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Probleme des Zusammenlebens in der Anthroposophischen Gesellschaft
Zur Dornacher Krise vom Sommer 1915
GA 253

12 September 1915, Dornach

3. Über Schwierigkeiten des Eindringens in die geistigen Welten am Beispiel Swedenborgs

[ 1 ] Meine lieben Freunde, heute möchte ich einiges ausführen über die Schwierigkeiten des Eindringens in die geistigen Welten und den Ausgangspunkt zu diesem Thema zunächst anhand eines Beipieles nehmen. Sie alle haben schon von dem Seher Swedenborg gehört. Ich habe selbst schon öfter auf ihn aufmerksam gemacht und betont, daß man solch eine Persönlichkeit wie Swedenborg nicht auf der einen Seite mit leichten Redensarten abtun kann, daß man aber auf der anderen Seite auch, wenn man wirklich eindringen will in die Beschaffenheit der Wege in die geistigen Welten, gerade am Beispiel eines solchen Sehers ersehen kann, wie sich der Mensch, trotzdem er in der geistigen Welt ist, doch noch allen möglichen Illusionen hingeben kann, weil er doch nicht durchdringt durch die Welt der Täuschung, wenn auch die geistige Welt in einer gewissen Weise für ihn offen ist.

[ 2 ] Swedenborg darf man, sagte ich, nicht leicht nehmen. Swedenborg war nicht ein Seher, der leichten Herzens, ohne viel vom Leben und der Welt zu kennen, sich der Sehergabe ergeben hat, sondern Swedenborg war ein tiefer, bedeutender Gelehrter, einer der größten, wenn nicht gar der größte seiner Zeit. Er umfaßte mit seiner Gelehrsamkeit alles dasjenige, was die damalige Wissenschaft dem Menschen geben konnte. Und ein großer Beweis für Swedenborgs gut begründete Wissenschaftlichkeit und für sein Erkenntnisstreben ist, daß nun nicht etwa für seine als Seher hinterlassenen Werke, sondern für seine rein wissenschaftlichen Werke, die noch nicht veröffentlicht sind, eine ganze Kommission von Gelehrten sich gebildet hat, um sie herauszugeben. Also wir haben es in Swedenborg mit einem Menschen zu tun, der in seiner vorseherischen Zeit, bevor ihm die Zugänge zur geistigen Welt eröffnet waren, so weit war, daß er die Summe seines Wissens - vielleicht gar nicht einmal die Summe, sondern nur ein Teil seines Wissens - in einer großen Anzahl von Manuskripten niederlegte, die heute nicht ein Gelehrter herausgeben kann, sondern wozu eine ganze Kommission von Gelehrten notwendig ist. Es handelt sich dabei also um die Schriften, die ganz ferne stehen allem Sehertum; denn erst als Swedenborg schon auf der Höhe weltlicher Wissenschaft stand, ging ihm der Sehersinn auf, erst dann waren für ihn die geistigen Welten offen geworden. So erscheint er uns als das Beispiel eines Mannes, der nicht aus dem gewöhnlichen vulgären Leben heraus sich eines Tages zum Seher ernennt, sondern der auf der Grundlage ernster und gewissenhafter Wissenschaftlichkeit zur Stufe des Sehers aufsteigt.

[ 3 ] Wenn wir aber auf der anderen Seite die ganze Natur der Seherseele Swedenborgs ins Auge fassen, dann finden wir, wie der Seher auf einer Stufe, die ihn doch nicht zu den letzten Erkenntnissen führt, stehenbleiben kann.

[ 4 ] Gerade an einer so hervorragenden Erkenntnis- und Seherpersönlichkeit ergibt sich ein gutes Beispiel, wie tief gewissenhaft vorgegangen werden muß, wenn vom Betreten der geistigen Welten und davon, daß dieses oder jenes aus den geistigen Welten herausgeholt wird, die Rede ist. Nicht genug kann man betonen, daß man es in Swedenborg auf der einen Seite mit einer überragend wissenschaftlichen Persönlichkeit zu tun hat und auf der anderen Seite mit einer Entwickelung des Sehertums, nachdem dieser Mann die Summe des Wissens seiner Zeit nicht nur umfaßt hat, sondern - wie sich schon herausgestellt hat und bei Herausgabe seines Nachlasses sich zweifellos noch mehr herausstellen wird - die Wissenschaft durch zahlreiche wissenschaftliche Entdeckungen bereichert hat. Er war ein wissenschaftlicher Entdecker allerersten Ranges vor seiner Seherzeit.

[ 5 ] Nun erzählt Swedenborg von den Ergebnissen seines Sehertums ja das Mannigfaltigste. Interessant ist es insbesondere, daß er dann, wenn er mit seiner Seele sich aufschwang, in die geistigen Welten hineinzuschauen, sich immer wie umgeben fühlte nicht nur von seiner eigenen Aura, sondern in diese eingebettet fühlte eine Anzahl geistiger Wesenheiten. Dies ist etwas ganz Charakteristisches, etwas ganz Bedeutsames. Wenn also in Swedenborg die Sehergabe erwachte, dann fühlte er sich sogleich nicht allein, sondern fühlte sich mit seiner Seele erweitert zur Aura und schaute darin - gewissermaßen aus seinen eigenen Organen heraus gehend - geistige elementarische Wesenheiten, die sich, während er schaut, unter sich beraten und sich auch mit ihm, mit seiner Seele beraten.

[ 6 ] So also ist er von Anfang an beraten von den geistigen Wesenheiten, die in jedem Menschen darinnen sind, die nur ihm, als sein Sehertum erwachte, vor das Bewußtsein traten. Zu diesen inneren Wesenheiten, die zu dem festen Bestande einer jeden menschlichen Wesenheit gehören, traten andere Wesenheiten, die er zumeist erkannte aus dem, was aus deren Beratung mit den aus ihm selber herausgekommenen elementarischen Wesenheiten hervorging; andere, gleichsam an ihn heranfliegende Wesenheiten erkannte er als Wesenheiten der äußeren elementarischen Welt, auch als Wesenheiten, die ihre Heimat auf anderen zur Erdensphäre gehörigen Planeten haben.

[ 7 ] Und so erkannte er denn einmal, indem er sich mit seinen eigenen elementarischen Wesenheiten beraten hatte, gewisse Wesenheiten in seiner Umgebung, die eine Eigentümlichkeit ihm zeigten. Er war bis dahin gewohnt, nicht nur die Sprache zu verstehen, welche diejenigen elementarischen Wesenheiten sprachen, die aus ihm selber kamen, sondern er war auch gewohnt, immer gleich zu verstehen - bis zu einem gewissen Punkte seiner Seherwahrnehmung - die anderen Wesenheiten, die von Venus, Merkur, Sonne und so weiter zu ihm kamen. Er war daran gewohnt, zu glauben, daß die Geister eine gemeinsame Sprache haben, die man versteht. Diese Sprache ist ja die Sprache der Idee, die Sprache des inneren Webens der lebendig gewordenen Ideen. Von diesen lebendig gewordenen Ideen habe ich Ihnen in den letzten Vorträgen erzählt. Diese Sprache zu verstehen, war Swedenborg gewohnt.

[ 8 ] Aus dieser Sprache heraus soll ja auch unsere Eurythmie gepflogen werden. Wenn der Mensch mit seiner Lautsprache spricht, so ist auf die Organe, die seinen Kehlkopf und dessen Anhangsorgane bilden, konzentriert dasjenige, was an Kraftsystemen existiert, um die Sprache auszutönen. Es ist gleichsam der ganze Mensch befreit von dem Mittun mit seiner Sprache. Dadurch wird das innere Gefüge der Sprache unbewußt und unterbewußt, wird zu etwas ganz Irdischem. Durch die Eurythmie soll der ganze Mensch wiederum an der Sprache beteiligt werden. Doch über diesen tieferen Sinn der Eurythmie ein anderesmal, meine lieben Freunde. Ich will jetzt nur darauf hinweisen, wie Swedenborg sich in der Lage fühlte, die Sprache der geistigen Wesenheiten zu verstehen, bis ihm zu einem gewissen Zeitpunkte auffiel, daß gewisse Geister an ihn herankamen, die zwar auch durch allerlei Gebärden - wie ja überhaupt Geister sprechen -, durch Bewegungen ihrer Glieder oder durch Bewegungen ihrer eigenen Form sprachen. Diese Gebärdensprache der Geister zu verstehen, war Swedenborg, wie gesagt, gewohnt. Aber es kamen einmal Geister an ihn heran, bei denen er wohl sah, daß sie gewisse Bewegungen machten, aber er konnte sie nicht verstehen; es drang keine Bedeutung, kein Sinn von diesen Bewegungen in seine Seele ein. Es war das für ihn überraschenderweise so, wie wenn wir einem Menschen gegenüberstünden und sehen würde, daß er die Lippen bewegt und spricht, wir aber nichts hören würden.

[ 9 ] Daraus hat Swedenborg zunächst für sich eine sehr bedeutsame Lehre gezogen. Er hat diese Lehre gezogen, nachdem er erkannt hatte, daß diese Wesen, die er also nicht verstand, gewisse Marsbewohner sind, daß es wirklich Marsbewohner gibt, die so sprechen können, daß man sie nicht versteht, während man gewohnt ist, die Sprache der geistigen Wesenheiten sonst zu verstehen - wie gesagt, ich rede von den Erlebnissen Swedenborgs. Und weil er diese Dinge nicht willkürlich sich auslegte, sondern studierte, wurde ihm nun nach und nach klar, warum er diese Marswesenheiten, diese Marsseelen nicht verstehen konnte. Er konnte sie aus dem Grunde nicht verstehen, weil sie zu einer Kategorie von Weltwesenheiten gehörten, welche die Gabe erlangt hatten, alle ihre Gefühle und Willensimpulse zu verbergen, nichts in die Worte ausfließen zu lassen von dem, was sie fühlten. Und daran, daß sie ihren ganzen Gemütsinhalt verbergen, bei sich behalten konnten, erkannte Swedenborg, daß, wenn man eine Sprache versteht, man nicht bloß die Worte hört und die Gebärden sieht, sondern daß etwas überfließt von dem Gemütsinhalt des Sprechenden, daß also das Verstehen einer Sprache eigentlich beruht auf dem Überfließen des Gemütsinhaltes. Und er erkannte, daß diese Marswesenheiten die Gabe erlangt hatten, ihre Gefühle zu verbergen und daher auch den Sinn ihres Sprechens nicht zu verraten, trotzdem sie sprachen.

[ 10 ] Nun machte er darauf gleich eine andere Erfahrung. Er hatte ein anderes Erlebnis, das ihm zu einer weiteren Erkenntnis wurde. Er drang nämlich durch zu der Erkenntnis, daß diese Marswesenheiten von den Wesen der Hierarchie der Angeloi aber nun doch verstanden wurden. Von ihm und auch von den aus seinem Leib herauskommenden Geistern wurden sie nicht verstanden, aber von den Wesenheiten aus der Kategorie der Angeloi wurden sie verstanden. Das bemerkte er, und das war für ihn eine außerordentlich bedeutsame, eine tiefgehende Erfahrung. Denn für ihn war es jetzt klar, daß er mit seiner Sehergabe in bezug auf die Wahrnehmung der geistigen Welt begrenzt ist, daß er etwas nicht verstehen kann, was aber die Wesenheiten aus der Hierarchie der Angeloi wohl verstehen können.

[ 11 ] Über eine solche Erzählung, wie sie da Swedenborg gibt, darf nicht hinweggelesen werden, sondern sie gehört zu dem, was wirklich im tiefsten Sinne einführen kann in gewisse Geheimnisse der geistigen Welten.

[ 12 ] Um den Zusammenhang zu verstehen, erinnern wir uns nun an so manches, was ich schon auseinandergesetzt habe. Ich habe Ihnen beschrieben, wie das reguläre Sehertum beginnt, wie bei dem regulären, bei dem guten Seher eine ganz andere Art im Verhältnisse des Sichstellens zur geistigen als wie zur physischen Welt eintreten müsse. Ich sagte, wenn wir auf dem physischen Plane den Wesen und Gegenständen draußen gegenüberstehen, so sind sie für unser Bewußtsein außer uns. Wir stehen den Gegenständen gegenüber und nehmen gleichsam in unserem Wahrnehmen etwas von den Gegenständen in uns herein. Unser Ich weiß von den Gegenständen, unser Ich stellt sich die Gegenstände vor. Und das ist ja das Grunderlebnis alles Erkennens und Wahrnehmens auf dem physischen Plan, daß ich die Gegenstände auf dem physischen Plan vorstelle, daß ich sie erkenne.

[ 13 ] Ich sagte, daß sich dieses Grunderlebnis ändert, sobald man in die geistigen Welten hinaufsteigt. Da tritt an die Stelle dieses Grunderlebnisses ein anderes Grunderlebnis: Da wird man selber Objekt. So wie die Gegenstände zu dem Ich gestanden haben, so steht jetzt das Ich zu den Wesenheiten der höheren Welten, man nimmt nicht mehr wahr, sondern man erlebt, daß man wahrgenommen wird, daß einen die geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien anschauen. Dieses Erlebnis: ich werde wahrgenommen, mich schauen die Angeloi, die Archangeloi und so weiter an - das ist eine vollständige Umkehrung in dem ganzen Verhältnis zur Welt. Und man erlangt dann das Bewußtsein: du hast dein Wesen ausgedehnt über die Sphäre der Hierarchien und die Hierarchien wirken in dir und schauen dich an, so wie du auf dem physischen Plan die Gegenstände anschaust.

[ 14 ] Ohne dieses Grunderlebnis ist alles Verhältnis zur geistigen Welt verkehrt, wie ohne das Grunderlebnis «ich stelle die Gegenstände vor» alles Verhältnis zur physischen Welt verkehrt wäre. «Ich schaue an» ist richtig für die physische Welt; «ich werde angeschaut» ist letzten Endes richtig für die geistige Welt.

[ 15 ] Nun gibt es an der Schwelle, beim Übertritt in die geistige Welt, gewissermaßen eine Region, eine Strömung, in der man die ganze Konfiguration, die ganze Eigentümlichkeit des Verhältnisses zur physischen Welt beibehält. Man kommt nicht los von dem «Ich schaue an», man kann nicht aufsteigen zu dem «Ich werde angeschaut». Aus einem gründlich in sich eingelebten Gewohnten verlangt man von der geistigen Welt, daß sie im Grunde genommen nur eine Kopie, ein verfeinerter Abdruck der physischen Welt sei. Und es gibt nicht wenige Menschen, die haben die Vorstellung: geradeso, wie sie hier in diesem Saale unter physischen Menschen stehen, so könnten sie auch eine Geisterversammlung betreten, und in dieser Geisterversammlung seien die Geister nun genau ebenso versammelt - nur etwas dünner, so daß man durch sie durchgreifen kann — wie auf dem physischen Plan die Menschen. Weil man die Gewohnheit des Wahrnehmens auf dem physischen Plan mitbringt in die geistige Welt, deshalb bleibt als eine Illusion, als eine Täuschung dieses Grunderlebnis vorhanden, «ich schaue die Weltwesen an», und deshalb kann man sich nicht aufschwingen zu dem anderen Grunderlebnis: «Ich werde von den Weltwesen angeschaut.»

[ 16 ] Nun, sehen Sie, in dieser Illusion blieb der Seher Swedenborg ganz und gar, solange er in dieser Inkarnation, von der die Rede ist, war. Er konnte sich nie aufschwingen zu dem Erlebnis: «Ich werde angeschaut.» - Lesen Sie nur alles das, was von Swedenborg als Seher herrührt, so werden Sie sehen, daß er die höheren Welten wirklich so beschreibt, als wenn sie nichts weiter wären als ein feiner Dunst von der physischen Welt, feine dunstartige Gestalten, die aber im übrigen ganz ähnlich sind der physischen Welt.

[ 17 ] Gewiß, damit beschreibt Swedenborg die Welt der Imagination in einer ganz zutreffenden Weise; aber beurteilen kann er sie nicht, weil er über die ganze geistige Welt eben den Schleier seiner Gewohnheiten von der physischen Welt her wirft. Und so kommt es, daß ihm alle Wesen der geistigen Welten nur dasjenige zeigen, was sie auch einkleiden können und wollen in die Form der Imaginationen, die man von den Anschauungen der physischen Welt mitbringt. Das heißt, Swedenborg sieht nur so viel von der geistigen Welt, als ihm in seine von den Gewohnheiten der physischen Welt angekränkelten Imaginationen eingekleidet wird. Gewiß sieht er darinnen hochgeistige, bedeutende geistige Wesenheiten, aber eben immer in dem Kleid, das nicht ihr eigenes ist, sondern ihnen übergeworfen wird von ihm selber. Kommt er aber in eine Region hinein, in der die Geister gerade anstreben, ihr Inneres zu verbergen, da kann er sie nicht mehr verstehen, da sind sie ihm rätselhaft, wie diese Marsbewohner, die gelernt haben, ihr Innenleben zu verbergen, es nicht überfließen zu lassen in ihre Sprachweise. Das ist es, was dem, was da Swedenborg sehr gewissenhaft schildert, zugrunde liegt und was man erkennen muß, um zu verstehen, welcher Art die Seherwelt Swedenborgs war.

[ 18 ] Es handelt sich also darum, daß derjenige, der wirklich eintreten will in die geistige Welt, suchen muß, sein eigenes Selbst mit den Dingen zunächst so zu identifizieren - es ist das ja schon in dem letzten Kapitel meiner «Theosophie» geschildert, da sind im Grunde genommen alle Angaben schon gemacht -, daß er sich angewöhnt, von sich loszukommen, indem er die höhere Welt betrachtet. Und wenn er sich das angewöhnt, wird er allmählich in das andere Erleben hineinkommen, das man sich allerdings nicht erwerben kann, nur den Weg dazu, denn dieses andere Erleben überkommt einen wie durch eine Gnade der geistigen Welt: «Du wirst jetzt von den geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien angeschaut, sie schauen dich an.» - Aber sie schauen einen dann nicht bloß an, sondern man wird ebenso zur Wahrnehmung, zur Vorstellung, zum Gedanken der Wesenheiten der höheren Welten so wie für uns die Gegenstände des physischen Planes.

[ 19 ] Hätte Swedenborg das gekonnt, sich daran zu gewöhnen, daß die Wesenheiten der höheren Hierarchien einen anschauen und vorstellen, dann hätte er nicht bloß erfahren: diese Marsbewohner verstehe ich nicht, aber oben die Angeloi verstehen sie. Er konnte nicht mit dem Wahrnehmen der Angeloi selber erkennen, sondern nur mit seinem Erkennen. Das muß man aber können. Man muß nicht bloß vorstellen, sondern man muß Vorstellung werden; man muß nicht bloß denken, sondern man muß Gedanke werden, ein Gedanke, den die Wesen der höheren Hierarchien denken. So wie der Gedanke sich zu uns verhält, so müssen wir uns zu den Wesen der höheren Hierarchien verhalten lernen. Das konnte Swedenborg nicht. Hätte er es gekonnt, so hätte er gesagt: Ja, solange ich in mir bleibe, solange kann ich diese Marsbewohner nicht verstehen; in dem Augenblick aber, wo ich außer mich gehe und ein Objekt, ein Gedanke, eine Idee der Angeloi werde, da verstehe ich in meinem erweiterten Selbst die Angeloi und die Kategorie der Marsbewohner. - Und dann wäre in seinem Bewußtsein das Verständnis aufgetreten, das die Angeloi von dem Wesen dieser Marsbewohner gehabt haben. Dazu konnte er sich nicht aufschwingen, weil er immer in seinem Bewußtsein drinnen blieb und nicht bis dahin kam, angeschaut zu werden, das heißt, so angeschaut zu werden, daß die Angeloi in ihm ihr Anschauen erleben und er nur das Blickfeld wird für die Angeloi. Was die Angeloi wissen, weiß er dann auch, denn man weiß, daß die höheren Geister, die Geister der höheren Hierarchien in einem wissen, und dadurch weiß man von den höheren Welten.

[ 20 ] Das ist das Bedeutsame, was man festhalten muß: Der Mensch kann in dieser Epoche der Entwickelung, weil er so organisiert ist, eben nur diejenigen Welten erkennen, die für seine Auffassungsorgane zugänglich sind. Will er weiter erkennen - lesen Sie alles, was über die Initiation von mir geschrieben ist, so werden Sie darauf kommen, daß alles schon darin enthalten ist —, will er weiter kommen, so muß er das Bewußtsein der über ihm stehenden geistigen Wesenheiten in sich aufnehmen, und das, was die geistigen Wesenheiten erleben, muß Gegenstand seines eigenen Bewußtseins werden. Er muß sich in dem Chor der geistigen Wesenheiten darinnen fühlen. Das ist das Wesentliche.

[ 21 ] So also sehen wir gerade an einer so bedeutsamen Persönlichkeit wie Swedenborg, daß das Aufsteigen in die geistigen Welten ohne das Durchdrungensein mit dem wirklichen Herausgehen aus dem Physischen-Plan-Bewußtsein zu Illusionen führt. Man bekommt nur eine illusionäre Welt. Und Sie können nun, meine lieben Freunde, die ganze vorliegende Literatur von Sehern durchgehen und deren Beschreibungen von der geistigen Welt lesen, so werden Sie zumeist lauter solche Illusionen lesen. Man darf sich nicht täuschen lassen von diesen Illusionen; denn sich täuschen lassen von den Illusionen an der Schwelle zur geistigen Welt ist viel schlimmer, als sich täuschen zu lassen von den Täuschungen der physischen Welt.

[ 22 ] Es handelt sich für uns also darum, die bei uns zur Verfügung stehende Literatur wirklich so zu benützen, daß wir uns allmählich angewöhnen, in vernünftiger Weise uns in das ganze Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt hineinzufinden. Dazu ist, ich möchte sagen, in einer doppelten Weise Gelegenheit geboten. Erstens dadurch, daß wir eine solche Literatur haben, zweitens dadurch, daß diese Literatur nicht gelesen werden kann, ohne daß man sich dabei geistig anstrengt. Dafür wird schon gesorgt, auch wenn mir oftmals nahegelegt worden ist, daß die Schriften populärer sein sollten. Ich habe mich immer dagegen gesträubt, weil es eben im wesentlichen dazu gehört zu dem, wie sie sein sollen, daß sie nicht populär sind. Wenn man dasjenige, was in unserer geisteswissenschaftlichen Literatur geboten wird, in allerlei verschwommene Formen gießen und diese dann - angeblich, weil sie viel populärer sind - unter das Publikum bringen will, so wird nur auf der einen Seite der Bequemlichkeit gedient und auf der anderen Seite Unfug getrieben. Denn es wird immer Unfug entstehen, wenn das Streben auftritt, auf eine leichte, gedankenlose Weise geistesträchtig zu werden. Die Arbeit, die wir verrichten, indem wir etwas Schwergeschriebenes verstehen lernen, ist eine innere Trainierung, ist etwas, was dazu beiträgt, daß wir in der richtigen Weise unser Verhältnis zur geistigen Welt ausgestalten. Und so gehört oder sollte zu dem Wesentlichen unserer Literatur das gehören, daß Sie wirklich in der umfassendsten Weise bei dem Aufnehmen der Sache denken, Ihre Gedanken in Tätigkeit versetzen; alles dasjenige, was Ihnen zur Verfügung steht aus Ihrer vorherigen Erkenntnis, aus Ihrer vorherigen Lektüre, in Verbindung bringen mit dem, was die anthroposophischen Schriften enthalten. Ich will Ihnen jetzt etwas vordenken, um Ihnen gewissermaßen ein Beispiel zu geben, wie man anhand anthroposophischer Schriften denkend diese Schriften studieren kann.

[ 23 ] Da gibt es einen Zyklus, in dem die Rede ist von der Wirkungsweise der Elohim. Dieser Zyklus wurde einmal in München gehalten über die Schöpfungsgeschichte, mit dem Hinweis auf die Bibel. Das ist etwa das Thema dieses Zyklus. Der Zyklus wird gelesen, und viele glauben, wenn sie ihn gelesen und nach ihrer Art intus haben, dann sei damit etwas besonderes getan. Aber darum allein kann es sich nicht handeln. Zuerst muß es sich selbstverständlich darum handeln, daß sich eine innere Seelenarbeit an einen solchen Zyklus anschließen muß. Und da kann zum Beispiel sich jemand sagen: Ja, also bei diesen Elohim - an deren Spitze dann dasjenige Wesen ist, das sich später umwandelt zu dem Christus selber -, da habe ich es zu tun mit einer Kategorie von Wesenheiten, die während desjenigen planetarischen Daseins, welches von uns als das Sonnendasein bezeichnet wird, etwas besonderes zu tun haben. Der Hauptnerv der Entwickelung dieser Wesenheiten fällt in die Zeit des Sonnendaseins. Und durch das Verbundensein dieser Wesenheiten mit dem Sonnendasein müssen wir ja auch Christus selber als eine Sonnenwesenheit ansprechen. Und man wird ja dann viel denken können darüber, wie die Elohim sonnenverwandt, richtig sonnenverwandt sind. Der ganze Tenor des Vortragszyklus wird Ihnen verraten, daß auf dieses Sonnenverwandte der Elohim immer Bezug genommen ist; man fühlt sozusagen dieses Sonnenverwandte darinnen.

[ 24 ] Jetzt wird man sich - nicht in den Tiefen des Schlafes, aber nach gründlicher Meditation - klarmachen, wie man sich eigentlich nun den Charakter der Elohim vorzustellen hat. Man wird sich hineinversenken in den Charakter der Elohim, und wenn man das wirklich geduldig tut, dann wird man erleben, daß nach einiger Zeit, ganz wie aus dem Unbestimmten heraus, ein Gedanke an einen herantritt. Es fällt einem etwas ein. Ach, fällt einem zum Beispiel ein - es ist nur ein Beispiel -, in der Bibel wird ja gesagt, daß ein Gebot des Jahve, also einer der Elohim, ist: nicht zu essen von dem Baum der Erkenntnis, und daß, als die luziferische Verführung stattgefunden hatte und gegessen worden war von dem Baum der Erkenntnis, der Mensch verhindert wurde, zu essen auch von dem Baum des Lebens. - Merkwürdig, die Elohim sprechen also von Bäumen!

[ 25 ] Nun habe ich schon öfter gesagt, die Sprache einer solchen Urkunde wie der Bibel soll man nicht leicht nehmen. Wenn da von Bäumen gesprochen wird, wenn die Elohim von Bäumen sprechen, so bedeutet das etwas, so ist damit etwas Wesentliches gemeint. Sehen Sie, schon von Homer wird gesagt, daß er den Ausspruch tat, jedes Ding habe zweierlei Namen: den einen in der Sprache der Götter, den andern in der Sprache der gewöhnlichen Menschen. Wenn man sich daran erinnert, dann kann man sich sagen: Ja, vielleicht hängt das doch etwas zusammen mit der Göttersprache, daß die Götter von Bäumen sprechen. Wenn man nun etwas weiter eindringt in die Sache, so wird man sich fragen: Ja, von was reden eigentlich die Elohim, wenn sie von dem Baum der Erkenntnis und von dem Baum des Lebens sprechen? Von was reden sie eigentlich? Was meinen sie damit?

[ 26 ] Meine lieben Freunde, wenn Sie unsere ganze Lehre zusammennehmen, werden Sie sich sagen können: Dieser Baum des Lebens und dieser Baum der Erkenntnis muß mit dem Menschenwesen selbst etwas zu tun haben. Das Verbot, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, das heißt ja - das werden Sie zuletzt herausbekommen -, daß die Seele des Menschen nicht Erkenntnis suchen soll, die am physischen Leib haftet; daraus ist ja die jetzige sinnliche Anschauung entstanden. «Essen von dem Baum der Erkenntnis» heißt, eben so sich verbinden mit dem physischen Leib, daß dadurch die jetzige - und ich habe sie ja neulich geschildert - von Luzifer bewirkte Art von Erkenntnis entstanden ist. Also meinten die Elohim etwas am Menschenwesen selber, indem sie vom Baum der Erkenntnis sprachen.

[ 27 ] Und wiederum müssen sie etwas am Menschenwesen selber meinen, wenn sie vom Baum des Lebens sprechen. Da muß man sich fragen: Ja, wodurch sieht denn der Mensch so, wie er heute sieht? Wodurch nimmt er denn so wahr? Indem sein Geistig-Seelisches, durchtränkt von Luzifers Wesenheit, eingebettet ist in den physischen Leib und an diesem zehrt. Dies war nicht von vornherein bestimmt, daß die Seele so wie jetzt eingebettet ist in den physischen Leib. Dieser physische Leib ist der Baum der Erkenntnis, und der Baum des Lebens ist der Ätherleib. Die Menschen sollten, nachdem sie sich von Luzifer haben verführen lassen, ihren physischen Leib zu der uns gewohnten Erkenntnis benützen, nun wenigstens nicht auch noch dazu haben die Erkenntnis durch den Ätherleib. Es wird ihnen dies verwehrt.

[ 28 ] Wenn man wirklich denkt, meine lieben Freunde, so kann man zu solchen Gedankengängen kommen. Und dann muß man sich fragen: Warum aber nennen denn nun die Götter in ihrer Sprache den physischen Leib den Baum der Erkenntnis? Warum sprechen sie von einem Baum? Und warum nennen sie denn den Ätherleib den Baum des Lebens? Warum sprechen sie denn von Bäumen?

[ 29 ] Nun, man kann leicht begreifen, was in der Sprache der Götter gemeint ist, wenn man bedenkt, daß die Götter, von denen die Rede ist, ihre besondere Evolution während der Sonnenzeit hatten, also gerade vom Sonnenwesen etwas Wesentliches aufgenommen haben. Nun überlegen Sie sich einmal: alte Saturnzeit - alles steht auf dem Standpunkt des Mineralischen; alte Sonnenzeit - alles steht auf der Stufe des Pflanzlichen. Wenn die Götter, die wir die Elohim nennen, sich den Charakter ihrer Sprache also während der Sonnenzeit angeeignet haben, so werden sie, wenn sie sich aussprechen, nicht von dem sprechen, was man erst auf dem Mond und auf der Erde erleben kann, sondern von dem, wozu sich der Kosmos bis zur Sonnenzeit entwickelt hat, nämlich dem Pflanzenhaften. Deshalb sprechen sie, wenn sie in ihrer Sprache sprechen, von Bäumen, weil sie in der Sonnensprache sprechen.

[ 30 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, zu solchem kann man kommen, wenn man nichts anderes tut als das, was in den Zyklen und Büchern gegeben ist, in der richtigen Weise zu durchdenken; wenn man nicht bloß liest und liest und liest und das Gelesene dann kombiniert, sondern wenn man weiterdenkt und die Dinge, wie sie sich durch ihre eigene Natur verraten, zusammenbringt. Aber indem man das tut, tut man noch etwas: Man strengt sich wirklich an, und diese Anstrengung hat einen Erfolg, nämlich den Erfolg, daß die Seele selbständig gemacht wird, daß man wirklich jetzt durch eigene innere Anstrengung den Weg findet, die Seele selbständig zu machen. Aber Arbeit, wirkliche richtige Arbeit ist dazu erforderlich. Und immer wieder muß es betont werden: Nicht bloß im passiven Sichhingeben, sondern im wirklich tätigen Erarbeiten aus den eigenen Seelenkräften heraus löst man die geistige Welt von der physischen los.

[ 31 ] Also das tätige Sicherarbeiten der geistigen Welt ist es, worauf es ankommt. Man darf sich eben nicht scheuen, wenn man wirklich in die.geistige Welt hineinkommen will, das, was vorliegt, durchzuarbeiten und mit allem, was man vom Leben her hat, in Zusammenhang zu bringen. Sonst könnte ja wirklich eine solche Torheit geschehen, daß irgend jemand die Meinung hätte, er wäre der wiederverkörperte Homer, aber er brauchte nichts zu tun, um zu zeigen, daß etwas von Homers Genie in ihm sprudelt; sondern er könnte wirklich die Meinung haben, na, damals hat Homer gewacht, und jetzt entwickelt er eine Inkarnation, wo er sich hübsch aufs Faulbett des mystischen Schlafens legt. - Wenn man versucht, aktiv, tätig sich durchzuarbeiten durch das, was vorliegt, dann wird man nicht, ich möchte sagen, auf allerlei mystisches Allotria geführt werden, sondern man wird zu jenem Punkt geführt, von dem aus man ein richtiges Verhältnis gewinnt, wie die Wahrheit in der geistigen Welt für den Menschen in tieferem Sinne gemeint ist. Und dann wird man sehen, daß man so stark als möglich sich bestreben muß, die Gewohnheiten, die Denk-, Gefühls- und Empfindungsgewohnheiten des physischen Planes nicht mit den Eigentümlichkeiten der geistigen Welt zu vermischen.

[ 32 ] Diese Gesinnung ist es, um die es sich handelt. Und diese Gesinnung, wenn wir sie wirklich haben, meine lieben Freunde, sie bringt uns los von allem Unfugtreiben gegenüber dem Eindringen in die geistige Welt. Nicht wahr, anstrengen braucht man sich nicht sonderlich, wenn man eine Woche Salz ißt, um hinunterzusteigen in die unterirdischen Welten, und eine andere Woche kein Salz ißt, um hinaufzusteigen in die höheren elementarischen Welten. Dazu braucht man keine Anstrengung; aber man erlangt auch nichts dadurch, als höchstens die allerschlimmsten Illusionen. Erlangen kann man in der geistigen Welt nur wirklich etwas durch innere Arbeit. Und innere Arbeit, wenn sie wirklich vorhanden ist, ist schon durch sich selbst so beschaffen, daß sie einen nicht dazu verleitet, Unfug zu treiben gegenüber der geistigen Welt, sondern sie bringt einen auf richtige Gedanken. Sonst aber kommen wirklich die mystischen und verkehrten Gedanken, und man kann mit Recht über uns lachen.

[ 33 ] Einmal schrieb mir zum Beispiel ein Mann, der eben auf diesem Gebiete gesund dachte, daß er als Mitglied einen unserer Zweige besucht habe, und da hätte man, trotzdem es furchtbar heiß war und keine Veranlassung war, alle Fenster zuzuschließen, die Fenster zugemacht. Nun, ich sage nichts gegen das Fenster-Zumachen, besonders wenn draußen alles mögliche gehört werden kann; das wäre ja ein vernünftiger Grund, nicht wahr. Aber man hat ihm diesen Grund nicht gesagt, sondern man hat gesagt: Ja, der Dr. Steiner hat uns ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn in unserem Zweig vorgetragen wird, man die Fenster zumachen muß, damit nicht die Dämonen hereinkommen können. - Dazu schrieb mir dieser Mann, der in diesem Falle mystisch unverbildet war: Ja, aber können denn Geister nicht auch durch zugemachte Fenster herein? Das muß ein sonderbarer Lehrer der Geisteswissenschaft sein, der seinen Schülern sagt, man muß die Fenster zumachen, damit die Dämonen nicht hereinkommen! - Sie sehen, wie in einem solchen gedankenlosen Reden wirklich die Verwechslung des physischen Planes mit der höheren Welt vorliegt. Auf dem physischen Plan können allerdings nicht die Wesen durch die zugemachten Fenster herein, wenn sie sie nicht einschlagen; aber die Geister wird man schwerlich abhalten dadurch, daß man die Fenster schließt! Es handelt sich wirklich darum, daß man sich genügend ernste Vorstellungen über die geistigen Welten und physischen Welten macht.

[ 34 ] Und ein solches Beispiel wie das von dem gewissenhaften, energischen, in seiner Art großartigen Seher Swedenborg kann uns, wenn wir über die Sache nachdenken, manche Vorstellungen, die wir haben und die grundirrtümlich sind, verbessern.

[ 35 ] Davon morgen eben weiter.