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Die okkulte Bewegung
im 19. Jahrhundert
und ihre Beziehung zur Weltkultur
GA 254

24 Oktober 1915, Dornach

Neunter Vortrag

[ 1 ] Wenn Sie sich erinnern an das, was ich gestern versuchte auszuführen, dann werden Sie sich sagen können, im Grunde genommen hat das Heraufkommen des Materialismus — ich sage nicht der materialistischen Weltanschauung, sondern des Materialismus - seine recht guten Seiten. Das Schlimme besteht ja darin, daß der Materialismus zur Grundlage einer Weltanschauung gemacht wird. Das Gute des Materialismus besteht darin, daß er als Methode gebraucht wird, um die äußeren Erscheinungen der physisch-sinnlichen Welt zu untersuchen, die uns, wie Sie gesehen haben, während der Erdenzeit als mineralische Welt gegeben ist. Dazu ist der Materialismus ein vorzügliches Instrument, die mineralische Welt zu untersuchen. Diese mineralische Welt ist eben für die irdische Entwickelung ein besonders Wichtiges. Und wiederum ein Wichtiges für die Erdenentwickelung ist, daß der Mensch dieses Verkörpertsein in der materiell-mineralischen Welt durchmacht, daß er damit zugleich die Entwickelung derjenigen Fähigkeiten durchmacht, die wir nur erlangen können, wenn wir einen mineralisch-physischen Leib haben. Intelligenz und freier Wille müssen bis zu einem gewissen Grade angeeignet werden während der Erdenzeit. In der Jupiter-, Venus- und Vulkanzeit wird der Mensch diese Fähigkeiten handhaben können, aber es ist unmöglich für irgendein Wesen in der Welt, sie sich auf andere Weise zu erwerben als dadurch, daß ein solches Seelenwesen, wie der Mensch es ist, diese Erdenzeit so durchmacht, daß es in einem mineralisierten Leibe verkörpert ist.

[ 2 ] Ein Gegengewicht zu unserer Entwickelung im mineralisierten Erdenleibe wird im Menschen dadurch geschaffen, daß er immer wieder das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, das Leben der Seele ohne einen solchen mineralisierten Leib. Man kann sagen, daß der Mensch vieles nur dadurch mitmachen muß auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode, weil er einen mineralisierten Leib hat. Aber was er gewissermaßen zu seinem kosmischen Nachteile durch das Verkörpertsein in einem mineralisierten Leibe durchmacht, das wird alles aufgehoben durch das, was er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, wenn er nicht verleiblicht, sondern verseeligt ist, das Wort im richtigen Sinne gebraucht.

[ 3 ] Dasjenige zu untersuchen, was die Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen an Mineralischem aufgenommen haben, das obliegt der materialistischen Methode; und indem der Mensch im Laufe von Jahrhunderten diese materialistische Methode ausübt, eignet er sich im Grunde genommen dasjenige an, was er sich während der Erdenzeit aneignen muß. Die Forschungsweisen, welche der materialistischen Methode vorangegangen sind, waren noch alle beeinflußt von dem hellseherischen Erbgut, das der Mensch aus seinen früheren Entwickelungszuständen mitbekommen hat. Und wenn der Mensch nach unserer fünften nachatlantischen Zeit und im Gange unserer gesamten nachatlantischen Epoche seine mineralische Entwickelung im wesentlichen wird durchgemacht haben, wenn er wieder eintreten wird in eine andere Entwickelung, dann wird er wieder der geistigen Welt so nahestehen müssen, daß er sich die Intelligenz, die ihm zugedacht ist, schon während der Erdenzeit wird angeeignet haben müssen. Und ebenso wird er sich das Maß von freiem Willen, das ihm zugedacht ist, schon angeeignet haben müssen, sonst würde er mit seiner Entwickelung nicht zurechtkommen können.

[ 4 ] So betrachtet, bedeutet die materialistische Methode etwas sehr Bedeutsames; aber sie muß Methode bleiben, Methode zur Erforschung der äußeren physischen, materiellen Welt. Und sie hat da auch im höheren Sinne ihr Bedeutsames, ihr sehr Bedeutsames. Sie hat das Gute, daß der Mensch, indem er rein in der mineralischen Weit wahrnimmt und auch forscht und sich in der mineralischen Welt betätigt, seinen freien Willen nach und nach entwickelt. Denn indem der Mensch in der mineralischen Welt so darinnensteht, verdeckt sich für ihn, was der mineralisch-physischen Welt eigentlich zugrunde liegt, was sie eigentlich ist.

[ 5 ] Wir haben in diesen Wochen gesehen, worauf man kommt, wenn man theoretisch-spintisierend bleibt innerhalb der physisch-sinnlichen Wahrnehmungen. Man kommt zur Atomistik. Wir haben auch gesehen, daß die Atomistik nichts anderes ist als eine subjektive Täuschung der Menschen. Würde man aber hinausgehen in die wirkliche Welt, dahin, wo der Mensch, der sich täuschen läßt, die Atome sucht, so würde man Ahriman mit seinen Wesenheiten finden. Denn durch diejenigen geistigen Wesen, von denen ich gestern gesprochen habe und zu denen der Mensch gelangt, wenn er den Schleier der Natur durchstößt, wird der Mensch dazu kommen, zerstörende Kräfte zu entwickeln; das sind auch kosmische Wesen.

[ 6 ] So können wir sehen, wie es sich mit dieser materialistischen Methode verhält. Sie liefert dem Menschen eine Täuschung, eine Maja. Aber diese Täuschung ist für den Menschen sogar günstig, denn in jedem Augenblicke, wo er diese Täuschung durchschaut, dringt er zunächst ein in das Reich Ahrimans und seiner geistigen Wesenheiten, die auf Zerstörung, auf Töten ausgehen, die bewirken, daß sich in seiner eigenen menschlichen Natur bis zu einem gewissen Raffinement zerstörende Kräfte entwickeln. Namentlich der Verstand, die rein äußerliche Klugheit werden so ausgebildet durch die Mächte, in deren Bereich man da kommt, daß man raffiniert klug wird. Wenn man seine Erdenklugheit noch nicht so weit gebracht hat, diese Dinge zu durchschauen, so wird man eben unbewußt, aber raffiniert klug. Die materialistische Naturphilosophie stellt also gewissermaßen eine Schonzeit dar, während der der Mensch heranreifen kann, um später einmal ungefährdet in dieses Reich des Ahriman hineinzukommen.

[ 7 ] So kann man sagen, die materialistischen Naturgelehrten oder Naturphilosophen folgen einem gewiß sehr berechtigten Instinkte. Die Bewahrer der alten Symbole haben es aus dem Grunde nicht gewagt, das Esoterische zum Exoterischen zu machen und den Menschen die Geheimnisse auszuliefern. Die Naturgelehrten sagen sich, selbstverständlich nicht wirklich, aber man kann es symbolisch so ausdrücken: Wir tun etwas sehr Gutes, wenn wir den Menschen nur bis an den Vorhang führen und nicht dahinter. - Sie tun es natürlich nur instinktiv, aber sie tun es eben. Im Grunde leisten sie der Menschheit einen guten Dienst, denn würden die Naturgelehrten dahin kommen, den Schleier, den Vorhang zu durchstoßen, so würden sie die Menschen bekanntmachen mit den Kräften von jenen zerstörenden Wesen, von denen ich gestern gesprochen habe: Wesen im Dienste des Ahriman. Und die Folge davon würde sein, daß die noch unvorbereiteten Menschen sozusagen mit Kußhand die Kräfte übernehmen würden, die von dieser Seite herkommen. Und mit diesen Kräften würden die Menschen viel vermögen, aber alles im Dienste der Zerstörung, im Dienste der Ertötung des Guten. Also selbst die Unwissenheit, in welcher der Mensch durch die naturwissenschaftliche Weltanschauung gelassen werden soll, hat in gewisser Beziehung ein Gutes. Das ist die eine Seite der Sache. Die andere Seite der Sache ist aber diese.

[ 8 ] Damit der Mensch in dieser Welt der Täuschung leben kann, in die er instinktiv durch die Naturgelehrten versetzt wird, muß er eine Zeitlang, Jahrhunderte hindurch, darinnen leben. Wir haben schon eine Anzahl von Jahrhunderten, in denen der Mensch in dieser Täuschung, in dieser Maja lebt. Aber das geht an der menschlichen Natur nicht ohne weiteres vorüber! Der Mensch lebt da doch, wenn er in der Täuschung in bezug auf eine Sache lebt, nicht in der Wirklichkeit, und so lebt sich der Mensch wirklich seit Jahrhunderten in eine Täuschung hinein. Diese Täuschung ergreift seine Seelenkraft nicht so stark, wie sie von der Wirklichkeit ergriffen würde; und die Folge davon ist, daß in der Menschenseele nach und nach Zweifel über Zweifel auftauchen, die, wie ich schon angedeutet habe, auch in diesem Zusammenhange sich geltend gemacht haben. Bedeutende Naturforscher haben das «Ignorabimus» aufgerichtet. Das 19. Jahrhundert hat in seiner zweiten Hälfte schon alles zutage gefördert, was man nennen kann: das Hineinleben in Zweifel über Zweifel. Aber die Wahrheit ist, daß eine Zeit bevorsteht, die dadurch herbeigeführt wird, daß der Mensch immer mehr und mehr in der Täuschung lebt und glaubt, daß er eine Realität in dem Vorhandenen hat. Immer mehr lebt er sich hinein in das Materialistische als Weltanschauung, immer mehr werden aber Zweifel dadurch herauskommen, und es würde nicht lange dauern, so würden überall in jeder Menschenseele durch die naturwissenschaftliche Philosophie lauter Zweifel leben. Die Menschen würden dann gar nichts mehr festhalten können, sie würden über jedes Problem, über jede Aufgabe Zweifel über Zweifel haben müssen. Der Skeptizismus würde ein ungeheures Meer werden, in dem die Menschenseele ertrinken müßte. Das ist die Aufgabe der Geistesforschung, daß so etwas erkannt werde; daß erkannt werde, wie ein ungeheures Meer hereinbrechen will von Skeptizismus, von Zweifelsucht, in dem die Menschenseele ertrinken würde. Und ihre weitere Aufgabe ist, Dämme aufzurichten, daß diese Zweifel, dieses Meer der Zweifelsucht, dieses Meer des Skeptizismus nicht hereinbrechen kann. Wir stehen da vor einer Perspektive von etwas, das ganz gewiß über die Menschen kommen wird, wenn die naturforscherische Lehre als Weltanschauung fortbesteht. Das ist die andere Seite.

[ 9 ] Das, was ich jetzt sage, hängt mit einem tiefen Geheimnis zusammen, mit dem Geheimnis, daß in der äußeren sinnlichen Welt alles, was sich in ihr auslebt, in der Zweiheit sich ausleben muß. Die Zweizahl ist die Zahl der Offenbarung, habe ich einmal gesagt; die Zweizahl ist die Zahl, welche die ganze sinnliche Offenbarung beherrscht. Aber auch nur für die sinnliche Offenbarung hat die Zweizahl ihre Bedeutung. Es ist immer so in der Welt der Offenbarung, daß wir sagen müssen: es wird eine gewisse Evolution durchgemacht. Nehmen wir die Evolution der Naturmaja. Ich will das, was ich hier zeichne, die Naturmaja nennen, die sich allmählich heraufbewegte seit dem Heraufkommen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung und im 19. Jahrhundert einen Höhepunkt erlangt hat. Aber daß man in dieser Maja lebt, hat zur Folge, daß in gewisser Beziehung unter dieser Anschauung, die in der Naturmaja lebt, sich etwas anderes vollzieht: die Vorbereitung für eine andere Anschauung, für ein Eindringen in die Wirklichkeit.

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[ 10 ] Im Unterbewußten bereitet sich das vor. Und es muß Vorsorge getroffen werden, daß nun die nächste Entwickelung in die Wirklichkeit einläuft, sonst geht die Naturmaja weiter als Skeptizismus, als die furchtbarste Zweifelsucht, welche die Menschenseele ertrinken macht. So daß wir einer Zeit entgegengehen, von der wir sagen können: Würde die Geisteswissenschaft nicht kommen, dann würde der Mensch immer mehr in die Zweifelsucht hineinkommen; kommt die Geisteswissenschaft, dann wird an die Stelle dessen, was in der Menschenseele die Zweifelsucht einnehmen würde, was die Menschenseele ertrinken machen würde, dasjenige treten, was die Menschen brauchen.

[ 11 ] Sie sehen, es ist eine Zweiheit. Die Naturmaja geht weiter. Aber darunter ist das grüne Leben, die Vorbereitung für die Geisteswissenschaft. Alles in der sinnlichen Welt geht in der Zweiheit weiter. Daher sagt der Okkultist: die Zweizahl ist die Zahl der sinnlichen Offenbarung. In dem Augenblick, wo man von der sinnlichen Welt in eine andere Welt eintritt, hat die Zweizahl diese Bedeutung nicht, und man geht ganz falsch, wenn man höhere Welten unmittelbar mit der Zweiheit charakterisieren will. Nur das Grundgesetz der physisch-sinnlichen Welt kann man mit der Zweiheit charakterisieren. In der höheren Welt muß man, wenn man von der Zahl ausgehen will, sich klar sein darüber, daß man zum Beispiel von der Dreiheit auszugehen hat, und daß diese zunächst alles geradeso beherrscht, wie die sinnliche Welt von der Zweiheit beherrscht wird. Geradeso wie die sinnliche Welt von der Zweiheit beherrscht wird, so hat man es in den geistigen Welten gleich mit einer Dreiheit zu tun. Das ist zuweilen nicht unwichtig zu wissen. So zum Beispiel ist es gut zu wissen, daß alles, was im Sinne einer Zweiheit charakterisiert werden kann, überhaupt nur eine Bedeutung für die sinnliche Welt hat. Wenn einer sagt, die Magie zerfalle in eine weiße und schwarze Magie, so hat er eine Zweiheit aufgestellt. Eine solche Zweiheit kann aber nur für die sinnliche Welt Bedeutung haben. Er zeigt also sogleich, daß er keinen Begriff hat von den Grundgesetzen der geistigen Welt, denn in der geistigen Welt würde man niemals eine Zweizahl zugrundelegen können. So wahr es ist, daß man in der physisch-sinnlichen Welt die Zweizahl zugrunde legen muß, so wahr ist es, daß man es in der übersinnlichen Welt niemals mit der Zweizahl zu tun hat.

[ 12 ] Nun besteht ja eine Verwandtschaft des Menschen mit dem ganzen Kosmos. Der Mensch, so wie er einmal lebt als Erdenmensch, ist — wie wir oft betont haben — doch ein Mikrokosmos. Eine Verwandtschaft besteht mit dem ganzen Kosmos, und für gewisse Dinge, um sie zu erkennen, ist es notwendig, die Beziehung des Menschen zum Kosmos zu enthüllen. Wir haben auf ein Faktum, auf eine Tatsache hingewiesen, auf die Tatsache, daß der Mensch, wenn er den Vorhang der Natur durchstößt und in die Welt, die hinter ihr vorhanden ist, eintritt, auf ahrimanische Wesen trifft, auf Wesen, die einen zerstörerischen Charakter haben. Diese Wesen sind eigentlich zunächst in der Weltenordnung scharfe Feinde der menschlichen Erdennatur; so daß, wenn man sich mit ihnen durch Schwäche verbindet, was so geschehen kann, wie ich es angedeutet habe, man sich mit Feinden des Erdenmenschen verbindet. Man kommt wirklich in ein Bündnis hinein mit Feinden des Erdenmenschen, und dieses Bündnis wird durch ein gewisses Verhältnis des Menschen zum Kosmos ganz besonders begünstigt.

[ 13 ] Diese Wesenheiten, die hinter dem Vorhang der Natur sind, sind intelligent, sie haben ihre Intelligenz. Ich habe vorhin von des Menschen Intelligenz gesprochen, aber diese Wesen haben ihr Denken, ihre Intelligenz, sie haben ein Fühlen, wenn es auch anders ist als das menschliche Fühlen, ein Wollen, wenn es auch anders ist als das menschliche Wollen. Sie verrichten gewisse Taten, die sich äußerlich in Naturerscheinungen ausdrücken, deren ganz wesentliche Substantialität aber hinter dem Vorhang ist. Nun besteht aber eine merkwürdige Verwandtschaft zwischen etwas im Menschen und den höchsten Fähigkeiten dieser Wesen. Ich will das in folgender Weise klarmachen. Wenn derjenige, der die Schwelle der geistigen Welt überschreitet, herantritt an diese Wesen — mag es ihm vorkommen, wie wenn er in die Hölle käme oder wie immer er es sich vorstellen will, darauf kommt es aber nicht an; es handelt sich darum, daß man dieses Erlebnis in der richtigen Weise beurteilt —-, da muß einem solchen Menschen vor allem auffallen die hohe, die außerordentliche Intelligenz solcher Wesen. Sie sind außerordentlich gescheit, weise. Darin äußert sich ihre Seelenkraft. Aber diese Seelenkräfte, diese höheren Kräfte dieser Wesen sind alle verwandt mit den Kräften der niederen Natur des Menschen. Was die sinnlichen Triebe des Menschen sind, das sind bei diesen Wesen diejenigen Kräfte, welche einem besonders imponieren. Es besteht also eine Verwandtschaft zwischen den niedersten Kräften des Menschen und den höchsten dieser geistigen Wesen. Daher suchen sie sich zu identifizieren mit den niederen Kräften des Menschen. Wenn man in diese Welt eintritt, so stacheln sie Zerstörungs- und Haßinstinkte oder sonstige Instinkte auf, deshalb, weil solche Geister dasjenige, was das Niedere im Menschen ist, zu ihrem Höheren hinaufziehen, und mit ihrem Höheren durch das menschliche Niedere wirken. Man kann nicht gut einen Bund mit diesen Wesen schließen, ohne seine Natur zu erniedrigen, ohne gewisse sinnliche Triebe besonders stark auszubilden.

[ 14 ] Das ist eine Tatsache, die ganz besonders in Betracht gezogen werden muß, denn sie zeigt uns so recht, wie wir uns unser Verhältnis zum Kosmos vorstellen müssen. Da sind in unserer eigenen Menschennatur niedere Triebe. Aber diese niederen Triebe sind Kräfte, die nur in uns Menschen niedere Triebe darstellen. Sobald jene geistigen Wesen diese Kräfte haben, so sind dieselben Triebe bei ihnen höhere Kräfte. Aber diese geistigen Wesen wirken immer in unserer Natur. Sie sind immer darinnen. Das Wesentliche des geisteswissenschaftlichen Fortschrittes besteht nur darin, daß wir sie erkennen, daß wir wissen, daß sie da sind, so daß wir sagen können, wir haben unsere höheren Kräfte und wir haben unsere niederen Kräfte, und wir erkennen als ein Drittes dazu: die Kräfte, die bei uns niedere Kräfte sind, sind bei den charakterisierten Wesen höhere Kräfte. Das ergänzt die Zweiheit unserer Welt, unserer höheren und niederen Kräfte, zu einer Dreiheit. Damit berühren wir schon die Schwelle der geistigen Welt, wenn wir, statt der Zweeiheit unserer niederen und höheren Kräfte, diese Dreiheit berühren.

[ 15 ] Nun habe ich Ihnen gesagt, daß es unmöglich ist in unserer Gegenwart, etwas ähnliches zu tun, wie es etwa Pater Antonius getan hat mit Paulus dem Einfältigen. Unmöglich ist es auch, manches zu tun, wie es manche Orden getan haben. Es ist eben einfach das alte Wissen nicht zu gebrauchen. Denn würde man es an die Menschen heranbringen, so würde man gerade das zustande bringen, was ich jetzt auseinandergesetzt habe: man würde im Menschen niedere Instinkte wachrufen. Es ist ganz ohne Zweifel, daß man das täte.

[ 16 ] Es gibt zum Beispiel in der Welt sogar einen Orden, der die Menschen ohne weiteres zur Erkenntnis von jenen geheimnisvollen Wesen führt, von denen ich eben gesprochen habe. Solche Menschen bekommen aber alle zerstörerische Instinkte, so daß dieser Orden einfach in Wirklichkeit bedingt, daß Menschen mit zerstörerischen Instinkten von ihm ausgehen. Nietzsche weist einmal in seinen Schriften auf diesen Orden hin, ohne daß er den eigentlichen Tatbestand wirklich kennt und ihn bei seinem Vorgehen in Rechnung zieht.

[ 17 ] Also das ist das eine, worauf ich aufmerksam machen muß, daß wir hier einen Vorhang haben gegenüber den Naturgeheimnissen. Der Vorhang stellt alles, was durch die materialistischen Methoden gewonnen werden kann, dar. Dahinter liegt die wahre Welt. Diese zu betreten, ist zunächst keine so einfache Sache. Halten wir das auf der einen Seite fest. Auf der anderen Seite liegt unser menschliches Seelenleben mit dem Denken, Fühlen und Wollen. Aber so, wie es da vor das innere Auge tritt, so wie wir es da erleben, ist es ebenso eine Maja, wie die äußere Natur nur eine Maja ist. Das ist nicht die richtige Gestalt unseres inneren Lebens, das uns vor der Seele selber als Denken, Fühlen und Wollen erscheint; sondern hinter dem Denken, Fühlen und Wollen liegt erst wieder die wahre Wirklichkeit.

[ 18 ] So wie nun die Naturgelehrten instinktiv heute die Anschauung entwickeln, daß die Natur schon selber die Wirklichkeit darbietet, aber höchstens zum Atomismus kommen, so sind die Vertreter gewisser Religionsgemeinschaften heute bemüht, dieSache gegenüber der Seele so darzustellen, als ob die Seele mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen schon das Wirkliche wäre, und sie dann nach dem Tode mit diesem Denken, Fühlen und Wollen weiterleben würde. So wie die Naturgelehrten die Naturmaja beschreiben, so beschreiben die Vertreter gewisser Religionsgemeinschaften die Seelenmaja, und sie dienen mit diesen Anschauungen wiederum instinktiv in gewissem Sinne der Evolution der Menschheit.

[ 19 ] Sie wissen vielleicht, ich habe es öfter angedeutet, daß schon vom Mittelalter an in der historischen Form des Christentums die sogenannte Trichotomie, die Dreiteilung des Menschen in Leib, Seele und Geist, eine Ketzerei zu sein begann. Vom frühen Mittelalter ab begann sie eine Ketzerei zu sein. Ein verhältnismäßig frühes Konzil hat, wie Sie wissen, den Geist abgeschafft, und man teilt den Menschen nun ein in Leib und Seele. Man hat sich im Abendlande seit jener Zeit daran gewöhnt, den Menschen einzuteilen in Leib und Seele. Es war im Mittelalter etwas ganz Furchtbares, wenn einer von Geist, Seele und Leib, von einer Dreiheit sprach. Es war die ärgste Ketzerei, weil ja der Geist abgeschafft war, und weil Leib und Seele als eine Zweiheit aufgestellt waren. Das entspricht dem Instinkt, schon in der Zahl nur bei demjenigen zu bleiben, was nur für diese Welt hier eine Bedeutung hat. So daß wirklich diese Tendenz vorhanden ist, von der ich gesprochen habe: den Menschen darinnen zu halten in der Welt, die eigentlich doch nur eine Maja ist, weil man bei dem majahaften Denken, Fühlen und Wollen stehenbleibt. Dann faßt man eigentlich nur dasjenige ins Auge, was von der gegenwärtigen Inkarnation verbraucht wird in der nächsten Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Das, was im Menschen ausgebildet wird, um in der nächsten Inkarnation zu erscheinen, läßt man ganz aus dem Spiele.

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[ 20 ] Vielleicht zeichne ich das schematisch in der folgenden Weise. Nehmen Sie an, ich zeichne hier des Menschen Leib (rot). Wollte ich nun das, was hinter des Menschen Leib liegt, zeichnen, so müßte ich es so zeichnen. Das ist natürlich schematisch; es liegt gewissermaßen außerhalb des menschlichen Leibes. Ich müßte in Wahrheit hier zeichnen; das wäre nicht sichtbar. Das würde man sehen, wenn man durch die Nervenendigungen durchdringen würde. Wenn man nicht Atome der Welt zugrunde legen würde, sondern da hinausginge aus dem Leibe mit dem Schauen, so würde man dahin gelangen, wo die zerstörenden Wesen den ganzen Menschen besetzt halten. Und nun will ich darinnen zeichnen das Seelische, das der Mensch zunächst in der physischen Welt entwickelt (blau). Das Rote und das Blaue sind also dasjenige, was der Mensch hier wahrnimmt: seine Leiblichkeit und sein Seelisches. Aber während wir hier zwischen der Geburt und dem Tode leben, entwickelt sich das Unwahrnehmbare (gelb). Das bleibt uns ganz unwahrnehmbar. Nun sterben wir. Wenn wir sterben, entwickelt sich unser Denken, Fühlen und Wollen nicht weiter. Es wird verbraucht, und während das verbraucht wird, entwickelt sich das hier Gelbe, das Unwahrnehmbare. Dieses Unwahrnehmbare wird immer mächtiger und mächtiger zwischen dem Tode und einer neuen Geburt und wird, indem es sich immer mächtiger entwickelt, zur Grundlage der neuen Verkörperung. Mit neuem Denken, Fühlen und Wollen, mit neuer Leiblichkeit werden wir wiederverkörpert.

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[ 21 ] Wenn wir also von dem sprechen, was sich jetzt hier auf Erden unserer Seele offenbart, dann sprechen wir von etwas, was da aufhört, was gar nicht mitgeht in die nächste Inkarnation. Sprechen wir vom vollständigen Seelischen, dann müssen wir es lassen, so zu sprechen wie die Religionsvertreter: Der Mensch stirbt, geht in den Himmel ein oder in die Hölle, und weiter kümmern wir uns nicht mehr um ihn. - Das genügt nach der Ansicht gewisser Religionsvertreter, das ist schon unsterblich genug, das andere, das weitergeht zur nächsten Inkarnation, ist nicht so wichtig. Die Tatsache soll verhüllt werden, daß das Geistige in die geistigen Welten hineingeht und weiterlebt bis zur nächsten Inkarnation.

[ 22 ] Nun können wir sagen: Es sind die Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften stark darauf bedacht, den Menschen ja nicht auf das Gelbe seines Wesens kommen zu lassen, ihn ja nichts davon wissen zu lassen. Und sie dienen damit — so kann man auch wiederum sagen — einem gewissen richtigen Instinkte, der aber eigentlich noch deutlicher zeigt, daß er in unserer Zeit schon seinen Wert verloren hat, als es der andere Instinkt uns zeigt, dem die Naturgelehrten folgen.

[ 23 ] Alles Bestreben der Vertreter der verschiedenen Religionsgemeinschaften geht vorzugsweise ganz entschieden darauf hinaus, die Tatsache zu verhüllen, daß es eine geistige Welt gibt, der unser innerster Wesenskern angehört, welcher bestimmt ist, in wiederholten Erdenleben zu erscheinen und dazwischen ein wirklich geistiges Leben durchzumachen; sie dadurch zu verhüllen, indem man die Menschen damit tröstet, daß dasjenige der Seelenhaftigkeit, das sich im Denken, Fühlen und Wollen auslebt, schon genügend unsterblich sei.

[ 24 ] Was da die Seelenpfleger instinktiv tun und denken, ist, daß sie die Menschen davon abhalten, wiederum mit gewissen Wesen in Berührung zu kommen. Man kann nie in die Welt, die unser wahres Inneres ist, eindringen, ohne in ähnlicher Art mit gewissen Wesen in Berührung zu kommen, wie man in der geschilderten Art mit gewissen Wesen in Berührung kommt, wenn man den Schleier der Natur durchstoßen will und kann; nur sind diejenigen Wesen, mit denen man jetzt in Beziehung kommt, luziferischer Art.

[ 25 ] Sehen Sie, wenn der Mensch dadurch, daß man ihm ohne die nötige Vorsicht gewisse Lehren ausliefert, wirklich in Beziehung kommt mit gewissen zerstörenden Wesen hinter dem Schleier der Natur, dann wird er von solcher Art, daß er nichts schätzt in der Welt, und er wird bald zeigen, daß er Freude am Zerstören, am Vernichten hat. Es muß nicht immer Äußeres sein, was er vernichtet. Manche, bei denen das der Fall war, haben Freude gezeigt, andere Seelen zu quälen, zu schinden. Diese Eigenschaften treten da auf. Aber man kann nicht sagen, daß Menschen mit solchen Eigenschaften wegen des Bündnisses mit ahrimanischen Elementarmächten immer egoistisch sind. Sie brauchen gar keine Egoisten zu sein, sie sind es auch gewöhnlich nicht. Sie tun das aus einem ganz anderen Triebe, als aus einem egoistischen Triebe heraus. Sie tun es aus der Lust am Zerstören, und sie zerstören, auch wenn sie nicht das geringste davon haben. Die Wesen, in deren Sphäre man da kommt, sind wirklich zerstörende Wesen, und sie versuchen und verleiten einen zum Zerstören.

[ 26 ] Die anderen Wesen, in deren Sphäre man kommt, wenn man hinter den Schleier des Seelenlebens geht, sind ganz anderer Natur. Die haben gar keine besondere Lust am Zerstören. Eigentlich kennen sie das, was man Zerstören nennt, gar nicht. Sie haben eine wahre Wut, zu schaffen, etwas entstehen zu lassen; sie haben einen ungeheuren Tätigkeits- und Produktionstrieb. Und auch sie haben gewisse höhere Fähigkeiten, die jetzt weniger mit unserem Denken verwandt sind, dagegen aber mehr verwandt sind mit unserem Fühlen und namentlich mit unserem Wollen. Da kommen wir in eine Sphäre hinein, wo Wesen sind, die eminent verwandt sind mit unserem Wollen, aber mit den edelsten Seiten unseres Wollens, kurioserweise.

[ 27 ] Also wenn wir in der Welt zunächst, ohne daß wir etwas von dem wissen, was der Fingeweihte weiß — daß sowohl hinter der Naturwelt wie auch hinter der Seelenwelt eine geistige Welt ist -, wenn wir unser Wollen durchdringen, imprägnieren mit Idealen, wenn wir edles, vergeistigtes Wollen entwickeln und wir treten ein in diese Welt, dann wird dieses edle Wollen verbündet gerade mit den niederen Eigenschaften dieser Wesen, in deren Sphäre wir hineinkommen. Es ist ein geheimnisvolles Anziehungsband zwischen unserer edlen Willensseite und den niederen Trieben und Bedürfnissen dieser Wesenheiten.

[ 28 ] Denken Sie nun, wenn ein Mensch einem Seelenpfleger gegenübersteht, der ihm zur Pflege seiner Seele den Trost der Unsterblichkeit gibt, den Wert der Menschenseele, den Wert des Göttlichen und so weiter, da kann es dazu kommen, daß durch einen geringfügigen Anstoß der Mensch, gerade wenn er ein edler Mensch war, das Seelenhäutchen an irgendeiner Stelle durchstößt und hinter die Geheimnisse des Denkens, Fühlens und Wollens kommt. Aber er kommt in die Region dieser Willenswesen hinein, und die Folge davon ist, daß wirklich nun gerade die ideale Seite des Wollens anfängt, einen sinnlichen Charakter anzunehmen. Und nun, bitte, lesen Sie mit diesen Geleitworten viele Beschreibungen von Mystikern und Mystikerinnen. Beachten Sie, wenn Sie Biographien von Mystikern und Mystikerinnen lesen, in welche schwüle Atmosphäre Sie da hineinkommen. Denken Sie nur, wie da die höchsten Ideale einen sinnlichen Charakter annehmen. Ich erinnere Sie nur an das starke Erleben von Mystikern und Mystikerinnen mit ihrer Seelenbraut und ihrem Seelenbräutigam, wo die mystische Vereinigung bei der Mystikerin wie eine sinnliche Vereinigung mit dem Heiland ist, oder bei dem Mystiker wie eine reale Verbindung mit der Seelenbraut, mit der Jungfrau Maria.

[ 29 ] Es ist das Bestreben dieser Willenswesen, in unser Denken, in unsere Ideale hineinzugießen, was wir sonst nur als Sinnlichkeit kennen. Es ist ein schweres Wort, das man damit ausspricht. Diese Wesen, in deren Regionen man da hineinkommt, haben das Bestreben — und das ist von ihrem Standpunkte auch ganz gut -, ihre sinnlichen Instinkte in unser idealisiertes Wollen hineinzugießen. Und es ist dann so, als wenn in dem Wollen unseres Kopfes, das sonst eine gewisse Kühle hatte, nun ein schwüles Empfinden der geistigen Welt leben würde, was oft als Charakter heißer, schwüler Mystik auftritt. Davon haben die Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften eine heillose Angst, und vor nichts fürchten sich die Vertreter gewisser Religionsgemeinschaften mehr als vor denen, die in ihrer gläubigen Gemeinde sich als Mystiker auftun.

[ 30 ] Es ist wirklich ein Skylla und Charybdis. Wollen wir durch den Vorhang der Natur durch, wir kommen an die Skylla, an die ahrimanischen Intelligenzwesen, die uns reichlich ausstatten wollen mit zerstörenden Intelligenzkräften. Wollen wir durch den Schleier der Seelenwesen hindurch, wir kommen an die Charybdis der Willenswesen luziferischer Art, die uns reichlich ausstatten wollen mit spirituellem Dunst, spiritueller Schwüle und spirituellen Instinkten.

[ 31 ] Die geistlichen Orden, die das religiöse Leben besonders pflegen wollten, mußten daher mit einem gewissen Rechte darauf sehen, daß, wenn schon Mystiker in ihrer Mitte auftraten, diese Mystik wenigstens nicht mit ihren Schattenseiten auftrat. Daher richteten sie gewissermaßen auch Barrieren auf vor dem Eintreten in die geistigen Welten. Denken Sie nur einmal, wie gewisse religiöse Orden - ich meine nicht geheime Orden, sondern religiöse Orden - in Verbindung gebracht wurden mit äußerer Arbeit, mit solcher Arbeit, die in die Menschenseelen einziehen läßt die Freude an der Natur, die Freude an allem, was draußen in der Welt lebt, daß solche Orden, wenn sie das richtige Prinzip verstanden, äußere Handarbeit tun ließen. Denn diejenigen, die solche Orden gegründet haben, haben sich gesagt: Das Schlimmste, was wir tun können, ist, wenn wir die Menschen vereinsamen und in ihnen das mystische Leben sich entwickeln lassen, und dieses mystische Leben aus der Trägheit sich entwickelt, aus dem äußeren Nichtstun. — Lesen Sie die verschiedenen, aus den besseren Zeiten und aus den besseren Orden herrührenden Klosterregeln, so werden Sie überall sehen, wie auf das, was ich gesagt habe, voll Rücksicht genommen worden ist, wie da entgegengewirkt worden ist gegen die mystischen Dünste und gegen die mystische Schwüle durch äußere Arbeit. Jetzt werden Sie es auch begreifen, warum der Antonius den Paulus die Arbeit an sich schaffen ließ, selbst wenn sie auch keinen äußeren Zweck hatte. Denn hätte er den sich hinlegen und der Faulheit pflegen lassen durch Jahre hindurch, so wäre dieser Paulus der Einfältige ein ganz sinnlicher Mystiker geworden.

[ 32 ] Sie sehen, mit einer Zweiheit haben wir es zu tun: mit dem objektiven Okkultismus, der, wenn er einfach den Menschen ausgeliefert wird, die nicht dazu vorbereitet sind, die Menschen zu zerstörerischen Wesen macht; und mit der subjektiven Mystik, die, wenn sie von den Menschen gepflegt wird, oder aufkommt, diese Menschen aus Idealisten zu Egoisten macht, zu Egoisten, wie sie uns entgegentreten in zahlreichen Mystikern, die nur einen raffinierteren Egoismus, eine raffiniertere Sucht, ihre Seele zu pflegen, entwickelten. Lesen Sie die Biographien der Mystiker, und Sie werden oftmals in der furchtbarsten Weise berührt sein von jenem seelischen Egoismus, der in solchen Mystikern lebt. Die Geister, die dem Ahriman dienen und in deren Sphäre wir hineingeraten, wenn wir nicht den Egoismus, sondern den Zerstörungssinn pflegen, sind die Skylla, in deren Bereich wir kommen. Pflegen wir die subjektive Mystik der luziferischen Willensgeister, in deren Bereich wir kommen, dann wird von der anderen Seite die Charybdis an uns herantreten; denn diese pflegen ganz besonders den inneren Egoismus, so daß unser eigenes Innere uns die Welt bildet. Das ist die Zweiheit in der sinnlichen Welt: objektiver Okkultismus — subjektive Mystik. Beide können ihre Abwege haben.

[ 33 ] Aber im Grunde genommen lebt in dem, was sich so durch Jahrhunderte hindurch entwickelt hat seit der neueren Zeit auf der einen Seite der objektive Okkultismus, in den geheimen Orden bewacht, aber nicht mehr richtig bewacht, weil die Leute nicht mehr richtig bewachen können, weil alles in die Öffentlichkeit dringt. Aber wir haben gesehen, welche Mühe die Leute gehabt haben, um irgendeinen Ausweg zu finden. Das habe ich in diesen Wochen gezeigt. Und auf der anderen Seite lebt die subjektive Mystik.

[ 34 ] Was folgt daraus? Daraus erfolgt, daß, wenn wir eine Geisteswissenschaft begründen wollten, wir uns weder anziehen lassen durften von der Skylla noch von der Charybdis, sondern mitten durch mußten; daß wir weder pflegen konnten den alten, hergebrachten Okkultismus, noch pflegen durften die alten, hergebrachten Formen der Mystik. Und hier haben Sie noch tiefer erfaßt, was unserer geisteswissenschaftlichen Strömung die Richtung gibt. Beides, der objektive Okkultismus im alten Sinne wie die subjektive Mystik im alten Sinne, mußten vermieden werden, und unsere Geisteswissenschaft mußte einen Charakter haben, durch welchen sowohl die Skylla wie die Charybdis vermieden wird.

[ 35 ] Ich werde Ihnen nun auseinanderzusetzen haben den Grundcharakter unserer Geisteswissenschaft, den sie haben muß, weil sie beide Klippen vermeiden muß. Aber es kann selbstverständlich nicht vermieden werden in der Gegenwart, daß auf mißverständliche Weise einerseits Menschen in unsere Richtung hereinkommen, die eigentlich einen alten objektiven Okkultismus suchen, und auf der anderen Seite Menschen hereinkommen, welche die alte subjektive Mystik suchen. Beide finden bei uns kaum, was sie suchen. Aber sie glauben zu finden, was sie suchen, indem sie unsere Lehre einfach umdeuten. Wie unsere Lehre sein muß, und wie wir sie auffassen müssen, damit wir zurechtkommen auf unserem geistigen Lebensschiffe, damit wir durchkommen zwischen der Skylla und Charybdis, davon muß ich doch noch morgen sprechen.