Anthroposophical Community Building
GA 257
22 February 1923, Dornach
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Anthroposophical Community Building, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Heute möchte ich auf dasjenige Ideal noch einmal hinweisen, das verbunden war mit dem Bau, den uns das Unglück entrissen hat. Ich möchte darauf hinweisen, damit auch hier das richtige Denken herrsche über das, was in den nächsten Tagen als, ich möchte sagen, ein erster Schritt zu einem neuen Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft in Stuttgart unternommen werden soll. Denn was aus Anthroposophie hervorgehen soll, muß ja ruhen auf dem sicheren Fundamente menschlicher Begeisterung. Und diese menschliche Begeisterung, sie kann uns ja nur dadurch werden, daß wir hinschauen zu demjenigen Ideal, das in jedes Anthroposophen Brust sein sollte und das groß genug ist, um die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft in Liebe zusammenzuhalten. Es ist ja nicht zu leugnen, daß zwar nicht dieses Ideal anthroposophischen Wirkens, wohl aber die Begeisterung für dieses Ideal in den drei aufeinanderfolgenden Epochen unserer anthroposophischen Entwickelung etwas hingeschwunden ist. Und jetzt, wo wir trauernd stehen vor der Ruine jenes Baues, durch den wir in einer äußerlich bemerkbaren Sprache über dieses Ideal uns ausdrücken konnten, jetzt ist es um so notwendiger, daß wir uns zusammenfinden in dem richtigen Fühlen gegenüber dem anthroposophischen Ideal, damit aus diesem Zusammenfühlen und dem daraus hervorgehenden Zusammendenken eine starke Kraft entstehen könne, die wir heute, namentlich angesichts der ja mit jeder Woche sich vergrößernden Gegnerschaft, gar sehr brauchen. Daher sei es mir eben in diesem Vortrage heute gestattet, nicht über die Fortsetzung — wenigstens nicht unmittelbar über die Fortsetzung — dessen zu sprechen, was ich in den letzten Vorträgen und nun schon seit Wochen hier vorgebracht habe, sondern ein wenig darzustellen, was sich vielleicht als eine der wichtigen Erinnerungen an unseren Bau knüpfen kann und was geeignet sein kann, jene Beziehungen wiederum zu knüpfen, welche notwendig sind zwischen den einzelnen Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn in dem Zusammenfinden in dem gemeinsamen Ideal muß sich auch entzünden jene Liebe, welche jeder einzelne Anthroposoph dem andern entgegenbringen sollte und die ausschließen sollte, daß in irgend jemandem innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft irgendeine Ranküne gegen den andern auch nur in Gedanken vorhanden sei.
[ 1 ] Today I would like to draw attention once again to the ideal that was associated with the building that misfortune has taken from us. I would like to do so so that, here as well, the right way of thinking may prevail regarding what is to be undertaken in the coming days as—I would say—a first step toward a new life in the Anthroposophical Society in Stuttgart. For whatever is to emerge from anthroposophy must, after all, rest on the secure foundation of human enthusiasm. And this human enthusiasm can only come to us by turning our gaze toward that ideal which should dwell in the heart of every anthroposophist and which is grand enough to hold the members of the Anthroposophical Society together in love. It cannot be denied that, while not the ideal of anthroposophical work itself, the enthusiasm for this ideal has waned somewhat during the three successive epochs of our anthroposophical development. And now, as we stand in mourning before the ruins of that building through which we were able to express this ideal in a language perceptible to the outside world, now it is all the more necessary that we come together in a shared sense of the anthroposophical ideal, so that from this shared feeling and the shared thinking that arises from it, a strong force may emerge—one that we very much need today, especially in the face of opposition that grows with each passing week. Therefore, allow me in this very lecture today not to speak about the continuation — at least not directly about the continuation — of what I have presented here in recent lectures and for weeks now, but rather to describe a little of what might serve as one of the important memories associated with our building and what might be suitable for reestablishing those relationships that are necessary among the individual members of the Anthroposophical Society. For it is in coming together around a shared ideal that the love must also be kindled which every individual anthroposophist should show toward one another, and which should preclude the possibility that anyone within the Anthroposophical Society might harbor even the slightest resentment toward another, even in thought.
[ 2 ] Sie erinnern sich vielleicht, daß, als wir den ersten Hochschulkursus im Goetheanum eröffnen konnten, ich dazumal in einer kurzen Einleitungsrede betont habe, wie in einer neuen Art durch das, was durch Menschen im Goetheanum verwirklicht wird, ein wirklich weltgemäßes Zusammenwirken von Wissenschaft, Kunst und Religion erstrebt werden soll.
[ 2 ] You may recall that when we were able to open the first university course at the Goetheanum, I emphasized in a brief introductory speech at the time how, in a new way, through what is realized by the people at the Goetheanum, a truly world-appropriate interplay of science, art, and religion is to be sought.
[ 3 ] Was also im Goetheanum hätte erwachsen sollen,was hätte erwachsen sollen durch dieSprache seiner Formen und Farben, das war ein wissenschaftliches, das war ein künstlerisches, das war ein religiöses Ideal. Wir müssen heute das, was nicht mehr durch äußere Formen und Farben zu uns sprechen kann, in unsere Herzen um so tiefer eingraben. Und wir können es vielleicht,wenn wir in der Art,wie wir das für andere Betrachtungen in den letzten Wochen getan haben, einmal anfragen, wie in den aufeinanderfolgenden Epochen der Menschheitsentwickelung das wissenschaftliche, das künstlerische, das religiöse Ideal erstrebt worden ist.
[ 3 ] What, then, should have grown forth at the Goetheanum—what should have grown forth through the language of its forms and colors—was a scientific, an artistic, and a religious ideal. Today we must engrave all the more deeply in our hearts that which can no longer speak to us through external forms and colors. And perhaps we can do so if, in the same way we have done for other considerations in recent weeks, we ask how the scientific, artistic, and religious ideals have been pursued in the successive epochs of human development.
[ 4 ] Schauen wir zurück in das gewaltige, in das hehre orientalische Geistesleben, so stoßen wir auf einen bestimmten Zeitpunkt dieses alten orientalischen Geisteslebens, in dem gewissermaßen den orientalischen Völkern der geistige Inhalt der Werte in unmittelbarer Offenbarung sich darbot. Wir stoßen auf eine Zeit, wo die Menschen gar nicht daran zweifelten, daß das, was sie mit ihren Sinnen sehen können, bloß der spärliche äußere Abdruck ist desjenigen, was ihrem älteren, zwar traumhaften, aber deshalb doch für sie ganz wirklichem Schauen als Göttlich-Geistiges sich offenbarte.
[ 4 ] When we look back at the magnificent, sublime spiritual life of the East, we come upon a specific point in time within that ancient Eastern spiritual life when, in a sense, the spiritual content of values presented itself to the Eastern peoples as a direct revelation. We come upon a time when people did not doubt at all that what they could see with their senses was merely the faint outer imprint of that which revealed itself to their earlier, albeit dreamlike, yet for them entirely real vision as the divine-spiritual.
[ 5 ] Das Schauen, wenn auch instinktiv und triebhaft, war in der Menschheit einmal so, daß die Menschen in gewissen besonderen Zuständen ihres Bewußtseins die geistigen Wesen der Welt in unmittelbarer Wirklichkeit wahrnahmen, so wie sie durch den physischen Leib ihre Mitmenschen, wie sie durch die physische Körperlichkeit die Wesen der drei physischen Naturreiche wahrnahmen. Ebenso gewiß wie das Dasein eines Mitmenschen, ebenso gewiß war für den alten Orientalen aus der unmittelbaren Anschauung heraus das Dasein der göttlich-geistigen Wesenheiten, die mit dem Menschen zusammenhängen.
[ 5 ] Perception, though instinctive and impulsive, was once such among humankind that, in certain special states of consciousness, people perceived the spiritual beings of the world in immediate reality, just as they perceived their fellow human beings through the physical body and the beings of the three physical kingdoms through physical corporeality. Just as certain as the existence of a fellow human being, so too was the existence of the divine-spiritual beings connected with humankind, based on direct perception, for the ancient Oriental.
[ 6 ] Das gab ihm seine innere religiöse Gewißheit. Und diese innere religiöse Gewißheit war keine andere als die Gewißheit, die er besaß über die äußeren Naturdinge. Mit derselben Sicherheit, mit der er glauben konnte an das Dasein des Steines, der Pflanze, der Wolken und Flüsse, mit derselben Sicherheit konnte er an das Dasein seines Gottes glauben, denn er schaute diesen Gott. Und dasjenige, was in der neueren Wissenschaft etwa Animismus genannt wird, was die Sache so darlegt, als wenn in älterer Zeit die Menschen Dinge in die Natur hineingedichtet, durch ihre Phantasie Lebendig-Geistiges in sie hineinversetzt hätten, das ist eben kindisch, das ist eben dilettantische Wissenschaft von heute. In Wahrheit schauten die Menschen das Göttlich-Geistige, wie sie das Sinnlich-Natürliche schauten.
[ 6 ] This gave him his inner religious certainty. And this inner religious certainty was none other than the certainty he possessed regarding the external phenomena of nature. With the same certainty with which he could believe in the existence of a stone, a plant, the clouds, and rivers, with that same certainty he could believe in the existence of his God, for he beheld this God. And what modern science calls animism—which presents the matter as if, in earlier times, people had projected things onto nature, imbuing them with living, spiritual qualities through their imagination—is simply childish; it is simply the dilettantish science of today. In truth, people saw the divine and spiritual just as they saw the sensory and natural.
[ 7 ] Daraus entsprang ihnen, wie ich schon sagte, die Gewißheit ihres religiösen Lebens, daraus aber entsprang ihnen auch das, was sie für ihre Kunst, für ihr künstlerisches Schaffen brauchten. Das GöttlichGeistige hatte für sie konkrete, unmittelbare Gestalt. Sie wußten, welche Formen dieses Göttlich-Geistige hat, sie wußten, in welchen Farben das Geistige erscheint. Sie konnten das, was ihnen im Geistigen erschien, durch die Mittel der Sinnenwelt, durch die Mittel der physischen Welt ausdrücken. Sie konnten die Baumaterialien nehmen, die ihnen zur Verfügung standen; die Mittel der Bildhauerei oder anderer Künste, sie konnten sie anwenden mit der Technik, deren sie fähig waren, und sie drückten dasjenige aus, was sich ihnen im Geiste offenbarte.
[ 7 ] From this, as I have already said, sprang the certainty of their religious life; but from this also sprang what they needed for their art, for their artistic creation. The divine-spiritual had a concrete, immediate form for them. They knew what forms this divine-spiritual took; they knew in what colors the spiritual appears. They were able to express what appeared to them in the spiritual realm through the means of the sensory world, through the means of the physical world. They could take the building materials available to them—the tools of sculpture or other arts—and apply them with the techniques they were capable of, thereby expressing what was revealed to them in the spirit.
[ 8 ] Wenn sie zur innerlichen Verehrung kamen, zu einem innerlich menschlichen Gemütsverhältnisse zu ihren göttlich-geistigen Wesenheiten, so fühlten sie das als Religion. Wenn sie durch äußere Mittel, durch physische Mittel darstellten, was sie im Geiste erschauten, so empfanden sie das als ihre Kunst. Aber die Sache mit ihrer Kunst war so, daß alles, was sie machen konnten aus ihren Kunstmitteln, was sie als Technik hatten, was sie für das Physische an Materialien hatten, die sie verwenden konnten zum Ausdrucke dessen, was ihnen im Geiste vorschwebte: es war alles das gering gegenüber dem, was ihnen eben im Geiste vorschwebte.
[ 8 ] When they arrived at inner worship—at an inner, human emotional relationship with their divine-spiritual beings—they experienced this as religion. When they expressed through external means, through physical means, what they beheld in the spirit, they experienced this as their art. But the thing about their art was that everything they could create with their artistic tools—their technical skills and the physical materials they had at their disposal to express what they envisioned in their minds—was insignificant compared to what they actually envisioned in their minds.
[ 9 ] Wir treffen einen Zeitpunkt in der alten orientalischen Entwickelung, wo dasjenige, was als Göttlich-Geistiges dem Menschen erschien, was, um den Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, in sinnlich-übersinnlicher Form erschien, von hehrer, glanzvoller Schönheit war und gewaltig auf das Gemüt, gewaltig auf die Phantasie wirkte, und weil man die Technik der äußeren Kunstmittel nicht meisterte, kam höchstens in einer unbeholfenen symbolisierenden oder allegorisierenden Form das zum Ausdruck, was viel schöner erschien im Geiste. So ein Künstler jener uralten Zeit hätte sagen können, wenn er in unserem Empfinden sein eigenes Kunstschaffen hätte zum Ausdruck bringen wollen: Schön ist das, was im Geiste erscheint, und nur ein schwacher Abglanz davon kann in dem gegeben werden, was ich aus dem Ton, was ich aus dem Holz, was ich aus andern künstlerischen Materialien heraus formen kann, um auszudrücken, was im Geiste erscheint.
[ 9 ] We come to a point in ancient Eastern development where that which appeared to human beings as the divine-spiritual—that which, to use Goethe’s expression, appeared in a sensory-supersensory form—was of sublime, resplendent beauty and had a powerful effect on the mind, and had a powerful effect on the imagination; and because the techniques of external artistic expression had not yet been mastered, what appeared far more beautiful in the spirit was expressed, at best, in a clumsy symbolic or allegorical form. An artist of that ancient time might have said, had he wished to express his own artistic creation in terms of our sensibilities: “Beautiful is that which appears in the spirit, and only a faint reflection of it can be conveyed in what I can shape from clay, from wood, or from other artistic materials to express what appears in the spirit.”
[ 10 ] Und ein Künstler war dann ein Mensch, der das Geistige in einer schönen Weise sah und es im sinnlichen Abbilde den andern Menschen zeigte, die es nicht unmittelbar schauen konnten, die aber überzeugt davon waren: Wenn ihnen der Künstler in seiner allegorisierend-symbolisierenden Form das von ihm im Geiste Erschaute hinstellte, so gelangten auch sie dazu, durch das Mittel dieses sinnlichen Ausdruckes den Eingang zu finden in eine Welt, die über der irdischen liegt, in eine Welt, in die sich der Mensch versetzen muß, wenn er das Gefühl seiner vollen Menschenwürde haben will. - Und dieses Verhältnis, diese Beziehung zu dem Göttlich-Geistigen, die war eine so unmittelbare, sie war, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine so reale, konkrete, daß die Menschen das Gefühl hatten, wenn sie dachten, wenn sie sich Gedanken bildeten, so hatten sie diese Gedanken von den Göttern, die sie ja schauten, die so da waren wie die andern Menschen. Und es sagten diese Leute einer alten Zeit: Wenn man mit Menschen spricht, so reden sie zu einem Worte, die in der Luft ertönen; wenn man zu den Göttern spricht, so sagen sie einem Gedanken, die nur im Innern der Menschen vernehmbar sind. Durch Laute ausdrückbare Worte sind Menschenworte, durch Gedanken ausdrückbare Worte sind Göttermitteilungen.
[ 10 ] And an artist was, then, a person who perceived the spiritual in a beautiful way and revealed it through sensory representations to other people who could not perceive it directly, but who were convinced of it: When the artist presented to them, in his allegorical and symbolic form, what he had beheld in the spirit, they, too, were able—through the medium of this sensory expression—to find their way into a world that lies above the earthly one, into a world into which a person must transport themselves if they wish to feel their full human dignity. - And this connection, this relationship to the divine-spiritual, was so immediate—it was, if I may put it that way, so real and concrete—that people felt that when they thought, when they formed thoughts, these thoughts came from the gods, whom they could indeed see, who were present just like other human beings. And the people of ancient times said: When one speaks to human beings, they speak to you in words that resound in the air; when one speaks to the gods, they convey thoughts that are audible only within the human soul. Words that can be expressed through sounds are human words; words that can be expressed through thoughts are messages from the gods.
[ 11 ] Und indem der Mensch seine Gedanken faßte, glaubte er nicht, daß er diese Gedanken innerlich mit seiner Seele bildete, sondern er glaubte zu hören, was ihm als Gedanken die göttlich-geistigen Wesen zuraunten. Hörte er mit seinem Ohre, so sagte er sich: Ich höre Menschen. - Hörte er mit seiner Seele, wo sich das Gehörte nur in Gedanken dar lebte, so sagte er: Ich höre göttlich-geistige Wesenheiten. - Und so war die Erkenntnis, die in Ideen lebte, für diese Menschen eines alten Zeitalters Göttermitteilung. Göttersprache war der unmittelbar von den Göttern zu den Menschen gesprochene Logos.
[ 11 ] And as human beings formed their thoughts, they did not believe that they were creating these thoughts inwardly with their souls; rather, they believed they were hearing what the divine-spiritual beings whispered to them as thoughts. When they heard with their ears, they said to themselves: “I hear people.” - When he listened with his soul, where what he heard existed only as thoughts, he said: “I hear divine-spiritual beings.” - And so, for these people of an ancient age, the knowledge that lived in ideas was a divine revelation. The language of the gods was the Logos spoken directly from the gods to humankind.
[ 12 ] So daß man sagen kann: Im religiösen Ideal lebte sich das Schauen der Götter aus. Im künstlerischen Ideal lebten sich die Nachformungen des Göttlichen durch menschlicheMittel in symbolisierend-allegorischer Art aus. In dem wissenschaftlichen Ideal gab der Mensch die Sprache wieder, welche die Götter zu ihm sprachen. Das waren jene drei Ideale, die in eins zusammenflossen in der alten orientalischen Zeit, denn es waren im Grunde genommen diese drei Ideale ein Ideal.
[ 12 ] So one can say: In the religious ideal, the vision of the gods found its full expression. In the artistic ideal, the re-creation of the divine through human means found its expression in a symbolic and allegorical manner. In the scientific ideal, human beings reproduced the language in which the gods spoke to them. These were the three ideals that converged into one in ancient Oriental times, for, in essence, these three ideals were one ideal.
[ 13 ] Der Mensch schaute hin in diesem einen Ideal auf die göttliche Offenbarung. Religion breitete sich aus über das ganze menschliche Seelenleben. Wissenschaft und Kunst waren die zwei Mittel, durch die das Göttliche mit dem Menschen auf Erden zusammenlebte. Und der Künstler fühlte, indem er sein Kunstwerk schuf, daß der Gott seine Hand führte, oder der Dichter fühlte, daß der Gott seine Worte formte und prägte. «Singe, o Muse, vom Zorn mir des Peleiden Achilleus!» Nicht der Dichter spricht, die Muse spricht in dem Dichter. Und das war eine Wahrheit. Die abstrakte Auffassung, der man heute so etwas zuschreibt und dabei etwa sagt, es sei schon eine dichterische Verkleidung, gehört eben zu den grotesken Kindlichkeiten heutiger Anschauungen über solche Dinge, die gar nicht wissen, wie wahr der Goethesche Ausspruch ist: «Was Ihr so den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigener Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.»
[ 13 ] In this one ideal, humankind gazed upon divine revelation. Religion spread throughout the entire life of the human soul. Science and art were the two means through which the divine coexisted with humankind on earth. And the artist felt, as he created his work of art, that God guided his hand, or the poet felt that God shaped and molded his words. “Sing to me, O Muse, of the wrath of Achilles, son of Peleus!” It is not the poet who speaks; the Muse speaks through the poet. And that was a truth. The abstract conception to which such things are attributed today—and which claims, for example, that it is merely a poetic disguise—belongs precisely to the grotesque childishness of contemporary views on such matters, which have no idea how true Goethe’s statement is: “What you call the spirit of the times is, in essence, the spirit of the masters themselves, in which the times are reflected.”
[ 14 ] Und gehen wir von dieser orientalischen Dreiheit der Ideale des Menschen in Religion, Kunst und Wissenschaft herüber zu den Griechen, die.dann einen prosaisch dürftigen Nachklang in den Römern gefunden haben, so finden wir diese drei Ideale weitergebildet. Was vorher, ich möchte sagen, aus Lichtglanzhöhe als Göttlich-Geistiges den Menschen sich geoffenbart hatte, das empfand der Grieche durch den Menschen selbst sprechend. Das religiöse Leben hat sich im griechischen Dasein eng an den Menschen gebunden. Der Mensch in Griechenland fühlte dasjenige, was er selber war an Gestalt, an innerem Leben, gottdurchdrungen, gottdurchsetzt. Nicht mehr in Lichtglanzhöhen sah er hinein, sondern in den Wunderbau des Menschen selber. Er hatte somit nicht mehr jenes starke Schauen des Göttlich-Geistigen, was der Orientale hatte, sondern, ich möchte sagen, ein schwächeres Schattenbild des Himmlisch-Geistigen. Aber wer wirklich sich hineinversetzen kann in griechische Dichtung, in griechische Kunst, in griechische Philosophie, der kann wissen, für den Griechen war das doch eine Grundempfindung, durch die er sich sagte: Der Mensch, der hier auf der Erde wandelt, der nicht nur ein Zusammenfluß ist desjenigen, was Augen schauen in der äußeren Sinneswelt, der ist ein Zeuge für das Vorhandensein eines Göttlich-Geistigen. Und der Mensch, der hier auf der Erde wandelt, der nicht irdischen Ursprunges sein konnte für den Griechen, der ist unmittelbar ein Zeugnis für das Walten des Zeus, für das Walten der Athene in geistigen Welten.
[ 14 ] And if we move from this Eastern triad of human ideals in religion, art, and science over to the Greeks—who then found a prosaic and meager echo in the Romans—we find these three ideals further developed. What had previously, I might say, revealed itself to humanity from the heights of radiant light as the divine-spiritual, the Greeks perceived as speaking through humanity itself. Religious life in Greek existence was closely bound to humanity. The person in Greece felt that which he himself was in form and inner life—pervaded and imbued with the divine. He no longer looked into the heights of radiant light, but into the wondrous structure of the human being himself. He thus no longer possessed that intense vision of the divine-spiritual that the Oriental had, but, I might say, a fainter shadow-image of the heavenly-spiritual. But anyone who can truly immerse themselves in Greek poetry, in Greek art, in Greek philosophy, can understand that for the Greeks this was, after all, a fundamental feeling through which they said to themselves: The human being who walks here on earth—who is not merely a convergence of what the eyes perceive in the external sensory world—is a witness to the existence of the divine-spiritual. And the human being who walks here on earth—who, for the Greeks, could not have been of earthly origin—is a direct testimony to the reign of Zeus, to the reign of Athena in spiritual worlds.
[ 15 ] Der Grieche hat in Menschengestalt und innerer menschlicher Lebensentwickelung das hehrste Zeugnis gesehen für das göttlich-geistige Walten in der Welt. Und so vermenschlichte der Grieche seine Götter, weil er den Menschen selber noch in seiner Göttlichkeit empfand.
[ 15 ] The Greeks saw in the human form and in the inner development of human life the most sublime testimony to the divine-spiritual forces at work in the world. And so the Greeks humanized their gods, because they still perceived human beings themselves as divine.
[ 16 ] Es ist etwas ganz anderes, wenn der Grieche seine Götter vermenschlicht, als wenn etwa der moderne Mensch in einem untergeordneten Anthropomorphismus seinen Gottmenschen vorstellt. Denn für den Griechen lebte eben noch in dem Menschen ein Zeugnis für das Göttliche. Der Grieche konnte sich noch sagen: Wäre nicht ein Göttliches, die Welt durchwebend und durchwallend, so könnte nicht der Mensch so vor mir stehen, wie er dasteht. - Die Religion war einbezogen in das Erfassen des Menschen. Der Mensch wurde in bezug auf dasjenige, was er sich nicht selber geben konnte, aber als was er dastand in der Welt, in entsprechender Weise verehrt. Nicht das alltägliche menschliche Tun, nicht das eitle menschliche Erdenstreben, aber das, was mit dem Menschen in das irdische Leben hereingestellt war, das wurde in entsprechender Weise verehrt. Und diese Verehrung, die man für das Menschenwesen hatte, die weitete sich aus zu der Verehrung der göttlich-geistigen Welt. Und das künstlerische Ideal war bei den Griechen so, daß der Grieche auf der einen Seite sein Göttlich-Geistiges empfand, bezeugt durch das Dasein des Menschen auf Erden, auf der andern Seite empfand er stark, wie es beim Orientalen noch nicht der Fall war, die Gesetze der sinnlich-physischen Natur, die Gesetze von Harmonie und Disharmonie, die Gesetze vom Maß, die Gesetze des Lastens und Tragens der Materialien. Und während der Orientale, ich möchte sagen, noch ungeschickt war in der Bewältigung des Materials, während er nur allegorisierend und symbolisierend ausdrücken konnte das ihn überflutende, überwuchernde Geistige, so daß das Geistige, das durch irgendein Sinnliches im Kunstwerke in der alten orientalischen Welt zum Ausdrucke kam, immer viel weiter, mächtiger, gewaltiger war, als was in der sinnlichen Form ungeschickt zum Ausdrucke kommen konnte, strebte der Grieche darnach, alles, was er im Geiste erfassen konnte, auch hineinzugießen in dasjenige, was er nun schon von der sinnlich-physischen Welt erkannte.
[ 16 ] It is quite different when the Greek anthropomorphizes his gods than when, for example, modern man creates a mental image of his God-man in terms of a subordinate anthropomorphism. For the Greek, a testimony to the divine still lived within man. The Greeks could still say to themselves: If there were not something divine interweaving and surging through the world, human beings could not stand before me as they do. — Religion was integrated into the understanding of the human being. Human beings were revered in a manner appropriate to what they could not give themselves, yet as what they were in the world. Not everyday human activity, not vain human striving on earth, but that which was brought into earthly life through the human being—that was revered in a fitting manner. And this reverence for the human being extended to reverence for the divine-spiritual world. And the artistic ideal among the Greeks was such that, on the one hand, the Greek sensed his divine-spiritual nature, attested to by the existence of the human being on earth; on the other hand, he strongly sensed—unlike the Oriental—the laws of sensory-physical nature, the laws of harmony and disharmony, the laws of proportion, the laws of loading and bearing materials. And while the Oriental, I might say, was still unskilled in mastering the material—while he could express the spiritual forces overwhelming and overgrowing him only through allegory and symbolism—so that the spiritual, when expressed through some sensory form in a work of art in the ancient Oriental world, was always far more more powerful, and more majestic than what could be clumsily expressed in the sensory form, the Greeks strove to pour everything they could grasp in the spirit into that which they had already come to recognize in the sensory-physical world.
[ 17 ] Bei ihm durfte die Säule nicht dicker sein, als sie sein mußte, um die Tragkraft zu entwickeln für das, was auf ihr lag. Es durfte nicht, wie bei der orientalischen Kunst, dasjenige, was sinnlicher Ausdruck für das Geistige war, in ungeschickter Weise die physisch-sinnlichen Gesetze darstellen, sondern es mußten die sinnlich-physischen Gesetze in ihrer Vollkommenheit ergriffen werden. Der Geist mußte sozusagen mit der physischen Sinnlichkeit eineEhe auf gleich und gleich eingehen. So viel Geist, so viel sinnlich-physische Gesetzmäßigkeit ist in einem griechischen Tempel, und so viel Ausdrucksfähigkeit des Materials als Geistigkeit durch dieses Material zur Offenbarung kommt, ist in einer griechischen Statue. Und so fließen die Verse des Homer, daß in dem Fluß der Menschensprache unmittelbar sich offenbart der Fluß der Göttersprache. Der Dichter fühlte, indem er seine Worte gestaltete, daß aus dem, was aus den Sprachgesetzen selber fließt, alles bewältigt werden muß, daß nichts ungeschickt bleiben darf, nichts stammelnd sein darf, wie es noch in der orientalischen Hymnuspoesie der Fall ist, sondern daß alles einen dem Geiste adäquaten Ausdruck finden muß: Völlige Bewältigung der physisch-sinnlichen Gesetze der Kunstmaterialien durch den Menschen, damit nichts mehr vom Geiste sich offenbart, was nicht in den sinnlichen Formen selbst erscheint.
[ 17 ] For him, a column was not allowed to be any thicker than was necessary to provide the load-bearing capacity required for what rested upon it. Unlike in Oriental art, where the sensual expression of the spiritual was allowed to represent the physical-sensual laws in a clumsy manner, the physical-sensual laws had to be grasped in their perfection. The spirit had to, so to speak, enter into a marriage of equals with physical sensuality. There is as much spirit and as much physical-sensual regularity in a Greek temple as there is expressive power in the material—and as much spirituality revealed through that material—in a Greek statue. And so the verses of Homer flow in such a way that the flow of the language of the gods is immediately revealed in the flow of human language. As the poet shaped his words, he felt that everything must be mastered from what flows from the laws of language themselves; that nothing may remain clumsy, nothing may be stammering, as is still the case in Oriental hymn poetry, but that everything must find an expression adequate to the spirit: Complete mastery by man of the physical and sensory laws governing artistic materials, so that nothing of the spirit is revealed that does not appear in the sensory forms themselves.
[ 18 ] So wie der Grieche dem Menschen gegenüber empfand, daß er ein Zeugnis ist des Göttlichen, so mußte auch das Kunstwerk des Tempels, das Kunstwerk der Statue ein unmittelbares Zeugnis sein für das Walten des Göttlichen, allerdings nunmehr aus der menschlichen Phantasie heraus. Man konnte es dem Tempel ansehen, daß derjenige, der ihn gebaut hat, alle Gesetze des sinnlich-physischen Materials bemeistert hat, damit er in jeder Äußerung dieses physisch-sinnlichen Materials hat wiedergeben können, was er im Verkehre mit den Göttern in sich, in seine menschliche Wesenheit hat einfließen lassen.
[ 18 ] Just as the Greeks viewed human beings as a testament to the divine, so too must the artwork of the temple—the artwork of the statue—be a direct testament to the workings of the divine, albeit now arising from the human imagination. One could see from the temple that the one who built it had mastered all the laws of sensory-physical material, so that in every expression of this physical-sensory material he could reproduce what he had allowed to flow into himself—into his human being—through his communion with the gods.
[ 19 ] Und die ältesten Tragödien der Griechen, sie waren durchaus so, daß die dargestellten Wesen eigentlich Nachbildungen des Göttlichen, des Apollohaften, des Dionysoshaften waren und daß der Chor ringsherum eine Art Widerklang der Natur war, eine Art Echo des göttlich-geistigen Waltens. Mit Menschen als dem adäquaten Material wollte man in der Tragödie ausdrücken, was in den Götterwelten vor sich geht, aber so, daß nicht, wie bei dem Orientalen, man immer, ich möchte sagen, mit dem geistigen Auge hinaufsehen muß in eine höhere Region, als diejenige ist, in der sich das sinnliche Bild befindet, sondern daß man auf demselben Niveau bleiben kann, wo die Menschen die Tragödie darstellen, um in jeder Geste, in jedem Worte, in jedem Rezitativ des Chores etwas wahrzunehmen, worin Göttliches in einer ihm angemessenen sinnlichen Weise weiterflutete. Das war das künstlerische Ideal der Griechen.
[ 19 ] And the earliest Greek tragedies were such that the beings portrayed were in fact representations of the divine, of the Apollonian, of the Dionysian, and that the chorus surrounding them was a kind of resonance of nature, a kind of echo of divine-spiritual power. Using human beings as the appropriate material, tragedy sought to express what takes place in the worlds of the gods, but in such a way that—unlike in Eastern traditions—one does not always have to, I might say, have to look up with the spiritual eye into a higher region than that in which the sensory image is located, but rather that one could remain on the same level where the actors perform the tragedy, in order to perceive in every gesture, every word, and every recitative of the chorus something in which the divine continued to flow in a sensory manner appropriate to it. That was the artistic ideal of the Greeks.
[ 20 ] Und das wissenschaftliche Ideal? Nicht mehr hat der Grieche in solcher Lebendigkeit empfunden wie der Orientale, daß in den Ideen, in den Gedanken Götter zu ihm sprachen. Er hat schon etwas von dem vernommen, daß der Mensch sich anstrengen muß, um sich Gedanken zu machen. Aber wie er den Menschen selbst, der auf Erden wandelte, in seiner Gestalt und in seinem inneren Leben als ein unmittelbar wandelndes Zeugnis des Göttlichen empfand, so empfand er den Gedanken so real wie eine Sinneswahrnehmung. Wie er das Rot oder das Blau oder das Cis oder das G unmittelbar wahrnahm, so nahm er seine Gedanken wahr, nahm sie wahr in der äußeren Welt, wie die Augen, die Ohren die Sinneswahrnehmungen empfangen. Dadurch wußte er zwar vom Logos nicht mehr in jener Konkretheit, in einer so konkreten Sprache, wie es der Orientale wußte; es schrieb der Grieche nicht mehr Veden, von denen der Orientale das Gefühl hatte, die Götter hätten sie ihm in die Gedanken hineingeführt. Der Grieche wußte, daß er seine Gedanken ausarbeiten muß, wie man weiß, daß man mit den Augen herumschauen muß, um den Umkreis sinnlich wahrzunehmen. Aber es wußte der Grieche doch noch, daß diese Gedanken, die er erarbeitete, die in die Natur gelegten göttlichen Gedanken sind. Und so war ihm der Gedanke das irdische Zeugnis für die göttliche Sprache. Während der Orientale die göttliche Sprache noch selber hörte, empfand der Grieche die Sprache schon als eine Menschensprache, aber er empfand sie als das unmittelbare Zeugnis der Göttersprache, wie sie ihm auf Erden eben bezeugt wird.
[ 20 ] And what of the scientific ideal? No one felt as vividly as the Orientals that the gods spoke to them through ideas and thoughts. He had already sensed something of the fact that human beings must make an effort to form thoughts. But just as he perceived human beings themselves—who walked the earth—in their form and inner life as an immediate, living testimony to the divine, so he perceived thought as real as a sensory perception. Just as he directly perceived red or blue or the note C-sharp or the letter G, so he perceived his thoughts; he perceived them in the external world, just as the eyes and ears receive sensory perceptions. Consequently, he no longer knew the Logos with that same concreteness, in such concrete language, as the Easterners did; the Greeks no longer wrote the Vedas, which the Easterners felt the gods had implanted in their minds. The Greek knew that he had to work out his thoughts, just as one knows that one must look around with one’s eyes in order to perceive one’s surroundings through the senses. But the Greek still knew that these thoughts he worked out were the divine thoughts embedded in nature. And so, for him, thought was the earthly testimony to the divine language. While the Oriental still heard the divine language himself, the Greek already perceived the language as a human language, but he perceived it as the immediate testimony to the language of the gods, as it is attested to him here on earth.
[ 21 ] So war Wissenschaft für den Griechen etwas göttlich-geistig Eingegebenes, etwas, dem man noch ansehen konnte, daß es von dem Göttlich-Geistigen auf die Erde geschickt ist, wie der Mensch selbst in seiner Gestalt, in seinem inneren Erleben von den göttlichen Kräften auf die Erde gestellt wird. Wir sehen, wie sich das religiöse, das künstlerische, das wissenschaftliche Ideal im Laufe der Menschheitsentwikkelung von der uralt orientalischen Welt zu der griechischen Welt hin verändert hat.
[ 21 ] For the Greeks, science was thus something divinely and spiritually inspired, something in which one could still see that it had been sent to Earth from the divine and spiritual realm, just as human beings themselves, in their physical form and inner experience, are placed on Earth by the divine forces. We see how the religious, artistic, and scientific ideals have changed in the course of human development, from the ancient Oriental world to the Greek world.
[ 22 ] Wir stehen nun wiederum an einem Punkte - und die Menschheitsentwickelung des zivilisierten Westens ist, wie ich Ihnen öfter ausgeführt habe, seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts an diesen Punkt herangekommen -, wo die Notwendigkeit an den Menschen herantritt, den uralt heiligen Idealen, dem religiösen, dem künstlerischen, dem Erkenntnisideal neue Gestalten zu geben. Das war es, was ich zum Ausdrucke bringen wollte, als wir den ersten Hochschulkurs in unserem Goetheanum eröffneten. Zum Ausdrucke bringen wollte ich, daß dieses Goetheanum dasteht, weil aus den inneren Gesetzen der menschlichen Entwickelung selber folgt, daß das religiöse, das künstlerische, das Erkenntnisideal neue Gestalten - selbst gegenüber den griechischen großartigen Gestalten - annehmen müsse.
[ 22 ] We have now once again reached a point—and the development of humanity in the civilized West, as I have often explained to you, has been approaching this point since the first third of the 15th century—where humanity is faced with the necessity of giving new form to the ancient, sacred ideals: the religious, the artistic, and the ideal of knowledge. That was what I wanted to express when we opened the first university course at our Goetheanum. I wanted to express that this Goetheanum stands here because it follows from the inner laws of human development itself that the religious, artistic, and cognitive ideals must take on new forms—even in contrast to the magnificent forms of ancient Greece.
[ 23 ] Das ist es, was einen mit einer so furchtbaren Wehmut erfüllt, wenn man heute die Ruine sicht anstelle desjenigen, was in Form und Farbe, was in jeder Linienführung, in jeder Holzform zum Ausdruck bringen wollte, wie aus dem Innersten der menschheitlichen Seelenentwickelung die drei großen Ideale neu sich gestalten sollten. Mit Wehmut nur, mit tiefstem Schmerze kann man die Stätte schauen, die so hätte sprechen sollen von der Erneuerung der drei großen Ideale der Menschheit, und die heute in einer Ruine dasteht, so dasteht, daß wir nur im Herzen tragen können, was in diesen Bau hineingelegt worden ist. Denn, wenn es sich auch als eine Möglichkeit darstellen sollte, daß hier ein Bau wiederum aufgeführt würde: der alte Bau ganz gewiß nicht! Und in der Weise, wie durch den alten Bau gesprochen worden ist, wird eben nicht wiederum durch einen Bau gesprochen werden können.
[ 23 ] This is what fills one with such terrible melancholy when, today, one sees the ruins in place of that which, in form and color, in every line, in every wooden shape, sought to express how the three great ideals were to take new form from the very depths of humanity’s spiritual evolution. It is with nothing but melancholy, with the deepest sorrow, that one can look upon this site, which should have spoken so eloquently of the renewal of humanity’s three great ideals, and which now stands in ruins—stands in such a way that we can only carry within our hearts what was once embodied in this building. For even if it were to become possible for a building to be erected here once more, it would certainly not be the old one! And in the way that the old building spoke, no other building will ever be able to speak again.
[ 24 ] Deshalb sollen wir um so tiefer in unsere Gemüter schreiben, was eigentlich durch diesen Bau für die drei großen Ideale der Menschheit gemeint war. Wir können heute nicht sagen, daß so wie dem instinktiven Hellsehen des Orientalen das Göttlich-Geistige anschaulich uns entgegenleuchtet wie eine äußere sinnliche Wesenheit oder daß die Göttertaten sich darstellen vor dem Seelenauge des Menschen, wie sich die sinnenfälligen Taten im Sinnlichen oder im alltäglichen Leben vor uns abspielen. Aber wenn wir diejenige Vertiefung in Natur- und Menschendasein in uns lebendig machen, die wir lebendig machen können durch anthroposophisches Denken und Fühlen, dann tritt uns die Welt, dann tritt uns der Kosmos, das Universum noch in einer andern Form entgegen, als sie dem Griechen entgegengetreten sind.
[ 24 ] That is why we should engrave even more deeply in our minds what this structure was actually intended to represent for the three great ideals of humanity. We cannot say today that, just as in the instinctive clairvoyance of the Easterners, the divine-spiritual shines vividly before us like an external, sensory being, or that the deeds of the gods appear before the soul’s eye of human beings just as sensory deeds unfold before us in the sensory world or in everyday life. But when we bring to life within ourselves that deep immersion in natural and human existence—which we can bring to life through anthroposophical thinking and feeling—then the world, the cosmos, and the universe appear to us in a form different from the one in which they appeared to the Greeks.
[ 25 ] Wenn der Grieche seinen Blick in die Natur hinausgerichter hat, wenn er seinen Blick auf den äußerlich-physisch wandelnden Menschen gerichtet hat, dann hatte er gewissermaßen die Empfindung: Wenn hier der Quell fließt, sich der Berg erhebt, den die Wolke krönt, dort die Sonne aufgeht im Morgenröteglanz, sich der Regenbogen wölbt — durch das alles spricht das Göttlich-Geistige. Der Grieche hat von der Natur so viel gesehen, daß er in allem das Göttlich-Geistige empfindend hat erleben können. Aber seine Naturanschauung war eine solche, daß er in ihr befriedigt war, daß er gewissermaßen seine vollmenschliche Befriedigung fühlte an dem, was er von Natur sah.
[ 25 ] When the Greek turned his gaze out toward nature, when he directed his gaze toward human beings undergoing outward, physical change, he had, in a sense, the feeling: When the spring flows here, when the mountain rises, crowned by the cloud, when the sun rises there in the glow of dawn, when the rainbow arches—through all of this, the divine-spiritual speaks. The Greeks had seen so much of nature that they were able to experience the divine-spiritual in everything. But their view of nature was such that they found satisfaction in it; they felt, as it were, their full human fulfillment in what they saw in nature.
[ 26 ] Ich habe öfter hervorgehoben, daß man mit Recht von einem Fortschritt in der Naturerkenntnis spricht, und gerade Anthroposophie ist geeignet, die wahre Bedeutung des naturwissenschaftlichen Fortschrittes der letzten Jahrhunderte einzusehen. Ich habe das ja oft betont. Nicht irgendein laienhaftes Abkritisieren der Naturwissenschaft, der Naturanschauung, des Sich-Vertiefens in die Natur kann der Anthroposophie naheliegen, sondern allein ein wirkliches liebevolles Vertiefen. Ja, meine lieben Freunde, in bezug auf die Natur haben die Menschen in den letzten Jahrhunderten viel, viel gelernt. Und wenn man dasjenige, was gelernt worden ist, vertieft, so bekommt man aus einer Naturanschauung heraus — wie ich Ihnen gerade von dieser Stätte aus, hier von diesem Platze aus oftmals auseinandergesetzt habe — die Einsicht in des Menschen wiederholte Erdenleben, die Einsicht in die Umwandlung der Natur. Man bekommt einen perspektivischen Blick in Zukunftszeiten, wo der Mensch wieder beleben wird, was er durch seine Sinne und durch seine Seele und durch seinen Geist in der Gegenwart erlebt.
[ 26 ] I have often emphasized that it is right to speak of progress in our understanding of nature, and anthroposophy is particularly well-suited to grasping the true significance of scientific progress over the past few centuries. I have indeed often emphasized this. It is not some amateurish criticism of the natural sciences, of the view of nature, or of delving deeply into nature that is close to the heart of anthroposophy, but rather a genuine, loving immersion. Yes, my dear friends, when it comes to nature, people have learned a great deal over the past few centuries. And when one delves deeper into what has been learned, one gains—from a view of nature, as I have often explained to you right here from this very spot—an insight into humanity’s repeated earthly lives and an insight into the transformation of nature. One gains a perspective on future times, when human beings will once again bring to life what they experience in the present through their senses, their soul, and their spirit.
[ 27 ] Und man bekommt durch eine richtige Vertiefung in die Natur eine andere Anschauung, eine andere Totalauffassung von der Natur, als der Grieche sie hatte. Man möchte sagen, der Grieche sah die Natur an wie ein ausgewachsenes Wesen, das ihm die Herrlichkeit der göttlich-geistigen Welt offenbarte. Der moderne Mensch kann nicht mehr so die Natur anschauen. Wenn wir überall auf das hinschauen, was wir heute von den Naturwesen empfinden können, mit all unseren vorzüglichen Instrumenten, mit all unseren vorzüglichen Werkzeugen, dann erscheint uns die Natur samt dem natürlichen Menschen als etwas, was keimhaft ist, was in seinem Schoße etwas trägt, das erst in der Zukunft sich entfalten kann.
[ 27 ] And by truly immersing oneself in nature, one gains a different perspective, a different holistic view of nature than the Greeks had. One might say that the Greeks viewed nature as a fully developed being that revealed to them the glory of the divine-spiritual world. Modern people can no longer view nature in this way. When we look at everything we can perceive today in the natural world—with all our exquisite instruments and all our exquisite tools—nature, together with human beings as natural beings, appears to us as something embryonic, something that carries within its bosom something that can only unfold in the future.
[ 28 ] Der Grieche sah jede Pflanze als etwas an, was unmittelbar so, wie es sich darlebt, ein vollkommenes Dasein hatte, weil der Gott der Pflanze in der einzelnen Pflanze lebt. Wir sehen die Pflanze an als etwas, aus dem in der Natur ein Höheres werden muß; wir sehen in allem, wo wir hinblicken, heute ein Keimhaftes. Und uns erscheint in dem, was wir heute nicht in der fertigen, sondern ich möchte sagen in der zukunftsschwangeren, zukunftsträchtigen Natur sehen, in alledem schauen wir etwas, demgegenüber wir beginnen uns zu sagen: Ein Göttliches waltet in der Natur und muß walten, weil es die keimhafte Natur zu einer einstmals vollkommenen Gestaltung bringen wird.
[ 28 ] The Greeks regarded every plant as something that, just as it is, possessed a perfect existence, because the god of the plant lives within each individual plant. We regard the plant as something from which something higher must emerge in nature; today, wherever we look, we see something in its embryonic stage. And in what we see today—not in nature as it is fully formed, but, I would say, in nature that is pregnant with the future and full of promise—in all of this we see something that leads us to say to ourselves: A divine power reigns in nature and must reign, because it will bring this embryonic nature to a form that was once perfect.
[ 29 ] Wir haben genauer hinsehen gelernt auf die Natur. Wenn der Grieche den Vogel gesehen hat, sehen wir in der Natur das Ei. Während der Grieche das fertige Wesen gesehen hat, sehen wir überall die Anlagen. Und eine richtige Naturanschauung hat heute derjenige, der hingerissen werden kann mit seiner ganzen Seele, mit seinem ganzen Herzen, mit seinem ganzen Gemüte von der Keimhaftigkeit, von der Anlagehaftigkeit der Natur.
[ 29 ] We have learned to look more closely at nature. Whereas the Greeks saw the bird, we see the egg in nature. While the Greeks saw the finished being, we see the potential everywhere. And today, a true view of nature is held by those who can be captivated with their whole soul, with their whole heart, with their whole mind by the germinative nature, by the potential inherent in nature.
[ 30 ] Das ist die andere Seite der heutigen Naturerkenntnis. Wenn man anfängt, religiös in das Mikroskop zu sehen, wenn man anfängt, religiös in das Teleskop zu sehen, so merkt man überall Keimzustände. Die Genauigkeit des Naturanschauens läßt uns die Natur im Embryonalzustand sehen, läßt uns die Natur sehen als überall schaffend, läßt uns die Natur sehen als überall der Zukunft zueilend. Das ergibt ein neues religiöses Ideal.
[ 30 ] This is the other side of our current understanding of nature. When one begins to look through the microscope with a religious eye, when one begins to look through the telescope with a religious eye, one perceives embryonic states everywhere. The precision of our observation of nature allows us to see nature in its embryonic state, to see nature as creative everywhere, and to see nature as rushing toward the future everywhere. This gives rise to a new religious ideal.
[ 31 ] Dieses religiöse Ideal wird allerdings nur derjenige haben können, der auch in dem einzelnen Menschenleben erblickt —- wie wir das oftmals dargestellt haben hier an diesem Orte —, was ihm als keimhaft erscheint für künftige andersgeartete menschliche Erden- und Weltenleben.
[ 31 ] However, this religious ideal can only be attained by those who—as we have often explained here—recognize in each individual human life what appears to them as the seed for future, different kinds of human lives on Earth and in other worlds.
[ 32 ] Der Grieche hat gewissermaßen in dem Menschen den Zusammenfluß des ganzen Kosmos gesehen, aber des gegenwärtigen Kosmos. Der alte Orientale hat in dem Menschen den Zusammenfluß der ganzen kosmischen Vergangenheit gesehen. Wir fühlen in dem Menschen den Keim des Zukünftigen. Das gibt dem neuen religiösen Ideal seine Färbung.
[ 32 ] In a sense, the Greeks saw in human beings the convergence of the entire cosmos—but of the present cosmos. The ancient Orientals saw in human beings the convergence of the entire cosmic past. We sense in human beings the seed of the future. This gives the new religious ideal its character.
[ 33 ] Und gehen wir zu dem Künstlerischen über, dann finden wir, wenn wir heute uns in die Natur vertiefen und nicht stehenbleiben bei den toten Konturen, nicht stehenbleiben bei den abstrakten Ideen, sondern uns mit lebendiger Seele hineinvertiefen in die Formen der Natur ja, was finden wir dann? Meine lieben Freunde, Sie haben es gesehen an den Kapitälen, die ich geben konnte unseren Säulen, Sie haben es gesehen an den Architravmotiven, welche die Säulen krönten drüben: das entstand nicht durch Beobachtung der Natur, das entstand durch Miterleben mit der Natur. Die Natur bringt Formen hervor, die aber auch anders sein könnten; die Natur fordert uns überall auf, ihre Formen in andere zu wandeln, zu metamorphosieren. Wer Natur nur beobachtet, kopiert sie, verfällt in Naturalismus. Wer die Natur erlebt, wer die Linien der Pflanzen, die Farben der Pflanzen nicht bloß anschaut, sondern innerlich erlebt, für den schlüpft aus jeder Pflanze, aus jeder Gesteinsform, aus jeder Tierform eine andere heraus, die er dem Material einprägen kann. Man macht es nicht so wie der Grieche, der gewissermaßen in der Technik des Materials den Geist ganz ausdrücken wollte, man ringt mit den Formen der Natur und schafft aus den Formen der Natur selbständige Formen heraus, nicht in symbolisch-allegorischer Weise wie bei den Orientalen, auch nicht in solch adäquater Weise wie bei den Griechen, aber so, daß in der sinnlichen Offenbarung sich unmittelbar etwas ausdrückt, was in jeder Linie, was in jeder Farbe hinstrebt zu dem Göttlichen. Bei den Orientalen drückte sich gewissermaßen durch das Symbolum, durch das Allegorische das Göttliche aus, strahlte heraus wie eine Aura, wie eine Wolke, so daß das Göttlich-Geistige die Formen überquellte, die Formen überwucherte, daß es mehr sagte als die Formen. Wir modernen Menschen müssen Kunstwerke schaffen, bei denen die Form mehr sagt als die Natur sagt, aber ganz natürlich spricht, so daß jede einzelne Linie, jede einzelne Farbe wie ein Naturgebet wird zu dem Göttlichen, Wir ringen gewissermaßen der Natur diejenigen Formen ab, durch welche die Natur selber verehren kann das Göttliche, Wir sprechen gewissermaßen künstlerisch zur Natur.
[ 33 ] And if we turn to the artistic realm, then when we immerse ourselves in nature today—not stopping at lifeless contours, not stopping at abstract ideas, but delving into the forms of nature with a living soul—yes, what do we find? My dear friends, you have seen it in the capitals I was able to give to our columns; you have seen it in the architrave motifs that crowned the columns over there: this did not arise from observing nature; it arose from experiencing nature firsthand. Nature produces forms that could, however, be different; nature challenges us everywhere to transform its forms into others, to metamorphose them. Those who merely observe nature copy it and fall into naturalism. Those who experience nature—who do not merely look at the lines and colors of plants but experience them inwardly—will find that from every plant, every rock formation, and every animal form, another emerges, which they can imprint upon the material. One does not do as the Greeks did, who, in a sense, sought to fully express the spirit through the technique of the material; one wrestles with the forms of nature and creates independent forms out of the forms of nature themselves—not in a symbolic-allegorical way as with the Orientals, nor in such an adequate way as with the Greeks, but in such a way that something is immediately expressed in the sensory revelation, something that in every line, in every color, strives toward the divine. Among the Orientals, the divine expressed itself, so to speak, through the symbolic and the allegorical; it radiated forth like an aura, like a cloud, so that the divine-spiritual overflowed the forms, overgrew the forms, and said more than the forms themselves. We modern people must create works of art in which form says more than nature does, yet speaks quite naturally, so that every single line, every single color becomes a prayer of nature to the divine. We wrest from nature, as it were, those forms through which nature itself can worship the divine; we speak to nature, as it were, artistically.
[ 34 ] Eigentlich möchte jede Pflanze, jeder Baum in einem Gebete aufblicken zu einem Göttlichen. Wir sehen es der Physiognomie des Baumes, der Physiognomie der Pflanze an. Aber die Ausdrucksmöglichkeiten der Pflanze, des Baumes, sind nicht groß genug. Sie liegen veranlagt in Baum und Pflanze. Holen wir heraus, was in Baum und Pflanze, in Wolke und Stein an Linienführung, an Farbe, an innerer Lebendigkeit lebt, prägen wir es dem Baumaterial, prägen wir es dem Bildhauermaterial ein, dann spricht durch unser Kunstwerk die Natur zu den Göttern. Wir entdecken den Logos in der Natur. Und uns erscheint in unserer Kunst eine höhere Natur als die Natur draußen, eine Natur, die nun ihrerseits auf ganz natürliche Weise den Logos hinaufströmen läßt zu der göttlich-geistigen Welt.
[ 34 ] In truth, every plant and every tree longs to look up in prayer toward the Divine. We can see this in the physiognomy of the tree, in the physiognomy of the plant. But the means of expression available to the plant and the tree are not sufficient. They are inherent in the tree and the plant. If we draw out what lives in trees and plants, in clouds and stones—in their lines, their colors, their inner vitality—and imprint it upon the building material or the sculptor’s material, then nature speaks to the gods through our work of art. We discover the Logos in nature. And in our art, a higher nature than the nature outside appears to us—a nature that, in turn, allows the Logos to flow upward in a completely natural way toward the divine-spiritual world.
[ 35 ] In den orientalischen Kunstwerken strömte der Logos herunter, und einen stammelnden Ausdruck nur fand er in dem menschlichen Kunstmaterial. Unsere Kunstformen müssen wirkliche Sprachformen sein, die diejenige Sprache sprechen, welche die Natur sprechen möchte, wenn sie an ihr Ziel kommen könnte. Das ist das künstlerische Ideal, jenes künstlerische Ideal, welches sich hinstellt neben das religiöse Ideal, welches die Natur in ihren Anlagen, in ihren Keimungen sieht.
[ 35 ] In Oriental works of art, the Logos flowed down, and found only a stammering expression in the human material of art. Our art forms must be true forms of language, speaking the very language that nature would speak if it could reach its goal. This is the artistic ideal—that artistic ideal which stands alongside the religious ideal, which sees nature in its predispositions, in its budding potential.
[ 36 ] Und das dritte ist unser wissenschaftliches Ideal, jenes Ideal, welches nicht mehr, wie beim Orientalen, den Gedanken als etwas empfindet, was unmittelbar der Gott in die Seele raunt. Unser modernes Gedanken- oder Ideenideal kann auch nicht mehr so wie der Grieche Gedanken empfinden als ein im Menschen entstehendes Zeugnis für das Göttliche; wir finden auf rein menschliche Weise, durch menschliche Arbeit den Gedanken, durch menschliche innere Seelenarbeit. Haben wir uns aber so zu den Gedanken aufgeschwungen, daß wir nichts von Egoismus, nichts von Selbstsucht, nichts von innerer Leidenschaftlichkeit, die eingenommen ist für das oder jenes, also nichts von menschlicher Parteinahme für das eine oder andere Urteil in den Gedanken einfließen lassen, haben wir uns als Mensch dazu aufgeschwungen, den Gedanken in derjenigen Form in uns zu erleben, die er selber annehmen will, dann fühlen wir uns nicht wie den Former, wie den Macher des Gedankens, sondern wie den innerlichen Seelenschauplatz, durch den der Gedanke in uns selber sich auslebt. Und dann empfinden wir das Große gegenüber den Gedanken, die wir selber uns gebildet haben, gegenüber den Ideen, die wir scheinbar selber in uns geschaffen haben, ohne Selbstsucht, ohne Parteinahme für das eine oder andere Urteil. Dann werden wir überrascht: die Ideen, die wir so gebildet haben, sind würdig, das Göttliche abzubilden. Wir entdecken hinterher, wie der in unserer eigenen Brust geformte Gedanke würdig ist, das Göttliche abzubilden. Wir entdecken zuerst den Gedanken und entdecken nachher: Der Gedanke ist ja der Logos! Während du selbstlos deinen Gedanken in dir sich selber formen lässest, hast du dir durch die Selbstlosigkeit die Möglichkeit geschaffen, daß der Gott der Schöpfer deines Gedankens war. - Was der Orientale als Offenbarung des Gedankens empfand, was der Grieche als Zeugnis empfand durch den Gedanken, das empfinden wir als eine lebendige Entdeckung: wir haben den Gedanken, und er kündigt sich uns hinterher als dasjenige an, was den Gott ausdrücken darf. Das ist unser wissenschaftliches Ideal.
[ 36 ] And the third is our scientific ideal—that ideal which no longer, as with the Oriental, perceives thought as something that God whispers directly into the soul. Nor can our modern ideal of thought or ideas, like that of the Greeks, perceive thoughts as a testimony to the divine arising within the human being; we discover thought in a purely human way, through human labor—through the inner work of the human soul. But once we have elevated ourselves to thought in such a way that we allow nothing of egoism, nothing of self-interest, nothing of inner passion—which is partial to this or that— —that is, nothing of human partiality toward one judgment or another—then, as human beings, we have risen to the point of experiencing the thought within us in the form it itself wishes to assume; then we do not feel like the shaper or the creator of the thought, but rather like the inner spiritual stage through which the thought plays itself out within us. And then we perceive the greatness of the thoughts we ourselves have formed, of the ideas we seem to have created within ourselves—without selfishness, without taking sides in favor of one judgment or another. Then we are surprised: the ideas we have formed in this way are worthy of reflecting the Divine. We discover afterward how the thought formed within our own breast is worthy of reflecting the Divine. We discover the thought first and realize afterward: The thought is, in fact, the Logos! While you selflessly allow your thought to take shape within you, you have, through that selflessness, created the possibility that God was the Creator of your thought. - What the Easterners perceived as a revelation of thought, what the Greeks perceived as a testimony through thought, we perceive as a living discovery: we have the thought, and it reveals itself to us afterward as that which is permitted to express God. That is our scientific ideal.
[ 37 ] Und so stehen wir in der Menschheitsentwickelung darinnen, erfassend den Zeitpunkt, in dem wir innerhalb der Menschheitsentwickelung leben, und wissen: Es muß uns gelingen, nicht bloß anzuschauen das menschliche Haupt mit den Ohren an der Seite, mit dem Kehlkopf, mit den verkrüppelten Schulterblättern, sondern es muß uns gelingen, indem wir die Form der Natur umbilden, daß aus dem Wachsen der Schulterblätter, aus dem Verweben des Kehlkopfes mit den Ohren, Eines entsteht aus Brust, Kopf, Flügel, Kehlkopf und Ohr, was uns als luziferische Gestalt erscheint.
[ 37 ] And so, in the course of human evolution, we stand here, grasping the moment in which we live within that evolution, and we know: We must succeed not merely in observing the human head with the ears on the sides, with the larynx, with the stunted shoulder blades, but we must succeed—by transforming the form of nature—in bringing about, out of the growth of the shoulder blades and the interweaving of the larynx with the ears, a single entity comprising chest, head, wings, larynx, and ear—a being that appears to us as a Luciferic figure.
[ 38 ] Wir gelangen dazu, dasjenige Künstlerische in der Natur zu sehen, was in der Natur die Form leben läßt, so daß ein höheres Leben der Form herauskommt, als es in der Natur selber ist.
[ 38 ] We come to see the artistic aspect of nature—that which brings form to life in nature—so that a higher life of form emerges than exists in nature itself.
[ 39 ] Dadurch aber sind wir auch imstande, die Natur noch da zu verfolgen, wo sie selber metamorphosierend den Menschen umgestaltet. Wir sind imstande, diese Kunst hineinzutragen in das pädagogisch-didaktische Feld. Da, wo das Kind jeden Tag ein anderes wird, da tragen wir in das pädagogische Arbeiten die künstlerische Schaffenskraft hinein, weil wir sie zunächst in der Kunst selber so ergriffen haben, daß wir in dieser Kunst sehen die über sich selber hinauswirkende, den Logos produzierende Natur. Wir lernen an der Quelle, die mehr wird als Quelle, die zu den Göttern spricht, wir lernen an dem Baum, der mehr ist als Baum, weil er durch seine Äste nur in Gebärden stammelt, während er in denjenigen Formen, die aufgehen vor der modernen künstlerischen Phantasie, mit seinen Ästengebärden, mit seinen Kronengebärden zu den Göttern hinaufweist, wir lernen an dem Kosmos, indem wir seine Formen metamorphosierend so umgestalten, wie sie umzugestalten versucht worden sind in unserem Goetheanum, wir lernen daran, wie wir von Tag zu Tag an dem Kinde mitzuwirken haben, um dasjenige umzuschaffen, was sich eben am Kinde von Tag zu Tag umschafft. Wir sind dadurch imstande, die Kunst in die Menschheitsbehandlung, in die Pädagogik hineinzutragen. Und so auf andern Gebieten.
[ 39 ] But this also enables us to trace nature even to those places where it itself, through metamorphosis, transforms human beings. We are able to bring this art into the field of education and teaching. Where the child becomes a different person every day, there we bring artistic creativity into our educational work, because we have first grasped it in art itself in such a way that we see in this art a nature that acts beyond itself and produces the Logos. We learn from the spring that becomes more than a spring, that speaks to the gods; we learn from the tree that is more than a tree, because through its branches it stammers only in gestures, while in those forms that unfold before the modern artistic imagination, with its branch gestures and its crown gestures, it points upward toward the gods; we learn from the cosmos by metamorphosing its forms in the way they have been attempted to be reshaped in our Goetheanum; we learn from this how we must cooperate with the child day by day to reshape that which is itself being reshaped in the child from day to day. Through this, we are able to bring art into the treatment of humanity, into pedagogy. And so it is in other fields.
[ 40 ] So aufgefaßt, entstehen die drei neu belebten großen Ideale der Menschheit vor des Anthroposophen Seele: das religiöse Ideal, das künstlerische Ideal, das Erkenntnisideal. Durch die Formen des Goetheanum sollte sich der Anthroposoph begeistert fühlen zum Erleben dieser Neugestaltung der hehren großen Menschenideale. Das müssen wir jetzt still in unsere Seelen einschreiben. Aber wir müssen uns daraus Begeisterung holen. Und wenn wir uns Begeisterung holen für das, was uns in dieser Weise durch die drei Ideale zum Göttlich-Geistigen erhebt, dann wird uns das irdische höchste Ideal daraus. Wenn im Evangelium gesagt wird: Liebe deinen Nächsten als dich selbst und Gott über alles -, so muß auf der andern Seite gesagt werden: Wer das Göttlich-Geistige so ansieht, wie es im Sinne der drei in die Gegenwart hereinversetzten Ideale von dem modernen Menschen angesehen werden muß, der lernt das Göttlich-Geistige lieben, denn er fühlt, daß er nicht Mensch sein kann, wenn er sich nicht mit aller ihm nur möglichen Liebe hingibt an diese drei Ideale. Dann aber fühlt er sich mit denen, die diese Liebe in gleicher Weise nach oben schicken können, auch in gleicher Weise vereint. Er lernt das Göttlich-Geistige über alles lieben und dann seinen Nächsten als sich selbst, aus der Liebe zum Göttlichen. Und die Ranküne kommt nicht auf.
[ 40 ] Viewed in this way, the three great, revitalized ideals of humanity arise before the soul of the anthroposophist: the religious ideal, the artistic ideal, and the ideal of knowledge. Through the forms of the Goetheanum, the anthroposophist should feel inspired to experience this reformation of the noble, great human ideals. We must now quietly inscribe this in our souls. But we must draw enthusiasm from it. And when we draw enthusiasm for what, in this way, elevates us to the divine-spiritual through the three ideals, then this becomes our highest earthly ideal. When the Gospel says, “Love your neighbor as yourself and God above all else,” then it must also be said on the other hand: Whoever views the divine-spiritual as it must be viewed by modern humanity in the light of the three ideals brought into the present, learns to love the divine-spiritual, for he feels that he cannot be human unless he devotes himself to these three ideals with all the love he is capable of. But then he feels united in the same way with those who can send this love upward in the same manner. He learns to love the divine-spiritual above all else and then his neighbor as himself, out of love for the divine. And resentment does not arise.
[ 41 ] Das aber ist dasjenige, was die einzelnen Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zu einem Ganzen zusammenhalten kann. Das brauchen wir in der Gegenwart. Wir haben es eben erlebt, daß wir die Phase durchgemacht haben in der Anthroposophischen Gesellschaft, welche das Anthroposophische in einzelne Zweige des Lebens hat ausfließen lassen: in das Pädagogisch-Didaktische, in andere praktische Lebensformen, in das Künstlerische und so weiter. Wir brauchen heute einen Zusammenschluß. Wir haben ausgezeichnete Waldorf-Lehrer, ausgezeichnet Wirkende auf andern Gebieten. Wir brauchen heute bei allen denen, die auf ihren einzelnen Posten ihr Bestes geben, auch, daß sie nun den Weg finden, damit die Quellen des anthroposophischen Lebens selber neu fließen. Das brauchen wir heute.
[ 41 ] But this is precisely what can hold the individual members of the Anthroposophical Society together as a whole. That is what we need today. We have just experienced a phase within the Anthroposophical Society in which anthroposophy has flowed into individual branches of life: into education and teaching, into other practical areas of life, into the arts, and so on. Today we need unity. We have excellent Waldorf teachers and outstanding practitioners in other fields. Today, we also need all those who are doing their best in their individual roles to find a way to allow the sources of anthroposophical life to flow anew. That is what we need today.
[ 42 ] Und weil wir es brauchen, weil wir brauchen, daß Zeugnis abgelegt werde durch die führenden anthroposophischen Persönlichkeiten für das Bewußtsein, daß gegenwärtig eine Neubelebung der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig ist, tritt diese Versammlung in Stuttgart in den nächsten Tagen zusammen, und man muß, wenn man es ehrlich meint mit der Anthroposophischen Gesellschaft, die denkbar größten Hoffnungen für dasjenige haben, was in diesen nächsten Tagen in Stuttgart geschieht. Denn nur dann, wenn diejenigen Persönlichkeiten, die dort auftreten werden, Töne finden werden für dies oder jenes, die herausklingen aus einer wahren, tatkräftigen Begeisterung für die drei großen Ideale, die zu gleicher Zeit in Liebe ausfließende Ideale sind, nur dann, wenn Garantie dafür vorhanden ist durch die Kraft und den Inhalt der Worte, die da gesprochen werden, kann gehofft werden, daß die Anthroposophische Gesellschaft ihr Ziel erreicht. Denn dasjenige, was da zutage tritt, wird eben dann in weiteren Kreisen ebenfalls zutage treten müssen.
[ 42 ] And because we need it—because we need the leading figures in anthroposophy to bear witness to the realization that a revitalization of the Anthroposophical Society is currently necessary—this gathering in Stuttgart will convene in the coming days, and if one is sincere about the Anthroposophical Society, one must have the greatest possible hopes for what will take place in Stuttgart over the next few days. For only if the individuals who will speak there find the right words for this or that—words that resonate with a genuine, active enthusiasm for the three great ideals, which are at the same time ideals that flow from love—only if this is guaranteed by the power and substance of the words spoken there, can we hope that the Anthroposophical Society will achieve its goal. For what comes to light there will then inevitably come to light in wider circles as well.
[ 43 ] Für mich selber wird es sich ergeben, was ich zu tun habe, je nachdem wie diese Stuttgarter Tagung ausfällt. Erwartungsvoll sieht man ihr entgegen. Sie bitte ich, insofern Sie vielleicht nicht hinfahren, mit kraftvollen Gedanken dabei zu sein. Denn es handelt sich um ein Dabeisein bei einem wichtigen Momente, um das tatkräftige Sich-Einsetzen auf einem gesunden Boden für die der heutigen Menschheit notwendigen großen Ideale, jene großen Ideale, von denen uns nicht eine menschliche Willkürschrift spricht, sondern diejenige Schrift, die aus der ganzen Entwickelung, aus dem Sinn der ganzen Entwickelung der Erdenmenschheit selber so klar zu uns spricht, wie die Tagessonne zu dem wachen Menschen spricht. Wollen wir in dieser Weise Begeisterung anfachen in unseren Seelen, dann wird Begeisterung zu Taten werden. Und Taten brauchen wir.
[ 43 ] As for me, it will become clear what I need to do depending on how this conference in Stuttgart turns out. We look forward to it with great anticipation. I ask you—in case you are unable to attend—to be there in spirit with your powerful thoughts. For this is about being present at a crucial moment, about actively committing ourselves, on a sound foundation, to the great ideals necessary for humanity today, those great ideals of which we are told not by some arbitrary human text, but by the very text that speaks to us so clearly from the entire course of development—from the very meaning of the entire development of humanity on Earth—just as the midday sun speaks to the awake human being. If we kindle enthusiasm in our souls in this way, then enthusiasm will turn into action. And action is what we need.
