Difficulties of Living Together
in the Anthroposophical Society
The Dornach Crisis in the Summer of 1915
GA 253
11 September 1915, Dornach
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Difficulties of Living Together in the Anthroposophical Society, tr. SOL
2. Die Anthroposophische Gesellschaft als Lebewesen
2. The Anthroposophical Society as a Living Being
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Ich machte Sie gestern auf den prinzipiellen Unterschied aufmerksam, der zwischen einer solchen Gesellschaft, wie die unsrige es ist, und einer anderen Gesellschaft oder einem Verein besteht. Und ich sprach davon, daß unsere Gesellschaft mit Bezug auf ihr Wesen sich nicht als erschöpft ansehen kann dadurch, daß sie Statuten, daß sie Programmpunkte hat, und daß auch durch eine Vermehrung oder Verminderung der Statuten und Programmpunkte dem Wesen desjenigen, was unsere Gesellschaft sein soll, nichts Bedeutsames hinzugefügt oder weggenommen wird. Ich machte Sie auch darauf aufmerksam, wodurch sich unsere Gesellschaft zunächst auf das Anschaulichste von einem gewöhnlichen Programm-Verein oder einer Programm-Gesellschaft unterscheidet. Ich sagte: eine Gesellschaft oder ein Verein, der sich auf Programmpunkte stützt, der Statuten hat, kann sich jeden Augenblick auflösen oder kann aufgelöst werden. Nehmen wir aber an, daß es notwendig würde, unsere Gesellschaft aufzulösen, und daß sie wirklich aufgelöst würde, so änderte diese Tatsache an den realen Verhältnissen gar nichts. Denn unsere Gesellschaft unterscheidet sich von anderen eben dadurch, daß sie nicht auf die Phantasterei und Illusion von Programm- und Statutenpunkten, sondern auf Realitäten begründet ist. Und als eine der Realitäten haben wir zunächst nur die herausgehoben, daß in den Händen unserer sämtlichen Mitglieder sich die Zyklen befinden und daß sich an dieser Tatsache gar nichts ändern würde, wenn sich die Gesellschaft auflöste oder aufgelöst würde. Und so wäre es noch mit vielen anderen Realitäten, auf welche unsere Gesellschaft gegründet ist.
[ 1 ] My dear friends! Yesterday I drew your attention to the fundamental difference that exists between a society such as ours and any other society or association. And I spoke of the fact that, with regard to its very nature, our society cannot be considered complete merely because it has bylaws and program points, and that even an increase or decrease in the number of bylaws and program points does not significantly add to or detract from the essence of what our society is meant to be. I also drew your attention to what most clearly distinguishes our society from an ordinary program-based association or society. I said: a society or association that is based on program points and has bylaws can dissolve at any moment or can be dissolved. But let us suppose that it became necessary to dissolve our society, and that it were actually dissolved; this fact would not change the real circumstances in the least. For our society differs from others precisely in that it is founded not on the fantasy and illusion of programmatic and statutory provisions, but on realities. And as one of these realities, we have initially highlighted only the fact that the cycles are in the hands of all our members, and that this fact would not change in the slightest if the society were to dissolve or were dissolved. And the same would hold true for many other realities upon which our society is founded.
[ 2 ] Daraus geht hervor, daß es wirklich notwendig ist, sich mit den Lebensbedingungen unserer Gesellschaft recht genau bekannt zu machen und sich in bezug auf diese Lebensbedingungen keinen Illusionen hinzugeben. Ich habe gestern einiges zunächst in äußerlicher Weise über diese Lebensbedingungen auseinandergesetzt und möchte das jetzt etwas vertiefen.
[ 2 ] This shows that it is truly necessary to familiarize ourselves quite thoroughly with the living conditions of our society and not to harbor any illusions regarding these living conditions. Yesterday, I discussed these living conditions to some extent from an external perspective, and I would now like to explore them in greater depth.
[ 3 ] Sehen Sie, unter mancherlei materialistischen Auseinandersetzungen, die es über das Wesen des Lebens heute gibt, findet man ja diese und jene Definition, diese und jene Erklärung über das, was ein lebendiges Wesen ist. Ich glaube, zu Ihnen ist aus der Geisteswissenschaft heraus schon genügend gesagt worden, aus dem erkennbar ist, daß alle solche Erklärungen, alle solche Definitionen nur ganz einseitig sein können. Der große Irrtum, die große Illusion der materialistisch gesinnten Menschen ist eben der, daß sie glauben, mit einer Definition oder mit einer Erklärung das Wesen der Sache zu erschöpfen. Ich habe Sie, um Ihnen das Groteske dieses Glaubens zu illustrieren, öfter schon darauf aufmerksam gemacht, daß in einer griechischen Philosophenschule einmal die Definition für den Menschen gesucht wurde und man dann endlich gefunden hat, daß ein Mensch so zu definieren sei, daß er zwei Beine und keine Federn habe. - Nun, das ist ganz zweifellos richtig; man kann sagen, es ist dies eine absolut richtige Definition. Am nächsten Tage brachte einer, der die Definition verstanden hatte, einen gerupften Hahn mit und sagte: Das ist ein Wesen, das zwei Beine und keine Federn hat, also muß das ein Mensch sein.
[ 3 ] You see, among the various materialistic debates that exist today regarding the nature of life, one finds this or that definition, this or that explanation of what a living being is. I believe enough has already been said to you from the perspective of Spiritual Science to make it clear that all such explanations, all such definitions, can only be entirely one-sided. The great error, the great illusion of materialistically minded people, is precisely that they believe they can exhaust the essence of the matter with a single definition or explanation. To illustrate the absurdity of this belief, I have often pointed out to you that in a Greek school of philosophy, people once sought a definition of a human being and finally concluded that a human being could be defined as having two legs and no feathers. — Well, that is undoubtedly correct; one could say this is an absolutely correct definition. The next day, someone who had understood the definition brought in a plucked rooster and said: “This is a creature that has two legs and no feathers, so it must be a human being.”
[ 4 ] So sind wirklich die Definitionen, die häufig gegeben werden, und man muß wissen, daß Definitionen eben so sind. Und so gibt es also auch eine materialistische Definition des Lebendigen, die ein berühmter Zoologe gegeben hat und die auch richtig und brauchbar ist in den Grenzen, in denen sie anwendbar ist. Diese materialistische Definition des Lebendigen besagt: Ein Lebendiges ist dasjenige, welches unter gewissen Bedingungen einen Leichnam zurückläßt; alles dasjenige, was es bei seiner Vernichtung zurückläßt, ist also kein Lebendiges.
[ 4 ] These are indeed the definitions that are frequently given, and one must understand that definitions are simply like that. And so there is also a materialist definition of life, which was proposed by a famous zoologist and which is also correct and useful within the limits to which it applies. This materialist definition of life states: A living being is that which, under certain conditions, leaves behind a corpse; everything that it leaves behind upon its destruction is therefore not a living being.
[ 5 ] Selbstverständlich, meine lieben Freunde, ist diese Definition nur eine Definition für die äußersten Ausläufer des physischen Planes. Aber dafür ist diese Definition, daß ein Lebendiges bei seinem Untergange einen Leichnam zurückläßt, gültig. Eine Maschine, wenn sie zerstört wird, läßt keinen Leichnam zurück, und man weiß, daß man parabolisch spricht, wenn man sagt, eine Uhr läßt einen Leichnam zurück. Aber im allerrealsten Sinne des Wortes wäre dies tatsächlich der Fall, wenn unsere Gesellschaft aufgelöst würde oder sich selbst auflösen würde. Sie ließe einen realen Leichnam zurück.
[ 5 ] Of course, my dear friends, this definition applies only to the outermost reaches of the physical plane. But within that context, this definition—that a living being leaves behind a corpse upon its demise—is valid. A machine, when destroyed, leaves no corpse behind, and we know we are speaking figuratively when we say that a watch leaves a corpse behind. But in the very real sense of the word, this would in fact be the case if our society were dissolved or were to dissolve itself. It would leave a real corpse behind.
[ 6 ] Worin besteht denn das Wesen des realen Leichnams? Es besteht darin, daß der Leichnam, wenn er von seiner Seele verlassen ist, nicht mehr denselben Gesetzen folgt wie zu der Zeit, in der er mit ihr vereint war. Er beginnt, den physikalischen Gesetzen der Erdenelemente zu folgen. Nun, in dem Augenblick, wo unsere Gesellschaft aufgelöst würde, würde mit dem Leichnam unserer Gesellschaft dasselbe der Fall sein. Hinzu käme noch das, was der Träger unserer Gesellschaft ist: die Zyklen. Zu dem Leichnam gehörten also auch alle in den Händen der Mitglieder befindlichen Zyklen.
[ 6 ] What, then, is the nature of the physical corpse? It consists in the fact that, once the soul has left the corpse, it no longer follows the same laws as it did when it was united with the soul. It begins to follow the physical laws of the earthly elements. Now, at the very moment our society were to be dissolved, the same would be true of the corpse of our society. Added to this would be that which serves as the vehicle of our society: the cycles. The corpse would thus also include all the cycles in the hands of the members.
[ 7 ] Nun kann dieser Vergleich auch noch wirklich sachgemäß und wissenschaftlich richtig fortgesetzt werden. Dem Leichnam gegenüber besteht die Notwendigkeit, wenn er nicht schädlich, nicht verderblich auf die Umgebung wirken soll, ihn zu verbrennen oder zu bestatten. Übertragen Sie sich nur einmal diese absolut richtige Wahrheit auf den Leichnam, der von unserer Gesellschaft, wenn sie aufgelöst würde, zweifellos zurückbleiben würde. Das heißt, wir werden in dem Augenblicke, wo wir uns dessen bewußt werden, was unsere Gesellschaft ist, gewahr, daß wir eine Verantwortung haben gegenüber ihren realen Grundlagen. Eine Gesellschaft oder ein Verein, der auf Statuten und Programmpunkte aufgebaut ist, gleicht einer Maschine, die, wenn man sie zerschlägt, nichts anderes zurückläßt als Stücke; während unsere Gesellschaft, weil sie ein Organismus, ein Lebewesen ist, wirklich einen realen Leichnam zurückließe, wenn sie aufgelöst würde, etwas zurückließe, das als Leichnam gedacht und behandelt werden müßte.
[ 7 ] Now, this comparison can indeed be continued in a truly appropriate and scientifically accurate manner. With regard to a corpse, if it is not to have a harmful or corrupting effect on the environment, it must be cremated or buried. Just apply this absolutely true principle to the corpse that would undoubtedly remain if our society were to be dissolved. That is to say, the moment we become aware of what our society is, we realize that we have a responsibility toward its real foundations. A society or association built on statutes and program points is like a machine that, when smashed, leaves nothing behind but pieces; whereas our society, because it is an organism, a living being, would truly leave behind a real corpse if it were dissolved—something that would have to be conceived of and treated as a corpse.
[ 8 ] Es ist schon notwendig, meine lieben Freunde, daß wir über die Lebensbedingungen unserer Gesellschaft nachdenken. Wenden Sie den Blick einmal von dem, ich möchte sagen, ganz Äußerlichen der Zyklen hin zu dem, was in den Zyklen darinnen steht und was, wie ich gestern gesagt habe, in eine Anzahl von Köpfen hineingegangen ist. Ich meine damit nicht nur diejenigen Köpfe, in die es sachgemäß und harmonisch hineingegangen ist, sondern vielleicht auch - selbstverständlich sind die Anwesenden aus Höflichkeit ausgenommen diejenigen, in die es verkehrt hineingegangen ist und die jetzt allerlei Verkehrtes reden. Das alles ist auch da; das alles lebt in der Gesellschaft. Denken Sie sich, wie das als der Leichnam der Gesellschaft wirken müßte, wenn sich die Gesellschaft auflösen würde.
[ 8 ] It is indeed necessary, my dear friends, that we reflect on the living conditions of our society. Turn your gaze for a moment away from what I would call the purely external aspects of the cycles, toward what lies within them—and what, as I said yesterday, has entered into a number of minds. By this I do not mean only those minds into which it has entered properly and harmoniously, but perhaps also—with the exception, of course, out of courtesy, of those present—those into which it has entered incorrectly and who are now spouting all sorts of nonsense. All of that is there as well; all of that lives within society. Just imagine how this would have to act as the corpse of society if society were to dissolve.
[ 9 ] Es wird uns also eine Verantwortung auferlegt, über die Lebensbedingungen unserer Gesellschaft zu wachen. Deshalb richtete ich gestern nach verschiedenen Richtungen hin an Sie den Appell, über diese Lebensbedingungen wirklich zu wachen.
[ 9 ] We are therefore entrusted with the responsibility to safeguard the living conditions of our society. That is why, yesterday, I appealed to you in various ways to truly safeguard these living conditions.
[ 10 ] Nun, ich sagte vorhin, daß von der Gesellschaft, wenn sie aufgelöst würde, ein Leichnam zurückbleiben würde und daß wir daran erkennen könnten, daß sie etwas im wirklichen Sinne Lebendiges ist. Sie ist dies aber auch noch dadurch, daß sie ein anderes Charakteristikon des Lebendigen trägt, das darin besteht, daß ein Lebendiges krank werden kann. Ich sagte, ein Verein, der auf Programmpunkte und Statuten gegründet ist, gleicht einer Maschine, einem Mechanismus, und wenn ein Mitglied etwas nicht mit der Maschine Übereinstimmendes macht, so scheidet man es aus. Der Ausschluß von Mitgliedern aus einem Verein, der aufgrund von Statuten gegründet ist, ist ja immer eine «liebevoll» gehandhabte Regel. Aber, meine lieben Freunde, wenn man es nun nicht mit einem Mechanismus, sondern wie bei unserer Gesellschaft mit einem Organismus zu tun hat, dann wird ja die Operation des Ausschließens eines Mitgliedes in den allerseltensten Fällen eine große Bedeutung haben. In den allermeisten Fällen wird dadurch an dem, worum es sich handelt, nicht sehr viel verbessert. In den meisten Fällen wird es bei uns, wenn wir ein Mitglied, das etwas ausgefressen hat, ausschließen, ein Bequemlichkeitsmittel sein. Man kann sich dessen bedienen, darüber will ich jetzt nicht sprechen, aber man muß sich darüber klar sein, daß es viel mehr darauf ankommt, den Organismus unserer Gesellschaft so gesund zu erhalten, daß er als Ganzes wie der Heiler auftritt gegenüber den einzelnen Auswüchsen. Darin besteht ja in den allermeisten Fällen die Heilung eines Organismus, daß die Heilkräfte des ganzen Organismus aufgerufen werden, wenn irgendein einzelnes Glied erkrankt. Es handelt sich also darum, daß wir den Prozeß des Kranksein-Könnens innerhalb unserer Gesellschaft einsehen und uns bewußt werden müssen, daß die Heilkräfte wirklich des ganzen Organismus aufgerufen werden müssen.
[ 10 ] Well, I said earlier that if society were to be dissolved, a corpse would remain, and that we could recognize from this that it is something truly alive. But it is also alive because it possesses another characteristic of living things, namely that a living thing can become ill. I said that an association founded on a program and bylaws resembles a machine, a mechanism, and if a member does something that is not in accordance with the machine, they are expelled. The expulsion of members from an association founded on bylaws is, after all, always a rule applied “lovingly.” But, my dear friends, if we are dealing not with a mechanism but—as is the case with our society—with an organism, then the act of expelling a member will, in the rarest of cases, be of great significance. In the vast majority of cases, this does not improve the situation at hand very much. In most cases, when we expel a member who has done something wrong, it will be a matter of convenience. One can make use of this—I don’t want to discuss that now—but one must be clear that what matters far more is keeping the organism of our society healthy enough that it acts as a healer as a whole in the face of individual aberrations. After all, in the vast majority of cases, the healing of an organism consists in mobilizing the healing powers of the entire organism when any single member falls ill. It is therefore a matter of recognizing the process of “being able to be ill” within our society and becoming aware that the healing powers of the entire organism must truly be mobilized.
[ 11 ] Nun habe ich schon gestern darauf aufmerksam gemacht, daß eine wichtige Heilkraft darin liegt, sich gegenüber den Erscheinungen des physischen Planes an absolute Genauigkeit zu gewöhnen, Wahrheit in der Genauigkeit, Genauigkeit in der Wahrheit. Es kommt wirklich im äußeren exoterischen Leben nicht so viel darauf an, wenn eine Mitteilung von dem einen zu dem andern geht und sie durch Klatsch und Tratsch oder durch Ungenauigkeit verändert wird, als wenn wir innerhalb unserer Gesellschaft dies Usus werden lassen würden. Zu den dringendsten Bedürfnissen gehört also, immer daran zu denken bei dem, was wir sprechen und tun, Genauigkeit in bezug auf alles walten zu lassen.
[ 11 ] I already pointed out yesterday that an important healing power lies in accustoming oneself to absolute precision in relation to the phenomena of the physical plane—truth in precision, precision in truth. In external, exoteric life, it really does not matter as much if a message passes from one person to another and is altered by gossip or inaccuracy as it would if we were to allow this to become the norm within our society. One of our most urgent needs, therefore, is to always remember to exercise precision in everything we say and do.
[ 12 ] Nun ist es ja selbstverständlich, daß man fragen kann: Was ist denn das, was man eigentlich zu tun hat, wodurch man der Gesellschaft aufhilft? - Und da muß gesagt werden: Vor allen Dingen ist vonnöten, daß jeder einzelne sich wirklich und in richtiger Weise als ein Glied der Gesellschaft fühlt, daß er die Gesellschaft als einen Organismus auffaßt und sich in diesem darinnen fühlt. Das ist aber nur möglich, wenn die Angelegenheiten der Gesellschaft wirklich Angelegenheiten eines jeden einzelnen von uns werden, wenn wir mit der Gesellschaft mitdenken. Um die Angelegenheiten der Gesellschaft zu wissen und zu wissen suchen, das ist etwas, was von prinzipieller, von ganz grundlegender Bedeutung ist. Dazu ist natürlich ein gewisses Interesse an der Gesellschaft als solcher notwendig. Und damit wir wiederum dieses Interesse an der Gesellschaft als solcher gewinnen, müssen wir ganz ernst nehmen das Wissen davon, daß die Gesellschaft ein Organismus ist, was viel mehr ist als ein Vergleich. Dazu müssen wir zum Beispiel folgendes wissen, meine lieben Freunde.
[ 12 ] Now, of course, one might ask: What exactly is it that one must do to help society? - And here it must be said: Above all, it is necessary for each individual to truly and properly feel like a member of society, to view society as an organism and to feel a part of it. But this is only possible if the affairs of society truly become the affairs of each and every one of us, if we think along with society. To be aware of and seek to understand the affairs of society is something of fundamental, truly essential importance. Of course, this requires a certain interest in society as such. And in order for us, in turn, to develop this interest in society as such, we must take very seriously the understanding that society is an organism—which is much more than a mere metaphor. To this end, we must know the following, for example, my dear friends.
[ 13 ] Nicht wahr, wir haben drei Punkte gewissermaßen als Statutenpunkte. Daß aber Statuten für uns nur eine nebensächliche Bedeutung haben, geht aus dem hervor, was ich gesagt habe; aber sie sind da und müssen da sein. Nehmen wir diese drei Statutenpunkte, so können wir sie am besten dadurch bezeichnen, wenn wir sagen, sie stellen unsere Arbeit dar. Es ist wirklich so, daß sie die Arbeit unserer Gesellschaft darstellen. Wenn aber jemand bei einem Menschen über das Verhältnis der Arbeit zum Menschen nachdenkt, wird er folgendes herauskriegen: Durch die Arbeit ermüdet der Mensch; sie nützt ihn ab. Aber die Arbeit kann nicht das sein, worin sich das Wesen des Menschen erschöpft. Ebensowenig kann jemand mit gesunder Vernunft sagen, in der Arbeit mit diesen drei Programmpunkten erschöpfe sich das Wesen unserer Gesellschaft. Die Gesellschaft wird aber dadurch abgenützt, daß sie diese Arbeit der drei Punkte verrichtet. Das heißt also, daß unsere Gesellschaft, so wie der Mensch, außer der Arbeit noch der Pflege bedarf. Wie der Organismus des Menschen noch die Pflege braucht, so braucht sie als Gesellschaft auch die Pflege ihres Organismus. Und es genügt nicht zu glauben, man sei ein Mitglied der Gesellschaft, wenn man die Gesellschaft bloß benützt als den Ort, an dem man dasjenige pflegt, was in den drei Programmpunkten ausgedrückt ist, sondern man muß auch ein Interesse haben für die Führung der Gesellschaft als solche. Hat man das nicht, dann denkt man in Wirklichkeit, daß man mit dem Bestande der Gesellschaft nicht einverstanden ist. Dadurch also, daß man sich bloß für dasjenige interessiert, was die Gesellschaft arbeitet, interessiert man sich noch nicht für die Gesellschaft als solche. Wenn wir aber eine Gesellschaft brauchen als Basis für die Arbeit, so muß Interesse da sein für die Gesellschaft als solche, für den Organismus der Gesellschaft. Das heißt, ein gewisses Prinzip des Zusammenlebens, des Miteinanderlebens muß in der Gesellschaft gepflegt werden.
[ 13 ] Isn’t it true that we have three points, so to speak, as points in our bylaws? However, the fact that bylaws are of only secondary importance to us is clear from what I have said; yet they exist and must exist. If we take these three points in our bylaws, we can best describe them by saying that they represent our work. It is indeed true that they represent the work of our society. But if anyone reflects on the relationship between work and human beings, they will come to the following conclusion: Work tires people; it wears them down. Yet work cannot be the sole essence of human existence. Nor can anyone with sound reason claim that the essence of our society is exhausted in the work involved in these three program points. Society, however, is worn down by performing the work associated with these three points. This means, then, that our society, just like a human being, requires care in addition to work. Just as the human organism still needs care, so too does society need care for its own organism. And it is not enough to believe that one is a member of society if one merely uses society as the place where one cultivates what is expressed in the three program points; rather, one must also take an interest in the governance of society as such. If one does not do so, then one actually believes that one does not agree with the very existence of society. Thus, merely being interested in what society produces does not mean one is interested in society as such. But if we need a society as a basis for our work, then there must be an interest in society as such—in the organism of society. This means that a certain principle of coexistence, of living together, must be cultivated within society.
[ 14 ] Ich habe schon gestern gesagt, daß es einmal notwendig ist, daß manche Dinge hier beim rechten Namen genannt werden und daß sie wirklich ganz radikal so bezeichnet werden, wie sie bezeichnet werden müssen, und auch, daß es zum Wesen unserer Gesellschaft gehört, sicher sein zu können, daß die Dinge nicht gleich hinausgetragen werden. Nicht wahr, ich habe gestern an dem grotesken Beispiel des Mannes, der in den Rasierladen hineingegangen ist und durch die Lebensgewohnheiten, die er sich beilegte, zusammenstieß mit den Lebensgewohnheiten der Umgebung, anschaulich machen wollen, daß solchen Zusammenstößen oftmals ein ganz anderes Motiv zugrunde liegt als dasjenige, was man vorgibt. Ich habe gezeigt, daß es bei dem betreffenden Mann hysterische Eitelkeit war.
[ 14 ] I already said yesterday that it is necessary, at times, to call certain things here by their proper names—and to describe them in the most radical terms possible—and also that it is part of the nature of our society to be able to trust that things will not be immediately made public. Isn’t that right? Yesterday, using the grotesque example of the man who walked into the barbershop and, because of the lifestyle habits he had adopted, clashed with the lifestyle habits of those around him, I wanted to illustrate that such clashes are often based on a completely different motive than the one that is claimed. I showed that in the case of the man in question, it was hysterical vanity.
[ 15 ] Sehen Sie, das Karma hat uns mit unserem Bau hierher in diese Gegend geführt und wir sind in Lebensbedingungen darinnen, die wahrhaftig nicht gerade - ich will sagen - einwandfrei nach allen Seiten hin sind. Ich habe das schon dadurch ausgedrückt, daß ich gesagt habe, es könnte vorkommen, daß jeder unter uns musterhaft wäre und man würde dann erst recht ungeheuer viel an Verleumdungen und so weiter über uns ausbreiten, auch wenn sich die Mitglieder innerhalb der Einwohnerschaft ganz musterhaft benehmen. Daraus sehen Sie schon, daß es mir nicht darauf ankommt, zu sagen, man muß allen Vorurteilen Rechnung tragen, sondern daß wir vielmehr die notwendigen Lebensbedingungen für unsere Gesellschaft ins Auge fassen.
[ 15 ] You see, karma has led us here to this area with our building, and our living conditions here are truly not exactly—I would say—flawless in every respect. I’ve already expressed this by saying that it could happen that every one of us were exemplary, and then people would spread an enormous amount of slander and the like about us, even if the members behaved in an entirely exemplary manner among the local population. From this you can already see that my point is not to say that we must take all prejudices into account, but rather that we must focus on the necessary living conditions for our society.
[ 16 ] Nicht wahr, wir sprechen auch bei unserem menschlichen Wesen von dem physischen Leibe; wir wissen, daß dieser den äußeren Lebensbedingungen angepaßt werden muß, weil er diese braucht, und daß das eine fortwährende Wechselwirkung zwischen der Außenwelt und unserem physischen Organismus bedingt. So ist es auch mit dem äußeren Organismus unserer Gesellschaft. Der muß sich innerhalb des sozialen Lebensrahmens entwickeln, in den wir einmal durch unser Karma hereingestellt worden sind. Und da ist es nun wirklich notwendig, daß die Mitglieder beachten, welches die Lebensbedingungen unserer Gesellschaft sind. Es wird von mir ja wirklich von Zeit zu Zeit immer wieder auf diese Lebensbedingungen unserer Gesellschaft hingewiesen.
[ 16 ] Isn’t it true that, even when speaking of our human nature, we refer to the physical body; we know that it must adapt to external living conditions because it needs them, and that this necessitates a constant interaction between the external world and our physical organism. The same is true of the external organism of our society. It must develop within the social framework into which we have been placed through our karma. And so it is truly necessary for the members to take note of the conditions of life in our society. I do, in fact, point out these conditions of life in our society again and again from time to time.
[ 17 ] Als ein hiesiger Pfarrer einen Artikel gegen unsere Gesellschaft schrieb, da hatte ich eine Entgegnung geschrieben. Ein wichtiger Punkt darin war der, daß ich ausdrücklich darauf hinwies, daß unsere Gesellschaft als solche mit der Religion unmittelbar nichts zu tun hat. Es kommt nicht bloß darauf an, daß man immer das Richtige sagt, sondern daß man im gegebenen Falle das Notwendige sagt. Darauf kommt es an. Nun gehört es wirklich zu dem Allernotwendigsten für das Gedeihen unserer ganzen Bewegung, daß endlich die Außenwelt den Gedanken einsieht, wie ich ihn suche zu verdeutlichen, indem ich immer wieder und wieder sage: So wenig die kopernikanische Weltanschauung, als sie aufgekommen ist, etwas zu tun hatte mit einer religiösen Gemeinschaft, so wenig hat unsere Bewegung etwas mit der Religion zu tun. Daß sich die religiösen Gemeinschaften dazumal gegen die kopernikanische Weltanschauung aufgelehnt haben, das ist ihre Sache, nicht Sache der kopernikanischen Weltanschauung. Aber wir müssen uns streng auf den Standpunkt stellen, daß wir nicht eine Sekte, nicht eine religiöse Bewegung gründen wollen. Ich wurde sogar an einem Orte einmal richtig unangenehm, weil - wenn auch aus dem besten Willen heraus - Artikel über unseren Bau geschrieben wurden, in denen dieser Bau mit dem Namen «Tempel» belegt worden war. Das schadet uns ungeheuer, weil wir dadurch hingestellt werden wie in Konkurrenz stehend mit religiösen Gesellschaften, was nicht zu sein braucht. Daher wurden ja die Mitglieder immer wieder ermahnt, den Titel «Hochschule für Geisteswissenschaft» populär zu machen.
[ 17 ] When a local pastor wrote an article against our society, I wrote a rebuttal. An important point in it was that I explicitly pointed out that our society, as such, has nothing directly to do with religion. It is not merely a matter of always saying the right thing, but of saying what is necessary in a given situation. That is what matters. Now, it is truly one of the most essential requirements for the flourishing of our entire movement that the outside world finally come to understand the idea I am trying to clarify by saying over and over again: Just as the Copernican worldview, when it first emerged, had nothing to do with a religious community, so our movement has nothing to do with religion. The fact that religious communities at that time rebelled against the Copernican worldview is their business, not that of the Copernican worldview. But we must strictly maintain the position that we do not wish to found a sect or a religious movement. I even found myself in a truly unpleasant situation once in a certain place because—albeit with the best of intentions—articles were written about our building in which it was referred to as a “temple.” This does us tremendous harm, because it portrays us as being in competition with religious societies, which need not be the case. That is why members have been repeatedly urged to popularize the title “School of Spiritual Science.”
[ 18 ] Es kommt wirklich darauf an, daß die Leute immer wieder zu hören bekommen, daß wir es nicht mit einer religiösen Sekte, nicht mit der Begründung einer neuen Religion und dergleichen zu tun haben. Ungeheuer viel sündigen gerade die Mitglieder unserer Gesellschaft nach dieser Richtung, indem sie in den Auskünften, die sie geben, nicht darauf aufmerksam machen, daß unsere Gesellschaft nichts zu tun hat mit einer Religionsstiftung, ja nicht nur, daß sie darauf nicht genügend aufmerksam machen, sondern sogar passiv vieles dazu tun, unsere Bestrebung in das Licht einer Religionsstiftung zu stellen. Und da handelt es sich darum, daß man dies sogar in Nebensachen berücksichtigt, daß man den Leuten immer wieder in ihre harten Schädel hineinbleut, daß man es nicht mit einem Tempel, nicht mit einer Kirche zu tun hat, sondern mit etwas, das wissenschaftlichen Zwecken gewidmet ist.
[ 18 ] It is truly important that people hear time and again that we are not dealing with a religious sect, nor with the founding of a new religion, or anything of the sort. The members of our society, in particular, sin tremendously in this regard by failing to point out in the information they provide that our society has nothing to do with the establishment of a religion; indeed, not only do they fail to emphasize this sufficiently, but they even passively do much to cast our endeavors in the light of a religious foundation. And the point is that this must be taken into account even in minor matters—that we must repeatedly hammer into people’s thick skulls that we are not dealing with a temple or a church, but with something dedicated to scientific purposes.
[ 19 ] Es liegt manchmal, meine lieben Freunde, nicht nur daran, was gesprochen wird, sondern auch an der Art und Weise, wie gesprochen wird. Wir sollten uns klar sein, daß es draußen immer den Eindruck machen wird, daß es sich um eine Sekten- oder um eine Religionsstiftung handelt, wenn wir nur zu reden wissen in Ausdrücken, die man bezeichnen kann, wie es einmal jemand bezeichnet hat - nun, es ist keine schöne Bezeichnung, aber eine treffende -, daß man alles, was in unserer Bewegung geschieht, betrachte mit einem «Gesicht bis ans Bauch». Das heißt, es wird alles mit langen Gesichtern betrachtet, aber nur, weil sich manche Menschen vorstellen, daß man nur so Gefühle charakterisieren könne, die sich auf das religiöse Leben beziehen. Aber unser Bestreben muß sein, abzustreifen von unserer Bewegung das Vorurteil, daß wir eine Kirche, eine Religion oder eine Sekte stiften wollen, und immer populärer zu machen, daß wir es mit einer geisteswissenschaftlichen Bewegung zu tun haben, die sich so in die Welt hineinstellt, wie das kopernikanische System sich in die Welt hineingestellt hat, so daß alles sehen kann, daß das Unrecht auf der anderen Seite ist. Als die Kirche die kopernikanische Lehre abgelehnt hat, da hat sie sich ins Unrecht gesetzt, denn sie hat sie später doch annehmen müssen. Und so wird es auch mit unserer Bewegung sein; die Kirche wird sie annehmen müssen, diese Bewegung.
[ 19 ] Sometimes, my dear friends, it is not only a matter of what is said, but also of the way it is said. We should be aware that outsiders will always get the impression that this is a sect or a religious foundation if we only know how to speak in terms that can be described—as someone once put it—well, it’s not a nice term, but an apt one—as if everything that happens in our movement is viewed with a “long face.” That is to say, everything is viewed with long faces, but only because some people have a mental image of this being the only way to characterize feelings related to religious life. But our aim must be to rid our movement of the prejudice that we want to found a church, a religion, or a sect, and to make it increasingly clear that we are dealing with a movement of Spiritual Science that positions itself in the world just as the Copernican system positioned itself in the world, so that everyone can see that the injustice lies on the other side. When the Church rejected the Copernican doctrine, it placed itself in the wrong, for it was later forced to accept it after all. And so it will be with our movement as well; the Church will have to accept this movement.
[ 20 ] Das ist ein Beispiel dafür, daß wir uns angewöhnen müssen, genau zu sprechen. Das ist als ein Lebensnerv der Gesellschaft gegenüber der Außenwelt zu beachten. Das ist einer der Punkte, wo wir für unsere Gesellschaft wirklich viel Nutzbringendes leisten können. Wer bloß Interesse am Zyklenlesen hat - was selbstverständlich sehr nützlich ist und ohne das man nicht sein kann - und kein Interesse hat an der Führung der Gesellschaft als solcher - namentlich da, wo Sie, wie hier, in engen Zusammenhängen auftreten —, wer dieses Interesse nicht entwickeln will, der erklärt sich mit der Gesellschaft als solcher nicht einverstanden, wie ich schon sagte. Interesse für die Gesellschaft muß man entwickeln! Nicht bloß da sein, um das, was die Gesellschaft zu arbeiten hat, in irgendeiner Weise mitzumachen, sondern Interesse für die Gesellschaft als solche entwickeln, darauf kommt es an. Das heißt aber: die Angelegenheiten der Gesellschaft als eines Lebewesens zu seinem eigenen Bewußtseinsinhalt zu machen. Und je weniger man dazu Statuten braucht, desto besser ist es.
[ 20 ] This is an example of why we must get into the habit of speaking precisely. This should be regarded as the lifeblood of society in its relations with the outside world. This is one of the areas where we can truly make a significant contribution to our society. Anyone who is merely interested in reading the cycles—which is, of course, very useful and indispensable—but has no interest in the governance of society as such—especially where, as here, these cycles manifest in close interrelationships—anyone who does not wish to develop this interest is, as I have already said, not in agreement with society as such. One must develop an interest in society! It is not enough merely to be present to participate in some way in what society has to do; rather, one must develop an interest in society as such—that is what matters. But this means making the affairs of society, as a living being, part of one’s own consciousness. And the fewer statutes one needs for this, the better.
[ 21 ] Sehen Sie, es ist ganz zweifellos notwendig, daß immer mehr und mehr die Möglichkeit geschaffen wird, daß wir uns, wenn wirklich jemand von draußen das oder jenes über unsere Gesellschaft sagt, fest auf unsere zwei Beine stellen und sagen können, wir können dafür eintreten, daß so etwas in unserer Gesellschaft nicht möglich ist. Wir müssen die Möglichkeit haben, darauf zu bauen, daß in den weitaus meisten Fällen — selbstverständlich, Ausnahmen können überall vorkommen - die Verleumdungen, die ausgestreut worden sind, verlogen sind. Dazu gehört aber dieses wirklich lebendige Interesse an den Angelegenheiten der Gesellschaft. Denn, nehmen wir einmal an, es käme vor, daß bei irgend etwas eine Unvorsichtigkeit geschieht. Nehmen wir meinetwillen an - hypothetisch kann man so etwas annehmen -, irgendein Mann und ein Mädchen hätten die Unvorsichtigkeit begangen, an einem schönen Maiennachmittag irgend etwas draußen in der freien Natur zu zeigen, was nicht gezeigt werden soll, so daß es die Leute der Umgebung haben sehen können. Nehmen wir an, so etwas wäre aus Unvorsichtigkeit einmal vorgekommen. Was wäre da das Natürliche in der Gesellschaft, wenn sie so besteht, wie es die unsrige verlangen muß? Das Natürliche wäre doch, daß demjenigen, dem so etwas passiert ist, in den nächsten Tagen aufgeht, daß er ein älteres Mitglied aufsuchen und ihm sagen müsse: Mir ist das und das passiert, was kann man tun? — Das würde dann bedeuten, daß er seine Angelegenheit zur Angelegenheit der Gesellschaft macht.
[ 21 ] You see, there is no doubt that it is necessary to increasingly create the conditions whereby, when someone from outside says this or that about our society, we can stand firmly on our own two feet and say that we can guarantee that such a thing is not possible in our society. We must be able to rely on the fact that in the vast majority of cases—though, of course, exceptions can occur anywhere—the slanders that have been spread are false. But this requires a genuine, active interest in the affairs of society. For suppose, for example, that a lapse in judgment were to occur in some matter. Let’s assume for the sake of argument—hypothetically, one can assume such a thing—that some man and a girl had been careless enough, on a beautiful May afternoon, to reveal something out in the open that should not have been revealed, so that people in the vicinity could have seen it. Let’s assume that something like this had happened once out of carelessness. What would be the natural response in a society—if it were to exist as ours must require? The natural response would surely be that the person to whom such a thing happened would realize within the next few days that he must seek out an elder member and say to him: “This and that has happened to me; what can be done?”—That would then mean that he is making his matter a matter for society.
[ 22 ] Merken Sie wohl, was ich für eine Angelegenheit als Beispiel gewählt habe. Sie ist nicht eine solche, in die man sich als in eine Privatangelegenheit des einzelnen nicht hineinmischt, sondern eine solche, die der Gesellschaft furchtbar schadet. Da muß der Grundsatz bestehen, daß das Knie nicht sagt, ich habe meine eigenen Angelegenheiten, sondern daß das Knie sich als Teil des ganzen Organismus fühlt. Selbstverständlich muß aber für solche Dinge auch entgegenkommendes Interesse da sein. Man muß solche Angelegenheiten als eine Angelegenheit der Gesellschaft betrachten, so daß auch immer jemand da sein muß, der nicht nur dasjenige weiß, was ihn zunächst interessiert, sondern der auch vieles aus der Gesellschaft weiß und dadurch an den fortlaufenden Gedeihensbedingungen der Gesellschaft mitwirken kann. Das heißt, wir müssen uns vollständig erheben können über den Standpunkt: Ich habe jemanden meines engeren Bekanntenkreises, ich habe vielleicht sogar das Verdienst, diesen engeren Bekanntenkreis selber in die Gesellschaft hineingebracht zu haben, und dieser Bekanntenkreis interessiert mich. Daß jemand Freundschaften und Beziehungen entwickelt, das kann selbstverständlich keinen Gegenstand der Kritik bilden; das geht die Gesellschaft nichts an. Was aber die Gesellschaft sofort berührt, das ist das, daß er die Gesellschaft als solche nur so betrachtet, in der er eben darinnen ist. Wir müssen aber die Angelegenheiten der Gesellschaft zu den unsrigen machen; es muß die Möglichkeit vorliegen, daß es ganz ausgeschlossen ist, daß, wenn irgend etwas vorgekommen ist, was äußerlich Ärgernis gegeben hat, man innerhalb der Gesellschaft erst dadurch von dem Ärgernis erfährt, daß es einem von der Außenwelt erzählt wird. Dem ist sofort abgeholfen, wenn Interesse am gesellschaftlichen Leben vorhanden ist.
[ 22 ] Please note carefully the kind of issue I have chosen as an example. It is not one in which one refrains from interfering because it is a private matter for the individual, but rather one that causes terrible harm to society. The principle must be that the knee does not say, “I have my own affairs,” but rather that the knee feels itself to be part of the whole organism. Of course, however, there must also be a corresponding interest in such matters. One must regard such matters as a matter of society, so that there must always be someone who not only knows what interests him at first glance, but who also knows a great deal about society and can thereby contribute to the ongoing conditions for society’s prosperity. This means we must be able to rise completely above the perspective: “I have someone in my close circle of acquaintances; I may even have the merit of having introduced this close circle into society myself, and this circle interests me.” The fact that someone develops friendships and relationships cannot, of course, be a subject of criticism; that is none of society’s business. What does, however, immediately affect society is the fact that he regards society as such only insofar as he is a part of it. We must, however, make the affairs of society our own; it must be impossible for a situation to arise in which, if something has occurred that has caused external annoyance, one within society only learns of the annoyance because it is reported to one from the outside world. This is immediately remedied when there is an interest in social life.
[ 23 ] Es kommt beispielsweise vor, daß man drei, vier, fünf Menschen bei uns fragen kann, ob der oder jener in den letzten Wochen hier bei unseren Vorträgen war, und daß alle die drei, vier, fünf Menschen es nicht wissen. Das kommt durchaus bei uns vor. Gewiß, wenn einer nichts weiß davon, so ist das begreiflich; wenn aber überhaupt nichts herausgefunden werden kann durch Herumfragen ich meine bei solchen, von denen man voraussetzt, daß sie es wissen sollten -, dann ist das ein Mangel an Interesse und zeigt an, daß unsere Gesellschaft ein Mechanismus und kein Organismus ist; daß man kein Interesse hat an ihrem lebendigen Leben. Aber gerade das ist es, was ich immer wieder betonen möchte, dieses notwendige Interesse an dem lebendigen Leben unserer Gesellschaft.
[ 23 ] For example, it happens that you can ask three, four, or five people here whether this or that person has been at our lectures in recent weeks, and that none of those three, four, or five people know. That certainly happens here. Of course, if someone knows nothing about it, that’s understandable; but if nothing at all can be found out by asking around—I mean among those whom one would expect to know—then that is a lack of interest and indicates that our society is a mechanism and not an organism; that people have no interest in its living reality. But that is precisely what I would like to emphasize again and again: this necessary interest in the living life of our society.
[ 24 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, man wird zuweilen in der Gesellschaft von Ereignissen überrascht, von denen man nicht überrascht zu werden brauchte, wenn die Mitglieder - ich will jetzt wirklich das Wort gebrauchen - ihre «Verpflichtungen» in der Hinsicht fühlten, daß sie mitdenken, mitfühlen, mitwollen würden mit der Gesellschaft als einem Organismus. Dazu ist notwendig, daß in bezug auf dasjenige, was zu den Lebensbedingungen der Gesellschaft gehört, jeder den Willen hat, es nicht als seine persönliche Angelegenheit zu behandeln, und zweitens, daß jeder, der so etwas will, einen andern findet, bei dem er Geneigtheit und Gehör findet. Wenn Sie jetzt, wo wir in einer Krisis desjenigen Teiles der Gesellschaft sind, der um den Dornacher Bau verkehrt, noch soviel Paragraphen beschließen, noch so viele neu formulieren, so werden Sie damit in der Gesellschaft doch nicht zurechtkommen und nicht verhindern können, daß wir nach einiger Zeit den angedeuteten Leichnam haben werden. Verhindern können Sie das nur dadurch, daß Sie anfangen, interessevoll mit den Angelegenheiten der Gesellschaft zu leben, das heißt, daß Sie nicht nur einmal einen, ich will sagen, «scharfsinnigen» Verstand einsetzen, um möglichst gute Paragraphen zu formulieren, um möglichst gute Tribunalien einzusetzen für dieses oder jenes «Verbrechen», sondern wenn Sie fortwährend die Gesellschaft als Objekt Ihres Interesses im lebendigen Zusammenhang betrachten. Aber vor allen Dingen ist notwendig, daß wir die Unbequemlichkeit des Denkens wirklich nicht scheuen.
[ 24 ] You see, my dear friends, one is sometimes taken by surprise in society by events that need not have come as a surprise if the members—and I really do mean to use this word—felt their “obligations” in the sense that they would think, feel, and act in unison with society as an organism. For this to happen, it is necessary, first, that with regard to matters pertaining to society’s living conditions, everyone have the will not to treat them as a personal matter; and second, that everyone who desires such a thing find another person with whom they can share their inclinations and who will listen to them. If, now that we are in a crisis affecting that part of society associated with the Dornach building, you adopt even more regulations or draft even more new ones, you will still not be able to manage this situation within society and will not be able to prevent us from eventually ending up with the corpse I have alluded to. You can prevent this only by beginning to take a genuine interest in the affairs of the society—that is, by not merely employing, even once, I mean, “sharp” mind to formulate the best possible clauses and to establish the best possible tribunals for this or that “crime,” but by continually viewing society as the object of your interest within its living context. But above all, it is necessary that we truly not shy away from the inconvenience of thinking.
[ 25 ] Ich habe schon erwähnt, nicht wahr, daß wir jetzt in einer - hoffentlich wird das bald zu Ende gehen - abnormen Zeit des europäischen Lebens leben. In solchen Zeiten - ich rede nicht von Privatangelegenheiten, sondern von Dingen, die sich auf die Gesellschaft beziehen - ist es notwendig einzusehen, daß man nicht alles, was einem einfällt - wenn es auch nicht unrichtig oder anstößig ist -, über die Grenzen zu schicken und zu schreiben braucht. Aber es ist wirklich so, meine lieben Freunde, daß eine große Anzahl der Mitglieder gar nicht den Willen hat, auch nur soviel darüber nachzudenken, was jetzt in diesem Augenblick gerade opportun oder nicht opportun ist. Gewiß, die Dinge sind nichts Unrechtes, ich will auch nichts Tadelndes aussprechen, sondern nur auffordern zu denken und zu überlegen, bevor man etwas tut. Nicht wahr, wir wissen, daß ein Aufnahmeschein, ein Aufnahmeansuchen ein unschuldiges Dokument ist, das niemals Veranlassung zu Maßnahmen von einem Lande zum andern geben kann. Anders aber werden diese Sachen von den kriegführenden Ländern angesehen. Warum also schicken denn dann die Mitglieder Aufnahmescheine über die Grenzen? Der eine vielleicht aus Gedankenlosigkeit, der andere vielleicht aus Eigensinn, weil er damit etwas demonstrieren will. Aber unmöglich kann die Gesellschaft weiterbestehen, wenn derlei Dinge in größerem Umfange weiterhin vorkommen, weil man alles mögliche vermutet, das nicht dahinter ist. Unsere Mitglieder sollten sich doch gerade dadurch auszeichnen, daß sie denken! Darauf aber gerade müßte geachtet werden, sonst können wir die Gesellschaft wirklich nicht weiter fortsetzen.
[ 25 ] I have already mentioned, haven't I, that we are now living in an abnormal period in European life—one that will hopefully come to an end soon. In times like these—I’m not talking about private matters, but about issues that pertain to society—it’s necessary to realize that you don’t need to send across the border and write down everything that comes to mind, even if it isn’t incorrect or offensive. But it is truly the case, my dear friends, that a large number of members have no intention of even giving a moment’s thought to what is appropriate or inappropriate at this very moment. Certainly, there is nothing wrong with these things; I do not wish to express any criticism, but only to urge you to think and reflect before you act. Don’t we know that a membership certificate or an application for membership is an innocent document that can never give rise to measures taken by one country against another? Yet the belligerent nations view these matters differently. Why, then, do members send membership certificates across the border? One perhaps out of thoughtlessness, another perhaps out of stubbornness, because he wants to make a point. But the Society cannot possibly continue to exist if such things keep happening on a large scale, because people will suspect all sorts of things that aren’t actually behind them. Our members should distinguish themselves precisely by thinking! This is exactly what we must pay attention to; otherwise, we really cannot continue the Society.
[ 26 ] Ich muß manchmal auf alte Sachen zurückkommen. Zum Beispiel war bei uns immer das Bestreben, bei der Aufnahme von Mitgliedern in die Gesellschaft nicht nur das zu befolgen, daß die Mitglieder aufgenommen werden, weil sie so hervorragende Menschen sind, daß sie sich von der ganzen übrigen Menschheit durch ihre hervorragenden Eigenschaften unterscheiden - diese Ansicht haben zwar viele, aber sie ist nicht richtig; manche haben die Ansicht, daß derjenige, der in die Gesellschaft aufgenommen worden ist, sich in nichts von allen anderen Menschen unterscheidet -, sondern man nahm auch Leute auf, um ihnen zu helfen, damit sie gesunden. Da ist es dann möglich geworden, daß so ein Mensch, der hätte gesunden sollen, aufgenommen worden ist - was ist aber passiert? Passiert ist, daß die Mitglieder in ihm einen solchen gesehen haben, der unsere Gesellschaft gesund machen soll, daß er wie ein Apostel angesehen worden ist.
[ 26 ] Sometimes I have to revisit old issues. For example, we have always strived, when admitting members to the Society, not merely to follow the principle that members are admitted because they are such outstanding individuals that they stand apart from the rest of humanity due to their exceptional qualities—many hold this view, but it is not correct; some believe that a person admitted to the Society is no different from everyone else—but we also admitted people to help them recover. It then became possible for such a person—who should have been restored to health—to be admitted; but what happened? What happened was that the members saw in him someone who was meant to restore our society to health, so that he came to be regarded as an apostle.
[ 27 ] Warum kann so etwas stattfinden, meine lieben Freunde? Weil man nicht beachtet die Mittel und Wege, die an die Hand gegeben werden, um solche Fehler nicht zu machen. Denken Sie doch nur einmal zurück an manches, was geschehen ist! Und wir müssen denken, wenn wir eine okkulte Bewegung aufrechterhalten wollen! Denken Sie zurück: Wenn eine charakteristische Tatsache geschah, wurde in Vorträgen gewöhnlich dasjenige, was man zur Beurteilung braucht, herbeigeschaffen, es wurde gesagt. Sie brauchten nur darauf zu achten, gerade wenn Gefahr vorhanden ist. Dazu ist aber erforderlich, daß man wirklich gründlich auf die betreffenden Vorträge, die in jener Zeit gehalten worden sind, eingeht. Wir brauchen nicht, um das Richtige zu tun, in den Fehler des Persönlichen zu verfallen, sondern wir können uns an das Objektive halten. Aber es muß das Objektive in jedem einzelnen Fall verstanden werden.
[ 27 ] Why can something like this happen, my dear friends? Because people do not heed the means and methods provided to help them avoid such mistakes. Just think back for a moment to some of the things that have happened! And we must reflect on this if we wish to sustain an occult movement! Think back: Whenever a significant event occurred, the information needed to assess it was usually presented in lectures; it was explained. You only needed to pay attention to this, especially when danger was present. But this requires that we truly delve deeply into the relevant lectures that were given at that time. To do what is right, we need not fall into the error of focusing on the personal; rather, we can stick to the objective. But the objective must be understood in every single case.
[ 28 ] So könnte man schon sagen: Es ist notwendig, namentlich für .den Teil unserer Gesellschaft, der sich um den Johannesbau gruppiert, daß etwas ganz Gründliches und Radikales geschieht. Aber es ist jetzt im Grunde genommen die höchste Zeit, daß dieses Gründliche und Radikale nicht wiederum auf falschen Wegen gesucht wird dadurch, daß man glaubt, mit einigen Dingen, einigen Prinzipien, einigen Feststellungen und Festsetzungen sei alles gemacht. Damit ist wirklich gar nichts gründlich gemacht und gar nichts gründlich geheilt.
[ 28 ] So one could already say: It is necessary—especially for the segment of our society centered around the Johannesbau—that something truly thorough and radical take place. But it is now, in essence, high time that this thorough and radical change not be sought once again through the wrong means—by believing that everything can be accomplished with just a few things, a few principles, a few observations, and a few stipulations. That accomplishes absolutely nothing thoroughly and heals absolutely nothing thoroughly.
[ 29 ] Ich muß gestehen, meine lieben Freunde, daß es mir gar nicht leicht wird, diese Dinge so wie gestern und heute auseinanderzusetzen, aus dem einfachen Grunde, weil ich selbstverständlich lieber von anderen Dingen sprechen würde und weil ich weiß, daß eine große Anzahl von Mitgliedern da sind, die das gar nicht hören wollen, weil sie sich sagen, wir sind doch da, um allerlei okkulte Wahrheiten zu hören. Aber, meine lieben Freunde, wenn die Gefahr vorhanden ist, wie sie wirklich vorhanden ist, daß die «Unmöglichkeit» an uns herantreten konnte, sagen zu müssen: Ja, wenn die Gesellschaft sich so wenig bewährt, wie einzelne in der letzten Zeit das gezeigt haben, dann ist es absolut ausgeschlossen, in der Welt Geisteswissenschaft durch die Gesellschaft einzuführen. - Denken Sie sich doch nur einmal, was schon für eine Diskrepanz besteht zwischen dem, was ich eben gesagt habe, und dem, was ich oftmals hier in den letzten Wochen habe sagen müssen, daß das, was wir als Geisteswissenschaft anerkennen, der größte Impuls unserer Zeit sein muß, der reformatorisch gegenüber den anmaßendsten äußeren Erkenntnissen, scheinbaren Erkenntnissen und wissenschaftlichen Bestrebungen, als ein gründliches Vorwärts in der Menschheit sich geltend machen muß, und daß man es dann notwendig hat, über allerlei Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, zu sprechen und noch dazu unter der Gefahr, daß man gerade in bezug auf diese Dinge immerfort mißverstanden wird. Denn das ist doch ein durchgängiges Prinzip, daß im Grunde genommen jeder den Sünder in dem andern sieht und sich nicht aufraffen will, so etwas, wie unsere Gesellschaft als einen wirklichen Organismus aufzufassen, zu tun, das heißt, sich als Glied eines solchen Organismus zu fühlen.
[ 29 ] I must confess, my dear friends, that it is not at all easy for me to discuss these matters as I have done yesterday and today, for the simple reason that I would, of course, much rather speak of other things, and because I know that there are a large number of members here who do not want to hear this at all, since they tell themselves that we are here, after all, to hear all sorts of occult truths. But, my dear friends, if the danger exists—as it truly does—that the “impossibility” might confront us, forcing us to say: “Yes, if the Society proves itself to be as inadequate as some individuals have shown themselves to be of late, then it is absolutely out of the question to introduce Spiritual Science into the world through the Society.” - Just imagine for a moment what a discrepancy already exists between what I have just said and what I have often had to say here in recent weeks—that what we recognize as Spiritual Science must be the greatest impulse of our time, a reformatory force against the most presumptuous external insights, apparent insights, and scientific endeavors—as a fundamental step forward for humanity—and that it is therefore necessary to speak about all sorts of things that should actually be self-evident, and to do so despite the risk of being constantly misunderstood precisely regarding these very matters. For it is, after all, a universal principle that, deep down, everyone sees the sinner in the other and is unwilling to make the effort to conceive of our society as a real organism—that is, to feel oneself a member of such an organism.
[ 30 ] Gewiß, meine lieben Freunde, bei eben eingetretenen Mitgliedern mag es vorkommen, daß Irrtümer begangen werden. Aber ich frage: Wozu sind denn manche Mitglieder viele Jahre lang Mitglieder, wenn sie nicht etwas dazu tun, daß bei neu eintretenden Mitgliedern nicht Irrtümer eintreten? Es müßte doch geradezu Grundsatz sein, daß keiner bei uns eintritt, der nicht von den älteren Mitgliedern in der allerersten Zeit wirklich bemerkt wird und dem man mit Rat und Tat zur Seite steht und ihn davor behütet, daß er Torheit für Weltenweisheiten hält.
[ 30 ] Certainly, my dear friends, it may happen that new members make mistakes. But I ask: Why have some members remained members for many years if they do not do their part to ensure that new members do not make mistakes? It ought to be a fundamental principle that no one joins us who is not truly noticed by the older members right from the very beginning, who is supported with advice and practical help, and who is protected from mistaking folly for worldly wisdom.
[ 31 ] Es liegt in der Natur einer okkulten Gesellschaft, meine lieben Freunde, daß schon einmal Torheiten darin vorkommen können. Aber es muß eine möglichst große Anzahl von Mitgliedern da sein, die die Torheiten durchschauen und dafür sorgen, daß sie nicht durchgeführt werden. Dazu gehört auch das, was in dem Briefe von Dr. Goesch enthalten ist.“ Er behauptet ja, daß Versprechen gegeben und nicht gehalten werden, und frägt an bei einem Mitglied, von dem er glaubt oder vermutet, daß ihm ein Versprechen gegeben worden sei. Wenn dieses Mitglied ihm sagt, daß das nicht der Fall ist, dann sagt nun aber Dr. Goesch nicht, er habe sich geirrt, sondern er sagt, da habe man wieder einen Beweis dafür, daß Magie darin liege, wenn ich jemandem die Hand gegeben habe; in dem Gedächtnis dieser Leute sei das Versprechen ausgelöscht worden. — Das ist ja einer der hauptsächlichsten Anklagepunkte in der Schrift des Dr. Goesch.
[ 31 ] It is in the nature of an occult society, my dear friends, that follies may occasionally occur within it. But there must be as large a number of members as possible who see through these follies and ensure that they are not carried out. This also includes what is contained in Dr. Goesch’s letter.” He claims, after all, that promises are made but not kept, and he inquires of a member whom he believes or suspects was given a promise. If this member tells him that this is not the case, Dr. Goesch does not say that he was mistaken, but rather claims that this is further proof that magic is at work whenever I have shaken someone’s hand; the promise has been erased from these people’s memories. — This is, after all, one of the main charges in Dr. Goesch’s treatise.
[ 32 ] Man kann ja bemerken, meine lieben Freunde, daß Dr. Goesch diese Dinge nicht nur geschrieben, sondern auch zu einzelnen gesagt hat. Das lebendige Interesse an den Gesellschaftsangelegenheiten hätte nun wirklich erfordert, daß jemand möglichst schnell zu einem älteren erfahrenen Mitglied hingegangen und dies bekannt gemacht hätte. Es ist wahrlich unbegreiflich, wie es passieren kann, daß jemand unbeanstandet den Dr. Goesch etwas Unmögliches sagen lassen kann wie: «Wenn einer sagt, mir ist kein Versprechen gegeben worden, so schließe ich daraus nicht, daß ihm wirklich kein Versprechen gegeben wurde, sondern ich nehme an, daß dem Betreffenden die Erinnerung an das Versprechen absuggeriert worden ist.» - Wenn solche Dinge unbeanstandet passieren können, dann ist die Gesellschaft wirklich nicht lebensfähig und man kann nicht in sie okkulte Wahrheiten hineingießen.
[ 32 ] One can see, my dear friends, that Dr. Goesch not only wrote these things but also said them to individuals. A genuine interest in the Society’s affairs would truly have required that someone go to an older, experienced member as quickly as possible and bring this to their attention. It is truly incomprehensible how it can happen that someone can allow Dr. Goesch to say something as preposterous as: “If someone says, ‘I was not given a promise,’ I do not conclude from this that he was truly not given a promise, but rather I assume that the memory of the promise has been suggested away from the person in question.” - If such things can happen without objection, then the society is truly not viable, and one cannot infuse it with occult truths.
[ 33 ] Zweierlei, meine lieben Freunde, steht mir vor Augen. Das eine ist das: Ich muß es nach allen meinen Erkenntnissen als eine dringende Notwendigkeit ansehen, daß die Geisteswissenschaft den Menschen gebracht werden muß. Das andere aber steht mir ebenso vor Augen: daß das Instrument, das dazu gegründet worden ist, sich in einer Krisis befindet. Und deshalb konnte ich schon nicht anders, als Sie gewissermaßen zu «quälen» mit dem, was ich gestern und heute zu sagen hatte, denn es ist Ihnen ja angekündigt worden, daß Zusammenkünfte stattfinden, um Abhilfe für dieses oder jenes zu schaffen. Wenn diese Zusammenkünfte wiederum so vorübergehen wie manche früheren in ähnlichen Fällen, dann werden wir nicht weiterkommen.
[ 33 ] Two things, my dear friends, are clear to me. The first is this: Based on all my insights, I must regard it as an urgent necessity that Spiritual Science be brought to humanity. But the other is equally clear to me: that the institution founded for this purpose is in crisis. And that is why I had no choice but to, so to speak, “torment” you with what I had to say yesterday and today, for you have been told that meetings are being held to remedy this or that. If these meetings, in turn, pass just as many earlier ones did in similar cases, then we will make no progress.
[ 34 ] Bedenken Sie nur, meine lieben Freunde, daß mit der einfachen Maßregel des Ausschließens niemals irgend etwas erreicht werden kann. Das Ausschließen entscheidet ja gar nichts über irgendeine Angelegenheit der Gesellschaft. Nicht wahr, wir haben vor vielen Jahren den Dr. Hugo Vollrath ausgeschlossen. Alles, alles, was durch den Mann später bewirkt worden ist, wurde bewirkt, trotzdem er ausgeschlossen worden war. Und so wird es in ähnlichen Fällen sein. Man kann ja ausschließen, aber man kann sich nicht mit der Ausschließung beruhigen.
[ 34 ] Just consider, my dear friends, that nothing can ever be achieved by the simple measure of expulsion. Expulsion does not, after all, decide anything regarding any matter of the society. Isn’t that right? We expelled Dr. Hugo Vollrath many years ago. Everything—absolutely everything—that this man later accomplished was accomplished despite the fact that he had been expelled. And so it will be in similar cases. One can certainly expel someone, but one cannot rest content with the expulsion alone.
[ 35 ] Wenn Sie, meine lieben Freunde, die «Theosophie» aufschlagen das ist also das allererste Buch, das ich in der theosophischen Bewegung zur Theosophie selber geschrieben habe -, und darin das Kapitel «Der Pfad der Erkenntnis» nehmen, so werden Sie darin Dinge finden, mit Hilfe derer, wenn Sie sie durchdenken, Sie sich alles, was ich gestern und heute ausgeführt habe, mit Leichtigkeit selber sagen könnten. Denn das steht alles in diesem Kapitel. Aber es geht daraus auch hervor, daß schon dieses allererste Buch nicht verstanden worden ist, denn sonst hätten viele Dinge, die in den letzten Zeiten geschehen sind, nicht geschehen können.
[ 35 ] If you, my dear friends, open *Theosophy*—which is, in fact, the very first book I wrote on theosophy itself within the Theosophical Movement—and turn to the chapter “The Path of Knowledge,” you will find things there that, if you think them through, will enable you to easily articulate for yourselves everything I have explained yesterday and today. For all of that is contained in this chapter. But it also becomes clear from this that even this very first book has not been understood; otherwise, many of the things that have happened in recent times could not have occurred.
[ 36 ] Wir müssen also dafür sorgen, daß wir mit möglichst großem Ernste und möglichst großer Würde solche Dinge ins Auge fassen, wie wir sie morgen bei der Ersatz-Generalversammlung ins Auge fassen wollen.1Vgl. im Anhang, Seite 183. Denn wir müssen uns fragen, ob wir es bis zu dem angedeuteten Punkte kommen lassen wollen, daß eine Zeit kommt, wo wir sagen müssen: Auf dem Wege einer solchen Gesellschaft läßt sich die Geisteswissenschaft nicht verbreiten. Wir müßten dann versuchen, wenn es durch die Gesellschaft unmöglich gemacht wird, das, was als Leichnam übrigbleibt, auf eine andere Weise zu pflegen, und das würde merklich viel schwieriger sein ...2Hier folgen im Stenogramm noch einige Zeilen, die keinen zusammenhängenden Sinn ergeben.
[ 36 ] We must therefore ensure that we approach matters such as those we intend to address tomorrow at the substitute general assembly with the utmost seriousness and dignity. 1See the appendix, page 183. For we must ask ourselves whether we want to let matters come to the point indicated—that a time will come when we must say: Spiritual Science cannot be spread through such an organization. We would then have to try, if the Society makes it impossible, to nurture what remains as a corpse in some other way, and that would be noticeably much more difficult ...2Here, the stenographic record continues with a few lines that do not make coherent sense.
[ 37 ] Ich habe nicht für das Programm morgen zu sorgen. Da aber die Art und Weise, wie das Programm morgen erledigt werden wird, mit entscheidend sein wird, ob die Anthroposophische Gesellschaft auch künftig möglich sein wird oder nicht, so begnüge ich mich damit, Ihnen dringend ans Herz zu legen, alles mit der größten Verantwortlichkeit ins Auge zu fassen und nicht leichten Herzens über Dinge hinwegzugehen, die für die ganze Menschheitskultur die größte Bedeutung haben.
[ 37 ] I am not responsible for tomorrow’s program. However, since the way in which tomorrow’s program is carried out will be a decisive factor in whether the Anthroposophical Society will continue to exist in the future, I will content myself with urging you to approach everything with the utmost sense of responsibility and not to take lightly matters that are of the greatest importance for the entire culture of humanity.
