. The switchman at that station was suffering from severe toothache. The doctor in question was also a railroad doctor and, although he did not live there, was responsible for treating the switchman. And lo and behold, the good doctor wanted to get things done quickly and sent a telegram stating that he would arrive on a specific train. However, he intended to get off the train only for as long as it was stopped, to extract the tooth during that time, and then continue on his way immediately. The whole thing was staged: the doctor arrived on the scheduled train, pulled the switchman’s tooth, and continued on his way. But after the doctor had left, the switchman came over and said, “Well, he just pulled out a healthy tooth, but the bad one doesn’t hurt anymore!”

[ 33 ] Dann hatte der Weichenwärter einmal Magenschmerzen, da wollte ihn der Arzt in ähnlicher Weise abfertigen. Diesmal aber war der Zug, mit dem er kam, ein Schnellzug, der auf der Station nicht hielt. Daher ordnete er an, der Weichenwärter solle sich auf dem Bahnsteig hinstellen und ihm, wenn der Zug vorbeiführe, die Zunge herausstrecken, er wolle dann von der nächsten Station aus Bescheid geben. Das geschah auch: Der Weichenwärter musste sich hinstellen, die Zunge herausstrecken, während der Zug vorüberfuhr, und der Arzt telefonierte dann von der nächsten Station aus das Rezept zurück. Das waren einige Seiten der «weiten Lebensauffassung» dieses Arztes. Aber er war eine feinsinnige, außerordentlich menschenfreundliche Persönlichkeit

[ 33 ] Then one day the switchman had a stomachache, and the doctor tried to send him away in much the same way. This time, however, the train he had arrived on was an express that didn’t stop at the station. So he ordered the switchman to stand on the platform and stick out his tongue as the train passed by; he would then send word from the next station. And that’s exactly what happened: The switchman had to stand there and stick out his tongue as the train passed by, and the doctor then phoned back the prescription from the next station. These were a few examples of this doctor’s “broad outlook on life.” But he was a subtle, extraordinarily philanthropic person

[ 34 ] Der Knabe hatte längst die Studien gemacht mit dem neuen Maß- und Gewichtssystem, hatte sich über Integral- und Differenzialrechnung informiert. Von Goethe und Schiller aber wusste er nichts, als was in den Schulbüchern stand - einige Gedichte -, sonst nichts von deutscher Literatur, von Literatur überhaupt. Eine eigentümliche, selbstverständliche Liebe zu jenem Arzt war aber dem Knaben geblieben, und mit einer rechten Verehrung ging er an den Fenstern dieses Arztes vorbei in der Stadt, wo die Realschule war. Da konnte er ihn hinter dem Fenster sehen mit einem grünen Schirm vor den Augen, und unbemerkt konnte er beobachten, wie er vertieft vor seinen Büchern saß und studierte. Bei einem Besuche, den der Arzt in dem zuletzt erwähnten Dorfe machte, ergab es sich, dass er den Knaben einlud, ihn einmal zu besuchen. Der Knabe ging dann zu ihm hin, und der Arzt wurde nun ein liebevoller Berater, indem er dem Knaben die wichtigeren Werke der deutschen Literatur zur Verfügung stellte - manchmal in kommentierten Ausgaben - und ihn immer mit einem liebevollen Wort entließ, ihn auch wieder so empfing, wenn er die Bücher zurückbrachte. So war der Arzt, von dem ich Ihnen die andere Seite zuerst erzählt habe, eine Persönlichkeit, die eine der meistgeachteten in dem Leben des Knaben wurde. Vieles, was von Literatur und damit Zusammenhängendem in des Knaben Seele drang, kam von jenem Arzte.

[ 34 ] The boy had long since studied the new system of weights and measures and had familiarized himself with integral and differential calculus. But he knew nothing of Goethe and Schiller beyond what was in the schoolbooks—a few poems—and nothing else about German literature, or literature in general. Yet the boy had retained a peculiar, natural affection for that doctor, and with genuine reverence he would walk past the doctor’s windows in the part of town where the secondary school was located. There he could see him behind the window with a green screen over his eyes, and unnoticed, he could watch as the doctor sat absorbed in his books, studying. During a visit the doctor made to the village mentioned last, it so happened that he invited the boy to come visit him sometime. The boy then went to see him, and the doctor became a loving mentor, providing the boy with the most important works of German literature—sometimes in annotated editions—and always sending him on his way with a kind word, welcoming him just as warmly when he returned the books. Thus, the doctor, about whom I first told you the other side of the story, was a figure who became one of the most respected in the boy’s life. Much of what entered the boy’s soul in terms of literature and related subjects came from that doctor.

[ 35 ] Nun stellte sich etwas Eigentümliches für den Knaben heraus. Er empfand durch jenen ausgezeichneten Geometrielehrer die größte Hingebung für darstellende Geometrie, und dadurch kam etwas vor, was erwähnt werden darf, was überhaupt vorher in jener Schule und auch an einer anderen Schule nie vorgekommen war: dass jener Knabe, von dem hier gesprochen wird, von der vierten Klasse ab in «Darstellende Geometrie und Zeichnen:» eine Note bekam, die sonst eben gar nicht gegeben wurde. Die höchste, schwer zu erhaltende, Note war «vorzüglich»; er hatte «ausgezeichnet» bekommen. Er verstand wirklich von all diesen Dingen viel mehr als von Literatur und ähnlichen Sachen.

[ 35 ] Now something peculiar turned out to be true for the boy. Thanks to that outstanding geometry teacher, he developed a deep passion for descriptive geometry, and as a result, something happened that is worth mentioning—something that had never happened before at that school or at any other school: the boy in question began, starting in the fourth grade, to receive a grade in “Descriptive Geometry and Drawing” that was not normally awarded at all. The highest grade, which was difficult to obtain, was “excellent”; he had received “outstanding.” He truly understood all these subjects much better than he did literature and similar subjects.

[ 36 ] Es gab aber auch manche andere Seiten in der Schule. Zum Beispiel war durch eine Anzahl von Klassen hindurch der Lehrer für Geschichte ein recht langweiliger Patron, und man hatte es außerordentlich schwer zuzuhören; was er vortrug, war dasselbe, was im Buche stand, und man kam leichter dahinter, wenn man es nachher im Buche las. Da hatte sich der Knabe ein merkwürdiges System ersonnen, das zusammenhing mit seinen damaligen Neigungen. Er hatte zwar nie besonders viel Geld, aber wenn er wochenlang die Kreuzer beiseitelegte, die er hier und da erhielt, so konnte er schließlich sich etwas zusammensparen. Nun war damals gerade zu seinem guten Karma die Reclam’sche Universal-Bibliothek begründet worden, und zu den ersten Werken, die erschienen, gehörten zum Beispiel die Werke Kants. Das Erste, was sich der Knabe aus der Universal-Bibliothek kaufte, war Kants «Kritik der reinen Vernunft». Er war damals zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Jahre. Die geschichtlichen Vorträge seines Professors langweilten ihn furchtbar. Besonders viel freie Zeit hatte er nicht, es gab viele Schulaufgaben, die in der Zeit von abends bis zum nächsten Morgen gemacht werden mussten. Als einzige Zeit, die man nutzbringend anwenden konnte, blieb die Stunde, in welcher der Geschichtslehrer so langweilig vortrug. Nun sann der Knabe darauf, wie er diese Zeit nützen könnte. Mit dem Bücherbinden war er bekannt. Da nahm er das Geschichtsbuch auseinander und klebte buchbinderisch ordentlich zwischen die Seiten des Geschichtsbuches die Blätter von Kants «Kritik der reinen Vernunft» hinein. Und während dann der da oben erzählte, was im Buche stand, las der Knabe Kants «Kritik der reinen Vernunft» mit großer Aufmerksamkeit. Und er war aufmerksam, denn er brachte es dahin, mit fünfzehn Jahren Kants «Kritik der reinen Vernunft» eingehend gelesen zu haben, und konnte dann dazu übergehen, die anderen Werke von Kant zu erarbeiten. Es darf wirklich, ohne zu renommieren, gesagt werden, dass der Knabe es mit sechzehn, siebzehn Jahren dahin gebracht hatte, die Kant’schen Werke, soweit sie in der Reclam’schen Universal-Bibliothek zu haben waren, in sich aufzunehmen; denn zu dem Studium während der Geschichtsstunden kam noch das Studium in der Ferienzeit hinzu. Er gab sich eifrig Kant hin, und es war tatsächlich eine neue Welt, die damals aus dem Studium dieser Kant-Werke von dem physischen Plane her dem Knaben aufging.

[ 36 ] But there were also some other aspects to school. For example, across a number of classes, the history teacher was a rather boring old man, and it was extremely difficult to pay attention; what he lectured on was exactly what was in the book, and it was easier to understand if you read it in the book afterward. So the boy devised a curious system that was in line with his interests at the time. Although he never had much money, if he set aside the kreuzers he received here and there for weeks on end, he was eventually able to save up a little. Now, as luck would have it, the Reclam Universal Library had just been founded at that time, and among the first works to be published were, for example, Kant’s works. The first thing the boy bought from the Universal Library was Kant’s *Critique of Pure Reason*. He was between fourteen and fifteen years old at the time. His professor’s history lectures bored him terribly. He didn’t have much free time; there were many school assignments that had to be completed between the evening and the next morning. The only time that could be put to good use was the hour during which the history teacher lectured so tediously. So the boy began to think about how he could make use of this time. He was familiar with bookbinding. So he took the history book apart and, using proper bookbinding techniques, neatly pasted the pages of Kant’s *Critique of Pure Reason* between the pages of the history book. And while the teacher up front was recounting what was in the book, the boy read Kant’s *Critique of Pure Reason* with great attention. And he was attentive, for by the age of fifteen he had managed to read Kant’s *Critique of Pure Reason* in depth, and was then able to move on to studying Kant’s other works. It can truly be said, without exaggeration, that by the age of sixteen or seventeen, the boy had managed to absorb Kant’s works—to the extent that they were available in the Reclam Universal Library—for his studies during history class were supplemented by further study during the school breaks. He devoted himself eagerly to Kant, and it was indeed a new world that opened up to the boy at that time through the study of these Kantian works, from a physical perspective.

[ 37 ] Mit der Realschulzeit ging es nun zu Ende. Einen ganz modernen Schullebenslauf hatte der Knabe hinter sich. Zwei Dinge sind noch hervorzuheben. In den höheren Klassen war auch ein sehr guter Chemielehrer, der nicht viel sprach, der meistens immer nur das Notwendigste sagte. Aber auf einem mehrere Meter langen Tisch waren alle möglichen Apparate ausgebreitet, und alles wurde gezeigt. Die kompliziertesten Experimente wurden gemacht und nur von den notwendigsten Worten begleitet. Und wenn wieder so eine interessante Stunde vorbei war, dann fragten die Schüler wohl: «Herr Doktor» - er hatte sich lieber so anreden lassen als «Herr Professor» - «wird das nächste Mal experimentiert oder examiniert?», da hieß die Antwort dann meistens: «Experimentiert», und jeder freute sich wieder. Examiniert wurde gewöhnlich nur in den letzten zwei Stunden, bevor Zeugnisse ausgestellt werden sollten. Aber ein jeder hatte in seinen Stunden’ immer gutraufgepasstund mitgearbeitet, und so kam es denn - weil er auch ein ausgezeichneter Mann war —, dass auch die Schüler immer etwas konnten. Es mag noch bemerkt werden, dass es der Bruder jener jetzt wieder in Österreich bekannt gewordenen Persönlichkeit war, der Bruder des österreichisch-tirolischen Dichters Hermann von Gilm, eines bedeutenden Lyrikers. Es darf wohl hier ausnahmsweise der Name genannt werden als der Name eines nicht mehr unter uns Weilenden, da nur Gutes von ihm gesagt werden kann.

[ 37 ] His time at the Realschule was now coming to an end. The boy had had a very modern school experience. Two things are worth highlighting. In the upper grades, there was also a very good chemistry teacher who didn’t speak much; he usually said only what was absolutely necessary. But all sorts of apparatus were laid out on a table several meters long, and everything was demonstrated. The most complicated experiments were conducted, accompanied only by the absolute minimum of words. And when another such interesting class was over, the students would ask, “Doctor”—he preferred to be addressed that way rather than “Professor”—“Will we be doing experiments or taking a test next time?” and the answer was usually, “Experiments,” and everyone was happy again. Exams were usually held only during the last two hours before report cards were to be issued. But everyone had always paid close attention and participated actively in his classes, and so it came to pass—because he was also an outstanding man—that the students always knew their stuff. It may also be noted that he was the brother of that figure who has now once again become well-known in Austria—the brother of the Austrian-Tyrolean poet Hermann von Gilm, a significant lyric poet. As an exception, it is permissible here to mention his name, since he is no longer with us and only good things can be said about him.

[ 38 ] Das andere, was noch hervorzuheben ist, war, dass in der Nähe jenes Ortes ein Schloss war, in dem ein Mann wohnte, der Graf Chambord, welcher der Prätendent war für einen europäischen Thron, doch diesen Thron wegen der politischen Verhältnisse nie einnehmen konnte. Er war für die dortige Gegend ein großer Wohltäter, und man erfuhr viel von dem, was aus diesem Schlosse des Kronprätendenten kam. Selbstverständlich hatte der Knabe nie Gelegenheit, den Grafen selbst kennenzulernen; aber dieser lebte im Munde der Leute in der ganzen Gegend. Wenn es auch ein Mensch war, von dem man sagen konnte, dass in der Gesinnung nur wenige Leute mit ihm einverstanden waren, so breitete sich doch wieder der Schatten wichtiger politischer Verhältnisse, die man dadurch kennenlernen konnte, in den Ort hinein.

[ 38 ] Another point worth noting was that near that place there was a castle where a man lived—the Count of Chambord—who was a pretender to a European throne but was never able to ascend to that throne due to political circumstances. He was a great benefactor to the local area, and people heard a great deal about what went on in the pretender’s castle. Of course, the boy never had the opportunity to meet the count himself; but he was the talk of the town throughout the entire region. Even though he was a man of whom one could say that few people shared his views, the shadow of important political circumstances—which one could learn about through him—still spread over the town.

[ 39 ] Nun kamen noch andere Dinge dazu. Es ging das Interesse des Knaben, das an Kant angefacht war, nach und nach so weit, dass er auch nach anderen philosophischen Dingen Lust bekommen hatte, und er verschaffte sich nun mit seinen recht geringen Mitteln psychologische und logische Werke. Besondere Sympathie empfand er für die Bücher von Lindner, die, was Psychologie betrifft, recht gute Lehrmittel waren, und lernte aus den Fäden, die da verfolgt wurden, noch bevor er von der Realschule abging, die Herbart'sche Philosophie eigentlich recht gut kennen. Es hatte ihm dies allerdings eine Schwierigkeit bereitet, denn der Lehrer der deutschen Sprache, der im Übrigen ein vortrefflicher Mann war und viele Verdienste um das Schulwesen sich erwarb, hatte gar nicht leiden mögen, dass der Knabe Rudolf Steiner solche Lektüre pflog, die ihn verleitete, so furchtbar lange Schulaufsätze zu machen, manchmal sogar ein ganzes Heft vollzuschreiben. Und nach dem Abiturientenexamen, wo dann die Schüler, wie das so gebräuchlich war, mit den Lehrern vor Schulabgang noch einmal zusammen waren, da sagte er zu dem Knaben: «Ja, Sie waren mein stärkster Phraseur; ich fürchtete mich immer schon, wenn ihr Heft kam.» Einmal zum Beispiel hatte er, nach dem Gebrauche des Wortes «psychologische Freiheit», dem Knaben den Rat gegeben: «Sie scheinen wirklich eine philosophische Bibliothek zu Hause zu haben; ich möchte Ihnen anraten, sich nicht viel damit zu beschäftigen.»

[ 39 ] Now other things came into play. The boy’s interest, which had been sparked by Kant, gradually grew to the point where he also developed a desire to explore other philosophical topics, and he began to acquire works on psychology and logic with his rather limited means. He felt a particular affinity for Lindner’s books, which, as far as psychology was concerned, were quite good textbooks, and, even before he graduated from secondary school, he gained a fairly good understanding of Herbart’s philosophy from the lines of thought presented there. This had, however, caused him some difficulty, for the German language teacher—who, incidentally, was an excellent man and rendered great service to the school system—had not at all approved of the fact that the boy Rudolf Steiner was engrossed in such reading, which led him to write terribly long school essays, sometimes even filling an entire notebook. And after the high school graduation exam, when the students, as was customary, gathered with the teachers one last time before leaving school, he said to the boy: “Yes, you were my greatest wordsmith; I was always afraid when your notebook came around.” Once, for example, after the boy had used the term “psychological freedom,” he had advised him: “You really seem to have a philosophical library at home; I would advise you not to concern yourself too much with it.”

[ 40 ] Von besonderem Interesse war dem Knaben auch der Vortrag eines Professors der kleinen Ortschaft über «Pessimismus». Noch soll erwähnt werden, dass es dann später auch wieder Jahre gab, in denen auf der Realschule ausgezeichnet Geschichte gepflegt worden ist. Und da war es dann wirklich ein gründliches Vertiefen des Knaben in die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, weil er habhaft werden konnte der «Weltgeschichte» von Rotteck, die einen großen Eindruck machte durch die Wärme, mit der die ersten Bände dieser Weltgeschichte geschrieben sind.

[ 40 ] The boy was also particularly interested in a lecture given by a professor from the small town on “pessimism.” It should also be mentioned that there were later years when history was once again taught exceptionally well at the secondary school. And it was then that the boy truly immersed himself in the history of the Thirty Years’ War, because he was able to get his hands on Rotteck’s *World History*, which made a great impression due to the warmth with which the first volumes of this work were written.

[ 41 ] Von dem, was gewissermaßen bedeutsam ist, darf noch hervorgehoben werden, dass der Knabe nur pflichtgemäß in den ersten vier Jahren an dem Religionsunterricht teilgenommen hat. Als er von dem vierten Schuljahre ab durch den Lehrplan der Schule von dem Religionsunterricht befreit war, hat er nicht mehr daran teilgenommen. Durch die Verhältnisse seiner Familie war er auch nie zur Firmung geführt worden, sodass er bis heute nicht gefirmt worden ist. Also einen gefirmten Menschen haben Sie nicht vor sich. Denn es war damals in den Kreisen, in denen der Knabe aufwuchs, eine Selbstverständlichkeit, dass man so etwas wie die klerikalen Einrichtungen nicht mitmachte. Dagegen hatte es einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, dass er bei seinem Abiturientenexamen in der Physik eine Frage zu beantworten bekam, die so modern war, dass sie in den österreichischen Schulen wohl zum ersten Mal gestellt worden ist. Er hatte nämlich das Telefon zu erklären, das damals erst Verbreitung gefunden hatte. Es war wirklich ein Zusammenhang da mit den allermodernsten Verhältnissen. Er musste aufzeichnen an der Tafel, wie man von der einen zur anderen Station telefoniert.

[ 41 ] Another point worth noting—in a sense—is that the boy attended religious instruction only as required during his first four years of school. Once he was exempted from religious instruction by the school curriculum starting in the fourth grade, he no longer attended those classes. Due to his family’s circumstances, he was also never prepared for Confirmation, so he has not been confirmed to this day. You are therefore not dealing with a confirmed person. For in the circles in which the boy grew up, it was taken for granted that one did not participate in such things as clerical institutions. In contrast, it made a deep impression on him that, during his high school graduation exam in physics, he was asked a question so modern that it was likely the first time it had ever been asked in Austrian schools. Specifically, he had to explain the telephone, which had only just become widespread at that time. There really was a connection to the very latest developments. He had to write on the blackboard how to make a phone call from one station to another.

[ 42 ] Nun handelte es sich darum, dass nach der Schulzeit eine ganze Anzahl von philosophischen Sehnsuchten in dem Knaben erregt worden waren. Das Abiturientenexamen war zu Ende, und der Vater ließ sich an einen Bahnhof in der Nähe von Wien versetzen, damit der Knabe jetzt die Hochschule besuchen konnte. Es war in der Ferienzeit, die auf das Abiturientenexamen folgte, und da stellte sich wirklich eine tiefe Sehnsucht nach der Lösung philosophischer Fragen ein. Um diese zu stillen, gab es nur eine Möglichkeit. Man hatte in den Jahren eine Anzahl von Schulbüchern aufgestapelt, die trug man nun zum Antiquar und bekam dafür ein nettes Simmchen. Das wurde sofort umgetauscht in philosophische Bücher. Und nun las der Knabe, was er von Kant noch nicht gelesen hatte, zum Beispiel seine Abhandlung vom Jahre 1763 über den «Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen» oder Kants «Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik», wo Beziehung genommen wird auf Swedenborg. Aber nicht nur Kant, sondern die ganze Literatur konnte verfolgt werden durch einzelne repräsentative Bücher von Hegel, Schelling, Fichte und ihren Schülern zum Beispiel Karl Leonhard Reinhold, von Darwin und so weiter. Bis zu einem Philosophen kam es, der heute nicht mehr besonderes Ansehen hat, zu Traugott Krug, dem Kantianer.

[ 42 ] The fact was that, after his school years, a whole host of philosophical longings had been stirred within the boy. His high school graduation exams were over, and his father had himself transferred to a train station near Vienna so that the boy could now attend college. It was during the vacation period following the high school graduation exams, and a deep longing to resolve philosophical questions truly took hold. There was only one way to satisfy this longing. Over the years, a number of school textbooks had been piled up; these were now taken to a used bookstore, where they were exchanged for a nice little sum. That was immediately spent on philosophical books. And now the boy read what he hadn’t yet read by Kant—for example, his 1763 treatise on the “Attempt to Introduce the Concept of Negative Quantities into World Wisdom” or Kant’s “Dreams of a Spirit-Seer, Explained by Dreams of Metaphysics,” which refers to Swedenborg. But it wasn’t just Kant; the entire body of literature could be traced through individual representative works by Hegel, Schelling, Fichte, and their students—such as Karl Leonhard Reinhold—as well as Darwin and so on. This led to a philosopher who no longer enjoys much prestige today: Traugott Krug, the Kantian.

[ 43 ] Nun sollte der Knabe auf die Hochschule. Er konnte selbstverständlich nur auf eine technische Hochschule gehen, da er keine Vorbildung hatte für die mit dem humanistischen und antiken Geisteswissen verbundenen Studien. Er ließ sich dann in der Tat einschreiben an der Technischen Hochschule in Wien und hörte in den ersten Jahren Chemie, Physik, Zoologie, Botanik, Biologie, Mineralogie, Geologie, Mathematik, Geometrie und reine Mechanik. Daneben hörte er deutsche Literaturgeschichte bei jenem Mann, der allerdings mit dem Leben des Knaben recht tief zusammenhängt, bei dem Vortragenden für deutsche Literatur an der Technischen Hochschule, Karl Julius Schröer.

[ 43 ] Now the boy was to go to college. Of course, he could only attend a technical university, since he had no prior training in the humanities or classical studies. He did, in fact, enroll at the Technical University in Vienna and, during his first few years, took courses in chemistry, physics, zoology, botany, biology, mineralogy, geology, mathematics, geometry, and pure mechanics. In addition, he took a course in German literary history with the man who, incidentally, was quite deeply connected to the boy’s life—the lecturer on German literature at the Technical University, Karl Julius Schröer.

[ 44 ] Schon im ersten Jahre des Hochschulstudiums trat etwas ganz Besonderes ein. Durch eine besondere Verkettung von Umständen trat in den Gesichtskreis des Knaben eine merkwürdige Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, die keine Gelehrsamkeit hatte, aber ein umfassendes tiefes Wissen und eine umfassende tiefe Weisheit. Nennen wir jene Persönlichkeit, wie sie mit ihrem Vornamen wirklich hieß, Felix, der in einem abgelegenen, einsamen Gebirgsdörfchen mit seiner bäuerlichen Familie lebte, das Zimmer voll hatte mit mystisch-okkulter Literatur, selber tief eingedrungen war in mystisch-okkulte Weisheit und der seine Hauptzeit zuzubringen hatte mit dem Sammeln von Pflanzen. Er sammelte überall in den dortigen Gegenden die verschiedensten Pflanzen und verstand es das konnte man gewahr werden, wenn man ihn, wie das nur selten, aber doch der Fall war, begleiten durfte auf seinen einsamen Wanderungen -, jede einzelne Pflanze aus ihrem Wesen, aus ihren okkulten Untergründen heraus zu erklären. In jenem Manne waren ganz ungeheure okkulte Tiefen. Es war bedeutsam, was mit ihm besprochen werden konnte, wenn er, auf dem Rücken sein Bündel mit einer großen Anzahl von Pflanzen, die er gesammelt und getrocknet hatte, dann in die Hauptstadt fuhr, wohin der Knabe zu fahren hatte. Da gab es sehr wichtige Gespräche mit diesem Manne, den man in Österreich einen Dürrkräutler nennt, einen, der Kräuter sammelt und trocknet und sie dann in die Apotheken trägt. Das war der äußere Beruf des Mannes, der innere war freilich ein ganz anderer. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass er alles in der Welt liebte und nur bitter wurde - das sei aber nur kulturhistorisch erwähnt -, wenn er auf klerikale Verhältnisse zu sprechen kam und auf das, was auch er durch die klerikalen Verhältnisse auszustehen hatte; dem war er nicht liebevoll geneigt.

[ 44 ] Something very special happened as early as the boy’s first year of college. Through a unique chain of circumstances, a remarkable figure entered the boy’s life—a figure who possessed no formal education but had extensive, profound knowledge and comprehensive, deep wisdom. Let us call this individual by his first name, Felix—his real name—who lived with his farming family in a remote, isolated mountain village, whose room was filled with mystical and occult literature, who had delved deeply into mystical and occult wisdom himself, and who spent most of his time collecting plants. He collected the most diverse plants throughout the surrounding areas, and—as one could perceive when, on the rare occasions when one was permitted to accompany him on his solitary walks—he knew how to explain every single plant based on its essence and its occult underpinnings. There were truly immense occult depths within that man. It was significant what could be discussed with him when, with a bundle on his back containing a large number of plants he had gathered and dried, he would travel to the capital—where the boy was also bound. There were very important conversations with this man, whom in Austria they call a “Dürrkräutler”—one who gathers and dries herbs and then delivers them to pharmacies. That was the man’s outward profession; his inner one, of course, was quite different. It should not go unmentioned that he loved everything in the world and only became bitter—though this should be noted merely from a cultural-historical perspective—when he spoke of clerical conditions and of what he, too, had to endure because of them; he was not fond of them.

[ 45 ] Es folgte aber bald darauf noch etwas anderes. Mein Felix war gewissermaßen nur der Vorherverkünder einer anderen Persönlichkeit, die sich eines Mittels bediente, um in der Seele des Knaben, der ja in der spirituellen Welt darinnen stand, die regulären, systematischen Dinge anzuregen, mit denen man bekannt sein muss in der spirituellen Welt. Es bediente sich jene Persönlichkeit, die nun wieder so fremd wie möglich allem Klerikalismus gegenüberstand und damit selbstverständlich gar nichts zu tun hatte, eigentlich der Werke Fichtes, um gewisse Betrachtungen daran anzuknüpfen, aus denen sich Dinge ergaben, in welchen doch die Keime zu der «Geheimwissenschaft» gesucht werden könnten, die der Mann, der aus dem Knaben geworden ist, später schrieb. Und manches, aus dem die «Geheimwissenschaft» geworden ist, wurde damals in Anknüpfung an Fichtes Sätze erörtert. Ebenso unansehnlich im äußeren Berufe war jener ausgezeichnete Mann wie Felix auch. Ein Buch war es, das er gleichsam als Anhaltspunkt benutzte, das wenig in der äußeren Welt bekannt geworden ist und das in Österreich oft wegen seiner antiklerikalen Richtung unterdrückt wurde, durch welches man sich aber zu ganz besonderen geistigen Wegen und geistigen Pfaden anregen lassen kann. Jene eigenartigen Strömungen, die durch die okkulte Welt gehen, die man nur erkennen kann, wenn man eine aufwärts- und eine abwärtsgehende Doppelströmung ins Auge fasst, traten damals lebendig vor des Knaben Seele. Es war in der Zeit, da der Knabe noch nicht den zweiten Teil des «Faust» gelesen hatte, als er auf diese Weise okkult eingeführt wurde. Es ist nicht nötig, über diesen Punkt der okkulten Schulung des jetzigen Jünglings, zu dem der Knabe herangewachsen war, weiter zu sprechen. Denn alles, was sich ihm darbot, blieb in der Seele des Jünglings; er erlebte es in sich selbst und schritt seinen äußeren Lebensweg weiter fort.

[ 45 ] But something else followed soon after. My Felix was, in a sense, merely the harbinger of another personality who employed a means to stimulate, within the soul of the boy—who was, after all, already in the spiritual world—the regular, systematic things with which one must be familiar in the spiritual world. That personality—who was, once again, as far removed as possible from all forms of clericalism and, of course, had nothing to do with it—actually made use of Fichte’s works to develop certain reflections from which emerged ideas in which one might indeed find the seeds of the “Secret Science” that the man—who had grown from the boy—later wrote. And much of what became “The Secret Science” was discussed at that time in connection with Fichte’s propositions. That outstanding man was just as unassuming in his outward profession as Felix was. It was a book that he used, as it were, as a point of reference—a book that has become little known in the outer world and that was often suppressed in Austria because of its anticlerical orientation, but through which one can be inspired to follow very special spiritual paths and ways. Those peculiar currents that flow through the occult world—which can only be recognized by considering a dual current, one ascending and one descending—came vividly before the boy’s soul at that time. It was during the period when the boy had not yet read the second part of *Faust* that he was introduced to the occult in this way. There is no need to speak further about this aspect of the occult training of the young man—the boy had now grown into—for everything that presented itself to him remained within his soul; he experienced it within himself and continued on his outer path of life.

[ 46 ] Zunächst war er angeregt worden durch die literarhistorischen Vorträge Karl Julius Schröers über «Die deutsche Literatur seit Goethes erstem Auftreten» zu dem, was Goethe gegeben hatte, besonders aber zu der «Farbenlehre» und zu dem zweiten Teil des «Faust», den er als achtzehn- bis neunzehnjähriger Jüngling studierte. Gleichzeitig studierte er die Herbart'sche Philosophie, namentlich die «Metaphysik». Eine sonderbare Enttäuschung hatte der Jüngling erfahren, der ja schon mit viel Philosophischem bekannt geworden war, aber aus sich gewisse Gründen hatte, die Herbart’sche Philosophie zu schätzen. Es hatte sich in ihm eine freudige Sehnsucht danach gebildet, einen der bedeutendsten Vortragenden für Herbart’sche Philosophie kennenzulernen, nämlich Robert Zimmermann. Das war tatsächlich eine Enttäuschung, weil man in der Schätzung der Herbart’schen Philosophie sehr herabgestimmt wurde, wenn man den sonst geistvollen, aber auf dem Katheder unerträglichen Robert Zimmermann hörte.

[ 46 ] He was initially inspired by Karl Julius Schröer’s lectures on literary history, titled “German Literature Since Goethe’s First Appearance,” particularly by what Goethe had written—especially his “Theory of Colors” and the second part of “Faust,” which he studied as an eighteen- to nineteen-year-old youth. At the same time, he studied Herbart’s philosophy, specifically his “Metaphysics.” The young man, who was already quite familiar with philosophy, had experienced a strange disappointment, yet for certain personal reasons, he came to appreciate Herbart’s philosophy. A joyful longing had taken root within him to meet one of the most prominent lecturers on Herbart’s philosophy, namely Robert Zimmermann. This turned out to be a disappointment, because one’s appreciation of Herbart’s philosophy was greatly dampened upon hearing Robert Zimmermann, who was otherwise witty but unbearable at the lectern.

[ 47 ] Dagegen gab es eine Anregung, die dem Gemüt sehr zugute kam, von einem Manne, der dann auch später in das Leben der Persönlichkeit, von der hier die Rede ist, eintrat, von dem Geschichtsforscher Ottokar Lorenz. Der Jüngling hatte nämlich wenig Neigung, ganz pedantisch regelmäßig die Kollegs an der Technischen Hochschule zu hören, obwohl er alles mitgemacht hat. Er hatte auch in der Zwischenzeit als Hospitant an der Universität Vorlesungen gehört von Robert Zimmermann über «Praktische Philosophie» und auch die Vorträge über «Psychologie» von Franz Brentano, die damals - aber das lag weniger in der Natur der Sache - nicht einen so starken Eindruck auf den Jüngling gemacht haben wie später seine Bücher, und die der Mann, der aus dem Jüngling geworden ist, dann alle gründlich kennengelernt hat. Einen gewissen Eindruck machte Ottokar Lorenz durch seinen Freiheitssinn, denn er hielt damals - während der sogenannten «österreichischen liberalen Ära» - ganz freigeistige Vorträge. Und Ottokar Lorenz war schon der Charakter, der auf ganz junge Menschen Eindruck machen konnte. Er sprach im Kolleg wirklich die herbsten Worte, zog als Historiker mit vielen Belegen los über das, worüber loszuziehen war, war dabei ein ganz ehrlicher Mensch, der dann zum Beispiel, nachdem er etwas «brenzliche» Verhältnisse auseinandergesetzt hatte, sagen konnte: «Ich musste ein biss‚chen schönfärben; denn, meine Herren, hätte ich alles gesagt, was darüber zu sagen ist, dann würde das nächste Mal der Staatsanwalt hier sitzen.»

[ 47 ] In contrast, there was a suggestion that was very uplifting, coming from a man who later became involved in the life of the person in question here—the historian Ottokar Lorenz. The young man, in fact, had little inclination to attend the lectures at the Technical University with pedantic regularity, although he did participate in everything. In the meantime, as a visiting student at the university, he had also attended lectures by Robert Zimmermann on “Practical Philosophy” as well as Franz Brentano’s lectures on “Psychology,” which at the time—though this was less due to the nature of the subject matter—did not make as strong an impression on the young man as Brentano’s books did later, and which the man who had grown from that young man then came to know thoroughly. Ottokar Lorenz made a certain impression with his spirit of freedom, for he gave quite free-thinking lectures at that time—during the so-called “Austrian liberal era.” And Ottokar Lorenz was precisely the kind of person who could make an impression on very young people. He really did speak in the harshest terms at the college; as a historian, he would launch into a discussion—backed by ample evidence—of whatever needed to be addressed, and in doing so was a completely honest man who, for example, after having analyzed some “touchy” situations, could say: “I had to sugarcoat it a bit; because, gentlemen, if I had said everything there is to say about it, the district attorney would be sitting here next time.”

[ 48 ] Es war derselbe Ottokar Lorenz, von dem nach der Anekdote - soweit Anekdoten wahr sind: nämlich wahrer als wahr - Folgendes erzählt wird. Ein Kollege von ihm, der besonders die geschichtlichen Hilfswissenschaften pflegte, hatte einen Lieblingsschüler, bei dem, als er zur Promotion kam, Lorenz mitprüfen musste. Da konnte zum Beispiel der Kandidat gleich gründlich Auskunft geben, in welchen päpstlichen Urkunden zum ersten Male der i-Punkt vorkommt. Und nachdem er so genau über alles Auskunft zu geben wusste, konnte sich Ottokar Lorenz nicht enthalten zu fragen: «Ich möchte den Herrn Kandidaten auch etwas fragen. Können Sie mir sagen, wann jener Papst, in dessen Urkunden zuerst der i-Punkt vorkommt, geboren ist?» Das wusste der Kandidat nicht. Dann fragte er ihn weiter, ob er ihm sagen könne, wann jener Papst gestorben sei? Das wusste er auch nicht. Dann fragte er, was er denn sonst von diesem Papst wisse? Aber auch da konnte der Kandidat nichts sagen. Da meinte der Lehrer, dessen Lieblingsschüler der Betreffende war: «Aber Herr Kandidat, Sie sind ja heute so, als wenn Ihnen ein Brett vor den Kopf genagelt ist!» Da sagte Lorenz: «Nun, Herr Kollege, er ist ja Ihr Lieblingsschüler, wer hat ihm denn das Brett vor den Kopf genagelt?» Solche Dinge kamen schon vor.

[ 48 ] It was the same Ottokar Lorenz about whom—according to the anecdote (insofar as anecdotes are true: namely, truer than true)—the following is told. A colleague of his, who was particularly interested in the auxiliary sciences of history, had a favorite student whom Lorenz had to help examine when the student came to defend his dissertation. For example, the candidate was immediately able to provide detailed information on which papal documents first contained the dot over the “i.” And since the candidate was able to provide such precise answers to everything, Ottokar Lorenz could not resist asking: “I’d also like to ask the candidate a question. Can you tell me when that pope, in whose documents the dot over the ‘i’ first appears, was born?” The candidate did not know. Then he asked him further if he could tell him when that pope had died. He didn’t know that either. Then he asked what else he knew about this pope. But the candidate couldn’t say anything about that either. Then the teacher, whose favorite student the young man was, remarked: “But Mr. Candidate, you’re acting today as if you had a board nailed to your forehead!” Then Lorenz said, “Well, colleague, he is your favorite student after all—who nailed that board to his head?” Things like that used to happen.

[ 49 ] Lorenz war der Liebling der Studentenschaft der Wiener Universität, und er war auch ein Jahr Rektor an der Wiener Universität. Es war nun dort gebräuchlich, dass jemand, der Rektor gewesen war, für das nächste Jahr dann Prorektor wurde. Nach ihm wurde nun ein ganz schwarzer Radikaler zum Rektor gewählt, der ungeheuer unbeliebt war. Dem machten die Studenten gern allerlei Katzenmusiken. Nun war Lorenz der heftigste Gegner jenes Klerikalen, der Vertreter des Kirchenrechtes war. Jener Rektor konnte schon gar nicht mehr in die Universität hineinkommen, denn sowie er sich dazu anschickte, ging es sofort mit dem Lärm los. Da musste dann der Prorektor kommen und Ordnung schaffen. Sobald Lorenz erschien, jubelte ihm die Studentenschaft zu. Jener Ottokar Lorenz aber stellte sich hin und sagte: «Euer Beifall lässt mich ganz kalt. Wenn ihr - wie wir zwei auch immer verschieden denken mögen — meinen Kollegen so behandelt, wie ihr es tut, und mir zujubelt, dann sage ich euch, dass ich, der ich an Gelehrsamkeit nicht würdig bin, meinem Gegner die Schuhriemen aufzulösen, mir nichts aus eurem Beifall mache und ihn ablehne!» - «Pereat! pereat!» ging es los, und aus war es mit seiner Beliebtheit. Lorenz ging dann nach Jena, und der, der hier spricht, traf noch öfter mit ihm zusammen. Jetzt ist er nicht mehr auf dem physischen Plan. Er war eine ausgezeichnete Persönlichkeit. In allen Einzelheiten steht noch lebhaft vor meiner Seele, wie er einmal einen Vortrag gehalten hatte über die Beziehungen der Tätigkeit von Carl August zur übrigen deutschen Politik. Als im nächsten Jahr, wiederum bei der Versammlung der Goethe-Gesellschaft, Ottokar Lorenz dasaß und wir über diesen Vortrag sprachen, den er damals gehalten hatte, da fielen aus seiner tiefen Ehrlichkeit heraus die Worte: «Ja, was das betrifft - als ich damals über das Verhältnis Carl Augusts zur deutschen Politik sprach, da habe ich eben einen argen Bock geschossen!» So war er jederzeit bereit, sein Unrecht zuzugeben.

[ 49 ] Lorenz was the darling of the student body at the University of Vienna, and he also served as rector there for one year. It was customary there for someone who had been rector to become vice-rector the following year. After him, a radical of the most extreme sort—who was immensely unpopular—was elected rector. The students took great delight in playing all sorts of pranks on him. Now, Lorenz was the fiercest opponent of that clericalist, who was a proponent of canon law. That rector could no longer even enter the university, for as soon as he made a move to do so, the commotion would begin immediately. Then the vice-rector had to come and restore order. As soon as Lorenz appeared, the student body cheered him on. But Ottokar Lorenz stood there and said: “Your applause leaves me completely cold. If you—no matter how differently the two of us may think—treat my colleague the way you do and cheer for me, then I tell you that I, who am not worthy of the scholarship required to untie my opponent’s shoelaces, care nothing for your applause and reject it!” - “Pereat! Pereat!” the crowd chanted, and that was the end of his popularity. Lorenz then went to Jena, and the one speaking here met with him on several more occasions. Now he is no longer on the physical plane. He was an outstanding personality. Every detail is still vivid in my mind of how he once gave a lecture on the relationship between Carl August’s activities and the rest of German politics. When, the following year, once again at the meeting of the Goethe Society, Ottokar Lorenz was sitting there and we were talking about that lecture he had given back then, these words came from his deep sincerity: “Yes, as far as that goes—when I spoke back then about Carl August’s relationship to German politics, I really put my foot in it!” He was always ready to admit when he was wrong.

[ 50 ] Außer mancherlei anderen Persönlichkeiten, die damals Eindruck machten auf den Jüngling, sei ein ausgezeichneter Mann erwähnt, der dann aber bald starb, bei dem der Jüngling an der Wiener Technischen Hochschule Kollegs hörte über «Geschichte der Physik». Es war Edmund Reitlinger, der auch mitgearbeitet hat an dem «Leben Keplers» und in ausgezeichneter Weise den Werdegang der Physik durch die Zeiten hindurch zur Darstellung bringen konnte.

[ 50 ] In addition to various other figures who made an impression on the young man at that time, mention should be made of an outstanding man—who, however, died soon afterward—from whom the young man took courses on the “History of Physics” at the Vienna University of Technology. It was Edmund Reitlinger, who also contributed to the “Life of Kepler” and was able to present the development of physics through the ages in an outstanding manner.

[ 51 ] Bedeutsame Anregungen gingen in mancherlei Beziehung von Karl Julius Schröer aus, der nicht nur durch die Vorträge wirkte, sondern auch dadurch, dass er die Einrichtung traf von «Übungen im mündlichen Vortrag und in schriftlicher Darstellung». Da mussten die Studenten vortragen, und da lernte man den ordentlichen Aufbau einer Rede. Dabei konnte man auch manches nachholen, was man früher nicht gelernt hatte in Bezug auf Satzfügungen; kurz, man wurde gründlich unterwiesen im mündlichen Vortrage und in schriftlicher Darstellung. Und lebhaft kann ich zurückdenken an das, was damals der Jüngling, von dem hier gesprochen wird, vorgetragen hat. Der erste Vortrag war über die Bedeutung Lessings, besonders über den Laokoon; der zweite über Kant, und zwar vorzugsweise über das Problem der Freiheit. Dann hat er einen Vortrag gehalten über Herbart und besonders über die Ethik Herbarts; der vierte Vortrag, der damals probeweise gehalten wurde, handelte vom Pessimismus. Damals wurde nämlich durch einen Kommilitonen in diesem Kolleg über «mündlichen Vortrag und schriftliche Darstellung» eine Diskussion über Schopenhauer angeregt, und der Jüngling, von dem hier die Rede ist, sagte damals in der Debatte: «Ich schätze Schopenhauer außerordentlich, aber wenn das richtig ist, was sich als Fazit der Schopenhauer’schen Anschauung ergibt, dann möchte ich lieber der Holzpfosten sein, auf dem mein Fuß jetzt steht, als ein lebendes Wesen.» So war seine Seelenstimmung; der Jüngling wollte sich verteidigen gegenüber einem enragierten Schopenhauerianer. Dass er ihn jetzt nicht mehr abwehren würde, geht wohl schon daraus hervor, dass er selbst eine Schopenhauer-Ausgabe veröffentlicht hat, worin er den Ansichten Schopenhauers gerecht zu werden versuchte.

[ 51 ] In many respects, Karl Julius Schröer provided significant inspiration; he made an impact not only through his lectures but also by establishing “Exercises in Oral Presentation and Written Expression.” In these sessions, students were required to give presentations, and there they learned how to properly structure a speech. In the process, they were also able to make up for some of what they had previously failed to learn regarding sentence structure; in short, they received thorough instruction in oral presentation and written composition. And I can vividly recall what the young man in question presented at that time. The first presentation was on the significance of Lessing, particularly on *Laocoon*; the second was on Kant, focusing primarily on the problem of freedom. Then he gave a lecture on Herbart, focusing particularly on Herbart’s ethics; the fourth lecture, which was delivered on a trial basis at the time, dealt with pessimism. At that time, a fellow student in this seminar on “Oral Presentation and Written Expression” had sparked a discussion about Schopenhauer, and the young man in question said during the debate: “I hold Schopenhauer in the highest regard, but if what emerges as the conclusion of Schopenhauer’s worldview is true, then I would rather be the wooden post on which my foot now stands than a living being.” Such was his state of mind; the young man wanted to defend himself against an enraged Schopenhauerian. That he would no longer oppose him is evident from the fact that he himself published an edition of Schopenhauer’s works in which he attempted to do justice to Schopenhauer’s views.

[ 52 ] Nun gab es damals auch an der Wiener Technischen Hochschule einen Studentenverein, und der Jüngling, von dem hier gesprochen wird, bekam in diesem Studentenverein das Amt eines Kassierers. Aber er beschäftigte sich mit der Kasse nur zu gewissen Zeiten, mehr beschäftigte er sich mit der Bibliothek; und zwar erstens, weil ihn die Philosophie interessierte, dann aber auch, weil er die Sehnsucht hatte, mit dem geistigen Leben weiter bekannt zu werden. Diese Sehnsucht war sehr groß geworden, aber es fehlten die Mittel, um Bücher zu kaufen, denn Geld gab es wenig. So kam es denn, dass er nach einiger Zeit der selbstverständliche Bibliothekar jenes Studentenvereins wurde. Und wenn man dann Bücher brauchte, so schrieb er im Auftrag des Studentenvereins einen sogenannten «Pumpbrief» an den Autor irgendeines Werkes, das man gern haben wollte, in welchem man ihm mitteilte, dass sich die Studenten außerordentlich freuen würden, wenn der Autor sein Buch schicken wollte. Und diese Pumpbriefe wurden gewöhnlich in außerordentlich lieber Art dadurch beantwortet, dass die Bücher kamen. Dazumal kamen tatsächlich die bedeutendsten Bücher, die auf dem Gebiete der Philosophie geschrieben worden sind, auf diese Weise in den Studentenverein herein und wurden gelesen - wenigstens von dem, der die Pumpbriefe geschrieben hatte. Dadurch konnte sich der Betreffende damals nicht nur bekannt machen mit der «Erkenntnistheorie» von Johannes Volkelt und den Arbeiten von Richard Falckenberg, sondern auch mit den Werken von Helmholtz und mit geschichtssystematischen Werken. Es schickten viele ihre Bücher; sogar Kuno Fischer hat einmal einen Band seiner «Geschichte der neueren Philosophie» gestiftet. Dann waren auf diese Weise hereingekommen in die Bibliothek die sämtlichen Werke von Baron Hellenbach, der gleich alle seine Werke schickte, nachdem ihm ein Pumpbrief geschrieben worden war. So war reichlich Gelegenheit, sich mit philosophischen, kulturwissenschaftlichen und auch literarhistorischen Werken bekannt zu machen. Aber auch auf anderen Gebieten konnte man seinen Blick in genügender Weise vertiefen.

[ 52 ] At that time, there was also a student association at the Vienna University of Technology, and the young man in question was appointed treasurer of that association. But he only dealt with the finances at certain times; he was more concerned with the library—firstly because he was interested in philosophy, but also because he longed to become more familiar with intellectual life. This longing had grown very strong, but he lacked the means to buy books, for he had little money. And so it came to pass that, after some time, he naturally became the librarian of that student association. And whenever books were needed, he would write, on behalf of the student association, a so-called “borrowing letter” to the author of a work they wished to obtain, informing the author that the students would be exceedingly pleased if he would send his book. And these “Pump letters” were usually answered in an exceptionally kind manner—the books actually arrived. Back then, the most significant books ever written in the field of philosophy indeed found their way into the student association in this manner and were read—at least by the one who had written the “Pump letters.” As a result, the student in question was able not only to familiarize himself with Johannes Volkelt’s *Theory of Knowledge* and the works of Richard Falckenberg, but also with the works of Helmholtz and works on the systematic history of philosophy. Many sent their books; even Kuno Fischer once donated a volume of his *History of Modern Philosophy*. In this way, the library also acquired the complete works of Baron Hellenbach, who sent all his works immediately after receiving a request letter. Thus, there was ample opportunity to familiarize oneself with works in philosophy, cultural studies, and literary history. But one could also sufficiently deepen one’s understanding in other fields as well.

[ 53 ] Dann aber kam durch den persönlichen und immer intimer werdenden Verkehr mit Karl Julius Schröer, der nicht nur ein Kenner, sondern auch ein tief bedeutsamer Kommentator Goethes war, dass sich der Jüngling zu interessieren anfing für die Ideen Goethes und besonders für dessen Ideen über die Naturwissenschaften. Es gelang Schröer, nachdem die mannigfaltigsten Anstrengungen gemacht worden waren, gewisse physikalisch gehaltene Aufsätze des Jünglings über die «Farbenlehre» unterzubringen.

[ 53 ] But then, through his personal and increasingly close relationship with Karl Julius Schröer—who was not only a connoisseur but also a profoundly significant commentator on Goethe—the young man began to take an interest in Goethe’s ideas, and especially in his ideas about the natural sciences. After making a wide variety of efforts, Schröer succeeded in having certain of the young man’s physics-oriented essays on “Theory of Colors” published.

[ 54 ] Es trat dann weiter die Möglichkeit an ihn heran, mitzuarbeiten an der großen Goethe-Ausgabe, die damals als die Ausgabe der «Kürschnerschen National-Litteratur» durch Joseph Kürschner veranstaltet wurde, und die Bearbeitung der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes zugewiesen zu erhalten, wie auch den Auftrag, die Einleitung dazu zu schreiben. Als der erste Band der «Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, mit Einleitungen von Rudolf Steiner» erschienen war, hatte er das Bedürfnis, aus den Fundamenten heraus die denkerischen Quellen darzustellen, aus denen doch die ganze Anschauung folgte, die hier zum Verständnis Goethes dargelegt worden war. Daher schrieb er zwischen dem Erscheinen des ersten und des zweiten Bandes die «Erkenntnistheorie der Goethe’schen Weltanschauung».

[ 54 ] He was then offered the opportunity to contribute to the major edition of Goethe’s works, which was being organized at the time by Joseph Kürschner as part of the “Kürschner’s National Literature” series, and to be assigned the task of editing Goethe’s scientific writings, as well as the commission to write the introduction to them. When the first volume of “Goethe’s Scientific Writings, with Introductions by Rudolf Steiner” was published, he felt the need to present, from the very foundations, the intellectual sources from which the entire worldview—as set forth here for an understanding of Goethe—had emerged. Therefore, between the publication of the first and second volumes, he wrote *The Epistemology of Goethe’s Worldview*.

[ 55 ] Von vorher, aus dem Beginn der achtziger Jahre, kommen nur in Betracht einige Aufsätze: Einer, der veröffentlicht worden ist unter dem Titel «Auf der Höhe», einer über Hermann Hettner, einer über Lessing und einer über «Parallelen zwischen Shakespeare und Goethe». Das sind im Grunde genommen alle Aufsätze, die damals geschrieben wurden.

[ 55 ] From earlier, in the early 1980s, only a few essays come to mind: one published under the title “Auf der Höhe,” one on Hermann Hettner, one on Lessing, and one on “Parallels between Shakespeare and Goethe.” These are, in essence, all the essays that were written at that time.

[ 56 ] Bald kam Rudolf Steiner in eine umfangreiche Schriftstellerei hinein dadurch, dass er Mitarbeiter wurde an «Kürschners deutscher NationalLitteratur» und die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes mit den ausführlichen Einleitungen zu besorgen hatte. Hervorgehoben darf dabei noch werden, dass, wie ihm früher der Studentenverein eine Art Rückhalt war, es jetzt der Wiener «Goethe-Verein» wurde, dessen zweiter Vorsitzender Karl Julius Schröer war. Es war auch weiterhin aneifernd für Rudolf Steiner, dass Schröer ihn einlud, nachdem die ersten Goethe-Bände erschienen waren, einen Vortrag zu halten vor einer solchen Versammlung, wie es die Mitglieder des Wiener «GoetheVereins» waren. Und da hielt Rudolf Steiner seinen Vortrag über «Goethe als Vater einer neuen Ästhetik».

[ 56 ] Rudolf Steiner soon became deeply involved in writing when he joined the editorial staff of *Kürschner’s German National Literature* and was tasked with editing Goethe’s scientific writings, complete with detailed introductions. It should also be emphasized that, just as the student association had previously served as a kind of support for him, the Vienna “Goethe Society”—whose vice-chairman was Karl Julius Schröer—now took on that role. It was also a source of inspiration for Rudolf Steiner that Schröer invited him, after the first volumes of Goethe’s works had been published, to give a lecture before an audience such as the members of the Vienna “Goethe Society.” And there Rudolf Steiner delivered his lecture on “Goethe as the Father of a New Aesthetics.”

[ 57 ] Dazumal war der, dessen Lebensverhältnisse hier dargestellt werden sollen, nachdem er die Hochschulverhältnisse hinter sich hatte, Erzieher geworden. Er musste ja schon von seinem vierzehnten Jahre ab immer Privatstunden geben, musste andere Knaben unterrichten, musste diesen Unterricht auch später fortsetzen, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, und hatte, während er die Hochschule absolvierte, recht viele Schüler. Man kann sagen: Er war glücklich, dass er recht viele Schüler hatte, denen er Nachhilfe erteilte oder die er auch ganz erzog. Das ging parallel mit dem Hineinkommen in die Goethe-Gesellschaft.

[ 57 ] At that time, the man whose life story is to be recounted here had, after completing his university studies, become a tutor. After all, he had been giving private lessons since the age of fourteen, had to teach other boys, and had to continue these lessons later on to earn a living; while he was attending college, he had quite a few students. One might say: He was fortunate to have quite a few students whom he tutored or whom he even raised from childhood. This coincided with his admission to the Goethe Society.

[ 58 ] Dann wurde er Erzieher in einem Wiener Hause. Mit Bezug auf dieses Haus muss wieder gesagt werden, dass hier etwas hereinschien, was von den modernsten Verhältnissen ausstrahlte. Denn der Herr dieses Hauses, dessen Knaben von Rudolf Steiner zu erziehen waren, war einer der angesehensten Vertreter des zwischen Europa und Amerika spielenden Baumwollhandels, der einen ja am tiefsten hineinführen kann in die modernen kommerziellen Probleme. Er war ein entschieden liberaler Mann. Und die beiden Frauen, zwei Schwestern — es lebten in diesem Hause gleichsam zwei Familien innig zusammen -, waren ganz hervorragende Frauen, die das allertiefste Verständnis hatten auf der einen Seite für Kindererziehung und auf der anderen Seite für jenen Idealismus, der zum Ausdruck kam in Rudolf Steiners «Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften» und in der «Erkenntnistheorie». Nun wurde es möglich, sozusagen noch praktische Psychologie an der Erziehung einer Anzahl Knaben zu lernen. Praktische Psychologie auch dadurch, dass man in allen Fragen, welche die Erziehung betrafen, die Initiative entwickeln durfte, weil man einem so tiefen Verständnis gerade bei der Mutter dieser Knaben begegnen konnte. Das, was Rudolf Steiner da antrat, war ein Erzieheramt, das er durch Jahre hindurch zu führen hatte. Und zwar verlebte er diese Jahre so, dass er sich neben der Unterrichtstätigkeit, die er als Erzieher auszuüben hatte, auch beschäftigen konnte mit der Ausarbeitung seiner Schrift zur Einführung in Goethes naturwissenschaftliche Werke.

[ 58 ] He then became a tutor in a Viennese household. With regard to this household, it must be said once again that there was something about it that radiated the most modern conditions. For the master of the house, whose sons were to be educated by Rudolf Steiner, was one of the most respected figures in the cotton trade between Europe and America—a trade that can indeed provide the deepest insight into modern commercial problems. He was a decidedly liberal man. And the two women, two sisters—two families, as it were, lived together in close harmony in this household—were truly outstanding women who possessed the deepest understanding, on the one hand, of childrearing and, on the other, of the idealism expressed in Rudolf Steiner’s *Introductions to Goethe’s Scientific Writings* and in *The Theory of Knowledge*. Now it became possible, so to speak, to learn practical psychology through the education of a number of boys. Practical psychology also in that one was allowed to take the initiative in all matters concerning education, because one could encounter such a deep understanding, particularly in the mother of these boys. What Rudolf Steiner undertook there was a role as an educator that he was to carry out over the course of many years. And he spent these years in such a way that, in addition to the teaching duties he had to perform as an educator, he was also able to devote himself to the elaboration of his treatise as an introduction to Goethe’s scientific works.

[ 59 ] Bis zu dieser Zeit hatte also Rudolf Steiner eine Realschule hinter sich, hatte hinter sich die Zeit der Wiener Technischen Hochschule und lebte nun als Erzieher von Knaben, die selbst Realschüler waren, von denen nur der eine Gymnasiast war. Weil der eine das Gymnasium besuchte, war Rudolf Steiner jetzt in die Notwendigkeit versetzt, das Gymnasium nachzuholen. Sodass er aus dieser Notwendigkeit heraus, nachdem er sein zwanzigstes, einundzwanzigstes Lebensjahr erreicht hatte, mit dem Buben das Gymnasium nachlernen konnte, und nur das hat ihn dann in den Stand gesetzt, sich später das Doktorat zu erwerben.

[ 59 ] By this time, Rudolf Steiner had completed his studies at a Realschule, had spent time at the Vienna University of Technology, and was now working as a teacher of boys who were themselves Realschule students, only one of whom attended a college. Because one of them attended a gymnasium, Rudolf Steiner was now compelled to make up for his lack of gymnasium education. Thus, driven by this necessity, after reaching the ages of twenty and twenty-one, he was able to study the gymnasium curriculum alongside the boy, and it was only this that later enabled him to earn his doctorate.

[ 60 ] Es liegen also die Sachen so, dass Rudolf Steiner vor dem zwanzigsten Jahre mit nichts zu tun hatte als mit einer Realschule, die in Österreich nie eine Vorbereitung für den geistlichen Beruf gibt, sondern geradezu davon fernhält. Dann hat er durchgemacht eine technische Hochschule, die auch nicht zum geistlichen Beruf befähigt, denn da wurde Chemie, Physik, Zoologie, Botanik, Mechanik, was sich auf Maschinenbau bezieht, Geologie und so weiter getrieben, auch neuere Geometrie, so die «Geometrie der Lage». Dem ging parallel während der Hochschulzeit die Vertiefung in die verschiedensten philosophischen Werke, dann mit dem Intimerwerden mit Schröer das Herantreten an die Goethe-Ausgaben, und dann kam, was man «Berufliches» nennen kann: die Erziehertätigkeit, die - weil man psychologischen Blick entwickeln musste, da die Verhältnisse wegen Abnormität bei dem einen Knaben schwere waren — «praktische Psychologie» sein konnte. Diese Zeit verlief also wirklich nicht, wie andere Leute wissen wollen, im Jesuitenstift zu Kalksburg — jetzt wird schon wieder ein anderer Ort genannt -, sondern die Zeit verlief in der Erziehertätigkeit in einem Wiener jüdischen Hause, wo der Betreffende ganz gewiss nicht die geringste Anleitung hatte, um eine jesuitische Tätigkeit zu entwickeln. Denn das Verständnis, das die beiden Frauen entwickelten an dem damaligen Idealismus oder an den Erziehungsmaximen für die Kinder, war gar nicht geeignet, den Jesuitismus nahekommen zu lassen.

[ 60 ] The situation is thus that, before the age of twenty, Rudolf Steiner had nothing to do with anything other than a secondary school, which in Austria never prepares students for a spiritual vocation but, on the contrary, actively steers them away from it. He then attended a technical university, which likewise does not prepare one for a spiritual vocation, since the curriculum there included chemistry, physics, zoology, botany, mechanics (as it relates to mechanical engineering), geology, and so on, as well as modern geometry, such as “solid geometry.” Parallel to this, during his time at the university, he delved deeply into a wide variety of philosophical works; then, as he became more familiar with Schröer, he began studying the editions of Goethe’s works; and then came what one might call his “professional” work: his work as an educator, which—because he had to develop a psychological perspective, given that the circumstances were difficult due to one boy’s abnormality— could be considered “practical psychology.” This period, therefore, did not—as some people claim—take place at the Jesuit seminary in Kalksburg—now yet another location is being mentioned—but rather was spent working as a tutor in a Jewish household in Vienna, where the person in question certainly had not the slightest guidance to develop a Jesuit way of life. For the understanding that the two women developed regarding the idealism of the time or the educational principles for the children was in no way conducive to bringing Jesuitism into the picture.

[ 61 ] Etwas nur war da, was sozusagen wie ein Schatten aus der Welt des Jesuitismus hereinschaute. Und das kam so. Es machte Schröer die Bekanntschaft der österreichischen Dichterin Marie Eugenie delle Grazie, die in dem Hause eines katholischen Priesters lebte, des Laurenz Müllner, der später dann zur philosophischen Fakultät überging. Und man braucht nur die Schriften von Marie Eugenie delle Grazie zu lesen und wird gleich sehen, dass Müllner keineswegs die Absicht hatte, sie unter jesuitischen Einfluss zu bringen. Aber man kam da auch mit allerlei Universitätsprofessoren zusammen. Darunter war einer, der grundgelehrt war in der Semitologie, den semitischen Sprachen, und der ein tiefer Kenner des Alten Testamentes war. Er war ein grundgelehrter Herr, von dem man sagte, dass er «die ganze Welt und noch drei Dörfer darüber» kenne. Aber die Gespräche, die ich mit ihm führte und die mir bedeutsam waren, das waren die, welche sich auf das Christentum bezogen. Was damals von diesem Gelehrten über das Christentum gesprochen wurde, bezog sich einmal auf die Frage der «Conceptio immaculata», der unbefleckten Empfängnis. Ich versuchte ihm zu beweisen, dass eine völlige Inkonsequenz in diesem Dogma vorhanden ist, bei dem es sich ja nicht nur handelt um die unbefleckte Empfängnis der Maria, sondern auch um die der Mutter der Maria, der heiligen Anna; da müsse man ja dann immer weiter hinaufgehen. Nun war er aber einer jener Theologen, dem der «Theologe» so gar nicht im Nacken saß, ein durchaus freisinniger Theologe, und er fügte hinzu: «Das können wir nun nicht tun; denn da kämen wir nach und nach beim Davidl an, und da würde die Sache schlimm werden.»

[ 61 ] There was, however, something that peered in, as it were, like a shadow from the world of Jesuitism. And this is how it came about. Schröer became acquainted with the Austrian poet Marie Eugenie delle Grazie, who lived in the home of a Catholic priest, Laurenz Müllner, who later transferred to the philosophy department. And one need only read the writings of Marie Eugenie delle Grazie to see immediately that Müllner had by no means intended to bring her under Jesuit influence. But one also came into contact with all sorts of university professors there. Among them was one who was deeply learned in Semitology—the Semitic languages—and who was a profound expert on the Old Testament. He was a highly erudite gentleman of whom it was said that he knew “the whole world and three villages beyond.” But the conversations I had with him that were significant to me were those that related to Christianity. What this scholar said about Christianity at that time related, for one thing, to the question of the “Conceptio immaculata,” the Immaculate Conception. I tried to prove to him that there is a complete inconsistency in this dogma, which, after all, concerns not only the Immaculate Conception of Mary but also that of Mary’s mother, Saint Anne; in which case one would have to keep going further and further back. Now, however, he was one of those theologians who was not at all constrained by the “theologian” label—a thoroughly liberal theologian—and he added: “We cannot do that; for then we would gradually end up with David, and that’s where things would get bad.”

[ 62 ] In diesem Tone bewegten sich überhaupt die Gespräche in dem Hause des Professors Müllner beim «Jour» von delle Grazie. Müllner war ein sarkastischer Geist, und auch die Professoren waren freisinnige Männer. Was von der anderen Seite hereinleuchtete, kam eigentlich nur von einem Mann, der etwas von jesuitischem Geist hatte, der nachher dann ein tragisches Ende genommen hat. Bei einem Schiffbruch in der Adria ertrank er. Dieser Mann war ein Kirchenhistoriker der Wiener Universität. Er sprach wenig, aber was er sprach, war nicht geeignet, das andere Element günstig zu vertreten. Denn es war über ihn das Gerücht im Umlauf, dass er des Abends, wenn es finster geworden war, aus Furcht nicht mehr auf die Straße gehe, weil dann die Freimaurer umgingen. Der konnte also nicht ein besonderes Interesse für den Jesuitismus erwecken, einmal, weil er kein guter Kirchenhistoriker war, und dann auch wegen solchen Geredes. Vor der Dämmerung verschwand er auch tatsächlich immer.

[ 62 ] This was generally the tone of the conversations at Professor Müllner’s home during delle Grazie’s “Jour.” Müllner had a sarcastic wit, and the professors were also liberal-minded men. The only dissenting voice actually came from a man who had something of the Jesuit spirit about him, a man who later met a tragic end. He drowned in a shipwreck in the Adriatic Sea. This man was a church historian at the University of Vienna. He spoke little, but what he did say did not serve to present the other side in a favorable light. For there was a rumor circulating about him that in the evening, once it had grown dark, he would no longer venture out onto the street out of fear, because that was when the Freemasons were on the prowl. He could not, therefore, arouse any particular interest in Jesuitism—first, because he was not a good church historian, and second, because of such gossip. He did, in fact, always disappear before dusk.

[ 63 ] Es bot sich damals auch Gelegenheit, etwas gründlicher in die österreichischen politischen Verhältnisse hineinzukommen, und dies geschah dadurch, dass die von Heinrich Friedjung begründete «Deutsche Wochenschrift» von mir redigiert werden konnte. Diese vertrat einen entschieden liberalen Standpunkt in Bezug auf die österreichischen Verhältnisse, den jeder studieren kann, wenn er sich bekannt macht mit dem, was bei Friedjung vorhanden war. Diese Zeit brachte Rudolf Steiner auch mit den übrigen politischen Verhältnissen und Persönlichkeiten in Berührung. Jene redaktionelle Tätigkeit fiel zwar sehr kurz aus, aber sie fiel in eine sehr wichtige Zeit: nachdem der Battenberger aus Bulgarien vertrieben war und der neue Fürst von Bulgarien sein Amt angetreten hatte. Damit war die Signatur dafür gegeben, wie man sich ein zutreffendes Bild von den kulturpolitischen Verhältnissen zu machen hatte.

[ 63 ] At that time, I also had the opportunity to gain a somewhat deeper understanding of the political situation in Austria, and this came about because I was able to serve as editor of the *Deutsche Wochenschrift*, a journal founded by Heinrich Friedjung. This publication took a decidedly liberal stance on Austrian affairs, which anyone can study by familiarizing themselves with Friedjung’s writings. This period also brought Rudolf Steiner into contact with the broader political landscape and its key figures. Although that editorial work was very brief, it took place during a very important period: after Battenberg had been expelled from Bulgaria and the new Prince of Bulgaria had assumed office. This set the stage for how one was to form an accurate picture of the cultural and political conditions.

[ 64 ] Nun erschien in jener Zeit ein Werk, das ganz bedeutsam ist, wenn es auch von manchen für einseitig gehalten werden mag, nämlich der «Homunkulus» von Robert Hamerling. Besonders bedeutsam für den, dessen Lebensverhältnisse hier geschildert werden sollen, war der «Homunkulus» noch deshalb, weil Rudolf Steiner schon früher mit Hamerling bekannt geworden war. Denn obwohl Rudolf Steiner in Kraljevec geboren wurde, stammte seine Familie doch aus Niederösterreich, und zwar aus dem sogenannten «Bandlkramerlandl», wo man die Leute mit dem Bündel auf dem Rücken die dort verfertigten Bänder herumtragen sieht. Dorther stammte die Familie. Und wie es so ist, werden die Familien in solchen Berufsverhältnissen überallhin verschlagen, und der Knabe kam nie zurück nach Niederösterreich. Aber er war doch in einer gewissen Beziehung dadurch herstammend aus demselben «Bandlkramerlandl», woher auch Hamerling stammt.

[ 64 ] At that time, a work appeared that is quite significant, even if some may consider it one-sided: namely, *The Homunculus* by Robert Hamerling. The *Homunkulus* was particularly significant for the person whose life circumstances are to be described here because Rudolf Steiner had already become acquainted with Hamerling earlier. For although Rudolf Steiner was born in Kraljevec, his family actually came from Lower Austria—specifically from the so-called “Bandlkramerlandl,” where one sees people carrying bundles of ribbons produced there on their backs. That is where the family came from. And as is often the case, families in such occupations end up scattered far and wide, and the boy never returned to Lower Austria. But in a certain sense, he was nevertheless a native of the same “Bandlkramerlandl” from which Hamerling also hailed.

[ 65 ] Man hat ja Hamerling nicht besonderes Verständnis entgegengebracht. Aber bei ihm könnte man sagen, dass er, wenn auch nicht eine jesuitische, so doch eine Klostererziehung genossen hat. Nicht aber ist das der Fall bei dem, der hier vor Ihnen steht. Anerkannt hat man ja Robert Hamerling auch nicht, denn als er später einmal seine Heimat wieder besuchte und in dem dortigen Gasthof zu dem Wirt sagte, er sei Hamerling, da hat ihm dieser entgegnet: «Nun Sie ... Sie Hamerling, Sie Schwammerling ...»

[ 65 ] Hamerling was certainly not treated with any particular understanding. But in his case, one could say that he received, if not a Jesuit education, then at least a monastic one. That is not the case, however, with the man standing before you here. Robert Hamerling wasn’t exactly recognized either, because when he later visited his hometown again and told the innkeeper at the local inn that he was Hamerling, the innkeeper replied: “Well, you… you Hamerling, you Schwammerling…”

[ 66 ] Es war Veranlassung genommen worden, die «Erkenntnistheorie der Goethe’schen Weltanschauung» an Hamerling zu senden. Wie sie Hamerling aufgenommen hat, das kann einem Urteil entnommen werden aus der «Atomistik des Willens», wo sie gerade in einem wichtigsten Kapitel - in dem Kapitel über die Natur der mathematischen Urteile - in einer, wie mir auch heute erscheint, völlig originellen Weise verwendet worden ist. Es fand - wenn auch nicht besonders lange - doch ein Briefwechsel mit Robert Hamerling statt, der für Rudolf Steiner in gewisser Beziehung wichtig war, weil er nach einem Briefe, den er an Hamerling geschrieben hatte, von diesem feinen Stilisten gesagt bekam, dass er einen außerordentlich sympathischen, schönen Stil schreibe, dass er ein gewisses Talent habe, mit Kraft das darzustellen, was er darstellen wolle. Das war außerordentlich wichtig für Rudolf Steiner, weil er sich doch in diesen Jahren noch nicht viel zutraute, sich jetzt aber in Bezug auf diese Frage des Stils in der Darstellung durch Robert Hamerling mehr zutraute als vorher. Es musste ja notwendigerweise vorher erwähnt werden, dass der Knabe bis zum dreizehnten, vierzehnten Jahre grammatikalisch und orthografisch recht wenig richtig hat schreiben können und dass ihm nur der Inhalt seiner Aufsätze über die Fehler in der Grammatik und Orthografie hinweggeholfen hat.

[ 66 ] The decision had been made to send “The Epistemology of Goethe’s Worldview” to Hamerling. How Hamerling received it can be gauged from *The Atomism of the Will*, where it was used—precisely in one of the most important chapters, the chapter on the nature of mathematical judgments—in a way that, even today, strikes me as entirely original. There was—albeit not for very long—an exchange of letters with Robert Hamerling that was important to Rudolf Steiner in a certain respect, because, following a letter he had written to Hamerling, this fine stylist told him that he wrote in an exceptionally appealing, beautiful style, and that he possessed a certain talent for powerfully conveying what he wished to express. This was extraordinarily important for Rudolf Steiner, because during those years he still did not have much confidence in himself, but now, thanks to Robert Hamerling’s assessment of his writing style, he had more confidence in this regard than before. It must, of course, be mentioned first that until the age of thirteen or fourteen, the boy had been able to write with very little grammatical and orthographic accuracy, and that only the content of his essays had helped him overcome his errors in grammar and spelling.

[ 67 ] Als nun die Goethe-Ausgabe sich ihrem Abschluss nahte und als Rudolf Steiner im Unterricht mit seinen zu erziehenden Buben die humanistisch-antike Kultur nachholend sich angeeignet hatte, kam die Zeit, wo er promovieren konnte. Er hatte auch noch einen wirklich künstlerisch-architektonischen Blick gewinnen können durch den Umstand, dass damals in Wien die großen Architekten lebten, mit denen er auch dadurch Beziehungen hatte, dass er an der Wiener Hochschule mit ihnen persönlich bekannt wurde. Es sei nur erwähnt, dass damals in Wien die Votivkirche, das Rathaus, das Parlamentsgebäude und anderes gebaut wurde. Dadurch konnte man vieles in sich anregen von Zusammenhängen mit der Kunst. In jenen Zeiten gab es auch - worauf auch hingewiesen werden darf - heftige Debatten mit den enragierten Wagner-Anhängern, denn der, von dem hier die Rede ist, konnte und musste sich nur mit aller Mühe durchringen zur Anerkennung Richard Wagners, zu einer Anerkennung, die ja von anderen Darstellungen her bekannt ist.

[ 67 ] As the Goethe edition neared completion and Rudolf Steiner had caught up on and assimilated classical humanistic culture through his lessons with the boys in his care, the time came for him to earn his doctorate. He had also been able to develop a truly artistic and architectural perspective due to the fact that the great architects of the time were living in Vienna, with whom he had established relationships after getting to know them personally at the Vienna Academy of Fine Arts. It suffices to mention that the Votivkirche, City Hall, the Parliament Building, and other structures were being built in Vienna at that time. This allowed him to draw much inspiration from his connections to the arts. It is also worth noting that during those times there were heated debates with the fervent Wagnerians, for the person in question here could and had to bring himself—with great effort—to acknowledge Richard Wagner, an acknowledgment that is, of course, well known from other accounts.

[ 68 ] Es spielt auch in jene Zeit noch hinein die Bekanntschaft mit einer geistigen Strömung, die eigentlich, trotzdem sie schon früher begonnen hat, in Europa doch damals erst auftauchte. Es ist die Bekanntschaft mit dem, was H. P. Blavatsky als theosophische Richtung verbreitet hat. Und der, von dem hier die Rede ist, darf darauf hinweisen, dass er wohl einer der ersten Käufer des «Esoterischen Buddhismus» von A. P. Sinnett wie auch des Buches von Mabel Collins «Licht auf den Weg» war. Einer bekannten Dame, die damals sehr schwer krank war, brachte er dieses Buch gleich nach seinem Erscheinen ans Krankenbett und gab ihr mancherlei Anleitung, um dieses Buch von ihrem Standpunkte aus zu verstehen. Auch einem Manne brachte er es, der von ihm für das österreichische Offiziersexamen in Integralrechnung und Mathematik vorbereitet werden musste. Er wohnte im Hause der Familie, wo die sehr schwer kranke Dame war.

[ 68 ] That period was also marked by an encounter with a spiritual movement which, although it had actually begun earlier, was only just emerging in Europe at that time. It was an encounter with what H. P. Blavatsky had popularized as the theosophical movement. And the person in question here may point out that he was likely one of the first buyers of A. P. Sinnett’s *Esoteric Buddhism* as well as Mabel Collins’s book *Light on the Path*. He brought this book to the sickbed of a well-known lady, who was very seriously ill at the time, immediately after its publication and gave her various instructions on how to understand the book from her perspective. He also gave it to a man whom he was preparing for the Austrian officer’s examination in integral calculus and mathematics. The man was staying at the family’s home, where the very seriously ill lady was staying.

[ 69 ] Damals traten mir auch die Wiener Vertreter der theosophischen Bewegung nahe. Mit allem, was sich in dieser Zeit um den vor Kurzem verstorbenen Franz Hartmann gruppierte, und auch mit anderen Theosophen kam der, von dem hier die Rede ist, in einen recht freundschaftlichen und intimen Verkehr. Das war in den Jahren 1884 bis 1885, als die theosophische Bewegung überhaupt erst anfing, bekannt zu werden. Nur war es dazumal dem, von dem hier gesprochen wird, nicht möglich, sich dieser Bewegung anzuschließen, trotzdem er sie sehr genau kannte, weil das ganze Gebaren und das ganze Gehabe der Leute, das gewissermaßen Unechte - das soll hier nur als Terminus technicus gebraucht werden doch nicht vereinbar war mit dem, was sich doch schließlich bei dem hier Geschilderten herausgebildet hatte an einer im Sinnenleben verankerten wissenschaftlichen Exaktheit, Genauigkeit und Echtheit. Das soll nicht ein Selbstlob sein, sondern ich will es mehr dem zuschreiben, was sich als Resultat aus der Gelehrsamkeit unserer Zeit ergibt. Was man auch sonst gegen diese Gelehrsamkeit einzuwenden hat, das kann nicht eingewendet werden, dass nicht die größte, geschärfteste Logik gerade aus ihr hervorkommen könnte.

[ 69 ] At that time, I also became close to the Viennese representatives of the Theosophical Movement. The person in question developed quite a friendly and intimate relationship with everyone associated with Franz Hartmann—who had recently passed away—as well as with other Theosophists. This was in the years 1884 through 1885, when the Theosophical Movement was just beginning to gain recognition. However, at that time, the person in question was unable to join this movement, even though he knew it very well, because the entire demeanor and conduct of those people—that certain insincerity, so to speak—which is to be used here merely as a technical term—was simply incompatible with what had ultimately developed in the person described here: a scientific precision, accuracy, and authenticity rooted in the life of the spirit. This is not meant to be self-praise; rather, I attribute it more to what results from the scholarship of our time. Whatever other objections one may have against this scholarship, one cannot argue that the greatest, most refined logic could not emerge precisely from it.

[ 70 ] So kam es, dass der, von dem hier die Rede ist, persönlich wertvolle Menschen innerhalb des theosophischen Kreises kennenlernte, so zum Beispiel Rosa Mayreder, die sich später ganz abwendete von der theosophischen Richtung. Er lernte dort auch äußerlich historisch die ganze Richtung genau kennen, aber er konnte nichts damit zu tun haben und kam erst dazu, praktisch sozusagen, das, was er zu sagen hatte, auch theosophisch anzuwenden, als er veranlasst war, sich zu vertiefen in Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Um dieses Märchen zu kommentieren, betätigte er sich zuerst praktisch mit dem, was seit der erwähnten ersten okkulten Erscheinung immer in seiner Seele gelebt hatte. Das war im Jahre 1888, nachdem er vorher gründlich die theosophische Bewegung kennengelernt hatte, aber sich ihr äußerlich nicht hatte anschließen können, obgleich er wertvolle Menschen dort kennengelernt hatte.

[ 70 ] And so it came to pass that the person in question here personally came to know valuable individuals within the Theosophical Society, such as Rosa Mayreder, who later turned her back entirely on the Theosophical movement. There he also gained a thorough, objective, historical understanding of the entire movement, but he could not bring himself to have anything to do with it and only came to apply what he had to say—theosophically, so to speak—in practice when he was prompted to delve deeply into Goethe’s “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” In order to comment on this fairy tale, he first put into practice what had always lived within his soul since the aforementioned first occult experience. This was in 1888, after he had thoroughly familiarized himself with the Theosophical movement but had been unable to join it outwardly, even though he had met valuable people there.

[ 71 ] Eines tiefen Eindruckes soll noch gedacht werden, eines Eindruckes bei einer Kunstausstellung in Wien, wo im Jahre 1888 von dem, dessen Leben hier dargestellt wird, zum ersten Male Werke von Böcklin gesehen wurden, nämlich «Pietà», «Im Spiel der Wellen», «Frühlingsstimmung» und die «Quellnymphe». Das waren Werke, die ihm einen Anlass gaben, sich dann auch bleibend mit den Ideen über Malerei zu beschäftigen, weil er selbstverständlich der Sache auf den Grund kommen wollte - ähnlich wie es auch mit Richard Wagner war, wo der Ausgangspunkt die erwähnten Debatten waren -, um sich dann auch auf dieses Gebiet der Kunst ganz besonders einzulassen, was in Weimar später seinen Fortgang fand.

[ 71 ] One profound impression deserves special mention: an impression from an art exhibition in Vienna, where, in 1888, works by Böcklin—the artist whose life is described here—were seen for the first time, namely “Pietà,” “In the Play of the Waves,” “Spring Mood,” and “The Spring Nymph.” These were works that gave him reason to engage more deeply and permanently with ideas about painting, because he naturally wanted to get to the bottom of the matter—much as he had with Richard Wagner, where the starting point was the aforementioned debates—and then to immerse himself particularly in this field of art, a process that later continued in Weimar.

[ 72 ] Nachdem der zu Schildernde so weit war, ergab sich, dass an einzelne Gelehrte die Mitarbeiterschaft an der großen Weimarschen GoetheAusgabe verteilt wurde. Bei denjenigen, die dazumal im Auftrage der Großherzogin Sophie von Weimar die einzelnen Arbeiten zu verteilen hatten, stellte sich die Idee heraus, ihm zuerst bloß die Goethe’sche «Farbenlehre» zu übertragen. Später aber, als Rudolf Steiner nach Weimar kam, um dort die «Farbenlehre» zu bearbeiten, wurde ihm dann auch - besonders dadurch, dass er in ein herzliches und inniges Verhältnis zu dem so tragisch geendeten Bernhard Suphan kam - gerade die Ausarbeitung der naturwissenschaftlichen Werke Goethes übergeben. So begann jene Weimarsche Zeit, in der von dem Darzustellenden eine naturwissenschaftlich-philologische Tätigkeit entwickelt worden ist. Auf die eigentliche philologische Tätigkeit ist aber der Betreffende nie besonders stolz gewesen, er könnte selbst viele Fehler in dieser Beziehung nachweisen und will manches, was ihm als Schnitzer passiert ist, nicht beschönigen.

[ 72 ] Once the subject of this biography was ready, it turned out that the work on the major Weimar edition of Goethe’s works was assigned to individual scholars. Those who, at that time, were responsible for assigning the individual tasks on behalf of Grand Duchess Sophie of Weimar initially decided to entrust him solely with Goethe’s *Theory of Colors*. Later, however, when Rudolf Steiner came to Weimar to work on the “Theory of Colors,” he was then entrusted—particularly because he developed a warm and close relationship with Bernhard Suphan, whose life ended so tragically—with the task of editing Goethe’s scientific works. Thus began that Weimar period during which a scientific and philological approach to the subject matter was developed. However, the individual in question was never particularly proud of the actual philological work; he himself could point out many errors in this regard and does not wish to gloss over some of the blunders he made.

[ 73 ] Nachdem nun Rudolf Steiner in das alte Goethe-Schiller-Archiv eingezogen war - es war noch im Schloss untergebracht -, machte er andere, wichtige Erfahrungen. Es kamen immer wieder in- und ausländische Gelehrte, auch von Amerika herüber, sodass dieses Goethe-Schiller-Archiv ein Sammelpunkt für die mannigfaltigste Gelehrsamkeit wurde. Weiter war die Möglichkeit gegeben, das Entstehen einer wunderbar idealen Anstalt zu sehen; denn es war die Zeit, wo das neue Goethe-Schiller-Archiv jenseits der Ilm gebaut wurde. Zugleich war einzigartige Gelegenheit da, sich einzuleben in alte Erinnerungen, die sich noch an die GoetheSchiller-Zeit knüpften. Und es war auch, weil Weimar wirklich der Sammelpunkt von mancherlei künstlerischen Interessen war - auch Richard Strauss nahm dort seinen Anfang -, Gelegenheit, mit den verschiedensten künstlerischen Interessen ganz zusammenzuwachsen.

[ 73 ] Now that Rudolf Steiner had moved into the old Goethe-Schiller Archive—which was still housed in the castle—he had other important experiences. Scholars from Germany and abroad—including some from America—kept coming, so that this Goethe-Schiller Archive became a gathering place for the most diverse scholarly interests. Furthermore, there was the opportunity to witness the creation of a wonderfully ideal institution; for this was the time when the new Goethe-Schiller Archive was being built across the Ilm. At the same time, there was a unique opportunity to immerse oneself in old memories still tied to the Goethe-Schiller era. And because Weimar was truly a hub for a wide range of artistic interests—Richard Strauss, too, began his career there—it was also an opportunity to become fully immersed in the most diverse artistic pursuits.

[ 74 ] Nachdem das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» durch Rudolf Steiner interpretiert war, trat intensive Arbeit an Goethe stark in den Vordergrund des Interesses. Doch neben der Vertiefung in Goethe arbeitete er damals auch die «Philosophie der Freiheit» aus; die Abhandlung über «Wahrheit und Wissenschaft» brachte er bereits nach Weimar mit. Einige Male fuhr er noch nach Wien, einmal, um dort im Goethe-Verein einen Vortrag zu halten über das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie»; ein zweites Mal, um in einem wissenschaftlichen Klub einen Vortrag zu halten über die Beziehungen des Monismus zu einer spirituelleren, realeren Richtung. Das war 1893. Das Referat ist zu lesen in den «Monatsblättern des Wissenschaftlichen Clubs in Wien». Rudolf Steiner behandelte in diesem Vortrag in einer ausführlichen Weise das Verhältnis der Philosophie zur Naturwissenschaft. Der Vortrag klang dann aus in eine deutliche Schilderung seines Verhältnisses zu Ernst Haeckel und hob alles hervor, was Steiner Ablehnendes über Haeckel zu sagen hatte.

[ 74 ] After Rudolf Steiner had interpreted the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily,” intensive work on Goethe came strongly to the forefront of his interest. But in addition to delving deeper into Goethe, he was also developing the “Philosophy of Freedom” at that time; he had already brought the essay on “Truth and Science” with him to Weimar. He traveled to Vienna a few more times: once to give a lecture at the Goethe Society on the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”; and a second time to give a lecture at a scientific club on the relationship between monism and a more spiritual, more real direction. That was in 1893. The lecture can be found in the *Monatsblätter des Wissenschaftlichen Clubs in Wien* (Monthly Journal of the Scientific Club in Vienna). In this lecture, Rudolf Steiner dealt in detail with the relationship between philosophy and the natural sciences. The lecture then concluded with a clear description of his relationship to Ernst Haeckel and highlighted everything Steiner had to say in criticism of Haeckel.

[ 75 ] Es ist nun die Zeit schon weit vorgerückt, sodass es nicht möglich ist, über das Folgende ebenso ausführlich zu sprechen wie über das Vorangegangene. Es ist das auch nicht nötig. Aber Sie könnten, wenn Sie noch viel mehr durchforschen, was sich bis zur Weimarer Zeit zugetragen hat, und den Verhältnissen nachgehen würden - abgesehen davon, dass die Dinge genugsam für sich sprechen -, überall die deutlichsten Beweise dafür finden, was es für eine tolle Verkehrung der Wahrheit ist, wenn jene sonderbare Beschuldigung erhoben worden ist, die jetzt auch wieder von der Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft bei einem besonderen Anlass vorgebracht worden ist, ich sei «von den Jesuiten erzogen» worden. Es wurde mir eben ein Heft der «Stimmen aus Maria-Laach» überreicht, die bekanntlich von Jesuiten herausgegeben werden, worin sich die Besprechung eines Buches findet, das über Theosophie handelt, und die einen merkwürdigen Satz enthält. Es ist nämlich ein Buch erschienen, das sich gegen Theosophie wendet, von einem jesuitischen Pater verfasst. Am Ende der Besprechung heißt es: «Der erste Teil beschäftigt sich mit der Bewegung im Allgemeinen, ihrem Esoterismus und falschen Mystizismus. Der zweite Teil geht ins Einzelne, widerlegt die theosophischen Träumereien über Christus. [...] Die Werke, auf die sich der Kritiker zumeist bezieht, sind Rudolf Steiners, des (dem Vernehmen nach) abgefallenen Priesters und jetzigen Generalsekretärs der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, «Christentum als mystische Tatsache» und Misses Besants, der Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar), «Esoterisches Christentums; beide Bücher sind bereits ins Italienische übersetzt.»

[ 75 ] It is now quite late, so it is not possible to discuss what follows in as much detail as what has gone before. Nor is that necessary. But if you were to investigate much more deeply what took place up to the Weimar era and examine the circumstances—aside from the fact that the facts speak for themselves— find the clearest evidence everywhere of what a tremendous distortion of the truth it is when that strange accusation is made—an accusation that has now been raised once again by the President of the Theosophical Society on a special occasion—namely, that I was “raised by the Jesuits.” I have just been handed an issue of *Stimmen aus Maria-Laach*—which, as is well known, is published by Jesuits—containing a review of a book on theosophy that includes a curious statement. A book has in fact been published that opposes theosophy, written by a Jesuit priest. At the end of the review, it states: “The first part deals with the movement in general, its esotericism, and false mysticism. The second part goes into detail, refuting the theosophical fantasies about Christ. [...] The works to which the critic mostly refers are those of Rudolf Steiner—the (reportedly) apostate priest and current Secretary-General of the German Section of the Theosophical Society—*Christianity as a Mystical Fact*, and those of Miss Besant, the President of the Theosophical Society (headquarters in Adyar), *Esoteric Christianity*; both books have already been translated into Italian.”

[ 76 ] Dass Rudolf Steiner ein «abgefallener Priester» sei, das steht also sogar in der jesuitischen Zeitschrift selbst, in den «Stimmen aus Maria-Laach», sodass die Jesuiten die Ehre der Verbreitung dieser Behauptung für sich selbst in Anspruch nehmen können. Wie aber Alter nicht vor Torheit schützt, so schützt auch der Jesuitismus niemanden davor, eine objektive Unwahrheit ungerechterweise zur Behauptung zu erheben. Und wenn eine solche Verdrehung der Tatsachen sogar von den Jesuiten selbst verbreitet wird, so sollte das für Misses Besant erst recht ein Grund sein — könnte man meinen -, um demgegenüber misstrauisch zu sein. Aber Misses Besant führt diese Dinge noch weiter aus, und sie werden weitergetragen. Ich musste sogar einmal, als ich in Graz war, vom Podium aus diesen Dingen selbst entgegentreten. Es wird ja auch behauptet, ich hätte in Kalksburg, in der Nähe von Wien, eine jesuitische Erziehung erhalten. Das Stift Kalksburg habe ich niemals gesehen, trotzdem meine Angehörigen nur drei bis vier Stunden davon entfernt waren. Und den anderen Ort - Bojkowitz -, der in gleichem Zusammenhang genannt wird, habe ich überhaupt erst in diesen Tagen dem Namen nach kennengelernt.

[ 76 ] The fact that Rudolf Steiner is a “fallen priest” is even stated in the Jesuit journal itself, *Stimmen aus Maria-Laach*, so that the Jesuits can claim credit for spreading this assertion. But just as age does not protect against folly, neither does Jesuitism protect anyone from unjustly elevating an objective untruth to the status of a claim. And if such a distortion of the facts is even spread by the Jesuits themselves, that should be all the more reason for Miss Besant—one might think—to be suspicious of it. But Miss Besant takes these matters even further, and they are carried on. I even had to refute these claims myself from the podium once, when I was in Graz. It is also claimed that I received a Jesuit education in Kalksburg, near Vienna. I have never seen Kalksburg Abbey, even though my relatives lived only three to four hours away from it. And as for the other place—Bojkowitz—which is mentioned in the same context, I only learned of it by name just a few days ago.

[ 77 ] Alle diese Einzelheiten, die Ihnen zu erzählen ich als eine Art Zumutung betrachte, werden Ihnen wohl die Erklärung dafür geben, wie recht man hat, wenn man die Zeit bedauert, die man auf Zurückweisung solcher törichter Vorwürfe zu verschwenden hat. Daher wurde auch nicht viel Aufhebens gemacht mit dem Vorwurf. Wenn aber dieser Vorwurf jetzt erhoben wird vonseiten der Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, so liegt doch die Notwendigkeit vor, gegenüber jener Behauptung den tatsächlichen Verlauf meiner Jugenderziehung ins Feld zu führen, zu schildern, wie sie wirklich verlaufen ist, nämlich als eine Art von Selbsterziehung. Alles, was ich Ihnen erzählt habe - von dem Knaben, von dem Jüngling und von dem späteren Mann Rudolf Steiner -, kann dokumentarisch belegt werden, und die Tatsachen werden in jeder Einzelheit das ganz Törichte und Unsinnige jener aufgestellten Behauptungen erweisen. Über ihre moralische Bewertung brauchen wir uns nicht zu ergehen. Was gesagt ist und was über das Spätere noch gesagt werden kann, das sind Tatsachen, das kann jederzeit nachgeprüft werden, dafür kann eingetreten werden. Aber die Frage kann erhoben werden: Mit welchem Recht und von welchen Quellen aus spricht Misses Besant von dem, was sie über meine «Jugenderziehung» sagt, von der ich mich «genügend frei zu machen nicht fähig gewesen sei»? Und mit welchem Recht und von welchen Quellen aus werden ihre Anhänger vielleicht - da sie sich um die Einwände, die hier gemacht werden, nicht kümmern - diese Dinge weiter behaupten? Vielleicht werden sogar einige Menschen darauf kommen, zu sagen: Aber Misses Besant ist hellsichtig und hat daher vielleicht alles gesehen, was sie in die grandiosen Worte zusammenfasst: «Er hat sich von seiner Jugenderziehung nicht genügend frei zu machen vermocht.» - Da wäre es wohl besser, das einmal zu korrigieren, was von Misses Besants Hellsehertum stammt, und dieses Hellsehertum gerade an einem solchen Faktor zu prüfen. Es gibt keinen anderen Weg, um gegen jenes «Hellsehertum» aufzutreten, als die Tatsachen anzuführen. Und ich musste diejenigen, die zu uns stehen wollen am Ausgangspunkt unserer anthroposophischen Bewegung, schon einmal an diesem Ausgangspunkt damit langweilen, dass ich sie vor die Alternative stellte: entweder die Tatsachen sich anzusehen, die alle im Einzelnen belegt werden können und denen nachgegangen werden kann, oder die nicht weiter zu charakterisierenden Bemerkungen hinzunehmen, die Misses Besant bei der letzten Adyar-Versammlung der Theosophischen Gesellschaft - wahrscheinlich nach den Stimmen ihrer Anhänger aus ihrem Hellsehertum heraus - gemacht hat.

[ 77 ] All these details—which I consider it somewhat unreasonable to have to recount to you—will likely explain to you just how right one is to regret the time one must waste refuting such foolish accusations. That is why not much fuss was made about the accusation. But when this accusation is now raised by the President of the Theosophical Society, it is necessary to counter that assertion by presenting the actual course of my upbringing in my youth and to describe how it really unfolded—namely, as a kind of self-education. Everything I have told you—about the boy, the young man, and the later adult Rudolf Steiner—can be substantiated by documentary evidence, and the facts will demonstrate in every detail just how foolish and nonsensical those fabricated allegations are. We need not dwell on their moral evaluation. What has been said—and what may yet be said about later events—are facts that can be verified at any time; I stand by them. But the question may be raised: By what right, and based on what sources, does Misses Besant speak of what she says about my “upbringing,” from which I was “unable to free myself sufficiently”? And by what right, and based on what sources, will her followers—since they pay no heed to the objections raised here—continue to assert these things? Perhaps some people will even go so far as to say: “But Miss Besant is clairvoyant and may therefore have seen everything she summarizes in these grandiose words: ‘He was unable to free himself sufficiently from his upbringing.’” —It would certainly be better to correct what stems from Miss Besant’s clairvoyance and to test that very clairvoyance against such a factor. There is no other way to counter that “clairvoyance” than to cite the facts. And I have already had to bore those who wish to stand with us at the starting point of our anthroposophical movement by presenting them with the following alternative: either to examine the facts—all of which can be substantiated in detail and verified—or to accept the remarks, which need no further characterization, that Mrs. Besant made at the last Adyar meeting of the Theosophical Society—probably based on the voices of her followers as perceived through her clairvoyance.