Difficulties of Living Together
in the Anthroposophical Society
The Dornach Crisis in the Summer of 1915
GA 253
22 August 1915, Dornach
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Difficulties of Living Together in the Anthroposophical Society, tr. SOL
9. Zweiter Ansprache zur Dornacher Krise
9. Second Address on the Dornach Crisis
[ 1 ] Meine lieben Freunde, gerne hätte ich auch heute schon einen prinzipiell über die augenblicklichen Ereignisse hinausgehenden Vortrag gehalten. Ich hoffe, daß das mit dem morgigen Vortrag, der um 7 Uhr beginnen soll, wieder vollständig der Fall sein kann. Heute scheint es mir jedoch nötig, in Anknüpfung an die Verlesung des Schriftstückes, die ich gestern habe vollziehen müssen, und in Anknüpfung an das liebevolle Schriftstück der Mitglieder, das mir Herr Bauer eben überbracht hat, und in Anknüpfung an ein mir noch von anderer Seite übergebenes Schriftstück, auch von mir aus einiges zu sagen, nachdem die Dinge, die in diesen Schriftstücken sich zum Ausdruck bringen, geschehen sind. Damit will ich zwar an den einzelnen Fall anknüpfen, aber doch nur insofern, als dieser uns allerlei zeigen kann, was notwendig ist zu wissen mit Bezug auf das Verhältnis zwischen der Lehre und der geistigen Bewegung, von der wir sprechen, und dem, was sich eben zwischen und um uns als einzelne Tatsachen zuträgt. Man kann ja manchmal auch an der Besprechung einzelner Tatsachen ganz allgemein Bedeutungsvolles sehen und namentlich daran Bedeutungsvolles anknüpfen.
[ 1 ] My dear friends, I would have liked to give a lecture today as well that, in principle, went beyond current events. I hope that this will once again be fully possible with tomorrow’s lecture, which is scheduled to begin at 7:00 a.m. Today, however, it seems necessary to me—in light of the reading of the document I had to carry out yesterday, in light of the heartfelt letter from the members that Mr. Bauer has just delivered to me, and in light of a document handed to me by another party—to say a few words of my own, now that the events expressed in these documents have taken place. In doing so, I do indeed wish to address the specific case, but only insofar as it can reveal to us all sorts of things that are necessary to know regarding the relationship between the teaching and the spiritual movement of which we speak, and what is currently unfolding among and around us as individual facts. After all, one can sometimes discern something of general significance even in the discussion of individual facts and, in particular, draw meaningful conclusions from them.
[ 2 ] Ausgehen will ich davon - ich will mehr oder weniger aphoristisch sprechen -, daß ich Ihnen gestern ein Schriftstück vorgelesen habe, das von zwei Mitgliedern unterzeichnet wurde und in dem von einem dritten langjährigen Mitglied die Re○de ist.
[ 2 ] I’d like to start from the premise—and I’ll put this more or less aphoristically—that yesterday I read you a document that was signed by two members and that refers to a third, long-standing member.
[ 3 ] Nun hat - ich glaube, das ist keine Indiskretion - ein Mitglied unserer Gesellschaft, ein Arzt, in einem Briefe, den mir vor einer Viertelstunde Herr Bauer gezeigt hat, eine ganz richtige Ansicht ausgesprochen, die, wie ich wohl sagen kann, nicht erst nach, sondern schon während der Lektüre des gestern vorgelesenen Schriftstückes auch meine Ansicht war: daß wir es nicht mit irgend etwas Logischem zu tun haben, sondern mit einer Sache, die vor allen Dingen vom Standpunkte der Pathologie aus zu betrachten ist.
[ 3 ] Now—and I don’t believe this is an indiscretion—a member of our society, a physician, has expressed in a letter—which Mr. Bauer showed me a quarter of an hour ago—a perfectly correct view, which, as I can safely say, was my own view not only after but already during my reading of the document read aloud yesterday: that we are not dealing with anything logical, but with a matter that must be considered, above all, from the standpoint of pathology.
[ 4 ] Selbstverständlich kann das durchaus eine der vielen Voraussetzungen sein, die wir bei dieser Gelegenheit machen müssen. Aber diese Voraussetzung darf nicht ohne einen wichtigen Nachsatz gemacht werden - ich sage heute nur meine Meinung, die für niemand weiter verbindlich sein soll -, nämlich den Nachsatz: Dürfen wir es denn dulden, daß durch allerlei Pathologisches die Existenz unserer Gesellschaft und unserer ganzen Bewegung fortwährend gefährdet wird? Dürfen wir denn Pathologen als Zerstörer unseres geisteswissenschaftlichen Lebens dulden? Insofern wir mit ihnen Mitleid haben können - ja. Aber wenn wir sie dulden würden, ohne dabei das Pathologische ordentlich ins Auge zu fassen, so würden wir doch durch diese Pathologen dasjenige, was uns das Teuerste, das Wichtigste sein muß, fortwährend gefährden. Daraus ergibt sich selbstverständlich die Notwendigkeit, klar einzusehen, daß man es zwar mit Pathologen zu tun hat, aber dasjenige doch als notwendig anzuerkennen hat, was geschehen muß, damit unsere Sache ungefährdet ihren Lauf nehmen kann. Man muß Dinge, auch wenn man sie als krankhaft ansieht, dennoch in sachgemäßer Weise behandeln, wenn es sich um die realen Wirklichkeiten des Lebens handelt. Wie man gegenüber den Persönlichkeiten dies auffaßt, das ist eine vollständig andere Frage.
[ 4 ] Of course, this may well be one of the many conditions we must set on this occasion. But this condition must not be made without an important caveat—I am merely expressing my opinion today, which is not intended to be binding on anyone—namely, the caveat: Can we really tolerate the existence of our society and our entire movement being constantly endangered by all manner of pathological phenomena? Can we really tolerate pathologists as destroyers of our Spiritual Science life? Insofar as we can feel compassion for them—yes. But if we were to tolerate them without properly confronting the pathological, we would, through these pathologists, continually endanger that which must be most precious and most important to us. From this, of course, follows the necessity to clearly recognize that, while we are indeed dealing with pathologists, we must nevertheless acknowledge as necessary whatever must happen so that our cause can take its course unimpeded. Even if one regards certain things as pathological, one must nevertheless deal with them appropriately when they concern the real realities of life. How one views this in relation to individuals is an entirely different question.
[ 5 ] Man wird, meine lieben Freunde, wenn es sich um eine solche geistige Bewegung wie die unsrige handelt, wie Sie aus mancherlei gesehen haben, das wir schon im Laufe der Zeit besprechen mußten, immer wieder und wieder die Erfahrung machen - diese Erfahrung kann nicht ausbleiben -, daß sich in das rein sachliche Bestreben, in die Geltendmachung der rein sachlichen Bestrebungen persönliche Eitelkeiten und persönliche Interessen hineinmischen. Das braucht man nicht einmal als einen Tadel, als strikten Tadel auszusprechen, denn wir sind ja alle Menschen; aber sagen kann man es, und ich spreche es heute aus als meine Meinung, die für niemanden verbindlich ist. Man kann es als ein weit geringeres Übel ansehen, wenn jemand ruhig zugesteht, daß er in gewissen Dingen dieser oder jener Eitelkeit unterworfen ist, daß er augenblicklich kein besonderes Interesse daran hat, diese Eitelkeit abzulegen, weil das mit seiner Erziehung und so weiter zusammenhängen könnte - als ein viel geringeres Übel kann man das betrachten, als wenn man zu irgendeinem Zeitpunkte absolut vollkommen sein wollte. Also als das größte äbel kann uns durchaus dasjenige erscheinen, wenn jemand bei jeder Gelegenheit an seine Vollkommenheit irgendwie glauben möchte; glauben möchte, daß er dies oder jenes schon ganz selbstlos tue und dergleichen.
[ 5 ] My dear friends, when it comes to a spiritual movement such as ours—as you have seen from various instances that we have had to discuss over time—you will time and again find—and this experience is inevitable—that personal vanities and personal interests creep into the purely objective pursuit of our goals and into the assertion of those purely objective goals. This need not even be expressed as a rebuke, as a stern rebuke, for we are, after all, all human beings; but it can be said, and I am expressing it today as my own opinion, which is not binding on anyone. One can regard it as a far lesser evil when someone calmly admits that in certain matters he is subject to this or that vanity, that he currently has no particular interest in casting off this vanity—because that might be connected to his upbringing and so on—than when one wants to be absolutely perfect at any given moment. Thus, the greatest evil may well appear to us to be when someone, at every opportunity, wants to believe in his own perfection in some way; wants to believe that he is already doing this or that entirely selflessly, and the like.
[ 6 ] Der große Versucher einer jeden solchen spirituellen Bewegung wie die unsrige ist namentlich ein starker Eitelkeitsfaktor, der daher kommt, daß solche Bewegungen notwendig haben, ich möchte sagen, Großes vorauszunehmen, das sich erst allmählich realisieren, allmählich einleben kann, und daß nicht jeder sogleich sich aufschwingen kann zu dem notwendigen Erweitern der Interessen auf das Sachliche, das Objektive. Es ist begreiflich, daß aus persönlichen Eitelkeiten heraus der eine oder der andere, wenn er von Inkarnationen hört, sogleich das ganz persönliche Interesse geltend macht, welches denn seine vorigen Inkarnationen gewesen seien. Obwohl dabei der Weg, in die Geschichte zu schauen, der allerschlimmste ist, so wird aus persönlichen Eitelkeiten heraus doch dieser Weg am allermeisten begangen. Die Geschichte, das Alte und Neue Testament, die bilden ja - statt der innerlichen, seelischen Meditationswege - in bezug auf Reinkarnationen eine so reichhaltige Fundquelle für die Befriedigung der persönlichen Eitelkeit! Denn etwas anderes ist dieses zunächst eigentlich nicht. Und es ist gut, wenn man weiß, daß es zunächst nichts anderes als persönliche Eitelkeit ist, aus der Geschichte oder aus der Bibel seine eigenen Inkarnationen zu suchen.
[ 6 ] The great temptation in any spiritual movement such as ours is, in particular, a strong element of vanity, which stems from the fact that such movements must—I would say—anticipate great things that can only gradually come to fruition and take root, and that not everyone can immediately rise to the necessary expansion of their interests toward the factual and the objective. It is understandable that, out of personal vanity, one or the other, upon hearing of incarnations, immediately asserts a very personal interest in what their previous incarnations might have been. Although looking to history is by far the worst approach, it is nevertheless the one most frequently taken out of personal vanity. History, the Old and New Testaments—these, after all, constitute—instead of the inner, spiritual paths of meditation—such a rich source of information regarding reincarnations for the satisfaction of personal vanity! For, at first glance, this is really nothing else. And it is good to know that, at first, seeking one’s own incarnations in history or in the Bible is nothing other than personal vanity.
[ 7 ] Es ist begreiflich, daß diese Eitelkeiten spielen. Aber das Übel beginnt dann, wenn man diese Eitelkeiten nicht als Eitelkeiten erkennt, wenn man nicht ruhig hinsieht auf die tiefliegenden, ehrgeizigen Motive, sondern allen diesen Dingen ein okkultes Mäntelchen umhängt, sie in Nebulosität, in einen mystischen Nebel hinein verrinnen läßt.
[ 7 ] It is understandable that these vanities come into play. But the trouble begins when one fails to recognize these vanities as such, when one does not calmly examine the underlying, ambitious motives, but instead drapes all these things in a cloak of mystery, allowing them to dissolve into obscurity, into a mystical fog.
[ 8 ] Wirklich, es ist so, meine lieben Freunde, daß eine spirituelle Bewegung darauf sehen muß, gewisse Dinge, die außerhalb dieser spirituellen Bewegung mit einem gewissen Recht gelten, vom Standpunkte einer viel höheren Moral aufzufassen. Aber man darf dasjenige niemals außer acht lassen, daß gar manches, was uns als höhere Moral dünkt, gar nicht eine höhere Moral ist, sondern nur ein Ersatz für die innerlichen Instinkte und Triebe. Aus den mancherlei Auseinandersetzungen, die wir schon gepflogen haben, kann es für Sie hervorgehen, daß jemand recht, recht menschliche Instinkte und Triebe haben kann, dann aber diese recht menschlichen Instinkte und Triebe in allerlei okkulte Verbrämungen hineinmünden läßt, vielleicht mit allerlei logischen Erörterungen, weil man durch eine solche Selbsttäuschung sich darüber beruhigen will, daß solche Triebe und Instinkte vorhanden sind. Es wäre viel besser, wenn man sie sich gestehen würde und die okkulte Bildung, die man sich angeeignet hat, dazu verwenden würde, diese Dinge zu verstehen.
[ 8 ] Truly, my dear friends, a spiritual movement must view certain things—which are considered valid outside of that movement with some justification—from the standpoint of a much higher morality. But one must never lose sight of the fact that quite a few things that seem to us to be a higher morality are not a higher morality at all, but merely a substitute for inner instincts and drives. From the various discussions we have already had, it may be clear to you that someone can have very, very human instincts and drives, but then allow these very human instincts and drives to flow into all sorts of occult trappings—perhaps accompanied by all sorts of logical arguments—because through such self-deception one seeks to reassure oneself that such drives and instincts exist. It would be much better to admit them to oneself and to use the occult knowledge one has acquired to understand these things.
[ 9 ] Ich habe Ihnen das Schriftstück von Herrn Dr. Goesch vorgelesen. Sie haben es verfolgt und gehört, um was es sich gestern handelte. In dem Schriftstück steht allerlei - ich will mit dem, was ich heute sage, nur meine persönliche Meinung aussprechen, die für niemand verbindlich ist -, aber in diesem Schriftstück steht auch: «Ich bin am Schlusse desjenigen, was ich zur Zeit sagen will. Ich habe diese Kenntnisse, die ich mir unter Anleitung des Siegelbewahrers der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst erworben habe (...) noch nicht in die Form gießen können, die mir vorgeschwebt hat.»
[ 9 ] I read Dr. Goesch’s document to you. You followed along and heard what was discussed yesterday. The document contains all sorts of things—I only intend to express my personal opinion with what I say today, which is not binding on anyone—but this document also states: “I have come to the end of what I wish to say at this time. I have not yet been able to give the form I had envisioned to this knowledge, which I acquired under the guidance of the Keeper of the Seal of the Society for Theosophical Art and Culture (...)”
[ 10 ] Wir wissen, daß der Siegelbewahrer Fräulein Sprengel ist und daß den Brief Herr Dr. Goesch geschrieben hat. Ich glaube, daß ein Franzose recht hätte, der, trotzdem «Siegelbewahrer» hier im Maskulinum steht, nachdem er diesen Brief gelesen hätte, ein in Frankreich lange gewohntes Sprichwort anwenden würde: «Cherchez la femme». Und ich glaube sogar, daß durch die Anwendung des Sprichwortes «Cherchez la femme», statt es ins Maskulinum umzuschreiben, man vieles, wovon in diesem Briefe die Rede ist, besser verstehen würde, als man es sonst versteht.
[ 10 ] We know that the keeper of the seal is Miss Sprengel and that Dr. Goesch wrote the letter. I believe that a Frenchman would be right, after reading this letter, to apply a proverb long in use in France—even though “keeper of the seal” is in the masculine form here: “Cherchez la femme.” And I even believe that by using the proverb “Cherchez la femme”—rather than rephrasing it in the masculine form—one would understand much of what is discussed in this letter better than one otherwise would.
[ 11 ] Nun, von einzelnem in diesem Briefe muß ich dennoch vom Standpunkte meiner persönlichen Meinung sprechen. Denn in diesem Briefe wird das Folgende angedeutet. Es wird gesagt: Man könne sich nicht vorstellen, daß nach alledem, was sich vollzogen hat, innerhalb unserer Gesellschaft noch sogenannte E.S.-Stunden gehalten werden könnten. - Ich habe Ihnen die Stelle ja vorgelesen. Es wird darauf hingewiesen, daß, weil alle die «Verbrechen» vorgekommen seien, die da in dem Schriftstück geschildert sind, fernerhin keine E.S.-Stunden mehr gehalten werden könnten.
[ 11 ] Well, I must nevertheless comment on certain points in this letter from my personal perspective. For this letter implies the following. It states: One cannot form a mental image of the situation in which so-called E.S. sessions could still be held within our society. - I did read that passage to you. It points out that, because all the “crimes” described in the document have occurred, no further E.S. sessions can be held.
[ 12 ] Meine lieben Freunde, auch solche Dinge muß man im richtigen Lichte sehen und sich nicht scheuen, etwas näher darauf einzugehen. Nicht wahr, es ist mit diesen unseren E.S.-Stunden seit dem Kriegsausbruch eine Pause gemacht worden, und jeder, der die Dinge so sieht, wie er sie sehen soll und sie auch sehen könnte, wenn er wollte, weiß selbstverständlich, daß dies mit nichts anderem zusammenhängt als mit den gegenwärtigen Kriegsereignissen. Und zwar ist es so, daß diese Stunden aus dem einfachen Grunde nicht mehr gehalten werden, weil es notwendig ist, den Sinn unserer Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
[ 12 ] My dear friends, we must view such matters in the proper light and not shy away from examining them more closely. Isn’t it true that our E.S. sessions have been put on hold since the outbreak of the war, and anyone who sees things as they should be seen—and could see them that way if they wanted to—knows, of course, that this has nothing to do with anything other than the current events of the war. The fact is that these sessions are no longer being held for the simple reason that it is necessary to uphold the purpose of our society.
[ 13 ] Und so kann es heute ja nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder man hält den Sinn der Gesellschaft aufrecht, und dann muß man selbstverständlich - ganz gleich, ob in einem Lande, das einem anderen feindlich gegenübersteht oder in einem Lande, das neutral ist keine Versammlungen abhalten, die nicht öffentlich sind. Bedenken Sie nur, welche Fundgrube es für diejenigen wäre, die Insinuationen erfinden wollen, und bedenken Sie, was geschehen könnte, wenn sozusagen hinter verschlossenen Türen geheime Versammlungen abgehalten würden. Es ist also notwendig, daß man das nicht tut, und auch, daß die Mitglieder ein wenig persönliche Entsagung üben, um ihrerseits auf diese Stunden zu verzichten. Es liegt also, ich möchte das triviale Wort gebrauchen, auf der flachen Hand, daß jetzt nicht vor Mitgliedern verschiedener Nationen hinter verschlossenen Türen verhandelt werden kann. Nicht, daß hinter verschlossenen Türen etwas Unzulässiges vorkommen könnte. Unseretwillen könnte es selbstverständlich jeden Tag geschehen. Aber Sie wissen, wie viele feindliche Strömungen wir draußen haben. Diese müssen auch berücksichtigt werden, denn wir dürfen nicht dadurch, daß wir Dummheiten und Torheiten machen, unsere Bewegung gefährden. Deshalb müssen wir schon diese Entsagung üben, keine Versammlungen hinter verschlossenen Türen abzuhalten. Sie wissen, daß es in diesen Zeiten eine Krankheit gibt, die mit dem Namen «Spionitis» zusammenhängt, und es wäre wirklich dem, was damit zusammenhängt, Tür und Tor geöffnet.
[ 13 ] And so there can really only be two possibilities today. Either one upholds the spirit of society, in which case one must, of course—whether in a country that is hostile to another or in a neutral country—refrain from holding any meetings that are not public. Just consider what a goldmine this would be for those who want to fabricate insinuations, and consider what might happen if, so to speak, secret meetings were held behind closed doors. It is therefore necessary not to do this, and also for the members to exercise a little personal self-sacrifice by forgoing these meetings on their part. It is therefore—and I’d like to use this trivial expression—as plain as day that we cannot now negotiate behind closed doors in the presence of members from different nations. Not that anything improper could happen behind closed doors. For our sake, of course, it could happen every day. But you know how many hostile forces we face out there. These must also be taken into account, for we must not endanger our movement by committing acts of stupidity and folly. That is why we must already practice this self-denial and refrain from holding meetings behind closed doors. You know that in these times there is a disease associated with the name “spionitis,” and this would truly open the floodgates to everything connected with it.
[ 14 ] Die zweite Möglichkeit wäre - und das würde erst recht nicht gehen -, daß man zu den Mitgliedern der verschiedenen Nationen getrennt sprechen würde. Das dürfte wiederum aus dem Sinn unserer Gesellschaft heraus nicht stattfinden.
[ 14 ] The second possibility—and this would certainly not work—would be to address the members of the various nations separately. Again, this would not be in keeping with the spirit of our society.
[ 15 ] Daraus ersehen Sie, daß diese Maßregel wegen des Krieges getroffen werden mußte und daß sie aufgehoben werden wird, wenn er aufhört, wie sich ja auch jeder diese Maßregel selber zurechtlegen konnte.
[ 15 ] From this you can see that this measure had to be taken because of the war and that it will be lifted when the war ends—as, indeed, everyone could have realized for themselves.
[ 16 ] Nun kann man mit dieser Maßregel noch andere Gedanken in Zusammenhang bringen. Man kann nicht einfach voraussetzen, daß die Leute draußen so anständig sind, daß sie von uns nur Anständiges voraussetzen. Man kann ihnen auch nicht zumuten, daß sie sich um uns kümmern und sehen, was wir da machen. Sie können ja auch gar nicht wissen, ob wir nicht etwas in ihrem Sinne Unrichtiges tun. Das lag eben auch einer solchen Maßregel zugrunde. Bei solchen Dingen auf anständige Voraussetzungen in der Außenwelt zu rechnen, ist nicht möglich, aber innerhalb unserer Gesellschaft darauf rechnen zu können, das müßte man voraussetzen können.
[ 16 ] Now, one can associate other ideas with this measure. One cannot simply assume that people on the outside are so decent that they expect only decent behavior from us. Nor can we expect them to take an interest in us and observe what we are doing. After all, they have no way of knowing whether we might be doing something they would consider wrong. That, too, was the basis for such a measure. It is not possible to count on decent assumptions in the outside world when it comes to such matters, but one should be able to count on them within our own society.
[ 17 ] Nun taucht aber - nicht nur in diesem Brief, sondern in all den Ereignissen, die zu diesem Brief geführt haben - von einer Seite, deren Aspirationen durch diesen Brief zum Ausdruck gekommen sind, seit Monaten immer wieder die Aussage auf, die da oder dort geäußert wurde, daß die Tatsache, daß jetzt keine E.S.-Stunden gehalten werden, nicht mit dem Krieg zusammenhänge, sondern damit, daß die Gesellschaft eine Form angenommen hat, die notwendig mache, daß solche Stunden überhaupt nicht mehr stattfinden können. Denn man könne nach solchen «Verbrechen» nicht annehmen, daß noch Vertrauen zu solchen Stunden vorhanden sei. - Das bedeutet nichts Geringeres, als daß man wirklich damit rechnen muß, daß gewisse Maßregeln in unserer Gesellschaft auf eine Weise beurteilt werden, die man nicht mehr anständig nennen kann. Es ist auch nicht zu entschuldigen damit, daß man sich getäuscht hat, sondern es ist eine unanständige Interpretation, eine wirkliche Verleumdung. Sie unterscheidet sich juristisch gesehen durch nichts von einer Verleumdung, und sie ist um so bedenklicher, als wiederum solche Dinge nicht nur in allerlei mystische Mäntelchen gehüllt, sondern auch mit Worten weitergeraunt werden. Die Art, wie solche Dinge gesagt werden, ist oft viel verhängnisvoller, als man glaubt, obwohl ich nicht zu der Denkweise des Briefschreibers mich aufwerfen will, daß man mit solchem Raunen, das von Ohr zu Ohr geht, gleich die Mittel von schwarzer Magie anwendet. Das meine ich nicht, meine lieben Freunde. Denn wenn man einem etwas ins Ohr raunt, kann es mit ganz natürlichen Dingen zugehen, es braucht damit durchaus noch nicht das Talent der schwarzen Magie vorhanden sein.
[ 17 ] Now, however—not only in this letter, but in all the events that led up to it—a certain group, whose aspirations were expressed in this letter, a statement has been recurring for months—voiced here and there—that the fact that no E.S. sessions are currently being held is not related to the war, but rather to the fact that society has taken on a form that makes it impossible for such sessions to take place at all. For, it is argued, after such “crimes,” one cannot assume that there is still any trust in such sessions. - This means nothing less than that we must truly expect certain measures in our society to be judged in a way that can no longer be called decent. Nor can it be excused by claiming that one was mistaken; rather, it is an indecent interpretation, a genuine slander. From a legal standpoint, it is no different from slander, and it is all the more alarming in that such things are not only cloaked in all sorts of mystical guises but are also whispered from person to person. The way such things are said is often far more disastrous than one might think, although I do not wish to adopt the letter-writer’s line of reasoning that such whispering, which passes from ear to ear, is tantamount to the use of black magic. That is not what I mean, my dear friends. For when one whispers something in someone’s ear, it may well be a matter of perfectly natural phenomena; it does not necessarily imply the presence of black magic.
[ 18 ] Meine lieben Freunde, viel war gerade in diesem Schriftstück die Rede davon - ich betone es immer wieder: Ich sage meine Meinung, die für niemanden verbindlich ist -, viel war die Rede davon, daß durch mich da oder dort ungerechtfertigte Beeinflussungen stattgefunden haben. Ich will nicht auf den Widerspruch eingehen, daß auf der einen Seite freundliche Gespräche und Händedrücke als schwarzmagische Mittel hingestellt werden und auf der anderen Seite beanstandet wird, daß nicht eine viel engere Bekanntschaft mit den Mitgliedern gesucht wird. Also auf der einen Seite wird gesagt, ich tue nicht genug für die Mitglieder und schließe mich ab, auf der anderen Seite heißt es, ich gebrauche jedes Gespräch, jeden Händedruck, um die Mitglieder in unerlaubter Weise zu beeinflussen. Man sollte sich klar darüber werden, wie so etwas zustande kommt. Es kann sein, daß zum Beispiel jemand etwas wünscht; sagen wir, er wünscht, daß er die Mutter Gottes gewesen ist in einer früheren Inkarnation. Ich erzähle nur, ich erfinde nicht. Nehmen wir diesen Fall an. Wenn nun der Betreffende kommt und eine solche Sache andeutet, und man ihm sagen würde: Ja, ja, das habe ich in meinen okkulten Forschungen auch gefunden, - dann würde er dies höchstwahrscheinlich — wie gesagt, ich will nichts Persönliches meinen, aber es ist ein Beispiel -, dann würde er dies nicht als ungerechtfertigte Beeinflussung ansehen. Wenn ihm das gesagt würde, was er wünscht, dann würde er weit davon entfernt sein, dies als ungerechtfertigte Beeinflussung anzusehen. Nun, es kommt ja die Einbildung, die Eitelkeit nicht so oft bis zu dem Punkt, daß man sich gerade zu dieser vorhergehenden Inkarnation aufschwingt; aber andere Inkarnationen kommen schon häufiger vor. Und hier müssen wir auf etwas Prinzipielles eingehen.
[ 18 ] My dear friends, there has been much talk in this very document—and I emphasize this again and again: I am expressing my opinion, which is not binding on anyone—there has been much talk that I have exerted unjustified influence here and there. I do not wish to address the contradiction that, on the one hand, friendly conversations and handshakes are portrayed as tools of black magic, while on the other hand, it is criticized that I do not seek to develop a much closer relationship with the members. So, on the one hand, it’s said that I don’t do enough for the members and keep to myself; on the other hand, it’s claimed that I use every conversation, every handshake, to influence the members in an improper way. One should understand how something like this comes about. It may be, for example, that someone has a wish; let’s say he wishes that he had been the Mother of God in a previous incarnation. I’m just recounting this; I’m not making it up. Let’s take this case as an example. If the person in question were to come and hint at something like this, and someone were to say to him, “Yes, yes, I’ve found that in my occult research as well”—then he would most likely—as I said, I don’t mean anything personal by this, but it’s an example—then he would not view this as undue influence. If he were told what he wishes to hear, he would be far from viewing it as undue influence. Now, it is true that conceit and vanity do not so often reach the point where one focuses specifically on this previous incarnation; but other incarnations do come up more frequently. And here we must address a matter of principle.
[ 19 ] Sehen Sie, nach dem gegenwärtigen Stande der Menschheitsentwickelung muß die Freiheit der Seelen wirklich in der allerpenibelsten Weise gewahrt werden; in einer peniblen Art, von der sich Menschen mit einem solchen Denken, wie es der Schreiber dieses Schriftstückes hat, im Grunde keine besonders haltbaren Begriffe machen. Denn dem Schreiber dieses Schriftstückes wäre es doch zuzeiten angenehm gewesen, daß er so beeinflußt worden wäre, wie es seinem Wunsche entspricht, und er wünschte, daß mit ihm viel mehr diskutiert würde. Nun nehmen Sie zu der ersten noch die zweite Hälfte, und was dann herauskommt, ist das, daß man vielleicht über jeden Quark diskutiert hätte und auch Händedrücke gewechselt hätte. Es wäre also zu gleicher Zeit dasjenige, was er gewünscht hat auf der einen Seite, und auf der anderen Seite das von ihm angeführte ungeheure Verbrechen geschehen. Aber, wie gesagt, von jener peniblen Art, die Freiheit der Seelen zu wahren, die walten muß in einer Bewegung wie der unsrigen, machen sich die Menschen gewöhnlich keine Vorstellung. In der allerintensivsten Weise muß die Freiheit der Seelen gewahrt werden.
[ 19 ] You see, given the current state of human development, the freedom of souls must truly be safeguarded in the most meticulous manner; in a meticulous way that people with a mindset such as that of the author of this document cannot, in essence, form particularly sound concepts about. For the author of this document would at times have found it pleasant to have been influenced in a way that corresponded to his wishes, and he wished that there had been much more discussion with him. Now add the second half to the first, and what emerges is that one might have discussed every trivial matter and even exchanged handshakes. So, at the same time, what he desired on the one hand would have happened, and on the other hand, the immense crime he cited would have occurred. But, as I said, people usually have no mental image of that meticulous way of preserving the freedom of souls that must prevail in a movement such as ours. The freedom of souls must be preserved in the most intense manner.
[ 20 ] Nehmen Sie einmal den einfachen Fall an, jemand hätte eine kleine Inkarnationseitelkeit, eine verhältnismäßig kleine Inkarnationseitelkeit und käme damit zu uns. Würde man ihm zustimmen, so würde er sich selbstverständlich über eine Beeinflussung nicht weiter beklagen. Aber angenommen, man würde ihm sagen: Sei nicht so töricht, mit dieser Inkarnation ist es nichts! - dann wäre das, wenn man die Sache ganz penibel nimmt, schon ein, wenn auch nicht starker, so doch ein schwacher unbefugter Eingriff in seine Seele. Nehmen Sie die Sache wirklich klar und deutlich. Derjenige, der kommt und sagt, dieses oder jenes sche er als seine frühere Inkarnation an sei es aus Eitelkeit oder was immer sonst ihn zu dieser Annahme geführt hat -, er ist selber zu dieser Meinung gekommen, es hat ihn doch seine eigene Seele dazu geführt. Es ist doch der Weg der eigenen Seele, den er damit genommen hat, und es liegt im Grundcharakter unserer Bewegung, daß jeder von dem Punkte aus, auf dem seine Seele angekommen ist, höchstenfalls weitergeführt werde, aber nicht, daß ihm die Seele gebrochen werde in einem bestimmten Momente. Wenn man in einem solchen Momente also einfach die Sache abschneidet, indem man sagt: Sei nicht so töricht, das ist ja Unsinn -, dann ist das nicht die richtige Antwort. Man darf nicht so zu ihm sprechen, denn das wäre ja eine unbefugte Beeinflussung, es bliebe ihm gar nichts anderes übrig, als Vertrauen im persönlichen Sinne entgegenzubringen, und das ist nicht das richtige Vertrauen, das entgegengebracht werden soll. Wir werden gleich sehen, daß man von einem ganz anderen Vertrauen sprechen muß. Man müßte demjenigen vielmehr dahingehend antworten, daß man zu ihm sagen würde: Sieh mal, es liegt doch eher die Tatsache vor, daß deine Seele zu dem oder jenem Gedanken gekommen ist. Versuche einmal, diesen Gedanken ins Leben überzuführen, versuche so zu leben, als ob es so wäre. Versuche, ob du das kannst, was du können müßtest, oder sieh zu, ob das eintritt, was eintreten müßte, wenn es wirklich so wäre. —- Durch eine solche Antwort wird er ganz logisch darauf kommen müssen, wie die Sache ist. Das ist ein wirkliches Wahren der Freiheit der Persönlichkeit: nicht etwas abzuschneiden, und sei es ein noch so irrtümlicher Weg, den eine Seele bisher verfolgt hat. Also, die Nichtbeeinflussung der Seelen muß viel tiefer gehen; das ist es, worauf es ankommt.
[ 20 ] Let’s assume the simple case that someone has a slight incarnation-related vanity—a relatively minor one—and comes to us with it. If one were to agree with him, he would naturally stop complaining about being influenced. But suppose one were to tell them: “Don’t be so foolish—there’s nothing to this incarnation!”—then, if one takes the matter very strictly, that would already constitute, if not a strong one, then at least a weak, unauthorized intrusion into their soul. Consider the matter very clearly and distinctly. The one who comes and says that he regards this or that as his previous incarnation—whether out of vanity or whatever else led him to this assumption—has arrived at this opinion on his own; it was his own soul that led him to it. After all, it is the path of his own soul that he has taken, and it is fundamental to the character of our movement that each person be guided further, at most, from the point at which his soul has arrived—but not that his soul be broken at a specific moment. So if, at such a moment, one simply cuts the matter short by saying, “Don’t be so foolish; that’s nonsense”—then that is not the right response. One must not speak to him in this way, for that would be an unwarranted influence; he would have no choice but to place trust in a personal sense, and that is not the kind of trust that should be placed in him. We will see shortly that we must speak of a completely different kind of trust. Rather, one should respond to him by saying: Look, the fact is that your soul has arrived at this or that thought. Try to put this thought into practice; try to live as if it were true. See if you can do what you ought to be able to do, or see if what ought to happen actually happens, as if it were truly the case. —- With such a response, he will quite logically have to come to an understanding of how things really are. This is a true realization of the freedom of the individual: not to cut off anything—no matter how erroneous a path a soul may have followed up to this point. Thus, the non-interference with souls must go much deeper; that is what matters.
[ 21 ] Daß in unserer Gesellschaft irgend jemand besonders verwöhnt worden wäre mit dem Zuerteilen von Inkarnationen durch mich selber, das wird auch derjenige nicht behaupten können, der, wenn er bei den Tatsachen bleibt, ein Gesinnungsgenosse des Schreibers dieses Schriftstückes ist. Nehmen Sie das, was ich jetzt gesagt habe, durchaus ernst: Es handelt sich also nicht darum, daß man sich grobe Vorstellungen über Beeinflussung und Nichtbeeinflussung macht, sondern solche Vorstellungen, die am allerschwersten zu befolgen sind in dieser Zeit, wenn man die freie Würde des andern immer respektieren will.
[ 21 ] Not even someone who, if he sticks to the facts, shares the views of the author of this document will be able to claim that anyone in our society has been particularly favored by my own allocation of incarnations. Please take what I have just said very seriously: It is not a matter of forming crude mental images about influence and non-influence, but rather of forming mental images that are the most difficult to follow in this day and age if one always wishes to respect the free dignity of others.
[ 22 ] Es ist innerhalb unserer Gesellschaft gerade die Schätzung der fremden Seele von mir bewußt immer gepflegt worden, und zwar wirklich so, daß man sagen kann, ich habe die Gewohnheit angenommen, da, wo wahrscheinlich jeder andere viel, viel bejahender oder verneinender sprechen würde, so zu sprechen, daß die Freiheit der anderen Seele gewahrt wird, und nur das zu sagen, was den Betreffenden fähig machen kann, über die Sachlage ein eigenes Urteil zu gewinnen und nicht meine Autorität zu hören, sondern meine Autorität dadurch auszuschalten, daß ich einfach den Rat gebe, dieses oder jenes zu berücksichtigen. Das ist dasjenige, was ich immer bewußt gepflegt habe.
[ 22 ] I am aware that, within our society, respect for the soul of others has always been cultivated—indeed, to such an extent that one can say, I have adopted the habit of speaking—in situations where probably everyone else would speak much, much more affirmatively or negatively—in a way that preserves the freedom of the other person’s soul, and of saying only what enables the person in question to form their own judgment about the situation, not to hear my authority, but to set aside my authority by simply offering advice to consider this or that. That is what I have always consciously cultivated.
[ 23 ] Meine lieben Freunde, gewiß, es sind in diesem Schriftstücke noch nicht einmal die kuriosesten Verkennungen zutage getreten, die vorkommen. Man muß sich über diese schon klar werden. Glauben Sie mir, es ist nicht nur einmal vorgekommen, daß irgendwo irgendwer bei einem Vortragszyklus aufgetaucht ist und gesagt hat, es sei der ausdrückliche Wunsch von Dr. Steiner, daß er bei diesem Vortragszyklus dabei sei. Das ist oft vorgekommen. Man konnte oftmals, wenn man einem solchen Faktum nachging, finden, daß der Betreffende zu mir gesagt hatte, er werde zu diesem Vortragszyklus kommen, und ich ihm sagte, daß ich mich sehr freue, weil es mich wirklich herzlich freut, die Mitglieder da oder dort wiederzusehen. Das hat sich aber in vielen Fällen bei den Betreffenden oft schon bis zum nächsten Tage so verändert, daß sie sagten: Der Doktor wünscht ganz besonders, daß ich zu diesem Vortragszyklus gehe.
[ 23 ] My dear friends, certainly, not even the most curious misinterpretations that occur have yet come to light in this document. One must get to the bottom of these. Believe me, it has happened more than once that someone showed up at a lecture series and claimed it was Dr. Steiner’s express wish that he be present at that lecture series. This has happened often. Often, when one looked into such a claim, one would find that the person in question had told me he would be attending that lecture series, and I had told him that I was very pleased—because it truly gives me great joy to see members again here or there. In many cases, however, the person’s attitude would often change by the very next day, to the point where they would say: “The Doctor specifically wishes that I attend this lecture series.”
[ 24 ] Da haben Sie eines der Kapitel, die so sehr merkwürdig sind. Es war der allergrößte Wunsch vieler unserer Freunde, daß man ihnen sage, was sie tun sollen, aber ich habe immer versucht, mich so zu verhalten, daß die Mitglieder es doch merken sollten, daß es mir in bezug auf die ganze äußere Einrichtung ihres Lebens, in bezug auf jeden Schritt und Tritt ihres Lebens, gar nicht einfällt, jemandem einen persönlichen Rat geben zu wollen; daß ich weit davon entfernt bin, jemanden in irgendeiner Weise zu beeinflussen, ob er zum Beispiel zu diesem oder jenem Vortragszyklus gehen soll. So daß ich von meinem Standpunkte aus sagen kann: Der Wunsch, der mir am meisten vorgekommen ist und gegen den ich am meisten zu kämpfen habe, ist der, daß die Mitglieder in den meisten Fällen in den geringsten Kleinigkeiten persönlich beeinflußt werden wollen und ich es nie will; ich muß es immer ablehnen. Es ist eben notwendig, daß innerhalb einer solchen Gemeinschaft, wie die unsrige sein soll, solche Dinge abgelehnt werden.
[ 24 ] Here is one of those chapters that are so very peculiar. It was the greatest wish of many of our friends that someone would tell them what to do, but I have always tried to conduct myself in such a way that the members would realize that, when it comes to the entire external organization of their lives—every step they take—it would never occur to me to offer anyone personal advice; that I am far from wanting to influence anyone in any way—for example, as to whether they should attend this or that lecture series. So from my point of view, I can say: The desire that has struck me most—and against which I have to fight the hardest—is that, in most cases, members want to be personally influenced even in the smallest details, and I never want that; I must always reject it. It is simply necessary that within a community such as ours is meant to be, such things be rejected.
[ 25 ] Mit alledem hängt nun noch ein anderes zusammen, das prinzipiell auch einmal gesagt werden darf. Sehen Sie, wer die Art und Weise beobachtet, wie ich zu wirken versuche, der wird daraus ersehen können, daß ich mich bestrebe, die Sache wirken zu lassen. Und damit komme ich nun auf dasjenige, was ich die Vertrauensfrage nenne. Ich möchte die Mitglieder wirklich bitten, sich einmal gehörig zu überlegen, ob ich jemals, einem einzelnen oder der Gesamtheit gegenüber, etwas dazu getan habe, um in gewöhnlichem Sinne ein persönliches Vertrauen zu fordern oder irgendwie zu begründen. Versuchen Sie einmal darüber nachzudenken, und versuchen Sie aus der Art und Weise, wie ich vortrage, darüber zu einem Urteil zu kommen.
[ 25 ] There is another point connected to all of this that, in principle, is worth mentioning. You see, anyone who observes the way I try to work will be able to see that I strive to let the matter take its course. And this brings me to what I call the question of trust. I would really like to ask the members to give it some serious thought: Have I ever—whether toward an individual or the group as a whole—done anything to demand personal trust in the conventional sense, or to justify it in any way? Try to think about this, and try to form a judgment based on the way I present things.
[ 26 ] Nehmen Sie einmal einen naheliegenden Fall. Sie waren so freundlich, bei dem vorgestrigen Vortrage, den ich über einige mathematisch-geometrische Begriffe gehalten habe, zu erscheinen. Da habe ich Ihnen von einem gewissen Standpunkte aus der Geisteswissenschaft heraus zu sagen gehabt: Materie ist nichts, Materie ist eigentlich, so wie wir sie auffassen, ein Loch im Raum; es ist gerade da, wo Materie ist, nichts. - Aber ich will nicht, daß mir das jemand auf Vertrauen hin glaubt. Ich bin wahrhaftig weit entfernt davon, zu wollen, daß jemand die Lehre aus Vertrauen auf mich hinnehmen soll, sondern ich versuche zu zeigen, wie die heutige Wissenschaft, wie diejenigen, die auf der Höhe dieser heutigen Wissenschaft stehen, zu denselben Erkenntnissen kommen wie die Geisteswissenschaft. Das heißt, ich versuche, abgesehen davon, wie ich persönlich die Dinge gefunden habe, abgesehen davon, daß ich sie Ihnen sage, zu zeigen, daß sie auch eine objektive Begründung in der Welt haben und daß sich diese Begründung auch in den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung zeigt.
[ 26 ] Let’s take a case close to home. You were kind enough to attend the lecture I gave the day before yesterday on certain mathematical and geometric concepts. From a certain perspective within Spiritual Science, I had to tell you: Matter is nothing; matter is actually, as we understand it, a hole in space; it is precisely where matter is that there is nothing. — But I do not want anyone to believe me on trust alone. I am truly far from wanting anyone to accept this teaching simply on the basis of trust in me; rather, I am trying to show how modern science—and those who are at the forefront of modern science—arrive at the same insights as Spiritual Science. That is to say, I am trying—regardless of how I personally discovered these things, and regardless of the fact that I am telling you about them—to show that they also have an objective basis in the world and that this basis is also evident in the results of scientific research.
[ 27 ] Warum tue ich das? Darum, damit Sie gerade ein persönliches Vertrauen nicht brauchen, sondern es entbehren können, sehen können, wie ich darauf hinarbeite, daß die Sache für sich selbst spricht, auch wenn sie noch so schwierig ist.
[ 27 ] Why am I doing this? So that you won’t need to rely on personal trust—but can do without it—and can see how I’m working to ensure that the matter speaks for itself, no matter how difficult it may be.
[ 28 ] Es tut mir leid, daß ich das Problem der Vertrauensfrage so schildern muß. Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie selber darauf gekommen wären, daß von mir darauf hingearbeitet wird, daß Sie das persönliche Vertrauen nicht brauchen. Das einzige Vertrauen, das in Frage kommen könnte, wäre das, daß Sie sich sagen können: Der gibt sich wirklich Mühe, uns nicht etwas vorzutragen, was er einmal aus irgendwelchen Eingebungen heraus an Erkenntnissen gewonnen hat, sondern er versucht, alles zusammenzutragen, damit die Dinge aus sich selbst heraus beurteilt werden können, unabhängig von seiner Persönlichkeit. - Ich will nicht sagen, daß das «alles zusammenzutragen» immer gelingen kann, einmal aus dem Grunde, weil die Zeit einfach nicht reicht, und zum andern, weil überhaupt alles unvollkommen bleiben muß. Aber die Methode tendiert doch dahin, daß es nicht um persönliches Vertrauen geht, sondern daß dieses gerade vollständig ausgeschaltet werde. So müssen wir schon die sogenannte Vertrauensfrage in einer geistigen Bewegung auffassen. Denn darauf kommt es mir an, aber auch damit will ich heute nur meine persönliche Meinung aussprechen.
[ 28 ] I’m sorry that I have to describe the issue of trust in this way. I would have preferred it if you had realized on your own that I am working toward a situation where you don’t need to place personal trust in me. The only kind of trust that could come into play would be the kind where you can say to yourselves: He’s really making an effort not to just present us with insights he once gained on a whim, but is trying to bring everything together so that matters can be judged on their own merits, independent of his personality. - I do not mean to say that “gathering everything together” can always succeed—first, because there simply isn’t enough time, and second, because everything must inevitably remain imperfect. But the method does tend toward ensuring that it is not a matter of personal trust, but rather that this is completely eliminated. This is how we must understand the so-called “question of trust” in a spiritual movement. For that is what matters to me, though I also wish to express only my personal opinion on this today.
[ 29 ] Allerdings, es gibt auch einen gewissen Gesichtspunkt, der alles zu etwas Relativem macht, weil ja im allgemeinen der Grundsatz gilt, daß sich alles einer berechtigten Kritik aussetzen soll. Gewiß, jeder soll die berechtigte Kritik an allem üben können. Aber es ist doch so, daß man auch die Sache mit der Kritik relativ nehmen muß. Denn bedenken Sie doch, daß unsere Arbeitsquantität von der Zeit bedingt wird, so daß wir sie nicht in beliebiger Weise entfalten können, so wie es dem einen oder anderen einfällt. Wenn Sie nur das bedenken, dann müssen Sie sich selber sagen, daß hier manches wirklich nicht im Sinne des realen Lebens gedacht wird. Ich würde, das kann ich offen sagen, und ich habe das auch oftmals angedeutet, gewisse Dinge nicht aussprechen, wenn ich nicht in manchem jahrzehntelang gelebt und gearbeitet hätte und durch ein langes Leben hindurch kennengelernt hätte.
[ 29 ] However, there is also a certain perspective that makes everything relative, because, after all, the general principle applies that everything should be subject to justified criticism. Certainly, everyone should be able to offer justified criticism of everything. But the fact remains that one must also take the matter of criticism with a grain of salt. For consider that the volume of our work is determined by time, so that we cannot carry it out in any way we please, as one person or another might imagine. If you just consider that, then you must admit to yourself that some things here are truly not conceived in the spirit of real life. I would—and I can say this openly, and I’ve hinted at it many times—not speak out about certain things if I hadn’t lived and worked in this environment for decades and come to understand it through a long life.
[ 30 ] Ich würde zum Beispiel über den «Faust» nicht gesprochen haben, wenn ich nicht in einem jahrzehntelangen Leben mich in den «Faust» hätte hineinleben können. Wenn nun zu einem, der sich so durch Jahrzehnte hindurch bemüht hat, einer kommt und mit ihm über diese Dinge streiten wollte, obgleich er sich nicht so lange bemüht, sondern sich nur geringfügig damit beschäftigt hat - denken Sie sich doch, welch ein Zeitverlust das für denjenigen wäre, der sich mit der Sache intensiv beschäftigt hat. Es kann dies doch wirklich nicht von mir verlangt werden oder von irgend jemandem. Dem Dichter Hamerling hat einmal jemand - es war zu seinem 50. Geburtstag - einen Brief geschrieben, der Hamerling ziemlich erstarren gemacht hat. Der Brief hat nämlich die Überschrift getragen: «Verehrter Greis!» - Nun, ich bin zwar schon über die Fünfzig, aber ich denke doch, daß Sie mir zugestehen werden, eine Aufgabe zu haben, die Zeit fordert, und Sie werden begreifen, daß ich nicht nötig habe, mit Menschen über diejenigen Dinge zu diskutieren, mit denen ich mich schon befaßt habe zu einer Zeit, als diese Menschen noch in den Windeln lagen. Es kann - in abstracto - richtig sein, eine Diskussion zu führen; aber es ist gewöhnlich das Unfruchtbarste, wenn es dabei um Dinge geht, wie sie in diesem Schriftstücke stehen. Das muß doch so gesagt werden. Denn es ist doch etwas ganz anderes, wenn ein altes Leben als wenn das Leben eines «Kiek-in-die-Welt» etwas darüber sagt. Das sind doch auch reale Tatsachen des Lebens.
[ 30 ] For example, I would not have spoken about *Faust* if I had not been able to immerse myself in *Faust* over the course of decades. Now, if someone were to come to a person who has devoted decades to this endeavor and try to argue with him about these matters—even though that person hasn’t devoted nearly as much time to it but has only dabbled in it slightly—just imagine what a waste of time that would be for the one who has studied the subject intensively. Surely this cannot really be expected of me—or of anyone, for that matter. Someone once wrote a letter to the poet Hamerling—it was on his 50th birthday—that left Hamerling quite speechless. The letter bore the heading: “Dear Old Man!”—Well, I am indeed over fifty, but I think you will concede that I have a task that demands my time, and you will understand that I have no need to discuss with people matters that I had already dealt with at a time when these people were still in diapers. It may—in the abstract—be right to engage in a discussion; but it is usually the most fruitless thing when it concerns matters such as those set forth in this document. That must be said. For it is quite a different thing when an old man speaks on the subject than when a “newcomer to the world” does. These, after all, are real facts of life.
[ 31 ] Und dann, meine lieben Freunde, denken Sie nur einmal an das furchtbar Widerspruchsvolle dieses ganzen Schriftstückes. Sie brauchen ja nicht zu denken wie ich, aber ich will Ihnen doch sagen, was ich denke. Da steht der Satz: «Ich habe erkannt, daß Sie bei Ihrem Wirken in unserer geistigen Bewegung neben Ihrer dem Guten gewidmeten Tätigkeit» und so weiter. - Es würde mir nicht einfallen, diesen Satz zu sagen; aber er steht hier, und im Anschluß daran wird dann eine große Anzahl von Unternehmungen, die gemacht worden sind, aufgeführt. Ich muß gestehen, daß alles das, was da aufgezählt wird, recht unvollkommen gemacht worden ist, und ich habe immer wieder hervorgehoben, daß zum Beispiel der Johannesbau nur ein Anfang ist von dem, was gemacht werden soll. Und dennoch kann man denn gar nicht ein bißchen den Gedanken haben, daß sich jemand begrenzen muß in seinen Aufgaben? Kann man nicht den Gedanken haben, daß er bei solchen Aufgaben nicht auch noch .die Zeit hat, alle möglichen in diesem Schriftstück erträumten Beziehungen zu pflegen? Man geht wirklich über die Dinge zu leichtherzig hin, wenn man glaubt, daß man all das erfüllen könnte, was in diesem Schriftstück von einem solchen Zusammenleben verlangt wird, wenn alles das noch geschehen sollte, was hier aufgezählt ist. Da müßte man wirklich - ich spreche es ungern aus, und ich bitte ausdrücklich, das so aufzufassen, daß ich es ungern ausspreche - von dem Briefschreiber verlangen, daß er einem die Möglichkeit gäbe, das Jahr doppelt zu gestalten. Das Recht muß einem doch zugestanden werden, daß man seine Tätigkeit gestaltet, wie man selbst will. Der andere wird ja dadurch nicht beeinträchtigt in dem, was er will und kann. Das ist es ja, was ich so unendlich intensiv anstrebe, daß jeder tue, was er will, daß man von keinem verlange, daß er etwas anderes tue als das, was er will. Aber man muß auch mir das Recht zugestehen, mich in dem zu begrenzen, was ich als meine Aufgabe erkenne. Es sind ja zunächst meistens Menschen, die nicht an konkrete Aufgaben denken wollen, die nicht den Willen zu konkreten Aufgaben entwickeln wollen, die sich mehr damit befassen, anderes, was schon da ist, zu kritisieren.1Dies bezieht sich offensichtlich auf Heinrich Goesch, der sich nirgendwo praktisch betätigte und der, wie Mitglieder berichteten, abgelehnt hatte, an dem entstehenden Bau des ersten Goetheanum mitzuarbeiten.
[ 31 ] And then, my dear friends, just think for a moment about how terribly contradictory this entire document is. You don’t have to think the way I do, but I’d still like to tell you what I think. There is this sentence: “I have come to realize that in your work within our spiritual movement, alongside your activities dedicated to the good,” and so on. — It would never occur to me to say this sentence; but it is written here, and following it is a long list of undertakings that have been carried out. I must admit that everything listed there has been carried out rather imperfectly, and I have repeatedly emphasized that, for example, the Johannesbau is only the beginning of what is to be done. And yet, can one not even entertain the slightest thought that someone might have to limit themselves in their tasks? Can one not imagine that, with such tasks, one would not also have the time to cultivate all the possible relationships envisioned in this document? One really approaches these matters too lightly if one believes that one could fulfill all that this document demands of such a communal life, even if everything listed here were to come to pass. One would really have to—I say this reluctantly, and I expressly ask that you understand that I say it reluctantly—demand of the letter’s author that he allow one the opportunity to structure the year in two distinct ways. One must surely be granted the right to organize one’s activities as one sees fit. After all, this does not interfere with what the other person wants or is capable of doing. That is precisely what I strive for so intensely—that everyone do what they want, that no one be required to do anything other than what they want. But one must also grant me the right to limit myself to what I recognize as my task. After all, it is mostly people who do not want to think about concrete tasks, who do not want to develop the will to undertake concrete tasks, who are more concerned with criticizing other things that already exist. 1This obviously refers to Heinrich Goesch, who was not actively involved in any practical work and who, as members reported, had refused to participate in the construction of the first Goetheanum.
[ 32 ] Das ist aber nicht das Fruchtbare im Leben, meine lieben Freunde. Derjenige, der mit einer Gesellschaft, die einmal besteht, nicht ein‚verstanden ist, der kann ja aus der Gesellschaft draußen bleiben, und dasjenige, womit er einverstanden ist, kann er ja tun. Aber es ist unendlich viel leichter, sich in eine Gesellschaft einzufügen und darinnen zu kritisieren, als selber etwas zu tun. Man kann vieles schlecht finden im Leben; aber das entscheidet ja nicht über das, was jemand leisten kann. Daß er weiß: dieses oder jenes sollte geschehen und dieser oder jener macht dieses oder jenes schlecht, das entscheidet da nicht, wohl aber das, daß er sich bemüht, das, was er kann und sagt, auch auszuführen. Und auch das ist nicht entscheidend, daß nicht ein jeder das vollführt, was ich will. Er kann es unterlassen oder tun, aber dann ist seine Freiheit nicht beeinträchtigt durch mich, sondern durch das, was er nach seinen Fähigkeiten zu können glaubt; er muß nur den Willen entwickeln, das zu tun, was seinem Können angemessen ist.
[ 32 ] But that is not what is fruitful in life, my dear friends. Anyone who does not agree with a society that already exists can, of course, remain outside of that society, and can do whatever he agrees with. But it is infinitely easier to fit into a society and criticize from within than to do something oneself. One can find many things in life to be bad; but that does not determine what someone is capable of accomplishing. The fact that one knows—that this or that should happen, and that this or that person is doing this or that poorly—does not determine anything; what does matter, however, is that one strives to actually carry out what one is capable of and what one says. And it is not decisive, either, that not everyone accomplishes what I want. They may refrain from doing it or do it, but then their freedom is not impaired by me, but rather by what they believe they are capable of doing according to their abilities; they need only develop the will to do what is commensurate with their abilities.
[ 33 ] Ich habe gemeint, als unsere Gesellschaft im Anfange war, daß sie gerade mustergültig sein könnte für dieses zuletzt angedeutete Prinzip; gerade für das letztere glaubte ich das. Denn das ist der große Mangel unserer Zeit, daß die Leute immer furchtbar viel wollen und zu keinem Können kommen. Es ist das ja begreiflich. Sehen Sie, wer auf einem Gebiete im Leben Kenntnisse und Fähigkeiten erworben hat und damit arbeitet, der weiß, daß man furchtbar wenig kann, sei es in dieser oder jener Hinsicht. Am besten weiß man, daß man wenig kann, wenn man irgend etwas kann und die Notwendigkeit gehabt hat, sich dieses etwas anzueignen. Am meisten traut man sich zu, wenn man eigentlich nichts kann und sein Können überhaupt noch nicht erprobt hat. Daher treten einem in unserer Zeit weniger die Tatsachen entgegen als die Programme. Von Programmen ist die Zeit voll; die schwirren nur so herum. An Programmen sind die Leute reich. In allgemeinen Abstraktionen aufzuschreiben, was man mit dem Sozialismus, mit der Theosophie, im Zusammenleben der Menschen, bei der Frauenfrage und so weiter will, das ist unendlich leicht. Es ist leicht, etwas in Programmen aufzusetzen, die unendlich geistreich und richtig sein können. Aber derjenige, der wirklich, wenn auch im allerengsten Kreise, etwas Positives getan hat, der hat mehr getan als derjenige, der die schönsten Programme in die Welt hinaussandte.
[ 33 ] When our society was in its infancy, I thought it could serve as a model for this principle I just mentioned; I believed that specifically in regard to the latter. For that is the great shortcoming of our time: people always want an awful lot but never acquire any real skill. That is, of course, understandable. You see, anyone who has acquired knowledge and skills in a particular area of life and works with them knows that one can do terribly little, whether in this or that respect. One knows best that one can do little when one can do something and has had to master that something out of necessity. One is most confident in one’s abilities when one actually can do nothing and has not yet tested one’s abilities at all. That is why, in our time, we are confronted less by facts than by programs. The age is full of programs; they’re just swarming all around us. People are rich in programs. It is infinitely easy to write down, in general abstractions, what one wants regarding socialism, theosophy, human coexistence, the women’s issue, and so on. It is easy to set forth something in programs that can be infinitely witty and correct. But the person who has truly done something positive—even if only within the very smallest circle—has done more than the person who sent the most beautiful programs out into the world.
[ 34 ] Meine lieben Freunde, was festgestellt werden muß, das ist, daß es darauf ankommt, daß etwas getan wird. Am besten wäre es, wenn man Programme mehr oder weniger in seinem Herzkämmerlein verschlösse und sie nur zur Richtschnur des eigenen Lebens machte. Solch eine Bewegung wie die unsrige ist natürlich sehr leicht zu verkennen. Ich habe schon gestern darauf hingewiesen, wie sie verkannt werden muß und wird und wie wir nötig haben, auf diese Verkennung zu achten gegenüber den Menschen, die außerhalb der Bewegung stehen, die wirklich nicht nur nicht mit ihrer Kritik — denn das würde sogar gut sein -, sondern auch nicht mit Verleumdungen und unwahren Behauptungen sparen.
[ 34 ] My dear friends, what must be recognized is that what matters is that something be done. It would be best to keep one’s programs more or less locked away in the innermost recesses of one’s heart and use them only as a guiding principle for one’s own life. A movement such as ours is, of course, very easy to misunderstand. I already pointed out yesterday how it must and will be misunderstood, and how we need to be mindful of this misunderstanding when dealing with people outside the movement, who truly do not hold back—not only with their criticism (for that would actually be a good thing), but also with slander and false claims.
[ 35 ] Gerade nach dieser Richtung hin ist im Laufe der Jahre das Allerbedeutsamste geleistet worden. Gerade auf dem Gebiete der Verleumdung und der Verunglimpfung ist viel geleistet worden, ohne daß das Nötige geschehen wäre, um diese Dinge wirklich zurückzuschlagen. Aber notwendig wäre es, daß innerhalb unserer Gesellschaft selber allmählich um sich greifen würde dasjenige, was die intimsten Kennzeichen gerade einer solchen spirituellen Bewegung sind.
[ 35 ] It is precisely in this area that the most significant progress has been made over the years. It is precisely in the realm of slander and denigration that much has been done, without the necessary steps being taken to truly counter these things. But it would be necessary for what constitutes the most intimate characteristics of precisely such a spiritual movement to gradually take hold within our society itself.
[ 36 ] Nun gehört wirklich zu dem, wofür ich immer wieder eintrete, sowohl im Vortrage als auch sonst, und worauf ich immer wieder hinweise, weil es schon einmal meine Aufgabe sein muß, daß dasjenige, was ich einem anderen Menschen sein kann, nur durch das Geistige unserer Strömung bestimmt sein kann und wie es notwendig ist, daß dieses Geistige, rein Geistige selbstverständlich, das zwischen uns herrschen soll, nicht verkannt werde. Ich kann wirklich im Zusammenhang mit unserem Falle diese Sache nicht erörtern, ohne an diese Dinge anzuknüpfen. Alle diese Dinge tun mir furchtbar leid, weil man immer versucht ist, Personen wirklich so lange zu schonen, als es nur irgend geht. Aber die Sache muß doch höher stehen als die Personen. Das ist gar nicht anders möglich.
[ 36 ] Now, one of the things I consistently advocate—both in lectures and elsewhere—and which I repeatedly point out, because it must be my duty, is that what I can be to another person can only be determined by the spiritual essence of our movement, and that this spiritual essence—purely spiritual, of course—which must prevail between us, must not be misunderstood. I really cannot discuss this matter in connection with our case without addressing these issues. I am terribly sorry about all of this, because one is always tempted to spare people for as long as possible. But the cause must take precedence over the individuals. There is simply no other way.
[ 37 ] Nun wird derjenige, der objektiv urteilen kann, wirklich gut den Zusammenhang sehen können zwischen demjenigen, was ich früher von einer freien Schätzung der freien Seele gesagt habe, und der Art und Weise, wie ich den einzelnen Mitgliedern gegenüberstehe. Ich will immer dabei dasjenige verwirklichen, was aus unserer geistigen Bewegung folgt, was mir gewissermaßen notwendig erscheint, um auch alle persönlichen Verhältnisse so zu gestalten, daß sie in dem Leben unserer geistigen Bewegung richtig darinnenstehen, und da muß ich schon sagen: Ich lasse jeden in unserer Gesellschaft so wirken, daß sein Wirken ganz anders ist als das meinige.
[ 37 ] Now, anyone capable of objective judgment will truly be able to see the connection between what I have said earlier about a free assessment of the free soul and the way in which I relate to the individual members. I always strive to put into practice what follows from our spiritual movement—what seems to me, in a sense, necessary in order to shape all personal relationships so that they are properly integrated into the life of our spiritual movement—and here I must say: I allow everyone in our society to work in such a way that their work is entirely different from my own.
[ 38 ] Es mag jemand die Ansicht des Herrn Goesch ganz gut finden und es als etwas sehr Erfreuliches bezeichnen, daß sich jemand bemühen sollte, das Gesellschaftliche, den persönlichen Zusammenhalt zu pflegen, und ich glaube selber, daß es sogar gut wäre, wenn jemand da wäre, der den persönlichen Zusammenhalt, die persönlichen Beziehungen pflegen würde, so daß die Gesellschaft nicht bloß dem Namen nach eine Gesellschaft ist. Aber ich muß mich in dieser Gesellschaft begrenzen. Trotzdem sehe ich, daß noch immer ich derjenige bin, der die weitaus größte Anzahl der Mitglieder persönlich kennt. Es werden viele Menschen vorhanden sein, die eine weniger große Zahl von Mitgliedern kennen als ich selber. Ich habe aber gar nichts dagegen, wenn recht viel gemacht wird, um auch das Persönliche, was in diesem Schriftstück eine so große Rolle spielt, wirklich zu pflegen. Nur, wie gesagt, ich muß mich begrenzen, aus den Gründen, die ich hinlänglich angegeben habe.
[ 38 ] Some may find Mr. Goesch’s view quite good and regard it as something very gratifying that someone should make an effort to foster social and personal cohesion, and I myself believe that it would even be good if there were someone who would foster personal cohesion and personal relationships, so that the society is not merely a society in name only. But I must set limits for myself in this society. Nevertheless, I see that I am still the one who knows by far the greatest number of members personally. There will be many people who know fewer members than I do. However, I have absolutely no objection to a great deal being done to truly foster the personal connections that play such a major role in this document. It’s just that, as I said, I must set limits for myself, for the reasons I have sufficiently explained.
[ 39 ] Darum klingt es denn doch wirklich wie ein sehr merkwürdiges Mißverständnis gegenüber dem, was geschieht, wenn man Urteile hört, wie sie jetzt auch wieder in diesem Schriftstücke zum Ausdruck kommen: Daß das Beste, was ich gebe, dadurch nur zu etwas Schattenhaftem, zu einem bloßen Bilde werde. - Es scheint also schon nach diesem Ausspruch -, daß man diese auf Geisteswissenschaft gebaute Gemeinschaft, so wie ich sie verstehen muß, als etwas zu Abstraktes ansieht, als etwas ansieht, was - ich möchte sagen - einen viel persönlicheren Charakter haben sollte; ich sage nur: einen viel persönlicheren Charakter haben sollte - um nicht ein anderes Wort zu gebrauchen. Ich habe es oftmals ausgesprochen, daß dieser persönliche Charakter nicht sein kann; er kann eben nicht sein. Ich habe es selbst einzelnen Mitgliedern gegenüber ausgesprochen. Ich möchte am liebsten das Persönliche so getilgt sehen, daß ich meinetwillen immer hinter einer spanischen Wand sprechen könnte, so daß gar nichts einfließen könnte von persönlichen Beziehungen zu den Mitgliedern in dasjenige, was die Hauptsache ist: die Verbreitung der Lehre und deren Einleben in das Leben.
[ 39 ] That is why it really does sound like a very strange misunderstanding of what is happening when one hears judgments such as those expressed once again in this document: that the best I have to offer thereby becomes merely something shadowy, a mere image. - It seems, then, even from this statement, that this community founded on Spiritual Science—as I must understand it—is viewed as something too abstract, as something that—I would say—should have a much more personal character; I say only: should have a much more personal character—so as not to use another word. I have often stated that this personal character cannot exist; it simply cannot be. I have expressed this myself to individual members. I would most like to see the personal element eliminated to such an extent that, as far as I am concerned, I could always speak from behind a screen, so that nothing at all from personal relationships with the members could influence what is the main thing: the dissemination of the teaching and its integration into life.
[ 40 ] Es tut mir leid, daß ich solche Dinge sagen muß, aber wie soll man sich verstehen, wenn man solche Dinge nicht sagt.
[ 40 ] I'm sorry I have to say things like this, but how can we understand each other if we don't say things like this?
[ 41 ] Nun ist folgendes vorgekommen, und daran will ich anknüpfen. Sehen Sie, eine Persönlichkeit, der gegenüber ich selbstverständlich immer dasjenige verwirklichte, was mit unserer geistigen Bewegung zusammenhängt, das heißt meine Pflicht tat in bezug auf die geistige Bewegung, selbstverständlich aber von Persönlichem absehend - eine solche Persönlichkeit fand es doch nötig, vor einiger Zeit einen Brief an mich zu schreiben, der in der folgenden Weise beginnt. Ich werde den Brief nicht ganz, sondern nur eine Stelle daraus vorlesen, von der gesagt werden kann, daß sie gewissermaßen der Keim ist von dem, was jetzt als ein Faktum vorliegt. Der Brief kam am 25. Dezember 1914, also am Weihnachtstage vorigen Jahres. Ich will die charakteristische Stelle jetzt zur Verlesung bringen. Sie heißt wie folgt und ist aus einem der Mysterienspiele zitiert: «In diesen Tagen sind es 7 Jahre, daß Sie, Herr Doktor, vor meinem inneren Auge erschienen und zu mir sagten: Ich bin es, auf den du gewartet hast dein Leben lang, ich bin der, dem dich die Schicksalsmächte bestimmt haben.» Und weiter steht in diesem Brief: «Denn nicht die Lehre, nicht der Lehrer allein konnte meine Seele wieder beleben, das konnte nur der Mensch, der Mensch, der größerer Liebe fähig war als andere, so daß er auch größere Lieblosigkeit gutmachen konnte.»
[ 41 ] Now the following has happened, and I would like to pick up on that. You see, there was a person to whom I, of course, always fulfilled my obligations as they relate to our spiritual movement—that is, I did my duty with regard to the spiritual movement, while naturally setting aside personal matters—and yet this person felt it necessary some time ago to write me a letter that begins as follows. I will not read the entire letter, but only a passage from it that can be said to be, in a sense, the seed of what is now a fact. The letter arrived on December 25, 1914—that is, on Christmas Day of last year. I will now read the characteristic passage. It reads as follows and is quoted from one of the Mystery Plays: “It has now been seven years since you, Doctor, appeared before my inner eye and said to me: ‘I am the one you have been waiting for all your life; I am the one to whom the forces of destiny have destined you.’” And the letter continues: “For neither the teaching nor the teacher alone could revive my soul; only the human being—the human being capable of greater love than others, so that he could also make up for greater lack of love—could do that.”
[ 42 ] Hier haben Sie geradezu gefordert dasjenige, was persönlich nicht gegeben werden kann und nicht gegeben werden darf. Auf den Lehrer und die Lehre wird das geringere Gewicht gelegt, sondern der Mensch wird gefordert. Ich muß sagen, es ist eben nötig, daß in diesen Dingen nicht Versteckspielen getrieben wird.
[ 42 ] Here you have essentially demanded something that cannot and must not be given on a personal level. Less emphasis is placed on the teacher and the teaching; rather, it is the individual who is called upon. I must say, it is simply necessary that we not play hide-and-seek when it comes to these matters.
[ 43 ] Am Schluß des Schriftstückes des Herrn Dr. Goesch wird dann gesagt, daß er diese Erkenntnisse unter Anleitung des Siegelbewahrers der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst erworben habe. Dieser Siegelbewahrer ist eben die Persönlichkeit, die den vorgelesenen Satz geschrieben hat, der zeigt, daß sich bei der betreffenden Persönlichkeit solche Dinge, wie sie in diesem Briefe stehen, wirklich seit langem zusammenverdichtet haben. Ich will die Insinuationen, die besonders stark sind in dem Briefe, der vorgestern bei Frau Dr. Steiner angekommen ist, mit keinem Adjektivum bezeichnen; wirkliche Insinuationen, die ich schon aus dem Grunde nicht vorlesen werde, weil man Menschen selbstverständlich schont, so lange sie es nur zulassen, daß sie geschont werden. Aber sagen muß ich doch, daß es immerhin möglich ist, daß solche Dinge in unserer Gesellschaft vorkommen.
[ 43 ] At the end of Dr. Goesch’s document, it is stated that he acquired this knowledge under the guidance of the Keeper of the Seal of the Society for Theosophical Art and Culture. This Keeper of the Seal is precisely the individual who wrote the sentence that was read aloud, which shows that matters such as those described in this letter have indeed been accumulating within this individual for a long time. I do not wish to describe with any adjective the insinuations—which are particularly strong in the letter that arrived at Dr. Steiner’s the day before yesterday; these are genuine insinuations that I will not read aloud, simply because one naturally spares people as long as they allow themselves to be spared. But I must say that it is, after all, possible for such things to occur in our society.
[ 44 ] Glauben Sie nicht, meine lieben Freunde, daß ich etwa blind war gegenüber der Tatsache, die sich, ich möchte sagen, in zwei Äste spaltete. Ich will zunächst von dem einen Ast, der von unserer Gesellschaft nach auswärts steht, sprechen. Vielleicht ist es besser, zuerst einmal von diesem einen Ast zu sprechen. Unter den mancherlei im höchsten Maß verleumderischen Dingen, die in den Schmähschriften gegen unsere Bewegung und hauptsächlich gegen mich geschrieben worden sind, ist immer wieder die Schmähung zu finden, daß in unserer Gesellschaft so viele sind, die dem Manne nachlaufen, die hysterische Weiber seien. Ich sage damit nicht irgendein Faktum, sondern etwas, was in diesen Schmähschriften steht, von denen viele aus dieser Ecke heraus pfeifen und aus dem ungeheuer viel hergeholt ist, mit dem wir - namentlich ich - in der letzten Zeit verleumdet worden sind.
[ 44 ] Do not think, my dear friends, that I was in any way blind to the fact that, I might say, split into two branches. I want to speak first of all about the one branch that extends outward from our society. Perhaps it is better to speak of this one branch first. Among the various highly defamatory things that have been written in the slanderous pamphlets against our movement—and mainly against me—one repeatedly finds the accusation that there are so many in our society who run after men, who are hysterical women. I am not stating a fact here, but rather something that appears in these defamatory writings—many of which originate from this corner and are largely fabricated—with which we—namely, I—have been slandered in recent times.
[ 45 ] Der jetzige Fall steht ja nicht vereinzelt da. Die Dinge, die sich in der jetzigen Gestalt zeigen, sollten richtig symptomatisch, nicht persönlich genommen werden. Ich will sagen, daß jemand, der unserer Bewegung nahe zu kommen sucht, es nicht auf die Weise versuchen sollte, daß er dazu käme, zu schreiben: Es sind nun 7 Jahre her, Herr Doktor -, und so weiter. Ich will nicht sehr weit in solchen Dingen gehen, aber man wird verstehen können, was es heißt. Solche Dinge können eben nicht bloß an dem einzelnen Fall beurteilt werden, sondern es muß der einzelne Fall als Symptom beurteilt werden dafür, daß die Lehre nicht so ganz unpersönlich genommen wurde und daß mancher da war, der auch auf dem Wege war, auf die Lehre und den Lehrer weniger Gewicht zu legen als auf den Menschen. Das war auch einer der mehr gleichgültig nebenher laufenden Gründe, warum die getreue Mitarbeiterin, die an meiner Seite stand so viele Jahre, und ich uns zur letzten Weihnacht verheiratet haben. Wir waren damals wirklich nicht geneigt - das gestehe ich offen -, der Sache ein okkultes Mäntelchen umzuhängen. Wir standen, vorzugsweise für uns selber, auf dem Standpunkte, daß erstens solche persönlichen Dinge niemanden etwas angehen und, zweitens - und das gilt für das Verhältnis zwischen uns beiden -, daß es wirklich notwendig geworden ist, gar nicht, sagen wir, das Mißverständnis aufkommen zu lassen, daß die Dinge menschlicher genommen werden könnten als sie gemeint sind.2Die etwas unklare zweite Hälfte dieses Satzes lautet so gemäß Stenogramm, ist aber möglicherweise ungenau oder unvollständig mitgeschrieben worden. Und so fiel wirklich in der damaligen Zeit zwischen uns oftmals das Wort, das Sie verstehen werden: daß sie - Frau Dr. Steiner - dadurch, daß sie sich mit mir verheiratet hat, die «Reinemachefrau» geworden ist für manche Dinge, die sich in manchen Köpfen angesammelt haben. Es ist etwas, was dazu führen soll, daß die Dinge weniger auf persönliche Dinge bezogen werden können, als das früher der Fall war.
[ 45 ] This current case is by no means an isolated one. The things that are manifesting themselves in their present form should be viewed as symptomatic, not taken personally. What I mean is that someone seeking to draw closer to our movement should not go about it in a way that leads them to write: “It has now been seven years, Doctor—” and so on. I do not wish to go into great detail on such matters, but one will be able to understand what is meant. Such matters cannot be judged solely on the basis of an individual case; rather, the individual case must be viewed as a symptom indicating that the teaching was not taken entirely impersonally, and that there were some who were also on the path of placing less emphasis on the teaching and the teacher than on the person. That was also one of the more incidental reasons why my faithful colleague, who had stood by my side for so many years, and I got married last Christmas. At the time, we really weren’t inclined—I’ll admit this openly—to cloak the matter in an air of mystery. We took the position—primarily for ourselves—that, first, such personal matters are nobody’s business, and, second—and this applies to the relationship between the two of us—that it had truly become necessary not to allow, so to speak, the misunderstanding to arise that things might be taken more personally than they were intended. 2The somewhat unclear second half of this sentence reads as follows according to the stenographic transcript, but may have been recorded inaccurately or incompletely. And so, back then, the phrase you will understand was often spoken between us: that she—Dr. Steiner—by marrying me, had become the “cleaner” for certain things that had accumulated in some people’s minds. It is something intended to ensure that matters are less likely to be interpreted in a personal light than was previously the case.
[ 46 ] Überhaupt - ich bitte jetzt die Sache, die ich meine, nicht mißzuverstehen - handelt es sich in einer solchen Gesellschaft, wie diese es ist, nicht darum, sich von allem möglichen in der Welt zu emanzipieren, sondern darum, die Welt von einem bestimmten Punkte aus in bezug auf Anschauungen und Usancen fortzuführen. Und so kann es nur nützen, da, wo es möglich ist, die Sache ganz klar hinzustellen vor die Außenwelt, sie wirklich klar hinzustellen und zu verhindern, daß diese oder jene Anschauungsweise aufkommt.
[ 46 ] In general—and please do not misunderstand what I mean here—in a society such as this one, the point is not to emancipate oneself from everything possible in the world, but rather to carry the world forward from a specific point of view in terms of beliefs and customs. And so it can only be beneficial, wherever possible, to present the matter very clearly to the outside world—to present it truly clearly—and to prevent this or that way of thinking from arising.
[ 47 ] So ist denn Frau Dr. Steiner auch geneigt gewesen, nach einer Zuschrift, die sie bekommen hat von jener Seite, die charakterisiert wurde als der eigentliche «spiritus rector» der Sache, zu schreiben, daß diese Eintragung auf dem Standesamt wahrhaftig keine so furchtbar erhebliche Sache war, wenn man in all den Dingen, die einem die wichtigsten des Lebens sind, so viele Jahre zusammen gearbeitet hat. Die Folge davon war, daß darauf geantwortet wurde: «Aber jene Eintragung auf dem Standesamt löste für mich die Katastrophe aus, die ich mit Schrecken seit Jahren hatte kommen sehen wohlgemerkt, nicht in ihrem Verlauf, aber ihrem Charakter und ihrem Schwergewicht nach.» - Ich glaube, es genügt, darauf hinzuweisen, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen dem Einsetzen einer «Reinemachefrau» und dem, was wir jetzt erleben, und gerade das scheint mir den vollsten Beweis dafür zu liefern, wie notwendig diese Einsetzung der Reinemachefrau war.
[ 47 ] Thus, Dr. Steiner was also inclined, following a letter she received from the party described as the true “driving force” behind the matter, to write that this registration at the civil registry office was truly not such a terribly significant matter, given that they had worked together for so many years on all the things that are most important in life. The result was that the following reply was received: “But that registration at the civil registry office triggered the catastrophe for me—one that I had, mind you, been dreading for years, not in terms of its course, but in terms of its nature and gravity.” - I believe it suffices to point out that there is a certain connection between the hiring of a “cleaning lady” and what we are now experiencing, and that, precisely, seems to me to provide the most complete proof of just how necessary the hiring of this cleaning lady was.
[ 48 ] Es schadet nichts, meine lieben Freunde, wenn die Dinge so genommen werden, wie sie sind, und man nicht mehr hinzumacht, als wirklich in ihnen liegt; aber es schadet immer, wenn man irgendeine besondere okkulte Mission mit der geringfügigsten Kleinigkeit oder meinetwillen auch Großartigkeit des Lebens verknüpft, und so gefällt es uns besser, das Bild der Reinemachefrau für uns auszubilden, das viel mehr der Wirklichkeit entspricht, als besonders Hochtrabendes in die Welt zu setzen. Nur haben wir uns gedacht, daß es niemals nötig sein würde, die Sache auszusprechen.
[ 48 ] There is no harm, my dear friends, in taking things as they are and not attributing more to them than is actually there; but it is always harmful to link any particular occult mission to the slightest trifle—or, for that matter, to the most magnificent aspect of life—and so we prefer to cultivate for ourselves the image of the cleaning lady, which corresponds much more closely to reality than putting something particularly grandiose out into the world. We just thought it would never be necessary to say so outright.
[ 49 ] Es ist wirklich meine persönliche Meinung, meine lieben Freunde, daß, wenn jemand innerhalb unserer geistigen Bewegung etwas so Persönliches sucht in den Dingen, die selbstverständlich sind, das in einem sehr betrüblichen Sinne auf das Walten gewisser Instinkte in unserer Gesellschaft weist, die eben nicht anders da sein dürfen, als daß man sie sich einfach eingesteht und sie in ihrer Wahrheit anschaut, ohne okkultes Mäntelchen. Das ist dann auch das beste Mittel, sich in rechtmäßiger Weise über diese Instinkte hinauszubewegen. Das einzige Mittel dazu ist, sie in ihrer Wahrheit anzuschauen. Aber bei uns wurde gerade nach der Richtung, daß sie so mit einer okkulten Aura umgeben worden sind, außerordentlich viel geleistet.
[ 49 ] It is truly my personal opinion, my dear friends, that when someone within our spiritual movement seeks something so personal in matters that are self-evident, this points—in a very sad sense—to the influence of certain instincts in our society, which cannot be otherwise than that we simply acknowledge them and view them in their truth, without any occult veneer. That is also the best way to legitimately move beyond these instincts. The only way to do this is to view them in their truth. But among us, an extraordinary amount has been done precisely in the direction of surrounding them with such an occult aura.
[ 50 ] Warum aber sollten wir uns, meine lieben Freunde, das rein sachliche Interesse, das wir an unserer geistigen Bewegung eigentlich haben müssen, trüben lassen dadurch, daß wir gleich Eitelkeiten in alles hineinbringen? Warum sollten wir denn das? Derjenige, der viel über seine historischen Inkarnationen nachdenkt, hat eben nicht das richtige Interesse an unserer Sache, dem fehlt gerade das Interesse, das er haben sollte, und der Unterschied zwischen ihm und einem gewöhnlichen Egoistling ist der, daß der gewöhnliche Egoist sich nicht so weit versteigt, sich mit irgendeiner historischen Inkarnation zu identifizieren, sondern durch irgend etwas anderes seine persönliche Eitelkeit befriedigt.
[ 50 ] But why, my dear friends, should we allow the purely objective interest we ought to have in our spiritual movement to be clouded by introducing vanity into everything? Why on earth should we do that? Anyone who thinks a great deal about his historical incarnations simply does not have the right interest in our cause; he lacks precisely the interest he ought to have, and the difference between him and an ordinary egoist is that the ordinary egoist does not go so far as to identify with any historical incarnation, but satisfies his personal vanity through something else.
[ 51 ] Es ist durchaus wahr, daß es eigentlich noch gescheiter ist, wenn jemand mit seinen Kleidern, mit seinem Geld protzt als mit seinen Inkarnationen; es ist absolut das kleinere Übel, mit den Kleidern oder dem Gelde zu protzen als mit Inkarnationen. Das sind Dinge, die wir ernst nehmen und uns tief, tief in die Seele schreiben sollten. Denn durch diese Dinge ist viel Unheil aufgehäuft worden im Laufe der Jahre, und sie hängen so innig zusammen mit dem, was ich im allgemeinen «persönliche Eitelkeit» nennen muß.
[ 51 ] It is certainly true that it is actually even wiser for someone to show off with their clothes and money than with their incarnations; showing off with clothes or money is absolutely the lesser evil than showing off with incarnations. These are things we should take seriously and engrave deeply, deeply into our souls. For through these things, much harm has been wrought over the years, and they are so intimately connected with what I must generally call “personal vanity.”
[ 52 ] Meine lieben Freunde, wenn persönliche Eitelkeit eine große Rolle spielt, kann man in der unglaublichsten Weise mißverstanden werden. Jener Siegelbewahrer - er erzählt es selbst in einem Briefe kam einmal zu mir und erklärte, daß er an alles dasjenige, was von der Außenwelt an ihn herantrete, die längst in ihm vorhandenen Maßstäbe anlegen würde. - Ich sagte darauf: Warum sollen Sie deshalb nicht in unserer geistigen Bewegung sein können? Selbstverständlich können Sie Ihre Maßstäbe anlegen. - Ich meinte damit nichts anderes, als daß unsere Lehre nichts zu fürchten hat, wenn man seine eigenen Maßstäbe an sie anlegt. Man soll sie sogar anlegen. Von meinem Gesichtspunkte aus finde ich nichts Unrechtes darin, daß er seine eigenen Maßstäbe anlegen wollte. Aber aus der Darstellung, die er der Sache gibt, geht hervor, daß er sie so gemeint hat: Eigentlich liegt schon alles in mir; was mir Geistiges gegeben werden kann, das habe ich in Visionen schon gesehen; das liegt also alles in mir. - Dann fragte die Betreffende - ich weiß ja nicht, warum eine solche Frage gestellt wurde, denn sie ist ein Widerspruch in sich -, aber dennoch fragte sie, ob sie deshalb doch Schülerin werden könne und solle. - Nun, man kann nur sagen, das Faktum, daß sie trotzdem uns nahetreten wollte, lag vor, und man konnte sie deshalb nicht darin hindern. Aber in einer solchen Behauptung, in mir liegt schon alles das darinnen, und ich muß mich herablassen, in dieser Bewegung mitzuarbeiten, ich will aber meine eigenen Maßstäbe anlegen, liegt doch eigentlich die Eitelkeit, die etwas anderes sucht als die Lehre. Die Lehre braucht sie ja nicht zu suchen, die hat sie schon in sich. Es ist eben wirklich die Eitelkeit, deren sich die Menschen so unglaublich wenig bewußt sind und die in einer solchen Bewegung eine so unendlich große Rolle spielt.
[ 52 ] My dear friends, when personal vanity plays a major role, one can be misunderstood in the most unbelievable ways. That Keeper of the Seal—he recounts it himself in a letter—once came to me and explained that he would apply the standards that had long been within him to everything that approached him from the outside world. —To which I replied: Why shouldn’t you be able to be part of our spiritual movement because of that? Of course you can apply your own standards.—By that I meant nothing other than that our teaching has nothing to fear when one applies one’s own standards to it. One should even apply them. From my point of view, I find nothing wrong with his wanting to apply his own standards. But from the way he presents the matter, it is clear that he meant it this way: Actually, everything is already within me; whatever spiritual insight can be given to me, I have already seen in visions; so all of that is already within me. — Then the person in question asked—I don’t know why such a question was asked, since it is a contradiction in terms—but nevertheless, she asked whether she could and should become a student despite this. - Well, one can only say that the fact remained that she still wanted to approach us, and so we could not prevent her from doing so. But in such a claim—that “everything is already within me,” and “I must deign to cooperate in this movement, but I will apply my own standards”—there actually lies the vanity that seeks something other than the teaching. She doesn’t need to seek the teaching—she already has it within her. It is, in fact, vanity—of which people are so incredibly unaware—that plays such an infinitely large role in a movement like this.
[ 53 ] Diese Persönlichkeit nimmt also wirklich nichts Geringeres an, als daß die Dinge, die gelehrt worden sind, von ihr gekommen seien. Es ist das wirklich etwas schwierig zu verstehen. Es muß wohl durch irgend etwas in dem Briefe, mit dem Frau Dr. Steiner einmal dem betreffenden Siegelbewahrer geantwortet hat, eine Veranlassung dazu gegeben worden sein. Und so kam das Merkwürdige zustande, daß auf diese geheimnisvolle Quelle unserer esoterischen Bewegung noch genauer hingedeutet worden ist. Meine lieben Freunde, es kann wirklich nicht der Persönlichkeit wegen weiter Versteck gespielt werden, sondern es muß schon darauf eingegangen werden. In der Antwort, die der Siegelbewahrer Frau Dr. Steiner gegeben hat, heißt es: «Und wie der Kranke den Arzt, bat ich, vor 3 Jahren, Herrn Doktor um eine Unterredung. Hier mußte ich, und in der Folge immer häufiger, ein trauriges Wort sagen: Ob ich wohl der Lehre folgen konnte, nichts konnte ich begreifen von dem, was mich selber betraf und was mit mir geschah. Was mich zu diesem Ausspruch brachte, muß ich hier übergehen, ich weiß nicht, wieviel Ihnen von meinem Entwicklungs- und Lebensgang bekannt ist.» Dies wird gesagt, weil ich mir einmal ein Gespräch habe anhören müssen, das darauf hinging. - «Ich kam nicht dazu, von meiner Not zu sprechen, Herr Doktor ließ deutlich merken, daß er nichts davon hören wollte.» - Ich habe nichts davon hören wollen, ich habe aber doch eine Antwort gegeben. Man kann solche Dinge nicht ablehnen, indem man nur bemerklich macht, daß man nichts davon hören will. - «Im Sommer darauf aber ward uns der Hüter der Schwelle beschert. Darin das Gespräch zwischen Strader und Theodora, in dem sich in der zartesten Weise spiegelte, was mich bedrängte. Vielleicht hat Herr Doktor nichts derartiges «gemeint» — «gemeint» ist aber in Gänsefüßchen gestellt - «Tatsache ist es dennoch. Sollte es vielleicht ein Heilversuch sein.» An der angeführten Stelle im Mysteriendrama steht, daß Strader alles der Theodora verdankt.
[ 53 ] This person, then, truly assumes nothing less than that the things that have been taught originated with her. This is actually somewhat difficult to understand. There must have been some reason for this, likely stemming from something in the letter Dr. Steiner once wrote in reply to the Keeper of the Seal in question. And so it came to pass that this mysterious source of our esoteric movement was pointed out even more explicitly. My dear friends, we really cannot continue to keep this a secret for the sake of the individual; rather, we must address it. In the reply that the Keeper of the Seal gave to Dr. Steiner, it states: “And just as a sick person seeks out a doctor, I asked the doctor for a consultation three years ago. On that occasion—and increasingly often thereafter—I had to utter a sad confession: I wondered whether I could truly follow the teaching, for I could not comprehend anything concerning myself or what was happening to me. I must omit here what led me to make this statement; I do not know how much you know about my development and life story.” This is said because I once had to listen to a conversation that touched on this subject. — “I did not get a chance to speak of my distress; the doctor made it clear that he did not want to hear anything about it.” - “I didn’t want to hear anything about it, but I did give an answer. One cannot reject such things merely by pointing out that one doesn’t want to hear about them.” - “The following summer, however, we were given *The Guardian of the Threshold*. In it was the conversation between Strader and Theodora, which reflected in the most delicate way what was troubling me. Perhaps the Doctor didn’t ‘mean’ anything of the sort—though ‘mean’ is placed in quotation marks—but it is a fact nonetheless. Perhaps it was an attempt at healing.” The passage cited in the Mystery Drama states that Strader owes everything to Theodora.
[ 54 ] Nun, meine lieben Freunde, wenn Derartiges geschrieben wird, noch dazu in einem Stile, der durch seine Schwulstigkeit nicht deutlicher wird, aber anscheinend feierlich gemeint ist, dann darf man wirklich nicht sagen, solche Dinge sollten als persönliche Angelegenheiten betrachtet werden. Ich habe wahrhaftig noch reichlich viel als persönliche Angelegenheit betrachtet und nichts davon erwähnt; das aber, was erwähnt wurde, steht in innigstem Zusammenhange mit der ganzen Natur und dem ganzen Wesen unserer Bewegung; nichts anderes wurde erwähnt. Und wenn jemand nicht will, daß so etwas erwähnt wird, so soll er es nicht schreiben. Denn, wenn solche Dinge als Gesinnung herrschen, so verderben sie dasjenige, was ich mich zu erreichen bestrebe mit jedem Wort und mit alledem, was ich mich seit vielen Jahren zu tun bemühe.
[ 54 ] Well, my dear friends, when things like this are written—especially in a style that, despite its bombast, does not make the meaning any clearer, yet is apparently meant to be solemn—then one really cannot say that such matters should be regarded as personal affairs. I have, in truth, considered plenty of things to be personal matters and made no mention of them; but what has been mentioned is intimately connected with the entire nature and essence of our movement; nothing else has been mentioned. And if someone does not want such things to be mentioned, then he should not write them. For if such attitudes prevail, they will undermine what I strive to achieve with every word and with everything I have been striving to do for many years.
[ 55 ] Es darf Ihnen meine Meinung über die Art und Weise, wie ich unter Ihnen stehen möchte, nicht unbekannt bleiben, wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen. Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen, so müssen wir es so tun, wie wir es bisher getan haben. Wir müssen die Möglichkeit finden, für unsere geistige Bewegung eine Form zu schaffen, die der Entwickelung der Menschen unserer Zeit angemessen ist. Das kann aber nicht geschehen, wenn an Stelle desjenigen, was geistig vollbracht und verstanden werden soll, allerlei Persönliches gesetzt wird. Ich bin schon erstaunt darüber, daß jemand in dieser harten Zeit, in der unser Interesse auf die Entwickelung eines großen Teiles der Menschheit gerichtet sein sollte, so wenig Interesse für die Zeitereignisse hat, daß er seine allerpersönlichsten Interessen in solcher Weise in unsere Gesellschaft hineinträgt. Das heißt doch wirklich, sich vor dem Innersten unserer Zeit verschließen, wenn man in dieser Zeit nichts anderes zu tun weiß, als eine ganze Katastrophe hervorzurufen dadurch, daß man glaubt, in dem Wahne leben zu dürfen, irgend etwas sei anders gekommen, als man es sich erträumt hat. Dadurch wird das Allerpersönlichste in unsere Gesellschaft hineingetragen. Aber das Persönliche darf nicht, weder in dieser noch in einer anderen Form, hineingetragen werden. Es werden schon einmal diejenigen in unserer Bewegung nur in geringerem Maße zu ihrem Rechte kommen, welche vor allem das Interesse an ihrer lieben Person haben. Wenn man sich in eine mystische Wolke hüllt, in irgendeiner Form, so hat man auch das Bestreben, die Nahestehenden in eine mystische Wolke zu hüllen. Denn es wäre ja eine Anomalie, wenn man selber alles mögliche wäre und die, die einen umgeben, nicht auch etwas Besonderes wären. Da hat man selbstverständlich das Bestreben, die Kreise weiter zu ziehen. Wenn aber auf diese Weise das rein persönliche Interesse, das persönliche Eitelkeitsgefühl, wie es so zahlreich vorgekommen ist, sich an die Stelle des objektiven Betrachtens und Erstrebens desjenigen setzt, was für uns die geistige Bewegung sein soll, dann sind das die furchtbarsten Schäden, die in unserer Gesellschaft eintreten können.
[ 55 ] You must be aware of my views on the role I wish to play among you if we are to continue working together. If we are to continue working together, we must do so as we have done up to now. We must find a way to create a form for our spiritual movement that is appropriate to the development of the people of our time. But this cannot happen if all sorts of personal matters are substituted for what is to be spiritually accomplished and understood. I am truly astonished that, in these difficult times—when our focus should be on the development of a large portion of humanity—someone could have so little interest in current events that he brings his most personal interests into our society in such a way. This truly means closing oneself off from the very essence of our time, when one knows nothing else to do in this era but to bring about an entire catastrophe by believing one is entitled to live under the delusion that something has turned out differently than one had dreamed. In this way, the most deeply personal is brought into our society. But the personal must not be introduced, neither in this form nor in any other. Those in our movement who are primarily interested in their own dear selves will, in any case, find their place to a much lesser extent. When one wraps oneself in a mystical cloud, in whatever form, one also has the urge to wrap those close to one in a mystical cloud. For it would indeed be an anomaly if one were capable of anything and yet those surrounding one were not also something special. Naturally, one then has the urge to expand those circles. But when, in this way, purely personal interest—that sense of personal vanity, as has so often been the case—takes the place of objective observation and the pursuit of what should be our spiritual movement, then this causes the most terrible damage that can befall our society.
[ 56 ] Man hätte glauben können, meine lieben Freunde, daß, wenn hier der Johannesbau entsteht, dieser Bau auch unseren Mitgliedern ein solches Problem würde, das sie beschäftigen könnte und sie ablenken würde von den eitlen Torheiten des Lebens. Man konnte sich wirklich diesem Glauben hingeben, daß der Bau die Gedanken zu etwas Besserem bringen würde. Aber Sie wissen ja, auch das hat sich nicht in der wünschenswerten Weise erfüllt. Dennoch: Es muß weitergearbeitet werden. Und indem ich Ihnen allen herzlichst danke für die Gesinnungen, die Sie in dem mir von unserem Freunde Bauer überbrachten Schriftstücke zum Ausdruck gebracht haben, sowie auch für die Gesinnungen, die von anderen Mitgliedern zum Ausdruck gebracht worden sind, hoffe ich, daß sich doch Mittel und Wege finden lassen werden, um auf der einen Seite mit jenem fertig zu werden, was in unserer Bewegung den wirklichen Fortschritt hindert, und auf der anderen Seite auch ein wenig an das denken zu können, was zu tun nötig ist, damit unsere Bewegung nicht mehr durch äußere Hindernisse zu sehr gehemmt werde.
[ 56 ] One might have thought, my dear friends, that if the Johannesbau were to be built here, this project would also present our members with a challenge that might occupy their minds and distract them from the vain follies of life. One could truly have given in to the belief that the construction would direct their thoughts toward something better. But as you know, that, too, has not come to pass in the way we had hoped. Nevertheless: the work must continue. And as I thank you all most sincerely for the sentiments you expressed in the documents conveyed to me by our friend Bauer, as well as for the sentiments expressed by other members, I hope that ways and means can be found to, on the one hand, deal with what is hindering real progress in our movement, and on the other hand, to also give some thought to what needs to be done so that our movement is no longer unduly hampered by external obstacles.
[ 57 ] Kritik, meine lieben Freunde, wird uns nichts schaden. Kritisieren kann man uns sachlich, so viel man will; das schadet nichts. Denn erstens wird es immer möglich sein, gegen die Kritik dasjenige zu sagen, was zu sagen ist, und zweitens spricht die Zeit mit. Mögen uns heute noch - meinetwegen wegen unseres Kesselhauses oder wegen des Johannesbaues - die Leute für Narren ansehen. Diejenigen, die uns nicht mehr für Narren anschauen werden, die werden schon nachkommen. Das kann abgewartet werden. So muß es mit all den Dingen gehen, die etwas Neues sind.
[ 57 ] Criticism, my dear friends, will do us no harm. People can criticize us objectively as much as they like; it does no harm. For, first of all, it will always be possible to respond to the criticism with what needs to be said, and second, time will be on our side. Let people still regard us as fools today—be it because of our boiler house or the Johannesbau. Those who will no longer regard us as fools will follow in due course. We can wait and see. That is how it must be with all things that are new.
[ 58 ] Ganz etwas anderes ist es, wenn Verleumderisches, wenn Unwahres behauptet wird. Dann ist man vor die Notwendigkeit gestellt, immer fort und fort solche Verleumdungen, wenn man sie nicht einfach ignorieren will, richtigzustellen, worauf die Verleumder dann weiter antworten. Man kann da auch zu Prozessen kommen. Aber das alles muß man doch wirklich vornehmen, wenn es einen trifft, wenn einem dabei auch zumute ist, wie wenn man die Hände in schwarzem Wasser wäscht.
[ 58 ] It is quite another matter when slanderous or untrue claims are made. Then one is faced with the necessity of constantly setting the record straight regarding such slander—if one does not simply want to ignore it—whereupon the slanderers respond in turn. This can even lead to lawsuits. But one really must go through with all of this when it affects one personally, even if it feels as though one is washing one’s hands in black water.
[ 59 ] Wenn wir wirklich diese Gesinnung, aber als tätige Gesinnung, pflegen könnten, nach diesen beiden Richtungen hin unsere Kräfte stärker zu machen, dann würden wir manches tun können, was bis jetzt nicht geschehen ist.
[ 59 ] If we could truly cultivate this mindset—but as an active mindset—to strengthen our efforts in these two directions, then we would be able to accomplish many things that have not yet been done.
[ 60 ] Selbstverständlich ist das alles nicht so gemeint, daß da irgend jemanden ein persönlicher Vorwurf treffen sollte; aber, ich möchte sagen, das eine gilt für den einen, das andere für den anderen. Man muß es eben im allgemeinen sagen. Aber es liegt schon einmal dem, was angedeutet worden ist, ein Faktum zugrunde. Und Sie sehen es ja - und damit Sie es sehen, bin ich gezwungen gewesen, auch einiges Tatsächliche Ihnen vorzuführen, das zeigt, wie persönlich die Dinge genommen werden, die nur geistig genommen werden sollten.
[ 60 ] Of course, none of this is meant to be a personal accusation against anyone in particular; but I would like to say that one thing applies to one person, and another to another. One simply has to speak in general terms. But there is, after all, a fact underlying what has been hinted at. And you can see it for yourselves—and so that you might see it, I have been compelled to present you with some factual evidence that shows how personally things are taken that should be taken only intellectually.
[ 61 ] Und wirklich, meine lieben Freunde, es ist manchmal nicht anders möglich - nehmen Sie das nicht übel, wenn ich es ausspreche -, wenn jemand kommt mit seinen Klagen, sogar wenn er sagt, daß er schon alles weiß, was er in der Bewegung jemals empfangen hat oder noch empfangen wird, es ist wirklich zunächst nichts anderes möglich, als dem Betreffenden eine väterlich-freundliche Ermahnung, einen väterlich-freundlichen Trost zu geben, ihn als Kind zu behandeln. Und wenn man dann naiv genug war, zu glauben, das hat geholfen, und sehen muß, daß hinterher diese größenwahnsinnigen Dinge herauskommen, dann ... [Lücke im Stenogramm] großer Schaden innerhalb unserer Gesellschaft.
[ 61 ] And truly, my dear friends, sometimes there is no other way—please don’t take it the wrong way when I say this—when someone comes with their complaints, even if they say that they already know everything they have ever received or will ever receive in the movement, there is really nothing else to do at first but to give the person in question a fatherly, friendly admonition, a fatherly, friendly comfort, and to treat him like a child. And if one was then naive enough to believe that this had helped, only to see that these megalomaniacal things come out afterward, then … [gap in the transcript] great harm within our society.
[ 62 ] Bei dem, was der Siegelbewahrer vorbrachte, handelte es sich wirklich niemals um etwas anderes, als das Zeug, das er vorbrachte, lächelnd zu verzeihen, wie man einem Kinde verzeiht. Nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich gesagt habe, was einfach nötig geworden ist. Aber der Ernst unserer Bewegung fordert es schon, daß Pathologisches nicht zum Zerstörer unserer Bewegung werde.
[ 62 ] What the Keeper of the Seal put forward was really never anything other than a request to forgive what he said with a smile, just as one forgives a child. Please do not hold it against me that I have said what has simply become necessary. But the seriousness of our movement demands that pathological tendencies not become the destroyers of our movement.
[ 63 ] Daher kann man sich nicht immer auf den Standpunkt stellen, dieses Pathologische einfach als solches zu nehmen, sondern wenn dieses Pathologische nach außen als Größenwahnsinn auftritt, dann muß man es auch Größenwahnsinn nennen. Da bleibt nichts anderes übrig. Damit ist nichts gegen die Person gemeint, sondern gegen dasjenige, was an der betreffenden Person zu tadeln ist. Schließlich wollen wir der Sache kein okkultes Mäntelchen umhängen, sondern die Tatsachen nehmen, so wie sie sind. Dazu sollen wir uns ganz besonders erziehen, dann werden wir, ohne durch einen Nebel zu sehen, sie in ihrer Wahrheit schauen.
[ 63 ] Therefore, one cannot always take the position of simply accepting this pathological condition as such; rather, if this pathological condition manifests outwardly as megalomania, then one must also call it megalomania. There is no other option. This is not meant as a criticism of the person, but rather of what is reprehensible in that person. After all, we do not want to cloak the matter in occultism, but rather to take the facts as they are. We should train ourselves specifically to do this, and then, without looking through a fog, we will see them in their truth.
[ 64 ] Meinetwillen sagen Sie nun, daß ich das, was ich jetzt sage, selber aus Eitelkeit sage. Daraus werde ich mir nichts machen, weil ich schon einmal dazu verurteilt bin, die Sache beim richtigen Namen zu nennen. Ich habe es ja auch schon erlebt - und nicht nur einmal, sondern vielfach -, daß Schüler gescheiter waren als ihre Lehrer und diese furchtbar abgekanzelt haben, daß er ihnen allerlei versprochen und nicht gehalten habe, so daß man sich nicht zu wundern braucht, daß es auch in unserer Gesellschaft vorkommt.
[ 64 ] For my sake, go ahead and say that what I’m about to say is motivated by vanity. I won’t let that bother me, because I’m already doomed to call a spade a spade. After all, I have already seen—not just once, but many times—that students were smarter than their teachers and gave them a terrible dressing-down for promising them all sorts of things and failing to deliver, so it’s no wonder that this happens in our society as well.
[ 65 ] So, meine lieben Freunde, habe ich Ihnen über einiges meine ganz unmaßgebliche Meinung gesagt, die für niemand verbindlich sein soll, die ich bitte so aufzunehmen, wie ich immer aufgenommen wissen will, was ich sage, und zu versuchen, ob es dann geht, dadurch vielleicht besser fortzukommen mit unserer Bewegung, wenn wirklich das Bestreben allgemein wird, diejenigen Dinge, die groß sind, groß zu nennen, und diejenigen, die klein sind, klein zu nennen, statt jede beliebige persönliche Eitelkeit in eine mystische Glorie umzubilden.
[ 65 ] So, my dear friends, I have shared with you my very humble opinion on a few matters—an opinion that is not meant to be binding on anyone. I ask that you receive it as I always wish my words to be received, and that you see if it might and perhaps make better progress with our movement if there truly becomes a general effort to call great things great and small things small, rather than transforming every arbitrary personal vanity into a mystical glory.
[ 66 ] Es ist ja gewiß die Verführung eine sehr große, wenn man nicht den ganzen Ernst unserer Bewegung einsieht, ihn wenigstens dadurch zu fingieren, daß man allerlei kleine Eitelkeiten des Lebens mit diesem Ernste ausstaffiert. Aber es darf eben doch nicht sein. Mit diesem Satze ist schließlich mehr gemeint, als das ist, wonach es aussieht. Das sind aber die Dinge, die ich nicht sagen wollte, sondern sagen mußte.
[ 66 ] It is certainly a very great temptation, if one does not fully grasp the seriousness of our movement, to at least feign it by adorning all manner of life’s petty vanities with this seriousness. But that simply cannot be. After all, this sentence means more than it appears to. But these are the things I did not want to say—yet had to say.
[ 67 ] Demjenigen, der die Schriftstücke, die ich in unserer Bewegung nicht vortragen kann, lesen könnte, würde es nicht einfallen, zu sagen, daß ich unbefugterweise Stellen aus Privatbriefen zur Sprache gebracht habe: In dem jetzigen Fall mußte das sein, weil diese Dinge mit den Grundfesten unseres Wirkens zusammenhängen.
[ 67 ] Anyone who were to read the documents that I cannot present within our movement would not think to say that I have improperly quoted passages from private letters: In this particular case, it was necessary to do so because these matters are connected to the very foundations of our work.
