Anthroposophical Community Building
GA 257
27 February 1923, Stuttgart
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Anthroposophical Community Building, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Die Stimmung, aus der heraus ich heute zu Ihnen spreche, ist nicht dieselbe, aus der es mir vergönnt war, es in früheren Zeiten zu tun; denn seit dem Silvesterabend des Jahres 1922 auf 1923 steht im Hintergrunde dieser Stimmung das furchtbare Bild des brennenden Goetheanums. Es ist ja so, daß der Schmerz, das Leid, das verbunden sein muß für denjenigen, der aus der Sache der Anthroposophie heraus dieses Goetheanum liebte, ein so großer und so gearteter ist, daß er durch Worte nicht ausgedrückt werden kann. Es könnte vielleicht scheinen, als ob die Empfindung berechtigt wäre, daß eine ins Geistige blickende Bewegung, wie es unsere anthroposophische ist, keinen so tiefen Grund haben sollte, zu trauern über ein äußeres Denkmal ihres Wesens. Aber mit dem Goetheanum, das wir verloren haben, steht es doch etwas anders. Es war nicht ein beliebiger äußerer Bau für unsere anthroposophische Sache. Ich habe es oftmals während der fast zehnjährigen Arbeit am Bau auseinanderzusetzen gehabt, wie das, was bei einer andern, ähnlichen Gelegenheit, bei dem Bau eines Heimes für eine geistige oder sonstige Bewegung sonst wohl hätte der Fall sein können, nicht hat sein können bei unserer anthroposophischen Bewegung. Denn hier handelte es sich nicht nur darum, so sagte ich oftmals, daß man eine geistige Bewegung hat, die durch ihre Vergrößerung in einer Reihe von opferwilligen, hingebungsvollen Persönlichkeiten die Absicht hervorbringt, ihr eine eigene Heimstätte zu bauen, die in diesem oder jenem herkömmlichen Stile hätte aufgeführt werden sollen. Hier handelte es sich darum, daß Anthroposophie auf einem geistigen Boden steht, der nicht in einseitiger Weise irgendeine religiöse oder Erkenntnis- oder künstlerische Bewegung ist, sondern eine umfassende Bewegung, die sich nach diesen verschiedenen Seiten der größten Menschheitsideale, dem religiös-moralischen, dem künstlerischen und dem Erkenntnisideale offenbaren will. Und so konnte gar nicht die Absicht entstehen, einen beliebig gestalteten Bau der anthroposophischen Bewegung zu errichten, sondern es mußte aus denselben Quellen, aus denen die anthroposophischen Ideen gestaltet werden als Ausdruck geistiger Anschauung für die Erkenntnisbewegung der Anthroposophie, auch in künstlerischer Weise dieser Bau aufgeführt werden. Und während fast zehn Jahren haben viele Freunde, mir zur Seite stehend, in jeder einzelnen Linienform, in jeder äußeren Gestaltung des Architektonischen und Plastischen, in jeder Farbengebung das äußerlich zu verkörpern, zu verbildlichen gesucht, was aus den Quellen anthroposophischer Anschauung, anthroposophischen Lebens und anthroposophischen Wollens kommt. In jede Linienführung, in jede plastische Form, in jede Farbe war hineingelegt diese Anschauung, dieses Leben. Und innig verbunden war dieser Bau mit demjenigen, was auch sonst nach der Erkenntnisseite, nach der künstlerischen Seite innerhalb der anthroposophischen Bewegung arbeiten, wirken wollte. Die Freunde, welche zum Beispiel Eurythmievorstellungen im Dornacher Goetheanumbau gesehen haben, sie werden wohl den Eindruck bekommen haben, wie gewissermaßen alles dasjenige, was aus der inneren Architektur und aus der Innenbildlichkeit des Zuschauerraumes, des Bühnenraumes antwortete auf die Bewegungen der Eurythmie, in innigster Harmonie mit diesen Bewegungen stand. Man konnte wohl den Eindruck haben, daß aus den Bau- und plastischen Formen heraus die Bewegungen der Menschen auf der Bühne selber geboren werden. Stand man am Podium und sprach man so recht herzlich aus dem anthroposophischen Geiste heraus, so war jede Linienführung, jede Formgestaltung dasjenige, was einem entgegenkam, was mitsprach. Das war angestrebt worden. Gewiß, es ist für das erste Mal ein Versuch gewesen, aber es ist angestrebt worden, und es konnte wohl empfunden werden. Und darum ist es so, daß derjenige, der seine Arbeit an dieses Dornacher Goetheanum gewendet hat, die Empfindungen, die er hineingelegt hat in diese Arbeit, mit von den Flammen, die da sengten am Silvesterabend, selbst verzehrt findet. Gerade das intime Zusammensein anthroposophischen Fühlens und anthroposophischen Wollens mit diesen Formen, die so sehr aus der unmittelbaren Anschauung und für diese Anschauung künstlerisch gestaltet waren, die sich niemals ersetzen lassen durch irgendwelche Gedankenformen, durch irgendwelche Interpretationen, das macht den Schmerz über den Verlust zu einem so ungeheuer tiefen. Das muß aber auch einziehen in die Erinnerung, die diejenigen haben können, welche das Goetheanum liebgewonnen haben, welche diesen intimen Einklang empfunden haben. Und in einer gewissen Weise müssen wir es aufrichten als eine Erinnerung in unseren Herzen. Wir müssen gewissermaßen, während wir auf der einen Seite durch die erwähnte Intimität obdachlos geworden sind, ein geistiges Obdach in unseren Herzen um so intersiver suchen an Stelle desjenigen, was wir verloren haben. Wir müssen mit allen Mitteln danach streben, in unseren Herzen für die Ewigkeit diesen Bau aufzurichten, der uns für das äußere künstlerische Empfinden genommen worden ist. Aber im Hintergrunde von alledem, was weiterhin gewirkt werden kann auf dem Felde der Anthroposophie, steht dennoch diese furchtbare Flamme, in die alle Teilflammen zusammenschlugen um Mitternacht vom 31. Dezember zum 1. Januar. Und es verbrannte schon, wenn auch nicht ein Stück der lebendigen geistigen Anthroposophie, so doch ein großes Stück Arbeit, welche zu leisten wir bestrebt waren für das Anthroposophische in unserer Gegenwart.
[ 1 ] The mood in which I speak to you today is not the same as that in which I was once able to do so in earlier times; for ever since New Year’s Eve 1922–1923, the terrible image of the burning Goetheanum has loomed in the background of this mood. The fact is that the pain and suffering that must be felt by those who loved this Goetheanum out of a commitment to the cause of anthroposophy are so great and of such a nature that they cannot be expressed in words. It might perhaps seem as though the feeling were justified that a movement focused on the spiritual, such as our anthroposophical one, should have no such deep reason to mourn the loss of an external monument to its essence. But with the Goetheanum that we have lost, the situation is somewhat different. It was not just any external building for our anthroposophical cause. During the nearly ten years of work on the building, I often had to grapple with the fact that what might otherwise have been the case on another, similar occasion—such as the construction of a home for a spiritual or other movement—could not be the case for our anthroposophical movement. For here, as I often said, it was not merely a matter of having a spiritual movement that, through its growth among a group of self-sacrificing, devoted individuals, gave rise to the intention of building it a home of its own—one that should have been constructed in this or that conventional style. What was at stake here was that anthroposophy stands on spiritual ground that is not, in a one-sided way, merely any religious, epistemological, or artistic movement, but rather a comprehensive movement that seeks to manifest itself through these various aspects of humanity’s greatest ideals: the religious-moral, the artistic, and the epistemological. And so there could be no question of erecting a building for the anthroposophical movement designed at random; rather, this building had to be realized artistically from the very same sources from which anthroposophical ideas are shaped—as an expression of spiritual insight for the epistemological movement of anthroposophy. And for nearly ten years, many friends, standing by my side, sought to embody and visualize externally—in every single line, in every external architectural and sculptural form, and in every color scheme—what springs from the sources of anthroposophical insight, anthroposophical life, and anthroposophical will. This perspective, this life, was infused into every line, every sculptural form, and every color. And this building was intimately connected with that which, in other ways as well—on the side of knowledge and on the artistic side—sought to work and take effect within the anthroposophical movement. Those who, for example, have seen eurythmy performances in the renovated Goetheanum in Dornach will likely have had the impression that, in a sense, everything—from the inner architecture and the interior imagery of the auditorium and the stage—responded to the movements of the eurythmy and stood in the deepest harmony with those movements. One could well have had the impression that the movements of the people on stage were born directly out of the architectural and sculptural forms themselves. When one stood at the podium and spoke with genuine warmth from the spirit of anthroposophy, every line, every form was there to meet one, to speak along with one. That had been the intention. Certainly, it was an experiment for the first time, but it was the intention, and it could certainly be felt. And that is why the one who dedicated his work to this Goetheanum in Dornach finds the feelings he poured into this work themselves consumed by the flames that raged there on New Year’s Eve. It is precisely this intimate union of anthroposophical feeling and anthroposophical will with these forms—forms that were so deeply rooted in direct perception and artistically shaped for that very perception, forms that can never be replaced by any thought forms or interpretations—that makes the pain of this loss so profoundly deep. But this must also find its way into the memories of those who have come to love the Goetheanum, who have felt this intimate harmony. And in a certain sense, we must raise it up as a memory in our hearts. In a sense, while on the one hand we have been left homeless by the intimacy mentioned, we must seek all the more intensely a spiritual shelter in our hearts to replace what we have lost. We must strive by every means to erect in our hearts, for eternity, this edifice that has been taken from us in terms of our outer artistic sensibility. But in the background of all that can still be accomplished in the field of anthroposophy stands, nevertheless, that terrible flame into which all the smaller flames converged at midnight on December 31st into January 1st. And though not a single fragment of living, spiritual anthroposophy was consumed, a great deal of the work we had strived to accomplish for anthroposophy in our time was indeed burned.
[ 2 ] Ich glaube, daß dasjenige, was da erlebt worden ist, vor allen Dingen, wenn es in der richtigen Weise sich einwurzelt in den Herzen unserer anthroposophischen Freunde, aus dem Schmerze, aus der Trauer heraus doch auch eine Kraft wiederum geben kann zu alledem, wozu wir für die anthroposophische Arbeit in der nächsten Zeit aufgerufen sind. Es ist im Leben doch schon so, daß wenn eine Anzahl von Menschen sich sagen muß, wir haben ein gemeinsames Unglück getragen, das auch in einer gewissen Weise bindet, so daß von der andern Seite wiederum Stärke und Kraft kommen kann zu gemeinsamem, wirksamem Tun. Und aus Erlebnissen heraus, nicht aus grauen Theorien, nicht aus abstrakten Gedanken sollen ja die Kräfte kommen, welche uns beseelen sollen zu anthroposophischem Wirken.
[ 2 ] I believe that what has been experienced there—especially if it takes root in the right way in the hearts of our anthroposophical friends—can, out of the pain and grief, still give us the strength to carry out all that we are called upon to do for anthroposophical work in the coming period. After all, it is a fact of life that when a group of people must say to one another, “We have borne a shared misfortune,” this creates a bond of a certain kind, so that strength and power can in turn arise from the other side for joint, effective action. And it is from lived experiences—not from dreary theories, not from abstract thoughts—that the forces should arise which are to inspire us to anthroposophical work.
[ 3 ] Meine lieben Freunde, ich möchte diese Dinge doch hinzufügen zu jenem Thema, das ich mir für diese beiden Tage wählen mußte, zu der Schilderung der Bedingungen einer anthroposophischen Gemeinschaftsbildung. Ich möchte sie deshalb hinzufügen, weil sie, abgesehen davon, daß sie so tief eingegraben sind im Herzen, auf eine derjenigen Tatsachen hinweisen, die wir gar sehr vor unser Seelenauge stellen sollten in diesen Tagen. In das Goetheanum ist viel von Opfersinn, viel von hingebungsvoller Arbeit hineingeströmt; und die Impulse zu diesem Opfersinn, zu dieser hingebungsvollen Arbeit, sie sind in den zwei Jahrzehnten, seit wir Anthroposophie treiben, überall da, wo eben Anthroposophie gelebt hat, entstanden. Sie gingen hervor aus den Herzen, die für Anthroposophie begeistert waren. Und das Goetheanum war eine Tat der Gemeinschaft anthroposophisch gesinnter Menschen. Wenn heute aus verschiedensten Untergründen heraus nachgedacht wird und nachgedacht werden muß, wie die Anthroposophische Gesellschaft regeneriert werden soll, so darf auf der andern Seite nicht vergessen werden, daß die Anthroposophische Gesellschaft ein zwei Jahrzehnte langes Leben hatte, daß da manches Schicksalserlebnis in gemeinsamem Tun und gemeinsamem Trachten von immerhin einer großen Anzahl von Menschen sich zugetragen hat, daß Anthroposophische Gesellschaft nicht etwas ist, was wir heute etwa neu gründen können; denn Geschichte, wirkliche Geschichte, erlebte Geschichte, gewirkte Geschichte läßt sich nicht auslöschen. Es läßt sich heute nicht ein Anfang mit einer Sache machen, die vor zwei Jahrzehnten angefangen hat. Vor einem diesbezüglichen Mißverständnisse sollten wir uns hüten, wenn wir hier an den Verhandlungen teilnehmen. Derjenige, der im Laufe der Zeit sich hinzugefunden hat zur Anthroposophischen Gesellschaft, der hat gewiß an ihr Mannigfaltiges auszusetzen, und mit vollem Recht. Und rechte und gewichtige Worte sind in dieser Hinsicht hier gesprochen worden. Aber zu bedenken ist doch, daß Anthroposophische Gesellschaft etwas ist, was gewirkt hat. Und es gibt immerhin in dieser Anthroposophischen Gesellschaft genug Menschen, welche heute als gewichtiges, inhaltsschweres, weil lebensschweres und trauer- und leidschweres Wort aussprechen können: Uns ist gemeinsam unser liebes Goetheanum verbrannt.
[ 3 ] My dear friends, I would like to add these points to the topic I had to choose for these two days: the description of the conditions for building an anthroposophical community. I would like to add them because, apart from the fact that they are so deeply rooted in the heart, they point to one of those realities that we should very much keep before our inner eye these days. A great deal of a spirit of sacrifice and a great deal of devoted work have flowed into the Goetheanum; and the impulses for this spirit of sacrifice and this devoted work have arisen over the two decades since we began practicing anthroposophy, wherever anthroposophy has been lived. They sprang from hearts that were inspired by anthroposophy. And the Goetheanum was an achievement of the community of anthroposophically minded people. While today, from a wide variety of perspectives, people are reflecting—and must reflect—on how the Anthroposophical Society should be revitalized, we must not forget, on the other hand, that the Anthroposophical Society existed for two decades, that many fateful experiences took place through the joint efforts and shared aspirations of, after all, a large number of people, and that the Anthroposophical Society is not something we can simply reestablish today; for history—real history, lived history, history that has been shaped—cannot be erased. We cannot start anew today with something that began two decades ago. We should guard against any misunderstanding in this regard as we participate in these proceedings. Those who have found their way to the Anthroposophical Society over time certainly have many criticisms of it—and quite rightly so. And just and weighty words have been spoken here in this regard. But we must bear in mind that the Anthroposophical Society is something that has made a difference. And there are, after all, enough people in this Anthroposophical Society who can speak today with weight and depth—because it is a matter of life, grief, and suffering—saying: “Our beloved Goetheanum has burned down for all of us.”
[ 4 ] Es ist doch ein Unterschied, ob man 1917 in die Gesellschaft eingetreten ist und später oder ob man so zu ihr gestanden hat, daß man dieses leiddurchtränkte Wort aus einem längeren, tiefsten inneren Erleben heraus heute zu sich sagen kann. Unter dem Eindruck dieser Tatsache sollten eigentlich unsere Verhandlungen stehen. Dann wird dennoch etwas, und zwar Bedeutungsvolles hinwegschwinden von denjenigen Empfindungen, die wiederum aus berechtigten Untergründen heraus manche unserer Freunde hier in diesen Tagen gesprochen haben. Es klang an mein Ohr - gewiß, ich fühlte die Berechtigung - das Wort: Nach alledem, was ich hier gehört habe, kann ich jetzt, wenn ich nach Hause komme, nicht mehr in derselben Weise von Anthroposophie sprechen, wie ich das konnte, als ich noch voller Illusionen war. Ich sage, es schwindet doch etwas weg von diesem Worte, wenn man bedenkt, was Menschen, die seit zwei Jahrzehnten Anthroposophen sind, miteinander erlebt und in der letzten Zeit miteinander erlitten haben, weil dieses Leiden das Endglied eines langen Seins in der Anthroposophischen Gesellschaft war. Und das sollte man auch empfinden, daß das auch jene Sorgen nicht hinwegwischen können, die wir jetzt in diesen Tagen empfinden. Das ist doch etwas, was bleibt. Das würde selbst bleiben, wenn die Ereignisse hier noch viel schlimmer verliefen, als sie sich gezeigt haben. Müssen wir denn gleich über der Oberfläche das Tiefere vergessen? Wir dürfen es gerade nicht innerhalb einer geistigen Bewegung, die aus den Tiefen des menschlichen Herzens und der menschlichen Seele hervorgeht. Sonnenlos - auch die Sonne verfinstert sich -, sonnenlos in der entsprechenden Bedeutung des Wortes ist dasjenige nicht, was in die Welt als anthroposophische Bewegung getreten ist. Das hindert natürlich nicht, daß jetzt doch die Dinge so genommen werden müssen innerhalb dieses Kreises, wie sie sich darbieten, gerade um für Anthroposophie das richtige Gefäß in einer wirklichen Anthroposophischen Gesellschaft wiederum zu gewinnen. Aber die Stimmung brauchen wir, aus der heraus das allein getan werden kann.
[ 4 ] There is, after all, a difference between joining the Society in 1917 and joining it later, and between having been so deeply committed to it that one can say this sorrow-filled phrase to oneself today, drawn from a long and profound inner experience. Our discussions should actually be guided by this fact. Then, nevertheless, something—and indeed something significant—will fade away from those sentiments that, based on legitimate grounds, some of our friends here have expressed in recent days. It struck me—and certainly, I felt it was justified—when I heard the words: “After everything I have heard here, when I return home, I can no longer speak of anthroposophy in the same way as I did when I was still full of illusions.” I say that something does fade away from these words when one considers what people who have been anthroposophists for two decades have experienced together and have suffered together in recent times, because this suffering was the final link in a long journey within the Anthroposophical Society. And one should also feel that even the concerns we are experiencing these days cannot wipe that away. That is something that endures. It would endure even if the events here had turned out to be far worse than they actually were. Must we, then, forget what lies deeper just because of what is on the surface? We must not do so, especially within a spiritual movement that springs from the depths of the human heart and soul. Sunless—even the sun is eclipsed—but in the true sense of the word, what has entered the world as the anthroposophical movement is not sunless. Of course, this does not prevent us from having to accept things within this circle as they present themselves, precisely in order to regain the proper vessel for anthroposophy within a true Anthroposophical Society. But we need the spirit from which this alone can be accomplished.
[ 5 ] Ich kann natürlich heute nicht alles berühren, was in Betracht kommt. Ich will mich bemühen, in den beiden Vorträgen so viel als möglich zu berühren von dem, was jetzt gesagt werden soll. Es kann aber nicht alles gesagt werden, doch möchte ich auf zwei Dinge ganz besonders hinweisen: auf die drängende Not nach Gemeinschaftsbildung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft und auf jenes Symptom, welches hineingekommen ist in diese anthroposophische Bewegung durch die außerordentlich befriedigende Jugendbewegung. Aber auf anthroposophischem Boden muß eben manches anders angesehen werden als anderswo. Man wäre eben nicht auf diesem von vielen so ersehnten Boden, wenn man nicht die Dinge anders ansehen könnte, als sie sonst im heutigen Leben angesehen werden.
[ 5 ] Of course, I can’t cover everything that’s relevant today. I will endeavor to cover as much as possible in these two lectures of what needs to be said now. It is not possible to say everything, but I would like to draw particular attention to two things: the urgent need to build community within the Anthroposophical Society, and that symptom which has crept into this anthroposophical movement through the extraordinarily gratifying youth movement. But on anthroposophical ground, many things must be viewed differently than elsewhere. One would simply not be on this ground—so longed for by many—if one could not view things differently than they are otherwise viewed in today’s life.
[ 6 ] Gemeinschaftsbildung! Es ist vor allen Dingen im höchsten Grade merkwürdig, daß das Ideal der Gemeinschaftsbildung ganz besonders in unserer Gegenwart auftritt. Aus einer elementarischen, aus einer tiefen Empfindung vieler Menschenseelen heraus ergibt sich heute das Ideal der Gemeinschaftsbildung, eines ganz bestimmten Verhältnisses von Mensch zu Mensch mit dem Impuls des Zusammenwirkens. Als vor einiger Zeit eine Anzahl jüngerer Theologen zu mir kam, die auf dem Wege nach dem Seelsorgerberufe waren, da war vor allen Dingen der Impuls in ihnen nach einer religiösen Erneuerung, nach einer solchen religiösen Erneuerung, die durchströmt wird von der wirklichen Christus-Kraft, einer religiösen Erneuerung, die viele Menschenseelen der Gegenwart so ergreifen kann, wie sie ergriffen sein wollen, wie sie aber nicht ergriffen werden können innerhalb der traditionellen religiösen Bekenntnisse der Gegenwart. Und ich mußte ein Wort aussprechen, auf das mir außerordentlich viel anzukommen scheint bei der Entwickelung dieser religiösen Erneuerungsströmung, ich mußte das Wort aussprechen: Es muß in rechtem Sinne gesucht werden nach Gemeinschaftsbildung, nach einem Elemente im religiösen und Seelsorgerwirken, das Menschen an Menschen bindet. - Und ich sagte zu den Freunden, die zu mir gekommen sind: Mit abstrakten Worten, mit der Predigt im gewöhnlichen Sinne, mit den spärlichen gottesdienstlichen Handlungen, die vielfach heute noch übriggeblieben sind in dem oder jenem Bekenntnisse, kann man nicht gemeinschaftsbildend auf religiösem Boden wirken. - Dasjenige, was auch in dem Religiösen immer mehr und mehr nach dem Intellektualistischen sich hinbewegt, hat bewirkt, daß wahrhaft eine nicht geringe Anzahl heutiger Predigten ganz und gar durchsetzt von einem rationalistischen, intellektualistischen Element ist. Durch dasjenige, was heute so an die Menschen herankommt, werden diese nicht zusammengebunden, sondern im Gegenteil vereinzelt, ihre soziale Gemeinschaft wird atomisiert. Und das muß begreiflich erscheinen dem, der ja weiß: das Rationelle, das Intellektuelle, das kann ich mir erwerben als einzelne menschliche Individualität. Ich kann mir, wenn ich nur eine bestimmte Bildungsstufe in meiner individuellen menschlichen Entwickelung erreicht habe, ohne mich anzulehnen an andere Menschen, das Intellektualistische erwerben und kann es in mir immer weiter und weiter vervollkommnen. Denken kann man allein, Logik treiben kann man allein, und man wird es sogar vielleicht um so vollkommener tun, je mehr man es allein tut. Man hat sogar das Bedürfnis, möglichst sich zurückzuziehen von der Welt, auch von der Welt der Menschen, wenn man in rein logischem Denken verharrt. Aber der Mensch ist zu solcher Einsamkeit denn doch nicht allein veranlagt. Und wenn ich mich heute bemühen will, in bildhafter, nicht intellektualistischer Weise dasjenige zu verdeutlichen, was in den Tiefen der Menschenherzen nach Gemeinschaftsleben sucht, so muß das aus dem Grunde geschehen, weil wir im Übergange zu der Ausbildung der Bewußtseinsseele in der menschlichen Natur leben, weil unser Leben immer bewußter und bewußter werden muß. Bewußter werden heißt nicht intellektualistischer werden. Bewußter werden heißt, man kann nicht mehr beim bloß instinktiven Erleben stehenbleiben. Aber gerade auf anthroposophischem Boden muß versucht werden, dasjenige, was in bewußte Klarheit heraufgehoben wird, dennoch in vollem elementarischem Leben, ich möchte sagen in einem Leben, das gleichgeartet ist für menschliches Empfinden dem naiven Wahrnehmen und Empfinden, darzustellen. Das muß gelingen. Nun gibt es eine Art von Gemeinschaft im menschlichen Leben, die für alle offenkundig ist, die über den ganzen Erdball hin zeigt, daß die Menschheit auf Gemeinschaft angelegt ist. Eine Gemeinschaft, auf die auch im heutigen Kultur-, ja politischen und wirtschaftlichen Leben überall, und zwar zumeist in einer sehr schädlichen Weise hingewiesen wird, von der man aber lernen kann, wenn auch in primitiver Weise.
[ 6 ] Community-building! It is, above all, most remarkable that the ideal of community-building is emerging so prominently in our time. Arising from a fundamental, deep-seated feeling in many human souls, the ideal of community-building emerges today—a very specific relationship between people driven by the impulse to work together. When, some time ago, a number of younger theologians came to me who were on the path to becoming pastors, what stood out above all was the impulse within them toward a religious renewal—a renewal imbued with the true power of Christ, a renewal capable of moving many people’s souls today in the way they long to be moved, yet cannot be moved within the traditional religious denominations of our time. And I had to speak a word that seems to me to be of extraordinary importance for the development of this current of religious renewal; I had to speak the word: We must seek, in the true sense, the formation of community—an element in religious and pastoral work that binds people to one another. - And I said to the friends who had come to me: With abstract words, with sermons in the ordinary sense, with the sparse liturgical practices that in many cases still remain today in one denomination or another, one cannot work to build community on religious ground. - The trend within religion itself toward increasing intellectualism has resulted in a truly significant number of today’s sermons being thoroughly permeated by a rationalistic, intellectualistic element. What reaches people today does not bind them together; on the contrary, it isolates them, and their social community becomes fragmented. And this must seem understandable to those who know that the rational and the intellectual are qualities I can acquire as an individual human being. Once I have reached a certain level of education in my individual human development, I can acquire intellectualism without relying on other people, and I can continue to perfect it within myself further and further. One can think alone, one can engage in logic alone, and one may even do so all the more perfectly the more one does it alone. One even feels the need to withdraw as much as possible from the world—including the world of human beings—when one remains immersed in purely logical thinking. But human beings are not, after all, predisposed solely to such solitude. And if I wish to endeavor today to illustrate, in a pictorial rather than an intellectualistic way, that which seeks community life in the depths of human hearts, it must be done for the reason that we are living in the transition to the development of the conscious soul in human nature, because our lives must become ever more conscious. Becoming more conscious does not mean becoming more intellectual. Becoming more conscious means that one can no longer remain at the level of mere instinctive experience. But precisely on anthroposophical ground, we must strive to portray that which is raised to conscious clarity in a way that is nonetheless full of elemental life—I would say, in a life that, for human feeling, is akin to naive perception and feeling. This must succeed. Now there is a kind of community in human life that is evident to everyone, one that extends across the entire globe and shows that humanity is inherently communal. A community that is also referred to everywhere in today’s cultural—indeed, political and economic—life, mostly in a very harmful way, but from which one can learn, even if only in a primitive way.
[ 7 ] Das Kind in den ersten Lebensjahren wird in eine menschliche Gemeinschaft hineingeführt, die eine reale, konkrete menschliche ist, ohne die es nicht leben kann. Es ist die Gemeinschaft der menschlichen Sprache. In der Sprache haben wir, ich möchte sagen, die uns von der Natur vor das Seelenauge gestellte Gemeinschaftsform. Durch die Sprache, insbesondere durch die Muttersprache, die sich dem menschlichen Gesamtwesen einimpft in der Zeit, da noch der kindliche Ätherleib ungeboren ist, wird das erste Gemeinschaftsbildende an den Menschen herangebracht. Und es ist nur Schuld unseres rationalistischen Zeitalters, daß man zwar in agitatorisch-politischer Weise heute die Sprachen der Völker empfindet und die Volkstümer nach den Sprachen empfindet, daß man aber gar nicht die tiefen, intimen Seelenkonfigurationen, die ungeheuren Schicksalswerte und Karmawerte, die an die Sprache und ihren Genius gebunden sind, beachtet als die natürliche Grundlage des Schreiens des Menschen aus seiner Naturanlage heraus nach Gemeinschaft. Was wären wir, wenn wir aneinander vorbeigehen müßten, ohne daß wir das gleiche Seelenleben ertönend finden in einem gleichlautenden Worte bei einem andern, in einem Worte, in das auch wir hineinlegen können dieses unser eigenes Seelenleben? Und wir brauchen ein jeder nur ein wenig Selbsterkenntnis zu üben, so werden wir das erreichen können, was ich hier der Kürze der Zeit willen nicht entwickeln kann, eine Überschau über alles dasjenige, was wir für eine erste, primitivste menschliche Gemeinschaftsbildung der Sprache verdanken.
[ 7 ] In the first years of life, the child is introduced into a human community—a real, concrete human community—without which it cannot live. It is the community of human language. In language, we have—I would say—the form of community that nature has placed before the eye of the soul. Through language, especially through the mother tongue, which is instilled in the whole human being at a time when the child’s etheric body is still unborn, the first community-forming element is brought to the human being. And it is solely the fault of our rationalistic age that, while people today perceive the languages of the peoples—and the national characters—in an agitational, political manner, they fail entirely to take into account the deep, intimate soul configurations, the immense values of destiny and karma that are bound up with language and its genius, are not regarded as the natural foundation of humanity’s cry for community, arising from its innate nature. What would we be if we had to pass each other by without finding the same soul life resounding in a word of the same sound spoken by another—a word into which we, too, can pour our own soul life? And if each of us were to practice just a little self-knowledge, we would be able to achieve what I cannot elaborate on here due to time constraints: an overview of everything we owe to language as the first, most primitive form of human community-building.
[ 8 ] Aber es gibt etwas Tieferes noch, wenn auch zwar seltener im Leben Auftretendes als die menschliche Sprache. Die menschliche Sprache ist wohl etwas, was auf einem gewissen äußeren Niveau die Menschen zum Gemeinschaftsleben bindet, aber nicht ganz tief in die intimsten Untergründe des Seelenlebens dringt. Für das irdische Leben merken wir in gewissen Momenten noch etwas anderes Gemeinschaftsbildendes als die Sprache, etwas über die Sprache Hinausgehendes. Und das empfindet derjenige, welcher mit andern Menschen, die er als Kinder schon gekannt hat, einmal, wenn das Schicksal es fügt, sich im späteren Leben zusammenfindet. Denken wir uns den idealen Fall, daß jemand durch das Schicksal sich zusammenfinden konnte mit drei, vier, fünf Jugendgenossen, Kindheitsgenossen im späteren Lebensalter, vielleicht im vierzigsten, fünfzigsten Lebensjahre, mit Genossen, mit denen er nicht beisammen war durch Jahrzehnte, mit denen er aber vielleicht die Zeit durchlebt hat, die zwischen dem zehnten und zwanzigsten Lebensjahre liegt. Nehmen wir gute menschliche Beziehungen, fruchtbare menschliche Beziehungen, liebedurchtränkte menschliche Beziehungen zwischen diesen Menschen und versetzen wir uns im Geiste in den Gedanken, was es bedeutet, wenn solche Menschen nun gemeinsam ihre Seelen gegenseitig berührt werden lassen von den Erinnerungen an jene Zeit, die sie in der Kindheit miteinander durchlebt haben. Erinnerung liegt tiefer als alles dasjenige, was auf dem Niveau der Sprache liegt. Und die Seelen klingen intimer zusammen, wenn die reine seelische Sprache der Erinnerungen Mensch an Mensch binden kann, wenn auch vielleicht nur zu kurzer Gemeinschaft. Und es sind gewiß nicht — derjenige, der Erlebnisse auf diesem Gebiete hat, kann das wissen -, es sind gewiß nicht bloß die einzelnen Tatsachen, die man aus der Erinnerung hervorruft und die von Seele zu Seele hinschlagen, wenn jenes ungeheuer Intime, Tiefe in den Seelen der Menschen auftritt, das in einem solchen Idealfall auftreten könnte, wie ich ihn eben konstruiert habe. Es ist etwas ganz anderes. Es ist nicht der konkrete Inhalt der Erinnerungsgedanken, es ist ein ganz unbestimmtes und doch wieder so bestimmtes Erleben, gemeinschaftliches Erleben in diesen menschlichen Seelen, es ist ein Wiederauferstehen desjenigen, mit dem man einmal zusammen war in hundertfältigen Einzelheiten, die aber zu einer Totalität zusammenschmelzen, und es ist alles dasjenige, was von der andern Seele kommt an Miterinnerung, das Erweckende für ein Totalerlebnis.
[ 8 ] But there is something even deeper—albeit something that occurs less frequently in life—than human language. Human language is indeed something that, on a certain external level, binds people together in communal life, but it does not penetrate quite as deeply into the most intimate depths of the soul. In certain moments of earthly life, we perceive something else that fosters community besides language—something that transcends language. And this is felt by those who, if fate so ordains, are reunited in later life with others they knew as children. Let us imagine the ideal scenario in which someone, by a twist of fate, is reunited with three, four, or five companions from their youth—childhood friends—in later life, perhaps in their forties or fifties; companions with whom they have not been together for decades, but with whom they may have lived through the period between the ages of ten and twenty. Let us imagine good human relationships—fruitful, love-filled relationships—between these people, and let us mentally envision what it means when such people allow their souls to be touched by the memories of that time they shared as children. Memory lies deeper than anything that exists on the level of language. And souls resonate more intimately with one another when the pure, spiritual language of memories can bind people together, even if perhaps only for a brief time. And it is certainly not—as anyone with experience in this area knows—it is certainly not merely the individual facts that are recalled from memory and that strike from soul to soul when that immensely intimate, profound depth arises in people’s souls, which could occur in such an ideal case as I have just described. It is something entirely different. It is not the concrete content of the memories; it is a completely indeterminate and yet, at the same time, so definite experience—a shared experience within these human souls— it is a resurgence of the one with whom one was once together in a hundred different details, which, however, merge into a totality, and it is all that which comes from the other soul as a shared memory—that which awakens a total experience.
[ 9 ] Das ist so für das irdische Leben. Und aus einer Verfolgung dieser seelischen Tatsache in das Geistige hinein mußte ich dazumal jenen theologischen Freunden, welche mit der gekennzeichneten Absicht zu mir gekommen sind, sagen: Wenn wirkliche Gemeinschaftsbildung bei der Arbeit in der religiösen Erneuerung auftreten soll, dann braucht man einen für die Gegenwart anwendbaren und abgestimmten Kultus. Das gemeinsame Erleben des Kultus, das gibt etwas, was in der Menschenseele die Gemeinschaftsempfindung einfach durch seine eigene Wesenheit hervorruft. Und die Bewegung für religiöse Erneuerung hat verstanden, sie hat diesen Kultus angenommen, und ich glaube, es war ein gewichtiges Wort, das in diesen Tagen hier von dieser Stelle aus Dr. Rittelmeyer gesagt hat: Von dieser Seite der Gemeinschaftsbildung erwächst vielleicht eine der größten Gefahren für die anthroposophische Bewegung von seiten der Bewegung für religiöse Erneuerung her. Denn in diesem Kultus liegt ein ungeheuer bedeutsames Element der Gemeindebildung. Er bindet Mensch an Mensch. Ja, was ist denn an diesem Kultus, was da Mensch an Mensch bindet, was aus den einzelnen, die atomisiert worden sind durch das Intellektualistische, Logische, wiederum Gemeinde machen kann und ganz sicher Gemeinde machen wird? Das hat offenbar Dr. Rittelmeyer gemeint; da ist vorhanden das Mittel für die Gemeindebildung. Da aber auch die Anthroposophische Gesellschaft nach Gemeinschaftsbildung hintendiert, so wird sie finden müssen das für sie geartete Mittel, wenn ihr nicht von der Bewegung für religiöse Erneuerung eine gewisse Gefahr drohen soll.
[ 9 ] This is true of earthly life. And as a result of exploring this spiritual reality into the spiritual realm, I had to say at that time to those theological friends who had come to me with the stated intention: If true community is to arise through the work of religious renewal, then we need a form of worship that is applicable to the present and well-adapted to our times. The shared experience of worship provides something that, simply by its very nature, evokes a sense of community in the human soul. And the Movement for Religious Renewal has understood this; it has embraced this form of worship, and I believe that what Dr. Rittelmeyer said here from this very spot a few days ago was a weighty statement: From this aspect of community-building, perhaps one of the greatest dangers to the anthroposophical movement arises from the Movement for Religious Renewal itself. For in this form of worship lies an immensely significant element of community-building. It binds person to person. Indeed, what is it about this form of worship that binds person to person—that can, and most certainly will, transform individuals who have been atomized by intellectualism and logic back into a community? This is evidently what Dr. Rittelmeyer meant; here lies the means for community building. But since the Anthroposophical Society also tends toward community building, it will have to find the means suited to its own nature if it is not to face a certain danger from the movement for religious renewal.
[ 10 ] Nun, was ist das Geheimnis des Gemeinschaftserzeugenden im Wesen des Kultus, wie er namentlich gerade mit diesem Ziele für die Bewegung für religiöse Erneuerung gefunden worden ist? Dasjenige, was sich in den Kultformen, seien sie nun gegeben in der Zeremonie, seien sie gegeben im Worte, ausspricht, das ist ein Abbild von wirklichen Erlebnissen; allerdings nicht von wirklichen Erlebnissen, die hier auf der Erde durchgemacht worden sind, sondern von wirklichen Erlebnissen in jener Welt, die der Mensch in seinem vorirdischen Dasein durchmacht, wenn er auf dem zweiten Teile des Weges zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist, aus jener Welt, die der Mensch durchschreitet von jenem Zeitpunkte, der da liegt in der Mitternachtsstunde des menschlichen Daseins zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bis zum Herabsteigen zum Erdenleben. In dem Gebiete, das da der Mensch durchmacht, liegt die Welt, liegen die Ereignisse, liegen die Wesenhaftigkeiten, die ein wirkliches Abbild finden in den echten, wahren Kultformen. Was empfindet daher derjenige, der den Kultus miterlebt, mit dem andern, mit dem er von irgendeinem Karma zusammengeführt wird - und das Karma ist so verwickelt, daß man durchaus überall Karma voraussetzen darf, wo wir mitMenschen zusammengeführt werden? Gemeinsame Erinnerungen an das vorirdische Dasein erlebt er mit ihm zusammen. Das taucht in den unterbewußten Tiefen der Seele auf. Wir haben, bevor wir zur Erde heruntergestiegen sind, zusammen eine Welt durchlebt, die hier im Kultus vor unserer Seele auf Erden steht. Das ist eine mächtige Bindung, das ist ein wirkliches Hereinholen nicht nur der Bilder, sondern der Kräfte der übersinnlichen Welt in die sinnliche. Das ist aber ein Hereinholen derjenigen Kräfte aus der übersinnlichen Welt in die sinnliche, die den Menschen intim angehen, die verbunden sind mit den intimsten Hintergründen der menschlichen Seele. Deshalb bindet Kultus, weil im Kultus heruntergetragen ist aus den geistigen Welten dasjenige, was Kräfte dieser geistigen Welten sind, weil der Mensch das in seinem Erdenleben vor sich hat, was überirdisch ist. Nicht hat er es vor sich in dem rationalistischen Worte, das das Vergessen an die geistige Welt bewirkt, auch in den unterbewußten Seelengründen, sondern er hat es vor sich in dem lebendigen Bild, das kraftdurchsetzt ist, das nicht bloß Sinnbild, das nicht totes Bild, das Kraftträger ist, weil er dasjenige vor sich hat, was zu seiner geistigen Umgebung gehört, wenn er nicht im irdischen Leibe ist, Eine umfassende, ins Geistige hinüberzielende gemeinsame Erinnerung, das ist es, was die gemeinschaftsbildende Kraft des Kultus ist.
[ 10 ] Now, what is the secret of the community-building aspect inherent in the nature of worship, as it has been discovered specifically for this purpose by the movement for religious renewal? That which is expressed in the forms of worship—whether in ceremony or in word—is a reflection of real experiences; though not of real experiences undergone here on earth, but of real experiences in that world which the human being passes through in his pre-earthly existence, when he is on the second part of the path between death and a new birth, from that world which a human being traverses from that moment—which lies at the midnight hour of human existence between death and a new birth—until the descent into earthly life. In the realm that a human being passes through lie the world, the events, and the essences that find a true reflection in the genuine, authentic forms of worship. What, then, does the person who participates in the ritual feel toward the other with whom they are brought together by some karma—and karma is so intricate that we may certainly assume its presence wherever we are brought together with other human beings? They experience shared memories of their pre-earthly existence together with that person. These emerge from the subconscious depths of the soul. Before we descended to Earth, we lived through a world together that stands here before our souls on Earth in the ritual. This is a powerful bond; it is a genuine bringing in—not only of images, but of the forces of the supersensible world into the sensible world. But this is a bringing in of those forces from the supersensible world into the sensible world that intimately concern human beings, that are connected to the most intimate depths of the human soul. That is why worship binds us together: because in worship, what constitutes the forces of the spiritual worlds is brought down from those worlds, and because in his earthly life, human beings have before them what is supernatural. He does not encounter it in the rationalistic word, which causes one to forget the spiritual world—even in the subconscious depths of the soul—but rather in the living image, which is imbued with power—not merely a symbol, not a lifeless image, but a bearer of power—because he has before him that which belongs to his spiritual environment when he is not in his earthly body. A comprehensive, collective memory reaching into the spiritual realm—that is the community-building power of worship.
[ 11 ] Eine solche Kraft braucht auch die Anthroposophische Gesellschaft, damit in ihr Gemeinschaftswesen auftauchen kann. Aber anders geartet kann der Grund zur Gemeinschaftsbildung in der anthroposophischen Bewegung sein als in der Bewegung für religiöse Erneuerung, obwohl das eine das andere nicht ausschließt, sondern das eine mit dem andern in der schönsten Harmonie stehen kann, wenn die Beziehung empfindungsgemäß richtig verstanden wird. Aber es muß eben auch erst verstanden werden, wie ein anderes gemeinschaftsbildendes Element in das menschliche Leben hereintreten kann. Eine ins Geistige umgesetzte Erinnerung strahlt uns entgegen aus der Kultgestaltung. Die Kultgestaltung spricht zu Tieferem als dem menschlichen Intellekt, die Kultgestaltung spricht zu dem menschlichen Gemüte, denn das menschliche Gemüt versteht im Grunde genommen die Sprache des Geistigen, obwohl für dieses Erdenleben zunächst diese Sprache des Geistigen nicht ins unmittelbare Bewußtsein hereintritt. Und nun, um das andere Element, das eine entsprechende Rolle spielen muß in der Anthroposophischen Gesellschaft, zu verstehen, ist vor allen Dingen notwendig, daß Sie nicht nur nach dem Geheimnis der Sprache und der Erinnerung mit Bezug auf das Wesen der Gemeinschaftsbildung hinschauen, sondern daß Sie noch auf etwas anderes hinschauen im menschlichen Leben. Nehmen Sie den Zustand des träumenden Menschen, und vergleichen Sie diesen Zustand des träumenden Menschen mit dem vollwachen Menschen im Tagesleben.
[ 11 ] The Anthroposophical Society also needs such a force so that a sense of community can emerge within it. But the basis for community-building in the anthroposophical movement may be of a different nature than in the movement for religious renewal, although one does not exclude the other; rather, the two can exist in the most beautiful harmony if the relationship is understood correctly in terms of feeling. But it must first be understood how another community-building element can enter human life. A memory transformed into the spiritual radiates toward us from the structure of the ritual. The structure of the ritual speaks to something deeper than the human intellect; it speaks to the human soul, for the human soul fundamentally understands the language of the spiritual, even though, in this earthly life, this language of the spiritual does not initially enter into immediate consciousness. And now, in order to understand the other element that must play a corresponding role in the Anthroposophical Society, it is necessary above all that you look not only at the mystery of language and memory in relation to the nature of community-building, but that you also look at something else in human life. Consider the state of the dreaming person, and compare this state to that of the fully awake person in daily life.
[ 12 ] Die Welt des Traumes, sie mag schön, sie mag großartig, sie mag bilderreich, vielbedeutend und vieldeutig sein, aber sie ist eine Welt, die für das irdische Leben den Menschen isoliert. Mit der Welt seiner Träume ist der Mensch allein. Da liegt der eine Mensch, schläft und träumt, andere sind um ihn herum, meinetwillen schlafend oder wachend, die Welten, die in ihren Seelen sind, sie haben zunächst für dasjenige, was er im Traumbewußtsein erlebt, sie haben mit seinem Traumbewußtsein nichts zu tun. Der Mensch isoliert sich in seiner Traumwelt, noch mehr in seiner Schlafenswelt. Wachen wir auf, leben wir uns hinein in ein gewisses Gemeinschaftsleben. Der Raum, in dem wir sind, in dem der andere ist, die Empfindung, die Vorstellung dieses Raumes, die er hat, haben wir selber auch. Wir erwachen an unserer Umgebung in einem gewissen Umfange zu demselben inneren Seelenleben, wie er erwacht. Indem wir aus der Isoliertheit des Traumes erwachen, erwachen wir bis zu einem gewissen Grade in menschliche Gemeinschaft hinein einfach durch dieses Wesen unserer Beziehung als Mensch zur Außenwelt. Wir hören auf, so entschieden in uns selbst, so eingesponnen und eingekapselt zu sein, wie wir in der Traumwelt eingesponnen und eingekapselt waren, auch wenn wir noch so schön, so großartig, so vielbedeutend und vieldeutig träumen. Aber, wie wachen wir auf? Wir wachen auf an der äußeren Welt, wir wachen auf an dem Lichte, wachen auf an dem Ton, an den Wärmeerscheinungen, an allem übrigen Inhalte der Sinneswelt, wir wachen aber eigentlich auch - wenigstens für das gewöhnliche alltägliche Leben - an dem Äußeren der andern Menschen auf,an der Naturseite der andern Menschen. Wir wachen für das alltägliche Leben an der natürlichen Welt auf. Diese weckt uns auf, diese versetzt uns aus der Isoliertheit in ein gewisses Gemeinschaftsleben. Wir wachen noch nicht auf - und das ist das Geheimnis des alltäglichen Lebens - als Mensch am Menschen, am tiefsten Inneren des Menschen. Wir wachen auf am Lichte, wir wachen auf am Ton, wir wachen auf vielleicht an der Sprache, die der andere zu uns spricht als zugehörig zum Natürlichen am Menschen, wir wachen auf an den Worten, die er von innen nach außen spricht. Wir wachen nicht auf an dem, was in den Tiefen der Menschenseele des andern vor sich geht. Wir wachen auf an dem Natürlichen des andern Menschen, wir wachen in dem gewöhnlichen alltäglichen Leben nicht auf an dem GeistigSeelischen des andern Menschen.
[ 12 ] The world of dreams—it may be beautiful, it may be magnificent, it may be rich in imagery, full of meaning, and open to many interpretations—but it is a world that isolates people from earthly life. A person is alone in the world of their dreams. There lies a person, sleeping and dreaming, while others are around them—whether sleeping or awake—and the worlds within their souls have, at first, nothing to do with what the person experiences in their dream consciousness; they have no connection to that dream consciousness. A person isolates themselves in their dream world, and even more so in their world of sleep. When we wake up, we immerse ourselves in a certain communal life. The space in which we are, in which the other person is—the sensation, the mental image of this space that he has—we share as well. To a certain extent, our surroundings awaken in us the same inner life of the soul as they do in him. As we awaken from the isolation of the dream, we awaken to a certain degree into human community simply through the very nature of our relationship as human beings to the outside world. We cease to be so firmly entrenched within ourselves, so entangled and encapsulated, as we were in the dream world—even if our dreams are as beautiful, as magnificent, as meaningful, and as ambiguous as they may be. But how do we awaken? We awaken to the external world; we awaken to light, to sound, to sensations of warmth, to all the other contents of the sensory world; but we also actually awaken—at least in ordinary, everyday life—to the outward appearance of other people, to the natural side of other people. In everyday life, we wake up to the natural world. It is this that awakens us; it is this that transports us from isolation into a certain kind of communal life. We do not yet awaken—and this is the mystery of everyday life—as human beings to other human beings, to the deepest inner core of the human being. We awaken to light, we awaken to sound, we awaken perhaps to the language that the other speaks to us as part of what is natural in human beings; we awaken to the words that they speak from the inside out. We do not awaken to what is taking place in the depths of the other person’s human soul. We awaken to the natural aspect of the other person; in ordinary everyday life, we do not awaken to the spiritual-soul aspect of the other person.
[ 13 ] Das ist ein drittes Erwachen oder wenigstens ein dritter Zustand des Seelenlebens. Aus dem ersten erwachen wir in den zweiten hinein durch den Ruf der Natur. Aus dem zweiten erwachen wir in den dritten Zustand hinein durch den Ruf des Geistig-Seelischen am andern Menschen. Aber wir müssen diesen Ruf erst vernehmen. Genau so, wie man in der rechten Weise für das alltägliche Erdenleben aufwacht durch die äußere Natur, gibt es ein höherstufiges Aufwachen, wenn wir in der richtigen Weise an dem Seelisch-Geistigen unseres Mitmenschen aufwachen, wenn wir ebenso in uns fühlen lernen das Geistig-Seelische des Mitmenschen, wie wir fühlen in unserem Seelenleben beim gewöhnlichen Aufwachen das Licht und den Ton. Wir mögen noch so schöne Bilder in der Isoliertheit des Traumes schauen, wir mögen außerordentlich Großartiges erleben in diesem isolierten Traumbewußtsein - lesen zum Beispiel werden wir kaum zunächst, wenn nicht besonders abnorme Zustände folgen. Diese Beziehung zur Außenwelt haben wir nicht. Nun, wir mögen noch so schöne Ideen aufnehmen aus der Anthroposophie, aus dieser Kunde von einer geistigen Welt, wir mögen theoretisch durchdringen alles dasjenige, was von uns vom Äther-, Astralleib und so weiter gesagt werden kann, wir verstehen dadurch noch nicht die geistige Welt. Wir beginnen das erste Verständnis für die geistige Welt erst zu entwickeln, wenn wir am Seelisch-Geistigen des andern Menschen erwachen. Dann beginnt erst das wirkliche Verständnis für die Anthroposophie. Ja, es obliegt uns, auszugehen von jenem Zustande für das wirkliche Verständnis der Anthroposophie, den man nennen kann: Erwachen des Menschen an dem Geistig-Seelischen des andern Menschen.
[ 13 ] This is a third awakening—or at least a third state of soul life. From the first, we awaken into the second through the call of nature. From the second, we awaken into the third state through the call of the spiritual-soul aspect in another human being. But we must first hear this call. Just as we awaken in the proper way to everyday earthly life through external nature, there is a higher-order awakening when we awaken in the right way to the spiritual-soul aspect of our fellow human beings—when we learn to feel within ourselves the spiritual-soul aspect of our fellow human beings just as we feel light and sound in our soul life upon ordinary awakening. No matter how beautiful the images we may see in the isolation of a dream, no matter how extraordinarily magnificent our experiences may be in this isolated dream consciousness—we will hardly be able to read, for example, at first, unless particularly abnormal states follow. We lack this connection to the outside world. Now, no matter how beautiful the ideas we may absorb from anthroposophy—from this teaching about a spiritual world—and no matter how thoroughly we may theoretically grasp everything that can be said about our etheric body, astral body, and so on, we still do not thereby understand the spiritual world. We begin to develop our first understanding of the spiritual world only when we awaken to the soul-spiritual nature of another human being. Only then does true understanding of anthroposophy begin. Indeed, it is incumbent upon us to proceed from that state—which can be called the awakening of the human being to the soul-spiritual nature of another human being—as the foundation for a true understanding of anthroposophy.
[ 14 ] Die Kraft zu diesem Erwachen, sie kann dadurch erzeugt werden, daß in einer Menschengemeinschaft spiritueller Idealismus gepflanzt wird. Man redet ja heute viel von Idealismus. Aber Idealismus ist heute innerhalb unserer Gegenwartskultur und Zivilisation etwas ziemlich Fadenscheiniges. Denn der wirkliche Idealismus ist nur vorhanden, wenn der Mensch sich bewußt werden kann, daß er genau ebenso, wie er, indem er die Kultusform hinstellt, eine geistige Welt ins Irdische hinunterhebt, er etwas, das er im Irdischen erschaut, im Irdischen erkennen und verstehen gelernt hat, in das Übersinnlich-Geistige hinaufhebt, indem er es ins Ideal erhebt. In das kraftdurchsetzte Bild bringen wir das Überirdische, wenn wir die Kultusgestalt zelebrieren. In das Übersinnliche heben wir uns mit unserem Seelenleben hinauf, wenn wir dasjenige, was wir erleben in der physischen Welt, spirituell-idealistisch so erleben, daß wir es empfinden lernen als erlebt im Übersinnlichen, wenn wir so empfinden lernen, daß wir uns sagen: Dasjenige, was du hier in der Welt der Sinne wahrgenommen hast, wird plötzlich lebendig, wenn du es zum Ideal erhebst. Es wird lebendig, wenn du es in der richtigen Weise durchdringst mit Gemüt und Willensimpuls. Wenn du dein ganzes Inneres vom Willen durchstrahlst, Begeisterung auf es wendest, dann gehst du mit deiner sinnlichen Erfahrung, indem du sie idealisierst, den entgegengesetzten Weg, wie du ihn gehst, wenn du das Übersinnliche in die Kultusgestalt hineingeheimnißt. Denn, haben wir eine kleine, haben wir eine große anthroposophische Gemeinschaft, so können wir dasjenige, was in dieser Charakteristik gegeben ist, in einem gewissen Sinne erreichen. Wir können es dann erreichen, wenn wir tatsächlich imstande sind, durch die lebendige Kraft, die wir hineinlegen in die Gestaltung der Ideen vom Geistigen, etwas von einem Erweckenden zu erleben, etwas von dem, was nicht bloß das sinnlich Erlebte so idealisiert, daß das Ideal ein abstrakter Gedanke ist, sondern so, daß das Ideal ein höheres Leben gewinnt, indem wir uns in es hineinleben, daß es das Gegenbild des Kultus wird, nämlich das Sinnliche ins Übersinnliche hinauferhoben. Das können wir auf gefühlsmäßige Weise erreichen, wenn wir uns angelegen sein lassen, überall dort, wo wir Anthroposophisches pflegen, diese Pflege von durchgeistigter Empfindung zu durchdringen, wenn wir verstehen, schon die Türe, schon die Pforte zu dem Raum - und mag er sonst ein noch so profaner sein, er wird geheiligt durch gemeinsame anthroposophische Lektüre - als etwas zu empfinden, was wir mit Ehrerbietung übertreten. Und die Empfindung müssen wir hervorrufen können, daß das in jedem einzelnen der Fall ist, der sich mit uns vereinigt zu gemeinsamem Aufnehmen anthroposophischen Lebens. Und das müssen wir nicht nur zu innerster abstrakter Überzeugung bringen können, sondern zu innerem Erleben, so daß in einem Raume, wo wir Anthroposophie treiben, wir nicht nur dasitzen als so und so viele Menschen, die aufnehmen das Gehörte oder aufnehmen das Gelesene und es in ihre Gedanken verwandeln, sondern daß durch den ganzen Prozeß des Aufnehmens anthroposophischer Ideen ein wirkliches real-geistiges Wesen anwesend wird in dem Raume, in dem wir Anthroposophie treiben. Wie in den in der sinnlichen Welt sich abspielenden Kultformen die göttlichen Kräfte auf sinnliche Art anwesend sind, müssen wir lernen, mit unseren Seelen, mit unseren Herzen durch unsere innere Seelenverfassung übersinnlich anwesend sein zu lassen eine wirkliche Geistwesenheit in dem Raume, in dem das anthroposophische Wort ertönt, und unsere Rede, unser Empfinden, unser Denken, unsere Willensimpulse müssen wir einrichten können im spirituellen Sinne, das heißt nicht in irgendeinem abstrakten Sinne, sondern in dem Sinne, daß wir uns so fühlen, als schaute herunter auf uns und hörte uns an ein Wesen, das über uns schwebt, das real-geistig da ist. Geistige Gegenwart, übersinnliche Gegenwart müssen wir empfinden, die dadurch da ist, daß wir Anthroposophie treiben. Dann fängt die einzelne anthroposophische Wirksamkeit an, ein Realisieren des Übersinnlichen selbst zu werden.
[ 14 ] The power for this awakening can be generated by planting spiritual idealism within a human community. People talk a lot about idealism these days. But within our contemporary culture and civilization, idealism is something rather flimsy. For true idealism exists only when a person can become aware that, just as he brings a spiritual world down into the earthly realm by establishing a form of worship, he also lifts something he has beheld, recognized, and come to understand in the earthly realm up into the supersensible-spiritual realm by elevating it to the ideal. We bring the supernatural into the image imbued with spiritual power when we celebrate the ritual form. We ascend into the supersensible with our soul life when we experience what we encounter in the physical world in such a spiritual-idealistic way that we learn to perceive it as having been experienced in the supersensible—when we learn to feel in such a way that we say to ourselves: What you have perceived here in the world of the senses suddenly comes alive when you elevate it to the ideal. It comes alive when you permeate it in the right way with feeling and the impulse of the will. When you radiate your entire inner being with the will and direct enthusiasm toward it, then—by idealizing your sensory experience—you take the opposite path from the one you take when you incorporate the supersensible into the form of worship. For whether we have a small or a large anthroposophical community, we can, in a certain sense, attain what is described in this characterization. We can attain it when we are truly able, through the living power we invest in shaping ideas of the spiritual, to experience something awakening, something that does not merely idealize what is sensually experienced in such a way that the ideal becomes an abstract thought, but rather in such a way that the ideal gains a higher life as we live ourselves into it, so that it becomes the counter-image of the ritual—namely, the sensual elevated into the supersensual. We can achieve this on an emotional level if we make it our concern, wherever we cultivate anthroposophy, to imbue this cultivation with spiritualized feeling; if we understand that even the door, even the entrance to the room—no matter how profane it may otherwise be— it is sanctified through shared anthroposophical reading—as something we enter with reverence. And we must be able to evoke the feeling that this is the case for each and every one who joins us in the shared experience of anthroposophical life. And we must be able to bring this not only to the level of our innermost abstract conviction, but to inner experience, so that in a room where we practice anthroposophy, we do not merely sit there as so many people who take in what is heard or read and transform it into their thoughts, but that through the entire process of taking in anthroposophical ideas, a truly real, spiritual being becomes present in the room where we practice anthroposophy. Just as the divine forces are present in a sensory way in the forms of worship that take place in the sensory world, we must learn, through our inner spiritual disposition—with our souls and our hearts—to allow a real spiritual being to be present supersensually in the room where the anthroposophical word resounds, and we must be able to orient our speech, our feelings, our thinking, and our impulses of will in a spiritual sense—that is, not in some abstract sense, but in the sense that we feel as though a being were looking down upon us and listening to us, a being that hovers above us and is truly present in a spiritual sense. We must sense a spiritual presence, a supersensible presence, which is there because we practice anthroposophy. Then the individual anthroposophical activity begins to become a realization of the supersensible itself.
[ 15 ] Gehen Sie in die primitiven Gemeinschaften, da gibt es noch etwas anderes als bloß die Sprache. Die Sprache ist dasjenige, was im oberen Menschen sitzt. Fassen Sie den ganzen Menschen ins Auge, so finden Sie in primitiven Menschengemeinschaften dasjenige, was Mensch an Mensch bindet, in dem gemeinschaftlichen Blute. Die Blutsbande halten die Menschen zur Gemeinschaft zusammen. Aber in dem Blute lebt das als Gruppenseele oder als Gruppengeist, was bei einer freien Menschheit sich nicht in derselben Weise findet. In eine Gruppe von Menschen, die durch Blutsbande zusammengebunden war, war eingezogen ein gemeinsames Geistiges, gewissermaßen von unten herauf. Da, wo gemeinsames Blut durch die Adern einer Anzahl von Menschen strömt, ist ein Gruppengeist vorhanden. So kann auch durch dasjenige, was wir gemeinsam erleben, indem wir gemeinsam Anthroposophisches aufnehmen, zwar nicht ein solcher Gruppengeist durch das Blut, aber doch ein realer Gemeinschaftsgeist herangezogen werden. Vermögen wir diesen zu empfinden, dann binden wir uns als Menschen zu wahren Gemeinschaften zusammen. Wir müssen einfach Anthroposophie wahr machen, wahr machen dadurch, daß wir ein Bewußtsein hervorzurufen verstehen in unseren anthroposophischen Gemeinschaften, daß, indem die Menschen sich finden zu gemeinsamer anthroposophischer Arbeit, der Mensch am Geistig-Seelischen des andern Menschen erst erwacht. Die Menschen erwachen aneinander, und indem sie sich immer wieder und wiederum finden, erwachen sie, indem jeder in der Zwischenzeit ein anderes durchgemacht hat und etwas weitergekommen ist, in einem gewandelten Zustand aneinander. Das Erwachen ist ein Erwachen im Sprossen und Sprießen. Und wenn Sie erst die Möglichkeit gefunden haben, daß Menschenseelen an Menschenseelen und Menschengeister an Menschengeistern erwachen, daß Sie hingehen in die anthroposophischen Gemeinschaften mit dem lebendigen Bewußtsein: Da werden wir erst zu so wachen Menschen, daß wir da erst Anthroposophie verstehen miteinander, und wenn Sie dann auf Grundlage dieses Verständnisses in eine erwachte Seele - nicht in die für das höhere Dasein schlafende Seele des Alltags - die anthroposophischen Ideen aufnehmen, dann senkt sich über Ihre Arbeitsstätte herunter die gemeinsame reale Geistigkeit. Ist es denn Wahrheit, wenn wir von der übersinnlichen Welt reden und nicht imstande sind, uns aufzuschwingen zum Erfassen solcher realen Geistigkeit, solches umgekehrten Kultus? Erst dann stehen wir wirklich im Ergreifen, im Erfassen des Spirituellen drinnen, wenn wir nicht nur die Idee dieses Spirituellen abstrakt haben und etwa sie theoretisch wiedergeben können, auch für uns selbst theoretisch wiedergeben können, sondern wenn wir glauben können — aber glauben auf Grundlage eines beweisenden Glaubens -, daß Geister im geistigen Erfassen geistige Gemeinschaft mit uns haben. Sie können nicht durch äußere Einrichtungen die anthroposophische Gemeinschaftsbildung hervorrufen. Sie müssen sie hervorrufen aus den tiefsten Quellen des menschlichen Bewußtseins selbst.
[ 15 ] Go into primitive communities; there is something there besides mere language. Language is what resides in the higher human being. If you consider the whole human being, you will find in primitive human communities that which binds human beings together: the shared blood. Blood ties hold people together in community. But within that blood lives what is known as the group soul or group spirit—something that is not found in the same way among a free humanity. Into a group of people bound together by blood ties, a shared spiritual essence had moved in, as it were, from below. Wherever common blood flows through the veins of a number of people, a group spirit is present. In the same way, through what we experience together—by engaging with anthroposophy as a group—we can cultivate, not a group spirit based on blood, but a genuine spirit of community. If we are able to sense this, then we bind ourselves together as human beings into true communities. We simply must make anthroposophy a reality—by fostering an awareness within our anthroposophical communities that, as people come together for shared anthroposophical work, each person first awakens to the spiritual and soul aspects of the other. People awaken to one another, and as they come together again and again, they awaken to one another in a transformed state—each having gone through a different experience and made some progress in the meantime. This awakening is an awakening that unfolds in stages. And once you have discovered the possibility that human souls awaken to human souls and human spirits to human spirits—that you enter the anthroposophical communities with the living awareness: Only then do we become such awakened human beings that we can truly understand anthroposophy together, and when you then, on the basis of this understanding, take in the anthroposophical ideas into an awakened soul—not into the everyday soul that sleeps to higher existence—then the shared, real spirituality descends upon your workplace. Is it really true, then, when we speak of the supersensible world yet are unable to rise to the level of grasping such real spirituality, such a reversed form of worship? Only then are we truly immersed in the experience and comprehension of the spiritual within, when we do not merely hold the idea of this spiritual realm in an abstract sense and are able to articulate it theoretically—even to ourselves—but when we can believe—believe on the basis of a faith grounded in evidence—that spirits share a spiritual communion with us through spiritual perception. You cannot bring about the formation of an anthroposophical community through external institutions. You must bring it about from the deepest sources of human consciousness itself.
[ 16 ] Ich habe Ihnen einen Teil des Weges dazu heute gezeigt; ich werde morgen in meinen Schilderungen darüber fortfahren. Ich möchte durch solche Schilderungen ein wenig hinweisen darauf, daß ja das Wichtigste ist für die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie sich weiterentwikkeln will, daß sie ergriffen wird wirklich von wahrem Verständnis für die Anthroposophie. Ist dieses wahre Verständnis für die Anthroposophie da, dann ist dieses Verständnis der Weg nicht bloß zu Ideen vom Geiste, sondern zu Gemeinschaft mit dem Geiste. Dann aber ist das Bewußtsein dieser Gemeinschaft mit der geistigen Welt auch gemeinschaftsbildend. Und die Gemeinschaften, die vom Karma vorausbestimmt sind, werden sich bilden. Sie werden eine Wirkung des rechten anthroposophischen Bewußtseins sein. Nicht äußerliche Mittel können angegeben werden. Wenn sie Ihnen ein Mensch schildert, schilderter Ihnen etwas Scharlatanhaftes.
[ 16 ] I have shown you part of the way toward this today; I will continue my description of it tomorrow. Through such descriptions, I would like to point out a little that what is most important for the Anthroposophical Society—if it wishes to continue developing—is that it be truly imbued with a genuine understanding of anthroposophy. If this genuine understanding of anthroposophy is present, then this understanding is the path not merely to ideas about the spirit, but to communion with the spirit. Then, however, the awareness of this communion with the spiritual world also fosters community. And the communities that are predestined by karma will form. They will be an effect of true anthroposophical consciousness. No external means can be specified. If someone describes such means to you, they are describing something charlatan-like.
[ 17 ] Nun, bis zu einem gewissen Grade sind solche Dinge dennoch in den zwei Jahrzehnten anthroposophischer Entwickelung verstanden worden, verstanden auch von vielen in spirituellem Sinne, und ich werde darüber vielleicht noch morgen genauer zu sprechen haben, denn ich werde diese Betrachtung morgen fortsetzen und auf ein anderes Ziel hinweisen. Aber jetzt möchte ich nur mit ein paar Worten etwas anfügen an dasjenige, was vielleicht bei Ihnen durch diese Schilderung der spirituellen Untergründe anthroposophischen Gemeinschaftslebens erregt worden sein mag. Auf der einen Seite steht doch nun wirklich in der anthroposophischen Bewegung das darinnen, aus dem heraus solche Schilderungen kommen müssen, wie ich sie Ihnen eben gegeben habe. Da mag die Anthroposophische Gesellschaft in gewissen Epochen so oder so ausschauen — die Anthroposophie ist unabhängig von jeder anthroposophischen Gesellschaft und kann unabhängig von einer solchen gefunden werden. Sie kann aber allerdings auf besondere Art auch dadurch gefunden werden, daß Mensch an Mensch zu erwachen versteht und sich auf diese Weise, aus diesem Erwachen heraus Gemeinschaftsbildungen ergeben. Denn man erwacht mit den Menschen, mit denen man sich zusammenfindet, immer aufs neue, deshalb bleibt man mit ihnen zusammen. Da sind innere spirituelle Gründe da. Das muß immer mehr und mehr verstanden werden innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft; und eigentlich müßte alles, was zum Gedeihen der Anthroposophischen Gesellschaft vorgebracht wird, durchdrungen sein von Kräften, die zuletzt doch überall hineinführen in das Anthroposophische als solches.
[ 17 ] Well, to a certain extent, such things have nevertheless been understood over the course of two decades of anthroposophical development—understood, too, by many in a spiritual sense—and I may have more to say about this tomorrow, for I will continue this discussion tomorrow and point toward a different goal. But for now, I would just like to add a few words to what this description of the spiritual foundations of anthroposophical community life may have stirred within you. On the one hand, the anthroposophical movement does indeed contain within it that from which such descriptions as I have just given you must arise. The Anthroposophical Society may appear one way or another in certain eras—but anthroposophy is independent of any anthroposophical society and can be found independently of such a society. However, it can indeed be found in a special way through people’s ability to awaken to one another, and in this way, out of this awakening, communities arise. For one awakens anew time and again with the people with whom one comes together; that is why one remains with them. There are inner spiritual reasons for this. This must be understood more and more within the Anthroposophical Society; and in fact, everything that is put forward for the flourishing of the Anthroposophical Society should be permeated by forces that ultimately lead everywhere into anthroposophy as such.
[ 18 ] Ich war tief befriedigt, als ich neulich, nachdem ich wochenlang die Versammlungen mitgemacht hatte, kleinere und größere Versammlungen, in denen vorbereitet worden ist dasjenige, was jetzt in diesen Tagen auf der Delegiertenversammlung geschah, nachdem man da debattiert hatte, etwa wie man es in Parlamenten, wie man es in Vereinen und sonst macht aus den gewöhnlichen rationalistischen alltäglichen Erwägungen heraus, in eine Jugendversammlung, in eine Versammlung junger Akademiker kam. Da wurde auch gesprochen über dasjenige, was geschehen soll. Nun, man sprach eine Zeitlang über Äußeres; aber man war unversehens nach einer gewissen Zeit mitten in echt anthroposophischer Erörterung darinnen. Es floß von selbst die Angelegenheit des alltäglichen Lebens in eine solche Strömung hinein, daß man die Dinge nurmehr besprechen konnte, wenn man anthroposophisch sprach. Das wäre das Schönste, wenn man nicht in künstlicher, in sentimental-künstlicher, in nebuloser Weise, wie es oftmals auch geschah, an den Haaren anthroposophische Theorien herbeizöge, sondern wenn man auf einem selbstverständlichen Weg aus den gewöhnlichen Bedürfnissen des Lebens, aus der Besprechung derselben darauf käme: Jetzt weiß man nicht mehr, wie man studieren soll, wie man Chemie, Physik studieren soll, wenn man nicht anfängt, um sich über die Notwendigkeiten des Studiums zu informieren, von Anthroposophie zu reden. Das ist der Geist, der unter uns herrschen kann.
[ 18 ] I was deeply satisfied when, recently, after having participated in the meetings for weeks—smaller and larger gatherings in which preparations were made for what is now taking place at the Delegates’ Assembly—and after debates had taken place there, much as they do in parliaments, in associations, and elsewhere, based on ordinary, rational, everyday considerations, I found myself at a youth gathering, a gathering of young academics. There, too, we spoke about what is to come. Well, for a while we discussed external matters; but before we knew it, after a certain time, we were in the midst of a genuine anthroposophical discussion. The matters of everyday life flowed so naturally into such a current that we could only discuss things by speaking in anthroposophical terms. That would be the most beautiful thing—if one did not artificially, in a sentimental and contrived, nebulous way—as often happened—force anthroposophical theories out of thin air, but rather arrived at them naturally through the ordinary needs of life and the discussion of those needs: Now one no longer knows how to study, how to study chemistry or physics, unless one begins to speak of anthroposophy in order to inform oneself about the necessities of study. That is the spirit that can prevail among us.
[ 19 ] Aber wir kommen zu keinem Ergebnis bis morgen abend, wenn die Dinge in derselben Weise fortlaufen, wie sie bisher gelaufen sind. Wir kommen nur in ein ungeheures Chaos, in ein tragisches Chaos hinein. Denn wir müssen vor allen Dingen nicht sentimental allerlei an den Haaren herbeiziehen, sondern wir müssen anthroposophische Impulse in unsere Herzen gießen, anthroposophische Impulse in voller Klarheit. Dann werden unsere Verhandlungen fruchtbar verlaufen.
[ 19 ] But we won’t reach a conclusion by tomorrow evening if things continue the way they have so far. We will only end up in tremendous chaos, in tragic chaos. For above all, we must not sentimentally grasp at straws, but rather we must pour anthroposophical impulses into our hearts—anthroposophical impulses in full clarity. Then our negotiations will be fruitful.
[ 20 ] So aber, wie die Sachen jetzt sind, so sehe ich in diesem Saale zwei Menschenparteien, zwei Menschengruppen, die sich gegenseitig gar nicht verstehen und die zum gegenseitigen Verständnis auch noch nicht den allerersten Schritt haben vollziehen können. Warum? Weil auf der einen Seite geredet werden muß aus einem zwei Jahrzehnte alten Erleben, aus demjenigen heraus, was ich am Anfange heute ein wenig zu schildern mir erlaubte, und auf der andern Seite kein Interesse vorhanden ist für dieses Erleben. Das ist durchaus nicht in irgendeinem kritischen Sinne gemeint, sondern in dem Sinne eines besorgten Zusprechens nur. Haben wir es doch erlebt, daß sich Menschen gefunden haben, gutmeinende Menschen, für die Anthroposophie in ihrer Art begeisterte Menschen, die einfach unsere Erörterungen hier kupiert haben, indem sie gesagt haben: Was interessieren uns alle diese Referate, wenn sie uns weiter aufgetischt werden? - in dem Momente, wo es sich doch darum handelt, daß diejenigen, die sie noch nicht kennen, die schweren Gefahren kennenlernen wollen, denen die Anthroposophische Gesellschaft ausgesetzt ist. - Da ist auf der einen Seite ein elementares, naturhaftes, möchte ich sagen, Interesse für das Leben in der Anthroposophischen Gesellschaft, ein Leben, das etwas Familienhaftes hat, aber auch die guten Seiten des Familienhaften hat; da ist auf der andern Seite dasjenige, was sich dafür nicht interessiert, was nur eine allgemeine Vorstellung von einer Anthroposophischen Gesellschaft hat. Beides ist so, wie die Sachen heute liegen, berechtigt, so berechtigt, daß, wenn wir nicht bald zu einer ganz andern Form unserer Diskussion kommen, es das allerbeste ist - ich spreche nur meine Meinung aus, denn dasjenige, was geschehen soll, muß aus dem Schoß der Gesellschaft hervorgehen -, wenn wir auf der einen Seite die alte Anthroposophische Gesellschaft ließen, wie sie ist, und daneben gründen für alle diejenigen, welche nun etwas ganz anderes wollen, eineVereinigung freier anthroposophischer Gemeinschaften. Die beiden könnten, jede Partei auf ihrem Boden, dasjenige, was ihr am Herzen liegt, pflegen. Wir hätten auf der einen Seite die alte Anthroposophische Gesellschaft, wir hätten auf der andern Seite eine lose, aber innig zusammenhängende Vereinigung freier Gemeinschaften. Die zwei Gesellschaften könnten einen Modus, miteinander zu leben, finden. Besser wäre es immerhin, daß dieses entstünde, als das Aussichtslose, das sich ergeben müßte für morgen abend, wenn die Diskussion in dieser Weise weiterlaufen wird, wie sie bisher verlaufen ist. Deshalb bitte ich Sie, auch diesen angedeuteten Gedanken bei der weiteren Diskussion hereinzuwerfen, ob Sie nicht eine Unwahrheit vermeiden wollen, die in einem Leimen bestehen würde, gleichgültig, ob man das Alte läßt oder es umformt. Wenn die Dinge so bleiben, daß die eine Seite die andere nicht versteht, so möge man diese skizzierten zwei Vereinigungen innerhalb der anthroposophischen Bewegung begründen. Das sage ich Ihnen aus einem besorgten, aus einem besorgtesten Herzen heraus; denn das wird mir ja niemand absprechen, daß ich verstehe, was es heißt, Sorge zu tragen für die anthroposophische Sache. Man wird mir ebensowenig absprechen, daß ich selber weiß, was es heißt, lieben die anthroposophische Sache. Aber besser ist es, zwei einander liebende Geschwister zu haben, ein jedes seinen eigenen Weg gehend, die sich nur zusammenfinden in einem gemeinsamen Ideale, als etwas zu haben, was nach kurzer Zeit dennoch wiederum ins Chaos hineinführen würde.
[ 20 ] But as things stand now, I see in this hall two factions, two groups of people who do not understand one another at all and who have not yet been able to take even the very first step toward mutual understanding. Why? Because on the one hand, we must speak from an experience dating back two decades—from what I took the liberty of describing briefly at the beginning of today’s talk—and on the other hand, there is no interest in this experience. This is by no means meant in any critical sense, but only in the sense of a concerned appeal. After all, we have seen that people—well-meaning people, people who are enthusiastic about anthroposophy in their own way—have simply cut short our discussions here by saying: “What do we care about all these presentations if they are just served up to us again?” —at a time when the very point is that those who are not yet familiar with it want to learn about the grave dangers to which the Anthroposophical Society is exposed. —On the one hand, there is a fundamental, natural—I would say—interest in life within the Anthroposophical Society, a life that has something of a family atmosphere, but also possesses the positive aspects of that family atmosphere; and on the other hand, there are those who are not interested in this, who have only a general mental image of what the Anthroposophical Society is. As things stand today, both perspectives are justified—so justified, in fact, that if we do not soon arrive at a completely different form of discussion, it would be for the very best—I am merely expressing my opinion, for what is to happen must emerge from within the Society itself—if, on the one hand, we were to leave the old Anthroposophical Society as it is, and, alongside it, establish an association of free anthroposophical communities for all those who now want something entirely different. Each group, on its own ground, could cultivate what is close to its heart. On the one hand, we would have the old Anthroposophical Society; on the other, we would have a loose but closely knit association of free communities. The two societies could find a way to coexist. It would certainly be better for this to come about than the hopeless situation that would inevitably arise by tomorrow evening if the discussion continues in the same way it has so far. That is why I ask you to also introduce this idea I have outlined into the further discussion, if you wish to avoid a falsehood that would consist in a compromise, regardless of whether the old structure is left as is or reformed. If things remain as they are, with one side failing to understand the other, then let us establish these two associations I have outlined within the anthroposophical movement. I say this to you from a concerned, indeed deeply concerned, heart; for no one will deny that I understand what it means to care for the anthroposophical cause. Nor will anyone deny that I myself know what it means to love the anthroposophical cause. But it is better to have two siblings who love one another, each following their own path, coming together only in a shared ideal, than to have something that would, after a short time, lead back into chaos once again.
[ 21 ] Meine lieben Freunde, Sie dürfen doch nicht übersehen, daß die Dinge, die uns die Schwierigkeiten machen, die einzelnen Begründungen sind. Das hätte sollen scharf herausgearbeitet werden. Ich will gar nicht einmal behaupten, daß der letzte Zentralvorstand im wesentlichen materiell an Arbeiten mehr geleistet hat als der frühere, jedenfalls nicht mehr, als ich auf zentralem Gebiet ähnliches geleistet habe, als ich Generalsekretär war. Aber darum handelt es sich nicht. Es handelt sich darum: Was hätte geschehen sollen im anthroposophischen Sinn, nachdem die einzelnen Begründungen hier in Stuttgart entstanden sind? - Diese Frage muß beantwortet werden. Denn heute können wir diese Gründungen nicht aus der Welt schaffen. Wir müssen uns informieren über ihre Lebensbedingungen, nachdem sie da sind. Aber wenn wir nicht verstehen lernen, im anthroposophischen Sinne zu gestalten, was wir nicht verstanden haben in den letzten vier Jahren, wenn wir sie hineinstellen als Fremdkörper in die anthroposophische Bewegung, wie es geschehen ist, dann ruinieren uns die Gründungen, die seit dem Jahre 1919 entstanden sind, die ganze anthroposophische Bewegung. Dann ruinieren sie jeden Zentralvorstand, mag er wie immer heißen. Daher handelt es sich darum, sachliche und nicht persönliche Diskussionen zu führen und sich klar zu werden, wie die Anthroposophische Gesellschaft zu gestalten ist, nachdem sie nun einmal diese Begründungen in sich aufgenommen hat, von denen die eine eine so wunderschöne ist wie dieWaldorfschule. Davon ist gar nicht irgendein Ton gesprochen worden, weil diejenigen, die bekannt und vertraut sind mit den Dingen, die in Stuttgart vorgehen, eigentlich bisher sich mehr oder weniger ausgeschwiegen haben. Ich möchte insbesondere wünschen, daß die beiden Herren vom Zentralvorstand - ich nehme den dritten Herrn, Herrn Leinhas, immer aus, der als der einzige in einer wichtigen Angelegenheit mir intensiv geholfen hat und hilft, bei dem kann ich nicht einmal wünschen, daß er sich dem Zentralvorstand widme, obwohl er im eminentesten Sinne hineingehört -, ich möchte wünschen, daß die beiden andern Herren des Zentralvorstandes sich zu dieser Sache äußern. Um Verteidigung oder dergleichen handelt es sich nicht, sondern darum, was sie zu sagen haben über eine solche zukünftige Gestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft, die die Möglichkeit in sich hat, die Begründungen, die seit dem Jahre 1919 da sind, in sich aufzunehmen. Sonst sind diese Begründungen unverantwortlich geschehen. Das dürfen sie nicht, weil sie einmal da sind. Die Fragen sind im eminentesten Sinne ernst. Und wir müssen uns um sie bekümmern, wir müssen sachlich und nicht persönlich die Diskussion führen. Ich meinte die Worte, die ich jetzt hier spreche, durchaus sachlich, nicht so sehr an eine Person oder Personen im Zentralvorstand gerichtet. Persönlichkeiten sind nicht verunglimpft, aber ich meine, dasjenige, was ich jetzt wiederum scharf hingestellt habe, muß besprochen werden. Wenn eben die beiden Vereinigungen begründet werden, so könnte die, die die Fortsetzung der alten Anthroposophischen Gesellschaft ist, sich bekümmern, wie man sich bekümmern muß um dasjenige, was nun einmal aus dem Schoße der Gesellschaft hervorgegangen ist; und die andere könnte, weil sie sich nicht dafür interessiert, den anthroposophischen Weg im engeren Sinne nachgehen. Ich wollte das kurz skizziert hinstellen. Von dem Sachlichen werde ich dann morgen um zwölf Uhr eingehender sprechen.
[ 21 ] My dear friends, you must not overlook the fact that the things causing us difficulties are the individual justifications. That should have been clearly highlighted. I do not even wish to claim that the last Central Executive Committee essentially accomplished more in terms of substantive work than the previous one—at any rate, no more than I accomplished in a similar capacity at the central level when I was General Secretary. But that is not the point. The point is this: What should have happened in the anthroposophical sense after the individual foundations were established here in Stuttgart?—This question must be answered. For today we cannot simply do away with these foundations. We must inform ourselves about their conditions of existence now that they are here. But if we do not learn to shape them in the anthroposophical sense—something we have failed to do over the past four years—and if we treat them as foreign bodies within the anthroposophical movement, as has happened, then the branches that have emerged since 1919 will ruin the entire anthroposophical movement. Then they will ruin every Central Executive Council, whatever its name may be. Therefore, the task at hand is to conduct objective, not personal, discussions and to clarify how the Anthroposophical Society should be structured now that it has incorporated these institutions—one of which is as wonderful as the Waldorf School. Not a word has been said about this, because those who are familiar with the events taking place in Stuttgart have, in fact, remained more or less silent up to now. I would particularly like to ask that the two gentlemen from the Executive Council—I always exclude the third gentleman, Mr. Leinhas, who is the only one who has helped me intensively in an important matter and continues to do so; in his case, I cannot even ask that he devote himself to the Executive Council, although he belongs there in the most eminent sense—I would like to ask that the other two gentlemen of the Executive Council comment on this matter. This is not a matter of defense or anything of the sort, but rather about what they have to say regarding a future structure of the Anthroposophical Society that has the capacity to incorporate the justifications that have existed since 1919. Otherwise, these justifications have been made irresponsibly. They must not be ignored, simply because they exist. These questions are serious in the most profound sense. And we must address them; we must conduct the discussion objectively and not personally. I meant the words I am speaking here now to be entirely objective, not so much directed at any one person or persons on the Executive Council. No individuals are being disparaged, but I believe that what I have once again pointed out sharply must be discussed. If these two associations are indeed established, then the one that is the continuation of the old Anthroposophical Society could take care of what has emerged from the very heart of the Society—just as one must; and the other, because it has no interest in that, could pursue the anthroposophical path in the narrower sense. I wanted to outline this briefly. I will then speak in more detail about the specifics tomorrow at noon.
