Anthroposophical Community Building
GA 257
28 February 1923, Stuttgart
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Anthroposophical Community Building, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Allerdings hätte ich auch bei dieser Versammlung gerne, wie ich es in sonstigen Vorträgen vor den lieben Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft tue, über ganz speziell Anthroposophisches gesprochen. Allein der ganze Verlauf der Versammlung, alles dasjenige, was sich in diesen Tagen zugetragen hat, veranlassen mich doch, gerade solche Fragen hier zu behandeln, welche innerhalb des unmittelbaren Interesses dieser Versammlung liegen. Hoffentlich wird ja auch wieder Gelegenheit sein, wenn auch vielleicht nicht auf einmal zu Ihnen allen, so doch bei wiederholten Anlässen zu einzelnen Gruppen von Ihnen über Anthroposophisches im engeren Sinne zu sprechen. Aber es soll gerade in diesen beiden Vorträgen gezeigt werden, wie Anthroposophie wirklich eine Art Lebensweisheit werden kann, wie sie einfließen kann in die täglichen Absichten und in die täglich wirkende Gesinnung. Und so möchte ich gerade für dasjenige, was hier verhandelt werden soll, vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus gewisse Unterlagen geben. Ich habe gestern in diesem Stile gesprochen über die in der Anthroposophischen Gesellschaft mögliche Gemeinschaftsbildung, und ich möchte hieran anschließend einiges von der Art besprechen, daß sich zeigt, wie in der Tat die anthroposophische Auffassung der Welt dazu führt, das Leben in einer richtigeren Weise zu nehmen, als man es nehmen kann ohne diese.
[ 1 ] However, at this gathering as well, I would have liked—as I do in other lectures before the dear members of the Anthroposophical Society—to speak specifically about anthroposophy. But the entire course of this gathering—everything that has taken place over the past few days—prompts me to address precisely those questions that lie within the immediate scope of this gathering’s interest. Hopefully there will be another opportunity—perhaps not all at once with all of you, but on repeated occasions with individual groups among you—to speak about anthroposophy in the narrower sense. But these two lectures in particular are intended to show how anthroposophy can truly become a kind of wisdom for living, how it can flow into our daily intentions and into the attitude that shapes our daily lives. And so, specifically for the topics to be discussed here, I would like to provide some background information from an anthroposophical perspective. Yesterday I spoke in this vein about the formation of community possible within the Anthroposophical Society, and I would like to follow this up by discussing a few points that demonstrate how, in fact, the anthroposophical view of the world leads to a more correct way of living than is possible without it.
[ 2 ] Da möchte ich, gewissermaßen um das Gegenbild von dem zu zeigen, wovon ich gestern gesprochen habe, von etwas ausgehen, was diejenigen gut kennen, welche mit der Geschichte solcher Gesellschaften bekannt sind, die auf einer ähnlichen Grundlage ruhen wie diese anthroposophische. Ich werde dann später auch das Unterscheidende dieser Anthroposophischen Gesellschaft von andern ein wenig kennzeichnen; aber ich möchte zunächst darauf hinweisen, daß es ja in der Welt schon viele Gesellschaften gegeben hat, die ihr Leben begründen auf einer irgendwie zustande gebrachten Einsicht in die geistige Welt, selbstverständlich abgestuft nach dem, was möglich war in den aufeinanderfolgenden Geschichtsepochen der menschlichen Entwickelung, selbstverständlich auch abgestuft nach den Möglichkeiten, die nach dem Charakter, nach den Fähigkeiten der Menschen, die an solchen Gesellschaften teilnahmen, vorlagen. Man findet innerhalb der großen Masse solcher Gesellschaften alle Abstufungen von ernstesten, wirklich wichtigsten, bis zu denen mit scharlatanhaftem Inhalt. Aber eines wissen diejenigen, die mit der Geschichte solcher Gesellschaften bekannt sind, wirklich recht gut. Das ist, daß ja immer eine Art moralischer Atmosphäre in solchen Gesellschaften dadurch geschaffen wird, und zwar mit einer gewissen Notwendigkeit, wenn gewisse Bedingungen vorhanden sind, von der man sagen kann: Angestrebt wird unter den Menschen solcher Gesellschaften echte, wahre menschliche Brüderlichkeit. - So daß in der Regel in den Satzungen solcher Gesellschaften auch dieses sich findet, und zwar, wie gesagt, mit Notwendigkeit, daß auf der einen Seite Brüderlichkeit angestrebt wird, auf der andern Seite eine Einsicht in die geistigen Welten. Dasjenige nun, was Kenner der Geschichte solcher Gesellschaften wissen, ist, daß in diesen auf Brüderlichkeit und geistiger Einsicht begründeten Gesellschaften am allermeisten gestritten wird, daß am allermeisten Gelegenheit gefunden wird zu Zwiespalt, zum Auseinandergehen, zum Bilden von selbständigen Gruppen innerhalb größerer Gemeinschaften, zum Austritt von Gruppen, zum scharfen Bekämpfen derjenigen, die zurückgeblieben sind, von denen, die ausgetreten sind und so weiter, kurz, daß dasjenige, was man nennen kann menschliches Streiten, in diesen Bruderschaftsgesellschaften eigentlich am üppigsten wuchert. Das ist eine eigentümliche Erscheinung. Aber Anthroposophie gibt uns auch die Möglichkeit, aus ihren eigenen Erkenntnissen heraus diese Erscheinung zu verstehen. Und es gehört dasjenige, was ich in diesen beiden Vorträgen sage, auch, wenn ich mich pedantisch ausdrücken darf, zu dem System der Anthroposophie. Also es soll dennoch nicht ein allgemeiner Diskussionsvortrag gehalten werden, sondern doch - aber eben im Zusammenhang mit der Versammlung - ein anthroposophischer.
[ 2 ] Here, in a sense to illustrate the opposite of what I spoke about yesterday, I would like to begin with something that is well known to those familiar with the history of societies based on principles similar to those of this Anthroposophical Society. I will then later also briefly outline what distinguishes this Anthroposophical Society from others; but first I would like to point out that there have indeed been many societies in the world that base their existence on some kind of insight into the spiritual world—graded, of course, according to what was possible in the successive historical epochs of human development, and also, of course, according to the possibilities available based on the character and abilities of the people who participated in such societies. Within the vast multitude of such societies, one finds every gradation, from the most serious and truly significant to those with charlatan-like content. But there is one thing that those familiar with the history of such societies know very well indeed. That is that a kind of moral atmosphere is always created in such societies—and indeed with a certain inevitability when certain conditions are present—of which one can say: The aim among the members of such societies is genuine, true human brotherhood. — So that, as a rule, the bylaws of such societies also include this provision—and, as mentioned, necessarily so—that on the one hand, brotherhood is sought, and on the other, insight into the spiritual worlds. Now, what those familiar with the history of such societies know is that it is precisely in these societies, founded on brotherhood and spiritual insight, that the most disputes arise, that the greatest opportunities are found for discord, for drifting apart, to the formation of independent groups within larger communities, to the secession of groups, to the fierce opposition against those who have remained behind, those who have left, and so on—in short, that what might be called human strife actually flourishes most abundantly in these brotherhood societies. This is a peculiar phenomenon. But anthroposophy also gives us the opportunity to understand this phenomenon on the basis of its own insights. And what I am saying in these two lectures also belongs—if I may put it pedantically—to the system of anthroposophy. So this is not meant to be a general discussion lecture, but rather—in the context of this gathering—an anthroposophical one.
[ 3 ] Wenn wir noch einmal zurückgehen nämlich auf dasjenige, was ich schon gestern erwähnt habe, so finden wir die drei Stufen des menschlichen Erlebens mit Bezug auf die menschliche Bewußtseinserscheinung. Wir finden den Menschen, der im tiefen Schlaf oder namentlich im Traumschlafe ist, der also für ein gewisses, meinetwillen untergeordnetes Bewußtsein eine gewisse Welt von Bildern erlebt, die er während des Träumens für seine Wirklichkeit hält. Wir wissen, dieser Mensch ist isoliert unter den andern Menschen, die mit ihm in der physischen Welt zusammenleben; sie haben mit ihm nicht gemeinsame Erlebnisse. Für dasjenige, was er erlebt, ist ein Austauschmittel nicht vorhanden. Wir wissen dann, daß der Mensch aus diesem Bewußtseinszustande eintreten kann in das gewöhnliche Alltagsbewußtsein, zu dem er erweckt wird, wie ich gestern ausführte, durch das äußerliche Natürliche, auch das äußerliche Natürliche an dem andern Menschen. Da erwacht einfach durch die natürlichen Triebe und durch die Lebensnotwendigkeit schon ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, dem dann ja durch die Sprachen entgegengekommen ist.
[ 3 ] If we go back once more to what I mentioned yesterday, we find the three stages of human experience in relation to the phenomenon of human consciousness. We find the person who is in deep sleep—or, more specifically, in the sleep of dreaming—and who thus, within a certain—for my purposes, subordinate—state of consciousness, experiences a certain world of images that he regards as his reality while dreaming. We know that this person is isolated from the other people with whom he lives in the physical world; they do not share common experiences with him. There is no means of exchange for what he experiences. We know, then, that a person can emerge from this state of consciousness into ordinary everyday consciousness, to which he is awakened, as I explained yesterday, by the external natural world, including the external natural world of other people. There, simply through natural instincts and the necessities of life, a certain sense of community already awakens, which is then met by language.
[ 4 ] Aber sehen wir uns nun einmal die Vermischung dieser beiden Bewußtseinszustände an. Solange der Mensch in vollständig normalen Lebensverhältnissen ist, solange er scheidet, zeitlich scheidet durch seine normale Seelen- und Körperverfassung dasjenige, was er als isolierter Mensch im Traume erlebt, von demjenigen, was er mit andern Menschen zusammen erlebt, so lange wird er in seiner Traumwelt und in der gewöhnlichen Wirklichkeitswelt in einer für ihn und die andern Menschen angemessenen Weise leben. Nehmen wir aber an, durch irgend etwas, meinetwillen Pathologisches - so muß es ja in diesem Falle genannt werden -, ist ein Mensch in der Lage, daß er im wachen Tagesbewußtsein, also wenn er mit andern Menschen zusammen ist, nicht diejenigen Vorstellungen und Empfindungen erzeugt, die die andern Menschen haben. Nehmen wir an, daß er durch das Pathologische seiner Organisation in das wache Tagesbewußtsein eine Vorstellungs- oder Empfindungswelt hereinbringt, welche ähnlich der des Traumes ist. Statt logischer Gliederung seiner Gedanken bringe er herein eine Bilderwelt, die ähnlich der Traumbilderwelt ist. Wir nennen einen solchen Menschen geistig nicht gesund. Jetzt aber soll uns vorzugsweise das interessieren, daß ein solcher Mensch die andern nicht versteht, sie ihn, wenn sie ihn nicht gerade medizinisch, pathologisch nehmen, auch nicht verstehen. In dem Augenblicke, wo die Seelenverfassung dieses andern, meinetwillen untergeordneten Bewußtseinszustandes herübergenommen wird in einen, meinetwillen höher gearteten Bewußtseinszustand, in dem Augenblicke wird der Mensch unter Menschen ein krasser Egoist. Sie brauchen sich das nur zu überlegen, und Sie werden das finden, ein solcher Mensch geht nur noch dem nach, was er sich selber einbildet, er gerät mit den andern auseinander, weil sie seine Gründe nicht einsehen können; er kann bis zu den schärfsten Exzessen kommen, weil er nicht in einer gemeinschaftlichen Seelenwelt mit den andern lebt.
[ 4 ] But let us now take a look at the intermingling of these two states of consciousness. As long as a person lives under completely normal conditions—as long as their normal mental and physical state temporally separates what they experience as an isolated individual in a dream from what they experience together with other people—they will live in their dream world and in the ordinary world of reality in a way that is appropriate for them and for others. But let us suppose that, due to some factor—let us call it pathological for the sake of argument, since that is what it must be called in this case—a person finds themselves in a situation where, in their waking daytime consciousness—that is, when they are with other people—they do not produce the same mental images and sensations that other people have. Let us assume that, due to the pathological nature of his constitution, he brings into his waking daytime consciousness a world of mental images or sensations that is similar to that of a dream. Instead of a logical structure of his thoughts, he brings in a world of images similar to the world of dream images. We do not consider such a person to be mentally healthy. But what should interest us most now is that such a person does not understand others, nor do others understand him—unless they view him strictly in medical or pathological terms. The moment the mental state of this other—let us say, inferior—state of consciousness is transferred into a—let us say, higher—state of consciousness, at that very moment the person becomes a blatant egoist among people. You need only consider this, and you will see that such a person pursues only what he imagines for himself; he comes into conflict with others because they cannot understand his reasons; he can go to the most extreme lengths because he does not live in a shared spiritual world with others.
[ 5 ] Nun gehen wir von diesen zwei Bewußtseinsstufen zu den zwei andern: zu dem Alltagsbewußtsein, zu dem wir durch den natürlichen Gang der äußeren Ereignisse geführt werden, und stellen wir ihm gegenüber den andern, meinetwillen höher gearteten Bewußtseinszustand, der, wie ich gestern ausführte, in einer gewissen Weise erwachen kann dadurch, daß man erwacht nicht bloß an dem Natürlichen der Umwelt, sondern an dem Inneren des andern Menschen. Man erwacht also, wenn das auch gewöhnlich nicht ganz klar gleich vorliegt im Bewußtsein, auf zu einem solchen Bewußtseinsniveau. Es gibt natürlich viele andere Wege, um in die höheren Welten hineinzukommen, das wissen Sie ja alles aus meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; aber man kann für diejenigen Augenblicke, die man so glücklich ist, mit den andern Menschen auf entsprechende Art zuzubringen, hineinversetzt werden in die Möglichkeit, Dinge zu begreifen, vor sich zu haben, die man sonst nicht begreift oder vor sich hat. Da ergibt sich nun eine Möglichkeit, zunächst zu leben mit demjenigen, was der Kenner der geistigen Welt eben bezeichnet mit Ausdrücken, die sich auf diese geistige Welt beziehen. Es ergibt sich die Möglichkeit, zu reden vom physischen Leib, vom Ätherleib, vom Astralleib und Ich. Da ergibt sich die Möglichkeit, zu reden von wiederholten Erdenleben, von karmischen Zusammenhängen der wiederholten Erdenleben. Ja, nun ist die Möglichkeit vorhanden, die ganze Seelenverfassung des Alltagsbewußtseins hineinzutragen in diese höhere Welt, der man da teilhaftig wird. Das ist auf einer andern Stufe dasselbe, wie wenn man die Konfiguration der traumhaften Bildlichkeit in das Alltagsleben hineinträgt. Man wird da auf einer gewissen Stufe zum Egoisten auf ganz natürliche Weise. Man wird es, wenn man sich nicht bewußt wird: Du mußt in einer ganz andern Weise ansehen dasjenige, was einer höheren, einer geistigen, einer übersinnlichen Welt angehört, als was in der sinnlichen ist. Du mußt umdenken, umempfinden lernen. Geradeso wie der Träumer in einen ganz andern Bewußtseinszustand hineinschnappen muß, wenn ich so sagen darf, wenn er im alltäglichen Bewußtsein leben will mit den andern Menschen, so ist es notwendig, daß man sich bewußt wird: Man kann nicht mit derselben Seelenverfassung die Dinge ansehen, die einem in der Anthroposophie gegeben werden, mit der man die Dinge anschaut, die einem im Alltagsbewußtsein gegeben werden.
[ 5 ] Now let us move from these two levels of consciousness to the other two: to everyday consciousness, to which we are led by the natural course of external events, and let us contrast it with the other—in my view, higher—state of consciousness, which, as I explained yesterday, can awaken in a certain way by becoming aware not merely of the natural aspects of the environment, but of the inner life of another person. Thus, even if it is not usually immediately and clearly present in consciousness, one awakens to such a level of consciousness. There are, of course, many other ways to enter the higher worlds—as you all know from my book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*—but during those moments when one is fortunate enough to spend time with other people in an appropriate manner, one can be transported into the possibility of comprehending and experiencing things that one would otherwise not comprehend or experience. This opens up the possibility of first living with what the expert on the spiritual world describes using terms that refer to this spiritual world. It opens up the possibility of speaking about the physical body, the etheric body, the astral body, and the I. It opens up the possibility of speaking about repeated earthly lives and the karmic connections between them. Yes, now there is the possibility of carrying the entire state of the soul from everyday consciousness into this higher world of which one has become a part. On another level, this is the same as carrying the configuration of dreamlike imagery into everyday life. At a certain level, one becomes an egoist in a completely natural way. One becomes so if one does not realize: You must view that which belongs to a higher, spiritual, and supersensory world in a completely different way than that which belongs to the sensory world. You must learn to think differently and feel differently. Just as the dreamer must, so to speak, snap into a completely different state of consciousness—if I may put it that way—if he wants to live in everyday consciousness with other people, so it is necessary to become aware that: One cannot view the things presented to one in anthroposophy with the same state of mind as one uses to view the things presented to one in everyday consciousness.
[ 6 ] Darin liegt ja die Schwierigkeit der Verständigung zwischen diesem Alltagsbewußtsein, das ja auch unser gewöhnliches Wissenschaftsbewußtsein ist, und demjenigen, was gegeben werden muß durch die Anthroposophie. Wenn da Leute kommen und hin und her sprechen, der eine mit dem Alltagsbewußtsein, also auch mit dem gewöhnlichen Wissenschaftsbewußtsein, der andere mit dem Bewußtsein, das wirklich gewachsen ist den Beurteilungen, die in einer übersinnlichen Welt statthaben müssen, dann ist das gerade so, wie wenn einer, der Träume erzählt, sich verständigen will mit einem andern, der ihm Dinge der äußeren Wirklichkeit erzählt. Und wenn mehrere Menschen sich mit demjenigen, was sie aus dem Alltagsbewußtsein haben, dann zusammenfinden und nicht mit der vollen Empfindung sich erheben zu der übersinnlichen Welt, wenn sich solche Menschen zusammenfinden, um einfach in der alltäglichen Seelenverfassung die Sprache der übersinnlichen Welt zu hören, dann ist eine unendlich große, eine unermeßlich große Möglichkeit gegeben, daß sie ins Streiten kommen, weil sie untereinander auf die naturgemäßeste Weise zu Egoisten werden. Dagegen gibt es allerdings ein kräftiges Mittel, das aber auch erst in der Menschenseele entwickelt werden muß. Das ist das Mittel der innerlichsten durchseelten Toleranz. Aber das muß eben anerzogen werden. Im gewöhnlichen Bewußtsein des alltäglichen Erlebens reicht für die Bedürfnisse, die die meisten Menschen haben, ein recht geringfügiger Grad von Toleranz aus, und vieles korrigiert ja einfach die natürliche Umgebung. Aber für dieses gewöhnliche Bewußtsein des Alltagslebens, da ist es ja so - wer Lebenserfahrung hat, weiß das -, daß eben, wenn zwei Menschen miteinander reden, es ihnen sehr häufig gar nicht darauf ankommt, den andern zu hören. Heute ist ja die Sitte so eingerissen, daß man überhaupt kaum mehr gehört wird, sondern immer, wenn man das eine Viertel des Satzes gesprochen hat, der andere anfängt zu reden, weil ihn das eigentlich nicht interessiert, was man sagt, sondern es interessiert ihn nur seine eigene Meinung. Das geht, wenn auch in leidiger Weise, in der physischen Welt. Das geht nicht mehr in der geistigen Welt. In der geistigen Welt muß unbedingteste Toleranz die Seele durchdringen. Da muß man sich dazu erziehen können, selbst dasjenige, womit man nicht im geringsten übereinstimmt, in aller Ruhe hinzunehmen, nicht nur mit einer hochnäsigen Duldung, sondern so, daß man in einer gewissen Weise es zuinnerst sachlich toleriert als eine berechtigte Äußerung des andern Menschen. Es hat in höheren Welten eigentlich nur einen ganz geringen Sinn, gegen irgend etwas Einwendungen zu machen; derjenige, der erfahren ist in den Erlebnissen höherer Welten, der weiß, daß über ein Faktum die entgegengesetztesten Anschauungen geäußert werden können zum Beispiel von ihm und einem andern. Wenn er in der Lage ist, die entgegengesetzte Anschauung des andern mit derselben Toleranz aufzunehmen - bitte, hören Sie das! — wie seine eigene, dann erst erwirbt er sich die notwendige soziale Seelenverfassung für das Erleben desjenigen, was in der Theorie aus höheren Welten heraus verkündet wird. Diese moralische Basis ist eben notwendig für ein richtiges Verhältnis des Menschen zu den höheren Welten. Und das Streiten in solchen Gesellschaften, wie ich sie charakterisiert habe, das beruht eben einfach darauf, daß die Menschen, wenn die Sensation da ist, zu hören: Der Mensch hat nicht nur einen physischen Leib, sondern auch einen Ätherleib, Astralleib, Ich und so weiter — sie dieses auf Sensation hin annehmen, aber die Seele nicht umarten zu der Art, die notwendig ist, um das anders zu erleben, als man in der physischen Welt einen Tisch oder einen Stuhl erlebt, die man ja auch in der physischen Welt anders erlebt als im Traume. Wenn die Menschen also ihren gewöhnlichen Seelenduktus hineintragen in ihr vermeintliches Verstehen der Lehre aus der höheren Welt, dann kommen sie aus diesem Hineintragen ganz selbstverständlich zu Egoismus und Streit.
[ 6 ] This is precisely where the difficulty lies in achieving understanding between this everyday consciousness—which is, after all, also our ordinary scientific consciousness—and that which must be provided by anthroposophy. When people come and speak back and forth—one with everyday consciousness, that is, also with ordinary scientific consciousness, and the other with a consciousness that has truly developed to make the judgments that must apply in a supersensible world—then it is just as if someone recounting dreams were trying to communicate with another who is telling him about things in external reality. And when several people come together based on what they have from everyday consciousness—rather than rising with full awareness to the supersensible world—when such people come together simply to hear the language of the supersensible world while still in their everyday state of mind, then there is an infinitely great, an immeasurably great possibility that they will come into conflict, because they naturally become egoists toward one another. There is, however, a powerful remedy for this, though it too must first be developed within the human soul. This is the remedy of the most deeply felt, soul-infused tolerance. But this must be cultivated. In the ordinary consciousness of everyday life, a fairly minimal degree of tolerance suffices for the needs that most people have, and much is simply corrected by the natural environment. But in this ordinary consciousness of everyday life—and anyone with life experience knows this—it is often the case that when two people are talking to each other, they very often do not care at all about listening to the other person. Today, the custom has become so ingrained that one is hardly heard at all; rather, as soon as one has spoken a quarter of a sentence, the other person begins to speak, because they are not actually interested in what one is saying, but are concerned only with their own opinion. This works—albeit in a painful way—in the physical world. It no longer works in the spiritual world. In the spiritual world, the utmost tolerance must permeate the soul. One must train oneself to calmly accept even that with which one does not agree in the slightest—not merely with a haughty tolerance, but in such a way that, in a certain sense, one tolerates it objectively and from the depths of one’s being as a legitimate expression of the other person. In the higher worlds, there is actually very little point in raising objections to anything; those who are experienced in the realities of the higher worlds know that the most opposing views can be expressed regarding a single fact—for example, by themselves and by another person. If he is able to accept the other person’s opposing view with the same tolerance—please, listen to this!—as his own, only then does he acquire the necessary social state of mind for experiencing what is proclaimed in theory from the higher worlds. This moral foundation is precisely what is necessary for a proper relationship between human beings and the higher worlds. And the arguments in such societies, as I have characterized them, are simply based on the fact that when the sensation arises, people tend to accept: “Human beings have not only a physical body, but also an etheric body, an astral body, an ‘I,’ and so on”—they accept this out of mere sensation, but fail to transform their soul into the state necessary to experience it differently than one experiences a table or a chair in the physical world—which, after all, are also experienced differently in the physical world than in a dream. So when people carry their habitual mental disposition into their supposed understanding of the teachings from the higher world, this naturally leads them to selfishness and conflict.
[ 7 ] So wird es verständlich, gerade aus dem Begreifen der Eigentümlichkeit der höheren Welten heraus, daß sehr leicht gerade in Gesellschaften mit geistigem Inhalt Streit und Zank entstehen kann und daß notwendig ist, sich für solche Gesellschaften in einer solchen Weise zu erziehen, daß man in einem unermeßlich weiteren Grade den andern erträgt, als man das für die physische Welt gewohnt ist. Anthroposoph werden heißt eben nicht bloß, Anthroposophie als Theorie kennenlernen, sondern Anthroposoph sein erfordert in einem gewissen Sinne eine Seelenumartung. Diese aber wollen gewisse Menschen nicht. Daher wurde es auch nie verstanden, wenn ich gesagt habe: Es gibt zweierlei Arten, sich zum Beispiel mit meinem Buche «Theosophie» zu beschäftigen. Die eine ist, es zu lesen oder meinetwillen es auch zu studieren, indem man mit der gewöhnlichen Seelenverfassung an es herangeht und es im Sinne dieser gewöhnlichen Seelenverfassung beurteilt. Dann ist der Seelenvorgang der Qualität nach ganz der gleiche, ob man eine «Theosophie» liest oder ein Kochbuch. Für den Wert des Erlebens ist dann kein Unterschied zwischen dem Lesen dieser «Theosophie» und dem Lesen eines Kochbuches, nur daß man, wenn man das tut, eben einfach im Lesen der «Theosophie» auf einer höheren Stufe träumt, nicht lebt. Und wenn man so von höheren Welten träumt, dann kommt aus den Impulsen der höheren Welten heraus nicht die größte Einigkeit unter den Menschen, das größtmögliche Tolerieren als eine Errungenschaft, sondern statt der Einigkeit, die gerade das Geschenk des Studiums der höheren Welten sein kann, immer weiter wirkender Streit und Zank. Damit haben Sie dieBedingungen des Streitens und Zankens gegeben in Gesellschaften, die auf einer Art Einsicht in die geistigen Welten beruhen.
[ 7 ] Thus, it becomes clear—precisely through an understanding of the unique nature of the higher worlds—that conflict and strife can very easily arise, especially in communities with a spiritual focus, and that it is necessary to educate oneself for such communities in such a way that one tolerates others to an immeasurably greater degree than one is accustomed to in the physical world. Becoming an anthroposophist does not merely mean getting to know anthroposophy as a theory; rather, being an anthroposophist requires, in a certain sense, a transformation of the soul. But certain people do not want this. That is why it was never understood when I said: There are two ways, for example, to engage with my book *Theosophy*. One is to read it—or, for all I care, to study it—by approaching it with one’s usual state of mind and judging it in accordance with that state of mind. In that case, the quality of the mental process is exactly the same, whether one is reading *Theosophy* or a cookbook. In terms of the value of the experience, there is then no difference between reading *Theosophy* and reading a cookbook, except that when one does so, one is simply dreaming on a higher level while reading *Theosophy*—not living. And when one dreams of higher worlds in this way, what emerges from the impulses of those higher worlds is not the greatest unity among people, nor the greatest possible tolerance as an achievement; rather, instead of the unity that can be the very gift of studying the higher worlds, there is ever-widening strife and quarrel. Thus, you have established the conditions for strife and quarrels in societies based on a certain insight into the spiritual worlds.
[ 8 ] Ich sagte, in die geistigen Welten hinein führen eben die verschiedenen Wege, die ich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» zum Teil beschrieben habe. Nun, wenn jemand in einer intensiveren Weise damit beschäftigt sein muß, Erkenntnisse aus den höheren Welten zu suchen, dann wird das, wie Sie nun begreifen können nach dem, was ich gestern und heute für etwas ganz anderes ausgeführt habe, eine gewisse Seelenverfassung bedingen. Und so wird namentlich eine gewisse Seelenverfassung notwendig sein für den eigentlichen Geistesforscher. Man findet nämlich nicht die Wahrheit auf übersinnlichem Gebiete, wenn man fortwährend genötigt ist, der Seele dasjenige aufzudrängen, was in der physischen Welt in ganz berechtigter Weise sich abspielt, wenn man sich während des Geistesforschens fortwährend zu beschäftigen hat mit demjenigen, was von einem fordert, daß man im Sinne der physischen Welt denkt. Nun werden Sie zugeben, daß derjenige, der in verantwortlicher Weise seinen Mitmenschen etwas mitteilt aus den geistigen Welten, der also einfach nach dem Wortgebrauch, der für die übliche Wissenschaft vorhanden ist, sich einen Geistesforscher nennen kann, zu seinem Forschen viel Zeit braucht. Und damit werden Sie es gerechtfertigt finden, daß ich selber Zeit brauche zum Erforschen desjenigen, was ja jetzt nach und nach in immer erweiterter und erweiterterer Gestalt als eine Geisteswissenschaft, als eine Anthroposophie von mir vorgetragen wird.
[ 8 ] I said that the various paths leading into the spiritual worlds are the ones I have described in part in the book *How Does One Gain Insight into the Higher Worlds?*. Now, if someone must engage more intensively in seeking knowledge of the higher worlds, then—as you can now understand from what I explained yesterday and today in connection with something entirely different—this will require a certain state of mind. And so, in particular, a certain state of mind will be necessary for the true spiritual researcher. For one does not find the truth in the supersensible realm if one is constantly compelled to impose upon the soul what takes place quite legitimately in the physical world, if, during spiritual research, one must constantly concern oneself with that which demands that one think in terms of the physical world. Now you will admit that anyone who responsibly communicates something from the spiritual worlds to his fellow human beings—and who, simply according to the terminology used in conventional science, can call himself a spiritual researcher—needs a great deal of time for his research. And with that, you will find it justified that I myself need time to investigate what is now gradually being presented by me in an ever-expanding form as a Spiritual Science, as anthroposophy.
[ 9 ] Diese Zeit, die kann man sich nach seinem Schicksale natürlich dann schaffen, wenn man ganz allein dasteht. Denn derjenige, der ein wirklicher Geistesforscher ist und in verantwortlicher Weise seinen Mitmenschen mitteilen will dasjenige, was er in der geistigen Welt findet, der wird sich die Eigentümlichkeit aneignen - das ist eine ganz natürliche Sache -, sich um seine Gegner nicht zu bekümmern. Er weiß, daß er Gegner haben muß, aber ihm kommt es nicht darauf an, daß man gegen die Dinge, die er sagt, etwas einwendet; die Einwendungen kann er sich selber machen. Und so ist es eine natürliche Seelenverfassung, daß der Geistesforscher in positiver Weise seinen Weg geht und sich nicht um die Einwendungen viel kümmert, wenn nicht da oder dort eine besondere Veranlassung dazu vorliegt.
[ 9 ] Of course, one can create this time for oneself, according to one’s destiny, when one stands entirely alone. For anyone who is a true spiritual researcher and who wishes to responsibly share with his fellow human beings what he finds in the spiritual world will naturally acquire the habit—and this is entirely natural—of not worrying about his opponents. He knows that he must have opponents, but it does not matter to him if people object to what he says; he can raise those objections himself. And so it is a natural state of mind for the spiritual researcher to follow his path in a positive manner and not to concern himself much with objections, unless there is a specific reason to do so here or there.
[ 10 ] Diese Seelenverfassung kann man aber nicht aufrechterhalten, wenn einem eine Anthroposophische Gesellschaft zur Seite steht. Denn dann kommt zu der bloßen Verantwortlichkeit gegenüber der Wahrheit die Verantwortlichkeit gegenüber dem, was die Gesellschaft tut, welche sich, wie das so oft gesagt wird, zum Werkzeuge dieser Wahrheit machen will. Da muß man teilnehmen an den Verantwortlichkeiten dieser Gesellschaft. Nun, bis zu einem gewissen Grade geht das noch immer zusammen mit dem richtigen Verhalten gegenüber den Gegnern. So ist es auch bis zum Jahre 1918 mit mir und dieser Anthroposophischen Gesellschaft gegangen. Ich habe mich möglichst wenig gekümmert um dasjenige, was eingewendet worden ist, und zwar - so paradox es klingt — aus der Konsequenz jener Ihnen eben geschilderten Toleranz heraus. Warum soll ich denn so intolerant sein, immer wieder meine Gegner zu widerlegen? Es wird schon alles in das richtige Geleise kommen durch den naturgemäßen Fortschritt in der Menschheitsentwickelung. Und deshalb kann ich sagen: Zwar nicht ganz, aber in einem hohen Maße war diese Frage in Ordnung bis 1918. - Wenn aber die Gesellschaft dazu übergeht, Dinge in sich aufzunehmen, wie unsere Anthroposophische Gesellschaft seit 1919 sie aufgenommen hat, dann gerät man in Verantwortlichkeiten hinein gegenüber diesen einzelnen aufgenommenen Dingen, dann wird das Schicksal dieser aufgenommenen Dinge mit dem Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft verknüpft und wiederum das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft mit dem Schicksale des Geistesforschers. Und dann entsteht die Alternative: Entweder der Geistesforscher muß es nun in die Hand nehmen, sich gegen seine Gegner zu wehren, das heißt, sich mit lauter Dingen zu beschäftigen, die ihn von der geistigen Forschung abbringen müssen, weil man beides gleichzeitig nicht machen kann; oder aber er ist darauf angewiesen, weil er sich für seine Geistesforschung Zeit schaffen muß, die Behandlung der Gegner denjenigen zu überlassen, welche in einer gewissen Weise die Verantwortlichkeit übernommen haben für das äußerlich Begründete. Deshalb ist auch aus inneren anthroposophischen Gründen die Situation innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft seit 1919 eine wesentlich andere geworden. Deshalb muß, weil diese Gesellschaft sich entschlossen hat in einzelnen ihrer Persönlichkeiten solche äußere Begründungen zu machen und weil die Grundlage, auf der das alles ruht, ja doch die Anthroposophie ist, diese Grundlage gerade von denjenigen verteidigt werden, die nicht die volle Verantwortung tragen für die innere Berechtigung desjenigen, was von Tag zu Tag zu der Geistesforschung hinzugefügt werden muß durch wirkliches Forschen.
[ 10 ] However, one cannot maintain this state of mind when one has the Anthroposophical Society at one’s side. For then, in addition to the mere responsibility toward the truth, there is also a responsibility toward what the Society does—a Society which, as is so often said, seeks to make itself an instrument of this truth. One must therefore share in the responsibilities of this Society. Well, to a certain extent, this can still go hand in hand with the proper attitude toward one’s opponents. That is how things were for me and this Anthroposophical Society up until 1918. I paid as little attention as possible to the objections that were raised—and this, as paradoxical as it may sound, stemmed from the very tolerance I have just described to you. Why should I be so intolerant as to constantly refute my opponents? Everything will fall into place through the natural progress of human development. And that is why I can say: Although not entirely, this matter was largely in order up until 1918. —But when a society begins to take things into itself, as our Anthroposophical Society has done since 1919, then one assumes responsibilities toward these individual things that have been taken in; then the fate of these things becomes linked to the fate of the Anthroposophical Society, and in turn, the fate of the Anthroposophical Society becomes linked to the fate of the spiritual researcher. And then the alternative arises: Either the spiritual researcher must now take it upon himself to defend himself against his opponents—that is, to concern himself with all sorts of things that are bound to distract him from spiritual research, because one cannot do both at the same time; or else, because he must make time for his spiritual research, he is compelled to leave the handling of his opponents to those who, in a certain sense, have assumed responsibility for the externally grounded aspects. For this reason, too—based on inner anthroposophical considerations—the situation within our Anthroposophical Society has become fundamentally different since 1919. Consequently, because this Society has decided to provide such external justifications through certain of its members—and because the foundation upon which all this rests is, after all, anthroposophy—this foundation must be defended precisely by those who do not bear full responsibility for the inner validity of what must be added day by day to spiritual research through genuine research.
[ 11 ] Ein großer Teil der Gegner ist ja eigentlich so geartet, daß er in irgendwelchen ganz bestimmten Lebenszusammenhängen darinnen lebt. Er hat zum Beispiel da oder dort dieses oder jenes studiert. Da ist es üblich, über diese oder jene Dinge so oder so zu denken. Dadurch, daß er so oder so denken muß, muß er ein Gegner der Anthroposophie werden. Er weiß ja gar nicht, warum er es werden soll, sondern er muß es werden, weil er unbewußt am Gängelbande desjenigen hängt, was ihn erzog, was er erlebt hat. So steht es innerlich. Äußerlich steht es so, daß natürlich um des Gedeihens oder Verderbens desjenigen, was mit der Anthroposophischen Gesellschaft begründet worden ist, auch solche Gegner in der entsprechenden Weise aus dem Felde geschlagen werden müssen.
[ 11 ] A large portion of the opponents are, in fact, of such a nature that they live within certain very specific contexts of life. For example, they have studied this or that here or there. In those circles, it is customary to think one way or another about certain matters. Because they are compelled to think this way or that, they are bound to become opponents of anthroposophy. They do not even know why they must become opponents; rather, they must do so because they are unconsciously bound by the influences of their upbringing and life experiences. That is the inner reality. Externally, the situation is such that, naturally, for the sake of the flourishing or downfall of what was founded with the Anthroposophical Society, such opponents must also be defeated in the appropriate manner.
[ 12 ] Aber die eigentlich leitenden Persönlichkeiten in der Gegnerschaft, die wissen nämlich sehr wohl, was sie wollen. Denn unter denen finden sich solche, die gut bekannt sind mit den Gesetzen der geistigen Forschung, wenn auch von einem andern Gesichtspunkte aus als dem anthroposophischen, und die wissen, daß es das beste Mittel ist, denjenigen, der die Ruhe zum Geistesforschen braucht, fortwährend zu bombardieren mit gegnerischen Schriften und Einwendungen, damit er abgezogen werde von seiner Geistesforschung. Denn diese wissen sehr gut: die Widerlegung der Gegner läßt sich nicht mit der Geistesforschung vereinigen. Sie wollen einem Knüppel vor die Beine werfen, indem sie diese Dinge einem entgegensetzen. So ist einfach die Tatsache des Schreibens dieser Dinge die gegnerische Tat. Den Leuten, die eigentlich wissen, auf was es ankommt, kommt es gar nicht so sehr darauf an, was in ihren Büchern steht, sondern daß diese Bücher dem Geistesforscher an den Kopf geworfen werden. Und besonders viel liegt ihnen daran, durch irgendwelche Tricks und ähnliche Mittel ihn zu zwingen, daß er sich selber verteidigen muß.
[ 12 ] But the true leaders of the opposition know very well what they want. For among them are those who are well acquainted with the principles of spiritual research—albeit from a perspective other than the anthroposophical one—and who know that the best strategy is to constantly bombard those who need peace and quiet for spiritual research with opposing writings and objections, so that they may be diverted from their spiritual research. For they know very well that refuting opponents cannot be reconciled with spiritual research. They want to throw a stick in one’s path by pitting these things against one. Thus, the very act of writing these things is the adversarial act. To those who actually know what matters, it is not so much a matter of what is written in their books, but rather that these books are hurled at the spiritual researcher’s head. And they are particularly keen to use all sorts of tricks and similar means to force him into a position where he must defend himself.
[ 13 ] Diese Dinge müssen in voller Objektivität angesehen werden. Sie zu wissen, ist auch die Aufgabe derjenigen, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft mit Recht sitzen wollen. Nun, das, was ich eben gesagt habe, das ist etwas, was viele Leute wissen. Nur ist es in den Kreisen von vielen, die das wissen, eben durchaus Gebrauch, daß man darüber nicht spricht nach außen hin. So etwas ist in der Anthroposophischen Gesellschaft, wie die Erfahrung zeigt, schon lange gar nicht mehr durchzuführen. Es wurden in der Anthroposophischen Gesellschaft Zyklen gedruckt, auf denen steht «Nur für Mitglieder». Man kann heute in Deutschland und auch anderswo in öffentliche Bibliotheken gehen und sich diese Zyklen ausleihen. Auch diejenigen, die nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, können alle Zyklen haben, und die Art der gegnerischen Schriften beweist, daß sie sie haben, wenn es auch manchmal schwierig war, sie zu erhalten. Aber diese Leute scheuen Schwierigkeiten viel weniger als manchmal Anthroposophen. Jene Art des Sekretierens, die heute noch viele Gesellschaften üben können, die ist eben bei der besonderen Art der Anthroposophischen Gesellschaft, wo jeder ein freier Mensch bleiben soll, wo er kein Versprechen gibt, sondern einfach eintritt, um ein ehrlicher Erkenner zu werden, die ist bei der Anthroposophischen Gesellschaft, die im allermodernsten Sinne konstituiert sein muß, gerade nicht möglich. Und ich strebe nicht danach, daß es möglich wird. Strebte ich danach, würde ich Ihnen jetzt nicht empfehlen, neben der alten Anthroposophischen Gesellschaft eine lose Vereinigung zu begründen. Denn Sie werden sehen, wieviel mehr Abzugskanäle - ich tadle diese nicht — für dasjenige, wovon ältere Mitglieder glauben, sie müssen es in ihrem Schrank verwahren, in die breite Offentlichkeit hinaus durch diese lose Vereinigung geschaffen werden. Aber derjenige versteht eben den innersten Impuls der Anthroposophie nicht, der sie nicht im Sinne des modernsten Denkens und Empfindens der Menschen einrichten will. Daher ist es um so mehr notwendig, daß man die Bedingungen für eine solche Gesellschaft erfaßte.
[ 13 ] These matters must be viewed with complete objectivity. Understanding them is also the responsibility of those who wish to hold a rightful place within the Anthroposophical Society. Now, what I have just said is something that many people know. However, among many who know this, it is quite common practice not to speak about it to outsiders. As experience shows, such a thing has long since become impossible to carry out within the Anthroposophical Society. Cycles were printed within the Anthroposophical Society bearing the notation “For members only.” Today, in Germany and elsewhere, one can go to public libraries and borrow these cycles. Even those who are not members of the Anthroposophical Society can obtain all the cycles, and the nature of the opposing writings proves that they have them, even if it was sometimes difficult to obtain them. But these people are far less averse to difficulties than anthroposophists sometimes are. That kind of secretarial practice, which many societies may still engage in today, is precisely what is not possible in the Anthroposophical Society—a society with its own unique character, where everyone is meant to remain a free individual, where one makes no pledge but simply joins to become an honest seeker of truth—a society that must be constituted in the most modern sense. And I do not strive to make it possible. If I did strive for that, I would not be recommending to you now that you establish a loose association alongside the old Anthroposophical Society. For you will see how many more outlets—I do not condemn these—will be created through this loose association for those things that older members believe they must keep locked away in their closets, bringing them out into the broad public sphere. But anyone who does not wish to organize anthroposophy in accordance with the most modern ways of thinking and feeling among people simply does not understand its innermost impulse. That is why it is all the more necessary to grasp the conditions for such a society.
[ 14 ] Ich führe jetzt etwas nicht aus einer eitlen Albernheit an, sondern als ein Beispiel, das ich entnehme aus meinem eigenen Erleben. Ich habe im verflossenen Sommer in Oxford einen Vortragszyklus über die Pädagogik, die in der Waldorfschule gepflegt wird, gehalten. In einem englischen Journale ist ein Artikel erschienen, ich zitiere nicht wörtlich, aber sinngemäß, der ungefähr folgenden Anfang hat: Wer einfach als ein Außenstehender hineingeschneit worden ist in die Vorträge dieses Oxforder pädagogischen Zyklus, der hätte, wenn er nicht gewußt hätte, wer der Dr. Steiner ist und daß der mit Anthroposophie etwas zu tun hat, gar nicht merken können, daß da der Vertreter der Anthroposophie spricht, sondern er hätte ihn halten können für jemanden, der über Pädagogik spricht, nur von einem andern Gesichtspunkte aus als dem, den man vielleicht selber hat. - Ich habe mich über diese Charakteristik außerordentlich gefreut, weil sie zeigt, daß Menschen da sind, die bemerken, was ich gerne erreichen möchte, daß man der einzelnen Ausführung, die ich gebe, nicht sogleich anhört: Das ist vom anthroposophischen Standpunkt. - Von dem ist sie ja doch. Aber man wird diesen nur dann richtig einnehmen, wenn er zur Objektivität führt, wenn er nicht zu Einseitigkeiten, sondern dazu kommen läßt, daß man jede Einzelheit aus sich selber heraus erkennt und beurteilt.
[ 14 ] I am now citing something not out of mere frivolity, but as an example drawn from my own experience. Last summer, I gave a series of lectures in Oxford on the pedagogy practiced in Waldorf schools. An article appeared in an English journal—I won’t quote it verbatim, but in essence—that begins roughly as follows: Anyone who happened to wander into the lectures of this Oxford educational series as a mere outsider—if they had not known who Dr. Steiner is and that he has something to do with anthroposophy—would not have been able to tell at all that a representative of anthroposophy was speaking; rather, they might have taken him for someone speaking about pedagogy, only from a different perspective than the one one might hold oneself. — I was extremely pleased by this characterization, because it shows that there are people who notice what I would like to achieve—that one does not immediately assume, upon hearing the individual explanations I give, that “this is from the anthroposophical point of view.” - And indeed, that is the case. But one can only truly adopt this perspective if it leads to objectivity, if it does not result in one-sidedness, but rather allows one to recognize and judge every detail from within oneself.
[ 15 ] Und bevor ich diesen Oxforder Zyklus gehalten habe, also auch bevor dieser Artikel erschien, habe ich einmal ein Ihnen vielleicht sehr unbedeutend .scheinendes Experiment gemacht. Ich war ja auch auf dem Wiener Kongreß im Juni; ich habe da zwölf Vorträge gehalten in den zwei Zyklen. Ich habe mir die Aufgabe gesetzt, in allen zwölf Vorträgen dürfe das Wort «Anthroposophie» nicht vorkommen, und es kommt auch nicht vor. Es kommt auch nicht so irgend etwas vor, wobei man etwa sagt: Die anthroposophische Weltanschauung sagt dieses oder jenes. - Natürlich war doch, und gerade deshalb, alles anthroposophisch. Ich will nicht in pedantisch-philiströser Weise sagen, man soll es zu einem Programmpunkte machen, daß Anthroposophen das Wort Anthroposophie nie aussprechen. Selbstverständlich will ich das nicht. Aber der Geist, aus dem heraus gewirkt werden muß, wenn man in einer richtigen Weise mit der Welt sich einstellen will, der Geist, der wird auf diese Art aufgesucht. Dieser Geist sollte auch frei wirken in den wirkenden und führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft. Sonst werde ich selbst wiederum verantwortlich gemacht für dasjenige, was innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft als etwas Unanthroposophisches getan wird. Und dann wird die Welt mit Recht das eine mit dem andern identifizieren. Also es handelt sich auch in solchen Dingen darum, daß der objektive Geist des Anthroposophischen in der richtigen Weise erfaßt werde, und vor allen Dingen auch, daß dieser Geist des Anthroposophischen ausgewirkt werde. Dazu muß man sich allerdings auch in einem gewissen Grade erst erziehen. Aber diese Selbsterziehung ist innerhalb der Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft notwendig; und in dieser Beziehung sind eben, und zwar mitbeeinflußt durch die Gründungen, unzählige Fehler in den letzten Jahren gemacht worden. Ich stelle das objektiv hin, ohne jemanden persönlich damit treffen zu wollen.
[ 15 ] And before I gave this Oxford lecture series—that is, even before this article was published—I once conducted an experiment that might seem very insignificant to you. I was also at the Vienna Congress in June; I gave twelve lectures there over the course of two series. I set myself the task of ensuring that the word “anthroposophy” would not appear in any of the twelve lectures, and it does not appear. Nor does anything appear in which one might say, for example: “The anthroposophical worldview says this or that.” - Of course, precisely for that reason, everything was anthroposophical. I do not wish to say, in a pedantic or philistine way, that we should make it a point of policy for anthroposophists never to utter the word “anthroposophy.” Naturally, I do not want that. But the spirit from which one must act if one wishes to relate to the world in the right way—that spirit is sought in this manner. This spirit should also be allowed to act freely within the active and leading figures of the Anthroposophical Society. Otherwise, I myself will once again be held responsible for whatever is done within the Anthroposophical Society that is un-anthroposophical. And then the world will, quite rightly, equate one thing with the other. So in such matters, too, it is a question of grasping the objective spirit of anthroposophy in the right way, and above all of bringing this spirit of anthroposophy to bear. To do this, however, one must first educate oneself to a certain degree. But this self-education is necessary within the circles of the Anthroposophical Society; and in this regard—influenced in part by the new organizations—countless mistakes have been made in recent years. I state this objectively, without intending to offend anyone personally.
[ 16 ] Wenn die Anthroposophische Gesellschaft gedeihen soll, so muß einfach ein Vollbewußtsein von diesen Dingen bei jedem einzelnen Mitgliede einziehen. Das kann aber nach der Natur des heutigen sozialen Zustandes nicht anders sein, als dadurch, daß ein lebendiger Verkehr versucht wird, wenn auch nur, sagen wir durch Mitteilungsblätter oder dergleichen, zwischen den einzelnen Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft. Dazu gehört aber ein lebendiges Interesse des einzelnen Gliedes - ich sage nicht Mitgliedes - der Anthroposophischen Gesellschaft für die Angelegenheiten der ganzen Gesellschaft und vor allen Dingen für die Angelegenheiten des Werdeganges der Anthroposophie selber. Auch darinnen mangelt vieles. Wäre eine Anthroposophische Gesellschaft nicht da, so wären wahrscheinlich doch so und so viele anthroposophische Bücher da. Man würde sich aber gesellschaftsmäßig gar nicht zu kümmern haben um diejenigen, die sie lesen. Die wären in der Welt zerstreut, bildeten vielleicht auch Gemeinschaften je nach ihrem Karma; aber man brauchte nicht selber mit ihnen äußerlich verbunden sein. Das ändert sich nicht viel für den Geistesforscher, selbst wenn die Gesellschaft eine Artung hat, wie die unsrige bis zum Jahre 1918 sie hatte. Das ändert sich sofort, wenn für den physischen Plan geltende Verantwortlichkeiten mit der Anthroposophischen Gesellschaft verknüpft werden. Diese Dinge sage ich heute dezidierter als sonst, aber gesagt habe ich sie in dieser oder jener Form damals, als man am Ausgangspunkte der Begründungen stand. Ich konnte sie doch nicht jedem einzelnen anthroposophischen Mitgliede ins Ohr raunen, weiß nicht einmal, ob das sehr viel genützt hätte. Aber die Anthroposophische Gesellschaft war doch da und hatte führende Persönlichkeiten. Die müssen dafür sorgen, daß diese Gesellschaft in einer solchen Verfassung ist, daß sie die Dinge wirklich ohne Gefährdung der anthroposophischen Forschung in sich aufnehmen kann.
[ 16 ] If the Anthroposophical Society is to flourish, every single member must simply develop a full awareness of these things. However, given the nature of today’s social conditions, this can only be achieved by fostering lively communication—even if only, say, through newsletters or similar means—between the individual circles of the Anthroposophical Society. This, however, requires a lively interest on the part of the individual member—I do not say “member”—of the Anthroposophical Society in the affairs of the entire Society and, above all, in the development of anthroposophy itself. There is much lacking in this regard as well. If there were no Anthroposophical Society, there would probably still be a certain number of anthroposophical books in circulation. But as an organization, we would not have to concern ourselves at all with those who read them. They would be scattered throughout the world, perhaps even forming communities according to their karma; but we would not need to be outwardly connected to them ourselves. This does not change much for the spiritual researcher, even if the Society has a character such as ours had up until 1918. That changes immediately when responsibilities applicable to the physical plane are linked to the Anthroposophical Society. I am stating these things more decisively today than usual, but I did say them in one form or another back then, when we were at the very beginning of the Society’s founding. After all, I couldn’t whisper them into the ear of every single anthroposophical member; I don’t even know if that would have been of much use. But the Anthroposophical Society was there, after all, and had leading figures. They must ensure that this society is in such a state that it can truly incorporate these things without endangering anthroposophical research.
[ 17 ] Das ist, möchte ich sagen, der negative Anblick für die Gemeinschaftsbildung, während ich gestern den positiven vor Sie hingestellt habe. Ich möchte sagen, jeder, der eine solche Gemeinschaftsbildung anstrebt, wie ich sie ihren Bedingungen nach hingestellt habe in positiver Weise, der muß sich bewußt sein alles dessen, was in der heute geschilderten Weise mit dem Fortschreiten in der Anthroposophischen Gesellschaft und mit dem Leben der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenhängt. Und namentlich auf den einzelnen Gebieten des anthroposophischen Lebens muß das berücksichtigt werden.
[ 17 ] That, I would say, is the negative perspective on community-building, whereas yesterday I presented the positive one to you. I would like to say that anyone who strives for such community-building—as I have described its conditions in a positive light—must be aware of everything connected, in the manner described today, with progress within the Anthroposophical Society and with the life of the Anthroposophical Society. And this must be taken into account, particularly in the individual areas of anthroposophical life.
[ 18 ] In dieser Beziehung liegt ja zum Beispiel das Folgende vor, das, wie ich glaube, außerordentlich lehrreich ist. Ich komme da wiederum auf das tragische Kapitel des uns abgestorbenen Goetheanums zu sprechen. Wir konnten im September und Oktober des Jahres 1920 den ersten — wie man es genannt hat - Hochschulkurs in diesem Goetheanum durch drei Wochen hindurch halten. Ich habe schon gestern geschildert, wie dieses Goetheanum einen ganz bestimmten, aus der anthroposophischen Empfindungsweise herausgeborenen künstlerischen Stil hat. Dieser Stil, wie ist er entstanden? Er ist so entstanden, daß eine Anzahl von Persönlichkeiten, denen man dafür nicht genug danken kann, im Jahre 1913 es unternommen haben, dem, was im engeren Sinne für die Anthroposophie damals vorhanden war und was eventuell in diesem engeren Sinne aus dieser Anthroposophie noch hervorgehen konnte, eine Heimstätte zu bauen, das heißt, eine Heimstätte zu bauen dem Spiele von Mysterien, eine Heimstätte der dazumal noch keimhaften, aber durchaus schon für solche Dinge Aussichten versprechenden Eurythmie, eine Heimstätte vor allen Dingen den eigentlichen anthroposophischen Betrachtungen, die auf der Grundlage des geisteswissenschaftlichen Forschens Weltenbilder entwerfen. Das lag dazumal in der Intention vor mir, der ich der Beauftragte dieser Persönlichkeiten war oder mich wenigstens als solcher betrachtete. Für mich lag die Aufgabe vor, dieser Arbeit einen Bau zu errichten mit dem entsprechenden, dieser Arbeit künstlerisch entsprechenden Stil. Das wurde das Goetheanum. Dazumal gab es noch gar nicht die Gelehrten, die Wissenschafter in unserer Mitte. Die Anthroposophie war bis zu einem gewissen Punkte ins Wissenschaftliche vorgerückt. Aber dasjenige, was später eingetreten ist, daß die einzelnen Fachgebiete innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft behandelt wurden, das gab es dazumal nicht. Dasjenige, was auftrat, trat so auf, daß es in gerader Linie aus der Anthroposophie herauskam, wie schließlich die ganze Waldorfschul-Pädagogik; die ist ja das eigentliche Beispiel, wie etwas ganz aus Anthroposophie heraus gekommen ist. Für solche Dinge mußte der künstlerische Stil gefunden werden. Der wurde gefunden meiner Überzeugung nach in dem Goetheanum. Der Krieg hat den Bau des Goetheanums etwas verzögert. 1920 wurde dann jene Vortragsreihe gehalten, von der ich eben gesprochen habe. Sie wurde gehalten auf den Impuls hin, der schon ausging von den mittlerweile in so dankenswerter Weise in die Anthroposophische Gesellschaft eingezogenen Gelehrten. Er wurde auch arrangiert und mit Programm versehen von diesen Gelehrten. Mir wurde das Programm dargeboten. In der Anthroposophischen Gesellschaft herrscht gerade meiner Überzeugung nach absoluteste Freiheit. Viele Leute in der Außenwelt denken sich, in dieser Anthroposophischen Gesellschaft geht nur dasjenige vor sich, was sich der Steiner einbildet. Meistens gehen aber Dinge vor sich, die der sich ganz und gar nicht einbilden würde. Aber die Anthroposophische Gesellschaft ist ja nicht für mich da, sondern die Anthroposophische Gesellschaft ist für die Anthroposophen da. Und nun saß ich da, wirklich mit großer Aufmerksamkeit, in diesen Vortragsreihen vom September und Oktober 1920 - ich gebe nur ein Apergu, nicht irgendeine Kritik - und ich ließ nun meine Augen schweifen über das Innere des Baues. In der Wochenschrift «Das Goetheanum» habe ich beschrieben, wie zum Beispiel für die eurythmische Kunst die Linien des Goetheanums sich fortsetzen in dieBewegungen des Menschen; aber das mußte ja am Goetheanum nach den ursprünglichen Intentionen für alles der Fall sein. Ich ließ also meinen geistigen Blick schweifen über die Art und Weise, wie diese Innenarchitektur, Plastik und Malerei dem entsprach, was die Redner vom Podium herunter sagten. Und da fand ich - es war ja nicht nötig, den Leuten das damals an die Nase zu binden: Alles dasjenige, was, im besten Sinne des Wortes sei es gesagt, ein anthroposophisches Tableau war, wo aus der Anthroposophie im engsten Sinne heraus gesprochen wurde, es paßte wunderbar zum Baustil. Für eine ganze Reihe von Vorträgen hatte man aber das Gefühl: Ja, die dürften eigentlich erst gehalten werden, wenn das Goetheanum einmal dazu gekommen sein wird, eine ganze Reihe von Nebenbauten zu errichten, die in ihrem Baustile wiederum so eingerichtet werden, daß sie stimmen zu diesen Spezialstudien und Spezialbetrachtungen. Das Goetheanum in seinem fast zehnjährigen Schicksale hat wirklich miterlebt das Schicksal der Anthroposophischen Gesellschaft, und es ist leicht zu bemerken gewesen an dem Durchfühlen der Harmonie oder Disharmonie des Baustiles mit dem, was da drinnen getrieben wurde, wie in der Tat erwas Unorganisches hineingekommen ist in die gerade Fortströmung der anthroposophischen Geistesbewegung.
[ 18 ] In this regard, for example, the following is worth noting, which I believe is exceptionally instructive. I am once again referring to the tragic chapter concerning the Goetheanum that is no longer with us. In September and October of 1920, we were able to hold the first—as it was called—“High School Course” in this Goetheanum over the course of three weeks. I described yesterday how this Goetheanum has a very specific artistic style born out of the anthroposophical sensibility. How did this style come about? It came into being when, in 1913, a number of individuals—to whom we cannot thank enough—undertook to build a home for what existed at that time in the narrower sense of anthroposophy and for whatever might yet emerge from this anthroposophy in that narrower sense, that is, to build a home for the drama of the Mysteries, a home for eurythmy—which was still in its infancy at the time but already showed great promise for such endeavors—and, above all, a home for the actual anthroposophical reflections that, based on research in Spiritual Science, sketch out worldviews. That was my intention at the time, as I was the representative of these individuals—or at least regarded myself as such. My task was to erect a building for this work in a style that was artistically appropriate to it. That became the Goetheanum. At that time, there were not yet any scholars or scientists in our midst. Anthroposophy had advanced into the realm of science to a certain extent. But what later came to pass—namely, that individual disciplines were addressed within the Anthroposophical Society—did not exist at that time. What emerged did so in such a way that it sprang directly from anthroposophy, just as the entire Waldorf school pedagogy ultimately did; that is, after all, the prime example of how something arose entirely from anthroposophy. An artistic style had to be found for such things. In my conviction, that style was found in the Goetheanum. The war delayed the construction of the Goetheanum somewhat. In 1920, the series of lectures I just mentioned was then held. It was held in response to an impulse that had already come from the scholars who had by then joined the Anthroposophical Society in such a gratifying way. It was also organized and given a program by these scholars. The program was presented to me. In my view, the Anthroposophical Society is characterized by the most absolute freedom. Many people in the outside world imagine that the only things that happen in this Anthroposophical Society are those that Steiner imagines. Most of the time, however, things happen that he would never have imagined at all. But the Anthroposophical Society is not there for me; rather, the Anthroposophical Society is there for the anthroposophists. And so I sat there, truly paying close attention, during these lecture series in September and October 1920—I am merely offering a glimpse, not a critique—and I let my eyes wander over the interior of the building. In the weekly journal *Das Goetheanum*, I described how, for example, in the art of eurythmy, the lines of the Goetheanum continue into human movement; but according to the original intentions, this was supposed to be the case for everything at the Goetheanum. So I let my inner gaze wander over the way in which this interior architecture, sculpture, and painting corresponded to what the speakers were saying from the podium. And there I found—it wasn’t necessary to rub it in people’s faces back then: everything that, in the best sense of the word, constituted an anthroposophical tableau, where anthroposophy was spoken of in the strictest sense, fit wonderfully with the architectural style. For a whole series of lectures, however, one had the feeling: Yes, these should really only be given once the Goetheanum has managed to erect a whole series of annexes, which in turn will be designed in such a way that they harmonize with these special studies and special considerations. The Goetheanum, in its nearly ten-year history, has truly shared in the fate of the Anthroposophical Society, and it has been easy to discern—through a sense of the harmony or disharmony between the architectural style and what was taking place inside—how, in fact, something inorganic has crept into the very flow of the anthroposophical spiritual movement.
[ 19 ] Nun, das ist wirklich nicht gesagt, um zu tadeln oder um zu sagen, irgend etwas hätte nicht so sein sollen. Natürlich lag eine Notwendigkeit vor, daß das alles so wurde. Aber auf der andern Seite ergab das die andere Notwendigkeit, daß nun Chemie, Physik, Mathematik und so weiter neu wiederum herausgeboren wurden, wiedergeboren wurden aus der Anthroposophie, um den geschilderten Ruck des Bewußtseins zu machen. Denn mit der gewöhnlichen Betrachtungsweise reicht man eben nicht aus, wenn anthroposophisch gesprochen werden soll. Dieser Ruck war nicht immer da. Am Goetheanum sah man es künstlerisch stilgemäß, an der Anthroposophischen Gesellschaft merkt man es an derjenigen Erscheinung, die sich zusammengezogen hat zu der Wolke, die uns in diesen Tagen bedeckt hat. Und die Aufgabe war da und muß als eine Zukunftsaufgabe dastehen, daß nun, nachdem schon einmal die Wissenschaft hereingeströmt ist - gedankt sei diesem Schicksale selbstverständlich -, sie wiedergeboren werden muß aus der Anthroposophie. Und da hat es keinen Sinn, sich in allerlei wesenlose Polemiken zu verlieren, sondern da ist die Aufgabe vor allen Dingen drängend, die einzelnen Disziplinen aus der Anthroposophie wiederzugebären. Eine Art Surrogat wurde geschaffen in der Zeit, in der man nach Ersatz überhaupt streben mußte. Ich wurde vielfach aufgefordert -— wiederum ging das aus einer Notwendigkeit hervor -, Vortragszyklen zu halten für diesen oder jenen Kreis über Dinge, die sich vielleicht in dem richtigen Tempo des anthroposophischen Fortlebens erst später entwickelt hätten. So waren diese Zyklen da. Für diese Zyklen hätte man nun vor allen Dingen die Notwendigkeit gehabt, sie zu benützen, um die einzelnen Wissenschaften aus der Anthroposophie wiederzugebären. Das war das anthroposophische Interesse. Und dieses Interesse wäre dasjenige gewesen, was durchaus der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft im eminentesten Sinne fruchtbar geworden wäre. Alle diese Dinge müssen gewußt werden. Sehen Sie, meine lieben Freunde, im Verlaufe der verschiedenen Seminarien, die in den Hochschulkursen da oder dort gehalten worden sind, habe ich immer wieder und wiederum Aufgaben gestellt, eine Aufgabe noch für mathematische Physiker in der letzten Ansprache, die ich halten konnte im kleinen Saale des Goetheanums bei dem naturwissenschaftlichen Kursus, der ja um die Neige des Jahres 1922 gehalten worden ist und nach Neujahr 1923 hätte im Goetheanum weiter fortdauern sollen. Da sprach ich noch, wie notwendig es wäre, die Aufgabe zu lösen, wie sich der Tastraum in mathematische Formeln fassen läßt gegenüber dem Gesichtsraum; und ähnliche Dinge sind immer wieder und wieder dagewesen. Im Speziellen war das schon da, wozu die Zeit gedrängt hat, aber all das mußte so anthroposophisch verarbeitet werden, daß es wirklich den breitesten Kreisen der Anthroposophie, die sich gar nicht weiter kümmern können um den Tastraum und Sehraum und so weiter, dennoch etwas geben kann. Denn es gibt solche Wege, auf denen das, was einer vielleicht nur machen kann, einer großen Anzahl in einer ganz andern Form, in die es gegossen wird, dann fruchtbar wird. So sind eben durch die, wie ich so sagen möchte, außerordentlich übereilten Einrichtungen, die seit dem Jahre 1919 getroffen worden sind, namentlich - es muß immer wieder betont werden - durch den Umstand, daß da Persönlichkeiten alles mögliche begründet haben und nachher nicht weiter mitgewirkt haben an dem, was sie selbst begründet haben, Schwierigkeiten über Schwierigkeiten erwachsen, und eben aus diesen Schwierigkeiten hat sich alles dasjenige ergeben, vor dem wir jetzt stehen. Aber in nichts davon liegt etwas, was ein Einwand gegen Anthroposophie selber ist.
[ 19 ] Well, this is certainly not meant as a criticism or to suggest that anything should not have been that way. Of course, there was a necessity for all of this to happen as it did. But on the other hand, this gave rise to another necessity: that chemistry, physics, mathematics, and so on were now reborn, born anew out of anthroposophy, in order to bring about the described jolt of consciousness. For the ordinary way of looking at things simply isn’t enough when one is to speak in anthroposophical terms. This jolt wasn’t always there. At the Goetheanum, it was evident in the artistic style; in the Anthroposophical Society, one can see it in the phenomenon that has coalesced into the cloud that has been covering us these past few days. And the task was there—and must remain a task for the future—that now, after science has already flowed in—for which we are, of course, grateful to fate itself—it must be reborn out of anthroposophy. And there is no point in getting lost in all sorts of meaningless polemics; rather, the most urgent task above all is to give birth anew to the individual disciplines from within anthroposophy. A kind of surrogate was created during a time when one had to strive for a substitute at all costs. I was frequently asked—again, this arose out of necessity—to give lecture series for this or that group on topics that might otherwise have developed only later, at the proper pace of anthroposophical continuity. Thus, these lecture series came into being. For these lecture series, it would have been necessary above all to use them to revive the individual sciences from within anthroposophy. That was the anthroposophical interest. And this interest would have been precisely what would have borne fruit for the development of the Anthroposophical Society in the most eminent sense. All these things must be known. You see, my dear friends, in the course of the various seminars held here and there as part of the School of Spiritual Science courses, I have time and again set tasks including one for mathematical physicists in the last lecture I was able to give in the small hall of the Goetheanum during the natural science course, which was held toward the end of 1922 and was supposed to continue at the Goetheanum after New Year’s 1923. There I spoke once more of how necessary it would be to solve the problem of how to express three-dimensional space in mathematical formulas in contrast to two-dimensional space; and similar topics have come up time and again. Specifically, the subject that the times were pressing for was already there, but all of this had to be processed in such an anthroposophical way that it could still offer something to the broadest circles of anthroposophy—who cannot concern themselves further with three-dimensional space and visual space and so on. For there are ways in which what one person may be able to do—albeit in a limited way—can then bear fruit for a large number of people when cast into a completely different form. Thus, precisely because of the—as I might put it—extraordinarily hasty arrangements that have been made since 1919, namely—and this must be emphasized again and again—because of the fact that certain individuals established all sorts of things and subsequently did not continue to participate in what they themselves had established, difficulty upon difficulty has arisen, and it is precisely from these difficulties that everything we now face has resulted. But none of this constitutes an objection to anthroposophy itself.
[ 20 ] Und das ist dasjenige, dessen sich die lieben Anwesenden bewußt sein sollen, daß ja überall im einzelnen gesagt werden kann, wodurch die Schwierigkeiten entstanden sind, und daß scharf betont werden kann, daß es keine Berechtigung hat, daß wegen dieser Schwierigkeiten die Anthroposophie selber irgendwie abgekanzelt werde. Deshalb möchte ich gerade im Anschlusse an diese tiefere Erörterung ein Wort richtigstellen, das gestern hier von diesem Podium aus gesprochen worden ist und an dem ich gerade aus dem Bewußtsein derjenigen Dinge, über die ich jetzt gesprochen habe, Anstoß nehmen mußte. Es wurde gesagt, man sei sich nicht bewußt - so ähnlich -, daß durch die Gegner die anthroposophische Bewegung zerstört werden könne. Das kann sie nicht. Durch die Gegner kann die größte Gefahr erwachsen der Anthroposophischen Gesellschaft, meinetwillen mir selbst persönlich und so weiter. Aber die anthroposophische Bewegung, der wird kein Leid geschehen können, die kann höchstens aufgehalten werden durch die Gegner. Und in dieser Beziehung und in manchen ähnlichen Beziehungen ist in den letzten Jahren hervorgehoben worden auch von mir selbst oftmals: Man muß unterscheiden die anthroposophische Bewegung von der Anthroposophischen Gesellschaft. Das ist nicht deshalb hervorgehoben worden, weil jetzt die Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr Berücksichtigung finden soll, sondern aus dem Grunde, weil tatsächlich die anthroposophische Bewegung und die Anthroposophische Gesellschaft sich verhalten wie Inhalt und Gefäß, auch für den einzelnen Menschen wie Inhalt und Gefäß. Und auch auf diesem Gebiete muß man sich, ich möchte sagen, klarer Ideen voll bewußt sein. Man muß weder zusammenwerfen Anthroposophie und Anthroposophische Gesellschaft, noch darf man verkennen, daß durch die Entwickelung der letzten drei bis vier Jahre die eigentlich äußere Entfaltung der Anthroposophie in ihrem Schicksale mit dem Schicksale der Anthroposophischen Gesellschaft für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft innig verwachsen ist. Die Dinge liegen scheinbar so nahe aneinander; sie sind dennoch scharf voneinander zu unterscheiden.
[ 20 ] And this is what those present here should be aware of: that it is indeed possible to explain in detail, in every instance, how these difficulties arose, and that it can be strongly emphasized that there is no justification for anthroposophy itself to be criticized in any way because of these difficulties. That is why, following this deeper discussion, I would like to correct a statement that was made here yesterday from this podium—a statement that, precisely because of my awareness of the very things I have just spoken about, I found offensive. It was said—or something to that effect—that people were not aware that the anthroposophical movement could be destroyed by its opponents. It cannot be. Opponents can pose the greatest danger to the Anthroposophical Society—or, for that matter, to me personally, and so on. But the Anthroposophical Movement itself cannot be harmed; at most, it can be held back by its opponents. And in this regard, and in many similar contexts, it has been emphasized in recent years—often by myself as well—that one must distinguish between the Anthroposophical Movement and the Anthroposophical Society. This has not been emphasized because the Anthroposophical Society should no longer be taken into account, but rather because, in fact, the anthroposophical movement and the Anthroposophical Society relate to one another like content and vessel—and for the individual human being as well, like content and vessel. And in this area, too, one must—I would say—be fully conscious of clear ideas. One must neither conflate anthroposophy and the Anthroposophical Society, nor must one fail to recognize that, through the developments of the last three to four years, the actual external unfolding of anthroposophy has become intimately intertwined in its destiny with that of the Anthroposophical Society for the members of the Anthroposophical Society. The two seem so closely related; yet they must be sharply distinguished from one another.
[ 21 ] Theoretisch gesehen könnte eine Waldorfschule da sein, wenn niemals eine Anthroposophische Gesellschaft entstanden wäre; in Wirklichkeit nicht, weil die Menschen nicht dagewesen wären, die zu ihrer Gründung und Leitung und Versorgung und so weiter beigetragen haben. Die reale Logik, die Logik der Wirklichkeit ist also durchaus eine andere, als die abstrakte Verstandeslogik. Das ist wichtig, daß man das durchschaut als Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Als solches Mitglied muß man eben sich wenigstens einen, wenn auch noch so bloß gefühlsmäßigen Eindruck verschaffen davon, wie zum Erfassen der höheren Welten eben durchaus gehört ein Bewußtsein davon, daß das Übersinnliche auf eine andere Weise erfahren wird wie die gewöhnliche physische Welt. Deshalb kann etwas in der physischen Welt einem so richtig erscheinen, wie einem der Inhalt eines Traumes richtig erscheint, wenn man selber der Träumer ist; aber deshalb bleibt doch das Hineintragen des Traumzusammenhanges in den Zusammenhang des Alltagsbewußtseins eine unnormale, eine schädliche Erscheinung. Und so ist auch all das Hineintragen von Dingen, von denen man im gewöhnlichen Alltagsbewußtsein mit Recht überzeugt ist, in das Bewußtsein, das man entwickeln soll beim Begreifen geistiger Welten, eine Schädlichkeit.
[ 21 ] Theoretically speaking, a Waldorf school could exist even if the Anthroposophical Society had never been founded; in reality, however, this would not be the case, because the people who contributed to its founding, leadership, and support—and so on—would not have been there. The real logic—the logic of reality—is therefore quite different from the abstract logic of the intellect. It is important to understand this as a member of the Anthroposophical Society. As such a member, one must at least gain some impression—however purely emotional it may be—of how an awareness that the supersensible is experienced in a different way than the ordinary physical world is absolutely essential for grasping the higher worlds. That is why something in the physical world can seem just as real to one as the content of a dream seems real when one is the dreamer oneself; but that does not change the fact that carrying the context of a dream into the context of everyday consciousness remains an abnormal and harmful phenomenon. And so, too, carrying into the consciousness one is meant to develop when comprehending spiritual worlds all those things of which one is rightly convinced in ordinary everyday consciousness is harmful.
[ 22 ] Das kann ich Ihnen an einem ganz bestimmten Beispiele erörtern. Weil die Menschen in der neueren Zeit so ungeheuer ins Intellektualistische und Außerlich-Empirische verfallen sind, gilt heute schon als Schlagwort auch für diejenigen, die gar nicht in einer Wissenschaft besonders bewandert sind, daß sie sagen: Ja, wenn man irgend etwas sagt, so muß man es beweisen. - Und sie meinen damit eine ganz bestimmte Form der Anwendung des vermittelnden Denkens. Sie wissen eben nichts von der unmittelbaren Stellung, die die Menschenseele zu den Wahrheiten haben kann, die ein unmittelbares Begreifen der Wahrheit ist, so wie das Auge nicht beweist die Röte, sondern sie anschaut. Aber im Intellektual-Verstandesmäßigen ist es so, daß man ein Begriffsglied aus dem andern hervorgehen lassen muß. Für den physischen Plan ist es so gut als möglich, daß man gescheit wird, indem man ungeheuer viel beweisen kann, daß man eine gute Technik im Beweisen hat, daß einem das Beweisen nur so geht wie geschmiert. Das ist sehr gut für den physischen Plan, auch für die Wissenschaften, die für den physischen Plan arbeiten. Und auch für denjenigen, der Geistesforscher ist, ist es gut, wenn er in der physischen Welt viel von der Technik dieses Beweisens hat. Diejenigen, die sich näher bekanntmachen mit den Intentionen unseres Forschungsinstitutes, die werden sehen, daß für alle Dinge, wo das Beweisen in dieser Art anwendbar ist, es bei uns auch angewendet wird. Aber - lassen Sie mich das groteske Wort gebrauchen‘- für das Begreifen der höheren Welten wird man, wenn man dies Beweisen hineinträgt so wie den Traumzusammenhang in die alltägliche Bewußtseinswirklichkeit, dumm. Denn diese Methode des Beweisens in den höheren Welten ist genau dasselbe wie das Hineintragen der Traumzusammenhänge in die alltägliche Bewußtseinswirklichkeit. Nun hat man sich in der neueren Zeit hineingefunden, dieses Beweisen selbstverständlich zu finden. Auf manchen Gebieten ist es sogar furchtbar geworden, wie dieses Beweisen lähmend gewirkt hat.
[ 22 ] I can explain this to you using a very specific example. Because people in recent times have fallen so deeply into intellectualism and the external-empirical, it has already become a catchphrase—even for those who are not particularly well-versed in science—to say: “Yes, if you say anything at all, you have to prove it.” —And by this they mean a very specific form of applying mediating thought. They simply know nothing of the direct relationship the human soul can have to truths—which is a direct apprehension of truth, just as the eye does not prove the redness but simply beholds it. But in the realm of the intellectual and rational, one must allow one conceptual element to emerge from another. On the physical plane, it is as good as it gets to become intelligent by being able to prove an enormous amount, by having a good technique for proving things, and by having the process of proving go as smoothly as can be. This is very good for the physical plane, and also for the sciences that work for the physical plane. And for those who are spiritual researchers, it is also beneficial to have a strong command of this technique of proof in the physical world. Those who familiarize themselves more closely with the intentions of our research institute will see that, in all matters where this kind of proof is applicable, we apply it as well. But—let me use this grotesque word—when it comes to understanding the higher worlds, if one brings this method of proving into them just as one brings the context of dreams into the reality of everyday consciousness, one becomes foolish. For this method of proving in the higher worlds is exactly the same as bringing the context of dreams into the reality of everyday consciousness. Nowadays, people have come to take this “proving” for granted. In some areas, the paralyzing effect of this “proving” has even become terrible.
[ 23 ] Die Religion, die durchaus auf nichts beruht, in ihren älteren Formen auf nichts beruht, was mit dem intellektualistisch-verstandesmäßigen Beweisen zu tun hat, sondern mit Anschauen, ist zu einer rationalistischen Theorie geworden, die beweist. Sie beweist nach und nach in ihren extremsten Vertretern, daß die ganze Religion nicht wahr ist. Das ist im Grunde genommen selbstverständlich, weil, geradeso wie man ein abnormaler Mensch wird, wenn man den Traumzusammenhang in sein Alltagsbewußtsein hineinträgt, man abnormal wird für das Bewußtsein der höheren Welten, wenn man die in der physischen Welt mit Recht geltenden Zusammenhänge [in die höheren Welten] hineinträgt. Theologie ist entweder Realwissenschaft geworden, die einfach die Dinge hinnimmt, oder Theologie, die als beweisende Wissenschaft geeignet ist, nicht die Religion zu begründen, sondern sie zu zerstören.
[ 23 ] Religion, which is based on absolutely nothing—and in its earlier forms on nothing that has to do with intellectual or rational proofs, but rather with intuition—has become a rationalistic theory that seeks to prove itself. Through its most extreme proponents, it is gradually proving that religion as a whole is not true. This is, in essence, self-evident, because just as one becomes abnormal when one carries the logic of dreams into one’s everyday consciousness, one becomes abnormal in relation to the consciousness of the higher worlds when one carries the connections that rightly apply in the physical world [into the higher worlds]. Theology has either become a “real science” that simply accepts things as they are, or a science of proof that is capable not of justifying religion, but of destroying it.
[ 24 ] Das, meine lieben Freunde, sind die Dinge, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft mit scharfem Bewußtsein erlebt werden müssen. Denn wenn das nicht der Fall ist, dann stellt man sich von vornherein [nicht] als ein allseitiger, für alle Weltenniveaus vernünftiger Mensch in die Menschenwelt, in das Leben hinein ...
[ 24 ] These, my dear friends, are the things that must be experienced with keen awareness within the Anthroposophical Society. For if this is not the case, then from the very beginning one does not enter the human world, into life, as a well-rounded human being who is reasonable on all levels of existence ...
[ 25 ] Der Geistesforscher hat es nicht nötig, gegen seine Gegner mit Beweisen aufzutreten, denn alles, was eingewender werden kann gegen dasjenige, was ich sage, brauchen die Gegner bloß aus meinen eigenen Schriften zu holen, denn ich mache überall, wo es nötig ist, aufmerksam, wie das physische Beweisen für etwas Übersinnliches sich ausnimmt. Irgendwo findet man schon das Entsprechende, was der Gegner sagen kann, von mir selbst gesagt, so daß man eigentlich, um mich zu widerlegen, mich bloß abzuschreiben brauchte für das meiste. Aber das ist es, daß man über alle diese Einzelheiten im Gebiete der Anthroposophischen Gesellschaft ein Bewußtsein erwerben muß. Dann wird man in der Gesellschaft feststehen; man wird sowohl in der physischen Welt als auch in allen möglichen Welten feststehen, wenn man sich mit anthroposophischer Weltanschauung befaßt hat.
[ 25 ] The spiritual researcher has no need to present evidence against his opponents, for whatever objections might be raised against what I say, my opponents need only draw from my own writings, since I point out wherever necessary what physical evidence for the supernatural actually looks like. One can always find somewhere a corresponding statement—one that an opponent might use against me—that I myself have made, so that, in order to refute me, one would actually need only to copy me for the most part. But the point is that one must acquire an awareness of all these details within the Anthroposophical Society. Then one will stand firm within the Society; one will stand firm both in the physical world and in all possible worlds once one has engaged with the anthroposophical worldview.
[ 26 ] Dann wird man aber auch menschliche Liebefähigkeit, soziale Harmonisierung und alles, was zum sozialen Leben gehört, aus den anthroposophischen Impulsen ziehen. Dann wird nicht Streit und Hader, nicht Abspaltung und Sezession, sondern trotz aller Isolierung die wahrhafte menschliche Einigkeit unter allen Anthroposophen eintreten können. Und dann wird man, trotzdem man ein Bekenner der Anschauungen aus den höheren Welten ist, nicht wie ein Träumer in der physischen Welt herumgehen, sondern man wird sich wie ein Mensch, der mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht, verhalten können, weil man sich gewöhnt hat, nicht die beiden Dinge zu vermischen, wie auch Traumwirklichkeit und Wirklichkeit des physischen Planes im gewöhnlichen Leben nicht vermischt werden dürfen.
[ 26 ] Then, however, the capacity for human love, social harmony, and everything that is part of social life will also be drawn from anthroposophical impulses. Then, instead of strife and discord, instead of division and secession, true human unity among all anthroposophists will be able to emerge, despite all isolation. And then, even though one is a believer in the insights from the higher worlds, one will not go about in the physical world like a dreamer, but will be able to behave like a person with both feet firmly planted in reality, because one has become accustomed to not mixing the two, just as dream reality and the reality of the physical plane must not be mixed in ordinary life.
[ 27 ] Auf die Aneignung einer gewissen Seelenverfassung, einer gewissen Bewußtseinsverfassung kommt es dennoch an bei allen denjenigen, die sich im vollsten, echten Sinne des Wortes als richtige Glieder der anthroposophischen Bewegung in der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenfinden wollen. Durchdringen wir uns mit dieser Seelenverfassung, durchdringen wir uns mit dieser Bewußtseinsverfassung, dann werden wir eine richtige anthroposophische Gemeinschaft begründen; und dann wird, weil die Möglichkeit durchaus in ihr liegt, auch die Anthroposophische Gesellschaft blühen und gedeihen können.
[ 27 ] Nevertheless, what matters most for all those who wish to come together in the Anthroposophical Society as true members of the anthroposophical movement—in the fullest, most genuine sense of the word—is the cultivation of a certain state of soul, a certain state of consciousness. If we imbue ourselves with this state of mind, if we imbue ourselves with this state of consciousness, then we will establish a true anthroposophical community; and then, because the potential certainly lies within it, the Anthroposophical Society will also be able to flourish and thrive.
