Difficulties of Living Together
in the Anthroposophical Society
The Dornach Crisis in the Summer of 1915
GA 253
13 September 1915, Dornach
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Difficulties of Living Together in the Anthroposophical Society, tr. SOL
4. Gedankengänge und Methoden der Freudschen Psychoanalyse
4. Thought Processes and Methods of Freudian Psychoanalysis
[ 1 ] Meine lieben Freunde! Ich muß annehmen, daß innerhalb der Verhandlungen, die jetzt gepflogen werden, die Köpfe augenblicklich weniger bereit sein könnten, einen Vortrag entgegenzunchmen, der sich mit dem Thema befaßt, das als Fortsetzung des gestern angeschlagenen zu gelten hat. Ich werde darum für diejenigen, die daran teilnehmen wollen, diesen Vortrag morgen halten und möchte heute über etwas sprechen, was in der einen oder anderen Weise in Zusammenhang stehen wird mit den Angelegenheiten, die die Gemüter jetzt unmittelbar ja beschäftigen und beschäftigen müssen.1Siehe im Anhang.
[ 1 ] My dear friends! I must assume that, in light of the negotiations currently underway, people may be less inclined at the moment to welcome a lecture that addresses the topic, which should be considered a continuation of the one presented yesterday. I will therefore deliver this lecture tomorrow for those who wish to attend, and today I would like to speak about something that, in one way or another, will be related to the matters that are—and must be—of immediate concern to everyone right now.1See the appendix.
[ 2 ] Zunächst möchte ich in ganz bestimmter Weise die Frage aufwerfen: Was liegt uns denn eigentlich in dem Falle Goesch-Sprengel in Wirklichkeit vor? Wie kann sich uns dasjenige ergeben, von dem ich gerade in den Vorträgen der letzten Wochen öfter gesprochen habe, nämlich daß es wichtig ist, einer Sache gegenüber den richtigen Gesichtspunkt zu finden. Also die Frage möchte ich aufwerfen: Wie kann man allmählich durch ein ganz objektives Studium dieses Falles zu einem richtigen Gesichtspunkt darüber kommen?
[ 2 ] First of all, I would like to raise the question in a very specific way: What are we actually dealing with in the Goesch-Sprengel case? How can we arrive at what I have spoken about frequently in my lectures over the past few weeks—namely, that it is important to find the correct perspective on a matter? So I would like to pose the question: How can one gradually arrive at the correct perspective on this case through a completely objective study of it?
[ 3 ] Wenn man einen solchen Fall objektiv behandeln will, dann muß man ihn erstens aus seinem persönlichen Zusammenhang herauslösen und zweitens ihn in einen etwas größeren Zusammenhang hineinstellen. Und wenn sich dann, wie ich glaube, ergibt, daß gerade dieser größere Zusammenhang das Wichtigste für uns ist, insofern wir von uns als unserer Bewegung sprechen, dann obliegt es uns geradezu, ich möchte sagen, zu unserer Belehrung, um der Geisteswissenschaft selber willen, einen solchen Fall zu studieren. Nun steht der ganze Fall allerdings in einem größeren Zusammenhang darinnen; inwiefern, das kann sich ergeben, wenn man den Brief, den Herr Dr. Goesch am 19. August 1915 geschrieben hat, in bezug auf seine Hauptbeweggründe, in bezug auf seine Hauptargumente einmal ins Auge faßt.
[ 3 ] If one wishes to treat such a case objectively, one must, first, remove it from its personal context and, second, place it within a somewhat broader context. And if it then turns out—as I believe it will—that this broader context is precisely what is most important for us, insofar as we speak of ourselves as our movement, then it is our duty—I would even say, for our own instruction, for the sake of Spiritual Science itself—to study such a case. Now, the entire case does indeed fit into a broader context; to what extent this is true may become clear if one takes a closer look at the letter Dr. Goesch wrote on August 19, 1915, with regard to his main motives and his main arguments.
[ 4 ] Nun möchte ich Sie, da Sie vor wichtigen Verhandlungen stehen, nicht allzulange aufhalten und zunächst nur einige wesentliche Hauptpunkte herausheben. Ein solcher Hauptpunkt ist erstens der Vorwurf des Nichthaltens von Versprechen. Wenn Sie den Brief aufmerksam angehört haben, werden Sie bemerkt haben, daß das Schwergewicht nicht in dem bloßen Vorwurf des Versprechengebens und -Nichthaltens liegt, sondern daß der Hauptvorwurf der ist, daß von mir geradezu eine Methode gesucht werde und darin geradezu systematisch vorgegangen würde, den Mitgliedern Versprechungen zu geben und diese nicht zu halten; und daß die Mitglieder wenn sie merken, daß die Versprechungen nicht gehalten werden dann in einen gewissen Geisteszustand versetzt würden, der ihnen auferlegt, sich zu demjenigen, der das Versprechen gegeben und nicht gehalten hat, in ein gewisses Verhältnis zu setzen, und dadurch eine Akkumulation von Kräften entstehe, welche, indem sie sich in der Seele anhäufen, nach und nach zur Verblödung der Mitglieder führen müsse.
[ 4 ] Now, since you are facing important negotiations, I do not wish to detain you for too long and will begin by highlighting just a few key points. The first of these key points is the accusation of breaking promises. If you listened carefully to the letter, you will have noticed that the emphasis is not merely on the accusation of making and breaking promises, but that the main accusation is that I am actively pursuing a method—and proceeding in a systematic manner—of making promises to the members and then failing to keep them; and that when the members realize that the promises are not being kept, they are placed in a certain mental state that compels them to adopt a certain attitude toward the one who made and broke the promise, thereby creating an accumulation of forces which, as they build up in the soul, must gradually lead to the members’ mental degradation.
[ 5 ] Das ist die erste Hypothese, die aufgestellt wird. Wir haben es also mit der Behauptung zu tun, daß systematisch versucht wird, die Verblödung, das heißt die Umdüsterung der Mitglieder herbeizuführen, daß das absichtliche Geben und Nichthalten von Versprechungen ein Mittel sei, um den normalen Bewußtseinszustand der Mitglieder abzudämpfen, so daß sie in eine Art von Verblödung und Vertrottelung hineingeführt würden. Das ist in dem Briefe als erstes ausgesprochen.
[ 5 ] This is the first hypothesis that is put forward. We are thus dealing with the claim that systematic attempts are being made to induce stupidity—that is, to cloud the minds of the members—and that the deliberate making and breaking of promises is a means of dampening the members’ normal state of consciousness, so that they are led into a kind of stupidity and dullness. This is the first point made in the letter.
[ 6 ] Als zweites ist darin ausgesprochen, daß eines der Mittel, mit dem operiert werde, das sei: Händedrücke zu geben, freundliche Gespräche zu führen und dergleichen, kurz, eine gewisse Art von Berührung mit den Mitgliedern herbeizuführen, welche wiederum durch ihre besondere Artung und durch die Einflüsse, die auf die Mitglieder damit ausgeübt werden, geeignet ist, in den Seelen der Mitglieder etwas hervorzurufen, was eben beabsichtigt sei und was auf dem Wege der Berührung hervorgerufen werden soll, sei es durch Händedrücken, sei es durch das Gespräch.
[ 6 ] Secondly, it states that one of the methods used is: shaking hands, engaging in friendly conversation, and the like, in short, to establish a certain kind of contact with the members, which, in turn, through its particular nature and the influences it exerts on the members, is suited to evoke in their souls precisely what is intended and what is to be brought about through this contact, whether by shaking hands or through conversation.
[ 7 ] Als drittes, das ins Auge zu fassen ist - und das ist das tragende Gerüst in dem ganzen Briefe des Herrn Dr. Goesch, das ihn so ganz durchzieht -, das ist die Art des Verhältnisses von Fräulein Sprengel zu Herrn Dr. Goesch.
[ 7 ] The third point to consider—and this is the central theme running throughout Dr. Goesch’s entire letter—is the nature of the relationship between Miss Sprengel and Dr. Goesch.
[ 8 ] Diese drei Punkte, die vermehrt werden könnten, seien zuerst herausgehoben.
[ 8 ] These three points—which could be expanded upon—should be highlighted first.
[ 9 ] Nun fragt es sich in erster Linie: Wie kommt Dr. Goesch dazu, auf Grundlage der zwei ersten Punkte eine so systematische Theorie aufzubauen über die Art, wie Mittel verwendet werden, um die Mitglieder in ihrem Bewußtseinszustand zu schädigen? Dem muß man nachgehen und zu erfahren suchen: Woher kommt so etwas? Und da wird man bei Herrn Dr. Goesch geführt auf sein jahrelanges Darinnenstehen in der sogenannten Freudschen psychoanalytischen Theorie. Und wenn man sich mit dieser Theorie studierend beschäftigt, dann wird man bemerken, daß diese innig zusammenhängt mit der ganzen Art und Weise, wie sich das pathologische Bild in dem Briefe darlebt; daß man gewisse Fäden ziehen muß von diesem pathologischen Bilde in bezug auf die zwei ersten Punkte zu dem Darinnenstehen des Herrn Dr. Goesch in der Freudschen psychoanalytischen Weltanschauung.
[ 9 ] The primary question is: How does Dr. Goesch come to construct, based on the first two points, such a systematic theory about the way in which means are used to harm members in their state of consciousness? One must investigate this and seek to understand: Where does such a theory come from? And here, Dr. Goesch leads us to his years of immersion in so-called Freudian psychoanalytic theory. And when one studies this theory, one will notice that it is intimately connected with the entire nature of the pathological picture presented in the letter; that one must draw certain connections from this pathological picture—in relation to the first two points—to Dr. Goesch’s deep immersion in the Freudian psychoanalytic worldview.
[ 10 ] Nun bin ich selbstverständlich nicht in der Lage, Ihnen in Kürze ein umfassendes Bild der Freudschen psychoanalytischen Theorie geben zu können. Ich will nur einiges ausführen, was zur Aufklärung des Falles Goesch-Sprengel dienen kann. Aber ich darf sagen, daß ich mich in gewisser Beziehung berechtigt fühle, auch über die Psychoanalyse zu sprechen, da einer derjenigen medizinischen Gelehrten, der an deren Ausgangspunkt, an deren Begründung beteiligt war, der aber später, nachdem die Entartung der Psychoanalyse im späteren Leben des Dr. Freud stattgefunden hatte, die psychoanalytische Theorie wieder verlassen hat, in früheren Jahren in freundschaftlicher Beziehung zu mir gestanden hat.
[ 10 ] Of course, I am not in a position to give you a comprehensive overview of Freudian psychoanalytic theory in such a short time. I merely wish to elaborate on a few points that may help clarify the Goesch-Sprengel case. But I may say that I feel justified, in a certain sense, in speaking about psychoanalysis as well, since one of the medical scholars who was involved in its inception and foundation—but who later, after psychoanalysis had degenerated during Dr. Freud’s later years, abandoned psychoanalytic theory, was a friend of mine in earlier years.
[ 11 ] Fassen Sie also das, was ich nun sagen werde, nicht als vollständige Charakterisierung der Freudschen psychoanalytischen Theorie auf, sondern nur als ein Herausheben einiger Punkte.
[ 11 ] So please do not take what I am about to say as a complete characterization of Freudian psychoanalytic theory, but merely as a highlighting of a few points.
[ 12 ] Zunächst geht der Psychoanalytiker Freudscher Art davon aus, daß neben dem bewußten noch ein unbewußtes Seelenleben vorhanden ist, das heißt, daß außer dem Seelenleben des Menschen, das bewußt abläuft, noch ein unbewußtes Seelenleben vorhanden ist, mit einem Inhalt, über den sich der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein nicht klar ist. Nun bildet einen wichtigen Teil der Psychoanalyse die Lehre, daß gewisse Erlebnisse, die ein Mensch im Laufe seines Lebens haben kann, auf ihn einen Eindruck machen können, aber so, daß der Eindruck aus dem Bewußtsein in das Unterbewußtsein verschwindet und dort fortlebt. So daß also nach der Anschauung des Psychoanalytikers nicht voll zum gegenwärtigen Bewußtsein zu kommen braucht, was in das Unbewußte hinuntergeht; daß zum Beispiel der Mensch während seiner Kindheit irgendeinen Eindruck gehabt haben kann, der ihm nicht voll zum Bewußtsein kommt, aber doch so stark auf seine Seele wirkte, daß er ins Unbewußte hinunterging und da weiterwirkt. Die Wirkung bleibt vorhanden. So daß man also vor den Fall gestellt sein kann - ich will gleich, indem ich viele Mittelglieder auslasse, das Ergebnis der ganzen Sache kurz vor Augen führen -, daß die Wirkung später zu einem gestörten Seelenleben geführt hat und man sagen kann: Da muß im Unterbewußtsein so etwas wie eine Art Seeleninsel drunten sein, das als Erlebnis in früherer Zeit, meist in der Jugend, vorhanden war, was dann fortwuchert. Wenn man in der geschilderten psychoanalytischen, katechisierenden Weise den Dingen nachgeht, so kann man solche Seeleninseln, die im Unterbewußtsein wuchern, ins Bewußtsein heraufheben. Und dadurch, daß man dieses Unterbewußte in den Bewußtseinskomplex heraufhebt, zum Bewußtsein bringt, heilt man den Menschen in der Richtung, in der er einen solchen Seelendefekt hat.
[ 12 ] First of all, the Freudian psychoanalyst assumes that, in addition to the conscious mind, there is also an unconscious mental life—that is, that besides the mental life of a person, which takes place consciously, there is also an unconscious mental life with content of which the person is not aware in ordinary consciousness. Now, an important part of psychoanalysis is the doctrine that certain experiences a person may have in the course of their life can make an impression on them, but in such a way that the impression disappears from consciousness into the subconscious and lives on there. Thus, according to the psychoanalyst’s view, what sinks into the unconscious need not fully enter present consciousness; for example, a person may have had some impression during childhood that does not fully enter their consciousness, yet had such a strong effect on their psyche that it sank into the unconscious and continues to exert its influence there. The effect remains. So one may find oneself faced with a situation—I will now, by omitting many intermediate steps, briefly outline the result of the whole matter—where the effect later led to a disturbed mental life, and one can say: There must be something like a “mental island” down in the subconscious, which existed as an experience in an earlier time, usually in youth, and which then continues to grow. If one investigates these matters in the psychoanalytic, catechizing manner described, one can bring such “islands of the soul,” which proliferate in the subconscious, up into consciousness. And by bringing this subconscious into the complex of consciousness—that is, by making it conscious—one heals the person in the area where they have such a psychological defect.
[ 13 ] Am Ausgangspunkte der psychoanalytischen Bestrebung war, namentlich von Dr. Breuer, die Praxis befolgt worden, diese Katechisierung in der Hypnose vorzunehmen. Davon war aber abgegangen worden; die Freudsche Schule macht diese katechisierende Analyse jetzt beim Wachbewußtsein. Es sind also fortwuchernde Seeleninseln vorhanden, die aber nicht im Bewußtsein sind.
[ 13 ] At the outset of psychoanalytic endeavors, particularly under Dr. Breuer, the practice had been to conduct this interrogative analysis under hypnosis. However, this approach was later abandoned; the Freudian school now conducts this interrogative analysis while the patient is awake. There are thus proliferating islands of the psyche that are not present in consciousness.
[ 14 ] Nun hat sich diese psychoanalytische Weltanschauung nach und nach über alle möglichen Lebenserscheinungen verbreitet, und sie versucht, dafür Erklärungen zu geben vor allem auch in bezug auf die Traumerscheinungen des Menschen. Und da - ich habe das schon einmal in einem Vortrage vor unseren Freunden an irgendeinem Orte ausgeführt - ergeht sich die Freudsche Schule schon in den allergewagtesten Vorstellungen. Sie sagt, daß im Traume vorzugsweise unerfüllte Wünsche des Menschen eine Rolle spielen. Es sei ein sehr häufiger typischer Fall, daß der Mensch im Traume oftmals etwas aus dem Grunde erlebt, weil es ein unerfüllter Wunsch ist, ein Wunsch, der im äußeren Leben nicht erfüllt werden kann.
[ 14 ] Now this psychoanalytic worldview has gradually spread to all possible aspects of life, and it attempts to provide explanations for them, especially with regard to human dreams. And here—as I have already explained once in a lecture to our friends somewhere—the Freudian school indulges in the most daring mental images. It claims that unfulfilled human desires play a predominant role in dreams. It is a very common, typical case that people often experience something in a dream precisely because it is an unfulfilled desire—a desire that cannot be fulfilled in waking life.
[ 15 ] Nun kann es vorkommen - und das würde vom Standpunkte der psychoanalytischen Theoretiker das Bedeutsame sein -, daß ein solcher Wunsch, der in einer also unbewußten Seeleninsel vorhanden ist, vom Traum heraufgehoben wird und eine Umkleidung sein kann von einem Impuls, der schon in früher Jugend auf den Menschen ausgeübt worden ist.
[ 15 ] Now it may happen—and this would be the significant point from the standpoint of psychoanalytic theorists—that such a desire, which exists in an unconscious “island of the soul,” is brought to the surface by a dream and may be a disguised form of an impulse that was already exerted on the person in early youth.
[ 16 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, daß gerade in diesen Gedankengängen etwas höchst Eigentümliches liegt, nämlich daß vorausgesetzt wird, daß der Mensch zum Beispiel als junger Bursche oder als junges Mädchen ein Erlebnis gehabt hat, das ins Unterbewußte hinuntergegangen ist und sich dann als Trübung des Bewußtseins, als Phantasie-Erlebnis auslebt.
[ 16 ] You see, my dear friends, that there is something highly peculiar about these lines of thought, namely that they assume that a person—for example, a young man or a young woman—has had an experience that has sunk into the subconscious and then manifests itself as a clouding of consciousness, as a fantasy experience.
[ 17 ] Nehmen Sie jetzt das Schema: Tageserlebnisse werden hinuntergedrückt in das Unterbewußte, sie leben da weiter und führen zu einem geschwächten Bewußtsein - dann haben Sie genau das Schema, das Dr. Goesch aufbaut in bezug auf das Versprechengeben und deren Nichthalten, das Weiterwirken im Unterbewußtsein, und daß damit beabsichtigt werde, im Unterbewußtsein etwas zu bewirken wie die Inseln der Freudschen psychoanalytischen Theorie, und daß jetzt in raffiniert-systematischer Weise operiert werde und ein Zustand der Verblödung hervorgebracht werde, wie sonst ihn in der Seele der Traum hervorbringt durch das, was durch die in das Unterbewußte hinuntergesunkenen Tageserlebnisse hervorgebracht wird.
[ 17 ] Now consider this pattern: daily experiences are pushed down into the subconscious, where they continue to exist and lead to a weakened state of consciousness—then you have exactly the pattern that Dr. Goesch describes with regard to making promises and breaking them, their lingering effect in the subconscious, and that the intention is to effect something in the subconscious, much like the “islands” of Freudian psychoanalytic theory, and that this now operates in a sophisticated and systematic manner, producing a state of mental dullness—similar to that which dreams otherwise produce in the soul—through the effects of daily experiences that have sunk into the subconscious.
[ 18 ] Eine vertrackte Theorie, die, wenn man in ihr lebt, gewisse Gedankenformen auslöst, die sich dann auf das ganze Denken übertragen. Mit dieser Theorie hängt es zusammen, warum bei Dr. Goesch, wie Sie finden können, ein so waghalsiger Gedanke überhaupt auftreten kann.
[ 18 ] A convoluted theory that, when one lives by it, triggers certain thought patterns that then permeate one’s entire way of thinking. This theory explains why, as you will see, such a daring idea could even occur to Dr. Goesch.
[ 19 ] Weiter habe ich gesagt: Die Berührungsvorstellung spielt eine große Rolle. Meine lieben Freunde, ich will Ihnen nun einige Stellen aus einem der Bücher des Prof. Sigmund Freud vorlesen, bei denen ich Sie bitte, auf einiges achtzugeben. Ich muß aber, bevor ich diese Stellen vorlese - sie sind aus einem Buche, in dem Freudsche Aufsätze aus der Freudschen Zeitschrift «Imago» gesammelt sind -, etwas anderes vorausschicken, weil es mit dem Fall Goesch-Sprengel zu tun hat.
[ 19 ] I went on to say: The concept of touch plays a major role. My dear friends, I would now like to read to you a few passages from one of Prof. Sigmund Freud’s books, and I ask you to pay close attention to certain points. However, before I read these passages—which are taken from a book containing a collection of Freud’s essays from the journal *Imago*—I must first make a preliminary remark, as it relates to the Goesch-Sprengel case.
[ 20 ] Erinnern Sie sich - diejenigen, die Fräulein Sprengel längere Zeit kennen, werden es wissen -, daß bei ihr eine große Rolle die Tatsache spielt, daß sie ihr Äußeres bewahrt haben will vor Leuten, die einen Einfluß auf die Aura haben, daß sie einen Horror hatte, einem die Hand zu geben und dergleichen. Die Vorstellung, daß das Händegeben ein Kapitalverbrechen sei in unserer Esoterik, das ist eine Vorstellung, die sie sich bildete schon zu einer Zeit, als Dr. Goesch noch nicht hier war. Zur Charakteristik der Sache will ich einen Vorgang schildern. Ich hatte in dem Laboratorium von Dr. Schmiedel etwas zu tun und traf darin auch Fräulein Sprengel. Ich gab ihr die Hand, und dies gab ihr die Veranlassung, zu sagen: So ist es immer bei ihm; er tut einem alles mögliche an, gibt einem dann die Hand, und dadurch wird alles vergessen gemacht. - Da haben Sie den Urkeim von der Theorie mit dem Handgeben.
[ 20 ] Remember—those who have known Miss Sprengel for a long time will know this—that a major factor for her is the fact that she wants to protect her appearance from people who have an influence on her aura; she was absolutely horrified at the thought of shaking someone’s hand and the like. The mental image that shaking hands is a capital offense in our esoteric circles is one she formed long before Dr. Goesch was even here. To illustrate the point, I’ll describe an incident. I had some business to attend to in Dr. Schmiedel’s laboratory and ran into Miss Sprengel there. I shook her hand, and this prompted her to say: “It’s always like that with him; he does all sorts of things to you, then shakes your hand, and that makes you forget everything.”—There you have the seed of the theory about shaking hands.
[ 21 ] Gestern wurde Ihnen vorgelesen, was in Fräulein Sprengel, in ihrer vertrackten Seelenkonstitution, aus dieser Theorie mit Hilfe von Dr. Goesch geworden ist: Er brachte ihr die Freudschen Theorien entgegen und konnte die Dinge systematisch mit den Freudschen Gedankenformen verbinden. Auf Seite 27 des genannten Buches von Freud befindet sich nun folgende Stelle:
[ 21 ] Yesterday, you were read an account of what became of this theory in Miss Sprengel—with her complex psychological makeup—with the help of Dr. Goesch: He introduced her to Freudian theories and was able to systematically connect the concepts to Freudian thought patterns. On page 27 of the aforementioned book by Freud, the following passage appears:
Der Hauptcharakter der psychologischen Konstellation, die so fixiert worden ist, liegt in dem, was man das ambivalente Verhalten des Individuums gegen das Objekt, vielmehr die eine Handlung an ihm, heißen könnte. (Nach einem trefflichen Ausdruck von Bleuler.) Es will diese Handlung - die Berührung - immer wieder ausführen, es sieht in ihr den höchsten Genuß, aber es darf sie nicht ausführen, es verabscheut sie auch. Der Gegensatz der beiden Strömungen ist auf kurzem Wege nicht ausgleichbar, weil sie - wir können nur sagen - im Seelenleben so lokalisiert sind, daß sie nicht zusammenstoßen können. Das Verbot wird laut bewußt, die fortdauernde Berührungslust ist unbewußt, die Person weiß nichts von ihr. Bestünde dieses psychologische Moment nicht, so könnte eine Ambivalenz weder sich so lange erhalten, noch könnte sie zu solchen Folgeerscheinungen führen.»
The main characteristic of the psychological constellation that has thus been established lies in what might be called the individual’s ambivalent behavior toward the object—or rather, a specific action directed at it. (To borrow an apt expression from Bleuler.) The individual wants to perform this action—the touch—again and again; he sees in it the highest pleasure, but he is not allowed to perform it, and he also abhors it. The conflict between these two currents cannot be resolved quickly because—we can only say—they are localized in the psyche in such a way that they cannot collide. The prohibition is consciously recognized, while the persistent desire for contact remains unconscious; the person is unaware of it. Were this psychological factor not present, such ambivalence could neither persist for so long nor lead to such consequences.”
[ 22 ] - Hier ist sehr viel geredet darüber, wie die Berührungsangst eine gewisse Rolle spielt bei den Neurotikern.—
[ 22 ] - There is a lot of talk here about how fear of physical contact plays a certain role in neurotics.—
«In der klinischen Geschichte des Falles haben wir das Eindringen des Verbotes in so frühem Kindesalter als das maßgebende hervorgehoben; für die weitere Gestaltung fällt diese Rolle dem Mechanismus der Verdrängung auf dieser Altersstufe zu. Infolge der stattgehabten Verdrängung, die mit einem Vergessen - Amnesie - verbunden ist, bleibt die Motivierung des bewußt gewordenen Verbotes unbekannt und müssen alle Versuche scheitern, es intellektuell zu zersetzen, da diese den Punkt nicht finden, an dem sie angreifen könnten. Das Verbot verdankt seine Stärke seinen Zwangscharakter - gerade der Beziehung zu seinem unbewußten Gegenpart, der im Verborgenen ungedämpften Lust, also einer inneren Notwendigkeit, in welche die bewußte Einsicht fehlt. Die Übertragbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit des Verbots spiegelt einen Vorgang wider, der sich mit der unbewußten Lust zuträgt und unter den psychologischen Bedingungen des Unbewußten besonders erleichtert ist. Die Trieblust verschiebt sich beständig, um der Absperrung, in der sie sich befindet, zu entgehen, und sucht Surrogate für das Verbotene - Ersatzobjekte und Ersatzhandlungen - zu gewinnen. Darum wandert auch das Verbot und dehnt sich auf die neuen Ziele der verpönten Regung aus. Jeden neuen Vorstoß der verdrängten Libido beantwortet das Verbot mit einer neuen Verschärfung. Die gegenseitige Hemmung der beiden ringenden Mächte erzeugt ein Bedürfnis nach Abfuhr, nach Verringerung der herrschenden Spannung, in welchem man die Motivierung der Zwangshandlungen erkennen darf. Diese sind bei der Neurose deutliche Kompromißaktionen, in der einen Ansicht Bezeugungen von Reue, Bemühungen zur Sühne und dergleichen, in der anderen aber gleichzeitig Ersatzhandlungen, welche den Trieb für das Verbotene entschädigen. Es ist ein Gesetz der neurotischen Erkrankung, daß diese Zwangshandlungen immer mehr in den Dienst des Triebes treten und immer näher an die ursprünglich verbotene Handlung herankommen.»
“In the clinical history of the case, we have emphasized the imposition of the prohibition at such an early age as the decisive factor; for the subsequent development, this role falls to the mechanism of repression at this stage of development. As a result of the repression that has taken place—which is associated with forgetting (amnesia)—the motivation behind the prohibition that has come to consciousness remains unknown, and all attempts to intellectually deconstruct it are bound to fail, since they cannot find the point at which to make their attack. The prohibition owes its strength to its coercive nature—precisely to its relationship with its unconscious counterpart, the hidden, unchecked desire, that is, an inner necessity for which conscious insight is lacking. The transferability and reproducibility of the prohibition reflect a process that takes place in relation to unconscious pleasure and is particularly facilitated under the psychological conditions of the unconscious. Instinctual pleasure constantly shifts in order to evade the barrier it faces and seeks to acquire surrogates for the forbidden—substitute objects and substitute actions. For this reason, the prohibition also shifts and extends to the new targets of the frowned-upon impulse. The prohibition responds to every new advance of the repressed libido with a new intensification. The mutual inhibition of these two contending forces creates a need for relief, for a reduction in the prevailing tension, in which one may recognize the motivation behind compulsive acts. In neurosis, these are clear compromise actions: on the one hand, expressions of remorse, efforts at atonement, and the like; on the other hand, however, they are simultaneously substitute actions that compensate for the drive toward the forbidden. It is a law of neurotic illness that these compulsive acts increasingly serve the drive and come ever closer to the originally forbidden act.”
[ 23 ] Nehmen Sie diesen ganzen Zwangsvorstellungsprozeß der Berührungsangst, und denken Sie sich, Fräulein Sprengel wäre als solches Objekt der Berührungsangst einem Psychoanalytiker gegenübergestellt worden und dieser hätte seine gewöhnliche psychoanalytische Praxis ausgeübt, hätte sie katechisiert wegen der Berührungsangst und hätte zu finden gesucht die Voraussetzung, die zu ihrer Berührungsangst geführt hat.
[ 23 ] Consider this entire process of obsessive thinking surrounding the fear of physical contact, and imagine that Miss Sprengel, as such an object of fear of being touched, had been brought before a psychoanalyst, and that he had carried out his usual psychoanalytic practice, had questioned her about her fear of being touched, and had sought to identify the underlying cause that led to her fear of being touched.
[ 24 ] Ein drittes Moment, das ich herausheben wollte, ist das Verhältnis von Fräulein Sprengel zu Herrn Goesch. Dieses Verhältnis müßte — nach psychoanalytischer Theorie - selbstverständlich so gekennzeichnet werden, daß da maskierte erotische Vorstellungen spielen. Ich meine das ganz objektiv. (...) 1Bei der folgenden Ausführung wurde offensichtlich die Verbindung vom Fall GoeschSprengel zur Psychoanalyse aufgezeigt. Der Stenograph konnte jedoch nur die Worte festhalten: «Nun handelt es sich darum, wie wird eine Verbindung geschaffen ... indern solche maskierten Triebe vorhanden... gerade zwischen zwei Persönlichkeiten dieser Art ...»
[ 24 ] A third point I wanted to highlight is the relationship between Miss Sprengel and Mr. Goesch. According to psychoanalytic theory, this relationship would naturally be characterized by masked erotic mental images. I mean this entirely objectively. (...) 1In the following remarks, the connection between the Goesch-Sprengel case and psychoanalysis was evidently demonstrated. However, the stenographer was only able to record the words: “Now the question is, how is a connection established … when such masked drives are present … precisely between two personalities of this kind …”
[ 25 ] Meine lieben Freunde, da müssen wir noch ein bißchen weiter in das ganze Gefüge der psychoanalytischen Weltanschauung hineinschauen. Nach dem, wie ich sie Ihnen jetzt analysiert habe, werden also gewisse Seeleninseln aus dem Unterbewußtsein heraufgeholt, und es wird vorausgesetzt, daß alle diese Seeleninseln in weitaus überwiegendem Maße sexueller Natur sind, so daß die Aufgabe des Psychoanalytikers darin besteht, auf solche während der ersten Zeit des Lebens geschehene und dann in das Unterbewußtsein hinuntergegangene Erlebnisse zu kommen und sie zum Zwecke der Heilung wieder heraufzuholen. Die Heilung wird nach Freudscher Theorie gerade dadurch bewirkt, daß man verborgene sexuelle Komplexe aus den unterbewußten Gründen des Seelenlebens ins Bewußtsein heraufholt. Wie viele Erfolge diese Methode, um Patienten zu heilen, gehabt hat, das wird in den darauf bezüglichen Büchern viel erörtert.
[ 25 ] My dear friends, we need to delve a little deeper into the overall structure of the psychoanalytic worldview. According to the analysis I have just presented to you, certain “islands of the soul” are brought up from the unconscious, and it is assumed that all these “islands of the soul” are, to a far greater extent, of a sexual nature, so that the psychoanalyst’s task consists in identifying experiences that occurred during the early stages of life and then sank into the unconscious, and in bringing them back to the surface for the purpose of healing. According to Freudian theory, healing is achieved precisely by bringing hidden sexual complexes from the subconscious depths of the psyche into consciousness. The extent to which this method has been successful in healing patients is discussed at length in the relevant books.
[ 26 ] Sie sehen, wie die Grundnuance des ganzen Denkens der Psychoanalytiker vielfach ein von psychischer Sexualität durchdrungenes ist. Das geht so weit, meine lieben Freunde, daß die PsychoanaIyse auf alle möglichen anderen Erscheinungen des Lebens angewandt wird. Das geht so weit, daß zum Beispiel die Mythologie, die Sagenkunde, von Anhängern Freuds und von Freud selber im psychoanalytischen Sinne so gedeutet wird, daß immer - das ist in dem weitaus größten Maße der Fall - auf verborgene psychische Sexualität geschlossen wird. Sie wollen zum Beispiel die Ödipussage, das Ödipusproblem erklären. Der Inhalt der Ödipussage ist ja kurz gesagt der, daß Ödipus dazu geführt wird, seinen Vater zu töten und seine Mutter zu heiraten. Nun fragt der Psychoanalytiker: Worauf beruht so etwas? - Und er sagt: Solche Dinge beruhen immer auf den in das unbewußte Seelenleben hinuntergedrängten sexuellen Komplexen, bei denen es sich gewöhnlich um ein sexuelles Erlebnis handelt, das in der allerersten Kindheit stattgefunden hat. Und da das Verhältnis des Kindes zum Vater und zu der Mutter schon von der Geburt an ein sexuelles ist - es ist dies eine feststehende Freudsche Anschauung -, so ist das Kind, wenn es ein Knabe ist, unbewußt verliebt in seine Mutter und daher unbewußt, unterbewußt, eifersüchtig auf den Vater.
[ 26 ] You can see how the fundamental tone of the entire psychoanalytic way of thinking is, in many ways, one permeated by psychic sexuality. This goes so far, my dear friends, that psychoanalysis is applied to all manner of other phenomena in life. It goes so far that, for example, mythology and folklore are interpreted by Freud’s followers—and by Freud himself—in a psychoanalytic sense such that they always—and this is by far the most common case—infer hidden psychological sexuality. For example, they want to explain the Oedipus myth, the Oedipus complex. In short, the plot of the Oedipus myth is that Oedipus is led to kill his father and marry his mother. Now the psychoanalyst asks: What is the basis for something like this?—And he says: Such things are always based on sexual complexes repressed into the unconscious mind, which usually involve a sexual experience that took place in very early childhood. And since the child’s relationship with the father and the mother is already a sexual one from birth—this is an established Freudian view—the child, if he is a boy, is unconsciously in love with his mother and therefore unconsciously, subconsciously, jealous of the father.
[ 27 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, hier beginnt die Theorie dasjenige zu werden, was einen dazu verleiten kann zu sagen, diese Psychoanalytiker sollten ihre Theorie, wenn sie an sie glauben, vor allen Dingen auf sich selber anwenden; sie sollten sie darauf anwenden, daß ihr Schicksal, ihre Anschauung davon herrührt, daß sie in der Kindheit zu viele sexuelle Prozesse gehabt haben, die ins Seelenleben hinuntergesenkt worden sind. Diese Theorie muß vor allen Dingen auf Freud und seine Bekenner selber angewendet werden.
[ 27 ] You see, my dear friends, this is where the theory begins to become something that might lead one to say that these psychoanalysts, if they believe in their theory, should above all apply it to themselves; they should apply it to the fact that their fate and their view of it stem from having experienced too many sexual processes in childhood that were repressed into the unconscious. This theory must, above all, be applied to Freud and his followers themselves.
[ 28 ] Die Entstehung von so etwas wie die Ödipussage wird also, wie gesagt, darauf zurückgeführt, daß im Grunde genommen die meisten Knaben, bei ihrer Geburt beginnend, ein unerlaubtes Verhältnis zu ihrer Mutter hätten und daher auf ihren Vater eifersüchtig seien. Der Vater wird ihr Feind, und die Folge davon ist, daß in der trüben Phantasie der Knaben der Vater in irgendeiner Weise als Feind fortwuchert. Weil aber später durch den Verstand bewirkt wird, daß man kein Verhältnis zu der Mutter haben darf, so wird dieses Verhältnis hinuntergedrückt in das Unterbewußte. Der Knabe geht dann durch das Leben mit etwas, was nie zu seinem Bewußtsein kommt, das aber ist etwas wie ein unerlaubtes Verhältnis zu seiner Mutter und wie ein konträres Verhältnis zu seinem Vater, weil er ihn als Nebenbuhler empfindet.
[ 28 ] The origin of something like the Oedipus myth is thus, as mentioned, attributed to the fact that, fundamentally, most boys—beginning at birth—have an illicit relationship with their mother and are therefore jealous of their father. The father becomes her enemy, and the result is that, in the boys’ murky imagination, the father continues to loom as an enemy in some way. But because reason later dictates that one must not have a relationship with one’s mother, this relationship is repressed into the unconscious. The boy then goes through life carrying something that never enters his consciousness, but which is akin to a forbidden relationship with his mother and a conflictual relationship with his father, because he perceives him as a rival.
[ 29 ] Also nach psychoanalytischer Theorie muß man bei defekten Seelen nach Seelenkomplexen suchen, und dann wird man finden, wenn sie ins Bewußtsein heraufgehoben werden, daß eine Heilung eintreten kann. Es ist schade, daß ich die Dinge nicht weiter ausführen kann, aber ich will versuchen, sie so genau als möglich anzudeuten. In der Schrift, von der ich eben gesprochen habe, finden Sie zum Beispiel auf Seite 16 das Folgende:
[ 29 ] According to psychoanalytic theory, one must look for psychological complexes in disturbed minds, and then, once they are brought into consciousness, one will find that healing can occur. It is a pity that I cannot elaborate further, but I will try to explain them as precisely as possible. In the book I just mentioned, for example, you will find the following on page 16:
«Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie, durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtungen, in neuem Verständnis gesehen werden können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt worden und bedarf keiner weiteren Deutung.»
“In the preceding discussion, we have had little opportunity to show that the facts of ethnic psychology can be viewed in a new light through the application of psychoanalytic insights, for the aversion to incest among primitive peoples has long been recognized as such and requires no further interpretation.”
[ 30 ] In diesem Aufsatz wird nämlich ausgeführt, warum der Wilde das Verbot der Ehe mit Mutter und Schwester so strikt durchführt, warum unerlaubte Verhältnisse zu Mutter und Schwester bestraft werden. «Inzest» ist die Liebe zu Blutsverwandten, und einer der ersten Aufsätze in diesem Buche heißt «Die Inzestscheu». Diese wird auf die Weise begründet, daß eigentlich ein Inzesthang, namentlich bei jedem männlichen Individuum, vorhanden sei, weil ein gewisses, unerlaubtes Verhältnis zur Mutter vorhanden sei.
[ 30 ] This essay explains why Wilde enforces the prohibition against marriage to one’s mother and sister so strictly, and why illicit relationships with one’s mother and sister are punished. “Incest” is love for blood relatives, and one of the first essays in this book is titled “The Aversion to Incest.” This aversion is justified on the grounds that an incestuous tendency actually exists—particularly in every male individual—because a certain forbidden relationship with the mother is present.
«Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug
“What we can add in her defense is the observation that it is an exquisitely childish trait
[ 31 ] - das heißt, der Wilde behält ihn das ganze Leben, beim Kinde ist er ins Unterbewußte hinuntergedrückt—
[ 31 ] —that is, the savage retains it throughout his life, whereas in children it is repressed into the subconscious—
und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu erklären.
and a striking correspondence with the inner life of the neurotic. Psychoanalysis has taught us that a boy’s first choice of a sexual object is an incestuous one, directed toward the forbidden objects—the mother and sister—and has also taught us the ways in which the adolescent frees himself from the attraction of incest. The neurotic, however, typically represents a degree of psychological infantilism; he has either been unable to free himself from the childlike stages of psychosexual development, or he has regressed to them. (Developmental arrest and regression.) In his unconscious mental life, therefore, the incestuous fixations of the libido still play—or have returned to play—a central role. We have come to regard the relationship with the parents, dominated by incestuous desire, as the core complex of neurosis.
[ 32 ] -Der Kernkomplex der Neurose ist nach psychoanalytischer Theorie der unerlaubte Sexualhang des Knaben zu Mutter und Schwester.—
[ 32 ] —According to psychoanalytic theory, the core of neurosis is the boy’s forbidden sexual attraction to his mother and sister.—
Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird z.B. auch den Arbeiten von Otto Rank entgegentreten, die in immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.»
The revelation of this significance of incest for neurosis naturally meets with the most widespread disbelief on the part of adults and “normal” people; the same rejection will also be directed, for example, at the works of Otto Rank, which demonstrate to an ever-greater extent just how central the theme of incest is to poetic interest and how it provides the material for countless variations and distortions in poetry. We are compelled to believe that such rejection is, above all, a product of humanity’s deep aversion to its former incestuous desires, which have since been repressed. It is therefore not unimportant for us to be able to demonstrate, using primitive peoples as an example, that they still perceive man’s incestuous desires—which are destined to be repressed into the unconscious—as threatening and consider them worthy of the most severe defensive measures.”
[ 33 ] Von diesem ausgehend, meine lieben Freunde, verbreitet sich eine Atmosphäre von sexuellen Vorstellungen über das ganze Gebiet der Psychoanalytiker. Sie leben und weben gleichsam in Sexualvorstellungen. Daher hat nichts mehr als die Psychoanalyse dazu beigetragen, daß die unglaublichste Verhöhnung des Natürlichen im Menschenleben wirklich sich nach und nach, ich möchte sagen, ohne daß es die Leute bemerken, in das Leben einschleicht. Und ich muß sagen, tief kann ich es nachfühlen einem alten Herrn, der sein Leben lang sich bemüht hat, auch etwas beizutragen zum Hereinbringen von Moral in die Medizin, Moritz Benedikt, wenn er sagt: Wenn man Umschau hält, kann man bemerken, daß wir Ärzte vor 30 Jahren von gewissen sexuellen Abnormalitäten weniger gewußt haben als die heutigen achtzehnjährigen Pensionatsmädchen. Nachfühlen kann man dies diesem Manne, denn es entspricht der Wahrheit. Ich möchte dies insbesondere darum erwähnen, weil es außerordentlich wichtig ist, gewisse Vorgänge des Kindeslebens auf naturgemäße Weise anzuschauen und sie nicht unnötig sogleich unter dem Aspekte der Sexualität zu sehen.
[ 33 ] Starting from this, my dear friends, an atmosphere of sexual mental images spreads throughout the entire field of psychoanalysis. They live and breathe, as it were, in sexual mental images. Consequently, nothing has contributed more than psychoanalysis to the fact that the most unbelievable mockery of what is natural in human life is truly creeping into life little by little—I would say, without people even noticing. And I must say, I can deeply sympathize with an elderly gentleman who, throughout his life, strove to contribute to bringing morality into medicine—Moritz Benedikt—when he says: “If one looks around, one can see that 30 years ago, we doctors knew less about certain sexual abnormalities than today’s eighteen-year-old boarding school girls do.” One can empathize with this man, for it is the truth. I would like to mention this in particular because it is extraordinarily important to view certain aspects of a child’s life in a natural way and not to immediately interpret them through the lens of sexuality.
[ 34 ] Bei Kindern ist lange etwas eine unschuldige Handlung, was heute, aus vertrackten Theorien heraus, irgendwie als sexuelle Verirrung angesehen wird. Und weiter braucht man in den meisten Fällen nicht zu gehen, als die Dinge als nichts anderes denn als kindlichen Unfug anzusehen. Ein paar Klapse auf eine gewisse Stelle des Körpers genügen als hinreichende Kur. Die schlechteste Kur aber ist diese, wenn man viel redet über diese Dinge oder gar viel redet mit den Kindern selber und ihnen allerlei Theorien beibringt. Es ist schwierig, selbst mit Erwachsenen, über diese Dinge ganz deutlich zu sprechen. Aber dem, der oftmals Ratschläge in mannigfaltigster Beziehung zu geben hat, kommt es leider oft vor, daß Eltern mit Klagen kommen, mitunter ganz dummen Klagen, unter anderem auch mit der Klage, daß Kinder unter sexueller Verirrung leiden. Und was lag dem zu Grunde? Nur das lag dahinter, daß das Kind sich kratzte. Es war kein anderer Anlaß, als daß das Kind sich kratzte. Und ebensowenig, wie das Kratzen am Arme ein sexueller Akt ist, ebensowenig ist das Kratzen an einer anderen Stelle ein sexueller Akt. Dr. Freud allerdings vertritt die Idee, daß jedes Kratzen, jede Berührung, die Berührung des Mundes mit dem Schnuller ein sexueller Akt ist. Dr. Freud gießt über das ganze Leben des Menschen die Aura der Sexualität aus. Es wäre wirklich gut, sich ein wenig mit diesen Dingen zu beschäftigen, um so die Auswüchse der materialistischen Wissenschaft kennenzulernen, sich also etwas zu beschäftigen mit dem, was man die Freudsche Psychoanalyse nennt. So wird also alles in diese Atmosphäre hineingeführt, gleichsam sub spezie dieser Dinge gesehen.
[ 34 ] In children, what is today—based on convoluted theories—somehow regarded as a sexual aberration has long been considered an innocent act. And in most cases, one need go no further than to view these things as nothing more than childish mischief. A few light slaps on a certain part of the body are sufficient as a remedy. The worst remedy, however, is to talk a lot about these things—or even to talk at length with the children themselves and teach them all sorts of theories. It is difficult, even with adults, to speak quite clearly about these matters. But for someone who frequently offers advice on a wide variety of topics, it unfortunately often happens that parents come forward with complaints—sometimes quite foolish ones—including the complaint that children are suffering from sexual deviance. And what was the basis for this? The only reason was that the child was scratching itself. There was no other reason than that the child was scratching itself. And just as scratching one’s arm is not a sexual act, neither is scratching any other part of the body a sexual act. Dr. Freud, however, advocates the idea that every scratch, every touch—even the touch of the mouth to a pacifier—is a sexual act. Dr. Freud casts an aura of sexuality over the entire human life. It would truly be beneficial to examine these matters a little more closely in order to understand the excesses of materialistic science—that is, to engage somewhat with what is called Freudian psychoanalysis. Thus, everything is drawn into this atmosphere and viewed, as it were, sub specie of these things.
[ 35 ] Ein ungarischer Psychoanalytiker schreibt in einem Buche, das Dr. Freud anführt, über einen fünfjährigen Knaben namens Arpad, über dessen Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof nach diesem ungarischen Psychoanalytiker Ferenczi kein Zweifel blieb: «Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen «Brut» befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: «Ich werde Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin, nein, statt der Köchin lieber die Mutter.»
[ 35 ] A Hungarian psychoanalyst writes in a book cited by Dr. Freud about a five-year-old boy named Arpad; according to this Hungarian psychoanalyst, Ferenczi, there was no doubt as to the source of the boy’s interest in the goings-on in the chicken coop: “The lively sexual interaction between the rooster and the hen, the laying of eggs, and the hatching of the young ‘brood’ satisfied his sexual curiosity, which was actually directed toward human family life. He had modeled his object desires on the life of the chickens, as when he once told his neighbor: ‘I’m going to marry you and your sister and my three cousins and the cook—no, instead of the cook, I’d rather marry my mother.’
[ 36 ] Man möchte lieber die Zeiten zurücksehnen, wo man solche Dinge bei den Kindern anhören konnte, ohne daß man zu sexuellen Theorien so vertrackter Art seine Zuflucht nehmen mußte. Ich möchte, meine lieben Freunde, dieses Thema nur andeuten, aber es wird in der nächsten Zeit gerade über diesen Punkt zur Beruhigung von Vätern und Müttern einmal gesprochen werden können. Denn ganz unvermerkt verbreitet sich stark und ohne daß die Leute es immer merken, die Freudsche Theorie, die allerdings nur ein Symptom dafür ist, daß ein solcher Trieb durch die Welt geht. Wenn Eltern mit der Klage kommen, daß ihre vier- bis fünfjährigen Söhne oder Töchter unter sexuellen Verirrungen leiden, so muß man zumeist die Antwort geben: Die Verirrungen bestehen in der Hauptsache in der Art und Weise, wie Ihr über den Fall denkt. - Das ist zumeist die größte Verirrung.
[ 36 ] One would rather long for the days when one could hear such things from children without having to resort to such convoluted sexual theories. I would like, my dear friends, merely to touch on this topic, but in the near future we will be able to discuss this very point in order to reassure fathers and mothers. For, quite unnoticed, Freudian theory is spreading rapidly—and without people always realizing it—though it is, in fact, merely a symptom of the fact that such a drive is sweeping through the world. When parents complain that their four- to five-year-old sons or daughters are suffering from sexual deviations, the answer is usually: The deviations consist mainly in the way you think about the situation—that is usually the greatest deviation.
[ 37 ] Da haben Sie die Atmosphäre, in der die Freudsche Psychoanalyse plätschert. Ich weiß selbstverständlich, daß Freudianer etwas hiergegen sagen können, wenn man so etwas in Kürze darstellt. Aber der Ausdruck ist voll berechtigt, daß in diesen psychosexuellen Dingen die ganze Psychoanalyse plätschert, ja sie trieft nur so davon, wie dies in ihren Abhandlungen zutage tritt.
[ 37 ] There you have the atmosphere in which Freudian psychoanalysis splashes about. I am, of course, aware that Freudians may object to this when such matters are summarized in this way. But the expression is entirely justified: in these psychosexual matters, the whole of psychoanalysis is merely babbling—indeed, it is practically dripping with them, as is evident in its treatises.
[ 38 ] Nun denken Sie sich aber einmal, meine lieben Freunde, daß bei jemandem die Voraussetzung, daß im menschlichen Unterbewußtsein psychosexuelle Inseln seien, wirklich zutrifft. Was kann da eintreten? Es kann das eintreten, daß der betreffende Freudsche Theoretiker sich den Betreffenden, bei dem er das voraussetzt, vornimmt und ihn katechisiert und dadurch ein neues Kapitel oder einen neuen Fall zu der Freudschen psychoanalytischen Theorie hinzubringt. Es hätte in dem uns beschäftigenden Fall eintreten können, daß Herr Dr. Goesch sich gesagt hätte, das werde ich einmal katechisieren, dann werde ich manches finden in diesen psychosexuellen Inseln, was mir dienlich ist, die Freudschen Theorien zu belegen. - Dazu hätte aber etwas gehört, was man nur so bezeichnen könnte, daß man sagte: Die Seele des Herrn Dr. Goesch hätte stärker sein müssen. Sie erlag aber einer gewissen Art des Verhältnisses zu seiner neu gewählten Freundin, und für das ganze Verhältnis ist das Material, das vorliegt, das ausgezeichnetste. Wer dieses in der richtigen Weise verwendet, findet die Möglichkeit, das ganze Verhältnis in der allerausgezeichnetsten Weise mit objektiv-klinischer Genauigkeit zu bezeichnen. Und da es bei vielem nicht so sehr darauf ankommt, ob man es mit einem wichtigen oder mit einem unwichtigen Fall zu tun hat, sondern auf das, was man aus dem Fall lernen kann, so muß ich sagen, daß schließlich der Fall etwa zu einer solchen Betrachtung führen kann, wie ich sie geliefert habe im Jahre 1900 in einem Aufsatz in der «Wiener klinischen Rundschau» über «Die Philosophie Friedrich Nietzsches als psychopathologisches Problem». Denn man mußte neben alledem, was die Genialität Nietzsches der Welt gegeben hat, auch die Verpflichtung fühlen, zu zeigen, wie die Welt sich falsch zu Friedrich Nietzsche stellt, wenn sie das Psychopathologische bei ihm nicht berücksichtigt. Für unser Gesellschaftsleben ist es wichtig, daß das Psychopathologische nicht überhand nimmt, daß es in den Gemütern ausgemerzt wird und im richtigen Lichte geschaut werden kann und daß nicht der Psychopath als Wesen höherer Art angesehen wird. Daher ist es wichtig, auch solche Fälle in richtiger Weise ins Auge zu fassen und von einem richtigen Standpunkte aus zu beurteilen, um was es sich dabei handelt.
[ 38 ] But just imagine for a moment, my dear friends, that the assumption that there are psychosexual islands in the human subconscious actually holds true for someone. What might happen then? It might happen that the Freudian theorist in question takes the person—in whom he assumes this to be the case—under his wing, interrogates him, and thereby adds a new chapter or a new case to Freudian psychoanalytic theory. In the case we are discussing, it could have happened that Dr. Goesch might have said to himself, “I’ll interrogate him one of these days; then I’ll find things in these psychosexual islands that will help me substantiate Freudian theories.”—But that would have required something that one could only describe by saying: Dr. Goesch’s character should have been stronger. Instead, it succumbed to a certain kind of relationship with his newly chosen girlfriend, and the material at hand is the most excellent for describing the entire relationship. Whoever uses this material correctly will find the opportunity to describe the entire relationship in the most excellent manner, with objective clinical precision. And since in many cases it does not matter so much whether one is dealing with an important or an unimportant case, but rather what one can learn from the case, I must say that ultimately the case may lead to a line of reasoning similar to that which I presented in 1900 in an essay in the *Wiener klinische Rundschau* on “The Philosophy of Friedrich Nietzsche as a Psychopathological Problem.” For, alongside all that Nietzsche’s genius has given to the world, one must also feel an obligation to show how the world takes the wrong approach to Friedrich Nietzsche when it fails to take his psychopathological aspects into account. It is important for our social life that the psychopathological does not get out of hand, that it be eradicated from people’s minds and viewed in the proper light, and that the psychopath not be regarded as a being of a higher order. Therefore, it is important to properly examine such cases and assess, from the correct standpoint, what they actually entail.
[ 39 ] Die Zeit ist schon zu weit vorgeschritten, als daß ich ausführen könnte, wie das Unwetter nach und nach heraufgezogen ist. Als ich im Mai dieses Jahres in Wien, in Österreich war, da schrieb mir eines unserer Mitglieder einen Brief, den ich, weil man jetzt Briefe nicht über die Grenze tragen kann, beim Zurückkehren hierher zerreißen mußte, in dem aber ungefähr dieselben Vorwürfe erhoben worden sind, auch unter der Mitwirkung der Freudschen Psychoanalyse, so wie sie sich bei Dr. Goesch unter dem Einfluß von Fräulein Sprengel ergeben haben. Die Vorwürfe in jenem Brief kamen aus derselben Ecke; es ist sozusagen derselbe Wind. Manche Sätze würden sogar, wenn ich sie Ihnen vorlesen könnte, wunderbar übereinstimmen mit dem, was Fräulein Sprengel in Dr. Goesch hineininspiriert hat.
[ 39 ] It is already too late for me to describe how the storm gradually built up. When I was in Vienna in May of this year, in Austria, one of our members wrote me a letter—which I had to tear up upon my return here, since letters cannot be carried across the border at present—in which, however, roughly the same accusations were made, also drawing on Freudian psychoanalysis, just as they had emerged in Dr. Goesch’s work under the influence of Miss Sprengel. The accusations in that letter came from the same quarter; it is, so to speak, the same wind. Some of the sentences—if I could read them to you—would even correspond remarkably well with what Miss Sprengel has instilled in Dr. Goesch.
[ 40 ] Was liegt nun aber eigentlich in dem Fall Goesch-Sprengel vor? Es liegt nicht nur das vor, daß Dr. Goesch nicht der richtige Psychoanalytiker gewesen ist, denn dazu hätte er ein objektives Verhältnis, wie dasjenige eines Arztes zu dem Patienten, zu Fräulein Sprengel gebraucht. Sie wirkte aber zu überwältigend auf ihn, und daher wurde nicht nur das Oberbewußtsein von Herrn Goesch zum Examinator. Nach der Freudschen Theorie kam also alles das heraus, was in der Seele der Freundin, der «Siegelbewahrerin», lebte. Weil es aber ins Unbewußte hineinging, wurde es kaschiert durch eine ganze Theorie, die in dem Briefe von Dr. Goesch vorliegt.
[ 40 ] But what exactly is at issue in the Goesch-Sprengel case? It is not merely that Dr. Goesch was not the right psychoanalyst, for that would have required him to maintain an objective relationship—such as that of a doctor to a patient—with Miss Sprengel. However, she had too overwhelming an effect on him, and as a result, it was not only Mr. Goesch’s conscious mind that became the examiner. According to Freudian theory, everything that lived in the soul of his girlfriend, the “keeper of the seal,” thus came to the surface. But because it entered the unconscious, it was concealed by an entire theory, which is presented in Dr. Goesch’s letter.
[ 41 ] Mit dem Fall Goesch-Sprengel, der aus einem der größten Irrtümer, der aus einer der schlimmsten materialistischen Theorien unserer Zeit entstanden ist, kommt man nur zurecht durch die Erkenntnis, daß beide Persönlichkeiten über ihre menschlich-allzumenschlichen Verhältnisse ein mystisches Mäntelchen geworfen haben, das im Wesentlichen - und diese Seite ist durch ausgezeichnete Dokumente ja genugsam bezeugt - die Ummantelung eines menschlichallzumenschlichen Verhältnisses mit psychoanalytischen Theorien Freudscher Art ist.
[ 41 ] The Goesch-Sprengel case—which arose from one of the greatest errors stemming from one of the worst materialist theories of our time—can only be understood by recognizing that both individuals cast a mystical veil over their all-too-human relationships, which is essentially—and this aspect is amply attested to by excellent documents— —is essentially the cloaking of a human, all-too-human relationship with Freudian-style psychoanalytic theories.
[ 42 ] Wenn wir dann das Bestreben haben, solchen Menschen, die mit solchen vertrackten Seelenkonstitutionen zu uns kommen, zu helfen, dann, meine lieben Freunde, tritt sehr häufig das auf, daß diese Menschen, die zuerst ziemlich wedelnde Anhänger waren, ihre Anhängerschaft später in Feindschaft verwandeln. Das ist sogar auch etwas, was ganz psychoanalytisch erklärt werden kann. Uns aber ist es dringend nötig, uns um die Welt zu kümmern. Denn geradeso, wie von dieser Seite, von Seite der von sexuellen Vorstellungen überschwemmten psychoanalytischen Strömung, jeden Tag neue Feindschaften uns erwachsen können, so kann uns von allen möglichen anderen Verirrungen in der Zeit, in die sich Menschliches-Allzumenschliches hinein verrannt hat, Feindschaft entgegenkommen.
[ 42 ] When we strive to help such people—who come to us with such complex psychological makeup—then, my dear friends, it very often happens that these people, who were at first quite enthusiastic followers, later turn their support into hostility. This is actually something that can be explained entirely in psychoanalytic terms. But it is urgently necessary for us to care for the world. For just as new hostilities can arise every day from this side—from the psychoanalytic current inundated with sexual mental images—so, too, can hostility come our way from all manner of other aberrations in an age in which the human—all-too-human—has run itself into a dead end.
[ 43 ] Sie sehen, hier haben Sie auch ein Beispiel, wie wir es gar sehr nötig haben, solche Fälle zu studieren, die uns, weil unsere Gesellschaft schon einmal eine geistige Bewegung darstellt, voll interessieren müssen.
[ 43 ] As you can see, here is another example of just how necessary it is for us to study such cases, which—since our society itself represents a spiritual movement—must be of great interest to us.
[ 44 ] Ich könnte noch lange fortreden, ich will und kann es aber heute nicht tun, weil Sie verhandeln müssen. Aber ich wollte die ersten tappenden Schritte des Weges andeuten, auf dem gesucht werden muß, wenn man sehen will, wo die Gefahren für unsere Bewegung liegen, und wie dringend notwendig es ist, daß wir - jeder so viel wie er kann - arbeiten gegenüber der Welt, damit die Welt draußen weiß, daß sie keine furchtsamen Hasen vor sich hat, sondern Leute, die wissen, ihren Mann und - verzeihen Sie - auch die Frau zu stellen. Wenn sich Dinge ergeben, die sich aufspielen in der Maske, wie es hier in diesem Briefe geschieht, so obliegt es uns, diesen Dingen die Maske herunterzureißen und zu zeigen, wo die Ursprünge liegen. Sie liegen viel tiefer, als man sie gewöhnlich sucht; sie liegen in jener materialistischen Richtung unserer Zeit, die nicht nur wissenschaftliche Richtung geworden ist, sondern unser ganzes Leben verpestet und zu deren Bekämpfung unsere Bewegung eigentlich da ist, zu deren Bekämpfung wir uns aber auch bereit machen müssen und nicht fortdösen dürfen in der Art, daß wir nur die allernotwendigsten Begriffe aufnehmen, sondern daß wir die Augen aufmachen und sehen, was in der Welt vorgeht, was die Leute, die zu uns kommen, in der Welt gelernt haben und was sie von dem Gelernten zu uns hereintragen, wenn sie zu uns kommen.
[ 44 ] I could go on speaking for a long time, but I do not want to—and cannot—do so today, because you have negotiations to attend to. But I wanted to hint at the first tentative steps along the path we must take if we are to see where the dangers to our movement lie, and how urgently necessary it is that we—each as much as we can—work to engage with the world, so that the outside world knows it is not dealing with timid rabbits, but with people who know how to stand their ground—and, forgive me—how to stand their ground as women as well. When things arise that play out behind a mask, as is the case here in this letter, it is our duty to tear that mask away and reveal where the origins lie. They lie much deeper than one usually looks; they lie in that materialistic trend of our time, which has not only become a scientific trend but also poisons our entire lives—and our movement actually exists to combat it. To combat it, however, we must also prepare ourselves and not drift along in such a way that we absorb only the most essential concepts, but rather open our eyes and see what is going on in the world, what the people who come to us have learned in the world, and what they bring with them when they come to us.
