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The Rudolf Steiner Archive

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Die okkulte Bewegung
im 19. Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
GA 254

19 Oktober 1915, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Wenn Sie noch einmal eine Art Gemütsrückblick — womit ich mehr einen zusammenfassenden Rückblick meine, ohne auf die Einzelheiten einzugehen -, wenn Sie also eine Art Gemütsrückblick tun auf das, was ich mir erlaubte, in den letzten Vorträgen und Betrachtungen hier vor Ihnen auseinanderzusetzen, so werden Sie sehen, daß der Gang der Entwickelung, den die geisteswissenschaftliche Weltanschauungsströmung nehmen mußte, demjenigen, der sich dieser geisteswissenschaftlichen Weltanschauung gegenüber verantwortlich fühlt, bestimmte Verantwortungen, starke Verantwortungen auferlegt. Denn Sie haben gerade aus den Betrachtungen der letzten Zeit wohl entnehmen können, daß starke Schwierigkeiten für den Menschen erwachsen — eine andere Art von Schwierigkeiten als man sie sonst im Leben hat —, um sich auszukennen und einen richtigen, geraden Gang zu gehen.

[ 2 ] Nicht wahr, im Leben des physischen Planes sind wir in vieler Beziehung geschützt vor Abirrungen nach der einen oder anderen Richtung. Ich habe ja auf diesen Schutz schon vor vielen Jahren aufmerksam gemacht, als ich einige Schilderungen gab über das Problem des Hüters der Schwelle, die dann im Laufe der Zeit ergänzt worden sind. Schon in den alten Aufsätzen, die dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» einverleibt worden sind, kann man sehen, wie der Mensch auf dem physischen Plane geschützt ist vor einem zu leichten Abirren nach der einen oder anderen Seite in intellektueller und moralischer Beziehung. Nicht wahr, wir kommen ins Leben so herein, daß uns im Laufe unserer Kindheit gewissermaßen Richtkräfte mitgegeben werden fürs Leben. Wir wissen genau: zu unserer freien Betätigung der Urteilskraft erwachen wir im Grunde genommen erst später im Leben.

[ 3 ] Beobachten Sie einmal das Kind und vergleichen Sie sein Seelenleben mit dem des Erwachsenen. Dann werden Sie sehen, wie Sie in einer gewissen Beziehung doch eine Nuancierung in dem Unterschiede zwischen dem Kindesleben und dem Leben des Erwachsenen annehmen dürfen, indem Sie sich sagen können: der Mensch wächst aus einem gewissen Dämmerleben, das er während seiner Kindheit führt, in späteren Jahren zu der freien Betätigung seiner Urteilsfähigkeit heran. Es handelt sich wirklich darum, daß man diese Lebensnuance gut ins Auge faßt.

[ 4 ] Wenn man zu sehr am Kinde den ganzen Verlauf des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tode betrachtet, so wird man vielleicht diese Metamorphose des inneren Seelenlebens zu wenig beachten. Aber es ist wichtig, daß man sich auf sie einläßt, weil in der Zeit, in der unsere Urteilskraft noch nicht völlig erwacht ist, gerade dasjenige an uns herankommen kann, was uns dann leitet und lenkt im späteren Leben. Wir müssen gewissermaßen für die freie eigene Urteilskraft umdämmert sein in den ersten Lebensjahren, damit gewisse Richtkräfte in unseren Intellekt, in unsere moralischen Impulse hineinkommen, damit wir nicht allzufrüh die Kräfte kristallisieren, die uns mitgegeben werden fürs Leben, die einverseelt werden unserem Wesen - ich will nicht sagen einverleibt. Dadurch haben wir etwas für das ganze Leben, dadurch richten wir uns wirklich im ganzen Leben nach solchen uns einverseelten intellektuellen und moralischen Impulsen.

[ 5 ] In einer gewissen Weise werden wir, wenn wir nun heranrücken an die Begriffe der geistigen Welten, freier gemacht. Es war oftmals die Rede davon und es muß oftmals die Rede davon sein, daß auch dieses Eintreten in die geistigen Welten wiederum eine Art Erwachen ist aus dem gewöhnlichen Lebenszustande, aus den gewöhnlichen Lebensverhältnissen heraus; also wiederum eine solche ähnliche Nuance in den Lebensmetamorphosen, wie die von der Kindheit zu der Urteilsfähigkeit des Lebens.

[ 6 ] Dadurch aber sind wir in der Tat sehr leicht in die Lage versetzt, wenn wir so begriffsmäßig, wie es sein soll, die geisteswissenschaftliche Weltanschauung aufnehmen, die feste Richtung des Lebens, die wir vorher gehabt haben, ins Wanken geraten zu sehen. Es handelt sich deshalb darum, gerade den ganzen Menschen, der uns einverpflanzt ist, zusammenzunehmen, wenn wir in das Begreifen der geistigen Welten eintreten, weil wir dieses durch die Kindheit uns einverpflanzte, einverseelte Lebenskapital um so notwendiger brauchen, wenn wir an diejenigen Dinge herantreten, die uns aus der Welt jenseits der Schwelle des Lebens geoffenbart werden sollen. Und ich zeigte Ihnen, wie leicht es ist, unter selbstverständlichen Einflüssen der verschiedenen Zeitströmungen da oder dorthin abzuirren. Denn solch ein Abirren, wie es zum Beispiel in Sirnetts «Esoterischem Buddhismus» der Fall ist, kommt dadurch zustande, daß der starke Impuls des Materialismus auf die Seelen der Menschen wirken kann, ich sage: wirken kann.

[ 7 ] Ebenso aber, wie dadurch, weil orientalisierende Einflüsse da waren, ein Abirren möglich war nach der Richtung, die ganze Natur des heutigen Mondes eigentlich zu verleugnen, zu verleumden, ebenso können wir auf der anderen Seite abirren, die Möglichkeit eines Abirrens sehen dadurch, daß gewisse Menschen ein Interesse haben, die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben nicht herauskommen zu lassen. Derjenige — und das ist in diesem Falle nicht Herr Sinnett, sondern derjenige, der hinter ihm gestanden hat -, der ein Interesse daran hat, das menschliche Erdenleben so zu gestalten, daß der Materialismus gleichsam noch übermaterialisiert wird, bringt so etwas, wie die Lehre vom Monde, in ein sonst wahres System hinein und lenkt dadurch das wahre System nach einer bestimmten Richtung ab.

[ 8 ] Nun wissen wir ja, daß die abendländische Kultur mit ihrem amerikanischen Nachwuchse seit den letzten Jahrhunderten unter einem starken Impulse des Christentums steht. Ich habe mich selber bemüht zu zeigen, daß mit Christentum nicht nur gemeint sein kann, wie man das Christentum heute begreifen kann. Begreifen wird man vieles erst in der Zukunft, und wir fangen selber ja erst an, manches von dem Mysterium von Golgatha zu begreifen. Aber die Impulse des Christentums sind reale Impulse, sie wirken auch dann, wenn sie die Menschen noch nicht verstehen. Nur mußten sie in den verflossenen Jahrhunderten so wirken, daß ausgeschlossen wurde ein Teil der allgemeinen Weltenwahrheiten, der ganz gut mit dem Christentum verträglich ist. Aber die Einsicht reichte nicht aus, um klar zu begreifen, daß er damit verträglich ist. Es wurde das, was sich auf die wiederholten Erdenleben bezieht, ausgeschlossen aus dem Christentum. Und so ist eine abendländische Kultur und ein amerikanischer Nachwuchs entstanden, mit einem Christentum, das gewisse Bestandteile wie dieLehre von den wiederholten Erdenleben ausgeschlossen hat.

[ 9 ] Nun habe ich gezeigt, wie gewisse Okkultisten sich bemüht haben, ihrerseits dieses fortzuführen, wie sie einseitig alles aufbringen wollten, um diese nun einmal hergebrachte Anschauung von den christlichen Impulsen zu retten: diese Anschauung, die ausgeschlossen hat die Wahrheit von den wiederholten Erdenleben. Ich habe auf gewisse okkultistische Richtungen, die zum Beispiel in Beziehung zur Hochkirche stehen, hingewiesen. Das waren durchaus wissende Leute, um die es sich da gehandelt hat. Ja, man kann sagen, daß sie okkultistisch viel besser geschult waren als die führenden Leute der Theosophischen Gesellschaft. Aber ihnen lag alles daran, die Lehre von den wiederholten Erdenleben weiter zu eliminieren; und das hängt zusammen damit, daß sie ableugneten, daß der Mensch — so wie ich es in der «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt habe - im Laufe seiner Erdenentwickelung doch ein Verhältnis mit den anderen Planeten unseres Sonnensystems eingeht.

[ 10 ] Diejenigen Kräfte, welche da in die Menschenseele verpflanzt werden, haben es hauptsächlich zu tun mit des Menschen Anteil am außerirdischen Kosmos; und über diesen Anteil der Menschenseele am außerirdischen Kosmos möchte man von dieser Seite her gerade die Menschen im unklaren lassen. Man möchte sie ablenken von dem Bewußtsein, daß die Seele nicht nur mit den irdischen Wesen und den irdischen Ereignissen einen Zusammenhang hat, sondern auch mit dem, was im Kosmos draußen ist, was uns zum Beispiel entgegenleuchter von den anderen Planeten unseres Sonnensystems.

[ 11 ] Hauptsächlich haben die Impulse, welche von den anderen Planeten unseres Sonnensystems ausgehen, indem sie auf den Menschen wirken, die Gewalt, die Seele als lebendige Seele dem physischen Tode zu entreißen. Damit haben sie es vorzugsweise zu tun, wie Sie es aus den Schilderungen über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ersehen können, die ich in den verschiedenen Zusammenhängen und von verschiedenen Gesichtspunkten aus gegeben habe.

[ 12 ] Wenn Sie aber zurückgehen in der Menschheitsentwickelung, dann werden Sie sehen, daß gerade in den Zeiten, in denen noch atavistische Erkenntnisse, hellseherische Erkenntnisse wie ein Erbteil aus alten Zeiten vorhanden waren, die Menschen ihren Blick nach den anderen Sternen unseres Sonnensystems hinlenkten; und dasjenige, was für unsere Zeit eine so fragwürdige Wissenschaft geworden ist, die Astrologie, spielte eine ungeheuer große Rolle in den alten Zeiten.

[ 13 ] Warum, so können wir uns fragen, hat die Astrologie aufgehört, diese Rolle zu spielen? Weil, um dem Christentum Zeit zu geben, sich in das Erdentum hineinzuleben, der Blick der Seelen abgelenkt werden mußte. So wie von der imaginativen Welt der Hellseherblick abgelenkt werden mußte, so mußte abgelenkt werden der Blick von den Impulsen, die von den Planeten unseres Sonnensystems ausgehen. Was von der Astrologie geblieben ist, das sind alles alte Traditionen. Ich habe mich darüber öfter ausgesprochen. Gewissermaßen können wir sagen: das alte Hellsehen und auch der alte Blick und das Wissen von den Impulsen, die von den Planeten unseres Sonnensystems ausgehen, das alles wurde eingeschränkt. Der Mensch wurde zurückverwiesen auf unsere bloß wahrnehmbare Welt, auf seine Sinne, mit denen er nur das sehen sollte, was auf der Erde vorgeht, damit stark werden konnten die Impulse vom Mysterium von Golgatha, damit sie versenkt werden konnten in die Seelen, in die Gefühle der Gläubigen, damit die Menschen sich verinnerlichen konnten.

[ 14 ] Denn das Hellsehen war in alten Zeiten doch eine äußerliche Fähigkeit. Man brauchte es nicht zu erwerben, man hatte es als Erbgut. Wie man heute Augen und Ohren hat, so hatte man damals das Hellsehen. Es kommen aber die Zeiten heran, in denen man es immer mehr und mehr wieder erwerben wird. Dazu mußte man einmal abgeschlossen werden von der geistigen Welt und beschränkt werden auf die äußere mineralische Welt, damit von innen heraus alles wieder aufgebaut werden kann. So muß von innen heraus aufgebaut werden das, was man früher von außen herein gesehen hat. Ich will es Ihnen einmal schematisch andeuten.

[ 15 ] Stellen Sie sich einen Menschen vor mit dem alten hellseherischen Blick. Der richtete seinen Blick — ich will das Auge als Repräsentant für den hellseherischen Blick setzen, obgleich der hellseherische Blick nicht an das Auge gebunden ist — hinaus in die Sternensphäre und sah in dieser die verschiedenen geistigen Impulse, die von ihr herkommen (siehe Zeichnung).

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[ 16 ] Dann im Verlaufe der Zeiten erlosch dieses Hellsehen, und des Menschen Blick wurde auf das irdische Leben beschränkt. An die Stelle des früheren Hellsehens mußte etwas anderes treten. Was dahin treten mußte, könnten wir jetzt so zeichnen. Wir könnten sagen: Das, was früher von außen nach innen herangekommen war, das mußte jetzt von innen nach außen gehen. Der Mensch mußte gleichsam das, was der Himmel in ihn verpflanzt hatte, wiederum lernen hinauszuprojizieren, damit er seinen Zusammenhang wiederfindet mit den Him melserscheinungen.

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[ 17 ] Gerade der umgekehrte Weg mußte gemacht werden. Es ist wirklich so, daß die menschliche Natur gerade jetzt in diesem Zeitpunkte in einer Umorganisation begriffen ist. Sie ist durchgegangen, ich möchte sagen, durch den Punkt der äußersten Verfinsterung, und einer der Ausdrücke dafür ist das, was ich die Hochflut des Materialismus im 19. Jahrhundert genannt habe. Aber es bereitet sich für die Menschheit schon wieder ein Hinausleben vor. Wenn wir das okkultistisch charakterisieren wollen, so können wir sagen: die Menschen haben früher nicht nur wahrgenommen und gedacht mit ihrem physischen Leibe, sondern sie haben wahrgenommen und gedacht mit ihrem Ätherleibe. Das im Atherleibe Wahrgenommene wurde im astralischen Leibe als Astrologie bewußt; heute, in der Astronomie, wird alles errechnet. Jetzt muß der Ätherleib wieder belebt werden, und das hängt zusammen mit dem ätherischen Wiedererscheinen des Christus. Indem die Atherleiber wieder belebt werden, schauen sie den Christus. Aber Sie sehen: eine Belebung, eine Vitalisierung des Ätherleibes muß stattfinden.

[ 18 ] Man kann da ganz merkwürdige Entdeckungen machen, wenn man auf die Dinge wirklich eingeht. Es ist das ganze Gefühl dafür verschwunden, daß der Mensch einen Ätherleib hat; dagegen ist das Gefühl aufgetaucht, als wenn der Mensch nur einen physischen Leib hätte. Aber Sie stellten sich etwas ganz Falsches vor, wenn Sie glauben würden, diese Meinung, daß der Mensch bloß einen physischen Leib habe, sei wirklich so sehr alt. Sie ist gar nicht so alt. Wenn wirklich dieses Beschränken auf den physischen Leib durch die Hochflut des Materialismus des 19. Jahrhunderts bewirkt worden ist, dann, könnten Sie sagen, müssen die Menschen vorher doch noch etwas geahnt haben von dem Atherleibe, der da untertauchte, und der jetzt wieder auftaucht. Nun, Beweise dafür, daß die Leute wirklich etwas gewußt haben von dem Ätherleibe, ein Wissen hatten, das da war und jetzt allmählich unberücksichtigt gelassen wurde, könnte ich Ihnen viele geben. Ich könnte Ihnen viele Stellen bringen aus älteren Werken. Ich will Ihnen aber nur eine Stelle vorlesen aus einem im Jahre 1827 erschienenen Buche. Darin finden Sie auf Seite 208 eine merkwürdige Stelle. Ich werde sie recht langsam vorlesen, damit Sie während des Vorlesens darauf achten können, wie anders man heute über diese Dinge schreibt, unter dem Einflusse der ganz materialistisch gewordenen Weltanschauung.

[ 19 ] «Man verbindet fälschlich mit der bloßen Aufnahme von Speise und Trank und deren Verarbeitung in den Dauungsorganen den Begriff der Ernährung. Nicht von Speise und Trank, sondern vom Blute wird der Organismus ernährt und das organische Leben unterhalten, und zwar auch vom Blute (dem neutralisierten irdischen und ätherischen Lebensprinzip)» — also er zeigt, daß er nicht vom physischen Blute spricht, sondern von dem, was dem Blute als ätherisches Lebensprinzip zugrunde liegt — «nicht eher, als bis es in den plastischen Häuten zum belebenden und bildenden Hauch (Aura vitalis) gesteigert und gleichsam sublimiert ist.»

[ 20 ] Was will der Mann damit sagen? Die äußere Ernährung, das ist eigentlich nicht die Haupterscheinung, sondern das, worauf es ankommt, ist, daß, während die äußere Ernährung sich vollzieht, die Speisen gewisse Extrakte von sich ins Blut senden, so daß ein Prozeß vorgeht in dem, was als ätherisiertes Lebensprinzip dem Blute zugrunde liegt. Im Jahre 1827 schreibt man das. Der Schreiber hat sogar eine Klammer gemacht da, wo er sagt: «... bis es in den plastischen Häuten zum belebenden und bildenden Hauch (Aura vitalis) gesteigert und gleichsam sublimiert ist.» Dieses «plastisch» ist dasselbe Wort wie «imaginativ». Ich könnte ebensogut lesen: «... als bis es in den imaginativ bildsamen Häuten zum belebenden und bildenden Hauch (Aura vitalis) gesteigert und gleichsam sublimiert ist.» In Klammern steht: «Aura vitalis.» Das können Sie nicht anders übersetzen, als: Atherleib.

[ 21 ] Der Mann, der das geschrieben hat, war Professor der psychischen Heilkunde auf der Universität zu Leipzig und Arzt am St.Georgenhause daselbst. Es ist Dr. Johann Christian August Heinroth, von dem ich im Zusammenhange mit Goethe einmal gesprochen habe.

[ 22 ] Sie werden daraus ahnen können - und solch ein Beispiel könnte man nach Hunderten vermehren -, wie ganz anders der Ton war, wie in die materialistische Weltanschauung hinein versunken ist das Wissen, das vor gar nicht zu langer Zeit noch vorhanden war. Man kann sagen, es war ein Strom von Wissen da. Man könnte es schematisch so aufzeichnen:

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[ 23 ] Der Strom versickert da, und die materialistische Weltanschauung kommt herauf. Aber unter der Strömung, sozusagen als Unterströmung entwickelt sich in der Menschennatur das, was ich gesagt habe: von innen heraus baut sich wiederum der Zusammenhang mit dem Kosmos auf. Sie können jetzt wieder sagen: Beweise uns, daß es Menschen gegeben hat, die etwas davon ahnten, daß, während auf der einen Seite das Wissen von der alten Bedeutung des Ätherleibes, der von außen die Eindrücke bekam, versickert, es auf der anderen Seite vielleicht doch schon Menschen gegeben hat, welche gewußt haben, daß von innen heraus der Ätherleib sich wieder vitalisierte.

[ 24 ] Da will ich Ihnen eine Stelle vorlesen aus einem Buche, das allerdings noch früher erschienen ist, und aus dem Sie ersehen können, daß es schon Leute gegeben hat, die darauf aufmerksam machten, wie die Menschheitsorganisation sich in der Zukunft ändern wird. Allerdings ist die Sache sehr verhüllt erzählt, aber sie ist immerhin erzählt. Es wird in diesem Buche von einer Frauengestalt erzählt. Die meisten von Ihnen werden wissen, wenn ich die Stelle vorlese, woraus sie ist.

[ 25 ] Diese Frau befindet sich zu unserem Sonnensystem — so wird gesagt - «in einem Verhältnis, welches man auszusprechen kaum wagen darf. In dem Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben: sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und nach den äußeren Regionen hinkreisend.» Also es wird hier erzählt, daß es eine Seele im Frauenkörper gibt, die nicht mehr mit dem Erdenleben, sondern mit dem Sonnenleben geht, daß sie im Laufe des Lebens immer größere Kreise zieht, ja, daß man annehmen kann, daß die Wesen, insofern sie körperlich sind, nach dem Zentrum, und insofern sie geistig sind, nach der Peripherie streben. Es wird also eine Seele beschrieben, die mit dem Kosmos lebt:

[ 26 ] «Makarie befindet sich zu unserm Sonnensystem in einem Verhältnis, welches man auszusprechen kaum wagen darf. In dem Geiste, der Seele, der Einbildungskraft hegt sie, schaut sie es nicht nur, sondern sie macht gleichsam einen Teil desselben: sie sieht sich in jenen himmlischen Kreisen mit fortgezogen, aber auf eine ganz eigene Art; sie wandelt seit ihrer Kindheit um die Sonne, und zwar, wie nun entdeckt ist, in einer Spirale, sich immer mehr vom Mittelpunkt entfernend und nach den äußeren Regionen hinkreisend.

[ 27 ] Wenn man annehmen darf, daß die Wesen, insofern sie körperlich sind, nach dem Zentrum, insofern sie geistig sind, nach der Peripherie streben, so gehört unsere Freundin zu den geistigsten; sie scheint nur geboren, um sich von dem Irdischen zu entbinden, um die nächsten und fernsten Räume des Daseins zu durchdringen. Diese Eigenschaft, so herrlich sie ist, ward ihr doch seit den frühesten Jahren als eine schwere Aufgabe verliehen. Sie erinnert sich von klein auf ihres innern Selbst als von leuchtenden Wesen durchdrungen, von einem Licht erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte.» — Sie trägt in sich also Lichtquellen, und das äußere Licht kann ihr nichts anhaben. — «Oft sah sie zwei Sonnen, eine innere nämlich, und eine außen am Himmel, zwei Monde, wovon der äußere in seiner Größe bei allen Phasen sich gleich blieb, der innere sich immer mehr und mehr verminderte.

[ 28 ] Diese Gabe zog ihren Anteil ab von gewöhnlichen Dingen, aber ihre trefflichen Eltern wendeten alles auf ihre Bildung; alle Fähigkeiten wurden an ihr lebendig, alle Tätigkeiten wirksam, dergestalt, daß sie allen äußeren Verhältnissen zu genügen wußte, und indem ihr Herz, ihr Geist ganz von überirdischen Gesichten erfüllt war, doch ihr Tun und Handeln immerfort dem edelsten Sittlichen gemäß blieb. Wie sie heranwuchs, überall hilfreich, unaufhaltsam in großen und kleinen Diensten, wandelte sie wie ein Engel Gottes auf Erden, indem ihr geistiges Ganze sich zwar um die Weltsonne, aber nach dem Überweltlichen in stetig zunehmenden Kreisen bewegte.

[ 29 ] Die Überfülle dieses Zustandes ward einigermaßen dadurch gemildert, daß es auch in ihr zu tagen und zu nachten schien, da sie denn bei gedämpftem inneren Licht äußere Pflichten auf das treuste zu erfüllen strebte, bei frisch aufleuchtendem Innern sich der seligsten Ruhe hingab. Ja, sie will bemerkt haben, daß eine Art von Wolken sie von Zeit zu Zeit umschwebten und ihr den Anblick der himmlichen Genossen auf eine Zeitlang umdämmerten, eine Epoche, die sie stets zu Wohl und Freude ihrer Umgebungen zu benutzen wußte.

[ 30 ] Solange sie die Anschauungen geheim hielt, gehörte viel dazu, sie zu ertragen. Was sie davon offenbarte, wurde nicht anerkannt oder mißdeutet; sie ließ es daher in ihrem langen Leben nach außen als Krankheit gelten, und so spricht man in der Familie noch immer davon: zuletzt aber hat ihr das gute Glück den Mann zugeführt, den Ihr bei uns seht, als Arzt, Mathematiker und Astronom gleich schätzbar, durchaus ein edler Mensch, der sich jedoch erst eigentlich aus Neugierde zu ihr heranfand. Als sie aber Vertrauen gegen ihn gewann, ihm nach und nach ihre Zustände beschrieben, das Gegenwärtige ans Vergangene angeschlossen und in die Ereignisse einen Zusammenhang gebracht hatte, ward er so von der Erscheinung eingenommen, daß er sich nicht mehr von ihr trennen konnte, sondern Tag vor Tag stets tiefer in das Geheimnis einzudringen trachtere.

[ 31 ] Im Anfange, wie er nicht undeutlich zu verstehen gab, hielt er es für Täuschung; denn sie leugnete nicht, daß von der ersten Jugend an sie sich um die Stern- und Himmelskunde fleißig bekümmert habe, daß sie darin wohl unterrichtet worden und keine Gelegenheit versäumt, sich durch Maschinen und Bücher den Weltbau immer mehr zu versinnlichen. Deshalb er sich denn nicht ausreden ließ, es sei eingelernt, die Wirkung einer in hohem Grad geregelten Einbildungskraft, der Einfluß des Gedächtnisses sei zu vermuten, eine Mitwirkung der Urteilskraft, besonders aber eines versteckten Kalkuls.

[ 32 ] Er ist ein Mathematiker und also hartnäckig, ein heller Geist und also ungläubig; er wehrte sich lange, bemerkte jedoch, was sie angab, genau, suchte der Folge verschiedener Jahre beizukommen, hielt sich besonders an die neusten mit dem gegenseitigen Stande der Himmelslichter übereintreffenden Angaben und rief endlich aus: «Nun, warum sollte Gott und die Natur nicht auch eine lebendige Armillarsphäre, ein geistiges Räderwerk erschaffen und einrichten, daß es, wie ja die Uhren es uns täglich und stündlich leisten, dem Gang der Gestirne von selbst auf eigene Weise zu folgen imstande wäre!»

[ 33 ] Hier aber wagen wir nicht, weiter zu gehen; denn das Unglaubliche verliert seinen Wert, wenn man es näher im einzelnen beschauen will. Doch sagen wir so viel. Dasjenige, was zur Grundlage der anzustellenden Berechnungen diente, war Folgendes: ihr, der Seherin, erschien unsere Sonne in der Vision um vieles kleiner, als sie solche bei Tage erblickte; auch gab eine ungewöhnliche Stellung dieses höheren Himmelslichtes im Tierkreise Anlaß zu Folgerungen. Dagegen entstanden Zweifel und Irrungen, weil die Schauende ein und das andere Gestirn andeutete, als gleichfalls in dem Zodiak erscheinend, von denen aber am Himmel nichts gewahr werden konnte. Es mochten die damals noch unentdeckten kleinen Planeten sein; denn aus andern Angaben ließ sich schließen, daß sie, längst über die Bahn des Mars hinaus, der Bahn des Jupiter sich nähere. Offenbar hatte sie eine Zeitlang diesen Planeten, es wäre schwer zu sagen, in welcher Entfernung, mit Staunen in seiner ungeheuren Herrlichkeit betrachtet und das Spiel seiner Monde um ihn her geschaut, hernach aber ihn auf die wunderseltsamste Weise als abnehmenden Mond gesehen, und zwar umgewendet, wie uns der wachsende Mond erscheint. Daraus wurde geschlossen, daß sie ihn von der Seite sehe und wirklich im Begriff sei, über dessen Bahn hinauszuschreiten und in dem unendlichen Raum dem Saturn entgegenzustreben. Dorthin folgt ihr keine Einbildungskraft, aber wir hoffen, daß eine solche Entelechie sich nicht ganz aus unserm Sonnensystem entfernen, sondern wenn sie an die Grenze desselben gelangt ist, sich wieder zurücksehnen werde, um zu Gunsten unserer Urenkel in das irdische Leben und Wohltun wieder einzuwirken.»

[ 34 ] Da haben wir auf eine sehr bedeutungsvolle Art die Anschauung dargestellt, wie die Seele des Menschen wirklich werden will, wie die Seele des Menschen aus dem Inneren heraus wiederum zur Sternenwelt zurückkehren wird. Ich habe Ihnen die Schilderung Makariens vorgelesen aus «Wilhelm Meisters Wanderjahre» von Goethe, und er hat dabei ausdrücklich hinzugefügt, daß er nicht alles gesagt habe. Er deutete an, daß es eine ätherische Dichtung ist, mit den Worten: «Indem wir nun diese ätherische Dichtung, Verzeihung hoffend, hiermit beschließen, wenden wir uns wieder zu jenem terrestrischen Märchen, wovon wir oben eine vorübergehende Andeutung gegeben.»

[ 35 ] Und bevor Goethe die Schilderung Makariens gibt, sagt er: «Zu diesem Punkte aber gelangt, können wir der Versuchung nicht widerstehen, ein Blatt aus unseren Archiven» — Goethe meint geistige Archive — «mitzuteilen, welches Makarien betrifft und die besondere Eigenschaft, die ihrem Geist erteilt ward. Leider ist dieser Aufsatz erst lange Zeit, nachdem der Inhalt mitgeteilt worden, aus dem Gedächtnis geschrieben und nicht, wie es in einem so merkwürdigen Fall wünschenswert wäre, für ganz authentisch anzusehen. Dem sei aber, wie ihm wolle, so wird hier schon so viel mitgeteilt, um Nachdenken zu erregen und Aufmerksamkeit zu empfehlen, ob nicht irgendwo schon etwas ähnliches oder sich annäherndes bemerkt und verzeichnet worden.»

[ 36 ] Ich wollte Sie auf diese Episode aus «Wilhelm Meisters Wanderjahre» aufmerksam machen, weil Sie daraus ersehen, daß wir mit unserer Geisteswissenschaft wirklich den Anforderungen der Zeit entgegenkommen. Die Menschennatur ändert sich so, daß sie wieder aus sich selber heraus gebären wird, was sie verloren hat von der alten Erbschaft aus der vorirdischen Welt. Und es werden die Menschen wissen müssen, was an sie herantritt, sonst würden sie ganz verwirrt werden. So muß sich das, was Geisteswissenschaft ist, in unsere Zeit hineinstellen.

[ 37 ] Aber in dem Augenblicke, wo die Menschen auf dieses, worauf hier gedeutet worden ist, aufmerksam werden, kommt unweigerlich, daß sie auch auf die Reinkarnationslehre kommen müssen, weil sie sich sagen müssen, daß eine solche Entelechie aus der jenseitigen Welt, aus der Jupiter-, Saturnsphäre und so weiter doch wieder etwas zu tun haben könnte mit der Erde und zu uns zurückkehren könnte. Deshalb, sagen diejenigen Okkultisten, die die Reinkarnationslehre nicht aufkommen lassen wollen, müssen Barrikaden aufgerichtet werden gegen das Herankommen dieser Anschauung, und diese Barrikaden werden dadurch aufgerichtet, daß man die Menschen möglichst ablenkt von dem Zusammenhange mit den Weltenkörpern des Sonnensystems. So sehen wir, wie gerade von dieser Seite ein intensives Interesse vorhanden ist, gewisse Dinge nicht aufkommen zu lassen. Ich habe gestern gesagt: Ist ein Interesse für eine einseitige Richtung vorhanden, so findet sie immer eine Stütze; die Wahrheit im allgemeinen aber wird angefochten und alles mögliche geschieht, um die Wahrheit an sich gar nicht herauskommen zu lassen. Und es wird zu dem richtigen Stehen innerhalb unserer geistigen Bewegung gehören, daß wir uns voll bewußt sind, daß die Wahrheit, die gesucht wird, von vielen, vielen Seiten angefochten werden wird. Aber nichts ist notwendiger, als daß wir versuchen, um gewappnet zu sein, wirklich nach allen Seiten hin Klarheit des Denkens zu entwickeln. Sie müssen ins Auge fassen, daß dasjenige, was als gegnerisch, namentlich was als gegnerische Persönlichkeiten gegen unsere Bewegung auftritt, wirklich zum großen Teile Figuranten sind für die gegnerischen Mächte. Wir treten da in ein Wirken übersinnlicher Gewalten ein. Diese übersinnlichen Gewalten, zu denen Ahriman und Luzifer gehören, wirken selbstverständlich im Menschenleben durch Menschenseelen, die einfach ihre Werkzeuge sind.

[ 38 ] Daher ist es notwendig, genau zu wissen, um was es sich in dem einen und in dem anderen Falle handelt; aber das Allernotwendigste ist, niemals zu versäumen, sich ein ganz klares, exaktes Denken anzueignen — so gut man eben kann. Sie wissen ja, das Leben selbst hat seine Widersprüche, und Hegel hat seine ganze Philosophie aufgebaut auf die Aufdeckung der Widersprüche im Dasein. Darum handelt es sich nicht, die Widersprüche zu vermeiden im Leben, denn die sind da. Aber darum handelt es sich, den Widerspruch zu erkennen und ins Auge zu fassen.

[ 39 ] Ahriman und Luzifer können nur etwas machen, wenn ein Widerspruch unbemerkt bleibt, wenn wir nicht die Kraft und den Willen haben, den Widerspruch aufzudecken. Überall da, wo wir uns in einen Widerspruch verwickeln, den wir nicht als Widerspruch erkennen, sondern einfach gelten lassen als einen lebenswahren Inhalt, überall da haben Luzifer und Ahriman die Möglichkeit, sich unserer Seele zu bemächtigen.

[ 40 ] Nehmen wir einmal einen merkwürdigen Widerspruch, der uns in den letzten Wochen hier entgegengetreten ist. Ich habe, gedrängt durch die Tatsachen, Ihnen eine Stelle aus einem Briefe einer Dame vorlesen müssen, der die Worte enthielt, daß gewollt wurde von jener Seite her nicht die Lehre und nicht der Lehrer, sondern der Mensch. Also nicht die Lehre und nicht der Lehrer, sondern der Mensch wurde gesucht. Die Lehre wurde gewissermaßen als etwas wie eine Beigabe hingenommen und hingestellt, auf den Menschen wurde der Hauptwert gelegt. So wurde die Sache dargestellt. Dann kam etwas anderes, dann kam just die Umkehr. Der Mensch wurde in intensiver Weise abgelehnt und von der Lehre wurde behauptet, daß man sie als eine richtige anerkennen müsse. Denken Sie: auf der einen Seite wird behauptet, man suche nicht die Lehre und nicht den Lehrer, sondern den Menschen, und auf der anderen Seite wird behauptet: Den Menschen hasse ich, den Menschen lehne ich ab, der verspricht und hält nicht, was er verspricht; aber die Lehre ist gut, die Lehre nehme ich an.

[ 41 ] Was heißt das eigentlich? Das heißt: Ich stand eine Zeitlang in einer gewissen Beziehung zu einem Menschen; der interessierte mich, die Lehre wenig. Dann wende ich mich von dem Menschen ab, und da betone ich das, was mich eigentlich gar nicht interessiert hat. Was ich vorher abgelehnt habe, das betone ich; ich habe die Lehre gar nicht aufgenommen und sage dann: sie sei gut. — Es ist doch klar, ich spreche über ein Nichts, indem ich so mich ausdrücke. Ich sage: ich behalte das, was ich gar nicht aufnehmen wollte, was ich gar nicht haben kann, weil ich vorher abgelehnt habe, es aufzunehmen.

[ 42 ] Da haben Sie so ein lebendiges Beispiel von einem in der Welt existierenden Widerspruch. Wie können Sie denn zweifeln, daß da, wo solch ein Widerspruch sich geltend macht, noch irgendeine wirkliche innere Beziehung zu unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung vorhanden sein kann! Da ist ja gar keine innere Verwandtschaft vorhanden zu dem, was unsere geisteswissenschaftliche Bewegung ist. Es ist wichtig, sich solch einen wirklichen Widerspruch vor Augen zu führen. Denn wenn wir solche Dinge unter uns nicht bemerken, dann werden wir den geraden Weg in die Erkenntnisse der geistigen Welt niemals finden. Selbstverständlich kann uns vieles entgehen, aber wir müssen den guten Willen haben, solche Lebenswidersprüche wirklich zu bemerken.

[ 43 ] Aber auf der anderen Seite werden solche Widersprüche benützt, gerade um die Wahrheit gewissermaßen aus den Angeln zu heben. Denken Sie zum Beispiel, jemand würde sagen: Ein Mensch bringt eine Lehre, aber der Mensch ist voller Widersprüche, sogar voller Immoralitäten, sogar von der Kraft des Bösen beherrscht; die Lehre aber und verschiedenes andere, was mit der Lehre zusammenhängt, sei gut: das nehme man durchaus an. — Ja, wenn aber die Lehre, um die es sich handelt, gerade darin besteht, daß derjenige, der die Lehre und die Bewegung für diese Lehre vertritt, durch diese Lehre seine Beziehungen zu den anderen herstellt — daß er also das Verhältnis zwischen sich und den anderen gerade durch die Lehre herstellt -, wenn er überhaupt nichts anderes sein will als der Träger der Lehre: dann verlangt man aus solcher Einstellung heraus, daß er etwas anderes sein soll! Und während man allerlei von dem Menschen verlangt und doch im Grunde genommen dasjenige ablehnt, was die Lehre gibt, sagt man: Die Lehre ist gut, jedoch der Mensch ist schlecht!

[ 44 ] Wahrhaftig, man kann auf eine solche Art, wenn man sich zu schwach fühlt, die Lehre irgendwie anzugreifen, schon etwas ausrichten gegen die Lehre bei denen, bei welchen man Glauben findet. Es ist der beste Weg, eine Lehre, die man nicht widerlegen kann, auf diese Art in Grund und Boden zu bohren, denn man liefert sie den luziferisch-ahrimanischen Mächten aus, wie ich gestern schon angedeutet habe.

[ 45 ] Wie oft ist gerade in unserer Bewegung gesagt worden, unsere Lehre soll nicht bloß Theorie sein, sondern soll unmittelbares Leben sein. Indem man sie zur bloßen Theorie macht, tötet man sie; man übergibt sie Ahriman, dem Gotte des Todes. Es ist die beste Methode, Ahriman dasjenige zu übergeben, was gelehrt wird, und es in ordnungsmäßiger Art aus der Welt zu schaffen, und es ist eine Methode, die sehr ähnlich ist, wie Sie sehen, dem, was gewisse Individualitäten getan haben, die, sagen wir, hinter Mr. Sinnett standen. Sie haben ihm eine bestimmte Direktion eingegeben, die nicht richtig war, um ihn nach einer gewissen falschen Richtung hinzuleiten. Diese Direktion bestand darin, daß man gerade das Richtige verleumdete. Der Mond, der eigentlich als physischer Mond eine Paralysierung ist gegenüber der achten Sphäre, wird zur achten Sphäre erklärt. Die achte Sphäre wird dadurch gerade verdeckt, wird weggewischt. Und später wird das von H. P. Blavatsky dadurch korrigiert, daß gesagt wird — während Jahve im Monde ein Heilmittel geschaffen hat gegenüber der achten Sphäre -, daß er nur die niedere Lebenssphäre, die Sinnessphäre des Menschen geschaffen habe. Es besteht also diese Methode darin, daß man einen Dunst des Verächtlichmachens über irgend etwas verbreitet, und es damit in ein falsches Licht stellt. Wenn Sie genau eingehen auf die Dinge, so werden Sie sehen, daß das, was hier bei uns passiert ist, in der Hauptsache von demselben Schnitte ist, nur in kleinerem Maßstabe. Es ist ein Versuch, das, was als Wahrheit in die Welt treten will, zu verleumden. Man fühlt sich zu schwach, die Lehre zu widerlegen, also klagt man denjenigen an, der die Lehre zu vertreten hat. Damit ist verknüpft, daß man selber zu schwach ist, die Lehre zu durchdringen.

[ 46 ] Es ist ein ungeheuer bemerkenswertes Problem für denjenigen, der mit Ernst und Würde in unseren Reihen steht, denn diese Dinge müssen wir von einem höheren Gesichtspunkte aus durchschauen. Ich will noch ein Beispiel geben. Ich führe diese Beispiele an, weil sie naheliegen und weil sie uns zeigen, wohin wir den Blick richten müssen und wie sie dazu dienen können, die nächsten Dinge von einem höheren Gesichtspunkte aus zu beurteilen. Es muß in unserer Bewegung aufs schärfste betont werden — und es geschah die ganzen Jahre hindurch, seitdem unsere Bewegung von mir vertreten wird —, daß das atavistische Hellsehen in das richtige Licht gestellt werde, daß man niemals sich täusche über das alte atavistische Hellsehen. Was man erfand, um das, was wir tun oder wollen, in der allerschärfsten Weise zu entstellen, dafür ist ein Beispiel, daß man sagte: Man kann sehen, da ist eine Bewegung, die sich darauf verlegt, das Hellsehen zu pflegen -, und daß man sich bemühte, die Sache so zu wenden, als ob in dieser Bewegung alle Menschen veranlaßt würden, das Hellsehen zu pflegen. Wenn so etwas getan wird, dann breitet man über diese Bewegung einen Nebel aus. Die Wahrheit wird geradezu umgekehrt, wenn es auch ganz begründet ist, daß wir das Hellsehen pflegen müssen. Aber man hat da ein gutes Mittel, um die Menschen haßerfüllt zu machen gegen die Bewegung.

[ 47 ] Man kann ja sagen, wenn eine Bewegung heute auftritt, muß sie so auftreten, daß sie nicht mehr das alte atavistische Hellsehen pflegt. Wenn man aber anhängt: Das aber tut diese Bewegung - so heißt das, man sagt dasselbe, was die Bewegung auch sagt, dann aber hängt man gerade der Bewegung den Tadel an, der mit diesen Worten ausgesprochen wird. Man dreht also die Richtung des Pfeiles um. Das tritt uns zum Beispiel in unserer Nähe entgegen. In unserer Nähe wird gepredigt, vorgetragen, daß insbesondere von mir diejenigen, die hier in Dornach versammelt sind, zum Hellsehen angehalten würden. Dabei läßt man durchblicken, daß das ein krankhaft atavistisches Hellsehen sei.

[ 48 ] Selbstverständlich hat derjenige, der das sagt, keine Ahnung, was er eigentlich sagt. Er ist selbstverständlich ein Figurant. Aber wir müssen tiefer hineinschauen in die Zusammenhänge. Wir müssen uns klar sein darüber, daß wir in einer Zeit leben, wo solche Impulse gegen uns geltend gemacht werden. Und besonders grotesk würde uns das dann entgegentreten können, wenn unsere Lehre selber als Waffe gegen uns genommen würde, und wir von unserer Lehre aus widerlegt würden. Auch das ist sogar schon geschehen. Sie wissen, in einer der Gegenschriften der letzten Woche ist mit Zitaten der «Mysteriendramen» und der «Geheimwissenschaft» ein Angriff geformt worden gegen das, was von mir vertreten wird. Sie haben also überall die Mächte am Werke, die die Wahrheit nicht aufkommen lassen wollen.

[ 49 ] Über die Wahrheit selbst brauchen wir uns keine Sorge zu machen, insbesondere dann nicht, wenn wir wahrnehmen, daß wir mit unseren eigenen Wahrheiten sogar angegriffen werden, daß man also das, was wir selber sagen, gegen uns wendet. Also nicht um eine Widerlegung, sondern um das, was wir eigentlich tun, handelt es sich. Wir haben daher nicht nötig gehabt, solange wir nicht angegriffen wurden, irgendwie auf Polemiken uns einzulassen. Daher auch unsere Ablehnung der Polemik, wie oft früher betont wurde. Die Wahrheit darf in die Welt gehen, indem sie nur das Positive betont. Aber in dem Augenblicke, wo Behauptungen in die Welt gehen, die die Wahrheit gar nicht berühren, da müssen wir gewappnet sein und erkennen, von welchem Gesichtspunkte aus solche Dinge zu beurteilen sind. Wir dürfen uns nicht nur auf den Standpunkt stellen, daß wir nachdenken über das, was in den Büchern steht, sondern wir müssen das ins Leben umsetzen, was als Lebensprinzip in unserer Lehre ist. Das heißt aber, daß wir das Leben nach den Prinzipien unserer Lehre beurteilen, daß wir also nicht über irgendwelche äußeren Angriffe so denken, wie wir nur denken müßten, wenn wir unsere Lehre wie eine Theorie aufgenommen hätten. Die Notwendigkeit der Polemik beginnt erst, wenn wir angegriffen werden. Dann aber müssen wir wissen, daß wir eine Lehre haben, die sehr leicht in ihr Gegenteil verkehrt werden kann, die wir daher zu hüten und zu bewachen haben. Insbesondere müssen wir uns vor allen Einseitigkeiten bewahren. |

[ 50 ] Es konnte zum Beispiel dieser oder jener Unterton gehört werden in dem, was da oder dort gesprochen worden ist: Untertöne, die von etwas kommen, was sehr leicht in das Extreme verfällt. Und da ist man recht leicht widerlegbar. Denken Sie doch nur einmal, daß wir genötigt waren, manches Wort über allerlei Einbildungen mit Bezug auf diese oder jene Inkarnationen zu sprechen. Wenn wir das bis zu dem Extrem treiben würden, daß wir jede solche Sache verlachen, dann würden unsere Gegner sagen können: Die lehren da etwas! Aber wenn sie irgendwie nur daran tippen sollen, dann machen sie sich selber darüber lustig.

[ 51 ] Wir haben selbstverständlich keinen Grund, seelische, hellseherische Erlebnisse abzulehnen; wir haben nur die Pflicht, ihnen auf den Grund zu gehen, wenn es sich darum handelt, daß im Dienste der persönlichen Eitelkeit solche seelischen Erlebnisse entstellt werden, oder gar, wenn der äußere Gang der Ereignisse zeigt, daß diese seelischen Erlebnisse nicht richtig sind. Wir dürfen also, wenn ich das trivial sagen darf, das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. In eine wissenschaftliche Theorie darf sich unsere Gesellschaft gewiß nicht umwandeln.

[ 52 ] Und auch da sehen Sie, daß diese Gefahr sehr leicht kommen kann. Ich habe erwähnt, daß eine gewisse Schrift, die uns in den letzten Tagen zugesandt worden ist, geschickt geschrieben ist. Sie ist wirklich geschickt geschrieben, denn man kann in keiner glaubhafteren Weise unsere Bewegung angreifen, als wenn man sagt: Die benehmen sich so, als ob sie jede Beziehung der sinnlichen Welt auf die geistige Welt ablehnen würden, als wenn sie überall dies alles leugnen würden. -— Das steht aber in jener Schrift. In einer beigelegten Schrift wird sonderbarerweise ausgeführt: Warum sollte denn nicht die Mutter Gottes sich auch noch wiederverkörpern? — Gewiß, kann man sagen, warum sollte sie es nicht? Es ist kein Grund da, daß es nicht sein kann. Aber Sie können gewiß sein, daß das exoterische Leben dieser Mutter Gottes dann anders gewesen wäre, daß die Wiederverkörperung nicht in solcher Weise aufgetreten wäre, wie sie da aufgetreten ist nicht als Persönlichkeit, sondern in der Art der Vertretung.

[ 53 ] Wirklich, in diesen Dingen handelt es sich um etwas, was ich seit vielen Jahren betone, so betone, daß ich für notwendig gefunden habe, es einzufügen meiner philosophischen Grundschrift. Versuchen Sie die anderen Philosophien zu lesen. Sie werden in der Theorie, in den Ausdrucksformen auch in früheren Schriften manches finden, was in meiner «Philosophie der Freiheit» wiederkehrt. Aber eines ist da drinnen — wenigstens in der Art, wie es damit verwoben ist als ein ethisches Prinzip, als moralischer Impuls -, was, so wie es dort ausgedrückt ist, wirklich original ist: Es ist zum erstenmal eingefügt der moralische Takt als etwas, was nicht durch bloße Urteilskraft erfaßt werden kann, sondern wasnurerfaßt werden kann durch die Gänze des Gemüts; daß man.nicht, wenn irgend etwas leicht berührt werden soll, gleich ins Extrem verfällt und eine Sünde mit der anderen auskehren will, das ist moralischer Takt. Ich habe ihn so klar wie möglich zu definieren versucht gerade in der «Philosophie der Freiheit». Heute ist es wirklich notwendig zu betonen, daß wir der Gefahr entgehen müssen, in das andere Extrem zu verfallen, deshalb, weil wir eine fatale Sache zu behandeln haben.

[ 54 ] Ich habe gestern auf die verschiedenen Gefahren hingewiesen. Aber gerade dabei habe ich die Notwendigkeit empfunden, heute noch etwas hinzuzufügen, weil ich das Augenmerk darauf lenken wollte, daß man nicht etwa in die anderen Extreme verfallen darf. Unser ganzes Wirken und das ganze Wesen unserer Bewegung muß darauf beruhen, die geistige Welt geltend zu machen, muß darauf beruhen, unser eigenes Leben mit der geistigen Welt im Zusammenhang zu empfinden und zu erleben.

[ 55 ] Dann aber, wenn uns das heilig ist, müssen wir in taktvoller Weise es ablehnen, daß das unmittelbar persönliche Leben, das subjektiv persönliche Leben in die Dinge hineingezogen werde. Das ist wiederum nicht damit verknüpft, daß wir nicht forschen sollten, inwiefern wir selber die Wiederverkörperung von irgend jemand sind. Aber nun handelt es sich nicht darum, von einer Person aus die andere Persönlichkeit zu suchen. Das wäre ein bequemer Weg. Sondern es ist in einer solchen Weise zu suchen, wie ich es selber in einem Vortrage angedeutet habe. Es ist so zu suchen, daß wir zuerst darauf kommen, ich möchte sagen, gewisse Geheimnisse unseres Lebens zu durchschauen. Dann werden wir schon weiterkommen. Wir stehen in dieser Beziehung wirklich an einem unendlich bedeutungsvollen Punkte: daß wir wissen und beachten müssen das triviale Sprichwort: Man soll das Kind nicht mit dem Bade ausgießen. Aber auf der anderen Seite muß man mit aller Strenge zu Werke gehen, damit nicht das eintritt, was einer okkultistischen Bewegung im eminentesten Sinne schädlich wäre, nämlich das allmähliche Sich-Hineinleben in eine Dunstsphäre, in eine Sphäre der Unklarheit. Und was ist das für eine unglaubliche Unklarheit, wenn man sagen kann: Nicht die Lehre und nicht der Lehrer, sondern der Mensch wird gesucht — und dann wieder: Ach, der Mensch ist vom Bösen, die Lehre ist aber gut -, die Lehre, die man zuerst eben abgelehnt hat. Das ist ein Hineinleben in eine nebulose Sphäre; aber um Klarheit, Genauigkeit handelt es sich. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir im Dienste unserer Bewegung die Sache betrachten. Es kann praktische Gesichtspunkte geben, die eine gewisse Härtigkeit in der Behandlungsweise notwendig machen. Das ist eine andere Sache. Aber wir müssen in unserem Inneren immer im Auge behalten, auf welchem Boden wir stehen, wir müssen im Auge behalten, daß wir auf dem Boden einer ernsten, würdigen Geistesbewegung stehen.

[ 56 ] Das sind so manche Gesichtspunkte, die uns zu einer Erkenntnis führen können, welches die Lebensbedingungen für unsere Bewegung sind. Wenn man davon spricht, daß die äußere Wirklichkeit Maja ist, so muß man auch wirklich diese Maja studieren. Man darf nicht nur den theoretischen Satz betonen: Die äußere Wirklichkeit ist Maja -, und dann den Satz so behandeln, als ob sie das Allerwichtigste wäre, wenn sie einem im Konkreten in der Welt begegnet.