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Difficulties of Living Together
in the Anthroposophical Society
The Dornach Crisis in the Summer of 1915
GA 253

10 September 1915, Dornach

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1. Voraussetzungen und Bedingungen des Zusammenlebens in der anthroposophischen Gesellschaft

1. Requirements and Conditions for Living Together in the Anthroposophical Society

[ 1 ] Meine lieben Freunde! Bewegungen wie unsere geisteswissenschaftliche wurden immer so gepflegt, daß versucht wurde, dasjenige, was der Geisteskultur oder der Kultur überhaupt einzuprägen war, zunächst auf dem Wege einer gesellschaftlichen Vereinigung, einer Gesellschaft zu pflegen. Und so wie eben einmal die Verhältnisse im menschlichen Zusammenleben, in der menschlichen Entwickelung von althergebracht auch heute noch sind, liegt ja eine gewisse Notwendigkeit vor, dasjenige, was wir als unsere geisteswissenschaftlichen Bestrebungen anerkennen, auf dem Wege einer Gesellschaft zu pflegen.

[ 1 ] My dear friends! Movements such as our Spiritual Science movement have always been cultivated in such a way that efforts were made to foster, through a social association—a society—those elements that were to be instilled in spiritual culture or in culture in general. And just as the conditions of human coexistence and human development remain today as they have been since time immemorial, there is a certain necessity to foster what we recognize as our endeavors in Spiritual Science through the means of a society.

[ 2 ] Nun ist es eine Erfahrung, die im Grunde genommen alle solche Gesellschaften gemacht haben, daß der Begriff der Gesellschaft, wie er zur Pflege gerade einer solchen Geistesströmung notwendig ist, nicht leicht, wenigstens praktisch nicht leicht verstanden wird. Denn immer wieder und wiederum erhält man Beweise dafür, daß es sehr viele Menschen gibt - erst heute morgen erhielt ich zum Beispiel einen dahingehenden Brief -, die sagen: sie lieben es eigentlich nicht, sich einer solchen Gemeinschaft anzuschließen, sie möchten das entsprechende Geistesgut lieber auf dem Wege der Lektüre oder durch Anhören von freien, nicht an eine Gesellschaft gebundenen Vorträgen oder auf andere Weise entgegennehmen; es sei ihnen unbehaglich, sich einer solchen Gesellschaft anzuschließen.

[ 2 ] Now, it is an experience that, essentially, all such societies have had: that the concept of society—as it is necessary for fostering precisely such a spiritual movement—is not easily understood, at least not easily in practice. For time and again, one finds evidence that there are a great many people—just this morning, for example, I received a letter to that effect—who say: they do not really like to join such a community; they would rather absorb the corresponding intellectual content through reading, by attending free lectures not tied to any society, or in other ways; they feel uncomfortable joining such a society.

[ 3 ] Oftmals sind die Gründe, die diese Menschen vorbringen, so, daß man schon etwas auf sie geben kann. Aber man muß doch immer wieder sagen: Wenn eine solche geistige Bewegung - die sich notwendigerweise in ihren Impulsen, in ihrer ganzen Art des Denkens, Fühlens und Wollens stark unterscheidet von dem Denken, Fühlen und Wollen der Menschen der Umwelt - ohne eine solche Gesellschaft in die Menschheit gebracht werden sollte, so wäre dies unendlich viel schwieriger als durch eine Gesellschaft, in der sich die Mitglieder eben in einem entsprechenden Zusammenleben durch das fortwährende Entgegennehmen der geisteswissenschaftlichen Begriffe und Vorstellungen vorbereiten können, um eine Art Instrument, eine Art Werkzeug für die Verbreitung einer solchen Geisteswissenschaft, einer geistigen Strömung zu sein. Daraus aber folgt dann auch, daß der Begriff einer solchen Gesellschaft im höchsten Grade ernst zu nehmen ist, denn sie soll sich eben - und zwar praktisch als ein Instrument für die betreffende geistige Strömung erweisen.

[ 3 ] Often, the reasons these people put forward are such that one can certainly take them seriously. But one must keep saying: If such a spiritual movement—which necessarily differs greatly in its impulses and in its entire way of thinking, feeling, and willing from the thinking, feelings, and will of people in the wider world—were to be introduced into humanity without such a society, it would be infinitely more difficult than through a society in which the members can prepare themselves, through a corresponding way of living together and the continuous assimilation of spiritual-scientific concepts and mental images, to be a kind of instrument, a kind of tool for the dissemination of such Spiritual Science, such a spiritual current. It follows, however, that the concept of such a society must be taken most seriously, for it is precisely intended—in a practical sense—to prove itself an instrument for the spiritual movement in question.

[ 4 ] Nun brauchen Sie, meine lieben Freunde, ja nur unsere Gesellschaft als solche ins Auge zu fassen, und Sie werden an unserer Gesellschaft studieren können, wie verschieden sie als Gesellschaft von anderen Gesellschaften oder Vereinen ist, die ins Leben gerufen werden. Sie werden diesen Unterschied bemerken, namentlich dann, wenn Sie einen bestimmten Gedanken ins Auge fassen.

[ 4 ] Now, my dear friends, all you need to do is take a close look at our society as such, and you will be able to see how different it is, as a society, from other societies or associations that are formed. You will notice this difference, especially when you focus on a specific idea.

[ 5 ] Nehmen Sie einmal an, bestimmte Vorgänge, wie sie ja in der letzten Zeit an unsere Seelen herangetreten sind, könnten uns in irgendeiner Weise den Gedanken nahelegen, die Anthroposophische Gesellschaft als solche aufzulösen. Nehmen wir als Hypothese an, man wolle, weil sich Mißstände in der Gesellschaft ergeben haben, die Gesellschaft auflösen. Nun, wenn die Anthroposophische Gesellschaft ein Verein wie viele Vereine wäre, so könnte man sie selbstverständlich ohne weiteres auflösen und irgend etwas anderes an die Stelle setzen, worin diese Mißstände abgeschafft wären. Aber in etwas Gewichtigem unterscheidet sich eben unsere Anthroposophische Gesellschaft von anderen Vereinen oder Gesellschaften, die sehr häufig gegründet werden auf Grundlage eines Programms mit soundso vielen Programm- und Statutenpunkten. Eine solche Gesellschaft kann man in jedem Augenblick auflösen. Aber, meine lieben Freunde, wenn wir die Anthroposophische Gesellschaft auflösen würden, so wäre sie gar nicht aufgelöst. Wir haben gar nicht so wie andere Gesellschaften und Vereine die Möglichkeit, die Anthroposophische Gesellschaft so ohne weiteres aufzulösen. Denn wir unterscheiden uns als Anthroposophische Gesellschaft, die eine Gesellschaft für eine geisteswissenschaftliche Bewegung ist, von anderen Gesellschaften gerade dadurch, daß wir nicht auf Programmpunkte, das heißt nicht auf Irreales, bloß Gedachtes, sondern uns auf Reales begründen, auf einer wirklichen Basis stehen. Und nehmen Sie nur die äußerste reale Basis, die darinnen besteht, daß jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft berechtigt ist, unsere Zyklen zu beziehen, während die anderen Menschen nicht dazu berechtigt sind, dann werden Sie sich sagen: In dem Augenblick, wo wir die Anthroposophische Gesellschaft nominell auflösen würden, hätten wir ja die Tatsache, daß soundso viele Menschen unsere Zyklen in Händen haben, nicht aus der Welt geschafft.

[ 5 ] Suppose for a moment that certain events—such as those that have recently affected our souls—might in some way lead us to consider dissolving the Anthroposophical Society as such. Let us assume, as a hypothetical scenario, that someone might wish to dissolve the Society because certain shortcomings have arisen within it. Well, if the Anthroposophical Society were an association like so many others, it could of course be dissolved without further ado and replaced with something else in which these shortcomings would be eliminated. But our Anthroposophical Society differs in one significant respect from other associations or societies, which are very often founded on the basis of a program with so many program points and articles of incorporation. Such an organization can be dissolved at any moment. But, my dear friends, if we were to dissolve the Anthroposophical Society, it would not actually be dissolved. Unlike other societies and associations, we do not have the option of dissolving the Anthroposophical Society just like that. For we, as the Anthroposophical Society—which is a society dedicated to a movement in Spiritual Science—differ from other societies precisely in that we are not founded on program points—that is, on something unreal, merely conceptual—but on reality; we stand on a real foundation. And just consider the most fundamental reality, which is that every member of the Anthroposophical Society is entitled to receive our lecture cycles, whereas other people are not—then you will say to yourself: The moment we were to nominally dissolve the Anthroposophical Society, we would not have eliminated the fact that so many people have our lecture cycles in their possession.

[ 6 ] Und ein weiteres Reales ist ja, daß soundso viele Menschen ein gewisses Weisheitsgut in ihren Köpfen haben. Ich weiß zwar nicht, wie hoch der Prozentsatz derjenigen ist, die die Dinge, die hier vorgetragen werden, in ihren Köpfen haben, zum Unterschied von denjenigen, die sie nur in «Visionen» haben; aber das ist ja für die Gesellschaft nicht das Wesentliche. Ein anderes Reales also ist das, daß ein gewisses Weisheitsgut, einfach eine Summe von Dingen realer Art in den Herzen, in den Köpfen, in den Seelen derjenigen Menschen sind, die bisher zur Anthroposophischen Gesellschaft gehört haben. Das kann ihnen durch eine Auflösung der Gesellschaft nicht weggenommen werden.

[ 6 ] And another reality is, of course, that so many people possess a certain store of wisdom in their minds. I do not know, however, what percentage of them actually have the ideas presented here in their minds, as opposed to those who have them only in “visions”; but that is not what is essential for the Society. Another reality, then, is that a certain store of wisdom—simply a sum of things of a real nature—exists in the hearts, minds, and souls of those people who have belonged to the Anthroposophical Society up to now. This cannot be taken away from them by the dissolution of the Society.

[ 7 ] Dadurch also unterscheidet sich die Anthroposophische Gesellschaft von anderen Gesellschaften, daß sie in ihrem Gefüge kein Phantastisches duldet, sondern auf einer realen Basis errichtet ist, so daß die Maßnahme der Auflösung an dem realen Bestand, der da ist, augenblicklich nicht das Allergeringste ändern würde. Das Schwerwiegende der Tatsache, daß sich unsere Gesellschaft zu anderen Gesellschaften und Vereinen verhält wie eine Realität zu einem bloß Gedachten, müssen wir uns vor Augen führen, wenn wir den Begriff unserer Gesellschaft in der richtigen Weise fassen wollen. Denn nur dadurch, meine lieben Freunde, daß eine große Anzahl von Mitgliedern gerechnet haben - sei es mehr oder weniger bewußt oder nur dem Gefühle nach — mit dieser soliden, realen, nicht bloß auf Programmpunkten begründeten Basis unserer Gesellschaft, ist dasjenige zustande gekommen, was wir hier auf diesem Hügel sich erheben sehen: der Bau einer geisteswissenschaftlichen Hochschule, durch den wir des weiteren als an ein Reales in einer gewissen Weise gebunden sind. Nicht wahr, wenn sich eine Anzahl Phantasten zusammenfinden und beschließen - ich will, damit niemand getroffen wird, ein Hypothetisches bloß annehmen -, keine Kragen und keine Schlipse zu tragen, vielleicht auch noch in einer anderen Weise das Leben zu vereinfachen, irgendwelche sonstigen sozialen Grundsätze oder — wie sie sie vielleicht nennen - «Vorurteile» nicht einzuhalten, nur in Sandalen zu gehen und dergleichen mehr, so könnte man ja jederzeit wieder auseinandergehen, ohne daß dadurch etwas Wesentliches geändert würde. Aber wir wollen uns von einer Anzahl von Phantasten ja gerade dadurch unterscheiden, daß wir das ganze Schwerwiegende unserer realen Grundlage ins Auge fassen.

[ 7 ] The Anthroposophical Society thus differs from other societies in that it does not tolerate anything fantastical within its structure, but is built on a real foundation, so that the decision to dissolve it would not, at this moment, change the actual reality that exists in the slightest. We must keep in mind the gravity of the fact that our Society stands in relation to other societies and associations as reality does to mere fantasy if we are to grasp the concept of our Society correctly. For it is only because, my dear friends, a large number of members have relied—whether more or less consciously or merely intuitively—on this solid, real foundation of our society, which is not based solely on programmatic points, that what we see rising here on this hill has come to be: the construction of a university of Spiritual Science, through which we are henceforth bound, in a certain sense, to something real. Isn’t it true that if a group of dreamers were to come together and decide—I’ll just assume a hypothetical scenario so as not to offend anyone—not to wear collars or ties, and perhaps to simplify life in other ways as well, or to adhere to certain other social principles or—as they might call them— “prejudices”—to wear only sandals and the like, they could just as easily go their separate ways at any time without anything essential changing as a result. But we want to distinguish ourselves from a group of dreamers precisely by facing up to the full gravity of our real foundation.

[ 8 ] Und noch ein weiteres, meine lieben Freunde, ist, daß wir — ohne dabei etwa in Wortklauberei zu verfallen - unterscheiden müssen den Begriff einer Gesellschaft, innerhalb welcher wir unser Geistesgut pflegen wollen, von einem Verein. Und da muß wirklich gesagt werden, daß manchem von uns, wenn er nur über die Bedingungen unseres gesellschaftlichen Daseins nachdenkt, sogleich der Gesellschaftsbegriff entschlüpft und der Vereinsbegriff vor seinem geistigen Auge steht. In einem Verein wird man in der Regel Paragraphen, Bedingungen usw. aufstellen, die beobachtet werden müssen. In einer Gesellschaft wie der unsrigen genügt das nicht. Sie kann sich nicht bloß dem Worte nach von einem Verein unterscheiden. In unserer Gesellschaft handelt es sich darum - und ich habe das schon einmal in den letzten Wochen auseinandergesetzt -, daß wirklich der Begriff der Gesellschaft ernst genommen wird. Das heißt, daß jeder sich bewußt ist, er gehört der Gesellschaft nicht nur insofern an, als er seine Mitgliedskarte erhalten hat und den Titel Mitglied der Gesellschaft führt, sondern daß er ein Glied der Gesellschaft ist. Das begründet aber wirklich durch den Begriff der Gesellschaft selber etwas, was wie ein Unbestimmtes und doch sehr Bestimmtes unter den Mitgliedern leben muß, so leben muß, daß der einzelne es bis zu einer bestimmten Verpflichtung fühlt, daß dieses Unbestimmte und doch Bestimmte lebt. Das heißt, daß der einzelne wirklich ein Auge hat für das nähere oder fernere Wohl der anderen Mitglieder der Gesellschaft und daß derjenige, der ein erfahrenes Mitglied der Gesellschaft ist - was er ja nicht immer zu verraten braucht, nicht wahr, man kann das ganz bei sich behalten, denn es kommt auf die Art und Weise an, wie man die Erfahrungen anwendet und auslebt -, daß derjenige, der ein erfahrenes Mitglied der Gesellschaft ist, mit seiner Erfahrung den weniger Erfahrenen wirklich zur Seite steht.

[ 8 ] And yet another point, my dear friends, is that we—without getting bogged down in semantics—must distinguish between the concept of a society, within which we wish to cultivate our intellectual heritage, and that of an association. And it really must be said that for some of us, when we merely reflect on the conditions of our social existence, the concept of a “society” immediately slips our minds, and the concept of an “association” comes to mind instead. In an association, one generally establishes bylaws, conditions, and so on, which must be observed. In a society like ours, that is not enough. It cannot differ from an association merely in name. In our society—and I have already elaborated on this in recent weeks—the point is that the concept of a “society” is truly taken seriously. This means that everyone is aware that they belong to the society not merely insofar as they have received their membership card and bear the title of “member of the society,” but that they are a member of the society. But this is truly grounded in the very concept of society itself—something that must live among the members as something both indefinite and yet very definite, and must live in such a way that the individual feels a certain obligation to ensure that this indefinite yet definite quality remains alive. This means that the individual truly has an eye for the immediate or long-term well-being of the other members of the society, and that the person who is an experienced member of the society—which he does not always need to reveal, does he? one can keep that entirely to oneself, for it depends on the way in which one applies and lives out one’s experiences—that the person who is an experienced member of the society truly stands by the less experienced with his or her experience.

[ 9 ] Es wird so oftmals das Wort «Vertrauen» gebraucht. Ich habe ja in einer Betrachtung, die ich Ihnen in den letzten Wochen geliefert habe, ausgeführt, daß wir zur Lehre kein Vertrauen zu haben brauchen, denn die Lehre wird versuchen, das Vertrauen zu rechtfertigen durch alles einzelne, was sie unternimmt; daß wir aber versuchen müssen, Vertrauen untereinander zu haben und zu rechtfertigen. Wir müssen versuchen, daß wirklich ein reales Band von Mitglied zu Mitglied entsteht. Denken Sie nur, wenn ein erfahrenes Mitglied ohne aufdringlich zu sein, ohne in Detektivmanieren zu verfallen, ohne dabei Spionage zu treiben, also ohne dem anderen zu nahe zu treten — wirklich ein Auge hat für Wohl und Wehe von nur zehn anderen, denen er dabei nicht zu sagen braucht, daß er sie für unerfahrener hält als sich selbst, dann wird schon unendlich viel an einer, ich möchte sagen, «idealen Aura» gearbeitet werden können, die in einer solchen Gesellschaft wie der unsrigen notwendig ist. Vertrauen kann man gewiß niemals dekretieren. Vertrauen muß erworben werden. Und die erfahreneren Mitglieder müßten sich bestreben, solches Vertrauen sich zu erwerben bei denjenigen, die erst kürzere Zeit in unserer Gesellschaft sind.

[ 9 ] The word “trust” is used so often. As I explained in a reflection I shared with you in recent weeks, we do not need to have trust in the doctrine, for the doctrine will seek to justify that trust through every single action it undertakes; but we must strive to have and justify trust among ourselves. We must strive to ensure that a genuine bond truly develops from member to member. Just think: if an experienced member—without being intrusive, without resorting to detective-like behavior, without spying, that is, without overstepping boundaries—truly keeps an eye on the well-being and struggles of just ten others, without needing to tell them that he considers them less experienced than himself, then an infinite amount can be achieved toward creating an I would say, “ideal aura” that is necessary in a society such as ours. Trust, of course, can never be decreed. Trust must be earned. And the more experienced members should strive to earn such trust from those who have only recently joined our society.

[ 10 ] Solche Dinge wurden ja im Laufe unserer jetzt schon wirklich vieljährigen Anstrengungen öfter ausgesprochen, aber sie waren nie so notwendig auszusprechen als hier an diesem Ort. Denn wenn wir als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Städten verstreut sind unter der anderen Bevölkerung, so ist das etwas ganz anderes, als wenn wir hier auf einem Haufen beisammen leben und wie auf dem Präsentierteller der anderen Bevölkerung gegenüberstehen. Da ist es notwendig, daß wir die Grundbedingungen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens wirklich in eindringlichster und ernstester Weise ins Auge fassen.

[ 10 ] Such things have, of course, been said often enough in the course of our efforts, which have now spanned many, many years, but it has never been as necessary to say them as it is here in this place. For while we, as members of the Anthroposophical Society, are scattered throughout cities among the general population, that is quite different from living together here in a close-knit community, where we are, as it were, on full display before the rest of the population. Here, it is essential that we truly confront the fundamental conditions of our social coexistence in the most urgent and serious manner.

[ 11 ] Das, was ich sage, meine lieben Freunde, wird selbstverständlich ganz unabhängig sein müssen davon, daß eine solche Gesellschaft wie die unsere es den außerhalb der Gesellschaft lebenden Menschen niemals wird recht machen können, daß sie niemals wird vermeiden können, daß sich die außerhalb der Gesellschaft stehenden Menschen in allen möglichen Verleumdungen, Verhöhnungen, in ungerechten Angriffen und so weiter ergehen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß die Mitglieder der Gesellschaft wirklich alles dasjenige tun, was in jedem einzelnen Falle die Angriffe von außen eben als ungerechtfertigt erscheinen läßt, was ihnen bereits den Boden unter den Füßen als einen berechtigten entzieht.

[ 11 ] What I am saying, my dear friends, must of course be entirely independent of the fact that a society such as ours will never be able to satisfy those who live outside of it, that it will never be able to prevent those outside the society from indulging in all manner of slander, mockery, unjust attacks, and so on. But that is not the point; rather, the point is that the members of society must truly do everything that, in each individual case, makes the attacks from outside appear unjustified—which already pulls the rug out from under them as a legitimate basis.

[ 12 ] Da müssen wir dann schon wirklich einzelnes ins Auge fassen, meine lieben Freunde. Es ist schon einmal notwendig, daß man im äußeren Leben nicht immer bloß auf die Großigkeiten, sondern auch auf die Kleinigkeiten Rücksicht nimmt. Wenn zum Beispiel eine Anzahl von unseren Mitgliedern sich abends zwischen andere Menschen in einen Wagen der elektrischen Bahn setzen und von hier nach Basel hineinfahren und sich laut unterhalten über die verschiedenen Stiche, Zwickungen und Zwackungen in ihrem Ätherleib, so ist das, meine lieben Freunde, gewiß kein moralisches Verbrechen. Jedem, der so etwas tadelt, kann selbstverständlich eingewendet werden: Ja, was ist denn schließlich viel dahinter? - Nun, es ist wirklich sehr viel dahinter, wenn es sich um den Ernst und um die Würde unserer Bewegung handelt, und es sollte, trotzdem es keine Großigkeit, sondern eine Kleinigkeit ist, vermieden werden. Wir sollten vor allen Dingen anfangen da an uns zu reformieren, wo diese Reform reale Wirkungen haben kann. Wir sollten vor allen Dingen uns klar darüber sein, daß wir in dem Augenblick, wo wir nur uns Verständliches unter uns erörtern, wenn andere zuhören können, sich die anderen notwendig törichte Vorstellungen machen müssen von dem, was wir erzählen. Denn nicht wahr, wenn wir vom Ätherleib sprechen - nun, nehmen wir an, wir wissen, von was wir reden, aber der, der zuhört, weiß nicht, wovon wir reden. Der ist manchmal in demselben Fall, meine lieben Freunde, wie ein Dienstmädchen, das einige mir Näherstehende gut kennen und das, weil es unter anthroposophischen Leuten war, ein gewisses Interesse daran hatte zu wissen, was denn da eigentlich getrieben wird. Und so ging es in einen Vorbereitungskurs, der von einem unserer Mitglieder gehalten wurde, und als es dann nach Hause kam, sagte es: Nun, jetzt habe ich gehört, daß ich nicht nur einen Leib habe, sondern daß ich vier Leiber habe. Aber ich habe ja nur ein so ganz schmales Kämmerchen und ein schmales Bett, und nun weiß ich gar nicht, wie ich diese Leiber alle in meinem Bett unterbringen soll! - Es ist eine wahre Geschichte, die in einem mir gar nicht so fernstehenden Hause passiert ist, meine lieben Freunde. Ja, sehen Sie, genauso muß ein Mensch, der Ihnen zuhört, wenn Sie von dem Zwicken und Zwacken des Ätherleibes sprechen, ganz notwendig denken, daß Sie von dem Ätherleib reden wie von einem physischen Leib, und so führen Sie ihn im Grunde genommen irre und verriegeln ihm dadurch die Möglichkeit, überhaupt irgendwie der Bewegung näherzukommen.

[ 12 ] We really do have to take a closer look at the details here, my dear friends. It is essential that, in our daily lives, we not only pay attention to the big things but also to the little things. For example, if a number of our members get on a tram in the evening, sit among other people, and ride from here into Basel, talking loudly about the various twinges, pinches, and tugs in their etheric bodies—that, my dear friends, is certainly no moral crime. To anyone who criticizes such behavior, one can of course object: “Well, what’s the big deal, after all?”—Well, there is actually a great deal at stake when it comes to the seriousness and dignity of our movement, and it should be avoided, even though it is not a major matter but a minor one. Above all, we should begin to reform ourselves where such reform can have a real impact. Above all, we should be clear that the moment we discuss among ourselves things that are understandable only to us—while others are listening—those others are bound to form foolish mental images about what we are saying. For isn’t it true that when we speak of the etheric body—well, let’s assume we know what we’re talking about, but the listener has no idea what we’re talking about. Sometimes, my dear friends, the listener is in the same situation as a maid whom some of my close friends know well—and who, because she had been among anthroposophical people, had a certain interest in knowing what exactly was going on there. And so she attended a preparatory course taught by one of our members, and when she came home, she said: “Well, now I’ve heard that I don’t just have one body, but that I have four bodies. But I only have this very small little room and a narrow bed, and now I have no idea how I’m supposed to fit all these bodies into my bed!”—It’s a true story that happened in a household not too far from my own, my dear friends. Yes, you see, in exactly the same way, a person listening to you when you speak of the twinges and tugs of the etheric body must necessarily think that you are speaking of the etheric body as if it were a physical body, and so, in essence, you are leading them astray and thereby blocking any possibility for them to come any closer to understanding movement at all.

[ 13 ] Daher ist es wichtig, daß wir an uns selber lernen, die Dinge, von denen wir reden, ernsthaft und genau zu nehmen, denn wenn sie auch an sich wirklich keine Großigkeiten sind, so richten sie trotzdem etwas wie eine Mauer von Vorurteilen um uns herum auf, die vermieden werden könnten und auch sollten. Also, daß wir lernen, wirklich genau zu sprechen, das ist etwas, was ganz notwendig ist in einer solchen Gesellschaft, wenn nicht nach und nach die Unmöglichkeit sich ergeben soll, in der Gesellschaft das pflegen zu können, was in ihr gepflegt werden soll.

[ 13 ] That is why it is important that we learn, on our own, to take the things we talk about seriously and precisely; for even if they are not really a big deal in and of themselves, they nonetheless erect something like a wall of prejudice around us—a wall that could and should be avoided. So, learning to speak with true precision is something that is absolutely necessary in such a society, lest it gradually become impossible to cultivate within it what ought to be cultivated.

[ 14 ] Ich bin heute genötigt, eine ganze Anzahl von Dingen zu sagen, die wahrscheinlich den meisten von Ihnen als höchst überflüssig vorkommen werden, aus dem einfachen Grunde, weil jeder sagt: Na, was soll denn das jetzt heißen, man soll genau sprechen. - Aber, meine lieben Freunde, machen Sie nur einmal die Augen auf, wenn da oder dort irgend etwas geschieht, irgend etwas gesprochen wird und einer es dem anderen weitererzählt. Wenn Sie darauf achten würden, ob wirklich ganz genau geschildert worden ist, so würden Sie sehr leicht in unzähligen Fällen die Abweichung von der Genauigkeit bemerken können. Wenn nun gar das, was erzählt oder gesehen worden ist, einem weiteren und wieder einem weiteren gesagt worden ist, dann entsteht zuweilen ein richtiges Ungetüm von dem, was wirklich geschehen oder gesagt worden ist. Man kann wirklich gerade innerhalb unserer Gesellschaft darin Erfahrungen haben.

[ 14 ] Today I am compelled to say a number of things that will probably seem utterly superfluous to most of you, for the simple reason that everyone says: “Well, what’s that supposed to mean? One should speak precisely.” - But, my dear friends, just open your eyes for a moment whenever something happens here or there, whenever something is said, and one person passes it on to another. If you were to pay attention to whether it has really been described with complete accuracy, you would very easily notice deviations from accuracy in countless cases. And when what has been told or seen is passed on to one person and then to another, a veritable monster sometimes emerges from what actually happened or was said. One can truly experience this right here within our society.

[ 15 ] Man muß bedenken, meine lieben Freunde, daß man gerade in einer geisteswissenschaftlichen Bewegung fruchtbar doch nur wirken kann, wenn man sich Genauigkeit, ein reales genaues Erfassen der Dinge angewöhnt, denn die Geisteswissenschaft zwingt Sie ja dazu, Ihren Geistesblick auf Dinge zu richten, die mit der äußeren physischen Welt nichts zu tun haben. Und um das richtige Verhältnis dazu zu gewinnen, muß man ein Gegengewicht schaffen. Und das kann nur darin bestehen, daß man die Dinge auf dem physischen Plan so real als möglich nimmt, Genauigkeit ist eben ein Teil der Realität.

[ 15 ] You must bear in mind, my dear friends, that one can only work fruitfully within a Spiritual Science movement if one cultivates precision—a real, precise grasp of things—for Spiritual Science compels you to direct your spiritual gaze toward things that have nothing to do with the outer physical world. And in order to gain the proper perspective on this, one must create a counterbalance. And this can only consist in taking things on the physical plane as realistically as possible; precision is, after all, a part of reality.

[ 16 ] Ich habe vor einiger Zeit in München einen öffentlichen Vortrag gehalten, über den einzelne Menschen außerordentlich erstaunt waren. Er handelte über das Wesen des Bösen. Ich habe da auseinandergesetzt, wie die Kräfte, die hier auf dem physischen Plan im Bösen walten, gewissermaßen nur von höheren Planen auf den physischen Plan herunterversetzte Kräfte sind; daß gewisse Kräfte, die da oben in der geistigen Welt uns dazu führen können, Geistiges zu erkennen, zu beherrschen, da unten in der physischen Welt zum Bösen werden können. Denn dieselbe Kraft, welche uns befähigt, Verständnis zu gewinnen für die geistige Welt, und von der wir wissen, daß wir in der geistigen Welt mit dieser Kraft des Verständnisses stehenbleiben müssen - dieselbe Kraft muß Unfug, richtigen Unfug hervorrufen, wenn sie gedankenlos unmittelbar auf den physischen Plan übertragen wird. Denn worin muß das Wesen dieser Kraft bestehen, meine lieben Freunde? Es muß darin bestehen, sich in seinem Denken unabhängig zu machen vom physischen Plan. Wendet man aber diese Kraft des Sich-unabhängig-Machens vom physischen Plan auf den physischen Plan selber an, so heißt das lügen und verlogen sein. Deshalb sahen diejenigen, welche Geisteswissenschaftliches zu verbreiten hatten, zu allen Zeiten solche Gefahren in der Verbreitung, weil das, was für das Verständnis der höheren Plane notwendig ist, wenn es unmittelbar übertragen wird in die physische Welt, zu Unfug führen wird. Daher muß gegen dieses ein Gegengewicht herrschen. Es ist also notwendig, um die Verständniskräfte für die geistige Welt rein und schön und tauglich zu haben, daß man für den physischen Plan sein Wahrheitsgefühl, das heißt auch sein Genauigkeitsgefühl, in der allerschärfsten Weise ausbildet. Denn bei allem, was nicht mit der Genauigkeit auf dem physischen Plan rechnet, vermischen sich innerhalb einer sogenannten okkulten Gesellschaft sogleich in ungehöriger Weise gewisse Anlagen, die sich durch die Geisteswissenschaft selber ausbilden, mit dem Niedrigsten, dem Allerniedrigsten des physischen Planes.

[ 16 ] Some time ago, I gave a public lecture in Munich that left some people extremely astonished. It dealt with the nature of evil. I explained there how the forces that operate as evil here on the physical plane are, in a sense, merely forces that have been transferred down from higher planes to the physical plane; that certain forces which, up there in the spiritual world, can lead us to recognize and master the spiritual, can become evil down here in the physical world. For the very same force that enables us to gain understanding of the spiritual world—and which we know must remain within the spiritual world as a force of understanding—that very same force must give rise to nonsense, sheer nonsense, if it is thoughtlessly and directly transferred to the physical plane. For what must be the essence of this force, my dear friends? It must consist in making oneself independent of the physical plane in one’s thinking. But if one applies this power of making oneself independent of the physical plane to the physical plane itself, that means lying and being deceitful. That is why those who had Spiritual Science to disseminate have always seen such dangers in its dissemination, because what is necessary for understanding the higher planes, when directly transferred into the physical world, will lead to nonsense. Therefore, a counterbalance must prevail against this. It is therefore necessary, in order to keep the powers of understanding for the spiritual world pure, beautiful, and fit for purpose, to develop one’s sense of truth—which also includes one’s sense of precision—in the most rigorous manner possible on the physical plane. For in everything that does not take precision on the physical plane into account, certain dispositions—which are developed through Spiritual Science itself—immediately become inappropriately intermingled within a so-called occult society with the lowest, the very lowest elements of the physical plane.

[ 17 ] Meine lieben Freunde, nehmen Sie eine im weiteren Sinne gewöhnliche materialistische Gesellschaft an. Wie Sie wissen oder vielleicht schon gehört haben, wenn Sie es nicht direkt wissen: Es gibt Gesellschaftskreise, in denen der sogenannte Klatsch oder Tratsch, oder wie man es nennt, herrscht. Wenigstens vom Hörensagen werden manche von Ihnen etwas vom Klatsch oder Tratsch wissen, nicht wahr. Also in einer gewöhnlichen materialistischen Philistergesellschaft herrscht der Tratsch und Klatsch. Er ist ja meistens nicht besonders gut, und es läßt sich manches dagegen einwenden, aber es mischen sich doch wenigstens nicht okkulte Inhalte hinein. Wenn aber in einer okkulten Gesellschaft Klatsch und Tratsch herrscht, dann mischen sich sogleich am liebsten gerade okkulte Inhalte hinein.

[ 17 ] My dear friends, imagine a materialistic society in the broadest sense. As you know—or perhaps have heard, if you don’t know it firsthand—there are social circles in which so-called gossip, or “tratsch” as it’s called, runs rampant. At least by hearsay, some of you will know something about gossip, won’t you? So in an ordinary, materialistic, philistine society, gossip prevails. It’s usually not particularly good, and there’s much to be said against it, but at least no occult content is mixed in. But when gossip and idle chatter prevail in an occult society, then occult content is the very thing that tends to creep in right away.

[ 18 ] Man sollte solche Dinge, wie ich hoffe, in unserem Kreise wirklich besprechen können, denn es sollte auch dieses zu unserer Gesellschaft gehören, daß man noch in der Lage ist, etwas zu sagen, was nicht gleich wieder aus der Gesellschaft hinausgetragen wird, um draußen mißverstanden zu werden. Auch darin haben wir ja hier keine guten Erfahrungen gemacht. Wenn wir solche weiterhin machen müssen, dann muß das eben selbstverständlich zu einer Andersgestaltung unserer Gesellschaft führen. Das, was in der Gesellschaft gesagt wird, muß innerhalb der Gesellschaft im strengsten Sinne bleiben, denn man muß auch zuweilen irgendwelche Worte sagen können, die man nicht so ohne weiteres außerhalb der Gesellschaft sagen würde.

[ 18 ] I hope we can truly discuss such matters within our circle, because it should also be part of our society that one is still able to say something without it immediately being taken outside the group only to be misunderstood. We haven’t had good experiences with this here either. If we continue to have such experiences, then that must naturally lead to a restructuring of our society. What is said within the society must remain within the society in the strictest sense, because one must also be able to say certain things from time to time that one would not readily say outside the society.

[ 19 ] Nun, in unserer Gesellschaft wird und muß selbstverständlich sehr viel von karmischen Zusammenhängen der Menschen gesprochen werden. Die können ja ganz gut bestehen, bestehen auch selbstverständlich, aber wenn sich ohne weiteres immer wieder und wieder die Anschauung über das Karma in die gewöhnlichen Lebensbeziehungen hineinmischen, dann treiben wir Unfug. Wir treiben deshalb wirklich Unfug, weil wir den Wahrheitsbegriff nicht streng genug nehmen, der im allerintensivsten Maße streng genommen werden muß.

[ 19 ] Well, in our society, there is—and of course there must be—a great deal of talk about the karmic connections between people. These connections may well exist—and indeed they do—but when the concept of karma repeatedly and unquestioningly intrudes into ordinary life, then we are getting into trouble. We are truly engaging in nonsense because we do not take the concept of truth strictly enough—a concept that must be taken with the utmost rigor.

[ 20 ] Es gibt ja, ich kann schon sagen, zahlreiche Fälle, sowohl in wie auch außerhalb unserer Gesellschaft, in okkulten Kreisen, wo die subjektiven Dinge, die sich selbstverständlich auf dem physischen Plan zutragen, verbrämt, durchsetzt werden mit okkulten Wahrheiten. Ich will gleich einen radikalen Fall nehmen, der ja vielleicht in unserer Gesellschaft nicht sehr verbreitet ist, der aber wirklich eine und nur eine der Erfahrungen auf diesem Gebiet ist und unzählige Male vorgekommen ist. Es haben Leute im Verlaufe ihres Lebens gehört, daß es eine Wiederverkörperung gibt, und sie haben gehört, daß ein Christus gelebt hat. Nun, es ist mir wirklich selber nicht nur einmal vorgekommen, daß Frauen, die diese beiden Tatsachen der geistigen Welt - daß es eine Wiederverkörperung und daß es einen Christus gibt - in sich aufgenommen und nunmehr sich das sehr reale Ideal gebildet haben, sie müßten dazu ausersehen sein, den Christus zu gebären, und nun ihr Leben so eingerichtet haben, daß sie eben suchten, wie sie dazu kommen könnten, den Christus zu gebären. Ja, sehen Sie, solche Dinge beim Namen zu nennen, ist nicht schön; aber man muß es einmal tun, weil ja die Gesellschaft geschützt werden muß und sich nur dann selber schützt, wenn sie die Augen nicht verschließt vor dem Unfug, der mit okkulten Wahrheiten auf dem physischen Plan schr leicht getrieben werden kann. Wahrhaftig, es ist dies ein radikaler Fall, aber es kommt nicht etwa nur einmal, sondern immer wieder und wieder vor. Ich habe ihn radikal charakterisiert, weil er im Kleinen immer wieder vorkommt und es sich ja darum handelt, daß wir nicht immer bloß auf die GroBigkeit zu sehen haben. Dies ist ja zwar eine Großigkeit, weil es zu großem Unfug führt, wenn irgend jemand denkt, er müsse den Christus gebären; aber im Kleinen kommen diese Dinge eben immer wieder und wieder vor.

[ 20 ] There are, in fact—and I can say this—numerous cases, both within and outside our society, in occult circles, where subjective phenomena—which, of course, take place on the physical plane—are embellished and interwoven with occult truths. I’ll take a radical example right away—one that may not be very common in our society, but which is truly one—and only one—of the experiences in this field and has occurred countless times. There are people who, in the course of their lives, have heard that reincarnation exists, and they have heard that a Christ once lived. Well, it has indeed happened to me more than once that women who have taken these two facts of the spiritual world—that reincarnation exists and that a Christ existed—into themselves and have now formed a very real ideal within themselves, believing they must be destined to give birth to the Christ, have organized their lives in such a way that they were specifically seeking how they might come to give birth to the Christ. Yes, you see, calling such things by their proper name is not pleasant; but it must be done once and for all, because society must be protected, and it protects itself only when it does not close its eyes to the nonsense that can so easily be perpetrated on the physical plane in the name of occult truths. Truly, this is an extreme case, but it does not occur just once; rather, it happens again and again. I have characterized it as radical because it occurs again and again on a small scale, and the point is that we must not always focus solely on the grand scale. This is indeed a grand matter, because it leads to great mischief when anyone thinks they must give birth to the Christ; but on a small scale, these things simply occur again and again.

[ 21 ] Nicht wahr, im gewöhnlichen, philiströsen bürgerlichen Leben verlieben sich die Menschen, verliebt sich ein Mann in ein Mädchen. Man nennt’s «Sichverlieben» und man sagt die Wahrheit. In einer okkulten Gesellschaft soll es auch vorkommen, daß sich ein Mann in ein Mädchen verliebt. Es ist wirklich nicht ganz ausgeschlossen nach verschiedenen so möglichen Beobachtungen. Mancher von Ihnen wird doch schon einmal gehört haben, daß es auch vorgekommen ist. Aber man hört nicht immer in einer solchen Gesellschaft: der X hat sich in die Y verliebt. Bei den Bauern heißt es, er geht mit ihr oder sie geht mit ihm. Das ist für dasjenige, was sich dem äußeren Anblick darbietet, zumeist eine sehr genaue Darstellung der Sache. Aber innerhalb okkulter Gesellschaften kann man manchmal hören: Ich habe mein Karma durchforscht, und da ich mein Karma durchforscht habe, ist in dieses Karma hereingetreten eine andere Persönlichkeit; da haben wir dann erkannt, daß wir durch das Karma füreinander bestimmt sind, daß das Karma uns dazu bestimmt hat, in dieser oder jener Weise in das Schicksal der Welt einzugreifen.

[ 21 ] Isn’t it true that in ordinary, philistine bourgeois life, people fall in love—a man falls in love with a girl. It’s called “falling in love,” and that’s the truth. In an occult society, it’s said to happen as well—that a man falls in love with a girl. It really isn’t entirely out of the question, based on various observations that suggest it’s possible. Some of you will surely have heard that it has happened before. But in such a society, you don’t always hear: “X has fallen in love with Y.” Among farmers, they say, “He’s going out with her” or “She’s going out with him.” As far as outward appearances are concerned, that is usually a very accurate description of the situation. But within occult societies, one sometimes hears: “I have explored my karma, and because I have explored my karma, another personality has entered into this karma; we then recognized that we are destined for one another through karma, that karma has destined us to intervene in the destiny of the world in this or that way.”

[ 22 ] Man merkt da nicht, meine lieben Freunde, wieviel an Verlogenheit, angefangen von der einfachen Tatsache des Sichverliebens bis zu dieser Behauptung hin, sich in die ganze Sache hineingemischt hat - an Verlogenheit, die der folgenden Tatsache entspricht. In einer materialistischen Philistergesellschaft gilt es als etwas ganz Normales, daß zwei Leute sich ineinander verlieben. In einer okkulten Gesellschaft gilt es oftmals nicht als etwas Normales, sondern als etwas, dem gegenüber man sich oft sogar ein bißchen schämt. Aber siehe da, das tut man nicht gern. Aus welchen Gründen heraus man keinen Willen zum Sichschämen hat, das braucht ja nicht untersucht zu werden, denn das können hunderterlei Gründe sein. Aber man schämt sich ja überhaupt nicht gern. Statt dessen sagt man: Das Karma hat gesprochen, und dem Karma muß man gehorchen. Selbstverständlich ist man weit davon entfernt, aus bloßem Egoismus, aus bloßen Emotionen heraus dieses oder jenes zu tun, aber dem Karma muß man gehorchen! Wahr wäre man, meine lieben Freunde, wenn man sich gestehen würde, man hat sich halt verliebt. Man würde dann nämlich, wenn man sich die Wahrheit gestehen würde, einen viel sichereren Weg durchs Leben finden, als wenn man die Wahrheit mit allerhand karmischem Unfug verquickt. Denn der Grundunfug, die Dinge des persönlichen Lebens mit okkulten Wahrheiten zu verbrämen, führt zu unzähligen anderen Unfugen; namentlich dadurch, daß man dann keinen innerlichen Gefühlsmaßstab mehr hat für das Einhalten der Grenzen, die uns auferlegt sind dadurch, daß wir uns einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauungsströmung zuwenden.

[ 22 ] You don’t realize, my dear friends, just how much hypocrisy—ranging from the simple fact of falling in love to this very assertion—has crept into the whole affair—hypocrisy that corresponds to the following fact. In a materialistic, philistine society, it is considered perfectly normal for two people to fall in love with each other. In an occult society, it is often not considered normal, but rather something one is often even a little ashamed of. But lo and behold, people don’t like to feel that way. There’s no need to examine the reasons why one has no desire to feel ashamed, for there could be a hundred different reasons. But people don’t like to feel ashamed at all. Instead, they say: Karma has spoken, and one must obey karma. Of course, one is far from doing this or that out of mere selfishness or mere emotion, but one must obey karma! One would be true to oneself, my dear friends, if one were to admit that one has simply fallen in love. For if one were to admit the truth to oneself, one would find a much surer path through life than if one were to mix the truth with all sorts of karmic nonsense. For the fundamental folly of embellishing matters of personal life with occult truths leads to countless other follies; namely, because one then no longer has an inner emotional yardstick for observing the boundaries imposed upon us by our commitment to a worldview based on Spiritual Science.

[ 23 ] Wir dürfen ja nicht eigentlich die schlechtesten Regeln der Philistergesellschaften in unsere Gesellschaft einführen. Es gibt ja gewisse Gesellschaftskreise, die sagen, der Mensch fängt erst mit dem Baron an. Nicht wahr, wir dürfen das nicht so verkehren, daß wir sagen, der Mensch fängt erst beim Geisteswissenschaftler oder beim Anthroposophen an; beim «Antilopen» sagen die andern jetzt. Das dürfen wir nicht, sondern wir müssen schon zugeben, daß wir, bevor wir Geisteswissenschaftler geworden sind, auch Menschen waren mit ganz bestimmten Anschauungen, die damals dies oder jenes getan und dies oder jenes unterlassen hätten.

[ 23 ] We certainly must not introduce the worst aspects of Philistine society into our own. There are, after all, certain social circles that say, “A person only truly begins with the title of ‘baron.’” Isn’t that right? We must not turn this on its head by saying that a person only truly begins with a spiritual scientist or an anthroposophist; “the ‘Antilope’,” as others now say. We must not do that; rather, we must admit that, before we became spiritual scientists, we were also human beings with very specific views, who at that time would have done this or that, or refrained from doing this or that.

[ 24 ] Nun habe ich ja schon in sehr frühen Zeiten unserer Bewegung darauf aufmerksam gemacht, daß es notwendig ist, durch unsere geisteswissenschaftlichen Ansichten nicht unter das Niveau hinterzusinken, das wir vorher eingehalten haben, sondern daß wir über dieses Niveau hinaufsteigen müssen in jeder Beziehung. Daher sagte ich schon vor vielen Jahren: Wir sind mit einem gewissen Fonds von moralischen Anschauungen, von Lebensusancen ausgerüstet gewesen, bevor wir in die Gesellschaft hineingekommen sind, und diese Lebensusancen sollten wir solange unangetastet lassen, bis uns nun wirklich eine deutliche, kontrollierbare innere Notwendigkeit zwingt, sie zu ändern; und das wird in der Regel sehr spät sein. Es ist von großem Schaden, wenn wir, nachdem wir gerade ein bißchen etwas gelernt haben aus der Geisteswissenschaft, dieses bißchen Gelernte irgendwie zu stark zu einer Verbrämung des Lebens gebrauchen. Man muß sich schon über eines dabei klar sein, meine lieben Freunde: Die Einrichtung des äußeren Lebens ist wirklich auch durch eine Art von Karma entstanden. Und wie die Menschen in der Welt denken, wie sie sich aufführen, das entspricht einem Karma.

[ 24 ] I pointed out even in the very early days of our movement that it is necessary not to sink below the level we had previously maintained because of our views on Spiritual Science, but rather that we must rise above that level in every respect. That is why I said many years ago: We were equipped with a certain foundation of moral views and ways of life before we entered society, and we should leave these ways of life untouched until a clear, verifiable inner necessity truly compels us to change them; and that will generally be very late. It is highly detrimental if, after having learned just a little something from Spiritual Science, we use what little we have learned in some way to over-embellish our lives. One thing must be clear to us, my dear friends: The structure of external life has indeed also come about through a kind of karma. And the way people in the world think and behave corresponds to a karma.

[ 25 ] Nun, ich rede ja am liebsten immer von konkreten Fällen, weil diese am allerklarsten sprechen. Sehen Sie, mir ist zum Beispiel einmal folgendes passiert. Ich saß vor einiger Zeit einmal in einem Friseurladen - verzeihen Sie die Besprechung solcher Dinge, aber schließlich gar so indiskret, gar so sehr das Intimste berührend ist das, was ich erzählen will, ja nicht. Ich saß vor dem Spiegel und konnte darin sehen, welche Leute hereinkamen. Da ging die Türe auf, und es kam ein Mann herein, welcher eine bloß aus weichem Leder bestehende, nur so zusammengebundene Fußbekleidung trug, dann trikotähnliche anliegende Beinkleider darüber und eine Art von kokett geworfenem mantelartigem Überwurf; außerdem noch etwas wie ein Stirnband, die Haare kühn rückwärts geschwungen. Der sogenannte Zufall wollte es, daß ich den Mann sehr gut kannte. Der Friseur hat mit seinem Rasiermesser, das er gerade an mich angesetzt hatte, eingehalten und dem Mann um fünf Pfennige etwas abgekauft. Es war ein von diesem Mann selbstverfaßtes Gedicht, das mir der Friseur, als der Mann wieder hinausgegangen war, gezeigt hat. Es war ein Scheusal von einem Gedicht, aber der Mann ging damit auf der Straße und in den Läden herum und verkaufte es. Er ging in diesem Aufzug herum und bildete sich ein, unendlich erhaben zu sein über alle anderen Menschen rings um ihn herum. Er bildete sich ein, einem großen Ideal nachzuhängen, aber in Wirklichkeit hängt er nur einer hochgesteigerten hysterischen Eitelkeit nach. Dasjenige, was bei den allerallereitelsten Damen, bei den auf die alleräußersten Äußerlichkeiten gehenden Damen, Prinzip ist, das ist bei diesem Mann aufs allerhöchste gesteigert, ist der Grundimpuls seines ganzen Auftretens, seiner ganzen Art.

[ 25 ] Well, I always prefer to talk about specific cases, because they speak most clearly. You see, for example, the following happened to me once. Some time ago, I was sitting in a barber shop—please forgive me for discussing such matters, but after all, what I’m about to tell you isn’t really that indiscreet, nor does it touch on anything particularly intimate. I was sitting in front of the mirror and could see in it which people were coming in. The door opened, and a man walked in wearing footwear made solely of soft leather and simply tied together, with tight-fitting, leotard-like leggings over them and a sort of coquettishly draped, coat-like wrap; he also wore something like a headband, his hair boldly swept back. As it so happened, I knew the man very well. The barber paused with his razor—which he had just set to my throat—and bought something from the man for five pfennigs. It was a poem written by the man himself, which the barber showed me after the man had left. It was a monstrous poem, but the man walked around with it on the street and in the shops, selling it. He walked around dressed like that, imagining himself to be infinitely superior to everyone else around him. He imagined himself pursuing a great ideal, but in reality he was merely pursuing a highly exaggerated, hysterical vanity. What is a principle among the most vain of women—those who place the utmost importance on outward appearances—is heightened to the highest degree in this man; it is the fundamental impulse behind his entire demeanor, his whole way of being.

[ 26 ] Wie viele aber, meine lieben Freunde, sind selbst unter den in unserer Gesellschaft Lebenden vielleicht doch einmal ganz geneigt gewesen - ich will, um höflich zu sein, nicht sagen, daß sie es heute noch sind -, zu sagen: Ja nun, der Mann will in seiner Art doch auch das Richtige. - Das ist ja zwar richtig, aber es ist trotzdem ein kolossaler Unsinn, der das ganze Leben untergräbt, wenn man ihn zur Lebensmaxime machen würde. Man muß sich wirklich darüber klar werden, welche unendlichen Eitelkeitsmotive in einem Menschen sitzen können und wie schwer man diese bemerkt. Und wenn wir dasjenige, was wir aus der Geisteswissenschaft gewinnen können, ernst und würdig nehmen, so müssen wir doch verstehen, daß in einem solchen Manne wirklich starke Kräfte der Eitelkeit liegen. Wir machen dies oder jenes aus Eitelkeit - über andere Impulse will ich gar nicht sprechen -, und andere nehmen daran Anstoß, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Deshalb ist aber doch ein Zusammenhang zwischen uns und dem, was die anderen sagen. Und bei einer genauen Prüfung könnten wir den Zusammenhang sehr leicht finden. Aber wir kommen über diese Dinge wirklich nur hinaus, wenn wir uns als Gegengewicht ein Genauigkeitsgefühl, ein striktes Genauigkeitsgefühl aneignen. Und wir brauchen das zum Verständnis der okkultistischen Wahrheiten.

[ 26 ] But how many, my dear friends, even among those living in our society, may at some point have been quite inclined—I will not say, out of politeness, that they still are today—to say: “Well, in his own way, this man does want what’s right.” —That may be true, but it is nonetheless colossal nonsense that undermines one’s entire life if one were to make it a guiding principle. One really must realize what infinite motives of vanity can lie within a person and how difficult it is to notice them. And if we take what we can gain from Spiritual Science seriously and with dignity, then we must understand that truly powerful forces of vanity lie within such a man. We do this or that out of vanity—I won’t even speak of other impulses—and others take offense at it, even if for entirely different reasons. Yet there is a connection between us and what others say. And upon close examination, we could very easily discover this connection. But we can truly move beyond these things only if we cultivate, as a counterbalance, a sense of precision—a strict sense of precision. And we need this to understand occult truths.

[ 27 ] Sehen Sie, es ist ja eine Kleinigkeit, keine Großigkeit, aber es ist gerade im Okkultismus ungeheuer wichtig, zu wissen und zu beachten: Wenn jemand etwas weitererzählt, so ist es notwendig, daß man aus der Erzählung immer genau erkennen kann, ob er die Sache selber beobachtet hat, ob er also ein Recht hat, von einer Tatsache zu sprechen, oder ob es sich um eine Erzählung handelt, die ihm ein anderer gegeben hat. Das muß man genau unterscheiden können. Nun kommt es aber in hunderten und hunderten von Fällen vor, daß sich eine Tatsache einfach so abspielt: Irgend jemand erzählt einem andern etwas, und der andere erzählt das wieder einem andern, aber so, daß der Dritte den Eindruck bekommt: Der hat es nicht erzählt bekommen, sondern hat es selber erlebt, also hat er die Berechtigung, darüber als von einer Tatsache zu sprechen. - Diese Ungenauigkeiten sind in einer materialistischen Philistergesellschaft von einer geringeren Wichtigkeit als in unserer Gesellschaft. In einer materialistischen Philistergesellschaft kann es eine Pedanterie sein, über die Dinge so genau zu reden; aber bei uns muß strikter und genauer beobachtet werden als irgendwo anders. Und vor allen Dingen handelt es sich darum, Genauigkeit gegen uns selber zu pflegen.

[ 27 ] You see, it’s a small matter, not a major one, but it is immensely important—especially in the occult—to know and keep in mind: When someone passes on a story, it is essential that one can always clearly discern from the account whether the person observed the event themselves—and thus has the right to speak of a fact—or whether it is a story that someone else told them. One must be able to distinguish this precisely. Now, however, in hundreds and hundreds of cases, a fact simply unfolds as follows: Someone tells something to another person, and that person in turn tells it to yet another, but in such a way that the third person gets the impression: This person wasn’t just told about it, but experienced it themselves; therefore, they are justified in speaking of it as a fact. - These inaccuracies are of lesser importance in a materialistic, philistine society than in our society. In a materialistic, philistine society, it may be considered pedantry to speak so precisely about things; but in our society, we must observe matters more strictly and precisely than anywhere else. And above all, it is a matter of maintaining precision toward ourselves.

[ 28 ] Derjenige, der sich von der ganzen Tragweite dessen, was ich sagen will, eine richtige Überzeugung verschaffen will, könnte ja zur Probe einmal das Folgende unternehmen. Er könnte sich ein Thema wählen - nehmen wir zum Beispiel den Vegetarismus - und sich vornehmen, darauf zu achten, wie von gewissen Bekennern der Geisteswissenschaft gegenüber der Außenwelt dieses Thema behandelt wird. Er könnte sich eine Tabelle anlegen, und immer, wenn er hört, wie ein Geisteswissenschaftler von sich sagt, warum er Vegetarier ist, könnte er sich notieren, warum der nach seiner eigenen Anschauung zu den anderen Leuten sagt, daß er Vegetarier ist. Beim nächsten Fall wiederum, und so weiter. Da würde man sich überzeugen können, was für hanebüchene Dinge zum Beispiel in bezug auf den Vegetarismus von Bekennern der Geisteswissenschaft der Außenwelt oftmals dargelegt werden. Und wenn dann die Außenwelt zu dem Urteil kommt: Das ist eine Gesellschaft von Narren -, dann ist das nicht weiter verwunderlich.

[ 28 ] Anyone who wishes to gain a true understanding of the full scope of what I am trying to say might, as an experiment, try the following. They could choose a topic—let’s take vegetarianism, for example—and resolve to pay attention to how certain practitioners of Spiritual Science address this topic in their interactions with the outside world. They could create a table, and whenever they hear a spiritual scientist explain why they are a vegetarian, they could note down why, in their own view, that person tells others that they are a vegetarian. Then the next time it happens, and so on. This would make it clear just what outrageous things are often presented to the outside world by adherents of Spiritual Science, for example, regarding vegetarianism. And if the outside world then comes to the conclusion, “This is a society of fools,” that is hardly surprising.

[ 29 ] Wie oft habe ich es in unseren Kreisen erwähnt, daß man über die Frage, warum man Vegetarier ist, eine ganz einfache Auskunft geben kann, wenn man mit seiner Umgebung zurechtkommen will. Nicht wahr, wenn man gefragt wird, aus welchem Grunde man Vegetarier ist, und weiß, daß man einem Menschen gegenübersteht, der sicherlich kein Pferdefleisch ißt, so stellt man ihm die Gegenfrage: Sieh einmal, warum ißt denn du kein Pferdefleisch? - Jetzt ist er gleich genötigt, sich nach und nach auf denselben Boden zu begeben, auf dem eine Verständigung möglich sein wird. Er wird nämlich, wenn er sagen soll, warum er kein Pferdefleisch ißt, gar nicht sehr theoretische Gründe angeben, sondern meist irgend etwas ähnliches sagen wie: Mir graust davor. - Er wird es ja in verschiedener Weise sagen, aber er wird dies oder etwas ähnliches sagen. Nun kann man ihm darauf erwidern: Sieh, dasselbe Gefühl, das du dem Pferdefleisch gegenüber hast, das habe ich allem Fleisch gegenüber. - Und wenn man das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, nur in einer richtigen, konzilianten Form erörtert, wird man nach und nach schon verstanden. Vor allem darf der Außenstehende, der Fleisch ißt, ja nicht den Eindruck bekommen, daß man sich durch den Nichtgenuß des Fleisches als ein höherer Mensch fühlt. Man könnte noch dazufügen - aber man muß sich diese Wahrheit zuerst selber gestehen -, daß man für das Fleischessen zu schwach ist, daß man in bezug auf das Fleischessen eigentlich ein Krüppel ist. Es ist ja von mir öfter, wenn diese Frage aufgeworfen worden ist, gesagt worden: Wenn man kein Fleisch ißt, so hat man es für manches nur bequemer, man hält manches besser durch. Das Fleisch beschwert einen, und es ist namentlich dann, wenn man sein Gehirn in einer genauen Weise gebrauchen will, viel bequemer, kein Fleisch zu essen. Also es sind im Grunde genommen lauter Bequemlichkeitsgründe. Wie oft habe ich betont, daß man sich nicht in die höheren Welten hinaufessen kann, weder dadurch, daß man dies oder jenes ißt, noch dadurch, daß man dies oder jenes zu essen unterläßt. Das Hineinarbeiten in die geistigen Welten ist eine geistige Angelegenheit, das Essen ist eine physische Angelegenheit, also auch das Unterlassen des Essens. Sonst könnte ja jemand auf den grotesken Gedanken kommen: Wenn man gewisse Speisen nicht ißt, so trete das und das ein, und wenn man gewisse Speisen ißt, so trete dies und jenes ein. Und er könnte auf den grotesken Gedanken kommen, acht Tage lang Salz zu essen und an den darauffolgenden acht Tagen kein Salz zu essen, um in den acht Tagen, in denen er Salz ißt, in die Tiefen der Elementarwelt hinunterzusteigen und in den anderen acht Tagen, in denen er kein Salz ißt, hinaufzusteigen. Es könnte ja vorkommen, daß sich jemand solch eine Torheit in den Kopf setzt. Nun, zu solch großen Torheiten kann es ja selbstverständlich in unserer Gesellschaft nicht kommen, meine lieben Freunde, aber zu Dingen, die diesem ähnlich sind, könnte es doch kommen. Also wenn wir möglichst bescheiden sind in den Erörterungen des Vegetarismus der Außenwelt gegenüber, dann werden wir schon sehen, wie wenig uns nach und nach das übelgenommen werden wird, daß wir Vegetarier sind; wenn wir aber den Vegetarismus uns als ein Verdienst zuschreiben, dann wird uns das die Außenwelt nicht verzeihen. Und ein Verdienst ist es nicht, wenn man Vegetarier ist, sondern es ist ein Bequemlichkeitsmittel.

[ 29 ] How often have I mentioned in our circles that, if you want to get along with those around you, you can give a very simple answer to the question of why you are a vegetarian. Isn’t it true that when you’re asked why you’re a vegetarian, and you know you’re talking to someone who certainly doesn’t eat horse meat, you ask them in return: “Look, why don’t you eat horse meat?”—Now they’re immediately compelled to gradually move onto the same ground where understanding becomes possible. For when asked why they don’t eat horse meat, they won’t give very theoretical reasons at all, but will usually say something along the lines of: “It makes me shudder.”—They’ll express it in various ways, but they’ll say this or something similar. Now you can reply: “Look, the same feeling you have toward horse meat is the one I have toward all meat.” - And if one discusses what I have just explained in a proper, conciliatory manner, one will gradually be understood. Above all, the outsider who eats meat must not get the impression that by abstaining from meat, one considers oneself a superior human being. One could add—but one must first admit this truth to oneself—that one is too weak to eat meat, that one is, in fact, a cripple when it comes to eating meat. I have often said, whenever this question has come up: If one does not eat meat, one finds many things easier and is better able to endure them. Meat weighs one down, and it is much more comfortable—especially when one wishes to use one’s brain with precision—not to eat meat. So, fundamentally, these are all reasons of convenience. How often have I emphasized that one cannot “eat one’s way” into the higher worlds, neither by eating this or that, nor by refraining from eating this or that. Working one’s way into the spiritual worlds is a spiritual matter; eating is a physical matter—and so is abstaining from eating. Otherwise, someone might come up with the grotesque idea that if one does not eat certain foods, this or that will happen, and if one eats certain foods, this or that will happen. And they might come up with the grotesque idea of eating salt for eight days and not eating salt for the following eight days, in order to descend into the depths of the elemental world during the eight days when they eat salt and to ascend during the other eight days when they do not eat salt. It could indeed happen that someone might get such a folly into their head. Well, such great follies cannot, of course, occur in our society, my dear friends, but things similar to this could indeed happen. So if we are as modest as possible in our discussions of vegetarianism with the outside world, we will see how little, little by little, people will take offense at our being vegetarians; but if we claim vegetarianism as a merit, the outside world will not forgive us. And being a vegetarian is not a merit—it is simply a matter of convenience.

[ 30 ] Und so gibt es manches, meine lieben Freunde. Es ist wirklich notwendig, daß solche Dinge auch einmal besprochen werden, nicht um Moral zu predigen, sondern um gewisse Bedingungen eines Zusammenlebens in einer okkulten Gesellschaft gegenüber der Außenwelt darzulegen. Ja, meine lieben Freunde, alles läuft darauf hinaus, daß wir Überlegungen anstellen müssen über unseren Verkehr mit der Außenwelt, und diese Überlegungen müssen die Brücke, aber zu gleicher Zeit auch die schützende Mauer gegenüber der Außenwelt sein, gerade bei einer solchen Gesellschaft wie der unsrigen. Wenn es immer wieder und wieder vorkommt, daß man zu Leuten in der Außenwelt von mir zum Beispiel sagt: Der Doktor hat dies oder jenes gesagt -, ja, so versetze man sich einmal nicht in sein eigenes, sondern in das Gemüt des anderen, der da zuhört! Wenn jemand zum Beispiel sagt - solche Dinge kommen vor und das sind nun solche, von denen ich nicht einmal scherzweise voraussetzen kann, daß sie in unserer Gesellschaft nicht vorkommen -, also wenn jemand sagt: Der Doktor sorgt für die geistige Entwickelung dieses oder jenes Menschen -, ja was soll sich denn ein Mensch draußen anderes darunter vorstellen, als daß das eine Gesellschaft von närrischen Leuten ist, die sich einem einzigen Menschen unterstellen. Und bedenken Sie doch nur, was das bedeutet, berechtigterweise bedeutet in der Außenwelt! Wir müssen schon einmal über die Dinge von dem Gesichtspunkte aus sprechen, wie eine Gesellschaft beschaffen sein muß, in der eine solche geisteswissenschaftliche Bewegung herrschen soll, wie die unsrige es ist. Denn diese geisteswissenschaftliche Bewegung müssen wir vor allen Dingen ernst nehmen, der gegenüber wir nichts tun dürfen, was sie in der Welt schädigt.

[ 30 ] And so there are many things, my dear friends. It is truly necessary that such matters be discussed from time to time—not to preach morality, but to set forth certain conditions for coexistence within an occult society in relation to the outside world. Yes, my dear friends, it all boils down to the fact that we must reflect on our interactions with the outside world, and these reflections must serve as both a bridge and, at the same time, a protective wall against the outside world—especially in a society such as ours. If it happens again and again that people in the outside world are told—by me, for example—“The Doctor said this or that”—well, try for once to put yourself not in your own mind but in the mind of the other person who is listening! If, for example, someone says—such things do happen, and these are precisely the kinds of things I cannot even jokingly assume do not occur in our society—so if someone says, “The Doctor is responsible for the spiritual development of this or that person”—well, what else is a person on the outside supposed to have in his mental image but that this is a society of foolish people who submit themselves to a single individual? And just consider what that means—what it rightly means—to the outside world! We must first speak of these matters from the perspective of what kind of society is necessary for a Spiritual Science movement such as ours to flourish. For we must, above all, take this Spiritual Science movement seriously; we must not do anything that would harm it in the world.

[ 31 ] Ich werde morgen noch etwas tiefer darauf eingehen, und Sie werden sehen, wie innig das alles wirklich mit gewissen geisteswissenschaftlichen Impulsen selber zusammenhängt. Ich will nicht bloße Moralpauken halten, sondern ich will den Zusammenhang mit den innersten Impulsen der Geisteswissenschaft gerade an diesen Dingen einmal erörtern.

[ 31 ] I will go into this in more depth tomorrow, and you will see how deeply all of this is actually connected to certain impulses within Spiritual Science itself. I do not wish to merely preach morality, but rather to discuss the connection to the innermost impulses of Spiritual Science precisely in relation to these matters.