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Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft
Zur Dornacher Krise vom Sommer 1915
GA 253

22 August 1915, Dornach

9. Zweiter Ansprache zur Dornacher Krise

[ 1 ] Meine lieben Freunde, gerne hätte ich auch heute schon einen prinzipiell über die augenblicklichen Ereignisse hinausgehenden Vortrag gehalten. Ich hoffe, daß das mit dem morgigen Vortrag, der um 7 Uhr beginnen soll, wieder vollständig der Fall sein kann. Heute scheint es mir jedoch nötig, in Anknüpfung an die Verlesung des Schriftstückes, die ich gestern habe vollziehen müssen, und in Anknüpfung an das liebevolle Schriftstück der Mitglieder, das mir Herr Bauer eben überbracht hat, und in Anknüpfung an ein mir noch von anderer Seite übergebenes Schriftstück, auch von mir aus einiges zu sagen, nachdem die Dinge, die in diesen Schriftstücken sich zum Ausdruck bringen, geschehen sind. Damit will ich zwar an den einzelnen Fall anknüpfen, aber doch nur insofern, als dieser uns allerlei zeigen kann, was notwendig ist zu wissen mit Bezug auf das Verhältnis zwischen der Lehre und der geistigen Bewegung, von der wir sprechen, und dem, was sich eben zwischen und um uns als einzelne Tatsachen zuträgt. Man kann ja manchmal auch an der Besprechung einzelner Tatsachen ganz allgemein Bedeutungsvolles sehen und namentlich daran Bedeutungsvolles anknüpfen.

[ 2 ] Ausgehen will ich davon - ich will mehr oder weniger aphoristisch sprechen -, daß ich Ihnen gestern ein Schriftstück vorgelesen habe, das von zwei Mitgliedern unterzeichnet wurde und in dem von einem dritten langjährigen Mitglied die Re○de ist.

[ 3 ] Nun hat - ich glaube, das ist keine Indiskretion - ein Mitglied unserer Gesellschaft, ein Arzt, in einem Briefe, den mir vor einer Viertelstunde Herr Bauer gezeigt hat, eine ganz richtige Ansicht ausgesprochen, die, wie ich wohl sagen kann, nicht erst nach, sondern schon während der Lektüre des gestern vorgelesenen Schriftstückes auch meine Ansicht war: daß wir es nicht mit irgend etwas Logischem zu tun haben, sondern mit einer Sache, die vor allen Dingen vom Standpunkte der Pathologie aus zu betrachten ist.

[ 4 ] Selbstverständlich kann das durchaus eine der vielen Voraussetzungen sein, die wir bei dieser Gelegenheit machen müssen. Aber diese Voraussetzung darf nicht ohne einen wichtigen Nachsatz gemacht werden - ich sage heute nur meine Meinung, die für niemand weiter verbindlich sein soll -, nämlich den Nachsatz: Dürfen wir es denn dulden, daß durch allerlei Pathologisches die Existenz unserer Gesellschaft und unserer ganzen Bewegung fortwährend gefährdet wird? Dürfen wir denn Pathologen als Zerstörer unseres geisteswissenschaftlichen Lebens dulden? Insofern wir mit ihnen Mitleid haben können - ja. Aber wenn wir sie dulden würden, ohne dabei das Pathologische ordentlich ins Auge zu fassen, so würden wir doch durch diese Pathologen dasjenige, was uns das Teuerste, das Wichtigste sein muß, fortwährend gefährden. Daraus ergibt sich selbstverständlich die Notwendigkeit, klar einzusehen, daß man es zwar mit Pathologen zu tun hat, aber dasjenige doch als notwendig anzuerkennen hat, was geschehen muß, damit unsere Sache ungefährdet ihren Lauf nehmen kann. Man muß Dinge, auch wenn man sie als krankhaft ansieht, dennoch in sachgemäßer Weise behandeln, wenn es sich um die realen Wirklichkeiten des Lebens handelt. Wie man gegenüber den Persönlichkeiten dies auffaßt, das ist eine vollständig andere Frage.

[ 5 ] Man wird, meine lieben Freunde, wenn es sich um eine solche geistige Bewegung wie die unsrige handelt, wie Sie aus mancherlei gesehen haben, das wir schon im Laufe der Zeit besprechen mußten, immer wieder und wieder die Erfahrung machen - diese Erfahrung kann nicht ausbleiben -, daß sich in das rein sachliche Bestreben, in die Geltendmachung der rein sachlichen Bestrebungen persönliche Eitelkeiten und persönliche Interessen hineinmischen. Das braucht man nicht einmal als einen Tadel, als strikten Tadel auszusprechen, denn wir sind ja alle Menschen; aber sagen kann man es, und ich spreche es heute aus als meine Meinung, die für niemanden verbindlich ist. Man kann es als ein weit geringeres Übel ansehen, wenn jemand ruhig zugesteht, daß er in gewissen Dingen dieser oder jener Eitelkeit unterworfen ist, daß er augenblicklich kein besonderes Interesse daran hat, diese Eitelkeit abzulegen, weil das mit seiner Erziehung und so weiter zusammenhängen könnte - als ein viel geringeres Übel kann man das betrachten, als wenn man zu irgendeinem Zeitpunkte absolut vollkommen sein wollte. Also als das größte äbel kann uns durchaus dasjenige erscheinen, wenn jemand bei jeder Gelegenheit an seine Vollkommenheit irgendwie glauben möchte; glauben möchte, daß er dies oder jenes schon ganz selbstlos tue und dergleichen.

[ 6 ] Der große Versucher einer jeden solchen spirituellen Bewegung wie die unsrige ist namentlich ein starker Eitelkeitsfaktor, der daher kommt, daß solche Bewegungen notwendig haben, ich möchte sagen, Großes vorauszunehmen, das sich erst allmählich realisieren, allmählich einleben kann, und daß nicht jeder sogleich sich aufschwingen kann zu dem notwendigen Erweitern der Interessen auf das Sachliche, das Objektive. Es ist begreiflich, daß aus persönlichen Eitelkeiten heraus der eine oder der andere, wenn er von Inkarnationen hört, sogleich das ganz persönliche Interesse geltend macht, welches denn seine vorigen Inkarnationen gewesen seien. Obwohl dabei der Weg, in die Geschichte zu schauen, der allerschlimmste ist, so wird aus persönlichen Eitelkeiten heraus doch dieser Weg am allermeisten begangen. Die Geschichte, das Alte und Neue Testament, die bilden ja - statt der innerlichen, seelischen Meditationswege - in bezug auf Reinkarnationen eine so reichhaltige Fundquelle für die Befriedigung der persönlichen Eitelkeit! Denn etwas anderes ist dieses zunächst eigentlich nicht. Und es ist gut, wenn man weiß, daß es zunächst nichts anderes als persönliche Eitelkeit ist, aus der Geschichte oder aus der Bibel seine eigenen Inkarnationen zu suchen.

[ 7 ] Es ist begreiflich, daß diese Eitelkeiten spielen. Aber das Übel beginnt dann, wenn man diese Eitelkeiten nicht als Eitelkeiten erkennt, wenn man nicht ruhig hinsieht auf die tiefliegenden, ehrgeizigen Motive, sondern allen diesen Dingen ein okkultes Mäntelchen umhängt, sie in Nebulosität, in einen mystischen Nebel hinein verrinnen läßt.

[ 8 ] Wirklich, es ist so, meine lieben Freunde, daß eine spirituelle Bewegung darauf sehen muß, gewisse Dinge, die außerhalb dieser spirituellen Bewegung mit einem gewissen Recht gelten, vom Standpunkte einer viel höheren Moral aufzufassen. Aber man darf dasjenige niemals außer acht lassen, daß gar manches, was uns als höhere Moral dünkt, gar nicht eine höhere Moral ist, sondern nur ein Ersatz für die innerlichen Instinkte und Triebe. Aus den mancherlei Auseinandersetzungen, die wir schon gepflogen haben, kann es für Sie hervorgehen, daß jemand recht, recht menschliche Instinkte und Triebe haben kann, dann aber diese recht menschlichen Instinkte und Triebe in allerlei okkulte Verbrämungen hineinmünden läßt, vielleicht mit allerlei logischen Erörterungen, weil man durch eine solche Selbsttäuschung sich darüber beruhigen will, daß solche Triebe und Instinkte vorhanden sind. Es wäre viel besser, wenn man sie sich gestehen würde und die okkulte Bildung, die man sich angeeignet hat, dazu verwenden würde, diese Dinge zu verstehen.

[ 9 ] Ich habe Ihnen das Schriftstück von Herrn Dr. Goesch vorgelesen. Sie haben es verfolgt und gehört, um was es sich gestern handelte. In dem Schriftstück steht allerlei - ich will mit dem, was ich heute sage, nur meine persönliche Meinung aussprechen, die für niemand verbindlich ist -, aber in diesem Schriftstück steht auch: «Ich bin am Schlusse desjenigen, was ich zur Zeit sagen will. Ich habe diese Kenntnisse, die ich mir unter Anleitung des Siegelbewahrers der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst erworben habe (...) noch nicht in die Form gießen können, die mir vorgeschwebt hat.»

[ 10 ] Wir wissen, daß der Siegelbewahrer Fräulein Sprengel ist und daß den Brief Herr Dr. Goesch geschrieben hat. Ich glaube, daß ein Franzose recht hätte, der, trotzdem «Siegelbewahrer» hier im Maskulinum steht, nachdem er diesen Brief gelesen hätte, ein in Frankreich lange gewohntes Sprichwort anwenden würde: «Cherchez la femme». Und ich glaube sogar, daß durch die Anwendung des Sprichwortes «Cherchez la femme», statt es ins Maskulinum umzuschreiben, man vieles, wovon in diesem Briefe die Rede ist, besser verstehen würde, als man es sonst versteht.

[ 11 ] Nun, von einzelnem in diesem Briefe muß ich dennoch vom Standpunkte meiner persönlichen Meinung sprechen. Denn in diesem Briefe wird das Folgende angedeutet. Es wird gesagt: Man könne sich nicht vorstellen, daß nach alledem, was sich vollzogen hat, innerhalb unserer Gesellschaft noch sogenannte E.S.-Stunden gehalten werden könnten. - Ich habe Ihnen die Stelle ja vorgelesen. Es wird darauf hingewiesen, daß, weil alle die «Verbrechen» vorgekommen seien, die da in dem Schriftstück geschildert sind, fernerhin keine E.S.-Stunden mehr gehalten werden könnten.

[ 12 ] Meine lieben Freunde, auch solche Dinge muß man im richtigen Lichte sehen und sich nicht scheuen, etwas näher darauf einzugehen. Nicht wahr, es ist mit diesen unseren E.S.-Stunden seit dem Kriegsausbruch eine Pause gemacht worden, und jeder, der die Dinge so sieht, wie er sie sehen soll und sie auch sehen könnte, wenn er wollte, weiß selbstverständlich, daß dies mit nichts anderem zusammenhängt als mit den gegenwärtigen Kriegsereignissen. Und zwar ist es so, daß diese Stunden aus dem einfachen Grunde nicht mehr gehalten werden, weil es notwendig ist, den Sinn unserer Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

[ 13 ] Und so kann es heute ja nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder man hält den Sinn der Gesellschaft aufrecht, und dann muß man selbstverständlich - ganz gleich, ob in einem Lande, das einem anderen feindlich gegenübersteht oder in einem Lande, das neutral ist keine Versammlungen abhalten, die nicht öffentlich sind. Bedenken Sie nur, welche Fundgrube es für diejenigen wäre, die Insinuationen erfinden wollen, und bedenken Sie, was geschehen könnte, wenn sozusagen hinter verschlossenen Türen geheime Versammlungen abgehalten würden. Es ist also notwendig, daß man das nicht tut, und auch, daß die Mitglieder ein wenig persönliche Entsagung üben, um ihrerseits auf diese Stunden zu verzichten. Es liegt also, ich möchte das triviale Wort gebrauchen, auf der flachen Hand, daß jetzt nicht vor Mitgliedern verschiedener Nationen hinter verschlossenen Türen verhandelt werden kann. Nicht, daß hinter verschlossenen Türen etwas Unzulässiges vorkommen könnte. Unseretwillen könnte es selbstverständlich jeden Tag geschehen. Aber Sie wissen, wie viele feindliche Strömungen wir draußen haben. Diese müssen auch berücksichtigt werden, denn wir dürfen nicht dadurch, daß wir Dummheiten und Torheiten machen, unsere Bewegung gefährden. Deshalb müssen wir schon diese Entsagung üben, keine Versammlungen hinter verschlossenen Türen abzuhalten. Sie wissen, daß es in diesen Zeiten eine Krankheit gibt, die mit dem Namen «Spionitis» zusammenhängt, und es wäre wirklich dem, was damit zusammenhängt, Tür und Tor geöffnet.

[ 14 ] Die zweite Möglichkeit wäre - und das würde erst recht nicht gehen -, daß man zu den Mitgliedern der verschiedenen Nationen getrennt sprechen würde. Das dürfte wiederum aus dem Sinn unserer Gesellschaft heraus nicht stattfinden.

[ 15 ] Daraus ersehen Sie, daß diese Maßregel wegen des Krieges getroffen werden mußte und daß sie aufgehoben werden wird, wenn er aufhört, wie sich ja auch jeder diese Maßregel selber zurechtlegen konnte.

[ 16 ] Nun kann man mit dieser Maßregel noch andere Gedanken in Zusammenhang bringen. Man kann nicht einfach voraussetzen, daß die Leute draußen so anständig sind, daß sie von uns nur Anständiges voraussetzen. Man kann ihnen auch nicht zumuten, daß sie sich um uns kümmern und sehen, was wir da machen. Sie können ja auch gar nicht wissen, ob wir nicht etwas in ihrem Sinne Unrichtiges tun. Das lag eben auch einer solchen Maßregel zugrunde. Bei solchen Dingen auf anständige Voraussetzungen in der Außenwelt zu rechnen, ist nicht möglich, aber innerhalb unserer Gesellschaft darauf rechnen zu können, das müßte man voraussetzen können.

[ 17 ] Nun taucht aber - nicht nur in diesem Brief, sondern in all den Ereignissen, die zu diesem Brief geführt haben - von einer Seite, deren Aspirationen durch diesen Brief zum Ausdruck gekommen sind, seit Monaten immer wieder die Aussage auf, die da oder dort geäußert wurde, daß die Tatsache, daß jetzt keine E.S.-Stunden gehalten werden, nicht mit dem Krieg zusammenhänge, sondern damit, daß die Gesellschaft eine Form angenommen hat, die notwendig mache, daß solche Stunden überhaupt nicht mehr stattfinden können. Denn man könne nach solchen «Verbrechen» nicht annehmen, daß noch Vertrauen zu solchen Stunden vorhanden sei. - Das bedeutet nichts Geringeres, als daß man wirklich damit rechnen muß, daß gewisse Maßregeln in unserer Gesellschaft auf eine Weise beurteilt werden, die man nicht mehr anständig nennen kann. Es ist auch nicht zu entschuldigen damit, daß man sich getäuscht hat, sondern es ist eine unanständige Interpretation, eine wirkliche Verleumdung. Sie unterscheidet sich juristisch gesehen durch nichts von einer Verleumdung, und sie ist um so bedenklicher, als wiederum solche Dinge nicht nur in allerlei mystische Mäntelchen gehüllt, sondern auch mit Worten weitergeraunt werden. Die Art, wie solche Dinge gesagt werden, ist oft viel verhängnisvoller, als man glaubt, obwohl ich nicht zu der Denkweise des Briefschreibers mich aufwerfen will, daß man mit solchem Raunen, das von Ohr zu Ohr geht, gleich die Mittel von schwarzer Magie anwendet. Das meine ich nicht, meine lieben Freunde. Denn wenn man einem etwas ins Ohr raunt, kann es mit ganz natürlichen Dingen zugehen, es braucht damit durchaus noch nicht das Talent der schwarzen Magie vorhanden sein.

[ 18 ] Meine lieben Freunde, viel war gerade in diesem Schriftstück die Rede davon - ich betone es immer wieder: Ich sage meine Meinung, die für niemanden verbindlich ist -, viel war die Rede davon, daß durch mich da oder dort ungerechtfertigte Beeinflussungen stattgefunden haben. Ich will nicht auf den Widerspruch eingehen, daß auf der einen Seite freundliche Gespräche und Händedrücke als schwarzmagische Mittel hingestellt werden und auf der anderen Seite beanstandet wird, daß nicht eine viel engere Bekanntschaft mit den Mitgliedern gesucht wird. Also auf der einen Seite wird gesagt, ich tue nicht genug für die Mitglieder und schließe mich ab, auf der anderen Seite heißt es, ich gebrauche jedes Gespräch, jeden Händedruck, um die Mitglieder in unerlaubter Weise zu beeinflussen. Man sollte sich klar darüber werden, wie so etwas zustande kommt. Es kann sein, daß zum Beispiel jemand etwas wünscht; sagen wir, er wünscht, daß er die Mutter Gottes gewesen ist in einer früheren Inkarnation. Ich erzähle nur, ich erfinde nicht. Nehmen wir diesen Fall an. Wenn nun der Betreffende kommt und eine solche Sache andeutet, und man ihm sagen würde: Ja, ja, das habe ich in meinen okkulten Forschungen auch gefunden, - dann würde er dies höchstwahrscheinlich — wie gesagt, ich will nichts Persönliches meinen, aber es ist ein Beispiel -, dann würde er dies nicht als ungerechtfertigte Beeinflussung ansehen. Wenn ihm das gesagt würde, was er wünscht, dann würde er weit davon entfernt sein, dies als ungerechtfertigte Beeinflussung anzusehen. Nun, es kommt ja die Einbildung, die Eitelkeit nicht so oft bis zu dem Punkt, daß man sich gerade zu dieser vorhergehenden Inkarnation aufschwingt; aber andere Inkarnationen kommen schon häufiger vor. Und hier müssen wir auf etwas Prinzipielles eingehen.

[ 19 ] Sehen Sie, nach dem gegenwärtigen Stande der Menschheitsentwickelung muß die Freiheit der Seelen wirklich in der allerpenibelsten Weise gewahrt werden; in einer peniblen Art, von der sich Menschen mit einem solchen Denken, wie es der Schreiber dieses Schriftstückes hat, im Grunde keine besonders haltbaren Begriffe machen. Denn dem Schreiber dieses Schriftstückes wäre es doch zuzeiten angenehm gewesen, daß er so beeinflußt worden wäre, wie es seinem Wunsche entspricht, und er wünschte, daß mit ihm viel mehr diskutiert würde. Nun nehmen Sie zu der ersten noch die zweite Hälfte, und was dann herauskommt, ist das, daß man vielleicht über jeden Quark diskutiert hätte und auch Händedrücke gewechselt hätte. Es wäre also zu gleicher Zeit dasjenige, was er gewünscht hat auf der einen Seite, und auf der anderen Seite das von ihm angeführte ungeheure Verbrechen geschehen. Aber, wie gesagt, von jener peniblen Art, die Freiheit der Seelen zu wahren, die walten muß in einer Bewegung wie der unsrigen, machen sich die Menschen gewöhnlich keine Vorstellung. In der allerintensivsten Weise muß die Freiheit der Seelen gewahrt werden.

[ 20 ] Nehmen Sie einmal den einfachen Fall an, jemand hätte eine kleine Inkarnationseitelkeit, eine verhältnismäßig kleine Inkarnationseitelkeit und käme damit zu uns. Würde man ihm zustimmen, so würde er sich selbstverständlich über eine Beeinflussung nicht weiter beklagen. Aber angenommen, man würde ihm sagen: Sei nicht so töricht, mit dieser Inkarnation ist es nichts! - dann wäre das, wenn man die Sache ganz penibel nimmt, schon ein, wenn auch nicht starker, so doch ein schwacher unbefugter Eingriff in seine Seele. Nehmen Sie die Sache wirklich klar und deutlich. Derjenige, der kommt und sagt, dieses oder jenes sche er als seine frühere Inkarnation an sei es aus Eitelkeit oder was immer sonst ihn zu dieser Annahme geführt hat -, er ist selber zu dieser Meinung gekommen, es hat ihn doch seine eigene Seele dazu geführt. Es ist doch der Weg der eigenen Seele, den er damit genommen hat, und es liegt im Grundcharakter unserer Bewegung, daß jeder von dem Punkte aus, auf dem seine Seele angekommen ist, höchstenfalls weitergeführt werde, aber nicht, daß ihm die Seele gebrochen werde in einem bestimmten Momente. Wenn man in einem solchen Momente also einfach die Sache abschneidet, indem man sagt: Sei nicht so töricht, das ist ja Unsinn -, dann ist das nicht die richtige Antwort. Man darf nicht so zu ihm sprechen, denn das wäre ja eine unbefugte Beeinflussung, es bliebe ihm gar nichts anderes übrig, als Vertrauen im persönlichen Sinne entgegenzubringen, und das ist nicht das richtige Vertrauen, das entgegengebracht werden soll. Wir werden gleich sehen, daß man von einem ganz anderen Vertrauen sprechen muß. Man müßte demjenigen vielmehr dahingehend antworten, daß man zu ihm sagen würde: Sieh mal, es liegt doch eher die Tatsache vor, daß deine Seele zu dem oder jenem Gedanken gekommen ist. Versuche einmal, diesen Gedanken ins Leben überzuführen, versuche so zu leben, als ob es so wäre. Versuche, ob du das kannst, was du können müßtest, oder sieh zu, ob das eintritt, was eintreten müßte, wenn es wirklich so wäre. —- Durch eine solche Antwort wird er ganz logisch darauf kommen müssen, wie die Sache ist. Das ist ein wirkliches Wahren der Freiheit der Persönlichkeit: nicht etwas abzuschneiden, und sei es ein noch so irrtümlicher Weg, den eine Seele bisher verfolgt hat. Also, die Nichtbeeinflussung der Seelen muß viel tiefer gehen; das ist es, worauf es ankommt.

[ 21 ] Daß in unserer Gesellschaft irgend jemand besonders verwöhnt worden wäre mit dem Zuerteilen von Inkarnationen durch mich selber, das wird auch derjenige nicht behaupten können, der, wenn er bei den Tatsachen bleibt, ein Gesinnungsgenosse des Schreibers dieses Schriftstückes ist. Nehmen Sie das, was ich jetzt gesagt habe, durchaus ernst: Es handelt sich also nicht darum, daß man sich grobe Vorstellungen über Beeinflussung und Nichtbeeinflussung macht, sondern solche Vorstellungen, die am allerschwersten zu befolgen sind in dieser Zeit, wenn man die freie Würde des andern immer respektieren will.

[ 22 ] Es ist innerhalb unserer Gesellschaft gerade die Schätzung der fremden Seele von mir bewußt immer gepflegt worden, und zwar wirklich so, daß man sagen kann, ich habe die Gewohnheit angenommen, da, wo wahrscheinlich jeder andere viel, viel bejahender oder verneinender sprechen würde, so zu sprechen, daß die Freiheit der anderen Seele gewahrt wird, und nur das zu sagen, was den Betreffenden fähig machen kann, über die Sachlage ein eigenes Urteil zu gewinnen und nicht meine Autorität zu hören, sondern meine Autorität dadurch auszuschalten, daß ich einfach den Rat gebe, dieses oder jenes zu berücksichtigen. Das ist dasjenige, was ich immer bewußt gepflegt habe.

[ 23 ] Meine lieben Freunde, gewiß, es sind in diesem Schriftstücke noch nicht einmal die kuriosesten Verkennungen zutage getreten, die vorkommen. Man muß sich über diese schon klar werden. Glauben Sie mir, es ist nicht nur einmal vorgekommen, daß irgendwo irgendwer bei einem Vortragszyklus aufgetaucht ist und gesagt hat, es sei der ausdrückliche Wunsch von Dr. Steiner, daß er bei diesem Vortragszyklus dabei sei. Das ist oft vorgekommen. Man konnte oftmals, wenn man einem solchen Faktum nachging, finden, daß der Betreffende zu mir gesagt hatte, er werde zu diesem Vortragszyklus kommen, und ich ihm sagte, daß ich mich sehr freue, weil es mich wirklich herzlich freut, die Mitglieder da oder dort wiederzusehen. Das hat sich aber in vielen Fällen bei den Betreffenden oft schon bis zum nächsten Tage so verändert, daß sie sagten: Der Doktor wünscht ganz besonders, daß ich zu diesem Vortragszyklus gehe.

[ 24 ] Da haben Sie eines der Kapitel, die so sehr merkwürdig sind. Es war der allergrößte Wunsch vieler unserer Freunde, daß man ihnen sage, was sie tun sollen, aber ich habe immer versucht, mich so zu verhalten, daß die Mitglieder es doch merken sollten, daß es mir in bezug auf die ganze äußere Einrichtung ihres Lebens, in bezug auf jeden Schritt und Tritt ihres Lebens, gar nicht einfällt, jemandem einen persönlichen Rat geben zu wollen; daß ich weit davon entfernt bin, jemanden in irgendeiner Weise zu beeinflussen, ob er zum Beispiel zu diesem oder jenem Vortragszyklus gehen soll. So daß ich von meinem Standpunkte aus sagen kann: Der Wunsch, der mir am meisten vorgekommen ist und gegen den ich am meisten zu kämpfen habe, ist der, daß die Mitglieder in den meisten Fällen in den geringsten Kleinigkeiten persönlich beeinflußt werden wollen und ich es nie will; ich muß es immer ablehnen. Es ist eben notwendig, daß innerhalb einer solchen Gemeinschaft, wie die unsrige sein soll, solche Dinge abgelehnt werden.

[ 25 ] Mit alledem hängt nun noch ein anderes zusammen, das prinzipiell auch einmal gesagt werden darf. Sehen Sie, wer die Art und Weise beobachtet, wie ich zu wirken versuche, der wird daraus ersehen können, daß ich mich bestrebe, die Sache wirken zu lassen. Und damit komme ich nun auf dasjenige, was ich die Vertrauensfrage nenne. Ich möchte die Mitglieder wirklich bitten, sich einmal gehörig zu überlegen, ob ich jemals, einem einzelnen oder der Gesamtheit gegenüber, etwas dazu getan habe, um in gewöhnlichem Sinne ein persönliches Vertrauen zu fordern oder irgendwie zu begründen. Versuchen Sie einmal darüber nachzudenken, und versuchen Sie aus der Art und Weise, wie ich vortrage, darüber zu einem Urteil zu kommen.

[ 26 ] Nehmen Sie einmal einen naheliegenden Fall. Sie waren so freundlich, bei dem vorgestrigen Vortrage, den ich über einige mathematisch-geometrische Begriffe gehalten habe, zu erscheinen. Da habe ich Ihnen von einem gewissen Standpunkte aus der Geisteswissenschaft heraus zu sagen gehabt: Materie ist nichts, Materie ist eigentlich, so wie wir sie auffassen, ein Loch im Raum; es ist gerade da, wo Materie ist, nichts. - Aber ich will nicht, daß mir das jemand auf Vertrauen hin glaubt. Ich bin wahrhaftig weit entfernt davon, zu wollen, daß jemand die Lehre aus Vertrauen auf mich hinnehmen soll, sondern ich versuche zu zeigen, wie die heutige Wissenschaft, wie diejenigen, die auf der Höhe dieser heutigen Wissenschaft stehen, zu denselben Erkenntnissen kommen wie die Geisteswissenschaft. Das heißt, ich versuche, abgesehen davon, wie ich persönlich die Dinge gefunden habe, abgesehen davon, daß ich sie Ihnen sage, zu zeigen, daß sie auch eine objektive Begründung in der Welt haben und daß sich diese Begründung auch in den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung zeigt.

[ 27 ] Warum tue ich das? Darum, damit Sie gerade ein persönliches Vertrauen nicht brauchen, sondern es entbehren können, sehen können, wie ich darauf hinarbeite, daß die Sache für sich selbst spricht, auch wenn sie noch so schwierig ist.

[ 28 ] Es tut mir leid, daß ich das Problem der Vertrauensfrage so schildern muß. Es wäre mir lieber gewesen, wenn Sie selber darauf gekommen wären, daß von mir darauf hingearbeitet wird, daß Sie das persönliche Vertrauen nicht brauchen. Das einzige Vertrauen, das in Frage kommen könnte, wäre das, daß Sie sich sagen können: Der gibt sich wirklich Mühe, uns nicht etwas vorzutragen, was er einmal aus irgendwelchen Eingebungen heraus an Erkenntnissen gewonnen hat, sondern er versucht, alles zusammenzutragen, damit die Dinge aus sich selbst heraus beurteilt werden können, unabhängig von seiner Persönlichkeit. - Ich will nicht sagen, daß das «alles zusammenzutragen» immer gelingen kann, einmal aus dem Grunde, weil die Zeit einfach nicht reicht, und zum andern, weil überhaupt alles unvollkommen bleiben muß. Aber die Methode tendiert doch dahin, daß es nicht um persönliches Vertrauen geht, sondern daß dieses gerade vollständig ausgeschaltet werde. So müssen wir schon die sogenannte Vertrauensfrage in einer geistigen Bewegung auffassen. Denn darauf kommt es mir an, aber auch damit will ich heute nur meine persönliche Meinung aussprechen.

[ 29 ] Allerdings, es gibt auch einen gewissen Gesichtspunkt, der alles zu etwas Relativem macht, weil ja im allgemeinen der Grundsatz gilt, daß sich alles einer berechtigten Kritik aussetzen soll. Gewiß, jeder soll die berechtigte Kritik an allem üben können. Aber es ist doch so, daß man auch die Sache mit der Kritik relativ nehmen muß. Denn bedenken Sie doch, daß unsere Arbeitsquantität von der Zeit bedingt wird, so daß wir sie nicht in beliebiger Weise entfalten können, so wie es dem einen oder anderen einfällt. Wenn Sie nur das bedenken, dann müssen Sie sich selber sagen, daß hier manches wirklich nicht im Sinne des realen Lebens gedacht wird. Ich würde, das kann ich offen sagen, und ich habe das auch oftmals angedeutet, gewisse Dinge nicht aussprechen, wenn ich nicht in manchem jahrzehntelang gelebt und gearbeitet hätte und durch ein langes Leben hindurch kennengelernt hätte.

[ 30 ] Ich würde zum Beispiel über den «Faust» nicht gesprochen haben, wenn ich nicht in einem jahrzehntelangen Leben mich in den «Faust» hätte hineinleben können. Wenn nun zu einem, der sich so durch Jahrzehnte hindurch bemüht hat, einer kommt und mit ihm über diese Dinge streiten wollte, obgleich er sich nicht so lange bemüht, sondern sich nur geringfügig damit beschäftigt hat - denken Sie sich doch, welch ein Zeitverlust das für denjenigen wäre, der sich mit der Sache intensiv beschäftigt hat. Es kann dies doch wirklich nicht von mir verlangt werden oder von irgend jemandem. Dem Dichter Hamerling hat einmal jemand - es war zu seinem 50. Geburtstag - einen Brief geschrieben, der Hamerling ziemlich erstarren gemacht hat. Der Brief hat nämlich die Überschrift getragen: «Verehrter Greis!» - Nun, ich bin zwar schon über die Fünfzig, aber ich denke doch, daß Sie mir zugestehen werden, eine Aufgabe zu haben, die Zeit fordert, und Sie werden begreifen, daß ich nicht nötig habe, mit Menschen über diejenigen Dinge zu diskutieren, mit denen ich mich schon befaßt habe zu einer Zeit, als diese Menschen noch in den Windeln lagen. Es kann - in abstracto - richtig sein, eine Diskussion zu führen; aber es ist gewöhnlich das Unfruchtbarste, wenn es dabei um Dinge geht, wie sie in diesem Schriftstücke stehen. Das muß doch so gesagt werden. Denn es ist doch etwas ganz anderes, wenn ein altes Leben als wenn das Leben eines «Kiek-in-die-Welt» etwas darüber sagt. Das sind doch auch reale Tatsachen des Lebens.

[ 31 ] Und dann, meine lieben Freunde, denken Sie nur einmal an das furchtbar Widerspruchsvolle dieses ganzen Schriftstückes. Sie brauchen ja nicht zu denken wie ich, aber ich will Ihnen doch sagen, was ich denke. Da steht der Satz: «Ich habe erkannt, daß Sie bei Ihrem Wirken in unserer geistigen Bewegung neben Ihrer dem Guten gewidmeten Tätigkeit» und so weiter. - Es würde mir nicht einfallen, diesen Satz zu sagen; aber er steht hier, und im Anschluß daran wird dann eine große Anzahl von Unternehmungen, die gemacht worden sind, aufgeführt. Ich muß gestehen, daß alles das, was da aufgezählt wird, recht unvollkommen gemacht worden ist, und ich habe immer wieder hervorgehoben, daß zum Beispiel der Johannesbau nur ein Anfang ist von dem, was gemacht werden soll. Und dennoch kann man denn gar nicht ein bißchen den Gedanken haben, daß sich jemand begrenzen muß in seinen Aufgaben? Kann man nicht den Gedanken haben, daß er bei solchen Aufgaben nicht auch noch .die Zeit hat, alle möglichen in diesem Schriftstück erträumten Beziehungen zu pflegen? Man geht wirklich über die Dinge zu leichtherzig hin, wenn man glaubt, daß man all das erfüllen könnte, was in diesem Schriftstück von einem solchen Zusammenleben verlangt wird, wenn alles das noch geschehen sollte, was hier aufgezählt ist. Da müßte man wirklich - ich spreche es ungern aus, und ich bitte ausdrücklich, das so aufzufassen, daß ich es ungern ausspreche - von dem Briefschreiber verlangen, daß er einem die Möglichkeit gäbe, das Jahr doppelt zu gestalten. Das Recht muß einem doch zugestanden werden, daß man seine Tätigkeit gestaltet, wie man selbst will. Der andere wird ja dadurch nicht beeinträchtigt in dem, was er will und kann. Das ist es ja, was ich so unendlich intensiv anstrebe, daß jeder tue, was er will, daß man von keinem verlange, daß er etwas anderes tue als das, was er will. Aber man muß auch mir das Recht zugestehen, mich in dem zu begrenzen, was ich als meine Aufgabe erkenne. Es sind ja zunächst meistens Menschen, die nicht an konkrete Aufgaben denken wollen, die nicht den Willen zu konkreten Aufgaben entwickeln wollen, die sich mehr damit befassen, anderes, was schon da ist, zu kritisieren.1Dies bezieht sich offensichtlich auf Heinrich Goesch, der sich nirgendwo praktisch betätigte und der, wie Mitglieder berichteten, abgelehnt hatte, an dem entstehenden Bau des ersten Goetheanum mitzuarbeiten.

[ 32 ] Das ist aber nicht das Fruchtbare im Leben, meine lieben Freunde. Derjenige, der mit einer Gesellschaft, die einmal besteht, nicht ein‚verstanden ist, der kann ja aus der Gesellschaft draußen bleiben, und dasjenige, womit er einverstanden ist, kann er ja tun. Aber es ist unendlich viel leichter, sich in eine Gesellschaft einzufügen und darinnen zu kritisieren, als selber etwas zu tun. Man kann vieles schlecht finden im Leben; aber das entscheidet ja nicht über das, was jemand leisten kann. Daß er weiß: dieses oder jenes sollte geschehen und dieser oder jener macht dieses oder jenes schlecht, das entscheidet da nicht, wohl aber das, daß er sich bemüht, das, was er kann und sagt, auch auszuführen. Und auch das ist nicht entscheidend, daß nicht ein jeder das vollführt, was ich will. Er kann es unterlassen oder tun, aber dann ist seine Freiheit nicht beeinträchtigt durch mich, sondern durch das, was er nach seinen Fähigkeiten zu können glaubt; er muß nur den Willen entwickeln, das zu tun, was seinem Können angemessen ist.

[ 33 ] Ich habe gemeint, als unsere Gesellschaft im Anfange war, daß sie gerade mustergültig sein könnte für dieses zuletzt angedeutete Prinzip; gerade für das letztere glaubte ich das. Denn das ist der große Mangel unserer Zeit, daß die Leute immer furchtbar viel wollen und zu keinem Können kommen. Es ist das ja begreiflich. Sehen Sie, wer auf einem Gebiete im Leben Kenntnisse und Fähigkeiten erworben hat und damit arbeitet, der weiß, daß man furchtbar wenig kann, sei es in dieser oder jener Hinsicht. Am besten weiß man, daß man wenig kann, wenn man irgend etwas kann und die Notwendigkeit gehabt hat, sich dieses etwas anzueignen. Am meisten traut man sich zu, wenn man eigentlich nichts kann und sein Können überhaupt noch nicht erprobt hat. Daher treten einem in unserer Zeit weniger die Tatsachen entgegen als die Programme. Von Programmen ist die Zeit voll; die schwirren nur so herum. An Programmen sind die Leute reich. In allgemeinen Abstraktionen aufzuschreiben, was man mit dem Sozialismus, mit der Theosophie, im Zusammenleben der Menschen, bei der Frauenfrage und so weiter will, das ist unendlich leicht. Es ist leicht, etwas in Programmen aufzusetzen, die unendlich geistreich und richtig sein können. Aber derjenige, der wirklich, wenn auch im allerengsten Kreise, etwas Positives getan hat, der hat mehr getan als derjenige, der die schönsten Programme in die Welt hinaussandte.

[ 34 ] Meine lieben Freunde, was festgestellt werden muß, das ist, daß es darauf ankommt, daß etwas getan wird. Am besten wäre es, wenn man Programme mehr oder weniger in seinem Herzkämmerlein verschlösse und sie nur zur Richtschnur des eigenen Lebens machte. Solch eine Bewegung wie die unsrige ist natürlich sehr leicht zu verkennen. Ich habe schon gestern darauf hingewiesen, wie sie verkannt werden muß und wird und wie wir nötig haben, auf diese Verkennung zu achten gegenüber den Menschen, die außerhalb der Bewegung stehen, die wirklich nicht nur nicht mit ihrer Kritik — denn das würde sogar gut sein -, sondern auch nicht mit Verleumdungen und unwahren Behauptungen sparen.

[ 35 ] Gerade nach dieser Richtung hin ist im Laufe der Jahre das Allerbedeutsamste geleistet worden. Gerade auf dem Gebiete der Verleumdung und der Verunglimpfung ist viel geleistet worden, ohne daß das Nötige geschehen wäre, um diese Dinge wirklich zurückzuschlagen. Aber notwendig wäre es, daß innerhalb unserer Gesellschaft selber allmählich um sich greifen würde dasjenige, was die intimsten Kennzeichen gerade einer solchen spirituellen Bewegung sind.

[ 36 ] Nun gehört wirklich zu dem, wofür ich immer wieder eintrete, sowohl im Vortrage als auch sonst, und worauf ich immer wieder hinweise, weil es schon einmal meine Aufgabe sein muß, daß dasjenige, was ich einem anderen Menschen sein kann, nur durch das Geistige unserer Strömung bestimmt sein kann und wie es notwendig ist, daß dieses Geistige, rein Geistige selbstverständlich, das zwischen uns herrschen soll, nicht verkannt werde. Ich kann wirklich im Zusammenhang mit unserem Falle diese Sache nicht erörtern, ohne an diese Dinge anzuknüpfen. Alle diese Dinge tun mir furchtbar leid, weil man immer versucht ist, Personen wirklich so lange zu schonen, als es nur irgend geht. Aber die Sache muß doch höher stehen als die Personen. Das ist gar nicht anders möglich.

[ 37 ] Nun wird derjenige, der objektiv urteilen kann, wirklich gut den Zusammenhang sehen können zwischen demjenigen, was ich früher von einer freien Schätzung der freien Seele gesagt habe, und der Art und Weise, wie ich den einzelnen Mitgliedern gegenüberstehe. Ich will immer dabei dasjenige verwirklichen, was aus unserer geistigen Bewegung folgt, was mir gewissermaßen notwendig erscheint, um auch alle persönlichen Verhältnisse so zu gestalten, daß sie in dem Leben unserer geistigen Bewegung richtig darinnenstehen, und da muß ich schon sagen: Ich lasse jeden in unserer Gesellschaft so wirken, daß sein Wirken ganz anders ist als das meinige.

[ 38 ] Es mag jemand die Ansicht des Herrn Goesch ganz gut finden und es als etwas sehr Erfreuliches bezeichnen, daß sich jemand bemühen sollte, das Gesellschaftliche, den persönlichen Zusammenhalt zu pflegen, und ich glaube selber, daß es sogar gut wäre, wenn jemand da wäre, der den persönlichen Zusammenhalt, die persönlichen Beziehungen pflegen würde, so daß die Gesellschaft nicht bloß dem Namen nach eine Gesellschaft ist. Aber ich muß mich in dieser Gesellschaft begrenzen. Trotzdem sehe ich, daß noch immer ich derjenige bin, der die weitaus größte Anzahl der Mitglieder persönlich kennt. Es werden viele Menschen vorhanden sein, die eine weniger große Zahl von Mitgliedern kennen als ich selber. Ich habe aber gar nichts dagegen, wenn recht viel gemacht wird, um auch das Persönliche, was in diesem Schriftstück eine so große Rolle spielt, wirklich zu pflegen. Nur, wie gesagt, ich muß mich begrenzen, aus den Gründen, die ich hinlänglich angegeben habe.

[ 39 ] Darum klingt es denn doch wirklich wie ein sehr merkwürdiges Mißverständnis gegenüber dem, was geschieht, wenn man Urteile hört, wie sie jetzt auch wieder in diesem Schriftstücke zum Ausdruck kommen: Daß das Beste, was ich gebe, dadurch nur zu etwas Schattenhaftem, zu einem bloßen Bilde werde. - Es scheint also schon nach diesem Ausspruch -, daß man diese auf Geisteswissenschaft gebaute Gemeinschaft, so wie ich sie verstehen muß, als etwas zu Abstraktes ansieht, als etwas ansieht, was - ich möchte sagen - einen viel persönlicheren Charakter haben sollte; ich sage nur: einen viel persönlicheren Charakter haben sollte - um nicht ein anderes Wort zu gebrauchen. Ich habe es oftmals ausgesprochen, daß dieser persönliche Charakter nicht sein kann; er kann eben nicht sein. Ich habe es selbst einzelnen Mitgliedern gegenüber ausgesprochen. Ich möchte am liebsten das Persönliche so getilgt sehen, daß ich meinetwillen immer hinter einer spanischen Wand sprechen könnte, so daß gar nichts einfließen könnte von persönlichen Beziehungen zu den Mitgliedern in dasjenige, was die Hauptsache ist: die Verbreitung der Lehre und deren Einleben in das Leben.

[ 40 ] Es tut mir leid, daß ich solche Dinge sagen muß, aber wie soll man sich verstehen, wenn man solche Dinge nicht sagt.

[ 41 ] Nun ist folgendes vorgekommen, und daran will ich anknüpfen. Sehen Sie, eine Persönlichkeit, der gegenüber ich selbstverständlich immer dasjenige verwirklichte, was mit unserer geistigen Bewegung zusammenhängt, das heißt meine Pflicht tat in bezug auf die geistige Bewegung, selbstverständlich aber von Persönlichem absehend - eine solche Persönlichkeit fand es doch nötig, vor einiger Zeit einen Brief an mich zu schreiben, der in der folgenden Weise beginnt. Ich werde den Brief nicht ganz, sondern nur eine Stelle daraus vorlesen, von der gesagt werden kann, daß sie gewissermaßen der Keim ist von dem, was jetzt als ein Faktum vorliegt. Der Brief kam am 25. Dezember 1914, also am Weihnachtstage vorigen Jahres. Ich will die charakteristische Stelle jetzt zur Verlesung bringen. Sie heißt wie folgt und ist aus einem der Mysterienspiele zitiert: «In diesen Tagen sind es 7 Jahre, daß Sie, Herr Doktor, vor meinem inneren Auge erschienen und zu mir sagten: Ich bin es, auf den du gewartet hast dein Leben lang, ich bin der, dem dich die Schicksalsmächte bestimmt haben.» Und weiter steht in diesem Brief: «Denn nicht die Lehre, nicht der Lehrer allein konnte meine Seele wieder beleben, das konnte nur der Mensch, der Mensch, der größerer Liebe fähig war als andere, so daß er auch größere Lieblosigkeit gutmachen konnte.»

[ 42 ] Hier haben Sie geradezu gefordert dasjenige, was persönlich nicht gegeben werden kann und nicht gegeben werden darf. Auf den Lehrer und die Lehre wird das geringere Gewicht gelegt, sondern der Mensch wird gefordert. Ich muß sagen, es ist eben nötig, daß in diesen Dingen nicht Versteckspielen getrieben wird.

[ 43 ] Am Schluß des Schriftstückes des Herrn Dr. Goesch wird dann gesagt, daß er diese Erkenntnisse unter Anleitung des Siegelbewahrers der Gesellschaft für theosophische Art und Kunst erworben habe. Dieser Siegelbewahrer ist eben die Persönlichkeit, die den vorgelesenen Satz geschrieben hat, der zeigt, daß sich bei der betreffenden Persönlichkeit solche Dinge, wie sie in diesem Briefe stehen, wirklich seit langem zusammenverdichtet haben. Ich will die Insinuationen, die besonders stark sind in dem Briefe, der vorgestern bei Frau Dr. Steiner angekommen ist, mit keinem Adjektivum bezeichnen; wirkliche Insinuationen, die ich schon aus dem Grunde nicht vorlesen werde, weil man Menschen selbstverständlich schont, so lange sie es nur zulassen, daß sie geschont werden. Aber sagen muß ich doch, daß es immerhin möglich ist, daß solche Dinge in unserer Gesellschaft vorkommen.

[ 44 ] Glauben Sie nicht, meine lieben Freunde, daß ich etwa blind war gegenüber der Tatsache, die sich, ich möchte sagen, in zwei Äste spaltete. Ich will zunächst von dem einen Ast, der von unserer Gesellschaft nach auswärts steht, sprechen. Vielleicht ist es besser, zuerst einmal von diesem einen Ast zu sprechen. Unter den mancherlei im höchsten Maß verleumderischen Dingen, die in den Schmähschriften gegen unsere Bewegung und hauptsächlich gegen mich geschrieben worden sind, ist immer wieder die Schmähung zu finden, daß in unserer Gesellschaft so viele sind, die dem Manne nachlaufen, die hysterische Weiber seien. Ich sage damit nicht irgendein Faktum, sondern etwas, was in diesen Schmähschriften steht, von denen viele aus dieser Ecke heraus pfeifen und aus dem ungeheuer viel hergeholt ist, mit dem wir - namentlich ich - in der letzten Zeit verleumdet worden sind.

[ 45 ] Der jetzige Fall steht ja nicht vereinzelt da. Die Dinge, die sich in der jetzigen Gestalt zeigen, sollten richtig symptomatisch, nicht persönlich genommen werden. Ich will sagen, daß jemand, der unserer Bewegung nahe zu kommen sucht, es nicht auf die Weise versuchen sollte, daß er dazu käme, zu schreiben: Es sind nun 7 Jahre her, Herr Doktor -, und so weiter. Ich will nicht sehr weit in solchen Dingen gehen, aber man wird verstehen können, was es heißt. Solche Dinge können eben nicht bloß an dem einzelnen Fall beurteilt werden, sondern es muß der einzelne Fall als Symptom beurteilt werden dafür, daß die Lehre nicht so ganz unpersönlich genommen wurde und daß mancher da war, der auch auf dem Wege war, auf die Lehre und den Lehrer weniger Gewicht zu legen als auf den Menschen. Das war auch einer der mehr gleichgültig nebenher laufenden Gründe, warum die getreue Mitarbeiterin, die an meiner Seite stand so viele Jahre, und ich uns zur letzten Weihnacht verheiratet haben. Wir waren damals wirklich nicht geneigt - das gestehe ich offen -, der Sache ein okkultes Mäntelchen umzuhängen. Wir standen, vorzugsweise für uns selber, auf dem Standpunkte, daß erstens solche persönlichen Dinge niemanden etwas angehen und, zweitens - und das gilt für das Verhältnis zwischen uns beiden -, daß es wirklich notwendig geworden ist, gar nicht, sagen wir, das Mißverständnis aufkommen zu lassen, daß die Dinge menschlicher genommen werden könnten als sie gemeint sind.2Die etwas unklare zweite Hälfte dieses Satzes lautet so gemäß Stenogramm, ist aber möglicherweise ungenau oder unvollständig mitgeschrieben worden. Und so fiel wirklich in der damaligen Zeit zwischen uns oftmals das Wort, das Sie verstehen werden: daß sie - Frau Dr. Steiner - dadurch, daß sie sich mit mir verheiratet hat, die «Reinemachefrau» geworden ist für manche Dinge, die sich in manchen Köpfen angesammelt haben. Es ist etwas, was dazu führen soll, daß die Dinge weniger auf persönliche Dinge bezogen werden können, als das früher der Fall war.

[ 46 ] Überhaupt - ich bitte jetzt die Sache, die ich meine, nicht mißzuverstehen - handelt es sich in einer solchen Gesellschaft, wie diese es ist, nicht darum, sich von allem möglichen in der Welt zu emanzipieren, sondern darum, die Welt von einem bestimmten Punkte aus in bezug auf Anschauungen und Usancen fortzuführen. Und so kann es nur nützen, da, wo es möglich ist, die Sache ganz klar hinzustellen vor die Außenwelt, sie wirklich klar hinzustellen und zu verhindern, daß diese oder jene Anschauungsweise aufkommt.

[ 47 ] So ist denn Frau Dr. Steiner auch geneigt gewesen, nach einer Zuschrift, die sie bekommen hat von jener Seite, die charakterisiert wurde als der eigentliche «spiritus rector» der Sache, zu schreiben, daß diese Eintragung auf dem Standesamt wahrhaftig keine so furchtbar erhebliche Sache war, wenn man in all den Dingen, die einem die wichtigsten des Lebens sind, so viele Jahre zusammen gearbeitet hat. Die Folge davon war, daß darauf geantwortet wurde: «Aber jene Eintragung auf dem Standesamt löste für mich die Katastrophe aus, die ich mit Schrecken seit Jahren hatte kommen sehen wohlgemerkt, nicht in ihrem Verlauf, aber ihrem Charakter und ihrem Schwergewicht nach.» - Ich glaube, es genügt, darauf hinzuweisen, daß ein gewisser Zusammenhang besteht zwischen dem Einsetzen einer «Reinemachefrau» und dem, was wir jetzt erleben, und gerade das scheint mir den vollsten Beweis dafür zu liefern, wie notwendig diese Einsetzung der Reinemachefrau war.

[ 48 ] Es schadet nichts, meine lieben Freunde, wenn die Dinge so genommen werden, wie sie sind, und man nicht mehr hinzumacht, als wirklich in ihnen liegt; aber es schadet immer, wenn man irgendeine besondere okkulte Mission mit der geringfügigsten Kleinigkeit oder meinetwillen auch Großartigkeit des Lebens verknüpft, und so gefällt es uns besser, das Bild der Reinemachefrau für uns auszubilden, das viel mehr der Wirklichkeit entspricht, als besonders Hochtrabendes in die Welt zu setzen. Nur haben wir uns gedacht, daß es niemals nötig sein würde, die Sache auszusprechen.

[ 49 ] Es ist wirklich meine persönliche Meinung, meine lieben Freunde, daß, wenn jemand innerhalb unserer geistigen Bewegung etwas so Persönliches sucht in den Dingen, die selbstverständlich sind, das in einem sehr betrüblichen Sinne auf das Walten gewisser Instinkte in unserer Gesellschaft weist, die eben nicht anders da sein dürfen, als daß man sie sich einfach eingesteht und sie in ihrer Wahrheit anschaut, ohne okkultes Mäntelchen. Das ist dann auch das beste Mittel, sich in rechtmäßiger Weise über diese Instinkte hinauszubewegen. Das einzige Mittel dazu ist, sie in ihrer Wahrheit anzuschauen. Aber bei uns wurde gerade nach der Richtung, daß sie so mit einer okkulten Aura umgeben worden sind, außerordentlich viel geleistet.

[ 50 ] Warum aber sollten wir uns, meine lieben Freunde, das rein sachliche Interesse, das wir an unserer geistigen Bewegung eigentlich haben müssen, trüben lassen dadurch, daß wir gleich Eitelkeiten in alles hineinbringen? Warum sollten wir denn das? Derjenige, der viel über seine historischen Inkarnationen nachdenkt, hat eben nicht das richtige Interesse an unserer Sache, dem fehlt gerade das Interesse, das er haben sollte, und der Unterschied zwischen ihm und einem gewöhnlichen Egoistling ist der, daß der gewöhnliche Egoist sich nicht so weit versteigt, sich mit irgendeiner historischen Inkarnation zu identifizieren, sondern durch irgend etwas anderes seine persönliche Eitelkeit befriedigt.

[ 51 ] Es ist durchaus wahr, daß es eigentlich noch gescheiter ist, wenn jemand mit seinen Kleidern, mit seinem Geld protzt als mit seinen Inkarnationen; es ist absolut das kleinere Übel, mit den Kleidern oder dem Gelde zu protzen als mit Inkarnationen. Das sind Dinge, die wir ernst nehmen und uns tief, tief in die Seele schreiben sollten. Denn durch diese Dinge ist viel Unheil aufgehäuft worden im Laufe der Jahre, und sie hängen so innig zusammen mit dem, was ich im allgemeinen «persönliche Eitelkeit» nennen muß.

[ 52 ] Meine lieben Freunde, wenn persönliche Eitelkeit eine große Rolle spielt, kann man in der unglaublichsten Weise mißverstanden werden. Jener Siegelbewahrer - er erzählt es selbst in einem Briefe kam einmal zu mir und erklärte, daß er an alles dasjenige, was von der Außenwelt an ihn herantrete, die längst in ihm vorhandenen Maßstäbe anlegen würde. - Ich sagte darauf: Warum sollen Sie deshalb nicht in unserer geistigen Bewegung sein können? Selbstverständlich können Sie Ihre Maßstäbe anlegen. - Ich meinte damit nichts anderes, als daß unsere Lehre nichts zu fürchten hat, wenn man seine eigenen Maßstäbe an sie anlegt. Man soll sie sogar anlegen. Von meinem Gesichtspunkte aus finde ich nichts Unrechtes darin, daß er seine eigenen Maßstäbe anlegen wollte. Aber aus der Darstellung, die er der Sache gibt, geht hervor, daß er sie so gemeint hat: Eigentlich liegt schon alles in mir; was mir Geistiges gegeben werden kann, das habe ich in Visionen schon gesehen; das liegt also alles in mir. - Dann fragte die Betreffende - ich weiß ja nicht, warum eine solche Frage gestellt wurde, denn sie ist ein Widerspruch in sich -, aber dennoch fragte sie, ob sie deshalb doch Schülerin werden könne und solle. - Nun, man kann nur sagen, das Faktum, daß sie trotzdem uns nahetreten wollte, lag vor, und man konnte sie deshalb nicht darin hindern. Aber in einer solchen Behauptung, in mir liegt schon alles das darinnen, und ich muß mich herablassen, in dieser Bewegung mitzuarbeiten, ich will aber meine eigenen Maßstäbe anlegen, liegt doch eigentlich die Eitelkeit, die etwas anderes sucht als die Lehre. Die Lehre braucht sie ja nicht zu suchen, die hat sie schon in sich. Es ist eben wirklich die Eitelkeit, deren sich die Menschen so unglaublich wenig bewußt sind und die in einer solchen Bewegung eine so unendlich große Rolle spielt.

[ 53 ] Diese Persönlichkeit nimmt also wirklich nichts Geringeres an, als daß die Dinge, die gelehrt worden sind, von ihr gekommen seien. Es ist das wirklich etwas schwierig zu verstehen. Es muß wohl durch irgend etwas in dem Briefe, mit dem Frau Dr. Steiner einmal dem betreffenden Siegelbewahrer geantwortet hat, eine Veranlassung dazu gegeben worden sein. Und so kam das Merkwürdige zustande, daß auf diese geheimnisvolle Quelle unserer esoterischen Bewegung noch genauer hingedeutet worden ist. Meine lieben Freunde, es kann wirklich nicht der Persönlichkeit wegen weiter Versteck gespielt werden, sondern es muß schon darauf eingegangen werden. In der Antwort, die der Siegelbewahrer Frau Dr. Steiner gegeben hat, heißt es: «Und wie der Kranke den Arzt, bat ich, vor 3 Jahren, Herrn Doktor um eine Unterredung. Hier mußte ich, und in der Folge immer häufiger, ein trauriges Wort sagen: Ob ich wohl der Lehre folgen konnte, nichts konnte ich begreifen von dem, was mich selber betraf und was mit mir geschah. Was mich zu diesem Ausspruch brachte, muß ich hier übergehen, ich weiß nicht, wieviel Ihnen von meinem Entwicklungs- und Lebensgang bekannt ist.» Dies wird gesagt, weil ich mir einmal ein Gespräch habe anhören müssen, das darauf hinging. - «Ich kam nicht dazu, von meiner Not zu sprechen, Herr Doktor ließ deutlich merken, daß er nichts davon hören wollte.» - Ich habe nichts davon hören wollen, ich habe aber doch eine Antwort gegeben. Man kann solche Dinge nicht ablehnen, indem man nur bemerklich macht, daß man nichts davon hören will. - «Im Sommer darauf aber ward uns der Hüter der Schwelle beschert. Darin das Gespräch zwischen Strader und Theodora, in dem sich in der zartesten Weise spiegelte, was mich bedrängte. Vielleicht hat Herr Doktor nichts derartiges «gemeint» — «gemeint» ist aber in Gänsefüßchen gestellt - «Tatsache ist es dennoch. Sollte es vielleicht ein Heilversuch sein.» An der angeführten Stelle im Mysteriendrama steht, daß Strader alles der Theodora verdankt.

[ 54 ] Nun, meine lieben Freunde, wenn Derartiges geschrieben wird, noch dazu in einem Stile, der durch seine Schwulstigkeit nicht deutlicher wird, aber anscheinend feierlich gemeint ist, dann darf man wirklich nicht sagen, solche Dinge sollten als persönliche Angelegenheiten betrachtet werden. Ich habe wahrhaftig noch reichlich viel als persönliche Angelegenheit betrachtet und nichts davon erwähnt; das aber, was erwähnt wurde, steht in innigstem Zusammenhange mit der ganzen Natur und dem ganzen Wesen unserer Bewegung; nichts anderes wurde erwähnt. Und wenn jemand nicht will, daß so etwas erwähnt wird, so soll er es nicht schreiben. Denn, wenn solche Dinge als Gesinnung herrschen, so verderben sie dasjenige, was ich mich zu erreichen bestrebe mit jedem Wort und mit alledem, was ich mich seit vielen Jahren zu tun bemühe.

[ 55 ] Es darf Ihnen meine Meinung über die Art und Weise, wie ich unter Ihnen stehen möchte, nicht unbekannt bleiben, wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen. Wenn wir weiter zusammenarbeiten wollen, so müssen wir es so tun, wie wir es bisher getan haben. Wir müssen die Möglichkeit finden, für unsere geistige Bewegung eine Form zu schaffen, die der Entwickelung der Menschen unserer Zeit angemessen ist. Das kann aber nicht geschehen, wenn an Stelle desjenigen, was geistig vollbracht und verstanden werden soll, allerlei Persönliches gesetzt wird. Ich bin schon erstaunt darüber, daß jemand in dieser harten Zeit, in der unser Interesse auf die Entwickelung eines großen Teiles der Menschheit gerichtet sein sollte, so wenig Interesse für die Zeitereignisse hat, daß er seine allerpersönlichsten Interessen in solcher Weise in unsere Gesellschaft hineinträgt. Das heißt doch wirklich, sich vor dem Innersten unserer Zeit verschließen, wenn man in dieser Zeit nichts anderes zu tun weiß, als eine ganze Katastrophe hervorzurufen dadurch, daß man glaubt, in dem Wahne leben zu dürfen, irgend etwas sei anders gekommen, als man es sich erträumt hat. Dadurch wird das Allerpersönlichste in unsere Gesellschaft hineingetragen. Aber das Persönliche darf nicht, weder in dieser noch in einer anderen Form, hineingetragen werden. Es werden schon einmal diejenigen in unserer Bewegung nur in geringerem Maße zu ihrem Rechte kommen, welche vor allem das Interesse an ihrer lieben Person haben. Wenn man sich in eine mystische Wolke hüllt, in irgendeiner Form, so hat man auch das Bestreben, die Nahestehenden in eine mystische Wolke zu hüllen. Denn es wäre ja eine Anomalie, wenn man selber alles mögliche wäre und die, die einen umgeben, nicht auch etwas Besonderes wären. Da hat man selbstverständlich das Bestreben, die Kreise weiter zu ziehen. Wenn aber auf diese Weise das rein persönliche Interesse, das persönliche Eitelkeitsgefühl, wie es so zahlreich vorgekommen ist, sich an die Stelle des objektiven Betrachtens und Erstrebens desjenigen setzt, was für uns die geistige Bewegung sein soll, dann sind das die furchtbarsten Schäden, die in unserer Gesellschaft eintreten können.

[ 56 ] Man hätte glauben können, meine lieben Freunde, daß, wenn hier der Johannesbau entsteht, dieser Bau auch unseren Mitgliedern ein solches Problem würde, das sie beschäftigen könnte und sie ablenken würde von den eitlen Torheiten des Lebens. Man konnte sich wirklich diesem Glauben hingeben, daß der Bau die Gedanken zu etwas Besserem bringen würde. Aber Sie wissen ja, auch das hat sich nicht in der wünschenswerten Weise erfüllt. Dennoch: Es muß weitergearbeitet werden. Und indem ich Ihnen allen herzlichst danke für die Gesinnungen, die Sie in dem mir von unserem Freunde Bauer überbrachten Schriftstücke zum Ausdruck gebracht haben, sowie auch für die Gesinnungen, die von anderen Mitgliedern zum Ausdruck gebracht worden sind, hoffe ich, daß sich doch Mittel und Wege finden lassen werden, um auf der einen Seite mit jenem fertig zu werden, was in unserer Bewegung den wirklichen Fortschritt hindert, und auf der anderen Seite auch ein wenig an das denken zu können, was zu tun nötig ist, damit unsere Bewegung nicht mehr durch äußere Hindernisse zu sehr gehemmt werde.

[ 57 ] Kritik, meine lieben Freunde, wird uns nichts schaden. Kritisieren kann man uns sachlich, so viel man will; das schadet nichts. Denn erstens wird es immer möglich sein, gegen die Kritik dasjenige zu sagen, was zu sagen ist, und zweitens spricht die Zeit mit. Mögen uns heute noch - meinetwegen wegen unseres Kesselhauses oder wegen des Johannesbaues - die Leute für Narren ansehen. Diejenigen, die uns nicht mehr für Narren anschauen werden, die werden schon nachkommen. Das kann abgewartet werden. So muß es mit all den Dingen gehen, die etwas Neues sind.

[ 58 ] Ganz etwas anderes ist es, wenn Verleumderisches, wenn Unwahres behauptet wird. Dann ist man vor die Notwendigkeit gestellt, immer fort und fort solche Verleumdungen, wenn man sie nicht einfach ignorieren will, richtigzustellen, worauf die Verleumder dann weiter antworten. Man kann da auch zu Prozessen kommen. Aber das alles muß man doch wirklich vornehmen, wenn es einen trifft, wenn einem dabei auch zumute ist, wie wenn man die Hände in schwarzem Wasser wäscht.

[ 59 ] Wenn wir wirklich diese Gesinnung, aber als tätige Gesinnung, pflegen könnten, nach diesen beiden Richtungen hin unsere Kräfte stärker zu machen, dann würden wir manches tun können, was bis jetzt nicht geschehen ist.

[ 60 ] Selbstverständlich ist das alles nicht so gemeint, daß da irgend jemanden ein persönlicher Vorwurf treffen sollte; aber, ich möchte sagen, das eine gilt für den einen, das andere für den anderen. Man muß es eben im allgemeinen sagen. Aber es liegt schon einmal dem, was angedeutet worden ist, ein Faktum zugrunde. Und Sie sehen es ja - und damit Sie es sehen, bin ich gezwungen gewesen, auch einiges Tatsächliche Ihnen vorzuführen, das zeigt, wie persönlich die Dinge genommen werden, die nur geistig genommen werden sollten.

[ 61 ] Und wirklich, meine lieben Freunde, es ist manchmal nicht anders möglich - nehmen Sie das nicht übel, wenn ich es ausspreche -, wenn jemand kommt mit seinen Klagen, sogar wenn er sagt, daß er schon alles weiß, was er in der Bewegung jemals empfangen hat oder noch empfangen wird, es ist wirklich zunächst nichts anderes möglich, als dem Betreffenden eine väterlich-freundliche Ermahnung, einen väterlich-freundlichen Trost zu geben, ihn als Kind zu behandeln. Und wenn man dann naiv genug war, zu glauben, das hat geholfen, und sehen muß, daß hinterher diese größenwahnsinnigen Dinge herauskommen, dann ... [Lücke im Stenogramm] großer Schaden innerhalb unserer Gesellschaft.

[ 62 ] Bei dem, was der Siegelbewahrer vorbrachte, handelte es sich wirklich niemals um etwas anderes, als das Zeug, das er vorbrachte, lächelnd zu verzeihen, wie man einem Kinde verzeiht. Nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich gesagt habe, was einfach nötig geworden ist. Aber der Ernst unserer Bewegung fordert es schon, daß Pathologisches nicht zum Zerstörer unserer Bewegung werde.

[ 63 ] Daher kann man sich nicht immer auf den Standpunkt stellen, dieses Pathologische einfach als solches zu nehmen, sondern wenn dieses Pathologische nach außen als Größenwahnsinn auftritt, dann muß man es auch Größenwahnsinn nennen. Da bleibt nichts anderes übrig. Damit ist nichts gegen die Person gemeint, sondern gegen dasjenige, was an der betreffenden Person zu tadeln ist. Schließlich wollen wir der Sache kein okkultes Mäntelchen umhängen, sondern die Tatsachen nehmen, so wie sie sind. Dazu sollen wir uns ganz besonders erziehen, dann werden wir, ohne durch einen Nebel zu sehen, sie in ihrer Wahrheit schauen.

[ 64 ] Meinetwillen sagen Sie nun, daß ich das, was ich jetzt sage, selber aus Eitelkeit sage. Daraus werde ich mir nichts machen, weil ich schon einmal dazu verurteilt bin, die Sache beim richtigen Namen zu nennen. Ich habe es ja auch schon erlebt - und nicht nur einmal, sondern vielfach -, daß Schüler gescheiter waren als ihre Lehrer und diese furchtbar abgekanzelt haben, daß er ihnen allerlei versprochen und nicht gehalten habe, so daß man sich nicht zu wundern braucht, daß es auch in unserer Gesellschaft vorkommt.

[ 65 ] So, meine lieben Freunde, habe ich Ihnen über einiges meine ganz unmaßgebliche Meinung gesagt, die für niemand verbindlich sein soll, die ich bitte so aufzunehmen, wie ich immer aufgenommen wissen will, was ich sage, und zu versuchen, ob es dann geht, dadurch vielleicht besser fortzukommen mit unserer Bewegung, wenn wirklich das Bestreben allgemein wird, diejenigen Dinge, die groß sind, groß zu nennen, und diejenigen, die klein sind, klein zu nennen, statt jede beliebige persönliche Eitelkeit in eine mystische Glorie umzubilden.

[ 66 ] Es ist ja gewiß die Verführung eine sehr große, wenn man nicht den ganzen Ernst unserer Bewegung einsieht, ihn wenigstens dadurch zu fingieren, daß man allerlei kleine Eitelkeiten des Lebens mit diesem Ernste ausstaffiert. Aber es darf eben doch nicht sein. Mit diesem Satze ist schließlich mehr gemeint, als das ist, wonach es aussieht. Das sind aber die Dinge, die ich nicht sagen wollte, sondern sagen mußte.

[ 67 ] Demjenigen, der die Schriftstücke, die ich in unserer Bewegung nicht vortragen kann, lesen könnte, würde es nicht einfallen, zu sagen, daß ich unbefugterweise Stellen aus Privatbriefen zur Sprache gebracht habe: In dem jetzigen Fall mußte das sein, weil diese Dinge mit den Grundfesten unseres Wirkens zusammenhängen.