Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung
im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft
Eine Anregung zur Selbstbesinnung
GA 258
11 Juni 1923, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wenn man über die Geschichte und die Lebensbedingungen der Anthroposophie in ihrem Verhältnisse zur Anthroposophischen Gesellschaft zu sprechen hat, dann werden zunächst die Betrachtungen an zwei Fragen, die sich einfach aus dieser Geschichte heraus ergeben, anzuknüpfen haben. Diese beiden Fragen könnte ich in der folgenden Weise formulieren. Erstens, warum war es notwendig, die anthroposophische Bewegung anzuknüpfen in der Art, wie es geschehen ist, an die theosophische Bewegung? Und zweitens, warum wird, was ja im Grunde genommen nur aus äußerlichen Gründen geschieht, die Anthroposophie bis heute noch von übelwollenden Gegnern mit der Theosophie, beziehungsweise die Anthroposophische Gesellschaft mit der Theosophischen Gesellschaft verwechselt?
[ 2 ] Es werden sich die Antworten auf diese Fragen wirklich nur aus dem Geschichtlichen heraus entwickeln können. Gestern sagte ich, daß ja, wenn man von Anthroposophischer Gesellschaft spricht, es zunächst darauf ankäme, wie die Menschen sind, die sich gedrängt fühlen, ihren Weg durch eine anthroposophische Bewegung zu suchen. Und ich habe gestern zu charakterisieren versucht, in welchem Sinne die Seelen, die da herankommen an Anthroposophie, um ihre geistigen Sehnsuchten zu befriedigen, in einer gewissen Art heimatlose Seelen sind. Nun, in der Tat, am Ende des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts waren solche heimatlosen Seelen vorhanden. Es waren ihrer mehr vorhanden, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist, denn viele Menschen versuchten auf verschiedenen Wegen, das Tiefer-Menschliche in sich in irgendeiner Art zur Ausbildung zu bringen.
[ 3 ] Man braucht sich ja nur daran zu erinnern, wie, ganz abgesehen von.den Bestrebungen, die aus dem .neuzeitlichen Materialismus hervorgegangen sind und die dann zu den verschiedensten Formen des Spiritismus geführt haben, zahlreiche Seelen eine gewisse innere Befriedigung gesucht haben dadurch, daß sie solche Schriften wie etwa die von Ralph Waldo Trine und ähnliche gelesen haben. Was haben denn solche Seelen gesucht, die in der angedeuteten Zeit etwa zu den Schriften von Ralph Waldo Trine griffen? Sie haben, ich möchte sagen, ihr Menschliches anzufüllen versucht mit etwas, was eben von ihnen ersehnt wurde, was sie innerlich fühlen und erleben wollten, was aber auf den gangbaren Wegen der neueren Zivilisation nicht zu finden war, was für sie weder zu finden war in der populären profanen Literatur oder in der profanen Kunst, was für sie auch nicht zu finden war bei den traditionellen Religionsbekenntnissen.
[ 4 ] Ich werde nun heute zunächst einige Tatsachen anzuführen haben und es den nächsten Vorträgen überlassen müssen, die Verbindungsfäden zwischen diesen Tatsachen vor Ihnen zu ziehen. Zunächst wird es sich darum handeln, gewisse Tatsachen in entsprechender Weise vor die Seele zu führen.
[ 5 ] Unter all den Menschen, die so suchten, sei es auf spiritistischem Wege, sei es durch Ralph Waldo Trine oder andere, waren auch diejenigen, die sich der damals in verschiedenen Zweigen vorhandenen Theosophischen Gesellschaft anschlossen. Und wenn man sich die Frage vorlegt: Unterschieden sich diese Menschen, die sich gerade der Theosophischen Gesellschaft in irgendeiner Form anschlossen, durch irgendwelche charakteristische Eigenschaften von den anderen, die zum Beispiel Spiritisten wurden oder sich durch Ralph Waldo Trine innerlich zu bereichern versuchten, unterschieden sie sich von diesen, — so muß man allerdings die Frage mit Ja beantworten. Sie unterschieden sich ganz bedeutsam. Es war schon eine besondere Art, möchte ich sagen, von menschlichem Suchen bei denjenigen vorhanden, die gerade zu irgendeiner Form der Theosophischen Gesellschaft getrieben worden sind.
[ 6 ] Wir wissen aus dem Verlauf der Entwickelung der Theosophischen Gesellschaft, daß man sich schon vorstellen konnte, daß dasjenige, was im Beginne unseres Jahrhunderts nun als Anthroposophie zu suchen war, am ehesten hätte Verständnis finden können innerhalb der Kreise, die sich zur Theosophie dazumal verbanden. Aber das kann eben erst beleuchtet werden, wenn die Tatsachen ordentlich vor unsere Seele hingestellt sind.
[ 7 ] Nun möchte ich, dabei stehenbleibend, zunächst die Menschen, die sich da zusammenfanden, charakterisieren, eine Art Bild geben von dem, was man damals als Theosophische Gesellschaft verstehen konnte, die ja ihre prägnanteste Ausprägung in der englischen Theosophical Society fand. An diese schloß sich ja auch an, was dann als Anthroposophie, oder besser gesagt, was eigentlich gleich als Anthroposophie hervorgetreten ist.
[ 8 ] Wenn man dasjenige, ich möchte sagen, als Menschengruppe vor sich hatte, was in der Theosophical Society gemeint war, so muß man zunächst in das Bewußtsein dieser Menschen etwas hineinschauen, hineinschauen in die Seelen dieser Menschen, um zu erkennen, wie das Bewußtsein dieser Menschen geartet war. Diese Menschen haben dieses ihr Bewußtsein ja schon in irgendeiner Weise ausgelebt. Sie haben Versammlungen, Meetings abgehalten; da sind Vorträge gehalten worden, Diskussionen gepflogen worden. Sie haben sich sonst auch außerhalb der Meetings getroffen, sogar sehr viel miteinander gesprochen in kleineren Zirkeln. Es war zum Beispiel bei Generalversammlungen nicht üblich, daß die Zeit so ausgefüllt war, wie das bei uns gestern der Fall war. Man fand immer die Möglichkeit, gemeinsam zu essen, Tee zu trinken und so weiter. Man fand sogar in den Zwischenzeiten die Möglichkeiten, andere Toiletten anzulegen und dergleichen. Es war immerhin schon eine Art von auch, ich möchte sagen, aus der Außenwelt hereinscheinenden sozialen Verhaltens. Aber das ist es natürlich weniger, was uns interessieren kann. Interessieren muß uns das Bewußtsein der Menschen. Und da konnte zunächst stark auffallen, daß außerordentlich widersprechende Kräfte zwischen diesen Persönlichkeiten spielten.
[ 9 ] Diese widersprechenden Kräfte fielen einem besonders auf, wenn die Leute Versammlungen abhielten. Sie kamen zusammen. Aber von jedem Menschen, wenn man nicht eingeschworener Theosoph war, suchte man zwei Vorstellungen zu haben. Es war das Eigentümliche, daß, wenn man in die Theosophical Society kam, es einfach eine Notwendigkeit war, von jedem Menschen zwei Vorstellungen zu haben. Die eine Vorstellung war diejenige, die man sich bildete, je nachdem er einem entgegentrat. Die andere Vorstellung aber war diejenige, die die anderen von jedem einzelnen hatten. Sie war herausgeboren aus ganz allgemeinen Anschauungen, aus Anschauungen, die sehr theoretischer Natur waren: Vorstellungen über den Menschen überhaupt, über allgemeine Menschenliebe, über Vorgerücktsein — «advanced», wie man es nannte — oder Nichtvorgerücktsein, über die Art und Weise, wie man ernst gestimmt sein müsse, wenn man würdig sich erweisen solle, die Lehren der Theosophie aufzunehmen und so weiter. Es waren Vorstellungen recht theoretischer Art. Und man dachte: In den Menschen, die da in Fleisch und Blut herumgingen, müsse doch etwas von alldem sein. Da lebten eigentlich nicht die Vorstellungen, die ich zunächst meine, die man sich so auf naive Weise von dem anderen Menschen gebildet hat, die lebten eigentlich nicht bei den Mitgliedern, sondern es lebte ein Bild in jedem einzelnen von allen anderen, das eigentlich aus theoretischen Vorstellungen von Menschen und Menschenverhalten hervorgegangen war.
[ 10 ] Eigentlich sah keiner den anderen, wie er wirklich war, sondern er sah eine Art Gespenst. Und so mußte man eben, weil man, wenn man zum Beispiel einem Herrn Müller begegnete und sich naiv ein Bild von dem Herrn Müller bildete, dann, wenn man sich vergegenwärtigte, was irgendein anderer für eine Vorstellung habe von dem Herrn Müller, sich eine gespenstische Vorstellung machen. Denn die wirkliche Vorstellung hatte keiner von dem anderen, sondern ein Gespenst stellte er sich vor, das konstruiert war. So hatte man eben nötig, von jedem Menschen zwei Vorstellungen zu haben. Nur ersparten sich die meisten Mitglieder die Vorstellung vom wirklichen Menschen, sie nahmen nur die Vorstellung des Gespenstes auf, so daß eigentlich zwischen den einzelnen Mitgliedern immer gespensterhafte Vorstellungen voneinander lebten. Man begegnete eigentlich in den Bewußtseinen der «members» lauter Gespenstern. Man mußte-schon eben Interesse haben für Psychologie.
[ 11 ] Man mußte auch eine gewisse Vorurteilslosigkeit und Weitherzigkeit haben, um eben wirklichen Anteil zu nehmen. Es war ja sehr interessant dann, Anteil zu nehmen an dem, was eigentlich da als eine Art Gespenstergesellschaft lebte. Denn in der Begrenzung, wie ich es jetzt sagte, war es eine Gespenstergesellschaft, die da lebte. Insbesondere trat einem das gegenüber den führenden Persönlichkeiten sehr stark vors Auge. Die führenden Persönlichkeiten lebten bei den anderen auf eine ganz eigentümliche Weise. Da wurde, sagen wir, von irgendeiner führenden Persönlichkeit gesprochen, X zum Beispiel. Die ging des Nachts als Astralgestalt von Haus zu Haus — natürlich nur durch die Häuser der Mitglieder - als unsichtbarer Helfer. Die strahlte noch alles mögliche aus. Es waren zum Teil außerordentlich schöne gespensterhafte Vorstellungen, die von den führenden Persönlichkeiten vorhanden waren. Es war dann oftmals ein auffälliger Kontrast, wenn einem diese Persönlichkeiten in der Wirklichkeit entgegentraten. Aber da sorgte ja dann die allgemeine Stimmung, daß möglichst nur die Gespenstervorstellungen leben konnten und die wirklichen Vorstellungen wenig leben konnten.
[ 12 ] Sehen Sie, zu so etwas brauchte man durchaus Anschauungen, Lehren. Denn da nicht alle Menschen hellsichtig sind, obwohl es dazumal außerordentlich viele gab, die wenigstens vorgaben, hellsichtig zu sein — wir wollen das jetzt nicht untersuchen, wieweit das stimmte —, aber da nicht alle hellsichtig gewesen sind, so bedurfte es gewisser Theorien, durch die man das zusammenzimmerte, was man da als Gespenster formierte.
[ 13 ] Nun, diese Theorien hatten etwas außerordentlich Altertümliches. So mußte man den Eindruck empfangen, daß es altaufgewärmte Theorien sind, nach denen nun da die Menschen gespensterhaft konstruiert wurden. Vielfach konnte man auch leicht finden, wie diese gespenstischen Menschengestalten altem Schrifttum nachgebildet waren.
[ 14 ] So kam zu der Gespensterhaftigkeit dazu, daß die Menschen, die ‚man da als Gespenster vor sich hatte, gar nicht Menschen der Gegenwart waren. Es waren eigentlich Menschen früherer Inkarnationen, Menschen, die einem vorkamen wie den ägyptischen oder persischen Gräbern entstiegen, oder alten indischen Gräbern entstiegen. Man hatte in einem gewissen Sinne ganz den Eindruck der Gegenwart verloren.
[ 15 ] Aber dazu kam noch etwas ganz anderes. Diese alten Lehren konnten, selbst wenn sie in verhältnismäßig moderne Terminologie gehüllt waren, wenig verstanden werden. Nun wurde von diesen alten Lehren viel geredet in abstrakten Formen. Physischer Körper wurde ja noch physischer Körper genannt. Ätherischer Leib wurde dem Mittelalter nachgebildet, vielleicht auch noch astralischer Leib. Dann aber kamen schon die Dinge wie Manas, Kama Manas und dergleichen, die alle im Munde führten Aber niemand verstand eigentlich, um was es sich handelte. Es war ja das alles auch gekleidet in ganz modern materialistische Vorstellungen. Aber es waren Weltenzusammenhänge, Weltenbegriffe und -ideen in diesen Lehren enthalten, so daß man das Gefühl bekommen konnte: da sprechen die Seelen wie in weit abgelegenen, früheren, nicht nur Jahrhunderten, sondern Jahrtausenden.
[ 16 ] Das ging ja sehr weit. Es wurden Bücher geschrieben in einer solchen Sprachart. Sie wurden übersetzt; und das ging also alles in einer solchen Form vor sich. Aber es hatte auch noch eine andere Seite. Es hatte eine schöne Seite. Nämlich von all dem, was da oftmals nur als Worte lebte, was da unverstanden war, von all dem färbte auf die Menschen doch etwas ab. Man möchte sagen: Wenn auch nicht in den Seelen, so war von alledem doch außerordentlich viel im Seelenkostüm der Leute. Sie gingen eigentlich herum, ich möchte sagen, indem sie nicht gerade ein Bewußtsein hatten von Ätherleib oder von Kama Manas, aber sie hatten so das Bewußtsein, daß sie eine Reihe von Mänteln umgab: der eine ist ein Ätherleib, der andere ist Kama Manas und so weiter. Sie hielten etwas auf diese Mäntel, auf dieses Seelenkostüm, und das bildete einen starken Kitt für die Leute.
[ 17 ] Das ist etwas, was in einer außerordentlich intensiven Weise die Theosophical Society zu einem Ganzen zusammengeschmiedet hat, was wirklich gemacht hat, daß ungeheures Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden war, daß jeder einzelne sich als einen Repräsentanten der Theosophical Society fühlte. Diese Society war etwas für sich, außer dem, daß jeder einzelne da war, war diese Gesellschaft etwas. Sie hatte, man kann schon sagen, ein Selbstbewußtsein für sich. Sie hatte ein eigenes Ich. Dieses eigene Ich war so stark, daß, selbst als dann die Absurditäten der führenden Persönlichkeiten in einer geradezu kuriosen Weise an die Oberfläche getreten sind, diejenigen Menschen, die sich einmal als zugehörig gefühlt haben, mit eiserner Gewalt festgehalten haben und so ein Gefühl dafür hatten: Das ist etwas wie Verrat, wenn auch bei großen Fehlern der führenden Persönlichkeiten nicht zusammengehalten wird.
[ 18 ] Wer etwa einen Einblick gewonnen hat in jene Kämpfe, die von gewissen Anhängern der Theosophischen Gesellschaft später durchgemacht worden sind, als die Anthroposophische Gesellschaft längst von ihr getrennt war, welche Kämpfe da durchgemacht worden sind, wenn immer wieder und wiederum gesehen worden ist: Da machen die Führer ganz ungeheuerliche Dinge, aber man kann sich doch deshalb nicht von ihnen trennen, — wenn man angesehen hat die Kämpfe, die da in den einzelnen Seelen vor sich gegangen sind, dann bekommt man, wenn man auch wirklich ungeheuer Schlechtes dabei verurteilen muß, auf der anderen Seite einen gewissen Respekt vor diesem Ich-Bewußtsein der ganzen Gesellschaft.
[ 19 ] Und es entsteht eben die Frage: Wäre es nicht möglich, daß mit den Bedingungen, unter denen die Anthroposophische Gesellschaft in die Welt treten sollte, auch ein solches Gesellschaftsbewußtsein erwachsen könnte?
[ 20 ] Mit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft mußte verzichtet werden auf jene oftmals sehr bedenklichen Mittel, durch welche dort in der Theosophischen Gesellschaft der starke Zusammenhalt und das Ich-Bewußtsein der Gesellschaft errungen worden ist. Es mußte das Ideal eben vor der Anthroposophischen Gesellschaft schweben: Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit. Aber das sind eben doch Dinge, die bis heute Ideal geblieben sind. Gerade auf diesem Felde läßt ja die Anthroposophische Gesellschaft insofern noch viel zu wünschen übrig, als sie in bezug auf die Bildung eines Gemeinschaftskörpers, eines eigenen Gesellschafts-Ichs, nicht einmal noch in den Anfängen steht. Die Anthroposophische Gesellschaft ist eine Vereinigung von Menschen, die als einzelne Menschen sehr strebsam sein können, aber als Gesellschaft ist sie im Grunde genommen noch gar nicht da, weil eben dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht da ist, weil die wenigsten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sich als Repräsentanten dieser Gesellschaft fühlen. Es fühlt sich jeder als ein einzelner und vergißst ganz, daß es eine Anthroposophische Gesellschaft geben soll.
[ 21 ] Nun habe ich mit einigem - ich werde das dann noch ergänzen an den folgenden Tagen — das Publikum charakterisiert. Ich möchte auch noch die andere Seite charakterisieren. Denn wie hat sich in dieses ganze Zeitstreben, so muß ich ja sagen, Anthroposophie nun hineingestellt? Wer will, wird eben die Grundprinzipien der Anthroposophie bereits finden in meiner «Philosophie der Freiheit». Ich will heute nur das eine hervorheben, das ist das, daß ja diese «Philosophie der Freiheit» zunächst überall mit einer inneren Notwendigkeit auf ein geistiges Reich hinweist, aus dem zum Beispiel die moralischen Impulse genommen werden. So daß also im Sinne der «Philosophie der Freiheit» nicht stehengeblieben werden kann bei der Sinneswelt, sondern fortgeschritten werden muß zu einem in sich begründeten geistigen Reiche. Dieses Bestehen eines geistigen Reiches bekommt ja noch die ganz andere konkrete Form, daß der Mensch in seinem innersten Wesen, wenn er sich seines innersten Wesens bewußt wird, nicht mit der Sinneswelt zusammenhängt, sondern in diesem innersten Wesen mit der geistigen Welt zusammenhängt.
[ 22 ] Diese zwei Dinge: erstens, daß es ein geistiges Reich gibt, zweitens, daß der Mensch mit dem innersten Ich seines Wesens mit diesem geistigen Reich zusammenhängt, sind ja die Fundamentalpunkte der «Philosophie der Freiheit». Es mußte eben einmal die Frage entstehen: Kann man dasjenige, was wie eine Art von Botschaft von der geistigen Welt der neueren Menschheit verkündet werden soll, in dieser Weise verkündigen? Gibt es eine Möglichkeit, anzuknüpfen an irgend etwas? Denn man konnte sich natürlich nicht hinstellen und in die Luft hineinreden. Allerdings kommen einem in der neuesten Zeit alle möglichen sonderbaren Vorschläge zu. So bin ich einmal während meiner Anwesenheit in Wien im Jahre 1918 aufgefordert worden, telegrafisch sogar, von Wien aus nach der Raxalp am Nordrand von Steiermark zu fahren, mich auf die Raxalp zu stellen und dort einen Vortrag für die Alpenberge zu halten! Diese Aufforderung ist tatsächlich telegrafisch an mich damals ergangen. Ich brauche ja wohl nicht zu sagen, daß ich der Aufforderung nicht nachgekommen bin. Aber man kann doch nicht zu Bergen oder in die Luft hineinsprechen, man muß anknüpfen an irgend etwas, was eben da ist in der Zeitzivilisation. Es war im Grunde genommen auch noch um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts außerordentlich wenig da. Menschen waren da, die damals eben aus ihrem Streben heraus in die Theosophische Gesellschaft hinein wollten. Das waren schließlich diejenigen, zu denen sich von diesen Dingen reden ließ.
[ 23 ] Aber man mußte auch wiederum nicht nur ein Verantwortlichkeitsgefühl haben gegenüber diesen Menschen als einem Publikum, man mußte andererseits das verantwortliche Gefühl gegenüber der geistigen Welt haben, gerade jener Form der geistigen Welt, die in der damaligen Zeit zum Ausdrucke gekommen ist. Und da darf ich vielleicht darauf aufmerksam machen, wie allmählich herausgewachsen ist aus dem ja noch nicht äußerlich von mir Anthroposophie genannten Streben dasjenige, was dann Anthroposophie geworden ist. Ich möchte eben heute nur Tatsachen hinstellen zunächst und die verbindenden Fäden dann in den nächsten Tagen vor Ihnen ziehen.
[ 24 ] Vor allen Dingen konnte ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Art Fata Morgana erblicken, etwas, was sich in der physischen Welt in einer ganz natürlichen Weise ausnahm, was aber, wenn auch nur als windige Fata Morgana, ich möchte sagen, als Lichterscheinung, doch in einem gewissen Sinne eine tiefere Bedeutung hatte. Wenn man. auf die damals moderne Art auf sich wirken ließ die Weltanschauungsentwickelung, die damals in der Zivilisation lebte — wenige Menschen befaßten sich ja damit, aber sie war eben doch da -, so konnte man auf etwas sehr Eigentümliches treffen. Da war, wenn wir nur auf Mitteleuropa zunächst reflektieren, die, ich möchte sagen, welterschütternde Philosophie da, die aber alles mögliche sein wollte, die eben eine ganze Weltanschauung sein wollte: die Philosophie des Idealismus von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da waren die Nachklänge da, sagen wir, der Fichteschen, der Hegelschen, der Solgerschen Philosophie, die wirklich in der Zeit, in der sie begründet worden sind, manchen Leuten, die ihre Bekenner wurden, ebensoviel waren, wie nur je Anthroposophie heute dem Menschen sein kann. Aber es waren im Grunde genommen abstrakte Begriffe, eine Summe von abstrakten Begriffen.
[ 25 ] Sehen Sie sich einmal den ersten von den drei Teilen von Hegels «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften» an, dann werden Sie eine Reihe von Begriffen finden, die auseinander entwickelt werden. Da beginnt es mit dem Sein. Dann kommt das Nichts. Dann kommt das Werden. Dann kommt das Dasein. Ich kann natürlich jetzt nicht die ganze Hegelsche Logik beschreiben, denn das ist ein dickes Buch, da geht es so fort in solchen Begriffen. Zuletzt ist der Zweck. Es kommt eben nur zu abstrakten Gedanken und zu abstrakten Ideen: Sein, Nichts, Werden, Dasein, Zweck.
[ 26 ] Aber dennoch hat Hegel das genannt: Gott vor der Erschaffung der Welt. So daß man sich also vorzustellen hatte, daß, wenn man die Frage aufwarf: Wie ist Gott gewesen vor der Erschaffung der Welt? — man eben ein System von abstrakten Begriffen und abstrakten Ideen bekam.
[ 27 ] Nun lebte in Wien, gerade als ich jung war — das ist lange her ein Herbartscher Philosoph, Robert Zimmermann. Der sagte: Das ist uns heute nicht mehr erlaubt — er meinte das «Heute» als das letzte Drittel des 19, Jahrhunderts -, so zu denken, wie etwa Hegel oder Solger oder dergleichen gedacht haben. Denn wie dachten die Leute?
[ 28 ] Sehen Sie, Zimmermann sagte sich: Die Leute dachten so, wie wenn sie Gott selber wären. Zimmermann dachte ja eigentlich sehr merkwürdig für einen Philosophen, aber sehr charakteristisch. Er sagte: Hegel hat gedacht, wie wenn er Gott selber wäre. Das war eigentlich fast wie aus der damaligen Theosophischen Gesellschaft heraus gesprochen, denn es gab ein Mitglied, sogar ein führendes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, Franz Hartmann, der hielt alle seine Vorträge dahingehend, daß er sagte: Man muß sich des Gottes in sich selbst bewußt werden, jeder Mensch hat so etwas wie einen göttlichen Menschen, einen Gott in sich, und wenn der anfängt zu sprechen, dann spricht man Theosophie. — Franz Hartmann hat ja, wenn er seinen göttlichen Menschen hat sprechen lassen, allerlei Dinge gesagt, die ich jetzt nicht beurteilen will. Aber Hegel hat nach Zimmermanns Anschauung, wenn er seinen Gott in sich hat sprechen lassen, gesagt: Sein, Nichts, Werden, Dasein, und dann quirlte zuerst logisch die Welt, und dann schlug sie sich hinüber in ihr Anderssein, und dann war Natur da.
[ 29 ] Nun sagte Robert Zimmermann: Das darf nicht mehr sein, denn das ist Theosophie. Wir können heute keine Theosophie mehr haben, sagte in den achtziger Jahren Robert Zimmermann, wir können nicht die Theosophie des Schelling, des Solger, des Hegel heute noch anerkennen. Wir müssen nicht den Gott im Menschen sprechen lassen, das gibt einen theozentrischen Standpunkt. Der kann nur angestrebt werden, wenn man sich so etwa wie Ikarus verhält: nicht wahr, man glitscht dann im Kosmos aus und fällt herunter! Man muß auf menschlichem Standpunkte stehenbleiben. Und so schrieb Robert Zimmermann gegen die Theosophie Hegels, Schellings, Solgers und anderer, die er auch in seiner «Geschichte der Ästhetik» als Theosophen behandelt, seine «Anthroposophie». Und von dieser «Anthroposophie» habe ich ja später den Namen genommen. Sie erschien als ein mich dazumal als Zeiterscheinung außerordentlich interessierendes Buch. Nur ist diese «Anthroposophie» zusammengesetzt aus den entsetzlichsten abstrakten Begriffen. Sie besteht auch aus drei Teilen. Dann hat sie Nebenkapitel: erstens die logischen Ideen, zweitens die ästhetischen Ideen, drittens die ethischen Ideen.
[ 30 ] Sehen Sie, der Mensch sucht ja, wenn man zunächst absieht von der Ästhetik, die die Kunst behandelt, von den ethischen Ideen, die das Verhalten des Menschen behandeln, in dem, was ihm dann dargeboten wird in einer Weltanschauung, dasjenige, wodurch er innere Befriedigung haben muß, wodurch er sich sagen können muß, daß er mit einem Göttlich-Geistigen zusammenhänge, daß ein Ewiges in ihm ist. Robert Zimmermann wollte nun die Frage beantworten: Wenn der Mensch aufhört, ein bloß sinnlicher Mensch zu sein, wenn er sich wirklich seines geistigen Menschtums bewußt wird, was weiß er denn dann? Die logischen Ideen weiß er. Hegel hat doch wenigstens ein ganzes Buch voll solcher logischer Ideen geschrieben. Doch das sind ja Ideen, die nur ein Gott denken kann. Aber wenn nun nicht ein Gott im Menschen denkt, sondern der Mensch selber denkt, dann kommen fünf logische Ideen heraus, wenigstens bei Robert Zimmermann. Erstens die Denknotwendigkeit, zweitens die Gleichgeltung von zwei Begriffen, drittens die Zusammenfassung von Begriffen, viertens die Trennung von Begriffen und fünftens der Satz des Widerspruches: etwas kann nur entweder ein Selbst sein oder ein anderes, ein Drittes ist nicht möglich. Das, meine lieben Freunde, ist der Umfang desjenigen, was da angeführt wird, in abstrakte Ideen zusammengefaßt; also dasjenige, was der Mensch wissen kann, wenn er sich loslöst von der Sinneswelt, wenn er sich auf sein Geistig-Seelisches bezieht.
[ 31 ] Wäre diese «Anthroposophie» dasjenige, was dem Menschen einzig und allein geboten werden könnte, so müßte man sagen: Es muß als überwunden gelten, was die Menschen einmal in den verschiedenen Religionsbekenntnissen, im Kultus und so weiter gehabt haben, es muß als überwunden gelten das, was als Christentum gilt. Denn das kann ja nur wiederum abgeleitet werden aus der Geschichte und so weiter. Wenn der Mensch sich auf dasjenige besinnt, was er wissen kann als Anthropos, was er wissen kann, wenn er seine Seele unabhängig von den sinnlichen Eindrücken oder der äußeren Geschichte in Bewegung setzt, so ist es das: Ich kann wissen, daß ich mich fügen muß der Denknotwendigkeit, der Gleichwertigkeit der Begriffe, der Zusammenfassung der Begriffe, der Trennung, dem Satze vom ausgeschlossenen Dritten, das sich ausschließt. Mit dem mußte man, wie man es auch genannt hat, selig werden.
[ 32 ] Dann kamen allerdings dazu die ästhetischen Ideen. Das sind die Ideen der Vollkommenheit, des Einklanges, der Harmonie; es sind wiederum fünf Ideen. Und ebenso sind fünf ethische Ideen. Zu den ästhetischen Ideen kommen noch dazu der Widerstreit und der Einklang des Widerstreites.
[ 33 ] Erstens die logischen Ideen: Denknotwendigkeit, Gleichgeltung, Zusammenfassung, Trennung, Satz des Widerspruchs.
[ 34 ] Zweitens die ästhetischen Ideen: Vollkommenheit, Einklang, Harmonie, Widerstreit, Einklang des Widerstreites. Aus diesen fünf Ideen, mit diesen fünf Ideen leben nun alle Künste.
[ 35 ] Drittens die ethischen Ideen. Und in den fünf ethischen Ideen: der ethischen Vollkommenheit, dem Wohlwollen, dem Rechte, dem Streite und dem Ausgleich des Streites lebt nun das Handeln der Menschen.
[ 36 ] Sie sehen, in die äußerste Form der Abstraktion ist da alles gebracht. Davor steht: «Anthroposophie im Umriß».
[ 37 ] Daß sehr viel gemeint war damit, das können Sie aus dem Widmungsblatte, das dem voranging, ersehen. In diesem Widmungsblatte finden sich, ich möchte sagen, rührende Zeilen. Da steht — ich kann nicht wörtlich zitieren, aber ungefähr -: An Harriet. Du warst es, die mich veranlaßte, als Nacht sich um mein Auge zu dunkeln begann, die zerstreuten Ideen, die lange in mir lebten, zu diesem Buche zu verbinden. Und eine willige Hand fand sich, aufzuschreiben dasjenige, was ich in der Dunkelkammer ersonnen hatte.
[ 38 ] Es ist also in einer sehr schönen Sprache darauf hingewiesen, daß der Verfasser eine Augenkrankheit hatte, eine Zeitlang in der finsteren Kammer zubringen mußte, da er diese Ideen ersonnen hat, und daß dann eine willige Hand sich gefunden hat, das aufzuschreiben. Diese Widmungszeilen schließen dann sehr schön, indem da steht: Und so kann denn niemand leugnen, daß dieses Buch, wie das Licht selbst, aus der Dunkelheit hervorgegangen ist.
[ 39 ] Sie sehen, es war wie eine Fata Morgana: sehr merkwürdig. Robert Zimmermann hat aus der Theosophie eine «Anthroposophie» in seinem Sinne hervorgebracht; aber ich glaube nicht, daß, wenn ich jemals diese «Anthroposophie» vorgetragen hätte, wir eine anthroposophische Bewegung hätten. Doch der Name war sehr gut gewählt. Und den Namen nahm ich dann herüber, als ich eben aus Untergründen heraus, die schon auch noch in diesen Vorträgen zutage treten werden, zunächst an ein Mehrfaches zu gehen hatte. Erstens: an die geistige, für jeden in die Geisterwelt Einblickenden sichergestellte Tatsache, daß es wiederholte Erdenleben gibt.
[ 40 ] Aber wenn man eben mit solchen Dingen nicht leichtsinnig ist, sondern ein geistiges Verantwortlichkeitsgefühl hat, so muß man anknüpfen an irgend etwas. Man kann schon sagen, daß es einem in der damaligen Zeit, in der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, außerordentlich schwer wurde, mit den wiederholten Erdenleben anzuknüpfen an das Zeitbewußtsein. Aber es ergaben sich Anknüpfungspunkte. Und ich will zunächst erzählen, wie ich selber diese Anknüpfungspunkte gesucht habe.
[ 41 ] Es gibt eine sehr interessante Zusammenfassung der anthropologischen Wahrheiten von Topinard. In dem Schlußkapitel — es war in der damaligen Zeit ein Buch, das noch öfter genannt wurde, als es heute genannt wird, heute ist es schon etwas veraltet in den Einzelheiten, aber es ist geistreich geschrieben - ist eine hübsche Zusammenstellung. Und da fand man in einer Art, die natürlich jeder, der im modernen Bewußtsein damals stand, unterschrieb, bei diesem Topinard all diejenigen biologischen Tatsachen zusammengestellt, die dazu führten, die Tierarten aus einander hervorgehend zu denken, eine aus der anderen. Topinard konnte sich auch auf alles dasjenige, was in seinem Buche auseinandergesetzt war, berufen. Man fand also alles dasjenige, was dazu geführt hatte, sich vorzustellen, daß eine Umwandlung stattfindet von Tierart zu Tierart. Topinard bleibt bei den Tatsachen stehen und sagt, nachdem er etwa zweiundzwanzig Punkte, glaube ich, angeführt hat: der dreiundzwanzigste sei dann das, was er als diese Verwandlung der Tierarten anführt. Aber nun stehen wir vor dem Problem des Menschen. Das läßt er unbeantwortet. Wie ist es mit dem?
[ 42 ] Nun konnte man, indem man die Entwickelungslehre der Biologen ernst, ganz ernst nahm, anknüpfend an einen solchen Autor, der nun wirklich auch ernstzunehmen ist, sagen: Da läßt er die Frage offen! Setzen wir fort, fügen wir zum Punkt zweiundzwanzig den Punkt dreiundzwanzig, so bekommen wir, daß eben die Tiere in ihren Arten sich immer auf einer höheren Stufe wiederholen. Beim Menschen muß man übergehen zum Individuum. Wenn das Individuum sich wiederholt haben wird, dann bekommen wir die wiederholten Erdenleben. Sie werden sehen: es war an das angeknüpft, was ich eben hatte, es war durchaus noch dazumal die Form, die ich versuchte, um der ganzen Welt verständlich zu machen, was ja natürlich als geistige Tatsache wirklich dasteht vor der Seele. Doch, um es der Mitwelt verständlich zu machen, mußte das genommen werden, was unmittelbar da war, aber nicht mit einem Punkt schloß, sondern mit einem Gedankenstrich. Ich habe einfach an den Gedankenstrich der Naturwissenschaft angeknüpft. Das war das Erste. Diesen Vortrag habe ich in jenem Kreise gehalten, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe. Man hat kein sehr starkes Verständnis dafür gehabt, weil man sich da nicht für Naturwissenschaft interessierte. Da fühlte man nicht, daß es notwendig sei, Naturwissenschaft zu reflektieren, und es schien den Leuten natürlich unnütz, daß dasjenige, was sie nun einmal glaubten, auch noch bewiesen sein solle.
[ 43 ] Das Zweite war gegeben damit, daß ich in einem Kreise, in dem sonst nur literarische Themen behandelt worden waren, der sich «Die Kommenden» nannte, einen Vortragszyklus hielt im Beginne des Jahrhunderts, der den Titel trug: «Von Buddha zu Christus», wo ich versuchte, die ganze Entwickelungsströmung von Buddha zu Christus darzustellen und in Christus die Zusammenfassung desjenigen zu geben, was in den vorangehenden Anschauungen da war. Dieser Vortragszyklus schloß mit jener Interpretation des Johannes-Evangeliums, die einsetzt bei der Erweckung des Lazarus. So daß also das Lazarus-Problem, wie es sich dann in meinem «Christentum als mystische Tatsache» findet, eben den Schluß bildete dieses Vortragszyklus «Von Buddha zu Christus,
[ 44 ] Das fiel ungefähr in die Zeit hinein, in der dann aus jenem Kreise ' heraus, der mich eingeladen hatte zu den Vorträgen, die in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» zusammengefaßt sind, die Aufgabe an mich herantrat, vor Theosophen zu sprechen über dasjenige, was ich eben sprechen sollte und wollte. Dann fiel das zusammen mit den Bestrebungen, eine deutsche Sektion der Theosophical Society zu gründen. Und ich wurde aufgefordert, eigentlich bevor ich Mitglied war, irgendwie auch nur Miene gemacht hatte, Mitglied zu werden, Generalsekretär zu werden dieser deutschen Sektion der Theosophical Society.
[ 45 ] Als diese deutsche Sektion begründet wurde, hielt ich einen Vortragszyklus, bei dem, ich glaube, nur zwei oder drei Theosophen dabei waren, sonst im wesentlichen das Publikum, das in dem Kreise war, wo ich auch gesprochen habe über «Von Buddha zu Christus». Dieser Kreis hieß «Die Kommenden». Es blieben mir so die Namen. Es muß mit irgendeinem Gesetze zusammenhängen. «Anthroposophie» von Robert Zimmermann ist geblieben, «Die Kommenden» traten wiederum auf in dem Namen des «Kommenden Tages». Es bleiben einem solche Namen, alte Namen.
[ 46 ] Für diesen Kreis - in den, wie gesagt, höchstens zwei oder drei Theosophen hingegangen waren und diese wirklich nur aus Neugierde — sprach ich über die Entwickelung der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie. Also dieser Vortragszyklus trug zunächst seinen ausführlichen Titel: «Entwickelungsgeschichte der Menschheit an der Hand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie». Dieser Vortragszyklus — das muß ich immer erwähnen - ist gleichzeitig gehalten worden von mir, als die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet worden ist. Ich ging sogar fort aus der Versammlung, und während die anderen weiter konferierten und sich weiter unterhielten über Theosophie, hielt ich meinen Vortragszyklus über Anthroposophie.
[ 47 ] Einer derjenigen, die dann aus Theosophen gute Anthroposophen geworden sind, sogar einer, der ein sehr guter Anthroposoph geworden ist, ging dazumal aus Neugier zu diesem anthroposophischen Vortragszyklus und sagte mir nachher: Ja, aber was Sie da gesagt haben, das stimmt ja gar nicht mit dem, was Mrs. Besant sagt und was die Blavatsky sagt. — Da sagte ich: Dann wird’s ja wohl so sein. — Also ein guter Kenner war das von all den Dogmen der Theosophie, der richtig herausfand: Das stimmt nicht. Also man konnte schon dazumal sagen: Das stimmt eben nicht, es ist etwas anderes.
[ 48 ] Nun, diese Tatsachen stellte ich zunächst einmal vor Sie hin. Ich möchte nun eine andere Tatsache hinstellen, die scheinbar aus einer ganz anderen Ecke genommen ist, auf die ich schon gestern hingewiesen habe.
[ 49 ] Da waren die Bücher der Blavatsky, die Hauptbücher zunächst: das erste «Die entschleierte Isis», das zweite «Die Geheimlehre». Nun brauchte man wirklich nicht ein großes Faible für diejenigen zu haben, die das in diesen Büchern Enthaltene wie ein heiliges Dogma hinnahmen. Man konnte aber dennoch schon aus den gestern angeführten Gründen diese Bücher als etwas außerordentlich Interessantes empfinden, und vor allen Dingen konnte man die Erscheinung der Blavatsky selber als etwas außerordentlich Interessantes empfinden, wenn auch nur von dem Standpunkt einer tieferen Psychologie aus. Warum? Nun, sehen Sie, es ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden Büchern, der «Entschleierten Isis» und der Blavatskyschen «Secret Doctrine», der «Geheimlehre», es ist ein gewaltiger Unterschied! Dieser Unterschied wird Ihnen am stärksten hervortreten, wenn ich Ihnen sage, wie von solchen, die Kenner von ähnlichen Dingen waren, dazumal über die beiden Bücher geurteilt worden ist. Was meine ich, wenn ich von Kennern solcher Dinge spreche?
[ 50 ] Es haben sich, meine lieben Freunde, ja wirklich von den ältesten Mysterien her Traditionen erhalten, die in verschiedenen sogenannten Geheimgesellschaften dann aufbewahrt worden sind. Da wurden auch den Leuten in gewissen Geheimgesellschaften Grade erteilt. Sie rückten auf vom ersten zum zweiten, zum dritten Grad und so weiter. Da waren ihnen, auch immer wiederum aus .den Traditionen, die und die Dinge mitgeteilt worden. In den unteren Graden verstanden die Leute die Dinge nicht, aber sie nahmen sie als heilige Dogmen auf. Eigentlich verstanden sie sie auch nicht in den höheren Graden. Aber wenn auch weder die unteren Grade noch die höheren diese Traditionen verstanden, so war doch der feste Glaube bei den Angehörigen der unteren Grade vorhanden, daß die Angehörigen der höheren Grade alles verstehen. Dieser Glaube, der war ganz fest vorhanden. Aber immerhin, es war da auch ein konserviertes reines Wissen vorhanden. Dem Wortlaute nach kannte man außerordentlich vieles. Sie brauchen ja nur — heute, wo alles gedruckt wird und alles zugänglich wird, sind ja diese Dinge auch leicht zugänglich — dasjenige, was gedruckt ist an solchen Dingen, zur Hand zu nehmen und es nun wiederum zu beleben mit dem, was Sie aus Anthroposophie wissen können — auf eine andere Weise geht es nämlich nicht, das Beleben -, dann werden Sie sehen, daß schon in diesen Traditionen, auch in der verballhornten Gestalt, wie sie heute vielfach gedruckt sind, ein großes, altes, majestätisches Wissen enthalten ist. Manchmal klingen die Worte ganz falsch, aber derjenige, der etwas weiß, weiß, auf was das hindeutet: daß das von uraltem Wissen ist. Aber das eigentliche Kennzeichen solchen Betriebes in diesen Geheimgesellschaften ist doch dieses, daß die Leute eben ein allgemeines Gefühl haben: Es gab in früheren Zeiten Menschen, die Eingeweihte waren, und die aus einem uralten Wissen über die Welt, über den Kosmos, über das Geisterreich Auskunft geben konnten. Und sie wußten Sätze zu bilden, sie wußten etwas zu sagen über das, was da überliefert war. Solche Menschen gab es viele.
[ 51 ] Nun erschien «Die entschleierte Isis» von der Blavatsky. Gerade die Menschen, die nun ein solches traditionelles Wissen dadurch hatten, daß sie niedere oder höhere Grade in solchen Geheimgesellschaften erlangt hatten, erschraken außerordentlich, als «Die entschleierte Isis» erschien. Den Grund des Schreckens gab man ja gewöhnlich so an, daß man sagte, die Zeiten seien noch nicht reif, diese Dinge, die da in den Geheimgesellschaften verborgen gehalten werden, schon der allgemeinen Menschheit durch den Druck mitzuteilen. Das dachte man. Man war ja sogar dieser ehrlichen Ansicht, daß eben die Zeiten noch nicht reif wären, dieses der Menschheit mitzuteilen. Aber für einzelne gab es noch einen anderen Grund. Und dieser andere Grund kann eigentlich nur verstanden werden, wenn ich Sie noch auf andere Tatsachen aufmerksam mache.
[ 52 ] In der fünften nachatlantischen Periode, namentlich im 19. Jahrhundert, ist ja eigentlich alles in die abstrakten Begriffe und Ideen übergegangen, so daß endlich eben einer der tiefsten, bedeutendsten Geister seine Weltanschauung in die abstrakten Begriffe Sein, Nichts, Werden, Dasein, bis zum Zweck hin gebracht hat. Es ist alles in dieser neueren Zeit in abstrakte Begriffe und Ideen übergegangen.
[ 53 ] Einer derjenigen, der mit solchen abstrakten Ideen in Mitteleuropa begonnen hat, war der Philosoph Schelling. In der Zeit, als man mit solchen Ideen, weil in ihnen noch innere menschliche Empfindungskräfte waren, begeistern konnte, wo Schlegel, Tieck in Jena zuhörten, wie mit ungeheurer Begeisterung von solchen abstrakten Ideen geredet worden ist, in der Zeit war auch Schelling unter denen, die solche abstrakten Ideen gelehrt hatten. Dann hat Schelling nach einigen Jahren keine Befriedigung mehr gehabt an diesen abstrakten Ideen, hat sich dann in allerlei Mystik, namentlich in Jakob Böhme vertieft, und hat sich dann auch befruchten lassen durch Böhmesche Ideen, hat dann etwas, was nun schon konkreter klang, aus Jakob Böhmeschen Ideen herausgeholt. Es hat schon niemand eigentlich mehr verstanden, denn es wurde nicht verstanden, was Schelling geschrieben hatte in den «Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die mit ihr zusammenhängenden Gegenstände», 1809. Aber so in den zwanziger Jahren fing Schelling auf eine merkwürdige Art zu reden an, nachdem er bis dahin lange zurückgezogen gelebt hatte. Sie finden heute in Reclams Universalbibliothek ein kleines Bändchen von Schelling, das heißt «Die Weltalter». Wenn Sie dieses Bändchen in die Hand nehmen, so werden Sie ein sonderbares Gefühl kriegen. Sie werden sich sagen: Da ist ja alles noch recht nebulos und abstrakt. Aber man hat doch ein merkwürdiges Gefühl: Wie kommt der Mensch, der Schelling, darauf, nicht das zu sagen, was zum Beispiel dann auf anthroposophischem Boden als die Wahrheiten über die Atlantis gesagt worden ist, aber fast — wie ungeschickt — darauf hinzudeuten? So weit kommt er: wie ungeschickt darauf hinzudeuten. Es ist ganz interessant, dieses Bändchen in Reclams Universalbibliothek von Schelling «Die Weltalter».
[ 54 ] Dann aber berief ihn ja Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1841 an die Universität in Berlin. Da wurde er dann auch, nachdem Hegel seit zehn Jahren tot war, der Nachfolger Hegels. Da fing Schelling an vorzutragen seine «Philosophie der Offenbarung».
[ 55 ] Auch das ist noch furchtbar abstrakt. Er redet von drei Potenzen A, 1, 2, 3. Es ist furchtbar abstrakt. Aber er führt das dann fort bis zu einer Art Erfassung der alten Mysterien, bis zu einer Art Erfassung des Christentums. Und wiederum, wie er eingeht auf diese Ideen, können wir das Gefühl haben: Da ist auf eine noch ganz primitive Art ein Weg gesucht in eine wirklich geistige Welt hinein. Aber man kann nicht so eigentlich zurechtkommen mit dem, was da der Schelling kurz vorgetragen hat. Die Leute haben aber trotzdem nichts verstanden. Es ist ja auch schließlich nicht sehr leicht, das zu verstehen, weil es eben ein bedenklicher Weg ist.
[ 56 ] Nun aber, im Zeitbewußtsein — dafür ist das ja ein Beweis — lag denn doch etwas, was da jemanden wie Schelling darauf hinwies: Man muß in einer geistigen Welt suchen.
[ 57 ] In einer anderen Form geschah das in England. Es ist außerordentlich interessant, die Schriften von Lawrence Oliphant zu lesen. Oliphant stellt nun natürlich in anderer Weise — denn Engländer stellen anders dar als Deutsche, viel dinglicher, handgreiflicher, sinnlicher — dasjenige dar, was ihm aufgegangen ist über Urzeiten der Menschheitsentwickelung der Erde. Es sind in gewissem Sinne, wenn man eben auf den Unterschied des Völkischen hinsieht, Parallelerscheinungen: der Schelling in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr aus Idealismus heraus, der Oliphant mehr aus Realismus heraus, eine Art starken Hinstrebens zur geistigen Welt bei beiden, Hinstrebens zu einem Begreifen dessen, was vor dem Menschen als Welt sich offenbart aus dem Geiste heraus.
[ 58 ] Forscht man nach, was da eigentlich Merkwürdiges vorliegt, sowohl bei Schelling, wie bei Oliphant - es ist, nur völkisch verschieden, die gleiche Erscheinung, die da eigentlich vorlag -, so ist es nämlich dieses: Diese Leute wuchsen, der eine auf deutsche, der andere auf englische Art in die Zeitkultur hinein, rangen sich durch bis zu einer höchsten Vollendung derjenigen Ideen, die man als philosophische Ideen der Zeit hatte über den Menschen, über Weltall’ und so weiter.
[ 59 ] Sowohl Schelling auf seine Art wie Oliphant auf seine Art rangen sich durch. Nun wissen Sie ja aus meinen anthroposophischen Darstellungen: Der Mensch entwickelt sich heute im Lebensanfange so, daß das Physische eine Begleiterscheinung seiner seelischen Entwickelung ist. Nachher hört es auf. Von den Griechen konnte ich Ihnen sagen: die entwickelten sich noch in den Dreißigerjahren so, daß nun eine wirkliche Weiterentwickelung, Parallelismus des Physischen und des Geistigen da war. Bei Schelling und bei Oliphant war das nun etwas anderes als bei den Durchschnittsmenschen von heute. Bei ihnen war es so: Sie entwickelten sich zuerst als normale Menschen; denn natürlich, wenn man heute ein Philosoph ist, kann man durchaus ein normaler Mensch sein, vielleicht sogar ein unternormaler Mensch, aber das nur in Parenthese. Man entwickelt halt die Begriffe etwas weiter, nicht wahr, aber dann bleibt man stehen, wenn man ein normaler Mensch ist. Schelling und Oliphant blieben nicht stehen, sondern als sie älter wurden, da wurde plötzlich die Seele so lebendig, wie sie in einem früheren Erdenleben war, und da trat eine Erinnerung an uralt Gewußtes aus früheren Inkarnationen auf: in einer natürlichen Weise, ferne Erinnerungen, unklare Erinnerungen. Und jetzt hat man plötzlich einen Lichtblitz. Jetzt fängt man an, sowohl Oliphant wie Schelling in einem anderen Lichte zu sehen.
[ 60 ] Die ringen sich durch, werden zuerst normale Philosophen, je nach ihren Ländern, dann in ihrem späteren Alter bekommen sie eine Erinnerung an ein früher Gewußtes in früheren Erdenleben, jetzt wie eine unklare Erinnerung. Da fangen sie an, von der geistigen Welt zu reden. Es ist eine unklare Erinnerung, was bei Schelling und bei Lawrence Oliphant auftrat. Es war aber doch etwas, was man bei denen, die nur traditionelle alte Entwickelung hatten, in einem gewissen Grade befürchtete, daß es überhand nehmen, grassieren könnte. Die Leute befürchteten schrecklich, es könnten Menschen geboren werden, die sich an das erinnern, was sie früher einmal durchlebt haben, und dann davon reden. Ja, sie dachten sich: Was wird denn dann aus unserem Geheimhaltungsprinzip? Wir lassen heilige Eide schwören den Angehörigen des ersten, zweiten, dritten Grades und so weiter, aber wenn nun Menschen geboren werden, die das durch Erinnerung wiederum erleben, was uns da bewahrt ist und was wir einsperren, wie ist es dann mit unserem ganzen Geheimhalten?
[ 61 ] Und nun erschien «Die entschleierte Isis»! Das merkwürdige Phänomen war: Dieses Buch brachte eine ganze Menge von dem, was in Geheimgesellschaften geheimgehalten wurde, offen auf den Büchermarkt. Das große Problem trat jetzt vor die Menschen hin: Woher hat das, was wir doch eingesperrt haben, und wofür die Leute heilige Eide geschworen haben, woher hat das die Blavatsky? Gerade von solchen, die mit erschrocken waren, wurde dieses Buch, «Die entschleierte Isis», sehr stark beachtet. Also es war schon für jene Menschen, die bewußt das Geistesleben vom Ende des 19. Jahrhunderts miterlebten, ein Problem, was da erschienen war mit dem Buche von Blavatsky.
[ 62 ] Nun erschien «Die Geheimlehre». Da war das erst recht der Fall. Ich stelle, wie gesagt, heute nur Tatsachen hin. Eine ganze Menge von Dingen, die eigentlich in Geheimgesellschaften nur den höchsten Graden vorbehalten waren, war damit hingestellt. Und solche, die eben erschrocken waren schon vor dem ersten Buch, und dann noch vor dem zweiten Buch, prägten damals verschiedene Worte dafür, denn es war — gerade für die sogenannten Eingeweihten — dieses Phänomen Blavatsky etwas ungeheuer Aufregendes. «Die entschleierte Isis» war ihnen noch nicht einmal so ganz unheimlich, denn Blavatsky war ja eine chaotische Persönlichkeit, die dann immerfort in dasjenige, was wirklich tiefe Weisheit war, allerlei Zeug hineinbrachte, wie ich gestern schon sagte, was nichts wert ist. Aber immerhin, über «Die entschleierte Isis» konnten die erschrekkenden sogenannten Eingeweihten sagen: Es ist ein Buch, was wahr ist daran, ist nicht neu, und was neu ist, ist nicht wahr! - So wurde zunächst über dieses Buch geurteilt. Die Leute wußten: Das Unangenehme für sie war: die Dinge sind enthüllt worden. Es hieß ja auch das Buch «Die entschleierte Isis». Sie beruhigten sich eben damit: Ja, da muß von irgendeiner Seite etwas geschehen sein, was eigentlich in unsere Rechte eingreift.
[ 63 ] Als aber «Die Geheimlehre», die «Secret doctrine» erschien, wo eine ganze Menge Dinge darinnen standen, die auch die höchsten Grade nicht wußten, da konnten die Menschen nicht mehr sagen: Dasjenige, was wahr ist, ist nicht neu, und was neu ist, ist nicht wahr, — denn es waren eine ganze Anzahl von Dingen da gesagt, die eben sich traditionell nicht erhalten hatten.
[ 64 ] So hatte man auf eine ganz sonderbare Art dasjenige, was man fürchten konnte seit Schelling und Lawrence Oliphant, an einer Frau in einer ganz merkwürdigen, noch dazu verwirrenden Art vor sich.
[ 65 ] Deshalb sagte ich: Die Persönlichkeit ist psychologisch noch interessanter als die Bücher. Es war schon ein wichtiges, merkwürdiges Phänomen für das Geistesleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dieses Phänomen Blavatsky.
[ 66 ] Bis hierher wollte ich die Tatsachen führen.
