The History and Circumstances
of the Anthroposophical Movement
in relation to the Anthroposophical Society
An Impulse Towards Self-reflection
GA 258
11 June 1923, Dornach
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The History and Circumstances of the Anthroposophical Movement, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Wenn man über die Geschichte und die Lebensbedingungen der Anthroposophie in ihrem Verhältnisse zur Anthroposophischen Gesellschaft zu sprechen hat, dann werden zunächst die Betrachtungen an zwei Fragen, die sich einfach aus dieser Geschichte heraus ergeben, anzuknüpfen haben. Diese beiden Fragen könnte ich in der folgenden Weise formulieren. Erstens, warum war es notwendig, die anthroposophische Bewegung anzuknüpfen in der Art, wie es geschehen ist, an die theosophische Bewegung? Und zweitens, warum wird, was ja im Grunde genommen nur aus äußerlichen Gründen geschieht, die Anthroposophie bis heute noch von übelwollenden Gegnern mit der Theosophie, beziehungsweise die Anthroposophische Gesellschaft mit der Theosophischen Gesellschaft verwechselt?
[ 1 ] When discussing the history and circumstances of anthroposophy in relation to the Anthroposophical Society, we must first address two questions that arise naturally from this history. I could formulate these two questions as follows. First, why was it necessary to link the anthroposophical movement to the theosophical movement in the way that it did? And second, why is it that—even though this is essentially due only to external factors—anthroposophy is still today confused by ill-intentioned opponents with theosophy, or rather, the Anthroposophical Society with the Theosophical Society?
[ 2 ] Es werden sich die Antworten auf diese Fragen wirklich nur aus dem Geschichtlichen heraus entwickeln können. Gestern sagte ich, daß ja, wenn man von Anthroposophischer Gesellschaft spricht, es zunächst darauf ankäme, wie die Menschen sind, die sich gedrängt fühlen, ihren Weg durch eine anthroposophische Bewegung zu suchen. Und ich habe gestern zu charakterisieren versucht, in welchem Sinne die Seelen, die da herankommen an Anthroposophie, um ihre geistigen Sehnsuchten zu befriedigen, in einer gewissen Art heimatlose Seelen sind. Nun, in der Tat, am Ende des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts waren solche heimatlosen Seelen vorhanden. Es waren ihrer mehr vorhanden, als man gewöhnlich anzunehmen geneigt ist, denn viele Menschen versuchten auf verschiedenen Wegen, das Tiefer-Menschliche in sich in irgendeiner Art zur Ausbildung zu bringen.
[ 2 ] The answers to these questions can truly only emerge from a historical perspective. Yesterday I said that, when speaking of the Anthroposophical Society, what matters first and foremost is the nature of the people who feel compelled to seek their path through an anthroposophical movement. And yesterday I tried to describe in what sense the souls who are drawn to anthroposophy to satisfy their spiritual longings are, in a certain sense, homeless souls. Well, in fact, at the end of the 19th century and the beginning of the 20th century, such homeless souls did exist. There were more of them than one is usually inclined to assume, for many people were trying, in various ways, to develop the deeper human aspects within themselves in some form.
[ 3 ] Man braucht sich ja nur daran zu erinnern, wie, ganz abgesehen von.den Bestrebungen, die aus dem .neuzeitlichen Materialismus hervorgegangen sind und die dann zu den verschiedensten Formen des Spiritismus geführt haben, zahlreiche Seelen eine gewisse innere Befriedigung gesucht haben dadurch, daß sie solche Schriften wie etwa die von Ralph Waldo Trine und ähnliche gelesen haben. Was haben denn solche Seelen gesucht, die in der angedeuteten Zeit etwa zu den Schriften von Ralph Waldo Trine griffen? Sie haben, ich möchte sagen, ihr Menschliches anzufüllen versucht mit etwas, was eben von ihnen ersehnt wurde, was sie innerlich fühlen und erleben wollten, was aber auf den gangbaren Wegen der neueren Zivilisation nicht zu finden war, was für sie weder zu finden war in der populären profanen Literatur oder in der profanen Kunst, was für sie auch nicht zu finden war bei den traditionellen Religionsbekenntnissen.
[ 3 ] One need only recall how—quite apart from the endeavors that arose from modern materialism and subsequently led to the most diverse forms of spiritualism—numerous souls sought a certain inner satisfaction by reading works such as those by Ralph Waldo Trine and others like him. What, then, were such souls seeking when, during the period in question, they turned to the writings of Ralph Waldo Trine? They sought, I would say, to fill their humanity with something they longed for—something they wanted to feel and experience inwardly—but which could not be found along the conventional paths of modern civilization; something they could not find in popular secular literature or in secular art, nor in the traditional religious creeds.
[ 4 ] Ich werde nun heute zunächst einige Tatsachen anzuführen haben und es den nächsten Vorträgen überlassen müssen, die Verbindungsfäden zwischen diesen Tatsachen vor Ihnen zu ziehen. Zunächst wird es sich darum handeln, gewisse Tatsachen in entsprechender Weise vor die Seele zu führen.
[ 4 ] Today, I will first have to present a few facts and leave it to the next lectures to draw the connections between these facts for you. To begin with, the aim will be to bring certain facts to mind in an appropriate manner.
[ 5 ] Unter all den Menschen, die so suchten, sei es auf spiritistischem Wege, sei es durch Ralph Waldo Trine oder andere, waren auch diejenigen, die sich der damals in verschiedenen Zweigen vorhandenen Theosophischen Gesellschaft anschlossen. Und wenn man sich die Frage vorlegt: Unterschieden sich diese Menschen, die sich gerade der Theosophischen Gesellschaft in irgendeiner Form anschlossen, durch irgendwelche charakteristische Eigenschaften von den anderen, die zum Beispiel Spiritisten wurden oder sich durch Ralph Waldo Trine innerlich zu bereichern versuchten, unterschieden sie sich von diesen, — so muß man allerdings die Frage mit Ja beantworten. Sie unterschieden sich ganz bedeutsam. Es war schon eine besondere Art, möchte ich sagen, von menschlichem Suchen bei denjenigen vorhanden, die gerade zu irgendeiner Form der Theosophischen Gesellschaft getrieben worden sind.
[ 5 ] Among all the people who were searching in this way—whether through spiritualism, through Ralph Waldo Trine, or through others—were also those who joined the Theosophical Society, which at that time had various branches. And if one asks the question: Did these people, who joined the Theosophical Society in one form or another, differ in any characteristic ways from the others—such as those who became spiritualists or sought inner enrichment through Ralph Waldo Trine?—then one must certainly answer “yes.” They differed quite significantly. There was, I would say, a special kind of human seeking present in those who were drawn specifically to some form of the Theosophical Society.
[ 6 ] Wir wissen aus dem Verlauf der Entwickelung der Theosophischen Gesellschaft, daß man sich schon vorstellen konnte, daß dasjenige, was im Beginne unseres Jahrhunderts nun als Anthroposophie zu suchen war, am ehesten hätte Verständnis finden können innerhalb der Kreise, die sich zur Theosophie dazumal verbanden. Aber das kann eben erst beleuchtet werden, wenn die Tatsachen ordentlich vor unsere Seele hingestellt sind.
[ 6 ] We know from the history of the Theosophical Society that one could already have formed a mental image of what was to be sought as anthroposophy at the beginning of our century, which would most likely have found understanding within the circles that were associated with theosophy at that time. But this can only be clarified once the facts have been properly laid before our souls.
[ 7 ] Nun möchte ich, dabei stehenbleibend, zunächst die Menschen, die sich da zusammenfanden, charakterisieren, eine Art Bild geben von dem, was man damals als Theosophische Gesellschaft verstehen konnte, die ja ihre prägnanteste Ausprägung in der englischen Theosophical Society fand. An diese schloß sich ja auch an, was dann als Anthroposophie, oder besser gesagt, was eigentlich gleich als Anthroposophie hervorgetreten ist.
[ 7 ] Now, without straying from this point, I would first like to describe the people who came together there, to provide a sort of picture of what was understood at the time as the Theosophical Society—which, after all, found its most striking expression in the English Theosophical Society. It was this society that gave rise to what later became known as anthroposophy—or, more accurately, what emerged from the very beginning as anthroposophy.
[ 8 ] Wenn man dasjenige, ich möchte sagen, als Menschengruppe vor sich hatte, was in der Theosophical Society gemeint war, so muß man zunächst in das Bewußtsein dieser Menschen etwas hineinschauen, hineinschauen in die Seelen dieser Menschen, um zu erkennen, wie das Bewußtsein dieser Menschen geartet war. Diese Menschen haben dieses ihr Bewußtsein ja schon in irgendeiner Weise ausgelebt. Sie haben Versammlungen, Meetings abgehalten; da sind Vorträge gehalten worden, Diskussionen gepflogen worden. Sie haben sich sonst auch außerhalb der Meetings getroffen, sogar sehr viel miteinander gesprochen in kleineren Zirkeln. Es war zum Beispiel bei Generalversammlungen nicht üblich, daß die Zeit so ausgefüllt war, wie das bei uns gestern der Fall war. Man fand immer die Möglichkeit, gemeinsam zu essen, Tee zu trinken und so weiter. Man fand sogar in den Zwischenzeiten die Möglichkeiten, andere Toiletten anzulegen und dergleichen. Es war immerhin schon eine Art von auch, ich möchte sagen, aus der Außenwelt hereinscheinenden sozialen Verhaltens. Aber das ist es natürlich weniger, was uns interessieren kann. Interessieren muß uns das Bewußtsein der Menschen. Und da konnte zunächst stark auffallen, daß außerordentlich widersprechende Kräfte zwischen diesen Persönlichkeiten spielten.
[ 8 ] If one were to consider—I would say—the group of people that the Theosophical Society represented, one must first look into the consciousness of these people, look into their souls, in order to understand the nature of their consciousness. These people had, after all, already lived out their consciousness in one way or another. They held gatherings and meetings; lectures were given there, and discussions took place. They also met outside of the meetings, even talking with one another quite a lot in smaller circles. For example, at general assemblies, it was not customary for the time to be filled as fully as it was for us yesterday. People always found opportunities to eat together, drink tea, and so on. They even found opportunities in between to freshen up and the like. After all, it was already a kind of—I would say—social behavior that seemed to shine in from the outside world. But of course, that is not what interests us so much. What must interest us is people’s consciousness. And there, it was immediately striking that extraordinarily contradictory forces were at play between these personalities.
[ 9 ] Diese widersprechenden Kräfte fielen einem besonders auf, wenn die Leute Versammlungen abhielten. Sie kamen zusammen. Aber von jedem Menschen, wenn man nicht eingeschworener Theosoph war, suchte man zwei Vorstellungen zu haben. Es war das Eigentümliche, daß, wenn man in die Theosophical Society kam, es einfach eine Notwendigkeit war, von jedem Menschen zwei Vorstellungen zu haben. Die eine Vorstellung war diejenige, die man sich bildete, je nachdem er einem entgegentrat. Die andere Vorstellung aber war diejenige, die die anderen von jedem einzelnen hatten. Sie war herausgeboren aus ganz allgemeinen Anschauungen, aus Anschauungen, die sehr theoretischer Natur waren: Vorstellungen über den Menschen überhaupt, über allgemeine Menschenliebe, über Vorgerücktsein — «advanced», wie man es nannte — oder Nichtvorgerücktsein, über die Art und Weise, wie man ernst gestimmt sein müsse, wenn man würdig sich erweisen solle, die Lehren der Theosophie aufzunehmen und so weiter. Es waren Vorstellungen recht theoretischer Art. Und man dachte: In den Menschen, die da in Fleisch und Blut herumgingen, müsse doch etwas von alldem sein. Da lebten eigentlich nicht die Vorstellungen, die ich zunächst meine, die man sich so auf naive Weise von dem anderen Menschen gebildet hat, die lebten eigentlich nicht bei den Mitgliedern, sondern es lebte ein Bild in jedem einzelnen von allen anderen, das eigentlich aus theoretischen Vorstellungen von Menschen und Menschenverhalten hervorgegangen war.
[ 9 ] These conflicting forces were particularly noticeable when people held meetings. They would come together. But unless one was a devoted Theosophist, one was expected to hold two different mental images of every person. It was peculiar that, when one joined the Theosophical Society, it was simply a necessity to have two mental images of every person. One mental image was the one one formed depending on how the person presented themselves. The other mental image, however, was the one that others had of each individual. It arose from very general views, from views that were highly theoretical in nature: mental images of human beings in general, of universal love for humanity, of being “advanced”—as it was called—or not being advanced, of the seriousness one had to possess in order to prove oneself worthy of receiving the teachings of Theosophy, and so on. These were mental images of a rather theoretical nature. And people thought: There must surely be something of all that in the people walking around in the flesh. The mental images I am referring to at first—the ones one naively forms about other people—did not actually live within the members; rather, there was an image in each individual of all the others that had actually emerged from theoretical notions about human beings and human behavior.
[ 10 ] Eigentlich sah keiner den anderen, wie er wirklich war, sondern er sah eine Art Gespenst. Und so mußte man eben, weil man, wenn man zum Beispiel einem Herrn Müller begegnete und sich naiv ein Bild von dem Herrn Müller bildete, dann, wenn man sich vergegenwärtigte, was irgendein anderer für eine Vorstellung habe von dem Herrn Müller, sich eine gespenstische Vorstellung machen. Denn die wirkliche Vorstellung hatte keiner von dem anderen, sondern ein Gespenst stellte er sich vor, das konstruiert war. So hatte man eben nötig, von jedem Menschen zwei Vorstellungen zu haben. Nur ersparten sich die meisten Mitglieder die Vorstellung vom wirklichen Menschen, sie nahmen nur die Vorstellung des Gespenstes auf, so daß eigentlich zwischen den einzelnen Mitgliedern immer gespensterhafte Vorstellungen voneinander lebten. Man begegnete eigentlich in den Bewußtseinen der «members» lauter Gespenstern. Man mußte-schon eben Interesse haben für Psychologie.
[ 10 ] Actually, no one saw the other person as he really was; instead, they saw a kind of ghost. And so one simply had to—because, for example, if one encountered a Mr. Müller and naively formed a mental image of Mr. Müller, then, when one considered what some other person might think of Mr. Müller, one had to form a ghostly mental image. For no one had a real mental image of the other; rather, one imagined a ghost that was constructed. So one simply had to have two mental images of every person. Only, most members spared themselves the mental image of the real person; they took in only the mental image of the phantom, so that, in fact, phantom-like mental images of one another always existed between the individual members. In the consciousnesses of the “members,” one actually encountered nothing but phantoms. One simply had to have an interest in psychology.
[ 11 ] Man mußte auch eine gewisse Vorurteilslosigkeit und Weitherzigkeit haben, um eben wirklichen Anteil zu nehmen. Es war ja sehr interessant dann, Anteil zu nehmen an dem, was eigentlich da als eine Art Gespenstergesellschaft lebte. Denn in der Begrenzung, wie ich es jetzt sagte, war es eine Gespenstergesellschaft, die da lebte. Insbesondere trat einem das gegenüber den führenden Persönlichkeiten sehr stark vors Auge. Die führenden Persönlichkeiten lebten bei den anderen auf eine ganz eigentümliche Weise. Da wurde, sagen wir, von irgendeiner führenden Persönlichkeit gesprochen, X zum Beispiel. Die ging des Nachts als Astralgestalt von Haus zu Haus — natürlich nur durch die Häuser der Mitglieder - als unsichtbarer Helfer. Die strahlte noch alles mögliche aus. Es waren zum Teil außerordentlich schöne gespensterhafte Vorstellungen, die von den führenden Persönlichkeiten vorhanden waren. Es war dann oftmals ein auffälliger Kontrast, wenn einem diese Persönlichkeiten in der Wirklichkeit entgegentraten. Aber da sorgte ja dann die allgemeine Stimmung, daß möglichst nur die Gespenstervorstellungen leben konnten und die wirklichen Vorstellungen wenig leben konnten.
[ 11 ] One also had to possess a certain open-mindedness and generosity of spirit in order to truly take an interest. It was indeed very interesting to then take part in what was essentially a kind of “ghost society” living there. For, within the limitations I just mentioned, it was a ghost society that lived there. This was particularly striking when it came to the leading figures. The leading figures lived among the others in a very peculiar way. For example, let’s say there was talk of a certain leading figure, X for instance. At night, this figure would go from house to house as an astral form—of course, only through the homes of the members—as an invisible helper. This figure radiated all sorts of things. In some cases, there were extraordinarily beautiful, ghostly mental images associated with the leading figures. It was often a striking contrast when one encountered these figures in reality. But the general atmosphere ensured that, as far as possible, only the ghostly mental images could thrive, while the real ones could barely survive.
[ 12 ] Sehen Sie, zu so etwas brauchte man durchaus Anschauungen, Lehren. Denn da nicht alle Menschen hellsichtig sind, obwohl es dazumal außerordentlich viele gab, die wenigstens vorgaben, hellsichtig zu sein — wir wollen das jetzt nicht untersuchen, wieweit das stimmte —, aber da nicht alle hellsichtig gewesen sind, so bedurfte es gewisser Theorien, durch die man das zusammenzimmerte, was man da als Gespenster formierte.
[ 12 ] You see, for something like that, one certainly needed insights and teachings. For since not all people are clairvoyant—although back then there were an extraordinary number who at least claimed to be clairvoyant (we won’t examine now to what extent that was true)—but since not all were clairvoyant, certain theories were needed to piece together what was then conceived as ghosts.
[ 13 ] Nun, diese Theorien hatten etwas außerordentlich Altertümliches. So mußte man den Eindruck empfangen, daß es altaufgewärmte Theorien sind, nach denen nun da die Menschen gespensterhaft konstruiert wurden. Vielfach konnte man auch leicht finden, wie diese gespenstischen Menschengestalten altem Schrifttum nachgebildet waren.
[ 13 ] Well, there was something extraordinarily archaic about these theories. One couldn’t help but get the impression that they were old, rehashed theories that had been used to construct these ghostly human figures. In many cases, it was also easy to see how these ghostly human figures were modeled after ancient writings.
[ 14 ] So kam zu der Gespensterhaftigkeit dazu, daß die Menschen, die ‚man da als Gespenster vor sich hatte, gar nicht Menschen der Gegenwart waren. Es waren eigentlich Menschen früherer Inkarnationen, Menschen, die einem vorkamen wie den ägyptischen oder persischen Gräbern entstiegen, oder alten indischen Gräbern entstiegen. Man hatte in einem gewissen Sinne ganz den Eindruck der Gegenwart verloren.
[ 14 ] So, in addition to the ghostly nature of the experience, the people one saw as ghosts were not at all people of the present. They were actually people from earlier incarnations—people who seemed to have emerged from Egyptian or Persian tombs, or from ancient Indian tombs. In a certain sense, one had completely lost the sense of the present.
[ 15 ] Aber dazu kam noch etwas ganz anderes. Diese alten Lehren konnten, selbst wenn sie in verhältnismäßig moderne Terminologie gehüllt waren, wenig verstanden werden. Nun wurde von diesen alten Lehren viel geredet in abstrakten Formen. Physischer Körper wurde ja noch physischer Körper genannt. Ätherischer Leib wurde dem Mittelalter nachgebildet, vielleicht auch noch astralischer Leib. Dann aber kamen schon die Dinge wie Manas, Kama Manas und dergleichen, die alle im Munde führten Aber niemand verstand eigentlich, um was es sich handelte. Es war ja das alles auch gekleidet in ganz modern materialistische Vorstellungen. Aber es waren Weltenzusammenhänge, Weltenbegriffe und -ideen in diesen Lehren enthalten, so daß man das Gefühl bekommen konnte: da sprechen die Seelen wie in weit abgelegenen, früheren, nicht nur Jahrhunderten, sondern Jahrtausenden.
[ 15 ] But there was something else entirely to consider. These ancient teachings, even when couched in relatively modern terminology, were difficult to understand. Now, these ancient teachings were often discussed in abstract terms. The physical body was, of course, still called the physical body. The etheric body was modeled after the medieval conception, and perhaps the astral body as well. But then came terms like Manas, Kama Manas, and the like, which everyone bandied about—yet no one really understood what they meant. After all, all of this was also clothed in thoroughly modern, materialistic mental images. Yet these teachings contained cosmic connections, cosmic concepts, and ideas, so that one could get the feeling: here, souls are speaking as if from distant, bygone times—not merely centuries, but millennia ago.
[ 16 ] Das ging ja sehr weit. Es wurden Bücher geschrieben in einer solchen Sprachart. Sie wurden übersetzt; und das ging also alles in einer solchen Form vor sich. Aber es hatte auch noch eine andere Seite. Es hatte eine schöne Seite. Nämlich von all dem, was da oftmals nur als Worte lebte, was da unverstanden war, von all dem färbte auf die Menschen doch etwas ab. Man möchte sagen: Wenn auch nicht in den Seelen, so war von alledem doch außerordentlich viel im Seelenkostüm der Leute. Sie gingen eigentlich herum, ich möchte sagen, indem sie nicht gerade ein Bewußtsein hatten von Ätherleib oder von Kama Manas, aber sie hatten so das Bewußtsein, daß sie eine Reihe von Mänteln umgab: der eine ist ein Ätherleib, der andere ist Kama Manas und so weiter. Sie hielten etwas auf diese Mäntel, auf dieses Seelenkostüm, und das bildete einen starken Kitt für die Leute.
[ 16 ] That really went quite far. Books were written in that style of language. They were translated; and so it all took place in that manner. But there was also another side to it. There was a beautiful side to it. Namely, something of all that which often existed only as words, which was misunderstood—something of all that did rub off on people after all. One might say: even if not in their souls, there was nevertheless an extraordinary amount of all that in the people’s spiritual makeup. They actually went about their lives—I would say—not exactly with a conscious awareness of the etheric body or of Kama-Manas, but they had a sense that they were surrounded by a series of “cloaks”: one is the etheric body, another is Kama-Manas, and so on. They attached some importance to these “cloaks,” to this “soul’s attire,” and that formed a strong bond among the people.
[ 17 ] Das ist etwas, was in einer außerordentlich intensiven Weise die Theosophical Society zu einem Ganzen zusammengeschmiedet hat, was wirklich gemacht hat, daß ungeheures Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden war, daß jeder einzelne sich als einen Repräsentanten der Theosophical Society fühlte. Diese Society war etwas für sich, außer dem, daß jeder einzelne da war, war diese Gesellschaft etwas. Sie hatte, man kann schon sagen, ein Selbstbewußtsein für sich. Sie hatte ein eigenes Ich. Dieses eigene Ich war so stark, daß, selbst als dann die Absurditäten der führenden Persönlichkeiten in einer geradezu kuriosen Weise an die Oberfläche getreten sind, diejenigen Menschen, die sich einmal als zugehörig gefühlt haben, mit eiserner Gewalt festgehalten haben und so ein Gefühl dafür hatten: Das ist etwas wie Verrat, wenn auch bei großen Fehlern der führenden Persönlichkeiten nicht zusammengehalten wird.
[ 17 ] This is something that forged the Theosophical Society into a unified whole in an extraordinarily intense way—something that truly created an immense sense of belonging, so that every single member felt like a representative of the Theosophical Society. This Society was something in its own right; apart from the fact that each individual was there, the Society itself was something. It had, one might say, a self-awareness of its own. It had its own “I.” This sense of self was so strong that, even when the absurdities of the leading figures came to the surface in a downright curious way, those people who had once felt they belonged held on with iron determination and felt that it would be a kind of betrayal not to stick together, even in the face of major mistakes by the leading figures.
[ 18 ] Wer etwa einen Einblick gewonnen hat in jene Kämpfe, die von gewissen Anhängern der Theosophischen Gesellschaft später durchgemacht worden sind, als die Anthroposophische Gesellschaft längst von ihr getrennt war, welche Kämpfe da durchgemacht worden sind, wenn immer wieder und wiederum gesehen worden ist: Da machen die Führer ganz ungeheuerliche Dinge, aber man kann sich doch deshalb nicht von ihnen trennen, — wenn man angesehen hat die Kämpfe, die da in den einzelnen Seelen vor sich gegangen sind, dann bekommt man, wenn man auch wirklich ungeheuer Schlechtes dabei verurteilen muß, auf der anderen Seite einen gewissen Respekt vor diesem Ich-Bewußtsein der ganzen Gesellschaft.
[ 18 ] Anyone who has gained some insight into the struggles later endured by certain followers of the Theosophical Society—long after the Anthroposophical Society had separated from it—and into the struggles they went through when they saw time and again: ‘The leaders are doing utterly outrageous things, but one cannot simply break away from them because of that’—when one has observed the inner struggles that have taken place within individual souls, then, even while one must truly condemn the terrible wrongs involved, one also develops, on the other hand, a certain respect for the sense of self of the entire Society.
[ 19 ] Und es entsteht eben die Frage: Wäre es nicht möglich, daß mit den Bedingungen, unter denen die Anthroposophische Gesellschaft in die Welt treten sollte, auch ein solches Gesellschaftsbewußtsein erwachsen könnte?
[ 19 ] And this raises the question: Wouldn't it be possible that, given the conditions under which the Anthroposophical Society was to emerge into the world, such a social consciousness could also develop?
[ 20 ] Mit der Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft mußte verzichtet werden auf jene oftmals sehr bedenklichen Mittel, durch welche dort in der Theosophischen Gesellschaft der starke Zusammenhalt und das Ich-Bewußtsein der Gesellschaft errungen worden ist. Es mußte das Ideal eben vor der Anthroposophischen Gesellschaft schweben: Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit. Aber das sind eben doch Dinge, die bis heute Ideal geblieben sind. Gerade auf diesem Felde läßt ja die Anthroposophische Gesellschaft insofern noch viel zu wünschen übrig, als sie in bezug auf die Bildung eines Gemeinschaftskörpers, eines eigenen Gesellschafts-Ichs, nicht einmal noch in den Anfängen steht. Die Anthroposophische Gesellschaft ist eine Vereinigung von Menschen, die als einzelne Menschen sehr strebsam sein können, aber als Gesellschaft ist sie im Grunde genommen noch gar nicht da, weil eben dieses Zusammengehörigkeitsgefühl nicht da ist, weil die wenigsten Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sich als Repräsentanten dieser Gesellschaft fühlen. Es fühlt sich jeder als ein einzelner und vergißst ganz, daß es eine Anthroposophische Gesellschaft geben soll.
[ 20 ] When the Anthroposophical Society was founded, it was necessary to forgo those often highly questionable means by which the Theosophical Society had achieved its strong cohesion and sense of identity. The ideal had to be held aloft before the Anthroposophical Society: Wisdom lies only in truth. But these are, after all, things that have remained ideals to this day. It is precisely in this area that the Anthroposophical Society still leaves much to be desired, in that it has not even reached the initial stages of forming a communal body, a distinct societal “I.” The Anthroposophical Society is an association of people who, as individuals, may be very ambitious, but as a society it does not really exist yet, precisely because this sense of belonging is lacking, because very few members of the Anthroposophical Society feel they are representatives of this society. Everyone feels like an individual and completely forgets that there is supposed to be an Anthroposophical Society.
[ 21 ] Nun habe ich mit einigem - ich werde das dann noch ergänzen an den folgenden Tagen — das Publikum charakterisiert. Ich möchte auch noch die andere Seite charakterisieren. Denn wie hat sich in dieses ganze Zeitstreben, so muß ich ja sagen, Anthroposophie nun hineingestellt? Wer will, wird eben die Grundprinzipien der Anthroposophie bereits finden in meiner «Philosophie der Freiheit». Ich will heute nur das eine hervorheben, das ist das, daß ja diese «Philosophie der Freiheit» zunächst überall mit einer inneren Notwendigkeit auf ein geistiges Reich hinweist, aus dem zum Beispiel die moralischen Impulse genommen werden. So daß also im Sinne der «Philosophie der Freiheit» nicht stehengeblieben werden kann bei der Sinneswelt, sondern fortgeschritten werden muß zu einem in sich begründeten geistigen Reiche. Dieses Bestehen eines geistigen Reiches bekommt ja noch die ganz andere konkrete Form, daß der Mensch in seinem innersten Wesen, wenn er sich seines innersten Wesens bewußt wird, nicht mit der Sinneswelt zusammenhängt, sondern in diesem innersten Wesen mit der geistigen Welt zusammenhängt.
[ 21 ] I have now characterized the audience to some extent—I will expand on this in the coming days. I would also like to characterize the other side. For how, I must say, has anthroposophy positioned itself within this whole striving for time? Anyone who wishes to can already find the basic principles of anthroposophy in my *Philosophy of Freedom*. Today I want to emphasize just one thing: namely, that this *Philosophy of Freedom* points everywhere, out of an inner necessity, to a spiritual realm from which, for example, moral impulses are drawn. Thus, in the spirit of the *Philosophy of Freedom*, one cannot remain confined to the sensory world but must advance to a spiritual realm grounded in itself. The existence of this spiritual realm takes on yet another concrete form: that in his innermost being—when he becomes conscious of his innermost being—the human being is not connected to the sensory world, but is connected in this innermost being to the spiritual world.
[ 22 ] Diese zwei Dinge: erstens, daß es ein geistiges Reich gibt, zweitens, daß der Mensch mit dem innersten Ich seines Wesens mit diesem geistigen Reich zusammenhängt, sind ja die Fundamentalpunkte der «Philosophie der Freiheit». Es mußte eben einmal die Frage entstehen: Kann man dasjenige, was wie eine Art von Botschaft von der geistigen Welt der neueren Menschheit verkündet werden soll, in dieser Weise verkündigen? Gibt es eine Möglichkeit, anzuknüpfen an irgend etwas? Denn man konnte sich natürlich nicht hinstellen und in die Luft hineinreden. Allerdings kommen einem in der neuesten Zeit alle möglichen sonderbaren Vorschläge zu. So bin ich einmal während meiner Anwesenheit in Wien im Jahre 1918 aufgefordert worden, telegrafisch sogar, von Wien aus nach der Raxalp am Nordrand von Steiermark zu fahren, mich auf die Raxalp zu stellen und dort einen Vortrag für die Alpenberge zu halten! Diese Aufforderung ist tatsächlich telegrafisch an mich damals ergangen. Ich brauche ja wohl nicht zu sagen, daß ich der Aufforderung nicht nachgekommen bin. Aber man kann doch nicht zu Bergen oder in die Luft hineinsprechen, man muß anknüpfen an irgend etwas, was eben da ist in der Zeitzivilisation. Es war im Grunde genommen auch noch um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts außerordentlich wenig da. Menschen waren da, die damals eben aus ihrem Streben heraus in die Theosophische Gesellschaft hinein wollten. Das waren schließlich diejenigen, zu denen sich von diesen Dingen reden ließ.
[ 22 ] These two things—first, that there is a spiritual realm; second, that human beings are connected to this spiritual realm through the innermost self of their being—are, after all, the fundamental points of the *Philosophy of Freedom*. The question simply had to arise: Is it possible to proclaim in this way that which is to be proclaimed as a kind of message from the spiritual world to modern humanity? Is there a way to build upon something? For one could not, of course, just stand there and speak into thin air. That said, all sorts of strange proposals have come my way in recent times. For instance, during my stay in Vienna in 1918, I was asked—even by telegram—to travel from Vienna to the Raxalp on the northern edge of Styria, to stand on the Raxalp, and to give a lecture there for the Alpine mountains! This request was indeed sent to me by telegram at that time. I hardly need to say that I did not comply with the request. But one cannot simply speak to mountains or into thin air; one must connect with something that actually exists in contemporary civilization. In fact, even at the turn of the 19th and 20th centuries, there was extraordinarily little of that. There were people who, driven by their own aspirations, wanted to join the Theosophical Society at that time. Ultimately, these were the ones with whom one could discuss these matters.
[ 23 ] Aber man mußte auch wiederum nicht nur ein Verantwortlichkeitsgefühl haben gegenüber diesen Menschen als einem Publikum, man mußte andererseits das verantwortliche Gefühl gegenüber der geistigen Welt haben, gerade jener Form der geistigen Welt, die in der damaligen Zeit zum Ausdrucke gekommen ist. Und da darf ich vielleicht darauf aufmerksam machen, wie allmählich herausgewachsen ist aus dem ja noch nicht äußerlich von mir Anthroposophie genannten Streben dasjenige, was dann Anthroposophie geworden ist. Ich möchte eben heute nur Tatsachen hinstellen zunächst und die verbindenden Fäden dann in den nächsten Tagen vor Ihnen ziehen.
[ 23 ] But one did not, on the one hand, need only feel a sense of responsibility toward these people as an audience; on the other hand, one also had to feel a sense of responsibility toward the spiritual world—specifically, that form of the spiritual world which found expression at that time. And here I might perhaps draw your attention to how what eventually became anthroposophy gradually grew out of the endeavor that I had not yet outwardly called “anthroposophy.” Today I would simply like to present the facts first and then draw the connecting threads for you in the coming days.
[ 24 ] Vor allen Dingen konnte ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Art Fata Morgana erblicken, etwas, was sich in der physischen Welt in einer ganz natürlichen Weise ausnahm, was aber, wenn auch nur als windige Fata Morgana, ich möchte sagen, als Lichterscheinung, doch in einem gewissen Sinne eine tiefere Bedeutung hatte. Wenn man. auf die damals moderne Art auf sich wirken ließ die Weltanschauungsentwickelung, die damals in der Zivilisation lebte — wenige Menschen befaßten sich ja damit, aber sie war eben doch da -, so konnte man auf etwas sehr Eigentümliches treffen. Da war, wenn wir nur auf Mitteleuropa zunächst reflektieren, die, ich möchte sagen, welterschütternde Philosophie da, die aber alles mögliche sein wollte, die eben eine ganze Weltanschauung sein wollte: die Philosophie des Idealismus von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da waren die Nachklänge da, sagen wir, der Fichteschen, der Hegelschen, der Solgerschen Philosophie, die wirklich in der Zeit, in der sie begründet worden sind, manchen Leuten, die ihre Bekenner wurden, ebensoviel waren, wie nur je Anthroposophie heute dem Menschen sein kann. Aber es waren im Grunde genommen abstrakte Begriffe, eine Summe von abstrakten Begriffen.
[ 24 ] Above all, in the 1880s, I was able to glimpse a kind of mirage—something that appeared quite naturally in the physical world, but which, even if only as a fleeting mirage—or, I might say, as a luminous phenomenon—had, in a certain sense, a deeper meaning. If one allowed oneself to be influenced—in the modern way of that time—by the development of worldviews that existed in civilization at the time—few people were concerned with it, but it was there nonetheless—one could encounter something very peculiar. There was—if we reflect for the moment on Central Europe alone—what I would call a world-shaking philosophy, one that sought to be everything, that sought to be an entire worldview: the philosophy of idealism from the first half of the 19th century. There were the echoes, so to speak, of Fichte’s, Hegel’s, and Solger’s philosophies, which, at the time they were founded, truly meant as much to some of their adherents as anthroposophy can mean to people today. But they were, in essence, abstract concepts—a sum of abstract concepts.
[ 25 ] Sehen Sie sich einmal den ersten von den drei Teilen von Hegels «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften» an, dann werden Sie eine Reihe von Begriffen finden, die auseinander entwickelt werden. Da beginnt es mit dem Sein. Dann kommt das Nichts. Dann kommt das Werden. Dann kommt das Dasein. Ich kann natürlich jetzt nicht die ganze Hegelsche Logik beschreiben, denn das ist ein dickes Buch, da geht es so fort in solchen Begriffen. Zuletzt ist der Zweck. Es kommt eben nur zu abstrakten Gedanken und zu abstrakten Ideen: Sein, Nichts, Werden, Dasein, Zweck.
[ 25 ] If you take a look at the first of the three parts of Hegel’s *Encyclopedia of the Philosophical Sciences*, you will find a series of concepts that are developed in turn. It begins with Being. Then comes Nothingness. Then comes Becoming. Then comes Existence. Of course, I can’t describe the entire Hegelian logic right now, because it’s a thick book, and it continues in this vein with such concepts. Finally, there is purpose. It all boils down to abstract thoughts and abstract ideas: Being, Nothing, Becoming, Existence, Purpose.
[ 26 ] Aber dennoch hat Hegel das genannt: Gott vor der Erschaffung der Welt. So daß man sich also vorzustellen hatte, daß, wenn man die Frage aufwarf: Wie ist Gott gewesen vor der Erschaffung der Welt? — man eben ein System von abstrakten Begriffen und abstrakten Ideen bekam.
[ 26 ] And yet Hegel called that “God before the creation of the world.” So one had to create a mental image of that—when one posed the question: “What was God like before the creation of the world?”—one was presented with a system of abstract concepts and abstract ideas.
[ 27 ] Nun lebte in Wien, gerade als ich jung war — das ist lange her ein Herbartscher Philosoph, Robert Zimmermann. Der sagte: Das ist uns heute nicht mehr erlaubt — er meinte das «Heute» als das letzte Drittel des 19, Jahrhunderts -, so zu denken, wie etwa Hegel oder Solger oder dergleichen gedacht haben. Denn wie dachten die Leute?
[ 27 ] Now, when I was young—and that was a long time ago—there lived in Vienna a Herbartian philosopher named Robert Zimmermann. He said: We are no longer permitted today—he meant “today” as the last third of the 19th century—to think the way Hegel or Solger or the like did. For how did people think?
[ 28 ] Sehen Sie, Zimmermann sagte sich: Die Leute dachten so, wie wenn sie Gott selber wären. Zimmermann dachte ja eigentlich sehr merkwürdig für einen Philosophen, aber sehr charakteristisch. Er sagte: Hegel hat gedacht, wie wenn er Gott selber wäre. Das war eigentlich fast wie aus der damaligen Theosophischen Gesellschaft heraus gesprochen, denn es gab ein Mitglied, sogar ein führendes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, Franz Hartmann, der hielt alle seine Vorträge dahingehend, daß er sagte: Man muß sich des Gottes in sich selbst bewußt werden, jeder Mensch hat so etwas wie einen göttlichen Menschen, einen Gott in sich, und wenn der anfängt zu sprechen, dann spricht man Theosophie. — Franz Hartmann hat ja, wenn er seinen göttlichen Menschen hat sprechen lassen, allerlei Dinge gesagt, die ich jetzt nicht beurteilen will. Aber Hegel hat nach Zimmermanns Anschauung, wenn er seinen Gott in sich hat sprechen lassen, gesagt: Sein, Nichts, Werden, Dasein, und dann quirlte zuerst logisch die Welt, und dann schlug sie sich hinüber in ihr Anderssein, und dann war Natur da.
[ 28 ] You see, Zimmermann said to himself: People thought as if they were God Himself. Zimmermann’s thinking was actually quite peculiar for a philosopher, but very characteristic. He said: Hegel thought as if he were God Himself. That was actually almost as if it had come straight from the Theosophical Society of that time, for there was a member—indeed, a leading member of the Theosophical Society—Franz Hartmann, who based all his lectures on the idea that one must become aware of the God within oneself; every human being has something like a divine human being, a God within, and when that God begins to speak, then one speaks theosophy. — Franz Hartmann, when he let his “divine human” speak, said all sorts of things that I do not wish to judge here. But Hegel, according to Zimmermann’s view, when he let his God within himself speak, said: Being, Nothing, Becoming, Existence; and then, first, the world swirled logically, and then it swung over into its otherness, and then nature came into being.
[ 29 ] Nun sagte Robert Zimmermann: Das darf nicht mehr sein, denn das ist Theosophie. Wir können heute keine Theosophie mehr haben, sagte in den achtziger Jahren Robert Zimmermann, wir können nicht die Theosophie des Schelling, des Solger, des Hegel heute noch anerkennen. Wir müssen nicht den Gott im Menschen sprechen lassen, das gibt einen theozentrischen Standpunkt. Der kann nur angestrebt werden, wenn man sich so etwa wie Ikarus verhält: nicht wahr, man glitscht dann im Kosmos aus und fällt herunter! Man muß auf menschlichem Standpunkte stehenbleiben. Und so schrieb Robert Zimmermann gegen die Theosophie Hegels, Schellings, Solgers und anderer, die er auch in seiner «Geschichte der Ästhetik» als Theosophen behandelt, seine «Anthroposophie». Und von dieser «Anthroposophie» habe ich ja später den Namen genommen. Sie erschien als ein mich dazumal als Zeiterscheinung außerordentlich interessierendes Buch. Nur ist diese «Anthroposophie» zusammengesetzt aus den entsetzlichsten abstrakten Begriffen. Sie besteht auch aus drei Teilen. Dann hat sie Nebenkapitel: erstens die logischen Ideen, zweitens die ästhetischen Ideen, drittens die ethischen Ideen.
[ 29 ] Now Robert Zimmermann said: This must not be allowed to continue, for this is theosophy. We can no longer have theosophy today, Robert Zimmermann said in the 1980s; we can no longer accept the theosophy of Schelling, Solger, or Hegel today. We must not let God speak through human beings; that leads to a theocentric standpoint. One can only strive for that by behaving something like Icarus: don’t you see, one then slips in the cosmos and falls! One must remain on a human standpoint. And so Robert Zimmermann wrote his *Anthroposophy* in opposition to the theosophy of Hegel, Schelling, Solger, and others, whom he also treats as theosophists in his *History of Aesthetics*. And it was from this *Anthroposophy* that I later took the name. It appeared as a book that, at the time, interested me extraordinarily as a phenomenon of the age. However, this “Anthroposophy” is composed of the most appallingly abstract concepts. It also consists of three parts. Then it has subsidiary chapters: first, the logical ideas; second, the aesthetic ideas; third, the ethical ideas.
[ 30 ] Sehen Sie, der Mensch sucht ja, wenn man zunächst absieht von der Ästhetik, die die Kunst behandelt, von den ethischen Ideen, die das Verhalten des Menschen behandeln, in dem, was ihm dann dargeboten wird in einer Weltanschauung, dasjenige, wodurch er innere Befriedigung haben muß, wodurch er sich sagen können muß, daß er mit einem Göttlich-Geistigen zusammenhänge, daß ein Ewiges in ihm ist. Robert Zimmermann wollte nun die Frage beantworten: Wenn der Mensch aufhört, ein bloß sinnlicher Mensch zu sein, wenn er sich wirklich seines geistigen Menschtums bewußt wird, was weiß er denn dann? Die logischen Ideen weiß er. Hegel hat doch wenigstens ein ganzes Buch voll solcher logischer Ideen geschrieben. Doch das sind ja Ideen, die nur ein Gott denken kann. Aber wenn nun nicht ein Gott im Menschen denkt, sondern der Mensch selber denkt, dann kommen fünf logische Ideen heraus, wenigstens bei Robert Zimmermann. Erstens die Denknotwendigkeit, zweitens die Gleichgeltung von zwei Begriffen, drittens die Zusammenfassung von Begriffen, viertens die Trennung von Begriffen und fünftens der Satz des Widerspruches: etwas kann nur entweder ein Selbst sein oder ein anderes, ein Drittes ist nicht möglich. Das, meine lieben Freunde, ist der Umfang desjenigen, was da angeführt wird, in abstrakte Ideen zusammengefaßt; also dasjenige, was der Mensch wissen kann, wenn er sich loslöst von der Sinneswelt, wenn er sich auf sein Geistig-Seelisches bezieht.
[ 30 ] You see, if we set aside, for the moment, aesthetics—which deals with art—and ethical ideas—which deal with human behavior—human beings seek, in what is presented to them in a worldview, that which must bring them inner satisfaction, that through which they must be able to tell themselves that they are connected to something divine and spiritual, that there is something eternal within them. Robert Zimmermann now wanted to answer the question: When a person ceases to be merely a sensual being, when he truly becomes aware of his spiritual humanity, what does he then know? He knows the logical ideas. After all, Hegel wrote at least an entire book full of such logical ideas. But these are ideas that only a God can conceive. But if it is not a God who thinks within man, but man himself who thinks, then five logical ideas emerge—at least according to Robert Zimmermann. First, the necessity of thought; second, the equal validity of two concepts; third, the synthesis of concepts; fourth, the separation of concepts; and fifth, the law of non-contradiction: something can be only either itself or something else—a third option is not possible. That, my dear friends, is the scope of what is presented here, summarized in abstract ideas; that is, what a person can know when he detaches himself from the sensory world and turns to his spiritual and soul life.
[ 31 ] Wäre diese «Anthroposophie» dasjenige, was dem Menschen einzig und allein geboten werden könnte, so müßte man sagen: Es muß als überwunden gelten, was die Menschen einmal in den verschiedenen Religionsbekenntnissen, im Kultus und so weiter gehabt haben, es muß als überwunden gelten das, was als Christentum gilt. Denn das kann ja nur wiederum abgeleitet werden aus der Geschichte und so weiter. Wenn der Mensch sich auf dasjenige besinnt, was er wissen kann als Anthropos, was er wissen kann, wenn er seine Seele unabhängig von den sinnlichen Eindrücken oder der äußeren Geschichte in Bewegung setzt, so ist es das: Ich kann wissen, daß ich mich fügen muß der Denknotwendigkeit, der Gleichwertigkeit der Begriffe, der Zusammenfassung der Begriffe, der Trennung, dem Satze vom ausgeschlossenen Dritten, das sich ausschließt. Mit dem mußte man, wie man es auch genannt hat, selig werden.
[ 31 ] If this “anthroposophy” were the only thing that could be offered to human beings, one would have to say: What people once had in their various religious creeds, in worship, and so on must be regarded as having been overcome; what is regarded as Christianity must be regarded as having been overcome. For that, after all, can only be derived from history and so on. When a human being reflects on what he can know as an anthropos—what he can know when he sets his soul in motion independently of sensory impressions or external history—it is this: I can know that I must submit to the necessity of thought, to the equivalence of concepts, to the synthesis of concepts, to their separation, and to the principle of the excluded middle, which excludes itself. With this, one had to—as it has been called—attain salvation.
[ 32 ] Dann kamen allerdings dazu die ästhetischen Ideen. Das sind die Ideen der Vollkommenheit, des Einklanges, der Harmonie; es sind wiederum fünf Ideen. Und ebenso sind fünf ethische Ideen. Zu den ästhetischen Ideen kommen noch dazu der Widerstreit und der Einklang des Widerstreites.
[ 32 ] Then, however, the aesthetic ideas were added. These are the ideas of perfection, concord, and harmony; there are, again, five of them. And there are also five ethical ideas. In addition to the aesthetic ideas, there is also conflict and the harmony of conflict.
[ 33 ] Erstens die logischen Ideen: Denknotwendigkeit, Gleichgeltung, Zusammenfassung, Trennung, Satz des Widerspruchs.
[ 33 ] First, the logical ideas: necessity of thought, universal validity, synthesis, disjunction, and the law of non-contradiction.
[ 34 ] Zweitens die ästhetischen Ideen: Vollkommenheit, Einklang, Harmonie, Widerstreit, Einklang des Widerstreites. Aus diesen fünf Ideen, mit diesen fünf Ideen leben nun alle Künste.
[ 34 ] Second, the aesthetic ideas: perfection, harmony, conflict, and the harmony of conflict. All the arts now live from these five ideas, through these five ideas.
[ 35 ] Drittens die ethischen Ideen. Und in den fünf ethischen Ideen: der ethischen Vollkommenheit, dem Wohlwollen, dem Rechte, dem Streite und dem Ausgleich des Streites lebt nun das Handeln der Menschen.
[ 35 ] Third, the ethical ideas. And human action is guided by these five ethical ideas: ethical perfection, benevolence, justice, conflict, and the resolution of conflict.
[ 36 ] Sie sehen, in die äußerste Form der Abstraktion ist da alles gebracht. Davor steht: «Anthroposophie im Umriß».
[ 36 ] As you can see, everything is presented here in the most abstract form. The title reads: “Anthroposophy in Outline.”
[ 37 ] Daß sehr viel gemeint war damit, das können Sie aus dem Widmungsblatte, das dem voranging, ersehen. In diesem Widmungsblatte finden sich, ich möchte sagen, rührende Zeilen. Da steht — ich kann nicht wörtlich zitieren, aber ungefähr -: An Harriet. Du warst es, die mich veranlaßte, als Nacht sich um mein Auge zu dunkeln begann, die zerstreuten Ideen, die lange in mir lebten, zu diesem Buche zu verbinden. Und eine willige Hand fand sich, aufzuschreiben dasjenige, was ich in der Dunkelkammer ersonnen hatte.
[ 37 ] You can see from the dedication page that preceded it just how much was meant by this. This dedication page contains—I would say—moving lines. It reads—I cannot quote it verbatim, but roughly: To Harriet. It was you who inspired me, as night began to darken my eyes, to weave together the scattered ideas that had long lived within me into this book. And a willing hand was found to write down what I had conceived in the darkroom.
[ 38 ] Es ist also in einer sehr schönen Sprache darauf hingewiesen, daß der Verfasser eine Augenkrankheit hatte, eine Zeitlang in der finsteren Kammer zubringen mußte, da er diese Ideen ersonnen hat, und daß dann eine willige Hand sich gefunden hat, das aufzuschreiben. Diese Widmungszeilen schließen dann sehr schön, indem da steht: Und so kann denn niemand leugnen, daß dieses Buch, wie das Licht selbst, aus der Dunkelheit hervorgegangen ist.
[ 38 ] It is thus pointed out in very beautiful language that the author suffered from an eye disease, had to spend some time in a dark room while he conceived these ideas, and that a willing hand was then found to write them down. These dedicatory lines conclude beautifully with the words: “And so no one can deny that this book, like light itself, has emerged from darkness.”
[ 39 ] Sie sehen, es war wie eine Fata Morgana: sehr merkwürdig. Robert Zimmermann hat aus der Theosophie eine «Anthroposophie» in seinem Sinne hervorgebracht; aber ich glaube nicht, daß, wenn ich jemals diese «Anthroposophie» vorgetragen hätte, wir eine anthroposophische Bewegung hätten. Doch der Name war sehr gut gewählt. Und den Namen nahm ich dann herüber, als ich eben aus Untergründen heraus, die schon auch noch in diesen Vorträgen zutage treten werden, zunächst an ein Mehrfaches zu gehen hatte. Erstens: an die geistige, für jeden in die Geisterwelt Einblickenden sichergestellte Tatsache, daß es wiederholte Erdenleben gibt.
[ 39 ] You see, it was like a mirage: very strange. Robert Zimmermann developed “anthroposophy” from theosophy in his own way; but I do not believe that, even if I had ever presented this “anthroposophy,” we would have an anthroposophical movement. Yet the name was very well chosen. And I then adopted that name when, for reasons that will become apparent in these lectures, I first had to address several points. First: the spiritual fact—guaranteed to anyone who gains insight into the spirit world—that there are repeated earthly lives.
[ 40 ] Aber wenn man eben mit solchen Dingen nicht leichtsinnig ist, sondern ein geistiges Verantwortlichkeitsgefühl hat, so muß man anknüpfen an irgend etwas. Man kann schon sagen, daß es einem in der damaligen Zeit, in der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts, außerordentlich schwer wurde, mit den wiederholten Erdenleben anzuknüpfen an das Zeitbewußtsein. Aber es ergaben sich Anknüpfungspunkte. Und ich will zunächst erzählen, wie ich selber diese Anknüpfungspunkte gesucht habe.
[ 40 ] But if one does not treat such matters lightly, but rather has a sense of spiritual responsibility, then one must anchor oneself to something. It is fair to say that back then, at the turn of the 19th and 20th centuries, it became extraordinarily difficult to connect the concept of repeated earthly lives with the contemporary sense of time. But points of connection did emerge. And I would like to begin by recounting how I myself sought out these points of connection.
[ 41 ] Es gibt eine sehr interessante Zusammenfassung der anthropologischen Wahrheiten von Topinard. In dem Schlußkapitel — es war in der damaligen Zeit ein Buch, das noch öfter genannt wurde, als es heute genannt wird, heute ist es schon etwas veraltet in den Einzelheiten, aber es ist geistreich geschrieben - ist eine hübsche Zusammenstellung. Und da fand man in einer Art, die natürlich jeder, der im modernen Bewußtsein damals stand, unterschrieb, bei diesem Topinard all diejenigen biologischen Tatsachen zusammengestellt, die dazu führten, die Tierarten aus einander hervorgehend zu denken, eine aus der anderen. Topinard konnte sich auch auf alles dasjenige, was in seinem Buche auseinandergesetzt war, berufen. Man fand also alles dasjenige, was dazu geführt hatte, sich vorzustellen, daß eine Umwandlung stattfindet von Tierart zu Tierart. Topinard bleibt bei den Tatsachen stehen und sagt, nachdem er etwa zweiundzwanzig Punkte, glaube ich, angeführt hat: der dreiundzwanzigste sei dann das, was er als diese Verwandlung der Tierarten anführt. Aber nun stehen wir vor dem Problem des Menschen. Das läßt er unbeantwortet. Wie ist es mit dem?
[ 41 ] There is a very interesting summary of Topinard’s anthropological insights. In the concluding chapter—at the time, this was a book that was cited even more frequently than it is today; today, its details are somewhat outdated, but it is written with wit—there is a lovely compilation. And there, in a manner that naturally anyone with the modern mindset of that time would have endorsed, Topinard had compiled all those biological facts that led to the idea that animal species arise from one another, one from the other. Topinard was also able to draw upon everything that had been discussed in his book. So one found everything that had led to the mental image of a transformation taking place from one animal species to another. Topinard sticks to the facts and says, after citing about twenty-two points, I believe: the twenty-third is then what he cites as this transformation of animal species. But now we are faced with the problem of humans. He leaves that unanswered. What about that?
[ 42 ] Nun konnte man, indem man die Entwickelungslehre der Biologen ernst, ganz ernst nahm, anknüpfend an einen solchen Autor, der nun wirklich auch ernstzunehmen ist, sagen: Da läßt er die Frage offen! Setzen wir fort, fügen wir zum Punkt zweiundzwanzig den Punkt dreiundzwanzig, so bekommen wir, daß eben die Tiere in ihren Arten sich immer auf einer höheren Stufe wiederholen. Beim Menschen muß man übergehen zum Individuum. Wenn das Individuum sich wiederholt haben wird, dann bekommen wir die wiederholten Erdenleben. Sie werden sehen: es war an das angeknüpft, was ich eben hatte, es war durchaus noch dazumal die Form, die ich versuchte, um der ganzen Welt verständlich zu machen, was ja natürlich als geistige Tatsache wirklich dasteht vor der Seele. Doch, um es der Mitwelt verständlich zu machen, mußte das genommen werden, was unmittelbar da war, aber nicht mit einem Punkt schloß, sondern mit einem Gedankenstrich. Ich habe einfach an den Gedankenstrich der Naturwissenschaft angeknüpft. Das war das Erste. Diesen Vortrag habe ich in jenem Kreise gehalten, von dem ich Ihnen gestern gesprochen habe. Man hat kein sehr starkes Verständnis dafür gehabt, weil man sich da nicht für Naturwissenschaft interessierte. Da fühlte man nicht, daß es notwendig sei, Naturwissenschaft zu reflektieren, und es schien den Leuten natürlich unnütz, daß dasjenige, was sie nun einmal glaubten, auch noch bewiesen sein solle.
[ 42 ] Now, by taking the biologists’ theory of evolution seriously—very seriously indeed—and building on the work of an author who truly deserves to be taken seriously, one could say: He leaves the question open! Let us continue; if we add point twenty-three to point twenty-two, we find that animals, within their species, always repeat themselves at a higher level. In the case of human beings, one must turn to the individual. Once the individual has repeated itself, we arrive at repeated earthly lives. You will see: this was linked to what I just mentioned; at that time, it was still the form I was attempting to use to make it understandable to the whole world—something that, as a spiritual fact, naturally stands before the soul. However, in order to make it understandable to the wider world, I had to take what was immediately at hand—but not conclude with a period, rather with a dash. I simply picked up where the dash in natural science left off. That was the first thing. I gave this lecture in that circle I told you about yesterday. People did not have a very strong understanding of it, because they were not interested in natural science. They did not feel it was necessary to reflect on natural science, and it naturally seemed useless to them that what they simply believed should also have to be proven.
[ 43 ] Das Zweite war gegeben damit, daß ich in einem Kreise, in dem sonst nur literarische Themen behandelt worden waren, der sich «Die Kommenden» nannte, einen Vortragszyklus hielt im Beginne des Jahrhunderts, der den Titel trug: «Von Buddha zu Christus», wo ich versuchte, die ganze Entwickelungsströmung von Buddha zu Christus darzustellen und in Christus die Zusammenfassung desjenigen zu geben, was in den vorangehenden Anschauungen da war. Dieser Vortragszyklus schloß mit jener Interpretation des Johannes-Evangeliums, die einsetzt bei der Erweckung des Lazarus. So daß also das Lazarus-Problem, wie es sich dann in meinem «Christentum als mystische Tatsache» findet, eben den Schluß bildete dieses Vortragszyklus «Von Buddha zu Christus,
[ 43 ] The second reason was that, at the beginning of the century, I gave a series of lectures in a circle—called “Die Kommenden” (The Oncomers)—which had previously dealt only with literary topics. The series was titled: “From Buddha to Christ,” in which I attempted to trace the entire course of development from Buddha to Christ and to present in Christ the synthesis of what had been present in the preceding worldviews. This lecture series concluded with that interpretation of the Gospel of John which begins with the raising of Lazarus. Thus, the Lazarus problem, as it appears in my *Christianity as a Mystical Fact*, formed the conclusion of this lecture series “From Buddha to Christ,”
[ 44 ] Das fiel ungefähr in die Zeit hinein, in der dann aus jenem Kreise ' heraus, der mich eingeladen hatte zu den Vorträgen, die in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» zusammengefaßt sind, die Aufgabe an mich herantrat, vor Theosophen zu sprechen über dasjenige, was ich eben sprechen sollte und wollte. Dann fiel das zusammen mit den Bestrebungen, eine deutsche Sektion der Theosophical Society zu gründen. Und ich wurde aufgefordert, eigentlich bevor ich Mitglied war, irgendwie auch nur Miene gemacht hatte, Mitglied zu werden, Generalsekretär zu werden dieser deutschen Sektion der Theosophical Society.
[ 44 ] This coincided roughly with the time when, from the very circle that had invited me to give the lectures summarized in my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*, I was approached with the request to speak to Theosophists about precisely what I was supposed to and wanted to discuss. This coincided with efforts to found a German section of the Theosophical Society. And I was asked—actually, before I was even a member, or had even hinted at becoming one—to become the General Secretary of this German section of the Theosophical Society.
[ 45 ] Als diese deutsche Sektion begründet wurde, hielt ich einen Vortragszyklus, bei dem, ich glaube, nur zwei oder drei Theosophen dabei waren, sonst im wesentlichen das Publikum, das in dem Kreise war, wo ich auch gesprochen habe über «Von Buddha zu Christus». Dieser Kreis hieß «Die Kommenden». Es blieben mir so die Namen. Es muß mit irgendeinem Gesetze zusammenhängen. «Anthroposophie» von Robert Zimmermann ist geblieben, «Die Kommenden» traten wiederum auf in dem Namen des «Kommenden Tages». Es bleiben einem solche Namen, alte Namen.
[ 45 ] When this German section was founded, I gave a series of lectures attended, I believe, by only two or three Theosophists; the rest of the audience consisted mainly of members of the circle where I had also spoken on “From Buddha to Christ.” This circle was called “Die Kommenden” (The Coming Ones). Those names have stayed with me. It must be connected to some kind of law. “Anthroposophy” by Robert Zimmermann has remained, and “The Coming Ones” reappeared in the name “The Coming Day.” Such names—old names—stay with one.
[ 46 ] Für diesen Kreis - in den, wie gesagt, höchstens zwei oder drei Theosophen hingegangen waren und diese wirklich nur aus Neugierde — sprach ich über die Entwickelung der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie. Also dieser Vortragszyklus trug zunächst seinen ausführlichen Titel: «Entwickelungsgeschichte der Menschheit an der Hand der Weltanschauungen von den ältesten orientalischen Zeiten bis zur Gegenwart, oder Anthroposophie». Dieser Vortragszyklus — das muß ich immer erwähnen - ist gleichzeitig gehalten worden von mir, als die deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet worden ist. Ich ging sogar fort aus der Versammlung, und während die anderen weiter konferierten und sich weiter unterhielten über Theosophie, hielt ich meinen Vortragszyklus über Anthroposophie.
[ 46 ] For this group—which, as I said, included at most two or three Theosophists, and even they were there really only out of curiosity—I spoke about the development of worldviews from the earliest Oriental times to the present, or Anthroposophy. So this lecture series initially bore the full title: “The History of Human Development as Reflected in Worldviews from the Earliest Oriental Times to the Present, or Anthroposophy.” This lecture series—I must always mention this—was given by me at the very time the German Section of the Theosophical Society was founded. I even left the meeting, and while the others continued to confer and discuss theosophy, I gave my lecture series on anthroposophy.
[ 47 ] Einer derjenigen, die dann aus Theosophen gute Anthroposophen geworden sind, sogar einer, der ein sehr guter Anthroposoph geworden ist, ging dazumal aus Neugier zu diesem anthroposophischen Vortragszyklus und sagte mir nachher: Ja, aber was Sie da gesagt haben, das stimmt ja gar nicht mit dem, was Mrs. Besant sagt und was die Blavatsky sagt. — Da sagte ich: Dann wird’s ja wohl so sein. — Also ein guter Kenner war das von all den Dogmen der Theosophie, der richtig herausfand: Das stimmt nicht. Also man konnte schon dazumal sagen: Das stimmt eben nicht, es ist etwas anderes.
[ 47 ] One of those who later went from being Theosophists to becoming good Anthroposophists—in fact, one who became a very good Anthroposophist—attended that series of Anthroposophical lectures out of curiosity at the time and said to me afterward: “Yes, but what you said there doesn’t match at all with what Mrs. Besant says and what Blavatsky says.” — So I said: “Then that must be the case.” — He was, in other words, well-versed in all the dogmas of Theosophy and correctly realized: “That’s not true.” So even back then, one could already say: “That’s simply not true; it’s something else.”
[ 48 ] Nun, diese Tatsachen stellte ich zunächst einmal vor Sie hin. Ich möchte nun eine andere Tatsache hinstellen, die scheinbar aus einer ganz anderen Ecke genommen ist, auf die ich schon gestern hingewiesen habe.
[ 48 ] Well, I’ve laid out these facts for you so far. I’d now like to present another fact, one that seems to come from a completely different angle, which I already mentioned yesterday.
[ 49 ] Da waren die Bücher der Blavatsky, die Hauptbücher zunächst: das erste «Die entschleierte Isis», das zweite «Die Geheimlehre». Nun brauchte man wirklich nicht ein großes Faible für diejenigen zu haben, die das in diesen Büchern Enthaltene wie ein heiliges Dogma hinnahmen. Man konnte aber dennoch schon aus den gestern angeführten Gründen diese Bücher als etwas außerordentlich Interessantes empfinden, und vor allen Dingen konnte man die Erscheinung der Blavatsky selber als etwas außerordentlich Interessantes empfinden, wenn auch nur von dem Standpunkt einer tieferen Psychologie aus. Warum? Nun, sehen Sie, es ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen den beiden Büchern, der «Entschleierten Isis» und der Blavatskyschen «Secret Doctrine», der «Geheimlehre», es ist ein gewaltiger Unterschied! Dieser Unterschied wird Ihnen am stärksten hervortreten, wenn ich Ihnen sage, wie von solchen, die Kenner von ähnlichen Dingen waren, dazumal über die beiden Bücher geurteilt worden ist. Was meine ich, wenn ich von Kennern solcher Dinge spreche?
[ 49 ] There were Blavatsky’s books—the main ones, to begin with: the first, *Isis Unveiled*, and the second, *The Secret Doctrine*. Now, one really did not need to have much of a soft spot for those who accepted the contents of these books as sacred dogma. Nevertheless, for the reasons mentioned yesterday, one could still find these books extraordinarily interesting; and above all, one could find Blavatsky herself an extraordinarily interesting figure, even if only from the standpoint of deeper psychology. Why? Well, you see, there is a tremendous difference between the two books, *Isis Unveiled* and Blavatsky’s *Secret Doctrine*—it is a tremendous difference! This difference will become most apparent to you when I tell you how those who were connoisseurs of such matters judged the two books at the time. What do I mean when I speak of connoisseurs of such matters?
[ 50 ] Es haben sich, meine lieben Freunde, ja wirklich von den ältesten Mysterien her Traditionen erhalten, die in verschiedenen sogenannten Geheimgesellschaften dann aufbewahrt worden sind. Da wurden auch den Leuten in gewissen Geheimgesellschaften Grade erteilt. Sie rückten auf vom ersten zum zweiten, zum dritten Grad und so weiter. Da waren ihnen, auch immer wiederum aus .den Traditionen, die und die Dinge mitgeteilt worden. In den unteren Graden verstanden die Leute die Dinge nicht, aber sie nahmen sie als heilige Dogmen auf. Eigentlich verstanden sie sie auch nicht in den höheren Graden. Aber wenn auch weder die unteren Grade noch die höheren diese Traditionen verstanden, so war doch der feste Glaube bei den Angehörigen der unteren Grade vorhanden, daß die Angehörigen der höheren Grade alles verstehen. Dieser Glaube, der war ganz fest vorhanden. Aber immerhin, es war da auch ein konserviertes reines Wissen vorhanden. Dem Wortlaute nach kannte man außerordentlich vieles. Sie brauchen ja nur — heute, wo alles gedruckt wird und alles zugänglich wird, sind ja diese Dinge auch leicht zugänglich — dasjenige, was gedruckt ist an solchen Dingen, zur Hand zu nehmen und es nun wiederum zu beleben mit dem, was Sie aus Anthroposophie wissen können — auf eine andere Weise geht es nämlich nicht, das Beleben -, dann werden Sie sehen, daß schon in diesen Traditionen, auch in der verballhornten Gestalt, wie sie heute vielfach gedruckt sind, ein großes, altes, majestätisches Wissen enthalten ist. Manchmal klingen die Worte ganz falsch, aber derjenige, der etwas weiß, weiß, auf was das hindeutet: daß das von uraltem Wissen ist. Aber das eigentliche Kennzeichen solchen Betriebes in diesen Geheimgesellschaften ist doch dieses, daß die Leute eben ein allgemeines Gefühl haben: Es gab in früheren Zeiten Menschen, die Eingeweihte waren, und die aus einem uralten Wissen über die Welt, über den Kosmos, über das Geisterreich Auskunft geben konnten. Und sie wußten Sätze zu bilden, sie wußten etwas zu sagen über das, was da überliefert war. Solche Menschen gab es viele.
[ 50 ] My dear friends, traditions have indeed been preserved from the most ancient mysteries, which were then safeguarded within various so-called secret societies. In these societies, people were also awarded degrees. They advanced from the first to the second, to the third degree, and so on. There, based on these traditions, certain teachings and concepts were imparted to them. In the lower degrees, the members did not understand these teachings, but they accepted them as sacred dogmas. In truth, they did not understand them even in the higher degrees. But even though neither the lower nor the higher degrees understood these traditions, there was nevertheless a firm belief among the members of the lower degrees that the members of the higher degrees understood everything. This belief was very firmly held. But at any rate, there was also a preserved, pure body of knowledge. Literally speaking, an extraordinary amount was known. You need only—today, when everything is printed and everything is accessible, these things are indeed easily accessible—take what has been printed on such matters and breathe new life into it with what you know from anthroposophy—for there is no other way to do this, to breathe new life into it— then you will see that even in these traditions—even in the distorted form in which they are often printed today—there is a great, ancient, majestic body of knowledge contained. Sometimes the words sound completely wrong, but the one who knows something understands what this points to: that it stems from ancient knowledge. But the real hallmark of such activities in these secret societies is that people have a general sense: In earlier times, there were people who were initiates and who could provide insight based on ancient knowledge about the world, the cosmos, and the spirit realm. And they knew how to formulate statements; they knew how to speak about what had been handed down. There were many such people.
[ 51 ] Nun erschien «Die entschleierte Isis» von der Blavatsky. Gerade die Menschen, die nun ein solches traditionelles Wissen dadurch hatten, daß sie niedere oder höhere Grade in solchen Geheimgesellschaften erlangt hatten, erschraken außerordentlich, als «Die entschleierte Isis» erschien. Den Grund des Schreckens gab man ja gewöhnlich so an, daß man sagte, die Zeiten seien noch nicht reif, diese Dinge, die da in den Geheimgesellschaften verborgen gehalten werden, schon der allgemeinen Menschheit durch den Druck mitzuteilen. Das dachte man. Man war ja sogar dieser ehrlichen Ansicht, daß eben die Zeiten noch nicht reif wären, dieses der Menschheit mitzuteilen. Aber für einzelne gab es noch einen anderen Grund. Und dieser andere Grund kann eigentlich nur verstanden werden, wenn ich Sie noch auf andere Tatsachen aufmerksam mache.
[ 51 ] Then Blavatsky’s *Isis Unveiled* was published. It was precisely those people who had acquired such traditional knowledge by attaining lower or higher degrees in these secret societies who were extremely alarmed when *Isis Unveiled* appeared. The reason for this alarm was usually explained by saying that the time was not yet ripe to reveal to the general public, through publication, the things that were kept hidden within the secret societies. That was the prevailing view. People even held the sincere view that the time was not yet ripe to reveal this to humanity. But for some individuals, there was another reason. And this other reason can really only be understood if I draw your attention to other facts.
[ 52 ] In der fünften nachatlantischen Periode, namentlich im 19. Jahrhundert, ist ja eigentlich alles in die abstrakten Begriffe und Ideen übergegangen, so daß endlich eben einer der tiefsten, bedeutendsten Geister seine Weltanschauung in die abstrakten Begriffe Sein, Nichts, Werden, Dasein, bis zum Zweck hin gebracht hat. Es ist alles in dieser neueren Zeit in abstrakte Begriffe und Ideen übergegangen.
[ 52 ] In the fifth post-Atlantic period, namely the 19th century, everything has in fact been transformed into abstract concepts and ideas, so that ultimately one of the deepest and most significant minds brought his worldview to its conclusion in the abstract concepts of Being, Nothing, Becoming, Existence, and even Purpose. In this more recent era, everything has been transformed into abstract concepts and ideas.
[ 53 ] Einer derjenigen, der mit solchen abstrakten Ideen in Mitteleuropa begonnen hat, war der Philosoph Schelling. In der Zeit, als man mit solchen Ideen, weil in ihnen noch innere menschliche Empfindungskräfte waren, begeistern konnte, wo Schlegel, Tieck in Jena zuhörten, wie mit ungeheurer Begeisterung von solchen abstrakten Ideen geredet worden ist, in der Zeit war auch Schelling unter denen, die solche abstrakten Ideen gelehrt hatten. Dann hat Schelling nach einigen Jahren keine Befriedigung mehr gehabt an diesen abstrakten Ideen, hat sich dann in allerlei Mystik, namentlich in Jakob Böhme vertieft, und hat sich dann auch befruchten lassen durch Böhmesche Ideen, hat dann etwas, was nun schon konkreter klang, aus Jakob Böhmeschen Ideen herausgeholt. Es hat schon niemand eigentlich mehr verstanden, denn es wurde nicht verstanden, was Schelling geschrieben hatte in den «Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die mit ihr zusammenhängenden Gegenstände», 1809. Aber so in den zwanziger Jahren fing Schelling auf eine merkwürdige Art zu reden an, nachdem er bis dahin lange zurückgezogen gelebt hatte. Sie finden heute in Reclams Universalbibliothek ein kleines Bändchen von Schelling, das heißt «Die Weltalter». Wenn Sie dieses Bändchen in die Hand nehmen, so werden Sie ein sonderbares Gefühl kriegen. Sie werden sich sagen: Da ist ja alles noch recht nebulos und abstrakt. Aber man hat doch ein merkwürdiges Gefühl: Wie kommt der Mensch, der Schelling, darauf, nicht das zu sagen, was zum Beispiel dann auf anthroposophischem Boden als die Wahrheiten über die Atlantis gesagt worden ist, aber fast — wie ungeschickt — darauf hinzudeuten? So weit kommt er: wie ungeschickt darauf hinzudeuten. Es ist ganz interessant, dieses Bändchen in Reclams Universalbibliothek von Schelling «Die Weltalter».
[ 53 ] One of those who pioneered such abstract ideas in Central Europe was the philosopher Schelling. At a time when such ideas could still inspire people—because they still contained inner human powers of feeling—when Schlegel and Tieck listened in Jena as such abstract ideas were discussed with tremendous enthusiasm, Schelling was also among those who taught such abstract ideas. Then, after a few years, Schelling found no further satisfaction in these abstract ideas; he immersed himself in various forms of mysticism, particularly in the works of Jakob Böhme, and drew inspiration from Böhme’s ideas, extracting from them something that now sounded more concrete. No one really understood it anymore, for what Schelling had written in the *Philosophical Investigations into the Essence of Human Freedom and Related Subjects* (1809) was not understood. But then, in the 1820s, Schelling began to speak in a peculiar way, after having lived a long, secluded life up to that point. Today, in Reclam’s Universal Library, you’ll find a small volume by Schelling titled *The Ages of the World*. When you pick up this little book, you’ll get a strange feeling. You’ll say to yourself: Everything here is still quite nebulous and abstract. But you can’t help but have a peculiar feeling: How did this man, Schelling, come to not say outright what was later stated, for example, in anthroposophical circles as the truths about Atlantis, but instead to allude to it—almost as if clumsily? That’s how far he goes: alluding to it so clumsily. It’s quite interesting, this little volume by Schelling, *Die Weltalter*, in Reclam’s Universal Library.
[ 54 ] Dann aber berief ihn ja Friedrich Wilhelm IV. im Jahr 1841 an die Universität in Berlin. Da wurde er dann auch, nachdem Hegel seit zehn Jahren tot war, der Nachfolger Hegels. Da fing Schelling an vorzutragen seine «Philosophie der Offenbarung».
[ 54 ] But then, in 1841, Frederick William IV appointed him to the University of Berlin. There, ten years after Hegel’s death, he became Hegel’s successor. It was then that Schelling began lecturing on his “Philosophy of Revelation.”
[ 55 ] Auch das ist noch furchtbar abstrakt. Er redet von drei Potenzen A, 1, 2, 3. Es ist furchtbar abstrakt. Aber er führt das dann fort bis zu einer Art Erfassung der alten Mysterien, bis zu einer Art Erfassung des Christentums. Und wiederum, wie er eingeht auf diese Ideen, können wir das Gefühl haben: Da ist auf eine noch ganz primitive Art ein Weg gesucht in eine wirklich geistige Welt hinein. Aber man kann nicht so eigentlich zurechtkommen mit dem, was da der Schelling kurz vorgetragen hat. Die Leute haben aber trotzdem nichts verstanden. Es ist ja auch schließlich nicht sehr leicht, das zu verstehen, weil es eben ein bedenklicher Weg ist.
[ 55 ] That, too, is still terribly abstract. He speaks of three powers: A, 1, 2, 3. It is terribly abstract. But he then carries this on to a kind of understanding of the ancient mysteries, to a kind of understanding of Christianity. And again, as he delves into these ideas, we may get the feeling that, in a still quite primitive way, a path is being sought into a truly spiritual world. But one can’t really make sense of what Schelling has just presented. Yet people still didn’t understand a thing. After all, it isn’t very easy to understand, because it is, in fact, a precarious path.
[ 56 ] Nun aber, im Zeitbewußtsein — dafür ist das ja ein Beweis — lag denn doch etwas, was da jemanden wie Schelling darauf hinwies: Man muß in einer geistigen Welt suchen.
[ 56 ] But still, in our sense of time—and this is proof of it—there was something that pointed someone like Schelling in this direction: One must seek in a spiritual world.
[ 57 ] In einer anderen Form geschah das in England. Es ist außerordentlich interessant, die Schriften von Lawrence Oliphant zu lesen. Oliphant stellt nun natürlich in anderer Weise — denn Engländer stellen anders dar als Deutsche, viel dinglicher, handgreiflicher, sinnlicher — dasjenige dar, was ihm aufgegangen ist über Urzeiten der Menschheitsentwickelung der Erde. Es sind in gewissem Sinne, wenn man eben auf den Unterschied des Völkischen hinsieht, Parallelerscheinungen: der Schelling in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mehr aus Idealismus heraus, der Oliphant mehr aus Realismus heraus, eine Art starken Hinstrebens zur geistigen Welt bei beiden, Hinstrebens zu einem Begreifen dessen, was vor dem Menschen als Welt sich offenbart aus dem Geiste heraus.
[ 57 ] This took a different form in England. It is extraordinarily interesting to read the writings of Lawrence Oliphant. Oliphant, of course, presents—in a different way, since the English describe things differently than the Germans, in a much more concrete, tangible, and sensory manner—what he came to understand about the primeval times of human development on Earth. In a certain sense—if one considers the differences between the two cultures—these are parallel phenomena: Schelling in the first half of the 19th century approached it more from a position of idealism, while Oliphant did so more from a position of realism; yet both exhibited a kind of intense striving toward the spiritual world, a striving to comprehend what reveals itself to humanity as the world, emerging from the spirit.
[ 58 ] Forscht man nach, was da eigentlich Merkwürdiges vorliegt, sowohl bei Schelling, wie bei Oliphant - es ist, nur völkisch verschieden, die gleiche Erscheinung, die da eigentlich vorlag -, so ist es nämlich dieses: Diese Leute wuchsen, der eine auf deutsche, der andere auf englische Art in die Zeitkultur hinein, rangen sich durch bis zu einer höchsten Vollendung derjenigen Ideen, die man als philosophische Ideen der Zeit hatte über den Menschen, über Weltall’ und so weiter.
[ 58 ] If one investigates what is actually remarkable here, both in Schelling and in Oliphant—it is, differing only in terms of national character, the same phenomenon that was actually at work—it is, in fact, this: These men grew up—one in the German way, the other in the English way—within the culture of their time, and struggled their way to the highest perfection of those ideas that were regarded as the philosophical ideas of the time concerning humanity, the universe, and so on.
[ 59 ] Sowohl Schelling auf seine Art wie Oliphant auf seine Art rangen sich durch. Nun wissen Sie ja aus meinen anthroposophischen Darstellungen: Der Mensch entwickelt sich heute im Lebensanfange so, daß das Physische eine Begleiterscheinung seiner seelischen Entwickelung ist. Nachher hört es auf. Von den Griechen konnte ich Ihnen sagen: die entwickelten sich noch in den Dreißigerjahren so, daß nun eine wirkliche Weiterentwickelung, Parallelismus des Physischen und des Geistigen da war. Bei Schelling und bei Oliphant war das nun etwas anderes als bei den Durchschnittsmenschen von heute. Bei ihnen war es so: Sie entwickelten sich zuerst als normale Menschen; denn natürlich, wenn man heute ein Philosoph ist, kann man durchaus ein normaler Mensch sein, vielleicht sogar ein unternormaler Mensch, aber das nur in Parenthese. Man entwickelt halt die Begriffe etwas weiter, nicht wahr, aber dann bleibt man stehen, wenn man ein normaler Mensch ist. Schelling und Oliphant blieben nicht stehen, sondern als sie älter wurden, da wurde plötzlich die Seele so lebendig, wie sie in einem früheren Erdenleben war, und da trat eine Erinnerung an uralt Gewußtes aus früheren Inkarnationen auf: in einer natürlichen Weise, ferne Erinnerungen, unklare Erinnerungen. Und jetzt hat man plötzlich einen Lichtblitz. Jetzt fängt man an, sowohl Oliphant wie Schelling in einem anderen Lichte zu sehen.
[ 59 ] Both Schelling, in his own way, and Oliphant, in his own way, persevered. Now, as you know from my anthroposophical explanations: Today, human beings develop at the beginning of life in such a way that the physical is a concomitant of their spiritual development. Later on, this ceases. As for the Greeks, I was able to tell you that they developed in their thirties in such a way that there was a genuine further development—a parallelism between the physical and the spiritual. With Schelling and Oliphant, however, it was somewhat different than with the average people of today. In their case, it was like this: they first developed as normal human beings; for, of course, if one is a philosopher today, one can certainly be a normal human being—perhaps even a below-average one—but that is just a side note. You simply develop your concepts a bit further, don’t you, but then you come to a standstill if you’re a normal person. Schelling and Oliphant did not come to a standstill; rather, as they grew older, their souls suddenly became as alive as they had been in a previous earthly life, and a memory of ancient knowledge from earlier incarnations emerged—in a natural way, distant memories, vague memories. And now, suddenly, there’s a flash of insight. Now one begins to see both Oliphant and Schelling in a different light.
[ 60 ] Die ringen sich durch, werden zuerst normale Philosophen, je nach ihren Ländern, dann in ihrem späteren Alter bekommen sie eine Erinnerung an ein früher Gewußtes in früheren Erdenleben, jetzt wie eine unklare Erinnerung. Da fangen sie an, von der geistigen Welt zu reden. Es ist eine unklare Erinnerung, was bei Schelling und bei Lawrence Oliphant auftrat. Es war aber doch etwas, was man bei denen, die nur traditionelle alte Entwickelung hatten, in einem gewissen Grade befürchtete, daß es überhand nehmen, grassieren könnte. Die Leute befürchteten schrecklich, es könnten Menschen geboren werden, die sich an das erinnern, was sie früher einmal durchlebt haben, und dann davon reden. Ja, sie dachten sich: Was wird denn dann aus unserem Geheimhaltungsprinzip? Wir lassen heilige Eide schwören den Angehörigen des ersten, zweiten, dritten Grades und so weiter, aber wenn nun Menschen geboren werden, die das durch Erinnerung wiederum erleben, was uns da bewahrt ist und was wir einsperren, wie ist es dann mit unserem ganzen Geheimhalten?
[ 60 ] They struggle through, first becoming ordinary philosophers, depending on their countries, and then, in their later years, they regain a memory of something they once knew in earlier earthly lives—now as a vague recollection. That is when they begin to speak of the spiritual world. It is a vague memory, as was the case with Schelling and Lawrence Oliphant. Yet it was something that those who had only undergone traditional, old-fashioned development feared to a certain extent—that it might get out of hand, run rampant. People were terribly afraid that human beings might be born who would remember what they had once lived through and then speak of it. Yes, they thought to themselves: What will become of our principle of secrecy then? We have relatives of the first, second, third degree, and so on, swear sacred oaths, but if people are now born who, through memory, relive what we have preserved and what we have locked away, what then becomes of our entire system of secrecy?
[ 61 ] Und nun erschien «Die entschleierte Isis»! Das merkwürdige Phänomen war: Dieses Buch brachte eine ganze Menge von dem, was in Geheimgesellschaften geheimgehalten wurde, offen auf den Büchermarkt. Das große Problem trat jetzt vor die Menschen hin: Woher hat das, was wir doch eingesperrt haben, und wofür die Leute heilige Eide geschworen haben, woher hat das die Blavatsky? Gerade von solchen, die mit erschrocken waren, wurde dieses Buch, «Die entschleierte Isis», sehr stark beachtet. Also es war schon für jene Menschen, die bewußt das Geistesleben vom Ende des 19. Jahrhunderts miterlebten, ein Problem, was da erschienen war mit dem Buche von Blavatsky.
[ 61 ] And now *Isis Unveiled* was published! The remarkable phenomenon was this: this book brought a great deal of what had been kept secret in secret societies out into the open on the book market. A major problem now confronted people: Where did Blavatsky get this—the very thing we had locked away, and for which people had sworn sacred oaths? It was precisely those who were alarmed by this who paid very close attention to this book, *Isis Unveiled*. So for those who were consciously experiencing the spiritual life of the late 19th century, the publication of Blavatsky’s book posed a problem.
[ 62 ] Nun erschien «Die Geheimlehre». Da war das erst recht der Fall. Ich stelle, wie gesagt, heute nur Tatsachen hin. Eine ganze Menge von Dingen, die eigentlich in Geheimgesellschaften nur den höchsten Graden vorbehalten waren, war damit hingestellt. Und solche, die eben erschrocken waren schon vor dem ersten Buch, und dann noch vor dem zweiten Buch, prägten damals verschiedene Worte dafür, denn es war — gerade für die sogenannten Eingeweihten — dieses Phänomen Blavatsky etwas ungeheuer Aufregendes. «Die entschleierte Isis» war ihnen noch nicht einmal so ganz unheimlich, denn Blavatsky war ja eine chaotische Persönlichkeit, die dann immerfort in dasjenige, was wirklich tiefe Weisheit war, allerlei Zeug hineinbrachte, wie ich gestern schon sagte, was nichts wert ist. Aber immerhin, über «Die entschleierte Isis» konnten die erschrekkenden sogenannten Eingeweihten sagen: Es ist ein Buch, was wahr ist daran, ist nicht neu, und was neu ist, ist nicht wahr! - So wurde zunächst über dieses Buch geurteilt. Die Leute wußten: Das Unangenehme für sie war: die Dinge sind enthüllt worden. Es hieß ja auch das Buch «Die entschleierte Isis». Sie beruhigten sich eben damit: Ja, da muß von irgendeiner Seite etwas geschehen sein, was eigentlich in unsere Rechte eingreift.
[ 62 ] Then *The Secret Doctrine* was published. That was certainly the case. As I said, I am merely stating facts today. A whole host of things that were actually reserved in secret societies only for the highest ranks were thus laid bare. And those who had already been alarmed by the first book—and then even more so by the second—coined various terms for it at the time, for this phenomenon of Blavatsky was—especially for the so-called initiates—something incredibly unsettling. *Isis Unveiled* wasn’t even all that unsettling to them, for Blavatsky was, after all, a chaotic personality who constantly mixed all sorts of nonsense—as I said yesterday—into what was truly profound wisdom, things that are worthless. But at any rate, regarding *Isis Unveiled*, the alarmed so-called initiates could say: It is a book in which what is true is not new, and what is new is not true!—That was the initial judgment passed on this book. People knew: What was unpleasant for them was that things had been revealed. After all, the book was called *Isis Unveiled*. They simply reassured themselves by saying: “Yes, something must have happened on some level that actually infringes upon our rights.”
[ 63 ] Als aber «Die Geheimlehre», die «Secret doctrine» erschien, wo eine ganze Menge Dinge darinnen standen, die auch die höchsten Grade nicht wußten, da konnten die Menschen nicht mehr sagen: Dasjenige, was wahr ist, ist nicht neu, und was neu ist, ist nicht wahr, — denn es waren eine ganze Anzahl von Dingen da gesagt, die eben sich traditionell nicht erhalten hatten.
[ 63 ] But when *The Secret Doctrine* was published—which contained a great many things that even the highest-ranking members did not know—people could no longer say: “What is true is not new, and what is new is not true”—for there were quite a number of things stated there that had not been preserved in the tradition.
[ 64 ] So hatte man auf eine ganz sonderbare Art dasjenige, was man fürchten konnte seit Schelling und Lawrence Oliphant, an einer Frau in einer ganz merkwürdigen, noch dazu verwirrenden Art vor sich.
[ 64 ] Thus, in a most peculiar way, one was confronted with what one had feared ever since Schelling and Lawrence Oliphant—in a woman, in a most strange and, moreover, bewildering manner.
[ 65 ] Deshalb sagte ich: Die Persönlichkeit ist psychologisch noch interessanter als die Bücher. Es war schon ein wichtiges, merkwürdiges Phänomen für das Geistesleben des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dieses Phänomen Blavatsky.
[ 65 ] That is why I said: Her personality is even more interesting from a psychological standpoint than her books. The Blavatsky phenomenon was indeed an important and remarkable phenomenon in the intellectual life of the late 19th century.
[ 66 ] Bis hierher wollte ich die Tatsachen führen.
[ 66 ] That is as far as I wanted to go with the facts.
