Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung
im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft
Eine Anregung zur Selbstbesinnung
GA 258
10 Juni 1923, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Durch die Betrachtungen, die hiermit begonnen werden sollen, wird eine Art Selbstbesinnung derjenigen beabsichtigt, die sich zur Anthroposophie zusammengefunden haben. Gelegenheit wird gegeben werden zu einer solchen Selbstbesinnung, einer Selbstbesinnung, die durch eine Charakteristik der anthroposophischen Bewegung und ihres Verhältnisses zur Anthroposophischen Gesellschaft herbeigeführt werden soll. Und da gestatten Sie mir einmal, daß ich heute beginne hinzuweisen auf diejenigen Menschen, auf die es bei dieser Selbstbesinnung ankommt. Das sind Sie selbst, das sind all diejenigen, welche ihren Weg, durch das eine oder andere veranlaßt, zur Anthroposophie gefunden haben.
[ 2 ] Der eine hat diesen Weg gefunden, ich möchte sagen, wie durch einen inneren Zwang seiner Seele, durch einen inneren Zwang seines Herzens, der andere vielleicht aus Erkenntnisuntergründen heraus. Viele sind aber auch mehr oder weniger durch äußere Veranlassungen in die anthroposophische Bewegung hereingekommen und haben vielleicht innerhalb dieser anthroposophischen Bewegung dann durch eine Vertiefung der Seele mehr gefunden, als sie zunächst gemeint haben. Aber ein gemeinschaftliches Charakteristikon haben doch all diejenigen Menschen, die sich zur anthroposophischen Bewegung finden. Und wenn man aus den verschiedenen Jahren her zusammenfaßt das, was das Charakteristische ist bei denjenigen, die sich in die anthroposophische Bewegung hereinfinden, so kann man doch zuletzt nur sagen: es sind solche Menschen, die durch ihr Schicksal, durch ihr inneres Schicksal, durch ihr Karma zunächst genötigt sind, von der gewöhnlichen Heerstraße der Zivilisation, auf der sich eben der größte Teil der gegenwärtigen Menschheit bewegt, wegzugehen und eigene Wege zu suchen.
[ 3 ] Man mache sich nur einmal klar, wie in unserem Zeitalter die meisten Menschen eben in das Leben hineinwachsen von Kindheit auf. Sie werden geboren von Eltern, die Franzosen oder Deutsche, Katholiken, Evangelische oder Juden sind, oder auch zu irgendeiner anderen Konfession sich bekennen. Sie werden vielleicht geboren von Eltern, welche diese oder jene Meinungen haben. Aber immer ist eine Art selbstverständlicher Voraussetzung da, wenn diese Menschen der Gegenwart geboren werden, zunächst bei den Eltern, bei den Angehörigen der Familie, in die diese Menschen aus ihrem vorirdischen Leben heraus hineingeboren werden. Es ist sozusagen die selbstverständliche Voraussetzung, die man ja nicht ausspricht, aber die man empfindet, ohne sie zu denken vielleicht — oftmals denkt man sie auch, wenn gerade Veranlassung dazu ist —, daß man so im allgemeinen hin auf das Leben sieht und selbstverständlich denkt: Wir sind katholische Franzosen oder evangelische Deutsche, und so werden ja wohl auch die Kinder werden.
[ 4 ] Dadurch, daß man das so empfindet, wird natürlich eine soziale Atmosphäre, und nicht nur eine soziale Atmosphäre, sondern ein sozialer Kräftezusammenhang geschaffen, der dann wirklich mehr oder weniger klar oder auch unklar diese Kinder hineinschiebt in dasjenige Leben, das schon durch diese Empfindungen, durch diese mehr oder weniger deutlich vorgestellten Gedanken vorgezeichnet ist. Wie durch eine Selbstverständlichkeit verfließt dann zunächst das Leben des Kindes, wie durch eine Selbstverständlichkeit wird dann die Erziehung, das Schulmäßige, an die Kinder herangebracht. Und während dieser Zeit herrschen wieder allerlei Gedanken bei den Eltern über die Kinder, Gedanken, die wieder nicht ausgesprochen werden, die aber Voraussetzungen sind für das Leben, die das Leben außerordentlich bestimmen. Zum Beispiel der Gedanke: Selbstverständlich wird mein Sohn ein pensionsfähiger Staatsbeamter, - oder: Mein Sohn erbt das väterliche Gut — oder: Meine Tochter heiratet den Nachbarsohn vom nächsten Gut.
[ 5 ] Nun, es geht ja nicht immer so ins Konkrete hinein, aber es ist damit eine Orientierung gegeben, immer wiederum eine Richtung vorgezeichnet. Es ist ja nun einmal das äußere Leben heute so eingerichtet, daß tatsächlich dieses äußere Leben bis in unsere chaotischen Zeiten herein, die aber die Menschen zum großen Teil als ungewohnt empfinden, diesen Impulsen, die auf solche Weise geschaffen werden, auch gehorcht. Und dann ist es nötig, daß der Mensch auf irgendeine Art, nun, sagen wir, ein katholischer Franzose oder ein evangelischer Deutscher wird. Er muß es werden, denn so wirken die Impulse des Lebens. Wenn es schon auch nicht gerade von Elternseite aus mit einer solchen Bestimmtheit auftritt, so nimmt doch wiederum das Leben aus der Schule heraus, oder aus den ganzen jugendlichen, kinderhaften Lebensverhältnissen heraus den Menschen gefangen, stellt ihn hinein in irgendeine Lebensposition. Der Staat, die Religionsgemeinschaft zieht den Menschen herbei.
[ 6 ] Wenn die Mehrzahl der Menschen sich heute im späteren Leben Rechenschaft geben sollten, wie sie eigentlich dahinein gekommen sind, dann könnten sie das kaum. Denn ein energisches Darübernachdenken würde etwas Unerträgliches haben. Dieses Unerträgliche wird dann womöglich in die Untergründe des Bewußtseins, in unterbewußte oder unbewußte Provinzen des Seelenlebens hinuntergedrängt. Da wird es dann höchstens einmal durch den Psychiater heraufgeholt, wenn es sich da unten in den unbekannten Seelenprovinzen ganz besonders störrisch verhält. Aber zumeist ist eben die Kraft nicht da, irgendwie Stellung zu nehmen mit der eigenen Persönlichkeit, der Individualität, innerhalb dessen, in das man auf diese Weise hineingewachsen ist.
[ 7 ] Man muckt ja zuweilen vielleicht auf, wenn man so auf eine ganz unvorhergeschene Weise sich plötzlich im Leben bewußt als Referendar fühlt oder gar als Assessor. Dann ballt man vielleicht die Hände in der Hosentasche, oder man macht, wenn es gerade der Frau passiert, dem Mann Krakeel über das unbefriedigte Leben und dergleichen. Ja, das sind solche Reaktionen gegenüber demjenigen, in das da der Mensch eben hineinwächst. Oftmals geschieht es auch so, daß man sich dann durch das Schöne, das die einzelnen Dinge haben, hinwegbetäubt über die Dinge. Man geht auf Bälle, da hat man dann zu tun am nächsten Tag mit dem Ausschlafen, nicht wahr. Es ist die Zeit in irgendeiner Weise ausgefüllt. Oder aber man schließt sich einer stramm patriotischen Partei an, weil man doch mit seinem Assessorsein in irgend etwas hineingehören muß, was einen aufnimmt. Man ist schon aufgenommen worden vom Staat, von einer Religionsgemeinschaft, jetzt muß man doch auch so eine Art Gloriole verbreiten über dasjenige, in das man unbewufßt hineingewachsen ist. Nun, ich brauche die Sache nicht weiter zu schildern.
[ 8 ] Es ist so, daß die Menschen, die heute auf der Heerstraße des Daseins sich bewegen, in dieser Art etwa hineinwachsen in das Dasein.
[ 9 ] Diejenigen nun, die da nicht mitkönnen, finden sich eben dann auf Seitenwegen; solche, die eben mit den meisten vorgeschriebenen Bahnen der Gegenwart nicht mitkönnen, die finden sich auf den zahlreichen möglichen und unmöglichen Wegen. Aber eben einer dieser Wege ist dann auch der anthroposophische, wo der Mensch dasjenige will, was nun in ihm selbst liegt, wo er das in einer mehr bewußten Art durchleben will, wo er etwas miterleben will, das wenigstens bis zu einem gewissen Grade in seiner Wahl liegt. Solche nicht auf der Heerstraße des Lebens wandelnde Leute sind eben nun zumeist die Anthroposophen. Ob sie sich in der Jugend oder im Alter zur Anthroposophie finden, auf irgendeine Weise sind es solche Leute. Wenn man weiter nachforscht, woher das kommt, dann findet man da auch Zusammenhänge mit der geistigen Welt.
[ 10 ] Die Seelen kommen heute zumeist so aus dem vorirdischen Dasein in das irdische herein, daß sie lange Zeit denjenigen Zustand vor ihrer Geburt durchmachen, den ich in Vorträgen auch schon öfter charakterisiert habe. Der Mensch kommt, nachdem er seinen Lebensweg zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt durchgemacht hat, zunächst in die Region, wo er sich immer mehr und mehr hineinlebt in die geistige Welt, wo sein Leben in einem Mitarbeiten mit den Wesen der höheren Hierarchien besteht, wo er in allen seinen Taten eben innerhalb des GeistigSubstantiellen arbeitet. Aber in diesem Verlaufe zwischen dem Tode und einer neuen Geburt kommt auch derjenige Zeitpunkt, wo der Mensch den Blick gewissermaßen wieder auf die Erde herunterwendet. Der Mensch verbindet sich da seelisch lange schon mit den Generationen, an deren Ende dann das Elternpaar steht, das ihn gebiert. So daß nicht etwa bloß bis zum Ururgroßvater, sondern bis zu weit vorhergehenden Generationen der Mensch bereits auf seine Vorfahren hinunterblickt, sich verbindet mit der Richtungslinie, mit . der Strömung, die durch die Generationen seiner Vorfahren geht.
[ 11 ] Nun ist es eben bei der Mehrzahl der Seelen der Gegenwart so, daß sie in der Zeit, in der sie sich anschicken, wieder zur Erde herunterzukommen, schon ein brennendes Interesse haben an demjenigen, was sich auf der Erde abspielt. Sie sehen gewissermaßen von der geistigen Welt auf die Erde hernieder und interessieren sich lebhaft für dasjenige, was mit ihren Urvätern sich auf der Erde abspielt. Solche Seelen werden eben so, wie ich es jetzt charakterisiert habe bei denen, die sich auf der breiten Heerstraße des gegenwärtigen Lebens mitbewegen.
[ 12 ] Dagegen gibt es gerade in der Gegenwart eine Anzahl von Seelen, die weniger Interesse haben, wenn sich ihr vorirdisches Dasein wieder zum irdischen Dasein neigt, an dem, was auf der Erde vorgeht, sondern sie wenden ihr hauptsächlichstes Interesse den Tatsachen zu: Wie werden wir reif in der geistigen Welt? Sie interessieren sich sozusagen bis zum letzten Augenblicke, durch den sie wiederum ihren Weg zur Erde finden, für die geistige Welt.
[ 13 ] Während die anderen eine tiefe Begierde haben nach irdischem Dasein, haben diese Seelen bis zuletzt ein lebendiges Interesse an demjenigen, was in der geistigen Welt vor sich geht, kommen daher dann, wenn sie sich auf Erden verleiblichen, mit einem aus geistigen Impulsen erwachsenden Bewußtsein an, das weniger eine Hinneigung gibt zu dem, was nun an solchen Impulsen vorhanden ist, wie ich sie für die breiten Heersträßler charakterisiert habe. Sie wachsen heraus aus den Impulsen ihrer Umgebung, sie wachsen namentlich mit ihren geistigen Ambitionen heraus aus ihrer Umgebung und sind dadurch prädestiniert, vorbereitet dazu, eben ihren eigenen Weg zu gehen.
[ 14 ] So könnte man die Seelen, die da herunterkommen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein, heute in zweierlei Arten gliedern. Die eine Art, welcher die Mehrzahl der Menschen heute noch angehören, umfaßt die außerordentlich heimatbegabten Seelen, die so recht wohl sich fühlen als Seelen in dem warmen Neste, wenn sie es auch manchmal als unangenehm empfinden - aber das ist ja nur scheinbar, das ist Maja -, die sich wohlfühlen in diesem warmen Neste, für das sie sich ja schon lange interessiert haben, bevor sie zur Erde heruntergestiegen sind.
[ 15 ] Andere, die vielleicht — die äußerliche Maja ist ja nicht immer maßgebend - ganz geduldig das Kindesleben mitmachen als Seele, sind weniger heimatbegabt, sind heimatlose Seelen, wachsen aus dem warmen Nestchen viel mehr heraus als hinein. Und eben zu dieser letzteren Gattung gehören durchaus diejenigen auch, die sich dann an die anthroposophische Bewegung heranfinden. Es ist also das durchaus in irgendeiner Weise vorherbestimmt, ob man durch sein Schicksal zur Anthroposophie getrieben wird.
[ 16 ] Man kann nun sagen: In der mannigfaltigen Weise macht sich dasjenige geltend, was solche Seelen nun so auf Seitenwegen, abseits von der großen Heerstraße des Lebens suchen. Derjenige, der das Leben mit einem gewissen Bewußtsein durchgemacht hat in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, der wird gefunden haben, daß überall unter den anderen Menschen solche heimatlose Seelen, namentlich eben seelisch heimatlose Seelen zahlreich, verhältnismäßig natürlich, auftraten. Einen gewissen Anflug, möchte ich sagen, von solcher Heimatlosigkeit haben heute sehr viele Seelen.
[ 17 ] Wenn nicht die anderen es als so wohltuend empfinden würden, in den ausgefahrenen Wegen zu gehen, und nicht solche Hindernisse entgegensetzen würden den heimatlosen Seelen, so würde die Zahl dieser heimatlosen Seelen noch viel deutlicher für die Zeitgenossen ins Auge fallen. Aber man kann, ich möchte sagen, überall sehen, wie einen gewissen Anflug von solcher Heimatlosigkeit heute zahlreiche Seelen haben.
[ 18 ] Erst vor ganz kurzer Zeit wurde berichtet, daß selbst solche Dinge geschehen: Ein Professor hat an einer Universität ein Kolleg gehalten, ein Semestralkolleg angekündigt über die Entwickelung — wie er es nennt — der mystisch-okkulten Anschauungen von Pythagoras bis Steiner, und, nachdem dieses Kolleg angekündigt war, sind zu der ersten Vorlesung schon so viele Leute gekommen, daß er nicht in einem gewöhnlichen Hörsaal lesen konnte, sondern lesen mußte im Auditorium Maximum, wo sonst nur die großen Festvorträge abgehalten werden.
[ 19 ] Man sieht aus solchen Tatsachen, wie heute die Dinge liegen, wie tatsächlich die Neigung zu solcher Heimatlosigkeit außerordentlich in die Seelen eingewachsen ist. Man konnte dasjenige, was ja heute als eine von Woche zu Woche sich immer mehr und mehr steigernde Sehnsucht der Seelen, die in sich solche Heimatlosigkeit tragen, was als Sehnsucht nach einer nicht von vornherein eingerichteten, von vornherein orientierten Lebensposition, was als Sehnsucht nach dem Geistigen von dieser Ecke des Lebens heraus sich immer mehr und mehr geltend macht, von Woche zu Woche, möchte man sagen, in unserem heutigen chaotischen Geistesleben sich stärker geltend macht, man konnte alles das heraufkommen sehen. Indem ich Ihnen das langsame Herankommen mit ein paar Strichen heute zeichnen möchte, werden Sie durch eine Art von Selbstbesinnung in dieser Zeichnung ein klein wenig von dem finden können, was ich Ihrer aller anthroposophischen Ursprung nennen möchte.
[ 20 ] Ich möchte heute einleitungsweise nur aphoristisch charakterisieren. Sehen Sie in die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zurück — wir können auch irgendein anderes Gebiet nehmen, aber nehmen wir ein sehr charakteristisches Gebiet —, da machte sich dasjenige geltend in einem gewissen Zeitpunkte, was man nennen kann das Wagnertum, das Richard Wagnertum. Gewiß, bei diesem Richard Wagnertum war sehr viel Zivilisationskoketterie, Sensationslust und so weiter. Aber unter denjenigen Leuten, die dann, als Bayreuth eingerichtet war, erschienen, waren ja nicht bloß die Herren im Frack nach der neuesten Mode und die Damen in den letzten Modekostümen, sondern es war in Bayreuth alles mögliche beisammen. Man sah dort schon durchaus Herren in sehr langen Haaren, Damen mit ganz kurz geschorenen Haaren, man sah Leute, welche es als eine Art von moderner Wallfahrt empfanden, nach Bayreuth von weither zu wandern. Ich habe sogar einen gekannt, der hat sich, als er den Weg nach Bayreuth angetreten hat, in einem sehr weit entfernten Orte die Stiefel abgelegt und ist barfuß nach Bayreuth als Wallfahrer: gegangen.
[ 21 ] Unter solchen, die also als Herren mit langen, als Damen mit kurzen Haaren gekommen sind, waren manche, die schon irgendwie doch zu den heimatlosen Seelen gehörten. Aber auch unter denjenigen, die vielleicht nicht gerade nach der allerletzten Mode, aber doch schon nach einer respektableren Mode gekleidet waren, waren solche, die auch heimatlose Seelen waren.
[ 22 ] Nun wirkte da aus dem Wagnertum heraus auf die Leute dasjenige, was wirklich in dem Wagnertum - ich rede jetzt nicht allein von dem musikalischen Elemente im Wagnertum, sondern von dem Wagnertum als Kulturerscheinung — sich geltend machte: das war doch etwas, was aus dem, was sonst die materialistische Zeit darbot, sich heraushob. Es war etwas, was wie suggestiv, möchte ich sagen, gerade vom Wagnertum ausging, was auf die Leute so wirkte, daß sie das Gefühl bekamen: Da ist ein Tor in eine geistigere Welt hinein, eine andere als die, welche unsere gewöhnliche Umgebung ist. Und gelegentlich desjenigen, was in Bayreuth vorging, entwickelte sich eine ganze Menge von Sehnsucht nach geistiger Vertiefung.
[ 23 ] Zunächst war es ja schwierig, Richard Wagners Gestalten und dramatische Kompositionen zu verstehen. Aber daß sie aus einem anderen Elemente heraus geschaffen waren als bloß aus dem grob materialistischen Elemente der Zeit, das empfanden eben zahlreiche Menschen. Und diejenigen, die dann gerade dahin getrieben wurden als heimatlose Seelen, bei denen war es so, daß sie wie, ich möchte sagen, durch eine suggestive Gewalt der Wagnerdramen und namentlich des Lebens, das sich gelegentlich des Hereintretens der Wagnerdramen in unsere Zivilisation abspielte, angeregt worden sind, allerlei dunkle, gefühlsmäßige Intuitionen zu bekommen.
[ 24 ] Es gab ja zum Beispiel auch unter denjenigen, die sich in dieses Wagnerleben hineinfanden, Leser der «Bayreuther Blätter». Nun ist es geschichtlich interessant — heute ist ja das alles schon Geschichte —, so einen Jahrgang «Bayreuther Blätter» sich herzunehmen und anzuschauen, wie da ausgegangen wird von einer Interpretation von «Tristan und Isolde», von dem «Nibelungenring», von dem «Fliegenden Holländer» sogar, wie da ausgegangen wird von dieser dramatischen Gestaltung, von den einzelnen Gestalten innerhalb der Wagnerdramen, von den Vorgängen in denselben, und wie da, allerdings in einer stark subjektivierenden, unrealistischen Weise, auch im spirituellen Sinn unrealistisch, aber doch mit einer geistigen Sehnsucht versucht wird, in eine geistigere Betrachtung der Dinge und des Menschenlebens überhaupt hineinzukommen. Und man kann schon sagen: Manches, was dann an allerlei Hamlet-Interpretationen oder sonstigen Interpretationen von Kunstwerken Theosophen geleistet haben, erinnert sehr stark an gewisse Aufsätze, die der, nicht Theosoph, aber eingeschulte Wagnerianer Hans von Wolzogen in den «Bayreuther Blättern» geschrieben hat. Da konnten Sie zum Beispiel, nun, sagen wir einmal, des Morgens aufwachen: wenn Ihnen irgendein Trollgeist hingelegt hätte statt einer theosophischen Zeitschrift, die Sie vielleicht vor fünfzehn Jahren gelesen haben, ein Heft «Bayreuther Blätter», so könnten Sie den Ton und die Haltung wirklich verwechseln mit dem, was Sie in Ihrer theosophischen Zeitschrift gefunden haben, wenn es gerade ein Wolzogenscher oder ähnlicher Artikel war.
[ 25 ] Also man möchte sagen: Dieses Wagnertum war für viele Leute, in denen heimatlose Seelen wohnten, ein Anlaß, hineinzukommen in eine solche Betrachtungsweise der Welt, die hinwegführte von dem Grob-Materiellen, hineinführte in Geistiges, und alle diejenigen, die aus einem inneren Drang der Seele, nicht aus äußerer Zivilisationskoketterie, in eine solche Strömung hineingewachsen waren, von denen darf man schon sagen: bei diesen, was sie auch sonst im Leben waren, ob nun Advokaten, Künstler, Exzellenzen oder Nationalräte, oder was sie immer für Menschen waren, die da so hineingewachsen waren, selbst wenn es Naturforscher waren — es gab auch solche -, bei diesen war es schon so, daß sie dieses Hineinwachsen in eine geistige Welt verfolgten aus einer inneren Sehnsucht der Seele heraus, und sich dann nicht mehr kümmerten um die sicheren Beweise, die ja überall zu finden waren für die materialistisch gestaltete Weltanschauung.
[ 26 ] Wie gesagt, ich hätte auch andere Gebiete anführen können, wo man solche heimatlosen Seelen gefunden hat. Man fand schon überall solche heimatlosen Seelen. Aber besonders charakteristisch war eben das Gebiet des Wagnertums. Da fanden sich zahlreiche solche heimatlosen Seelen.
[ 27 ] Nun, mir selbst war es dann vorgesetzt, eine Anzahl solcher Seelen, aber im Vereine wiederum mit anderen, die gewissermaßen ihr geistiges Novizentum im Wagnerianismus durchgemacht haben, dann wiederum in einer anderen Metamorphose kennenzulernen. Es waren Seelen, die ich Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Wien kennenlernte, in einer Gruppe von Menschen, wo sich sozusagen lauter heimatlose Seelen zusammenfanden. Wie sich dazumal schon an der Oberfläche die Heimatlosigkeit darstellte, davon machen sich die Leute heute gar nicht mehr den richtigen Begriff, weil vieles von dem, wozu dazumal Courage, Seelencourage gehörte, ja heute etwas Landläufiges geworden ist.
[ 28 ] So zum Beispiel glaube ich nicht, daß sich viele Menschen heute das Folgende vorstellen können: Ich saß in einem Kreise von solchen heimatlosen Seelen; da hatte man schon allerlei gesprochen. Da kam einer später, der eben länger zu tun hatte als die anderen, oder vielleicht auch zu Hause sitzen geblieben war, beschäftigt mit seinen eigenen Gedanken, und fing nun an, von Dostojewskis «Raskolnikoff» zu sprechen, redete von dem «Raskolnikoff» in einer solchen Weise, daß es in die ganze Gesellschaft wie ein Blitz einschlug. Eine neue Welt war da, eine Welt — ja, wie wenn man ungefähr plötzlich auf einen anderen Planeten versetzt würde. So empfanden sich diese Seelen.
[ 29 ] Ich darf vielleicht sagen: Bei diesen Lebensbeobachtungen, die ich Ihnen ja als eine Einleitung zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung zu erzählen habe, muß ich eben erwähnen, daß für mich in der Zeit, als ich solche Lebensbeobachtungen zu machen vom Schicksale gedrängt war, niemals irgendwie der Zusammenhang mit der geistigen Welt, das Drinnenstehen in der geistigen Welt irgendwie abgerissen war. Es war immer da. Ich muß das erwähnen, weil das den Hintergrund dieser Betrachtungen bilden muß: die geistige Welt eine Selbstverständlichkeit, und die Menschen auf Erden eben betrachtet als die Abbilder desjenigen, was sie eigentlich als geistige Wesenheiten innerhalb der geistigen Welt sind. Diese Gemütsverfassung möchte ich eben charakterisieren, damit Sie dieses als geistigen Hintergrund immer voraussetzen.
[ 30 ] Natürlich war dieses Beobachten nicht ein Beobachten wie mit einer kalten Hundeschnauze, sondern mit herzlich warmem Anteil, und ohne daß man ein Beobachter sein will, indem man eben mit drinnen ist - in aller Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit und Höflichkeit selbstverständlich. So stand man da drinnen und lernte die Menschen kennen, nicht um sie zu beobachten, sondern weil es das Leben von selber natürlich gab. Da lernte ich Ende der achtziger Jahre solch einen Kreis kennen, der im übrigen aus Menschen aller Berufe, aller Lebensschattierungen bestand, aus Menschen, die aber solche heimatlosen Seelen waren, und von denen eine Anzahl hergezogen waren eben aus der Wagnergegend, die Menschen waren, die sozusagen ihr geistiges Novizentum in der Wagnergegend durchgemacht haben. Der, von dem ich erzählt habe, daß er sich in Wien die Stiefel auszog und dann barfuß nach Bayreuth gegangen ist, war auch darunter, war sogar ein sehr geistreicher Mensch. Diese Persönlichkeiten traf ich eine Zeitlang eigentlich recht oft, manchmal jeden Tag. Und sie lebten nun in einer, ich möchte sagen, zweiten Metamorphose. Nachdem sie ihre Wagnermetamorphose durchgemacht hatten, lebten sie in einer zweiten Metamorphose.
[ 31 ] Es waren zum Beispiel drei darunter, die waren gute Bekannte von H.P.Blavatsky, hatten sogar intim verkehrt mit. H.P.Blavatsky, waren eifrige Theosophen, so wie Theosophen dazumal waren, als die Blavatsky noch lebte. Es war gerade diesen Theosophen dazumal, in der Zeit, nachdem unmittelbar die «Entschleierte Isis» und die «Geheimlehre» der Blavatsky erschienen waren, etwas Besonderes eigen: sie hatten alle den Zug, recht esoterisch zu sein. Sie verachteten das äußere Leben, in dem sie drinnenstanden, verachteten selbstverständlich den eigenen Beruf, aber mußten sich ins exoterische Leben eben hineinbegeben. Das war natürlich. Das übrige aber, das ist - esoterisch: da redet man nur zu Eingeweihten, nur innerhalb eines kleinen Kreises. Und diejenigen, von denen man eben meint, daß sie nicht würdig sind, über solche Dinge zu reden, betrachtet man als solche, mit denen man über die gewöhnlichen Dinge des Lebens redet. Die anderen, mit denen redet man eben esoterisch. Es waren Leser, gute Leser des damals eben erschienenen «Geheimbuddhismus» von Sinnett, alles aber Menschen, im eminentesten Sinne zu den heimatlosen Seelen zählend, die ich eben so charakterisiert habe, Menschen, die trotzdem sie in dem Augenblick, wo sie im praktischen Leben standen, Techniker zum Beispiel waren, dann mit einem großen Anteil, mit regstem Interesse ein solches Buch wie Sinnetts «Geheimbuddhismus» verfolgten. Ein gewisser Drang war ja bei solchen Menschen vorhanden — das kam zum Teil auch noch aus dem Wagnertum her -, alles mögliche, was an Mythen vorhanden war, in, wie sie es nannten, esoterischem Sinne auszulegen, zu interpretieren.
[ 32 ] Nun konnte man aber sehen, als sich wirklich gerade mit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr und mehr diese heimatlosen Seelen zeigten, wie gerade diejenigen am interessantesten waren, die nun nicht, ich möchte sagen, aus einem doch nur zu neun Zehntel ganz ehrlichem, höchstens neun Zehntel ehrlichem Bewußtsein heraus die Schriften von Sinnett oder Blavatsky verfolgten, sondern die anderen, die nun zuhörten, die nicht selber heranwollten an das Lesen — es war ja in dieser Zeit noch eine sehr starke Scheu vor solchen Dingen -, aber mit offenem Munde zuhörten, wenn diejenigen, die gelesen hatten, diese Dinge auseinandersetzten. Und man konnte sehr interessant beobachten, wie die Zuhörer, die manchmal ehrlicher waren als die Erzähler, aus der Heimatlosigkeit ihrer Seelen heraus das aufnahmen als eine geistige Nahrung, die sie brauchten, die sie sich sogar aus der relativen Unwahrheit, mit der diese geistige Nahrung dargereicht wurde, in ein ganz Ehrliches durch die eigene ehrlichere Seele übersetzten, wie sie das aufnahmen. Man konnte an ihnen die Sehnsucht, etwas ganz anderes einmal zu hören als dasjenige, was auf der gewöhnlichen Heerstraße der Zivilisation liegt, sehen und wie das so Gehörte verschlungen wurde von solchen Menschen! Es war außerordentlich interessant eben zu sehen, wie auf der einen Seite die Fangarme des Heerstraßenlebens da waren, die immer wiederum die Leute an sich rissen, wie sie dann, nicht wahr, in diesem oder jenem Salon erschienen, wo man sich versammelte — oftmals war’s ein Kaffeehaus — und mit einer ungeheuren Sehnsucht auf dasjenige horchten, was nun wiederum irgendeiner aus einem neuerschienenen Buch von dieser Art eben gelesen hatte, der manchmal recht dick tat mit demjenigen, was er gelesen hatte. Aber es waren eben durchaus auch die ehrlichen Seelen da, die so hin- und hergeworfen wurden vom Leben.
[ 33 ] Gerade in den ersten Zeiten im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert sah man, wie so recht die Seelen hin- und hergeworfen waren, die sich ihre Heimatlosigkeit nicht recht gestehen mochten. Denn, nicht wahr, da hörte der eine in einer wirklich außerordentlich interessierten Weise zu, wie da erzählt wurde von physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib, Kama Manas, Manas, Buddhi und so weiter. Ja, und dann hatte er sein Feuilleton zu schreiben, das die Zeitung von ihm haben wollte, in das er die bekannten Rosinen hineintun mußte. Die Leute wurden wirklich solche Seelen, die so recht zeigten, wie schwierig es eigentlich für manche wurde, gerade im Beginne der neueren Geistesentwickelung, die wir doch vom Ende des 19. Jahrhunderts an zählen müssen, die breite Heerstraße des Lebens zu verlassen. Denn manche benahmen sich dabei wirklich so, als ob sie sich gerade dann, wenn sie zu dem Wichtigsten, sie am meisten Interessierenden des Lebens hin wollten, eigentlich so wegschlichen und womöglich haben wollten, daß man nicht erfahre, wo sie sich da hingeschlichen haben. Es war schon recht interessant, wie sich eigentlich das geistige Leben, das geistige Wollen, die Sehnsucht nach einer geistigen Welt gerade innerhalb der europäischen Zivilisation hereinmachte.
[ 34 ] Nun müssen Sie bedenken: es war am Ende der achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts denn doch eigentlich noch viel schwieriger als heute; wenn es auch harmloser war, so war es schwieriger als heute, so ohne weiteres sich zu der geistigen Welt zu bekennen, denn die physisch-sinnliche mit all ihren großartigen Gesetzen, die war ja bewiesen! Gegen die konnte man doch nicht aufkommen! Für die gab es doch zahlreiche Beweise, für die sprachen die Laboratorien, die physikalischen Kabinette, die Kliniken, alles sprach für die bewiesene Welt. Aber die bewiesene Welt war für viele heimatlose Seelen eine so unbefriedigende, ja für das Innere der Seelen eine so unmögliche, daß sie sich eben seitwärts schlichen. Und während ihnen nicht nur scheffelweise, sondern tonnenweise, in Riesenmengen, die große Zeitzivilisation dargeboten wurde, nippten sie an demjenigen, was von dem wie eine Art Hereinströmen der geistigen Welt in die moderne Zivilisation eben zu erhaschen war. Es war durchaus nicht leicht, so ohne weiteres von der geistigen Welt zu sprechen, man mußte an irgend etwas anknüpfen.
[ 35 ] Wenn ich da etwas einflechten darf, was wiederum eine persönliche Bemerkung ist, so soll es das Folgende sein: Ich selbst mußte - man konnte nicht mit der geistigen Welt sozusagen den Leuten ins Haus fallen, vor allem konnte man nicht ins Zivilisationshaus hineinfallen — an irgend etwas anknüpfen, nicht aus einem äußerlichen Grunde, das konnte etwas ganz ehrlich Innerliches sein. Gerade am Ende der achtziger Jahre knüpfte ich die Bemerkungen, die ich über die geistige Welt, über deren intimere Seiten zu machen hatte, an zahlreichen Orten gerade an Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» an. Da konnte man anknüpfen, weil ja nun schließlich Goethe im Kredit stand; es war immerhin der Goethe, nicht wahr. Wenn man anknüpfte an etwas, was immerhin Goethe gemacht hatte, und wenn es so offensichtlich ist, daß da geistige Impulse hineingeflossen sind wie in das «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie», so konnte man an diese Dinge anknüpfen. Für mich war es sogar etwas Selbstverständliches, dazumal anzuknüpfen an Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Denn an das konnte ich doch nicht anknüpfen, was dazumal als Theosophie getrieben worden ist, was eine immerhin sehr strebsame Gruppe von Leuten Ende der achtziger Jahre sich dazumal herausgeholt hatte aus Blavatsky, aus Sinnetts «Esoterischem Buddhismus» und ähnlichen Büchern. Es war für jemanden, der sich das an der Wissenschaft herangeschulte Denken in die geistige Welt hinein bewahren wollte, eben einfach unmöglich, irgendwie in eine Verwandtschaft hineinzukommen mit dem, was sich als eine geistige Atmosphäre unmittelbar in Anlehnung an Blavatsky und an Sinnetts «Esoterischen Buddhismus» bildete.
[ 36 ] Dabei war auch nach der anderen Seite die Sache nicht leicht. Denn warum? Nicht wahr, Sinnetts «Esoterischer Buddhismus» erkannte man ja bald als ein spirituell dilettantisches Buch, das alte, schlecht verstandene Esoterismen zusammenstellte. Aber zu einem solchen Werk als Zeiterscheinung, wie Blavatskys «Geheimlehre» ist, war es doch nicht leicht ein Verhältnis zu gewinnen. Denn dieses Werk verriet immerhin an zahlreichen Stellen, daß dasjenige, was darinnen sich befindet, aus richtigen schlagkräftigen Impulsen aus der geistigen Welt herauskommt. So daß man an zahlreichen Stellen dieser Blavatskyschen «Geheimlehre» eben findet das Sich-Offenbaren einer geistigen Welt durch eine gewisse Persönlichkeit, die eben die Blavatsky war.
[ 37 ] Vor allen Dingen mußte einem eines besonders auffallen, gerade auffallen im Suchen, dem sich die Menschen, die so an Blavatsky selbst oder an die Blavatskysche «Geheimlehre» herangekommen waren, hingegeben hatten. Es war durch diese «Geheimlehre» eine große Summe von uralten, in der Vorgeschichte der Menschheit durch atavistisches Hellsehen gewonnenen Wahrheiten ausgesprochen. Ich möchte sagen: Es war eine Art Wiederauferweckung von uralten Kulturen. Man hatte vor sich, eben aus der äußeren Welt einem entgegenkommend, nicht bloß aus sich selbst, dasjenige, wovon man sich sagen mußte: Das bringt ein ungeheures altes Weisheitsgut herauf, das die Menschen einmal als etwas außerordentlich Lichtbringendes besessen haben. Dazwischen Partien der unglaublichsten Art, die einen immer wieder staunen machten, weil das Buch lotterig, dilettantisch gearbeitet ist in bezug auf jede wissenschaftliche Denkweise, unsinnig mit Bezug auf manches Abergläubische und so weiter. Überhaupt ein ganz merkwürdiges Buch, diese Blavatskysche «Geheimlehre»: große Wahrheiten neben schauderhaftem Zeug. Man möchte sagen: So etwas charakterisiert ganz gut, welchen Seelenphänomenen ausgesetzt waren diejenigen, die eben als heimatlose Seelen so nach und nach sich heraufentwikkelten in der neueren Zeit. Ich habe wirklich dazumal zahlreiche solcher Seelen kennengelernt. Man konnte eben das Ankommen dieser Heimatlosen Seelen auf der Erde sehen.
[ 38 ] In der darauffolgenden Zeit, in meiner Weimaraner Zeit, war ich ja zunächst intensiv mit anderem beschäftigt, obwohl es auch da zahlreiche Gelegenheiten gab, solche suchenden Seelen zu bemerken. Denn gerade während meiner Weimaraner Zeit kamen, um das Goethe- und Schiller-Archiv zu besuchen, durch Weimar alle Arten von Menschen, wenn ich so sagen darf, auch aus aller Herren Länder. Man lernte die Menschen in ihren guten, in ihren schlechten Seelenseiten gerade ganz merkwürdig kennen, indem sie da durch Weimar durchkamen. Käuze lernte man kennen und hochgebildete, feine, vornehme Menschen. Ich habe zum Beispiel meine Begegnung mit Herman Grimm in Weimar gerade in der vorletzten Nummer des «Goetheanum» beschrieben.
[ 39 ] Bei Herman Grimm war es, wenigstens für mein Gefühl, wirklich so, wenn er da war in Weimar — er kam sehr häufig, wenn er von Berlin aus wiederum nach Italien reiste oder zurück, oder auch sonst kam er sehr häufig nach Weimar -, und für mich hatte sich so die Empfindung herausgebildet: es ist etwas anderes mit Weimar, wenn er da ist, als wenn er wieder fort ist. Herman Grimm war etwas, was einem Weimar besonders erklärte. Man wußte besser, was Weimar ist, wenn Herman Grimm zu Besuch da war, als wenn er nicht da war.
[ 40 ] Es braucht nur erinnert zu werden an Herman Grimms Roman «Unüberwindliche Mächte», um auch bemerklich zu machen, wie immerhin sogar in Herman Grimm ein starker Drang nach Spirituellem lebte. Lesen Sie den Schluß dieses Romans «Unüberwindliche Mächte», wie da die geistige Welt in die physische hereinspielt durch die Seele einer Sterbenden. Es hat etwas ungeheuer Ergreifendes, Großartiges. Ich habe in früheren Vorträgen darüber gesprochen.
[ 41 ] Es waren natürlich dann auch Käuze, die durch Weimar durchkamen. Zum Beispiel kam ein russischer Staatsrat, der etwas suchte. Man konnte nicht herauskriegen, was er suchte: so irgend etwas im zweiten Teil des Goetheschen «Faust». Auf welche Art er es gerade durch das Goethe-Archiv kennenlernen wollte, konnte man nicht herauskriegen. Man wußte ihm auch nicht recht zu helfen. Im Goethe-Archiv hätte man ihm sehr gern geholfen. Er suchte nur immer. Er suchte den Punkt im zweiten Teil des «Faust», und man konnte nicht recht darauf kommen, was das für ein Punkt sein sollte. Immer nur hörte man, den Punkt suche er, den Punkt. Es war dann so, daß man ihn suchen ließ. Aber er war dann mit diesem Punkt so gesprächig, daß wenn wir abends beim Abendbrot saßen, und er in die Nähe kam, wir immer untereinander sagten: Schauts euch nicht um, der Staatsrat geht um. — Man wollte nicht gefunden sein von ihm.
[ 42 ] Nun, neben ihm saß wiederum ein sehr merkwürdiger Besucher, der sehr geistreich war, ein Amerikaner, der aber die Stellung sitzend auf dem Boden liebte, die Beine übereinandergeschlagen, der also in solcher Art vor den Büchern auf dem Erdboden saß; das war ein merkwürdiger Anblick. Wie gesagt, das kam da auch vor, und man konnte schon gewissermaßen einen Ausschnitt aus dem gegenwärtigen Zivilisationsleben in einer außerordentlich prägnanten Weise sehen.
[ 43 ] Aber als ich dann nach Berlin kam, führte mich das Schicksal wiederum ganz besonders hinein in einen Kreis solcher Seelen, von denen ich gesagt habe, sie sind heimatlose Seelen. Und es führte mich das Schicksal so weit hinein, daß eben gerade dieser Kreis von mir verlangte, daß ich ihm Vorträge halte, die ja dann in meiner «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» abgedruckt sind. Ich habe auch in der Vorrede zu dieser «Mystik» erzählt, wie die Dinge sich abgespielt haben. Das waren eben Leute, die sich, in einer etwas späteren Zeit als meine Wiener Bekannten, zur Theosophischen Gesellschaft hingefunden hatten. Sie standen auch in einer anderen Weise zu dem, was Blavatsky war. Das Studium von Blavatskys «Geheimlehre» betrieben nur wenige; aber in demjenigen, was nun die Nachfolgerin der Blavatsky, Annie Besant, als die damalige Theosophie vortrug, waren diese Menschen bewandert, denen ich etwas ganz anderes vortrug in meiner «Mystik». Sie waren sehr darin bewandert, und ich erinnere mich noch, daß ich zum Beispiel von einem Mitgliede dieser Gruppe einen Vortrag hörte, der anknüpfte an ein kleines Buch von Annie Besant, worin sie nun ihrerseits den Menschen so gliederte: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib und so weiter. Ich muß oftmals gedenken, wie furchtbar schrecklich ich dazumal diese Darstellung des Menschen im Sinne der Annie Besant fand. Ich hatte nichts gelesen von Besant. Es war das erste, was ich von ihr hörte, dieser Vortrag, der da von einer Dame gehalten worden ist eben in Anknüpfung an die neueste dazumalige Broschüre von Besant. Es war etwas Schreckliches, wie dazumal hintereinander aufgezählt worden sind die einzelnen Glieder der menschlichen Wesenheit, im Grunde ziemlich ohne inneres Verständnis, ohne sie hervorgehen zu lassen aus der Totalität des menschlichen Wesens.
[ 44 ] So war ich wiederum drinnen, wie in Wien Ende der achtziger Jahre, in einer möglichen Beobachtung von solchen heimatlosen Seelen. Und das wissen Sie ja schon: im wesentlichen ist dann dasjenige, was Anthroposophie ist, zunächst aufgewachsen, möchte ich sagen, mit dem, nicht in dem, aber mit dem, was von solchen heimatlosen Seelen da war, die zunächst bei der Theosophie eine neue Heimat für ihre Seelen gesucht haben.
[ 45 ] Ich wollte, meine lieben Freunde, heute die Betrachtungen bis zu diesem Punkte führen, werde dann morgen fortsetzen und versuchen, Sie weiterzuführen in dieser Selbstbesinnung, die ja heute kaum erst begonnen hat.
