The History and Circumstances
of the Anthroposophical Movement
in relation to the Anthroposophical Society
An Impulse Towards Self-reflection
GA 258
10 June 1923, Dornach
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The History and Circumstances of the Anthroposophical Movement, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Durch die Betrachtungen, die hiermit begonnen werden sollen, wird eine Art Selbstbesinnung derjenigen beabsichtigt, die sich zur Anthroposophie zusammengefunden haben. Gelegenheit wird gegeben werden zu einer solchen Selbstbesinnung, einer Selbstbesinnung, die durch eine Charakteristik der anthroposophischen Bewegung und ihres Verhältnisses zur Anthroposophischen Gesellschaft herbeigeführt werden soll. Und da gestatten Sie mir einmal, daß ich heute beginne hinzuweisen auf diejenigen Menschen, auf die es bei dieser Selbstbesinnung ankommt. Das sind Sie selbst, das sind all diejenigen, welche ihren Weg, durch das eine oder andere veranlaßt, zur Anthroposophie gefunden haben.
[ 1 ] The reflections that are to begin here are intended to prompt a kind of self-reflection among those who have come together through anthroposophy. An opportunity will be provided for such self-reflection—a self-reflection that is to be brought about through a characterization of the anthroposophical movement and its relationship to the Anthroposophical Society. And so, please allow me today to begin by pointing out the people who are central to this self-reflection. These are you yourselves; these are all those who, prompted by one thing or another, have found their way to anthroposophy.
[ 2 ] Der eine hat diesen Weg gefunden, ich möchte sagen, wie durch einen inneren Zwang seiner Seele, durch einen inneren Zwang seines Herzens, der andere vielleicht aus Erkenntnisuntergründen heraus. Viele sind aber auch mehr oder weniger durch äußere Veranlassungen in die anthroposophische Bewegung hereingekommen und haben vielleicht innerhalb dieser anthroposophischen Bewegung dann durch eine Vertiefung der Seele mehr gefunden, als sie zunächst gemeint haben. Aber ein gemeinschaftliches Charakteristikon haben doch all diejenigen Menschen, die sich zur anthroposophischen Bewegung finden. Und wenn man aus den verschiedenen Jahren her zusammenfaßt das, was das Charakteristische ist bei denjenigen, die sich in die anthroposophische Bewegung hereinfinden, so kann man doch zuletzt nur sagen: es sind solche Menschen, die durch ihr Schicksal, durch ihr inneres Schicksal, durch ihr Karma zunächst genötigt sind, von der gewöhnlichen Heerstraße der Zivilisation, auf der sich eben der größte Teil der gegenwärtigen Menschheit bewegt, wegzugehen und eigene Wege zu suchen.
[ 2 ] One person has found this path—I would say—as if driven by an inner compulsion of the soul, by an inner compulsion of the heart; another, perhaps, out of a deeper understanding. However, many have also joined the anthroposophical movement more or less through external influences and may then, within this movement, have found more than they initially intended through a deepening of the soul. Yet all those who find their way to the anthroposophical movement do share a common characteristic. And if one were to summarize, across the years, what is characteristic of those who find their way into the anthroposophical movement, one can ultimately only say: they are people who, through their destiny, through their inner destiny, through their karma, are initially compelled to turn away from the well-trodden path of civilization—the one along which the vast majority of humanity currently travels—and to seek their own paths.
[ 3 ] Man mache sich nur einmal klar, wie in unserem Zeitalter die meisten Menschen eben in das Leben hineinwachsen von Kindheit auf. Sie werden geboren von Eltern, die Franzosen oder Deutsche, Katholiken, Evangelische oder Juden sind, oder auch zu irgendeiner anderen Konfession sich bekennen. Sie werden vielleicht geboren von Eltern, welche diese oder jene Meinungen haben. Aber immer ist eine Art selbstverständlicher Voraussetzung da, wenn diese Menschen der Gegenwart geboren werden, zunächst bei den Eltern, bei den Angehörigen der Familie, in die diese Menschen aus ihrem vorirdischen Leben heraus hineingeboren werden. Es ist sozusagen die selbstverständliche Voraussetzung, die man ja nicht ausspricht, aber die man empfindet, ohne sie zu denken vielleicht — oftmals denkt man sie auch, wenn gerade Veranlassung dazu ist —, daß man so im allgemeinen hin auf das Leben sieht und selbstverständlich denkt: Wir sind katholische Franzosen oder evangelische Deutsche, und so werden ja wohl auch die Kinder werden.
[ 3 ] Just consider for a moment how, in our age, most people simply grow into life from childhood onward. They are born to parents who are French or German, Catholic, Protestant, or Jewish, or who profess some other faith. They may be born to parents who hold this or that opinion. But there is always a kind of self-evident prerequisite when these people of the present are born—first and foremost among their parents and family members—into whose midst these people are born from their pre-earthly life. It is, so to speak, the unspoken assumption—one that is not actually voiced but is felt, perhaps without being thought about—though often it is thought about when there is a specific reason to do so—that one generally views life in this way and naturally thinks: We are Catholic French or Protestant Germans, and so the children will surely be the same.
[ 4 ] Dadurch, daß man das so empfindet, wird natürlich eine soziale Atmosphäre, und nicht nur eine soziale Atmosphäre, sondern ein sozialer Kräftezusammenhang geschaffen, der dann wirklich mehr oder weniger klar oder auch unklar diese Kinder hineinschiebt in dasjenige Leben, das schon durch diese Empfindungen, durch diese mehr oder weniger deutlich vorgestellten Gedanken vorgezeichnet ist. Wie durch eine Selbstverständlichkeit verfließt dann zunächst das Leben des Kindes, wie durch eine Selbstverständlichkeit wird dann die Erziehung, das Schulmäßige, an die Kinder herangebracht. Und während dieser Zeit herrschen wieder allerlei Gedanken bei den Eltern über die Kinder, Gedanken, die wieder nicht ausgesprochen werden, die aber Voraussetzungen sind für das Leben, die das Leben außerordentlich bestimmen. Zum Beispiel der Gedanke: Selbstverständlich wird mein Sohn ein pensionsfähiger Staatsbeamter, - oder: Mein Sohn erbt das väterliche Gut — oder: Meine Tochter heiratet den Nachbarsohn vom nächsten Gut.
[ 4 ] The fact that one feels this way naturally creates a social atmosphere—and not just a social atmosphere, but a social interplay of forces—which then, more or less clearly or even unclearly, pushes these children into the very life that is already mapped out by these feelings and by these more or less clearly conceived thoughts. At first, the child’s life flows as if it were a matter of course; education and school-related matters are introduced to the children as if they were a matter of course. And during this time, all sorts of thoughts about their children once again prevail among the parents—thoughts that, once again, are left unspoken, but which are prerequisites for life and exert an extraordinary influence on it. For example, the thought: “Of course, my son will become a civil servant eligible for a pension”—or: “My son will inherit his father’s estate”—or: “My daughter will marry the neighbor’s son from the estate next door.”
[ 5 ] Nun, es geht ja nicht immer so ins Konkrete hinein, aber es ist damit eine Orientierung gegeben, immer wiederum eine Richtung vorgezeichnet. Es ist ja nun einmal das äußere Leben heute so eingerichtet, daß tatsächlich dieses äußere Leben bis in unsere chaotischen Zeiten herein, die aber die Menschen zum großen Teil als ungewohnt empfinden, diesen Impulsen, die auf solche Weise geschaffen werden, auch gehorcht. Und dann ist es nötig, daß der Mensch auf irgendeine Art, nun, sagen wir, ein katholischer Franzose oder ein evangelischer Deutscher wird. Er muß es werden, denn so wirken die Impulse des Lebens. Wenn es schon auch nicht gerade von Elternseite aus mit einer solchen Bestimmtheit auftritt, so nimmt doch wiederum das Leben aus der Schule heraus, oder aus den ganzen jugendlichen, kinderhaften Lebensverhältnissen heraus den Menschen gefangen, stellt ihn hinein in irgendeine Lebensposition. Der Staat, die Religionsgemeinschaft zieht den Menschen herbei.
[ 5 ] Well, it doesn’t always get into such concrete details, but it does provide a point of reference, always charting a course forward. After all, external life today is structured in such a way that—even in our chaotic times, which most people find unfamiliar—this external life actually obeys the impulses created in this manner. And so it is necessary for a person to become, in some way, let’s say, a Catholic Frenchman or a Protestant German. They must become so, for this is how the impulses of life work. Even if it does not arise with such certainty from the parents’ side, life nonetheless captures the individual through school or through the entire context of youthful, childlike circumstances and places them in some position in life. The state and the religious community draw the individual toward them.
[ 6 ] Wenn die Mehrzahl der Menschen sich heute im späteren Leben Rechenschaft geben sollten, wie sie eigentlich dahinein gekommen sind, dann könnten sie das kaum. Denn ein energisches Darübernachdenken würde etwas Unerträgliches haben. Dieses Unerträgliche wird dann womöglich in die Untergründe des Bewußtseins, in unterbewußte oder unbewußte Provinzen des Seelenlebens hinuntergedrängt. Da wird es dann höchstens einmal durch den Psychiater heraufgeholt, wenn es sich da unten in den unbekannten Seelenprovinzen ganz besonders störrisch verhält. Aber zumeist ist eben die Kraft nicht da, irgendwie Stellung zu nehmen mit der eigenen Persönlichkeit, der Individualität, innerhalb dessen, in das man auf diese Weise hineingewachsen ist.
[ 6 ] If the majority of people today were to take stock later in life of how they actually ended up where they are, they would hardly be able to do so. For giving it serious thought would be unbearable. This unbearable aspect is then likely pushed down into the depths of consciousness, into subconscious or unconscious realms of the soul. There, it is brought to the surface at most by a psychiatrist, if it behaves particularly stubbornly down there in those unknown realms of the soul. But for the most part, the strength simply isn’t there to take a stand—with one’s own personality, one’s individuality—within that into which one has grown in this way.
[ 7 ] Man muckt ja zuweilen vielleicht auf, wenn man so auf eine ganz unvorhergeschene Weise sich plötzlich im Leben bewußt als Referendar fühlt oder gar als Assessor. Dann ballt man vielleicht die Hände in der Hosentasche, oder man macht, wenn es gerade der Frau passiert, dem Mann Krakeel über das unbefriedigte Leben und dergleichen. Ja, das sind solche Reaktionen gegenüber demjenigen, in das da der Mensch eben hineinwächst. Oftmals geschieht es auch so, daß man sich dann durch das Schöne, das die einzelnen Dinge haben, hinwegbetäubt über die Dinge. Man geht auf Bälle, da hat man dann zu tun am nächsten Tag mit dem Ausschlafen, nicht wahr. Es ist die Zeit in irgendeiner Weise ausgefüllt. Oder aber man schließt sich einer stramm patriotischen Partei an, weil man doch mit seinem Assessorsein in irgend etwas hineingehören muß, was einen aufnimmt. Man ist schon aufgenommen worden vom Staat, von einer Religionsgemeinschaft, jetzt muß man doch auch so eine Art Gloriole verbreiten über dasjenige, in das man unbewufßt hineingewachsen ist. Nun, ich brauche die Sache nicht weiter zu schildern.
[ 7 ] One might occasionally rebel when, in a completely unexpected way, one suddenly finds oneself consciously living as a trainee lawyer or even as a judge. Then one might clench one’s fists in one’s pockets, or—if it happens to a woman—make a fuss to her husband about her unfulfilled life and the like. Yes, those are the kinds of reactions one has toward the role one is just growing into. Often, too, one numbs oneself to these things by focusing on the beauty inherent in individual things. You go to balls, and then the next day you have to deal with sleeping in, don’t you? Time is filled in one way or another. Or one joins a staunchly patriotic party, because as an assessor one must belong to something that accepts one. One has already been accepted by the state, by a religious community; now one must also spread a kind of halo over that into which one has unconsciously grown. Well, I need not describe the matter any further.
[ 8 ] Es ist so, daß die Menschen, die heute auf der Heerstraße des Daseins sich bewegen, in dieser Art etwa hineinwachsen in das Dasein.
[ 8 ] The fact is that people who are traveling along the highway of existence today grow into existence in this way.
[ 9 ] Diejenigen nun, die da nicht mitkönnen, finden sich eben dann auf Seitenwegen; solche, die eben mit den meisten vorgeschriebenen Bahnen der Gegenwart nicht mitkönnen, die finden sich auf den zahlreichen möglichen und unmöglichen Wegen. Aber eben einer dieser Wege ist dann auch der anthroposophische, wo der Mensch dasjenige will, was nun in ihm selbst liegt, wo er das in einer mehr bewußten Art durchleben will, wo er etwas miterleben will, das wenigstens bis zu einem gewissen Grade in seiner Wahl liegt. Solche nicht auf der Heerstraße des Lebens wandelnde Leute sind eben nun zumeist die Anthroposophen. Ob sie sich in der Jugend oder im Alter zur Anthroposophie finden, auf irgendeine Weise sind es solche Leute. Wenn man weiter nachforscht, woher das kommt, dann findet man da auch Zusammenhänge mit der geistigen Welt.
[ 9 ] Those who cannot keep up, however, find themselves on side paths; those who cannot follow most of the prescribed paths of the present find themselves on the numerous possible and impossible paths. But one of these paths is precisely the anthroposophical one, where a person seeks what lies within themselves, where they wish to experience this in a more conscious way, where they wish to participate in something that, at least to a certain degree, is a matter of their own choice. Such people, who do not walk the main road of life, are for the most part anthroposophists. Whether they find their way to anthroposophy in youth or in old age, in one way or another, these are the kinds of people. If one investigates further to find out where this comes from, one also discovers connections to the spiritual world.
[ 10 ] Die Seelen kommen heute zumeist so aus dem vorirdischen Dasein in das irdische herein, daß sie lange Zeit denjenigen Zustand vor ihrer Geburt durchmachen, den ich in Vorträgen auch schon öfter charakterisiert habe. Der Mensch kommt, nachdem er seinen Lebensweg zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt durchgemacht hat, zunächst in die Region, wo er sich immer mehr und mehr hineinlebt in die geistige Welt, wo sein Leben in einem Mitarbeiten mit den Wesen der höheren Hierarchien besteht, wo er in allen seinen Taten eben innerhalb des GeistigSubstantiellen arbeitet. Aber in diesem Verlaufe zwischen dem Tode und einer neuen Geburt kommt auch derjenige Zeitpunkt, wo der Mensch den Blick gewissermaßen wieder auf die Erde herunterwendet. Der Mensch verbindet sich da seelisch lange schon mit den Generationen, an deren Ende dann das Elternpaar steht, das ihn gebiert. So daß nicht etwa bloß bis zum Ururgroßvater, sondern bis zu weit vorhergehenden Generationen der Mensch bereits auf seine Vorfahren hinunterblickt, sich verbindet mit der Richtungslinie, mit . der Strömung, die durch die Generationen seiner Vorfahren geht.
[ 10 ] Today, souls generally enter earthly existence from their pre-earthly existence in such a way that they spend a long time in the state prior to their birth, which I have often described in my lectures. After having completed their life journey in the spiritual world between death and a new birth, human beings first enter the region where they become increasingly immersed in the spiritual world, where their life consists of collaborating with the beings of the higher hierarchies, and where, in all their actions, they work within the spiritual-substantial realm. But in this process between death and a new birth, there also comes a point when the human being, so to speak, turns their gaze back down toward the Earth. The human being has long since connected soulfully with the generations, at the end of which stands the parental couple who will give birth to him. Thus, the human being looks back not merely to his great-great-grandfather, but to generations far preceding him, connecting with the line of descent, with the current that flows through the generations of his ancestors.
[ 11 ] Nun ist es eben bei der Mehrzahl der Seelen der Gegenwart so, daß sie in der Zeit, in der sie sich anschicken, wieder zur Erde herunterzukommen, schon ein brennendes Interesse haben an demjenigen, was sich auf der Erde abspielt. Sie sehen gewissermaßen von der geistigen Welt auf die Erde hernieder und interessieren sich lebhaft für dasjenige, was mit ihren Urvätern sich auf der Erde abspielt. Solche Seelen werden eben so, wie ich es jetzt charakterisiert habe bei denen, die sich auf der breiten Heerstraße des gegenwärtigen Lebens mitbewegen.
[ 11 ] Now, it is the case with the majority of souls today that, at the time when they are preparing to return to Earth, they already have a keen interest in what is happening on Earth. In a sense, they look down from the spiritual world onto Earth and take a keen interest in what is happening to their forefathers there. Such souls are just like those I have just described, who are moving along the broad highway of present-day life.
[ 12 ] Dagegen gibt es gerade in der Gegenwart eine Anzahl von Seelen, die weniger Interesse haben, wenn sich ihr vorirdisches Dasein wieder zum irdischen Dasein neigt, an dem, was auf der Erde vorgeht, sondern sie wenden ihr hauptsächlichstes Interesse den Tatsachen zu: Wie werden wir reif in der geistigen Welt? Sie interessieren sich sozusagen bis zum letzten Augenblicke, durch den sie wiederum ihren Weg zur Erde finden, für die geistige Welt.
[ 12 ] In contrast, there are a number of souls—especially in the present—who, as their pre-earthly existence once again turns toward earthly existence, have less interest in what is happening on Earth; rather, they direct their primary interest toward the question: How do we become mature in the spiritual world? They remain interested in the spiritual world, so to speak, right up to the very last moment before they once again find their way back to Earth.
[ 13 ] Während die anderen eine tiefe Begierde haben nach irdischem Dasein, haben diese Seelen bis zuletzt ein lebendiges Interesse an demjenigen, was in der geistigen Welt vor sich geht, kommen daher dann, wenn sie sich auf Erden verleiblichen, mit einem aus geistigen Impulsen erwachsenden Bewußtsein an, das weniger eine Hinneigung gibt zu dem, was nun an solchen Impulsen vorhanden ist, wie ich sie für die breiten Heersträßler charakterisiert habe. Sie wachsen heraus aus den Impulsen ihrer Umgebung, sie wachsen namentlich mit ihren geistigen Ambitionen heraus aus ihrer Umgebung und sind dadurch prädestiniert, vorbereitet dazu, eben ihren eigenen Weg zu gehen.
[ 13 ] While the others have a deep longing for earthly existence, these souls retain a keen interest in what is happening in the spiritual world right up to the very end, and so, when they incarnate on Earth, they arrive with a consciousness arising from spiritual impulses that inclines them less toward what is currently present in such impulses—as I have characterized them for the “masses on the broad highways.” They outgrow the impulses of their surroundings; specifically, they outgrow their surroundings through their spiritual ambitions and are thereby predestined and prepared to follow their own path.
[ 14 ] So könnte man die Seelen, die da herunterkommen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein, heute in zweierlei Arten gliedern. Die eine Art, welcher die Mehrzahl der Menschen heute noch angehören, umfaßt die außerordentlich heimatbegabten Seelen, die so recht wohl sich fühlen als Seelen in dem warmen Neste, wenn sie es auch manchmal als unangenehm empfinden - aber das ist ja nur scheinbar, das ist Maja -, die sich wohlfühlen in diesem warmen Neste, für das sie sich ja schon lange interessiert haben, bevor sie zur Erde heruntergestiegen sind.
[ 14 ] Thus, the souls that descend from pre-earthly existence into earthly existence could be classified today into two types. One type, to which the majority of people still belong today, comprises the souls who are exceptionally at home here—souls who feel quite comfortable in this warm nest, even if they sometimes find it unpleasant —but that is only an illusion, that is maya—who feel at home in this warm nest, in which they had already taken an interest long before they descended to Earth.
[ 15 ] Andere, die vielleicht — die äußerliche Maja ist ja nicht immer maßgebend - ganz geduldig das Kindesleben mitmachen als Seele, sind weniger heimatbegabt, sind heimatlose Seelen, wachsen aus dem warmen Nestchen viel mehr heraus als hinein. Und eben zu dieser letzteren Gattung gehören durchaus diejenigen auch, die sich dann an die anthroposophische Bewegung heranfinden. Es ist also das durchaus in irgendeiner Weise vorherbestimmt, ob man durch sein Schicksal zur Anthroposophie getrieben wird.
[ 15 ] Others who—perhaps, since outward maya is not always the determining factor—patiently participate in childhood as souls are less attuned to a sense of home; they are homeless souls who grow much more out of their warm little nest than into it. And it is precisely to this latter category that those who eventually find their way to the anthroposophical movement certainly belong. It is therefore, in a sense, predestined whether one is driven to anthroposophy by one’s fate.
[ 16 ] Man kann nun sagen: In der mannigfaltigen Weise macht sich dasjenige geltend, was solche Seelen nun so auf Seitenwegen, abseits von der großen Heerstraße des Lebens suchen. Derjenige, der das Leben mit einem gewissen Bewußtsein durchgemacht hat in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, der wird gefunden haben, daß überall unter den anderen Menschen solche heimatlose Seelen, namentlich eben seelisch heimatlose Seelen zahlreich, verhältnismäßig natürlich, auftraten. Einen gewissen Anflug, möchte ich sagen, von solcher Heimatlosigkeit haben heute sehr viele Seelen.
[ 16 ] One might say: What such souls seek along side paths, away from the main highway of life, asserts itself in manifold ways. Anyone who lived through the last decades of the 19th century and the first decades of the 20th century with a certain degree of awareness will have found that such rootless souls—namely, souls that are spiritually rootless—appeared in great numbers and with relative naturalness among other people everywhere. I would say that a great many souls today have a certain hint of such rootlessness.
[ 17 ] Wenn nicht die anderen es als so wohltuend empfinden würden, in den ausgefahrenen Wegen zu gehen, und nicht solche Hindernisse entgegensetzen würden den heimatlosen Seelen, so würde die Zahl dieser heimatlosen Seelen noch viel deutlicher für die Zeitgenossen ins Auge fallen. Aber man kann, ich möchte sagen, überall sehen, wie einen gewissen Anflug von solcher Heimatlosigkeit heute zahlreiche Seelen haben.
[ 17 ] If others did not find it so comforting to follow the well-trodden paths, and if they did not place such obstacles in the way of these homeless souls, the number of these homeless souls would be even more strikingly apparent to their contemporaries. But one can, I would say, see everywhere how numerous souls today possess a certain hint of such homelessness.
[ 18 ] Erst vor ganz kurzer Zeit wurde berichtet, daß selbst solche Dinge geschehen: Ein Professor hat an einer Universität ein Kolleg gehalten, ein Semestralkolleg angekündigt über die Entwickelung — wie er es nennt — der mystisch-okkulten Anschauungen von Pythagoras bis Steiner, und, nachdem dieses Kolleg angekündigt war, sind zu der ersten Vorlesung schon so viele Leute gekommen, daß er nicht in einem gewöhnlichen Hörsaal lesen konnte, sondern lesen mußte im Auditorium Maximum, wo sonst nur die großen Festvorträge abgehalten werden.
[ 18 ] It was reported just very recently that even such things are happening: A professor at a university held a seminar—a semester-long course—on the development—as he calls it—of mystical-occult views from Pythagoras to Steiner, and, after this course was announced, so many people showed up for the first lecture that he could not lecture in a regular lecture hall but had to do so in the Auditorium Maximum, where otherwise only major ceremonial lectures are held.
[ 19 ] Man sieht aus solchen Tatsachen, wie heute die Dinge liegen, wie tatsächlich die Neigung zu solcher Heimatlosigkeit außerordentlich in die Seelen eingewachsen ist. Man konnte dasjenige, was ja heute als eine von Woche zu Woche sich immer mehr und mehr steigernde Sehnsucht der Seelen, die in sich solche Heimatlosigkeit tragen, was als Sehnsucht nach einer nicht von vornherein eingerichteten, von vornherein orientierten Lebensposition, was als Sehnsucht nach dem Geistigen von dieser Ecke des Lebens heraus sich immer mehr und mehr geltend macht, von Woche zu Woche, möchte man sagen, in unserem heutigen chaotischen Geistesleben sich stärker geltend macht, man konnte alles das heraufkommen sehen. Indem ich Ihnen das langsame Herankommen mit ein paar Strichen heute zeichnen möchte, werden Sie durch eine Art von Selbstbesinnung in dieser Zeichnung ein klein wenig von dem finden können, was ich Ihrer aller anthroposophischen Ursprung nennen möchte.
[ 19 ] From such facts, one can see how things stand today, and how deeply the tendency toward such rootlessness has actually taken hold in people’s souls. One could say that what is today—week by week—increasing more and more as a longing in the souls that carry such rootlessness within them, what is emerging more and more as a longing for a life stance not predetermined or preoriented from the outset, what is asserting itself more and more from this corner of life as a longing for the spiritual—week by week, one might say, is asserting itself more strongly in our chaotic spiritual life today—one could see all of this emerging. As I would like to sketch this slow emergence for you today with a few strokes, you will be able to find, through a kind of self-reflection in this sketch, a little bit of what I would like to call your shared anthroposophical origin.
[ 20 ] Ich möchte heute einleitungsweise nur aphoristisch charakterisieren. Sehen Sie in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zurück — wir können auch irgendein anderes Gebiet nehmen, aber nehmen wir ein sehr charakteristisches Gebiet —, da machte sich dasjenige geltend in einem gewissen Zeitpunkte, was man nennen kann das Wagnertum, das Richard Wagnertum. Gewiß, bei diesem Richard Wagnertum war sehr viel Zivilisationskoketterie, Sensationslust und so weiter. Aber unter denjenigen Leuten, die dann, als Bayreuth eingerichtet war, erschienen, waren ja nicht bloß die Herren im Frack nach der neuesten Mode und die Damen in den letzten Modekostümen, sondern es war in Bayreuth alles mögliche beisammen. Man sah dort schon durchaus Herren in sehr langen Haaren, Damen mit ganz kurz geschorenen Haaren, man sah Leute, welche es als eine Art von moderner Wallfahrt empfanden, nach Bayreuth von weither zu wandern. Ich habe sogar einen gekannt, der hat sich, als er den Weg nach Bayreuth angetreten hat, in einem sehr weit entfernten Orte die Stiefel abgelegt und ist barfuß nach Bayreuth als Wallfahrer: gegangen.
[ 20 ] To begin with, I would like to offer only a brief, aphoristic characterization today. Look back at the last decades of the 19th century—we could also take any other period, but let’s take a very characteristic one—at a certain point in time, what might be called “Wagnerism,” or “Richard Wagnerism,” came to the fore. Certainly, this “Richard Wagnerism” involved a great deal of civilizational affectation, a thirst for sensation, and so on. But among the people who appeared there once Bayreuth had been established were not merely gentlemen in tailcoats according to the latest fashion and ladies in the latest fashionable costumes; rather, all sorts of people were gathered in Bayreuth. One could certainly see men there with very long hair, women with their hair cut very short, and people who viewed making the journey to Bayreuth from far away as a kind of modern pilgrimage. I even knew one man who, when he set out on the journey to Bayreuth, took off his boots in a place far away and walked barefoot to Bayreuth as a pilgrim.
[ 21 ] Unter solchen, die also als Herren mit langen, als Damen mit kurzen Haaren gekommen sind, waren manche, die schon irgendwie doch zu den heimatlosen Seelen gehörten. Aber auch unter denjenigen, die vielleicht nicht gerade nach der allerletzten Mode, aber doch schon nach einer respektableren Mode gekleidet waren, waren solche, die auch heimatlose Seelen waren.
[ 21 ] Among those who had arrived—the men with long hair and the women with short hair—were some who, in one way or another, still belonged to the ranks of the homeless souls. But even among those who were dressed, if not exactly in the very latest fashion, at least in a more respectable style, there were some who were also homeless souls.
[ 22 ] Nun wirkte da aus dem Wagnertum heraus auf die Leute dasjenige, was wirklich in dem Wagnertum - ich rede jetzt nicht allein von dem musikalischen Elemente im Wagnertum, sondern von dem Wagnertum als Kulturerscheinung — sich geltend machte: das war doch etwas, was aus dem, was sonst die materialistische Zeit darbot, sich heraushob. Es war etwas, was wie suggestiv, möchte ich sagen, gerade vom Wagnertum ausging, was auf die Leute so wirkte, daß sie das Gefühl bekamen: Da ist ein Tor in eine geistigere Welt hinein, eine andere als die, welche unsere gewöhnliche Umgebung ist. Und gelegentlich desjenigen, was in Bayreuth vorging, entwickelte sich eine ganze Menge von Sehnsucht nach geistiger Vertiefung.
[ 22 ] Now, what really made an impression on people from within Wagnerism—and I am not speaking here solely of the musical element in Wagnerism, but of Wagnerism as a cultural phenomenon—was something that stood out from what the otherwise materialistic age had to offer. It was something—suggestive, I would say—that emanated specifically from Wagnerism, which had such an effect on people that they felt: Here is a gateway into a more spiritual world, one different from our ordinary surroundings. And in connection with what was taking place in Bayreuth, a great deal of longing for spiritual deepening developed.
[ 23 ] Zunächst war es ja schwierig, Richard Wagners Gestalten und dramatische Kompositionen zu verstehen. Aber daß sie aus einem anderen Elemente heraus geschaffen waren als bloß aus dem grob materialistischen Elemente der Zeit, das empfanden eben zahlreiche Menschen. Und diejenigen, die dann gerade dahin getrieben wurden als heimatlose Seelen, bei denen war es so, daß sie wie, ich möchte sagen, durch eine suggestive Gewalt der Wagnerdramen und namentlich des Lebens, das sich gelegentlich des Hereintretens der Wagnerdramen in unsere Zivilisation abspielte, angeregt worden sind, allerlei dunkle, gefühlsmäßige Intuitionen zu bekommen.
[ 23 ] At first, it was indeed difficult to understand Richard Wagner’s characters and dramatic compositions. But many people sensed that they were created from something other than merely the crudely materialistic elements of the time. And those who were then driven there as rootless souls—they were, as it were, inspired, I might say, by a suggestive power of the Wagner dramas and, in particular, by the life that unfolded on the occasion of the Wagner dramas’ entry into our civilization, to develop all manner of dark, emotional intuitions.
[ 24 ] Es gab ja zum Beispiel auch unter denjenigen, die sich in dieses Wagnerleben hineinfanden, Leser der «Bayreuther Blätter». Nun ist es geschichtlich interessant — heute ist ja das alles schon Geschichte —, so einen Jahrgang «Bayreuther Blätter» sich herzunehmen und anzuschauen, wie da ausgegangen wird von einer Interpretation von «Tristan und Isolde», von dem «Nibelungenring», von dem «Fliegenden Holländer» sogar, wie da ausgegangen wird von dieser dramatischen Gestaltung, von den einzelnen Gestalten innerhalb der Wagnerdramen, von den Vorgängen in denselben, und wie da, allerdings in einer stark subjektivierenden, unrealistischen Weise, auch im spirituellen Sinn unrealistisch, aber doch mit einer geistigen Sehnsucht versucht wird, in eine geistigere Betrachtung der Dinge und des Menschenlebens überhaupt hineinzukommen. Und man kann schon sagen: Manches, was dann an allerlei Hamlet-Interpretationen oder sonstigen Interpretationen von Kunstwerken Theosophen geleistet haben, erinnert sehr stark an gewisse Aufsätze, die der, nicht Theosoph, aber eingeschulte Wagnerianer Hans von Wolzogen in den «Bayreuther Blättern» geschrieben hat. Da konnten Sie zum Beispiel, nun, sagen wir einmal, des Morgens aufwachen: wenn Ihnen irgendein Trollgeist hingelegt hätte statt einer theosophischen Zeitschrift, die Sie vielleicht vor fünfzehn Jahren gelesen haben, ein Heft «Bayreuther Blätter», so könnten Sie den Ton und die Haltung wirklich verwechseln mit dem, was Sie in Ihrer theosophischen Zeitschrift gefunden haben, wenn es gerade ein Wolzogenscher oder ähnlicher Artikel war.
[ 24 ] For example, even among those who immersed themselves in this world of Wagner, there were readers of the *Bayreuther Blätter*. Now, it is historically interesting—after all, today all of this is already history— to take a volume of the *Bayreuther Blätter* and see how it proceeds from an interpretation of *Tristan and Isolde*, of *The Ring of the Nibelungs*, even of *The Flying Dutchman*—how it proceeds from this dramatic structure, from the individual characters within Wagner’s dramas, from the events within them—and how, admittedly in a highly subjective, unrealistic manner—unrealistic even in a spiritual sense—yet with a spiritual longing to enter into a more spiritual contemplation of things and of human life in general. And one can certainly say: Much of what theosophists have subsequently produced in terms of various interpretations of *Hamlet* or other works of art is very reminiscent of certain essays written by Hans von Wolzogen—not a theosophist, but a trained Wagnerian—in the *Bayreuther Blätter*. There, for example, you might, let’s say, wake up one morning: if some mischievous spirit had placed an issue of the *Bayreuther Blätter*—instead of a theosophical journal you might have read fifteen years ago—next to your bed, you might actually confuse its tone and attitude with what you found in your theosophical journal, especially if it happened to be an article by Wolzogen or something similar.
[ 25 ] Also man möchte sagen: Dieses Wagnertum war für viele Leute, in denen heimatlose Seelen wohnten, ein Anlaß, hineinzukommen in eine solche Betrachtungsweise der Welt, die hinwegführte von dem Grob-Materiellen, hineinführte in Geistiges, und alle diejenigen, die aus einem inneren Drang der Seele, nicht aus äußerer Zivilisationskoketterie, in eine solche Strömung hineingewachsen waren, von denen darf man schon sagen: bei diesen, was sie auch sonst im Leben waren, ob nun Advokaten, Künstler, Exzellenzen oder Nationalräte, oder was sie immer für Menschen waren, die da so hineingewachsen waren, selbst wenn es Naturforscher waren — es gab auch solche -, bei diesen war es schon so, daß sie dieses Hineinwachsen in eine geistige Welt verfolgten aus einer inneren Sehnsucht der Seele heraus, und sich dann nicht mehr kümmerten um die sicheren Beweise, die ja überall zu finden waren für die materialistisch gestaltete Weltanschauung.
[ 25 ] So one might say: For many people whose souls were adrift, this Wagnerian movement was an opportunity to enter into a way of viewing the world that led away from the coarse and material and into the spiritual; and of all those who had grown into this movement out of an inner urge of the soul—not out of an outward affectation of civilization—one can certainly say: as for these people—whatever else they might have been in life, whether lawyers, artists, dignitaries, or members of the National Council, or whatever kind of people they were who had grown into this movement in this way, even if they were natural scientists—there were such people as well—it was certainly true of them that they pursued this immersion into a spiritual world out of an inner longing of the soul, and then no longer cared about the reliable evidence—which could indeed be found everywhere—supporting the materialistic worldview.
[ 26 ] Wie gesagt, ich hätte auch andere Gebiete anführen können, wo man solche heimatlosen Seelen gefunden hat. Man fand schon überall solche heimatlosen Seelen. Aber besonders charakteristisch war eben das Gebiet des Wagnertums. Da fanden sich zahlreiche solche heimatlosen Seelen.
[ 26 ] As I said, I could have cited other areas where such rootless souls were found. Such rootless souls were found everywhere. But the Wagnerian movement was particularly characteristic in this regard. There were numerous such rootless souls there.
[ 27 ] Nun, mir selbst war es dann vorgesetzt, eine Anzahl solcher Seelen, aber im Vereine wiederum mit anderen, die gewissermaßen ihr geistiges Novizentum im Wagnerianismus durchgemacht haben, dann wiederum in einer anderen Metamorphose kennenzulernen. Es waren Seelen, die ich Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Wien kennenlernte, in einer Gruppe von Menschen, wo sich sozusagen lauter heimatlose Seelen zusammenfanden. Wie sich dazumal schon an der Oberfläche die Heimatlosigkeit darstellte, davon machen sich die Leute heute gar nicht mehr den richtigen Begriff, weil vieles von dem, wozu dazumal Courage, Seelencourage gehörte, ja heute etwas Landläufiges geworden ist.
[ 27 ] Well, I myself was then presented with the opportunity to get to know a number of such souls—but in a group, together with others who, in a sense, had gone through their spiritual novitiate in Wagnerianism—and then to witness them undergo yet another metamorphosis. These were souls I met in Vienna in the late 1880s, in a group of people where, so to speak, nothing but homeless souls had gathered. People today have no real sense of how that sense of rootlessness manifested itself on the surface back then, because much of what once required courage—spiritual courage—has, in fact, become commonplace today.
[ 28 ] So zum Beispiel glaube ich nicht, daß sich viele Menschen heute das Folgende vorstellen können: Ich saß in einem Kreise von solchen heimatlosen Seelen; da hatte man schon allerlei gesprochen. Da kam einer später, der eben länger zu tun hatte als die anderen, oder vielleicht auch zu Hause sitzen geblieben war, beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken, und fing nun an, von Dostojewskis «Raskolnikoff» zu sprechen, redete von dem «Raskolnikoff» in einer solchen Weise, daß es in die ganze Gesellschaft wie ein Blitz einschlug. Eine neue Welt war da, eine Welt — ja, wie wenn man ungefähr plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt würde. So empfanden sich diese Seelen.
[ 28 ] For example, I don’t think many people today can create a mental image of the following: I was sitting in a circle of such rootless souls; all sorts of things had already been said. Later, someone arrived who had simply been busier than the others—or perhaps had stayed home, lost in his own thoughts—and began to speak of Dostoevsky’s “Raskolnikov,” talking about “Raskolnikov” in such a way that it struck the entire group like a bolt of lightning. A new world had opened up—a world as if one had suddenly been transported to another planet. That is how these souls felt.
[ 29 ] Ich darf vielleicht sagen: Bei diesen Lebensbeobachtungen, die ich Ihnen ja als eine Einleitung zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung zu erzählen habe, muß ich eben erwähnen, daß für mich in der Zeit, als ich solche Lebensbeobachtungen zu machen vom Schicksale gedrängt war, niemals irgendwie der Zusammenhang mit der geistigen Welt, das Drinnenstehen in der geistigen Welt irgendwie abgerissen war. Es war immer da. Ich muß das erwähnen, weil das den Hintergrund dieser Betrachtungen bilden muß: die geistige Welt eine Selbstverständlichkeit, und die Menschen auf Erden eben betrachtet als die Abbilder desjenigen, was sie eigentlich als geistige Wesenheiten innerhalb der geistigen Welt sind. Diese Gemütsverfassung möchte ich eben charakterisieren, damit Sie dieses als geistigen Hintergrund immer voraussetzen.
[ 29 ] Perhaps I may say: In these observations of life—which I am sharing with you as an introduction to the history of the anthroposophical movement—I must mention that, during the time when I was compelled by fate to make such observations, my connection to the spiritual world—my very presence within it—was never in any way severed. It was always there. I must mention this because it forms the backdrop for these reflections: the spiritual world as a matter of course, and human beings on earth viewed precisely as reflections of what they actually are—spiritual beings within the spiritual world. I would like to characterize this state of mind so that you may always take it as a given spiritual backdrop.
[ 30 ] Natürlich war dieses Beobachten nicht ein Beobachten wie mit einer kalten Hundeschnauze, sondern mit herzlich warmem Anteil, und ohne daß man ein Beobachter sein will, indem man eben mit drinnen ist - in aller Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit und Höflichkeit selbstverständlich. So stand man da drinnen und lernte die Menschen kennen, nicht um sie zu beobachten, sondern weil es das Leben von selber natürlich gab. Da lernte ich Ende der achtziger Jahre solch einen Kreis kennen, der im übrigen aus Menschen aller Berufe, aller Lebensschattierungen bestand, aus Menschen, die aber solche heimatlosen Seelen waren, und von denen eine Anzahl hergezogen waren eben aus der Wagnergegend, die Menschen waren, die sozusagen ihr geistiges Novizentum in der Wagnergegend durchgemacht haben. Der, von dem ich erzählt habe, daß er sich in Wien die Stiefel auszog und dann barfuß nach Bayreuth gegangen ist, war auch darunter, war sogar ein sehr geistreicher Mensch. Diese Persönlichkeiten traf ich eine Zeitlang eigentlich recht oft, manchmal jeden Tag. Und sie lebten nun in einer, ich möchte sagen, zweiten Metamorphose. Nachdem sie ihre Wagnermetamorphose durchgemacht hatten, lebten sie in einer zweiten Metamorphose.
[ 30 ] Of course, this observation wasn’t the kind of cold, detached observation one might make with a dog’s snout, but rather one made with warm, heartfelt interest—and without intending to be an observer, simply by being part of the scene—all with friendliness, kindness, and courtesy, of course. So one stood there and got to know people, not to observe them, but because life simply unfolded that way. There, in the late 1980s, I got to know such a circle—which, incidentally, consisted of people from all professions and walks of life—people who were, however, such rootless souls, and a number of whom had moved there from the Wagner region; they were people who had, so to speak, undergone their spiritual novitiate in the Wagner region. The man I mentioned—who took off his boots in Vienna and then walked barefoot to Bayreuth—was among them; he was, in fact, a very witty person. I actually met these individuals quite often for a while—sometimes every day. And they were now living through what I would call a second metamorphosis. After having undergone their Wagnerian metamorphosis, they were living through a second metamorphosis.
[ 31 ] Es waren zum Beispiel drei darunter, die waren gute Bekannte von H.P.Blavatsky, hatten sogar intim verkehrt mit. H.P.Blavatsky, waren eifrige Theosophen, so wie Theosophen dazumal waren, als die Blavatsky noch lebte. Es war gerade diesen Theosophen dazumal, in der Zeit, nachdem unmittelbar die «Entschleierte Isis» und die «Geheimlehre» der Blavatsky erschienen waren, etwas Besonderes eigen: sie hatten alle den Zug, recht esoterisch zu sein. Sie verachteten das äußere Leben, in dem sie drinnenstanden, verachteten selbstverständlich den eigenen Beruf, aber mußten sich ins exoterische Leben eben hineinbegeben. Das war natürlich. Das übrige aber, das ist - esoterisch: da redet man nur zu Eingeweihten, nur innerhalb eines kleinen Kreises. Und diejenigen, von denen man eben meint, daß sie nicht würdig sind, über solche Dinge zu reden, betrachtet man als solche, mit denen man über die gewöhnlichen Dinge des Lebens redet. Die anderen, mit denen redet man eben esoterisch. Es waren Leser, gute Leser des damals eben erschienenen «Geheimbuddhismus» von Sinnett, alles aber Menschen, im eminentesten Sinne zu den heimatlosen Seelen zählend, die ich eben so charakterisiert habe, Menschen, die trotzdem sie in dem Augenblick, wo sie im praktischen Leben standen, Techniker zum Beispiel waren, dann mit einem großen Anteil, mit regstem Interesse ein solches Buch wie Sinnetts «Geheimbuddhismus» verfolgten. Ein gewisser Drang war ja bei solchen Menschen vorhanden — das kam zum Teil auch noch aus dem Wagnertum her -, alles mögliche, was an Mythen vorhanden war, in, wie sie es nannten, esoterischem Sinne auszulegen, zu interpretieren.
[ 31 ] For example, there were three among them who were close acquaintances of H.P. Blavatsky—they had even been on intimate terms with her—and were zealous Theosophists, just as Theosophists were back when Blavatsky was still alive. It was precisely these Theosophists of that time—in the period immediately following the publication of Blavatsky’s *Isis Unveiled* and *The Secret Doctrine*—who possessed a distinctive trait: they all tended to be quite esoteric. They despised the outer life in which they were immersed; naturally, they despised their own professions, yet they had to engage in exoteric life. That was only natural. The rest, however, is esoteric: there one speaks only to initiates, only within a small circle. And those whom one considers unworthy of discussing such matters are regarded as people with whom one speaks about the ordinary things of life. With the others, one speaks in an esoteric manner. They were readers—keen readers—of Sinnett’s *Esoteric Buddhism*, which had just been published at the time, but all of them were people who, in the most eminent sense, belonged to the “homeless souls” I have just described—people who, even though they were, in their practical lives, technicians, for example, followed a book like Sinnett’s *Esoteric Buddhism* with great enthusiasm and keen interest. There was, after all, a certain urge among such people—which stemmed in part from Wagnerism—to interpret all manner of myths in what they called an “esoteric” sense.
[ 32 ] Nun konnte man aber sehen, als sich wirklich gerade mit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr diese heimatlosen Seelen zeigten, wie gerade diejenigen am interessantesten waren, die nun nicht, ich möchte sagen, aus einem doch nur zu neun Zehntel ganz ehrlichem, höchstens neun Zehntel ehrlichem Bewußtsein heraus die Schriften von Sinnett oder Blavatsky verfolgten, sondern die anderen, die nun zuhörten, die nicht selber heranwollten an das Lesen — es war ja in dieser Zeit noch eine sehr starke Scheu vor solchen Dingen -, aber mit offenem Munde zuhörten, wenn diejenigen, die gelesen hatten, diese Dinge auseinandersetzten. Und man konnte sehr interessant beobachten, wie die Zuhörer, die manchmal ehrlicher waren als die Erzähler, aus der Heimatlosigkeit ihrer Seelen heraus das aufnahmen als eine geistige Nahrung, die sie brauchten, die sie sich sogar aus der relativen Unwahrheit, mit der diese geistige Nahrung dargereicht wurde, in ein ganz Ehrliches durch die eigene ehrlichere Seele übersetzten, wie sie das aufnahmen. Man konnte an ihnen die Sehnsucht, etwas ganz anderes einmal zu hören als dasjenige, was auf der gewöhnlichen Heerstraße der Zivilisation liegt, sehen und wie das so Gehörte verschlungen wurde von solchen Menschen! Es war außerordentlich interessant eben zu sehen, wie auf der einen Seite die Fangarme des Heerstraßenlebens da waren, die immer wiederum die Leute an sich rissen, wie sie dann, nicht wahr, in diesem oder jenem Salon erschienen, wo man sich versammelte — oftmals war’s ein Kaffeehaus — und mit einer ungeheuren Sehnsucht auf dasjenige horchten, was nun wiederum irgendeiner aus einem neuerschienenen Buch von dieser Art eben gelesen hatte, der manchmal recht dick tat mit demjenigen, was er gelesen hatte. Aber es waren eben durchaus auch die ehrlichen Seelen da, die so hin- und hergeworfen wurden vom Leben.
[ 32 ] Now, however, as more and more of these homeless souls began to appear—precisely at the end of the 19th century—it became clear that the most interesting ones were not those who, I might say, followed the writings of Sinnett or Blavatsky out of a consciousness that was only nine-tenths honest—at most nine-tenths honest—but rather the others, who simply listened, who did not want to take up reading themselves—after all, there was still a very strong aversion to such things at that time— but listened with their mouths agape when those who had read explained these things. And it was fascinating to observe how the listeners—who were sometimes more sincere than the narrators—took in, out of the rootlessness of their souls, the spiritual nourishment they needed; how they even transformed the relative untruth with which this spiritual nourishment was presented into something entirely sincere through their own more sincere souls; how they absorbed it. One could see in them the longing to hear something completely different from what lies along the usual highway of civilization, and how what they heard was devoured by such people! It was extraordinarily interesting to see, on the one hand, the tentacles of high-street life that kept pulling people back in, and how they would then, wouldn’t you say, appear in this or that salon where people gathered — often it was a coffeehouse — and listened with immense longing to what someone had just read from a newly published book of this sort, a person who sometimes made quite a show of what he had read. But there were certainly also honest souls there, tossed back and forth by life.
[ 33 ] Gerade in den ersten Zeiten im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert sah man, wie so recht die Seelen hin- und hergeworfen waren, die sich ihre Heimatlosigkeit nicht recht gestehen mochten. Denn, nicht wahr, da hörte der eine in einer wirklich außerordentlich interessierten Weise zu, wie da erzählt wurde von physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, Kama Manas, Manas, Buddhi und so weiter. Ja, und dann hatte er sein Feuilleton zu schreiben, das die Zeitung von ihm haben wollte, in das er die bekannten Rosinen hineintun mußte. Die Leute wurden wirklich solche Seelen, die so recht zeigten, wie schwierig es eigentlich für manche wurde, gerade im Beginne der neueren Geistesentwickelung, die wir doch vom Ende des 19. Jahrhunderts an zählen müssen, die breite Heerstraße des Lebens zu verlassen. Denn manche benahmen sich dabei wirklich so, als ob sie sich gerade dann, wenn sie zu dem Wichtigsten, sie am meisten Interessierenden des Lebens hin wollten, eigentlich so wegschlichen und womöglich haben wollten, daß man nicht erfahre, wo sie sich da hingeschlichen haben. Es war schon recht interessant, wie sich eigentlich das geistige Leben, das geistige Wollen, die Sehnsucht nach einer geistigen Welt gerade innerhalb der europäischen Zivilisation hereinmachte.
[ 33 ] Especially in the early years of the late 19th century, one could see just how torn those souls were who were reluctant to fully admit their sense of rootlessness. For, isn’t it true, one person would listen with truly extraordinary interest as others spoke of the physical body, the etheric body, the astral body, Kama Manas, Manas, Buddhi, and so on. Yes, and then he had to write his feature article, which the newspaper wanted from him, into which he had to include the usual highlights. People truly became the kind of souls who clearly showed just how difficult it actually became for some, especially at the beginning of the newer spiritual development—which we must date from the end of the 19th century—to leave the broad highway of life. For some really behaved as if, just when they wanted to turn toward what was most important and most interesting in life, they were actually sneaking away and, if possible, wanted to ensure that no one found out where they had sneaked off to. It was quite interesting to observe how spiritual life, spiritual will, and the longing for a spiritual world actually took root within European civilization.
[ 34 ] Nun müssen Sie bedenken: es war am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts denn doch eigentlich noch viel schwieriger als heute; wenn es auch harmloser war, so war es schwieriger als heute, so ohne weiteres sich zu der geistigen Welt zu bekennen, denn die physisch-sinnliche mit all ihren großartigen Gesetzen, die war ja bewiesen! Gegen die konnte man doch nicht aufkommen! Für die gab es doch zahlreiche Beweise, für die sprachen die Laboratorien, die physikalischen Kabinette, die Kliniken, alles sprach für die bewiesene Welt. Aber die bewiesene Welt war für viele heimatlose Seelen eine so unbefriedigende, ja für das Innere der Seelen eine so unmögliche, daß sie sich eben seitwärts schlichen. Und während ihnen nicht nur scheffelweise, sondern tonnenweise, in Riesenmengen, die große Zeitzivilisation dargeboten wurde, nippten sie an demjenigen, was von dem wie eine Art Hereinströmen der geistigen Welt in die moderne Zivilisation eben zu erhaschen war. Es war durchaus nicht leicht, so ohne weiteres von der geistigen Welt zu sprechen, man mußte an irgend etwas anknüpfen.
[ 34 ] Now you must consider: at the end of the 1880s, it was actually much more difficult than it is today; even if it was less controversial, it was still harder than it is today to openly profess belief in the spiritual world, because the physical-sensory world, with all its magnificent laws, had been proven! You simply couldn’t compete with that! There was, after all, abundant evidence for it; the laboratories, the physics labs, the clinics—everything spoke in favor of the “proven” world. But for many homeless souls, the “proven” world was so unsatisfying—indeed, so impossible for the innermost depths of their souls—that they simply slipped away. And while the great civilization of our time was presented to them not just by the bushel, but by the ton—in enormous quantities—they sipped at whatever could be caught of what seemed like a kind of influx of the spiritual world into modern civilization. It was by no means easy to speak of the spiritual world just like that; one had to tie it in with something.
[ 35 ] Wenn ich da etwas einflechten darf, was wiederum eine persönliche Bemerkung ist, so soll es das Folgende sein: Ich selbst mußte - man konnte nicht mit der geistigen Welt sozusagen den Leuten ins Haus fallen, vor allem konnte man nicht ins Zivilisationshaus hineinfallen — an irgend etwas anknüpfen, nicht aus einem äußerlichen Grunde, das konnte etwas ganz ehrlich Innerliches sein. Gerade am Ende der achtziger Jahre knüpfte ich die Bemerkungen, die ich über die geistige Welt, über deren intimere Seiten zu machen hatte, an zahlreichen Orten gerade an Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» an. Da konnte man anknüpfen, weil ja nun schließlich Goethe im Kredit stand; es war immerhin der Goethe, nicht wahr. Wenn man anknüpfte an etwas, was immerhin Goethe gemacht hatte, und wenn es so offensichtlich ist, daß da geistige Impulse hineingeflossen sind wie in das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», so konnte man an diese Dinge anknüpfen. Für mich war es sogar etwas Selbstverständliches, dazumal anzuknüpfen an Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Denn an das konnte ich doch nicht anknüpfen, was dazumal als Theosophie getrieben worden ist, was eine immerhin sehr strebsame Gruppe von Leuten Ende der achtziger Jahre sich dazumal herausgeholt hatte aus Blavatsky, aus Sinnetts «Esoterischem Buddhismus» und ähnlichen Büchern. Es war für jemanden, der sich das an der Wissenschaft herangeschulte Denken in die geistige Welt hinein bewahren wollte, eben einfach unmöglich, irgendwie in eine Verwandtschaft hineinzukommen mit dem, was sich als eine geistige Atmosphäre unmittelbar in Anlehnung an Blavatsky und an Sinnetts «Esoterischen Buddhismus» bildete.
[ 35 ] If I may interject something here—which is, again, a personal remark—let it be the following: I myself had to—one couldn’t, so to speak, barge into people’s homes with the spiritual world, and above all, one couldn’t barge into the “house of civilization”—build upon something, not for an external reason; it could be something quite honestly inner. It was precisely at the end of the 1880s that I linked the remarks I had to make about the spiritual world—about its more intimate aspects—in numerous places specifically to Goethe’s “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” One could build upon it because, after all, Goethe was held in high regard; it was Goethe, after all, wasn’t it? If one built upon something that Goethe himself had created, and if it is so obvious that spiritual impulses flowed into it—as in the “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily”—then one could build upon these things. For me, it was even something quite natural at the time to build upon Goethe’s “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” For I certainly could not build upon what was being practiced as theosophy at that time—what a group of people, albeit a very ambitious one, had derived in the late 1880s from Blavatsky, from Sinnett’s *Esoteric Buddhism*, and similar books. For someone who wanted to preserve a way of thinking—trained by science—within the spiritual world, it was simply impossible to establish any kind of connection with the spiritual atmosphere that was forming directly in the wake of Blavatsky and Sinnett’s *Esoteric Buddhism*.
[ 36 ] Dabei war auch nach der anderen Seite die Sache nicht leicht. Denn warum? Nicht wahr, Sinnetts «Esoterischer Buddhismus» erkannte man ja bald als ein spirituell dilettantisches Buch, das alte, schlecht verstandene Esoterismen zusammenstellte. Aber zu einem solchen Werk als Zeiterscheinung, wie Blavatskys «Geheimlehre» ist, war es doch nicht leicht ein Verhältnis zu gewinnen. Denn dieses Werk verriet immerhin an zahlreichen Stellen, daß dasjenige, was darinnen sich befindet, aus richtigen schlagkräftigen Impulsen aus der geistigen Welt herauskommt. So daß man an zahlreichen Stellen dieser Blavatskyschen «Geheimlehre» eben findet das Sich-Offenbaren einer geistigen Welt durch eine gewisse Persönlichkeit, die eben die Blavatsky war.
[ 36 ] Yet from the other side, too, the matter was not easy. Why? After all, Sinnett’s *Esoteric Buddhism* was soon recognized as a spiritually amateurish book that compiled old, poorly understood esoteric ideas. But it was still not easy to form a relationship with a work like Blavatsky’s *The Secret Doctrine*, which is a phenomenon of its time. For this work revealed, after all, in numerous places that what it contains stems from genuine, powerful impulses from the spiritual world. Thus, in numerous passages of Blavatsky’s *The Secret Doctrine*, one finds precisely the revelation of a spiritual world through a certain personality—namely, Blavatsky herself.
[ 37 ] Vor allen Dingen mußte einem eines besonders auffallen, gerade auffallen im Suchen, dem sich die Menschen, die so an Blavatsky selbst oder an die Blavatskysche «Geheimlehre» herangekommen waren, hingegeben hatten. Es war durch diese «Geheimlehre» eine große Summe von uralten, in der Vorgeschichte der Menschheit durch atavistisches Hellsehen gewonnenen Wahrheiten ausgesprochen. Ich möchte sagen: Es war eine Art Wiederauferweckung von uralten Kulturen. Man hatte vor sich, eben aus der äußeren Welt einem entgegenkommend, nicht bloß aus sich selbst, dasjenige, wovon man sich sagen mußte: Das bringt ein ungeheures altes Weisheitsgut herauf, das die Menschen einmal als etwas außerordentlich Lichtbringendes besessen haben. Dazwischen Partien der unglaublichsten Art, die einen immer wieder staunen machten, weil das Buch lotterig, dilettantisch gearbeitet ist in bezug auf jede wissenschaftliche Denkweise, unsinnig mit Bezug auf manches Abergläubische und so weiter. Überhaupt ein ganz merkwürdiges Buch, diese Blavatskysche «Geheimlehre»: große Wahrheiten neben schauderhaftem Zeug. Man möchte sagen: So etwas charakterisiert ganz gut, welchen Seelenphänomenen ausgesetzt waren diejenigen, die eben als heimatlose Seelen so nach und nach sich heraufentwikkelten in der neueren Zeit. Ich habe wirklich dazumal zahlreiche solcher Seelen kennengelernt. Man konnte eben das Ankommen dieser Heimatlosen Seelen auf der Erde sehen.
[ 37 ] Above all, one thing had to stand out in particular—it had to be especially striking in the search to which those people who had come into contact with Blavatsky herself or with Blavatsky’s “Esoteric Doctrine” had devoted themselves. Through this “Esoteric Doctrine,” a vast body of ancient truths—gained through atavistic clairvoyance in the prehistory of humanity—had been articulated. I would say: It was a kind of revival of ancient cultures. One had before one—coming directly from the outer world, not merely from within oneself—that which compelled one to say: This brings to light an immense store of ancient wisdom that people once possessed as something extraordinarily enlightening. In between were passages of the most unbelievable kind, which never ceased to amaze one, because the book is sloppy and amateurish in terms of any scientific way of thinking, nonsensical with regard to certain superstitions, and so on. All in all, a very strange book, this Blavatsky “Secret Doctrine”: great truths alongside appalling material. One might say: Something like this characterizes quite well the soul phenomena to which those were exposed who, as homeless souls, gradually developed themselves in modern times. I really did get to know numerous such souls back then. One could simply see the arrival of these homeless souls on Earth.
[ 38 ] In der darauffolgenden Zeit, in meiner Weimaraner Zeit, war ich ja zunächst intensiv mit anderem beschäftigt, obwohl es auch da zahlreiche Gelegenheiten gab, solche suchenden Seelen zu bemerken. Denn gerade während meiner Weimaraner Zeit kamen, um das Goethe- und Schiller-Archiv zu besuchen, durch Weimar alle Arten von Menschen, wenn ich so sagen darf, auch aus aller Herren Länder. Man lernte die Menschen in ihren guten, in ihren schlechten Seelenseiten gerade ganz merkwürdig kennen, indem sie da durch Weimar durchkamen. Käuze lernte man kennen und hochgebildete, feine, vornehme Menschen. Ich habe zum Beispiel meine Begegnung mit Herman Grimm in Weimar gerade in der vorletzten Nummer des «Goetheanum» beschrieben.
[ 38 ] In the time that followed—during my years in Weimar—I was initially very busy with other things, although even then there were numerous opportunities to notice such searching souls. For it was precisely during my time in Weimar that all sorts of people—if I may say so—came through the city to visit the Goethe and Schiller Archive, from all corners of the world. One came to know people in a most remarkable way—both the good and the bad sides of their souls—precisely because they were passing through Weimar. One met eccentrics as well as highly educated, refined, and distinguished people. For example, I described my encounter with Herman Grimm in Weimar in the penultimate issue of the *Goetheanum*.
[ 39 ] Bei Herman Grimm war es, wenigstens für mein Gefühl, wirklich so, wenn er da war in Weimar — er kam sehr häufig, wenn er von Berlin aus wiederum nach Italien reiste oder zurück, oder auch sonst kam er sehr häufig nach Weimar -, und für mich hatte sich so die Empfindung herausgebildet: es ist etwas anderes mit Weimar, wenn er da ist, als wenn er wieder fort ist. Herman Grimm war etwas, was einem Weimar besonders erklärte. Man wußte besser, was Weimar ist, wenn Herman Grimm zu Besuch da war, als wenn er nicht da war.
[ 39 ] With Herman Grimm, at least in my experience, that was truly the case when he was in Weimar—he came very often when traveling from Berlin to Italy or back, or he would otherwise visit Weimar quite frequently—and I had come to feel that: Weimar is different when he’s there than when he’s gone again. Herman Grimm was someone who helped explain Weimar in a special way. One understood better what Weimar was when Herman Grimm was visiting than when he wasn’t there.
[ 40 ] Es braucht nur erinnert zu werden an Herman Grimms Roman «Unüberwindliche Mächte», um auch bemerklich zu machen, wie immerhin sogar in Herman Grimm ein starker Drang nach Spirituellem lebte. Lesen Sie den Schluß dieses Romans «Unüberwindliche Mächte», wie da die geistige Welt in die physische hereinspielt durch die Seele einer Sterbenden. Es hat etwas ungeheuer Ergreifendes, Großartiges. Ich habe in früheren Vorträgen darüber gesprochen.
[ 40 ] One need only recall Herman Grimm’s novel *Unüberwindliche Mächte* to realize that even in Herman Grimm there was a strong yearning for the spiritual. Read the conclusion of this novel, *Unüberwindliche Mächte*, where the spiritual world intervenes in the physical world through the soul of a dying woman. There is something immensely moving and magnificent about it. I have spoken about this in earlier lectures.
[ 41 ] Es waren natürlich dann auch Käuze, die durch Weimar durchkamen. Zum Beispiel kam ein russischer Staatsrat, der etwas suchte. Man konnte nicht herauskriegen, was er suchte: so irgend etwas im zweiten Teil des Goetheschen «Faust». Auf welche Art er es gerade durch das Goethe-Archiv kennenlernen wollte, konnte man nicht herauskriegen. Man wußte ihm auch nicht recht zu helfen. Im Goethe-Archiv hätte man ihm sehr gern geholfen. Er suchte nur immer. Er suchte den Punkt im zweiten Teil des «Faust», und man konnte nicht recht darauf kommen, was das für ein Punkt sein sollte. Immer nur hörte man, den Punkt suche er, den Punkt. Es war dann so, daß man ihn suchen ließ. Aber er war dann mit diesem Punkt so gesprächig, daß wenn wir abends beim Abendbrot saßen, und er in die Nähe kam, wir immer untereinander sagten: Schauts euch nicht um, der Staatsrat geht um. — Man wollte nicht gefunden sein von ihm.
[ 41 ] Of course, there were also oddballs who passed through Weimar. For example, a Russian State Councilor came by, looking for something. No one could figure out what he was looking for: something in the second part of Goethe’s *Faust*. No one could figure out exactly how he intended to discover it through the Goethe Archive. We didn’t really know how to help him either. The staff at the Goethe Archive would have been more than happy to assist him. But he just kept searching. He was looking for “the point” in the second part of *Faust*, and we couldn’t quite figure out what that point was supposed to be. All we ever heard was that he was looking for “the point,” “the point.” So we ended up letting him search. But he became so talkative about this “point” that whenever we were sitting down to dinner in the evening and he came near, we would always say to one another: “Don’t look around—the State Councilor is making the rounds.” — We didn’t want him to find us.
[ 42 ] Nun, neben ihm saß wiederum ein sehr merkwürdiger Besucher, der sehr geistreich war, ein Amerikaner, der aber die Stellung sitzend auf dem Boden liebte, die Beine übereinandergeschlagen, der also in solcher Art vor den Büchern auf dem Erdboden saß; das war ein merkwürdiger Anblick. Wie gesagt, das kam da auch vor, und man konnte schon gewissermaßen einen Ausschnitt aus dem gegenwärtigen Zivilisationsleben in einer außerordentlich prägnanten Weise sehen.
[ 42 ] Well, sitting next to him was another very peculiar visitor who was quite witty—an American who, however, preferred to sit on the floor with his legs crossed, so he was sitting in this manner on the floor in front of the books; it was a strange sight. As I said, that happened there as well, and one could, in a sense, see a snapshot of contemporary civilization in an extraordinarily vivid way.
[ 43 ] Aber als ich dann nach Berlin kam, führte mich das Schicksal wiederum ganz besonders hinein in einen Kreis solcher Seelen, von denen ich gesagt habe, sie sind heimatlose Seelen. Und es führte mich das Schicksal so weit hinein, daß eben gerade dieser Kreis von mir verlangte, daß ich ihm Vorträge halte, die ja dann in meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» abgedruckt sind. Ich habe auch in der Vorrede zu dieser «Mystik» erzählt, wie die Dinge sich abgespielt haben. Das waren eben Leute, die sich, in einer etwas späteren Zeit als meine Wiener Bekannten, zur Theosophischen Gesellschaft hingefunden hatten. Sie standen auch in einer anderen Weise zu dem, was Blavatsky war. Das Studium von Blavatskys «Geheimlehre» betrieben nur wenige; aber in demjenigen, was nun die Nachfolgerin der Blavatsky, Annie Besant, als die damalige Theosophie vortrug, waren diese Menschen bewandert, denen ich etwas ganz anderes vortrug in meiner «Mystik». Sie waren sehr darin bewandert, und ich erinnere mich noch, daß ich zum Beispiel von einem Mitgliede dieser Gruppe einen Vortrag hörte, der anknüpfte an ein kleines Buch von Annie Besant, worin sie nun ihrerseits den Menschen so gliederte: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib und so weiter. Ich muß oftmals gedenken, wie furchtbar schrecklich ich dazumal diese Darstellung des Menschen im Sinne der Annie Besant fand. Ich hatte nichts gelesen von Besant. Es war das erste, was ich von ihr hörte, dieser Vortrag, der da von einer Dame gehalten worden ist eben in Anknüpfung an die neueste dazumalige Broschüre von Besant. Es war etwas Schreckliches, wie dazumal hintereinander aufgezählt worden sind die einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit, im Grunde ziemlich ohne inneres Verständnis, ohne sie hervorgehen zu lassen aus der Totalität des menschlichen Wesens.
[ 43 ] But when I arrived in Berlin, fate once again led me quite specifically into a circle of such souls—the ones I have described as homeless souls. And fate led me so deeply into this circle that it was precisely this group that asked me to give them lectures, which were then published in my *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*. I also recounted in the preface to this *Mysticism* how things unfolded. These were people who, somewhat later than my Viennese acquaintances, had found their way to the Theosophical Society. They also had a different relationship to who Blavatsky was. Only a few engaged in the study of Blavatsky’s *Esoteric Doctrine*; but these people were well-versed in what Blavatsky’s successor, Annie Besant, presented as the theosophy of that time—to whom I presented something entirely different in my *Mysticism*. They were very well-versed in it, and I still remember, for example, hearing a lecture by a member of this group that drew on a small book by Annie Besant, in which she, for her part, classified the human being as follows: physical body, etheric body, astral body, and so on. I often find myself thinking how terribly awful I found that description of the human being in the spirit of Annie Besant at the time. I had never read anything by Besant. That lecture, given by a lady in connection with Besant’s latest pamphlet at the time, was the first thing I had ever heard from her. It was truly appalling how, at that time, the individual members of the human being were listed one after another—essentially without any inner understanding, without allowing them to emerge from the totality of the human being.
[ 44 ] So war ich wiederum drinnen, wie in Wien Ende der achtziger Jahre, in einer möglichen Beobachtung von solchen heimatlosen Seelen. Und das wissen Sie ja schon: im wesentlichen ist dann dasjenige, was Anthroposophie ist, zunächst aufgewachsen, möchte ich sagen, mit dem, nicht in dem, aber mit dem, was von solchen heimatlosen Seelen da war, die zunächst bei der Theosophie eine neue Heimat für ihre Seelen gesucht haben.
[ 44 ] So there I was again, just as in Vienna in the late 1980s, in a situation where I could observe such homeless souls. And as you already know: essentially, what anthroposophy is grew up, I would say, with—not in, but with—what was present in such rootless souls, who initially sought a new home for their souls in theosophy.
[ 45 ] Ich wollte, meine lieben Freunde, heute die Betrachtungen bis zu diesem Punkte führen, werde dann morgen fortsetzen und versuchen, Sie weiterzuführen in dieser Selbstbesinnung, die ja heute kaum erst begonnen hat.
[ 45 ] My dear friends, I wanted to bring my reflections up to this point today; I will continue tomorrow and try to guide you further in this process of self-reflection, which has, after all, only just begun today.
