The History and Circumstances
of the Anthroposophical Movement
in relation to the Anthroposophical Society
An Impulse Towards Self-reflection
GA 258
12 June 1923, Dornach
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The History and Circumstances of the Anthroposophical Movement, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Indem ich den Hergang der gesellschaftlichen Vereinigungen schildern wollte, mit denen in einem gewissen, allerdings heute vielfach mißverstandenen Zusammenhang die Anthroposophische Gesellschaft steht, mußte ich gestern auf die Erscheinung der A. P. Blavatsky hinweisen. Ich habe schon versucht anzudeuten, wie sich diese Persönlichkeit in das Geistesleben vom Ende des 19. Jahrhunderts hineinstellte. Ich mußte auf diese Persönlichkeit aus dem Grunde zurückgreifen, weil immerhin zur Vereinigung von Menschen, die ich vorgestern unter dem Namen von heimatlosen Seelen zusammengefaßt habe, am Ende des 19. Jahrhunderts die Werke, die von Blavatsky herrühren, den Anstoß gegeben haben.
[ 1 ] In seeking to describe the history of the social associations with which the Anthroposophical Society is connected—in a certain context that is, however, often misunderstood today—I had to refer yesterday to the figure of A. P. Blavatsky. I have already attempted to suggest how this figure positioned herself within the spiritual life of the late 19th century. I had to refer to this figure because, after all, it was the works attributed to Blavatsky that provided the impetus at the end of the 19th century for the association of people whom I described the day before yesterday as “homeless souls.”
[ 2 ] Wenn auch mit dem, was als Anthroposophie auftrat, die Werke der Blavatsky wirklich kaum etwas zu tun haben, so möchte ich doch nicht bloß in diesen Vorträgen das Geschichtliche der anthroposophischen Bewegung schildern, sondern auch das Gesellschaftsmäßige, das uns in der anthroposophischen Bewegung heute vorliegt, charakterisieren. Und dazu sind eben solche Ausgangspunkte nötig, wie ich sie in diesen zwei Tagen gewählt habe.
[ 2 ] Even though Blavatsky’s works really have very little to do with what came to be known as anthroposophy, I would like not only to describe the history of the anthroposophical movement in these lectures, but also to characterize the social aspects that we encounter in the anthroposophical movement today. And for that, precisely the starting points I have chosen over these two days are necessary.
[ 3 ] Nun wird man ja selbstverständlich alles dasjenige, was über Blavatsky gesagt werden kann, heute sehr leicht - wenn man solches geistiges Streben, wie es, sagen wir, in der Theosophical Society hervorgetreten ist, abkritisieren will - abtun können; man wird ja sehr leicht solch eine Erscheinung wie die Blavatsky abkanzeln können, indem man darauf hinweist, wie problematisch manches ist, was in der Biographie dieser Persönlichkeit anzutreffen ist.
[ 3 ] Now, of course, it is very easy today to dismiss everything that can be said about Blavatsky—if one wishes to criticize such spiritual pursuits as those that emerged, say, in the Theosophical Society; it is, after all, very easy to dismiss a figure like Blavatsky by pointing out how problematic many aspects of her biography are.
[ 4 ] Ich könnte da sehr vieles aufzählen. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, wie innerhalb der Gesellschaft, die sich an Blavatskys Geistesleben angeschlossen hat, die Anschauungen entstanden , daß gewisse Erkenntnisse über die geistige Welt dadurch zustande gekommen seien, daß physische Briefe, physische Kundgebungen, also auf Papier Aufgeschriebenes, von einer Seite hergekommen sei, die nicht innerhalb der physischen Welt liegt. Man nannte solche Dokumente «Meisterbriefe»; man wies sie auf, sagte, sie seien nicht auf gewöhnliche Weise geschrieben, oder seien wenigstens an den Ort, an dem sie produziert wurden, nicht auf gewöhnliche Weise gelangt. Es war dann eine ziemlich aufsehenerregende Geschichte, als in jenem Hause, in dem unter der Führung von H.P. Blavatsky solche Briefe vorgewiesen worden waren, allerlei schwindelhaft zustande gekommene Schiebetüren aufgezeigt werden konnten, wo durch solche Türen eben einfach auf gewöhnliche physische, aber schwindelhafte Weise diese Briefe hereingeschoben werden konnten in das Zimmer, in dem sie dann als Zauberbriefe aufgefunden wurden, und dergleichen mehr.
[ 4 ] I could list many examples. I need only point out how, within the society that had aligned itself with Blavatsky’s spiritual life, the view arose that certain insights into the spiritual world had come about through physical letters—that is, physical manifestations, or things written down on paper—that had originated from a source outside the physical world. Such documents were called “Master Letters”; people pointed them out, saying they had not been written in the ordinary way, or at least had not arrived at the place where they were produced in the ordinary way. It was quite a sensational story, then, when in that very house where such letters had been presented under the guidance of H.P. Blavatsky, all sorts of fraudulent sliding doors were discovered, through which these letters could simply be slipped—in an ordinary physical, yet fraudulent manner—into the room where they were then found as “magical letters,” and so on.
[ 5 ] Es wird selbstverständlich den Zeitgenossen außerordentlich leicht, auf diese Dinge hinzuweisen und dann bewahrheitet zu finden, daß eine solche Persönlichkeit wie die Blavatsky einfach abzutun ist mit den Worten, daß sie eben eine Schwindlerin war. Nun, wir werden über diese Seite der Erscheinungen, die sich um Blavatsky herum abspielten, auch noch einiges zu sprechen haben. Aber man kann sich zunächst auch noch auf einen anderen Standpunkt stellen, auf den Standpunkt, daß man sich zunächst um all dasjenige nicht kümmert, was sich da äußerlich zugetragen hat.
[ 5 ] It is, of course, extremely easy for contemporaries to point out these things and then find confirmation that a figure such as Blavatsky can simply be dismissed with the claim that she was nothing more than a fraud. Well, we will have more to say about this aspect of the events that took place around Blavatsky. But for now, one can also adopt a different perspective—the perspective of not concerning oneself, for the time being, with all that took place on the surface.
[ 6 ] Gewiß werden auch Einwände gemacht. Aber sehen wir jetzt einmal von diesen Einwänden ab. Man kümmert sich um all dasjenige nicht, was sich äußerlich zugetragen hat, und sieht einfach auf die Werke hin. Dann wird man zu jenem Urteil kommen, das ich in diesen Tagen Ihnen geschildert habe, zu dem Urteil, daß es sich in den Werken der Blavatsky vielfach um dilettantisches, chaotisches Zeug handelt, das in sie hineingeschrieben worden ist, daß aber bei alldem Dinge drinnen stecken, die, wenn sie mit den rechten Mitteln nachgeprüft werden, durchaus aufzufassen sind als auf irgendeine Art zustande gekommene Wiedergaben von weitgehenden Erkenntnissen über die geistige Welt oder aus der geistigen Welt heraus. Das ist eben nicht zu leugnen, trotz aller Einwände, die gemacht werden.
[ 6 ] Certainly, objections will be raised. But let us set those objections aside for now. One pays no attention to all that has transpired externally and simply looks at the works. Then one will arrive at the judgment I have described to you these past few days—the judgment that Blavatsky’s works are, in many cases, amateurish, chaotic stuff, that has been written into them; yet, despite all this, there are elements within them that, when examined with the proper methods, can certainly be understood as renditions—however they came about—of far-reaching insights into the spiritual world or originating from the spiritual world. This simply cannot be denied, despite all the objections that are raised.
[ 7 ] Da entsteht denn die außerordentlich wichtige, bedeutungsvolle, wie ich glaube, innerlich kulturhistorische Frage: Was liegt dem zugrunde, daß am Ende des 19. Jahrhunderts, sagen wir, zunächst von einer problematischen Seite her eben Kundgebungen aus einer geistigen Welt, Offenbarungen über eine geistige Welt kommen konnten, welche mindestens dann, wenn sie als Anregungen benützt werden, um nachzuschauen, wie es sich mit ihnen verhält, auch vor einer objektiven geisteswissenschaftlichen Betrachtung durchaus die eingehendste Aufmerksamkeit verdienen; Offenbarungen, die über die Grundgesetze der Welt, über die Grundkräfte der Welt mehr aussagen als alles dasjenige, was durch Philosophie oder durch andere Weltanschauungsströmungen in der neueren Zeit über die Geheimnisse der Welt zutage gefördert worden ist. Als eine bedeutungsvolle Frage muß einem das doch erscheinen.
[ 7 ] This raises an extraordinarily important and, I believe, profoundly significant question from the perspective of cultural history: What is the underlying reason that, at the end of the 19th century—let us say—manifestations from a spiritual world and revelations about a spiritual world could emerge, initially from a problematic perspective, which, at the very least when used as stimuli to examine their nature, certainly deserve the most thorough attention even from an objective perspective of Spiritual Science; Revelations that say more about the fundamental laws of the world and its fundamental forces than anything that has been brought to light in recent times by philosophy or other ideological currents regarding the mysteries of the world. This must surely strike one as a significant question.
[ 8 ] Dem steht gegenüber eine andere kulturhistorische Erscheinung, die man nicht vergessen darf, wenn man über die Lebensbedingungen von so etwas spricht, wie es die Anthroposophische Gesellschaft ist, im Zusammenhange überhaupt mit Bestrebungen, um zu Wegen nach der geistigen Welt zu kommen. Diese kulturhistorische Erscheinung ist die, daß die Urteilsfähigkeit, die Überzeugungskraft des Urteils in unserer Zeit überhaupt außerordentlich gelitten hat, zurückgegangen ist.
[ 8 ] This is counterbalanced by another cultural-historical phenomenon that must not be overlooked when discussing the conditions of life within an organization such as the Anthroposophical Society, particularly in the context of efforts to find paths to the spiritual world. This cultural-historical phenomenon is that the capacity for judgment—and the persuasive power of judgment—has suffered greatly in our time and has declined overall.
[ 9 ] Man läßt sich in dieser Beziehung täuschen durch die großen Fortschritte, die gemacht worden sind. Aber gerade wenn man diese großen Fortschritte, die heute gemacht worden sind, im Zusammenhange betrachtet mit dem Gang des Geisteslebens, insofern sich die einzelnen menschlichen Persönlichkeiten als urteilsfähige Persönlichkeiten hineinstellen in diesen Gang des Geisteslebens, dann wird man, ich möchte sagen, einen Hintergrund bekommen für die Kapazität, mit der unser Zeitalter überhaupt Erscheinungen, die an das Urteilsvermögen der Menschen appellieren, gegenübertritt.
[ 9 ] In this regard, one can be misled by the great strides that have been made. But precisely when one considers this great progress that has been made today in the context of the course of spiritual life—insofar as individual human personalities, as beings capable of judgment, place themselves within this course of spiritual life—then one, I would say, gain a context for the capacity with which our age approaches phenomena that appeal to human judgment in the first place.
[ 10 ] Man müßte wirklich außerordentlich vieles nennen. Ich möchte nur ein klein wenig herausgreifen. Ich frage zum Beispiel diejenigen, die heute sich fachmännisch oder nur dilettantisch, sagen wir, mit Elektrotechnik befaßt haben, was für die Elektrotechnik heute das sogenannte Ohmsche Gesetz bedeutet? Man wird natürlich darin zur Antwort bekommen: Das Ohmsche Gesetz bildet eine der Grundlagen für die Entwickelung der ganzen Elektrotechnik. -— Als Ohm die erste Arbeit geleistet hatte, die grundlegend war für sein später sogenanntes Ohmsches Gesetz, da wurde diese Arbeit von einer berühmten philosophischen Fakultät an einer Universität als unbrauchbar zurückgewiesen. Wäre es nach dieser philosophischen Fakultät gegangen, so könnte es heute gar keine Elektrotechnik geben.
[ 10 ] There really are an extraordinary number of things to mention. I would like to single out just a few. For example, I ask those who have studied electrical engineering today—whether as experts or merely as amateurs, so to speak—what the so-called Ohm’s Law means for electrical engineering today? The answer, of course, will be: Ohm’s Law forms one of the foundations for the development of the entire field of electrical engineering. — When Ohm first published the work that laid the groundwork for what would later be known as Ohm’s Law, that work was rejected as useless by a renowned philosophy department at a university. If that philosophy department had had its way, there might be no electrical engineering at all today.
[ 11 ] Dann etwas, was Ihnen vielleicht noch handgreiflicher ist: Sie wissen alle, was heute das Telephon in unserem ganzen Kulturleben bedeutet. Als der außerhalb der offiziellen Wissenschaft stehende Reis zum ersten Male die Idee des Telephons aufschrieb und das Manuskript einer der berühmtesten Zeitschriften der damaligen Zeit, den Poggendorffschen Annalen, überreichte, wurde die Arbeit als unbrauchbar zurückgewiesen. Sehen Sie, so groß ist die Schlagkraft des Urteiles, die eben in den Menschen ist, und man könnte diese Beispiele ins Unermeßliche vermehren. Ja, so groß ist die Schlagkraft des Urteils in unserer Zeit! Man muß diesen Dingen nur mit voller Objektivität eben gegenüberstehen.
[ 11 ] Now, here’s something that might be even more tangible to you: You all know what the telephone means in our cultural life today. When Reis—who stood outside the realm of official science—first wrote down the idea of the telephone and submitted the manuscript to one of the most famous journals of the time, the Poggendorff Annals, the work was rejected as useless. You see, that is how great the impact of judgment is—the kind that resides within people—and one could multiply these examples ad infinitum. Yes, that is how powerful judgment is in our time! One must simply face these matters with complete objectivity.
[ 12 ] Man braucht ja nur irgend etwas, ich möchte sagen, auf dem Gipfelberge unserer Kultur aufzugreifen, man wird überall etwas ähnliches finden. Oder wenn man mehr in die verborgenen Ecken geht, da finden sich manchmal auch niedliche Erscheinungen zur Charakteristik der Urteilsfähigkeit desjenigen, was heute eben tonangebend ist mit Bezug auf, sagen wir, die Verwaltung des Geisteslebens. Und das Publikum wiederum, das große Publikum, das die breite Heerstraße geht - ich habe vorgestern davon gesprochen -, steht ganz unter dem Eindrucke desjenigen, was in dieser Weise heute anerkannt ist. Nun, die Kultur gehört zu allen Ländern; es ist in keinem Lande besser oder schlechter.
[ 12 ] One need only pick out something—I would say—from the pinnacle of our culture, and one will find something similar everywhere. Or if one ventures further into the hidden corners, one sometimes finds charming examples that characterize the judgment of those who set the tone today with regard to, let’s say, the administration of intellectual life. And the public, in turn—the general public, the masses walking the broad highway—as I spoke of the day before yesterday—is entirely under the influence of what is recognized in this way today. Well, culture belongs to all countries; it is neither better nor worse in any one country.
[ 13 ] Nehmen Sie eine solche Erscheinung: Adalbert Stifter ist ein ganz bedeutender Dichter, aber ich will jetzt gar nicht auf seine Bedeutung als Dichter eingehen, sondern etwas aus seinem Leben erzählen. Er machte, ausgezeichnet sogar, seine Gymnasialstudien durch, studierte dann Naturwissenschaften und wollte es zum Gymnasiallehrer bringen. Allein, man fand ihn völlig ungeeignet zum Gymnasiallehrer, man fand ihn zu wenig begabt zum Gymnasiallehrer. Die Autoritäten fanden, er sei nicht genügend begabt zum Gymnasiallehrer. Nun trug sich das Eigentümliche zu, daß eine gewisse Baronin Mink, die gar nicht irgend etwas zu beurteilen hatte über die Fähigkeiten der Gymnasiallehrer, von dem Dichter Adalbert Stifter hörte, sich dasjenige, was er dazumal schon gedichtet hatte und was er selber gar nicht besonders schätzte, vorlesen ließ und ihn geradezu zwang, es zu veröffentlichen. Das machte sogleich großes Aufsehen. Die Autoritäten sagten jetzt: Wir können ja keinen Besseren zum Schulinspektor das ganzen Landes machen. Und so wurde denn derjenige, der noch kurz vorher unfähig geachtet wurde, Lehrer zu werden, zum Oberaufsichtsmann bestellt für alle diese Lehrer!
[ 13 ] Take this example: Adalbert Stifter is a very significant poet, but I don’t want to discuss his significance as a poet right now; instead, I’d like to share something about his life. He completed his high school studies—with excellent grades, in fact—then studied the natural sciences and wanted to become a high school teacher. However, he was deemed completely unsuitable to be a high school teacher; he was considered not talented enough for the position. The authorities felt he lacked the necessary talent to be a high school teacher. Now, a curious turn of events occurred: a certain Baroness Mink—who had absolutely no authority to judge the abilities of high school teachers—heard about the poet Adalbert Stifter, had him read aloud the poems he had already written at that time (which he himself did not particularly value), and practically forced him to publish them. This immediately caused quite a stir. The authorities then said: “We certainly can’t find anyone better to serve as school inspector for the entire state.” And so the man who, just a short time before, had been considered unfit to become a teacher, was appointed chief inspector for all these teachers!
[ 14 ] Es würde außerordentlich interessant sein, einmal auf den verschiedensten Gebieten des geistigen Lebens diese Dinge im Zusammenhange zu schildern, angefangen von einer solchen Erscheinung, wie ich sie eben bei Adalbert Stifter geschildert habe, bis, nun ja, etwa auch einer solchen Erscheinung, wie diejenige des Julius Robert Mayer. Sie wissen, ich muß sogar das Gesetz von der Erhaltung der Kraft, das an seinen Namen sich knüpft, auf gewissen Gebieten bekämpfen. Aber die gegenwärtige Physik bekämpft es nicht, sondern verteidigt es sogar in jedem Kapitel, ist ganz auf dieses Gesetz von der Erhaltung der Kraft aufgebaut. Julius Robert Mayer, der heute als ein Heros dasteht - ich habe Ihnen auch schon andere genannt, wie zum Beispiel Gregor Mendel, dem es in ähnlicher Weise gegangen ist —, Julius Robert Mayer, der zu Heilbronn am Neckar geboren ist, war immer der Letzte in seiner Klasse und bekam auch von der Universität, die er dann bezog - es war in Tübingen -,. eines schönen Tages wegen seiner Aufführung den Rat, von der Universität abzugehen. Es ist durchaus nicht das Verdienst der Universität, daß er zu seinen Entdeckungen gekommen ist, denn die wollte ihn abschieben, bevor er das Examen gemacht hatte und Arzt werden konnte. Von solchen Dingen angefangen bis zu der ungeheuren Tragik, die sich an den Namen Semmelweis knüpft, jene Persönlichkeit, die das ungeheure Verdienst hat, daß auf ein Minimum heute die Kindbettfieber reduziert sind, die vor dem Auftreten von Semmelweis eben die Menschen nur so dahinrafften, bis zu dieser ungeheuren Tragik von Semmelweis, die auch zuletzt dazu geführt hat, ähnlich wie bei Julius Robert Mayer, daß Semmelweis im Irrenhaus geendet hat, trotzdem er einer der größten Wohltäter der Menschheit ist, wäre es interessant, diese Dinge im Zusammenhang zu schildern. Wenn man das alles zusammenfassen würde, würde man eben ein außerordentlich wichtiges Element in der Kulturgeschichte der neuesten Zeit bekommen, aus dem man würde ersehen können, wie wenig Schlagkraft diese Zeit des äußeren Fortschrittes in der Beurteilungsfähigkeit von geistigen Erscheinungen hatte, wie wenig eigentlich Neigung vorhanden war, einzugehen auf dasjenige, was am Horizont des Geisteslebens erschien.
[ 14 ] It would be extraordinarily interesting to describe these things in context across the most diverse areas of intellectual life, starting with a phenomenon such as the one I have just described in connection with Adalbert Stifter, and extending, well, perhaps even to a phenomenon such as that of Julius Robert Mayer. As you know, I must even challenge the law of conservation of energy—which is associated with his name—in certain fields. But contemporary physics does not challenge it; rather, it defends it in every chapter and is entirely built upon this law of conservation of energy. Julius Robert Mayer, who is regarded as a hero today—I have already mentioned others to you, such as Gregor Mendel, who experienced a similar fate— Julius Robert Mayer, who was born in Heilbronn am Neckar, was always at the bottom of his class and was even advised one fine day by the university he eventually attended—it was in Tübingen—to leave the university because of his conduct. It is by no means to the university’s credit that he made his discoveries, for they wanted to expel him before he had taken his exams and could become a doctor. Starting with such events and extending to the immense tragedy associated with the name Semmelweis—that figure who deserves immense credit for reducing puerperal fever to a minimum today, a disease that, before Semmelweis’s time, was simply mowing people down—and up to this immense tragedy surrounding Semmelweis, which ultimately led to just as in the case of Julius Robert Mayer, that Semmelweis ended up in an insane asylum, even though he is one of humanity’s greatest benefactors—it would be interesting to describe these things in context. If one were to summarize all of this, one would arrive at an extraordinarily important element in recent cultural history, from which one could see how little impact this era of outward progress had on the ability to judge intellectual phenomena, and how little inclination there actually was to engage with what was appearing on the horizon of intellectual life.
[ 15 ] Solche Dinge müssen schon berücksichtigt werden, wenn man die dem Eingreifen einer geistigen Bewegung entgegengesetzten feindlichen Kräfte richtig ins Auge fassen will. Man wird dann wissen müssen, welche Urteilsfähigkeit überhaupt in unserer heutigen Zeit vorhanden ist, die so hochmütig gerade auf ihre nicht vorhandene Urteilsfähigkeit ist.
[ 15 ] Such factors must certainly be taken into account if one is to properly assess the hostile forces opposing the influence of a spiritual movement. One will then need to know what capacity for judgment actually exists in our present age, which is so arrogant precisely because of its lack of judgment.
[ 16 ] Es ist ja eine wirklich außerordentlich charakteristische Erscheinung, daß dasjenige, was sonst nur traditionell bewahrt worden ist in allerlei Geheimgesellschaften, die es durchaus nicht an die Öffentlichkeit gelangen lassen wollten, zu einem großen Teil plötzlich . erscheint, veröffentlicht in dem Buche einer Frau, der Blavatsky, in dem Buche, das «Die entschleierte Isis» sich betitelt. Natürlich erschraken alle diejenigen, die sich sagten: In diesem Buche steht eine ' ganze Summe von dem, was wir ja immer unter Schloß und Riegel gehalten haben. — Und diese Gesellschaften waren, ich möchte sagen, besser auf ihre Schlösser und Riegel bedacht als etwa unsere heutige Anthroposophische Gesellschaft.
[ 16 ] It is indeed a truly extraordinary phenomenon that much of what had otherwise been preserved only through tradition within all manner of secret societies—which were determined not to let it reach the public—suddenly appears, published in a book by a woman, Blavatsky, in the book titled *Isis Unveiled*. Naturally, all those who said to themselves, “This book contains a whole host of what we have always kept under lock and key,” were alarmed. — And these societies were, I might say, more careful about their locks and keys than, say, our present-day Anthroposophical Society.
[ 17 ] In der Anthroposophischen Gesellschaft war durchaus nicht die Absicht, dasjenige, was in den Zyklen steht, ganz und gar zu sekretieren, sondern es wurde in einer bestimmten Zeit die Anforderung an mich gestellt, daß diejenigen Dinge, die ich sonst mündlich bespreche, einem größeren Kreis zugänglich sein sollen. Und da keine Zeit vorhanden war, diese Dinge zu redigieren, so ließ man sie eben als Manuskript in der Gestalt drucken, wie man sie sonst nicht veröffentlichen würde, nicht aber deshalb, weil man den Stoff nicht veröffentlichen wollte, sondern weil man den Stoff nicht in dieser Gestalt veröffentlichen wollte, und weil man schließlich auch darauf sehen wollte, daß diese Dinge von denen gelesen werden sollen, die die Vorbereitung dazu haben, weil sie sonst mißverstanden werden müssen. Trotzdem kann man sich heute jeden Zyklus verschaffen, wenn man ihn zu irgendeiner Gegnerschaft haben will. Diejenigen Gesellschaften, von denen ich hier spreche, und die ein gewisses Geistesgut unter Schloß und Riegel gehalten haben, den Leuten Fide abnahmen, damit sie nichts davon verraten, wußten schon die Dinge besser zu hüten. Sie wußten, daß etwas ganz Besonderes dahinter sein müsse, wenn plötzlich ein Buch kommt, welches nun wirklich etwas brachte, was Bedeutung hatte in dem angedeuteten Sinne. Die Dinge, die keine Bedeutung haben - ja, da brauchen Sie nur in Paris in eine Nebenstraße zu gehen, da können Sie korbweise die Schriften der Geheimgesellschaften kaufen. Aber von der Veröffentlichung dieser Schriften wird sich kein Schreck ergeben für diejenigen, die das traditionelle Wissen in den Geheimgesellschaften bewahrt haben, denn das sind in der Regel sehr wertlose Dinge, die da veröffentlicht werden.
[ 17 ] It was by no means the intention of the Anthroposophical Society to keep the contents of the cycles entirely confidential; rather, at a certain point in time, I was asked to make the material—which I would otherwise discuss orally—accessible to a wider audience. And since there was no time to edit these materials, they were simply printed as manuscripts in a form in which they would not normally be published—not because there was any desire to withhold the material, but because it was not intended to be published in that form, and because, ultimately, the aim was to ensure that these texts be read only by those who were prepared for them, since otherwise they would inevitably be misunderstood. Nevertheless, anyone can obtain any of the cycles today if they wish to oppose them. The societies I am speaking of here—which have kept a certain body of spiritual knowledge under lock and key, taking an oath of silence from their members so they would reveal nothing—knew how to guard these things better. They knew that there must be something very special behind it when a book suddenly appeared that truly offered something of significance in the sense implied. As for things that have no significance—well, you need only walk down a side street in Paris to find baskets full of the writings of secret societies for sale. But the publication of these writings will cause no alarm for those who have preserved traditional knowledge within the secret societies, for what is published there is, as a rule, of very little value.
[ 18 ] Aber «Die entschleierte Isis» war nichts Wertloses. «Die entschleierte Isis» brachte tatsächlich aus einem gewissen Substantiellen heraus, so daß das mitgeteilte Wissen wie ein Ursprüngliches erschien, dasjenige, was eben von alter Weisheit bis dahin sorgfältig behütet worden war.
[ 18 ] But *The Unveiled Isis* was by no means worthless. *The Unveiled Isis* did indeed draw upon a certain substance, so that the knowledge it conveyed appeared to be something primordial—that which had been carefully guarded by ancient wisdom up to that point.
[ 19 ] Wie gesagt, diejenigen, die da erschraken, mußten sich vorstellen, daß? da etwas Besonderes dahintersteckte, ein Verrat von irgendeiner Seite. Ich will jetzt in diesen Vorträgen nicht so stark die Innenseite der Sache betonen, was etwa an Tatsachen hinter den Kulissen dahintersteckt, das habe ich ja früher in anderen Vorträgen wiederholt einmal von diesem oder jenem Standpunkte aus besprochen, sondern ich möchte mehr die Außenseite berühren, mehr das Urteil der Welt charakterisieren, weil das gerade für die Geschichte der Bewegung wichtig ist. Das konnten ja die Leute wissen, daß da irgend jemand, der eingeweiht war in diese Dinge, der traditionelles Wissen überkommen hat, aus irgendeinem Grund, der nicht ein besonders guter zu sein brauchte, der Blavatsky Anregungen gegeben hat. Das konnte man sich ja sehr leicht sagen. Es würde das nicht weit von der Wahrheit abweichen, daß da irgendwo aus einer Geheimgesellschaft oder aus einer Summe von Geheimgesellschaften her ein Verrat geschehen ist, und dies dann gerade durch die Blavatsky veröffentlicht worden ist. Aber es hätte auch andere Wege gegeben, um solche Sachen an die Öffentlichkeit zu bringen, als sich einer Dame, wie die Blavatsky war, zu dieser Veröffentlichung zu bedienen.
[ 19 ] As I said, those who were alarmed by this had to create a mental image of what was behind it… that there was something special there, some kind of betrayal on someone’s part. In these lectures, I do not wish to emphasize the inner workings of the matter so strongly—that is, the facts behind the scenes—since I have discussed this repeatedly in the past in other lectures from various perspectives; rather, I would like to focus more on the external aspects, to characterize the world’s judgment, because this is particularly important for the history of the movement. People could well have known that there was someone who was initiated into these matters, who had inherited traditional knowledge, and who, for whatever reason—which need not have been a particularly good one—had given Blavatsky inspiration. It was very easy to come to that conclusion. It would not be far from the truth to say that a betrayal occurred somewhere within a secret society—or a group of secret societies—and that this was then made public specifically through Blavatsky. But there would have been other ways to bring such matters to the public’s attention than to use a lady like Blavatsky for this publication.
[ 20 ] Nun gab es aber einen Grund, den ich auch nur nach seiner AuRenseite charakterisieren will, sich gerade dieser Dame zu bedienen. Und hier komme ich auf ein Kapitel in unserer Geistesgeschichte, das wirklich ein sehr merkwürdiges ist. Dazumal, als die Blavatsky mit ihren Büchern auftrat, sprach man sehr, sehr wenig von dem, was heute in so vieler Munde ist: von Psychoanalyse. Aber diejenigen, die urteilsfähig berührt wurden von der charakterisierten merkwürdigen Tatsache, haben wahrhaftig lebendig etwas durchgemacht, gerade durch die Erscheinung von Blavatsky, wogegen alles dasjenige, was da von den verschiedenen Koryphäen der Psychoanalyse bisher geschrieben worden ist, wie ich mich neulich einmal in anderem Zusammenhange ausdrückte, wirklich der Dilettantismus im Quadrat ist. Denn was will denn die Psychoanalyse zeigen?
[ 20 ] However, there was a reason—which I will characterize solely from its external perspective—to make use of this particular lady. And here I come to a chapter in our intellectual history that is truly a very curious one. Back when Blavatsky appeared with her books, very, very little was said about what is on so many people’s lips today: psychoanalysis. But those who were moved—with the capacity to judge—by the peculiar fact described truly experienced something vividly, precisely through Blavatsky’s appearance; whereas everything that has been written so far by the various luminaries of psychoanalysis—as I recently expressed in another context—is truly dilettantism squared. For what does psychoanalysis actually set out to demonstrate?
[ 21 ] Dort, wo sie in gewissem Sinne im Rechte ist, zeigt sie, daß in den Untergründen des menschlichen Wesens erwas vorhanden ist, das, mag es nun da unten sein wie immer, ins Bewußtsein heraufgehoben werden kann und dann über dasjenige hinausgeht, was der Mensch zunächst in seinem Bewußtsein hat. So daß man also meinetwillen sagen kann: Im Körper steckt etwas, das, wenn es ins Bewußtsein heraufgehoben wird, sich als Geistiges ausnimmt. Der Körper wird durchrumort von Geistigem. Es ist natürlich das Primitivste, daß man als Psychiater irgendwelche Erlebnisreste auf diese Weise aus dem Untergrunde des menschlichen Wesens heraufholt, also Erlebnisreste, die nach den Emotionsbedürfnissen des betreffenden Menschen nicht ganz intensiv genug durchgemacht worden sind, die sich gewissermaßen hinuntergesetzt haben, Bodensatz gebildet haben im Menschen, ihn dadurch in ein labiles Gleichgewicht bringend, nicht in ein stabiles, und daß dasjenige, was während des Lebens eines Menschen sich zugetragen hat, dann, trotzdem es unten rumort im Unbewußten, heraufgehoben wird, und wenn es heraufgehoben wird ins Bewußtsein, sich als etwas Geistiges erweist, das eben nur sozusagen nicht recht hineinpaßt in dieses menschliche Wesen und daher unrichtig rumort, wenn es aber bewußt wird, abreagiert werden kann, und dadurch der Mensch von dem unrichtigen Rumoren gerade befreit wird.
[ 21 ] Where she is, in a certain sense, correct, she shows that there is something in the depths of the human being which—whatever it may be down there—can be brought up into consciousness and then transcends what a person initially has in their consciousness. So one might say, as far as I am concerned: There is something within the body that, when brought up into consciousness, manifests as something spiritual. The body is permeated by the spiritual. It is, of course, the most primitive approach for a psychiatrist to bring up remnants of experiences in this way from the depths of the human being—that is, remnants of experiences that, according to the emotional needs of the person in question, were not lived through with sufficient intensity, that have, so to speak, settled to the bottom, forming a sediment within the person, thereby bringing them into an unstable equilibrium—not a stable one—and that what has occurred during a person’s life is then, is brought to the surface even though it is churning away in the unconscious, and when it is brought into consciousness, it proves to be something spiritual that, so to speak, does not quite fit into this human being and therefore churns in the wrong way; but when it becomes conscious, it can be worked through, and thereby the person is liberated from that wrong kind of churning.
[ 22 ] Aber nun ist es ja interessant, wozu solch eine psychoanalytische dilettantische Forschung heute doch schon gekommen ist. Gerade bei Jung ist das ja sehr interessant. Der kommt darauf, daß der Mensch da unten - natürlich kann man nicht recht bezeichnen dieses da unten, es ist halt irgendwo da unten, ein unbestimmtes Wesen —, irgendwo in seinem Wesen dasjenige hat, was er als unverarbeitete Erlebnisse seit seiner Geburt eben durchgemacht hat; daß er da unten in seinem Menschenwesen allerlei hat, was zurückweist zu den Urvätern, ja, ganz zurückweisen kann durch alle Erlebnisse der Rassen und noch weiter. So erscheint es heute dem Psychiater gar nicht mehr unmöglich, daß zum Beispiel das, was, sagen wir als das Ödipus-Problem in Griechenland erfahren worden ist, auf die Menschen einen Eindruck gemacht hat. Dann habe sich das weiter vererbt, immer weiter. Und heute kommt so ein Unglückswurm in die Klinik des Psychiaters, der psychoanalysiert ihn und kriegt da etwas heraus, was so tief sitzt in dem Betreffenden, daß es nicht aus seinem gegenwärtigen Leben stammt, sondern von dem Vater, Vorvater, Vorvorvater und so weiter bis hinauf zu den alten Griechen, die das Ödipus-Problem erlebt haben. So ist es durchgegangen durch alles Blut und kann heute herauspsychoanalysiert werden. Da rumoren die Ödipus-Empfindungen in dem Menschen und können herauspsychoanalysiert werden. Man glaubt dann, sogar auf sehr interessante Zusammenhänge zu kommen, indem man dasjenige, was rassengemäß weit zurückgehen kann, herauspsychoanalysieren kann.
[ 22 ] But now it is indeed interesting to see what such amateur psychoanalytic research has already achieved today. This is particularly interesting in Jung’s work. He concludes that the human being down there—of course, one cannot really describe what is down there, it’s just somewhere down there, an indeterminate being—somewhere within his being contains what he has experienced as unprocessed events since his birth; that down there, within his human being, he possesses all sorts of things that trace back to the forefathers—indeed, can be traced all the way back through the experiences of the races and even further. So today it no longer seems impossible to the psychiatrist that, for example, what was experienced in Greece as, let’s say, the Oedipus complex, made an impression on people. Then this was passed down further, further and further. And today, such a wretch comes into the psychiatrist’s clinic; the psychiatrist psychoanalyzes him and uncovers something so deeply rooted in the patient that it does not stem from his present life, but from his father, forefather, great-forefather, and so on all the way back to the ancient Greeks who experienced the Oedipus complex. Thus it has run through all the bloodlines and can be psychoanalyzed today. The Oedipal feelings rumble within the person and can be brought to light through psychoanalysis. One then believes one can even uncover very interesting connections by psychoanalyzing what can be traced back a long way in terms of race.
[ 23 ] Nur, sehen Sie, sind das eben durchaus dilettantische Forschungsmethoden. Denn Sie brauchen nur ein wenig bewandert zu sein in der Anthroposophie, so wissen Sie, daß eben gar mancherlei aus den Untergründen des menschlichen Wesens herausgeholt werden kann: zunächst das vorgeburtliche Leben, das vorirdische Leben, dasjenige, was der Mensch durchgemacht hat, bevor er heruntergestiegen ist in die physische Welt, dann dasjenige, was er in früheren Erdenleben durchgemacht hat. Da kommt man vom Dilettantismus in die Wirklichkeit hinein!
[ 23 ] But, you see, these are, after all, quite amateurish research methods. For if you are even slightly familiar with anthroposophy, you know that all sorts of things can be drawn from the depths of the human being: first, prenatal life, pre-earthly life—that which a person experienced before descending into the physical world—and then what they experienced in earlier earthly lives. That is where one moves from amateurism into reality!
[ 24 ] Aber da kommt man auch dazu, zu erkennen, wie im Menschen gewissermaßen involviert, zusammengerollt, das ganze Weltgeheimnis enthalten ist. Das war auch schließlich die Anschauung älterer Zeiten, daß das Weltengeheimnis sich entrollt, wenn der Mensch alles dasjenige, was in seinem Inneren verborgen ist, aus seinem Inneren heraufholt. Deshalb hat man den Menschen einen Mikrokosmos genannt, nicht etwa des Firlefanzes wegen, den man heute so oft gebraucht, sondern weil tatsächlich die Erfahrung vorlag: Da kann aus dem Untergrund des Menschen alles mögliche heraufgeholt werden, was in den Weiten des Kosmos als Geheimnis liegt.
[ 24 ] But then one also comes to realize how the entire mystery of the world is, in a sense, contained within the human being, as if rolled up within it. After all, this was also the view held in earlier times: that the mystery of the world unfolds when a person brings forth from within everything that is hidden there. That is why human beings have been called a microcosm—not because of the frivolous nonsense so often bandied about today, but because there was indeed empirical evidence: from the depths of the human being, all manner of things can be brought to the surface that lie as mysteries in the vastness of the cosmos.
[ 25 ] Es ist wirklich primitivster Dilettantismus, was man als Psychoanalyse heute antrifft. Denn es ist erstens psychologischer Dilettantismus: Man weiß nicht, daß in gewissen Untergründen physisches und geistiges Leben eins ist, sondern betrachtet in abstrakten Begriffen das an der Oberfläche schwimmende Seelenleben, kommt nicht bis zu jenen Untergründen, wo dieses Seelenleben schaffend, webend, wellend im Blut, in der Atmung lebt, also eins ist mit dem sogenannten materiellen Wirken. Man betrachtet das Seelenleben dilettantisch. Man betrachtet aber zweitens auch das physische Leben dilettantisch, indem man es bloß nach dem äußeren sinnlichen Anscheine betrachtet und nicht weiß, daß überall im sinnlichen Leben, vor allen Dingen in dem menschlichen Organismus, Geistiges steckt. Und wenn man zwei Dilettantismen so verwebt, daß der eine Dilettantismus den andern beleuchten soll, wie es die Psychoanalyse macht, dann addieren sich die Dilettantismen nicht bloß, sondern sie multiplizieren sich miteinander: es gibt einen Dilettantismus im Quadrat.
[ 25 ] What passes for psychoanalysis today is truly the most primitive form of amateurism. For, first of all, it is psychological amateurism: one does not realize that, at certain deeper levels, physical and mental life are one; instead, one views the life of the soul—which floats on the surface—in abstract terms, failing to reach those deeper levels where this life of the soul lives, creating, weaving, and surging in the blood and in the breath—that is, where it is one with what is called material activity. One views the life of the soul in an amateurish manner. Secondly, however, one also views physical life in an amateurish manner by considering it solely in terms of outward sensory appearances and failing to realize that the spiritual is present everywhere in sensory life, above all in the human organism. And when two forms of amateurism are interwoven in such a way that one is meant to shed light on the other—as psychoanalysis does—then the amateurisms do not merely add up; rather, they multiply each other: the result is amateurism squared.
[ 26 ] Nun, das, was eben als ein solcher Quadratdilettantismus zum Vorschein kommt, das konnte man gewissermaßen an dem psychologischen Problem Blavatsky sicher sehen. Da mag von irgendeiner Seite her durch irgendeinen Verrat eine Anregung gekommen sein. Diese Anregung hat wirklich so gewirkt, wie wenn — aber jetzt ein weiser, unsichtbarer Psychiater aus der Blavatsky, durch einen Anstoß nämlich, herausholte eine Unsumme von Wissen, das jetzt aus dem Menschen selber herausgekommen war, nicht aus alten Schriften, die traditionell überkommen waren von alten Zeiten. Da war aus dem Menschenwesen selber etwas zutage getreten, ich möchte sagen, durch den unsichtbaren Psychiater. Denn wenn es sich um einen Verräter gehandelt hat, so war der ja nicht der Psychiater, der hat nur den Anstoß gegeben. Aber es haben die Verhältnisse den Anstoß gegeben! Welche Verhältnisse?
[ 26 ] Well, what has just come to light as a kind of amateurish squaring of the circle could certainly be seen, in a sense, in the psychological problem of Blavatsky. Perhaps a stimulus came from some quarter through some kind of betrayal. This stimulus truly had the effect as if—but now a wise, invisible psychiatrist had, through a kind of impetus, drawn out of Blavatsky a vast amount of knowledge that had now emerged from within the human being herself, not from ancient writings handed down traditionally from times past. Something had come to light from within the human being herself—I would say, through the invisible psychiatrist. For if there was a traitor involved, he was certainly not the psychiatrist; he merely provided the impetus. But it was the circumstances that provided the impetus! What circumstances?
[ 27 ] Wenn Sie die Zeitentwickelung betrachten bis etwa in das 15. Jahrhundert, so können Sie finden, daß es wahrhaftig noch öfter vorkam, daß den Menschen, wenn sie durch irgend etwas angeregt waren — es brauchte bloß eine besonders charakteristische äußere Erscheinung zu sein -, dann aus ihrem Innern eine Offenbarung über Weltengeheimnisse aufstieg. Später wird das schon zu etwas sagenhaft Mystischem. Das, was erzählt wird von Jakob Böhme, daß er beim Anblick einer zinnernen Schüssel eine Offenbarung großartiger Art gehabt hat, das wird bewundert, weil man eben nicht weiß, daß das in früheren Zeiten bis in das 15. Jahrhundert herein noch überhaupt so war, daß aus dem Menschen eine verhältnismäßig scheinbar geringfügige Anregung ungeheure Offenbarungen über die Weltengeheimnisse herausholen konnte, die dann von dem Menschen geschaut worden sind.
[ 27 ] If you look at the course of history up to about the 15th century, you will find that it was indeed still quite common for people, when inspired by something—it need only have been a particularly distinctive external appearance—to experience a revelation of the world’s mysteries rising up from within them. Later on, this became something of a legendary mystery. The story told about Jakob Böhme—that he had a magnificent revelation upon seeing a pewter bowl— is admired precisely because people do not realize that in earlier times, right up into the 15th century, it was indeed the case that a relatively seemingly trivial stimulus could elicit immense revelations about the mysteries of the world from a person, which were then perceived by that person.
[ 28 ] Aber das ist ja immer mehr und mehr zurückgegangen, daß die Menschen auf solche Anregungen hin innere Offenbarungen haben können. Das rührt von dem Überhandnehmen des Intellektualismus her. Der Intellektualismus ist ja zusammenhängend mit einer ganz bestimmten Gehirnausbildung. Das Gehirn wird - wenn man das auch natürlich nicht im Äußeren anatomisch-physiologisch nachweisen kann, so kann man es aber doch geistig nachweisen gewissermaßen verkalkter, steifer. Und tatsächlich ist das Gehirn der Zivilisationsmenschen seit dem 15. Jahrhundert wesentlich steifer geworden. Dieses steife Gehirn läßt eben nicht die inneren Offenbarungen des Menschen an die Bewußtseinsoberfläche kommen.
[ 28 ] But the ability of people to experience inner revelations in response to such stimuli has been steadily declining. This stems from the rise of intellectualism. Intellectualism is, after all, linked to a very specific type of brain development. The brain—even if this cannot, of course, be proven externally in anatomical or physiological terms—can nevertheless be shown, spiritually speaking, to have become, so to speak, calcified and stiffer. And in fact, the brains of civilized people have become significantly stiffer since the 15th century. This stiff brain simply does not allow a person’s inner revelations to rise to the surface of consciousness.
[ 29 ] Nun muß ich jetzt etwas außerordentlich Paradoxes sagen, aber wahr ist es eben doch: Die größere Steifigkeit des Gehirnes, selbstverständlich Ausnahmen auf der einen und der anderen Seite immer abgerechnet, trat bei den Männern auf, wobei ich das gar nicht sage, damit sich dieses oder jenes weibliche Gehirn besonders freuen soll, denn als dann die letzte Hälfte des 19. Jahrhunderts herankam, wurden schon auch die Frauengehirne genügend steif. Aber den Vorsprung in bezug auf die Intellektualität und die Steifigkeit der Gehirne hatten eben doch die Männer. Und das hängt zusammen mit dem Zurückgehen des Urteiles.
[ 29 ] Now I must say something extraordinarily paradoxical, but it is nonetheless true: Greater rigidity of the mind—of course, always taking exceptions on both sides into account—was found among men, though I am not saying this to make this or that female mind particularly happy, for by the time the latter half of the 19th century rolled around, women’s minds had also become sufficiently rigid. But men did, after all, have the edge in terms of intellectual capacity and the rigidity of the brain. And this is linked to the decline in judgment.
[ 30 ] Nun, in der Zeit war es ja namentlich, wo Geheimhaltung von dem alten Wissen noch in starkem Maße gepflogen worden ist. Da stellte sich dann heraus: Den Männern tat dieses Wissen nicht viel an, denn sie lernten es auswendig, gradweise. Es tat ihnen nicht viel an, und sie hielten es ja unter Schloß und Riegel. Wenn aber einer in irgendeiner Weise dieses alte Wissen noch einmal zu einer besonderen Entfaltung bringen wollte, dann konnte er schon das besondere Experiment machen, dieses Wissen, das er vielleicht selber gar nicht einmal zu verstehen brauchte, nun in einer geringen Dosis einer Frau, deren Gehirn vielleicht noch gerade ganz besonders präpariert war — denn das Blavatsky-Gehirn war doch etwas anderes als andere Frauengehirne des 19. Jahrhunderts —, zu übergeben. Dann konnte das durch den Kontrast gegenüber alledem, was man sonst an Kultur hatte gerade in diesen Frauengehirnen, ich möchte sagen, Feuer fangen, was sonst vertrocknetes altes Wissen war, konnte, so wie der Psychiater durch diese oder jene Direktion den ganzen Menschen anregt, diese Persönlichkeit der Blavatsky anregen. Sie fand dann durch diese Anregung dasjenige aus sich heraus, was von der gesamten Menschheit, die nicht in Geheimgesellschaften war, überhaupt vergessen worden war, von den anderen, die in Geheimgesellschaften waren, sorgfältig unter Schloß und Riegel gehalten und zum großen Teil eben nicht verstanden worden ist. Das konnte auf diese Weise, ich möchte sagen, wie durch ein Kulturventil herauskommen.
[ 30 ] Well, that was precisely the time when secrecy surrounding the ancient knowledge was still strictly observed. It then turned out that this knowledge did not affect the men much, for they learned it by heart, step by step. It did not affect them much, and they kept it under lock and key. But if someone wanted to bring this ancient knowledge to a special flowering once again in any way, then he could carry out a special experiment: taking this knowledge—which he perhaps did not even need to understand himself— now, in a small dose, to a woman whose brain was perhaps still particularly well-prepared—for the Blavatsky brain was, after all, somewhat different from other women’s brains of the 19th century—. Then, through the contrast with everything else that was part of the culture of the time—precisely in these women’s brains—what was otherwise dried-up, ancient knowledge could, I might say, catch fire; just as a psychiatrist stimulates the whole person through this or that approach, so too could Blavatsky’s personality be stimulated. Through this stimulation, she then discovered within herself that which had been completely forgotten by all of humanity not belonging to secret societies—and which had been carefully kept under lock and key by those who were members of secret societies, and for the most part simply not understood. In this way, I would say, it was able to emerge as if through a cultural valve.
[ 31 ] Aber gleichzeitig war eben gar keine Grundlage da, daß das in einer vernünftigen Weise hätte verarbeitet werden können. Denn eine Logikerin war Frau Blavatsky ganz gewiß nicht. In der Logik wat sie außerordentlich schwach. Während sie tatsächlich aus ihrem gesamten Menschenwesen heraus Weltengeheimnisse offenbaren konnte, war sie eben nicht imstande, diese Dinge auch in einer Form, die sich vor dem wissenschaftlichen Gewissen der neueren Zeit verantworten läßt, darzustellen.
[ 31 ] But at the same time, there was simply no foundation upon which this could have been processed in a reasonable manner. For Madame Blavatsky was certainly no logician. She was exceptionally weak in logic. While she was indeed able to reveal the mysteries of the universe from the depths of her entire being, she was simply unable to present these things in a form that could stand up to the scientific scrutiny of modern times.
[ 32 ] Jetzt denken Sie sich einmal: Wie sollte bei der Kurzmaschigkeit des Urteils, mit dem geistigen Erscheinungen da begegnet wurde, in richtiger Weise beachtet werden dasjenige, was ja erst, man möchte sagen, zwanzig Jahre danach ganz primitiv dilettantisch höchstens in der Psychoanalyse wieder hervorkam, aber auch nur auf einem außerordentlich kleinen Gebiete. Wie sollte in richtiger Weise beachtet werden das, was Erlebnis werden konnte von gigantischer Größe, zu dem sich einmal die Psychoanalyse, wenn sie geläutert, geklärt ist, wenn sie auf einen vernünftigen Boden gestellt ist, wirklich wissenschaftlich betrieben werden wird, erst erheben kann; wenn man nicht mehr aus dem Blut psychoanalysiert, das von Menschen, die das Ödipus-Problem miterlebt haben, herunterrinnt durch die Adern bis in unsere Generation herein, sondern wenn man die Weltenzusammenhänge wirklich versteht. Wie sollte man diesem Erlebnis, das einer heutigen entarteten psychoanalytischen Forschung, ich möchte sagen, ihr von aller Karikatur befreites großartiges, gigantisches Gegenbild zeigt, wie sollte man dem in einer Zeit, in der die Urteilsfähigkeit so beschaffen war, wie ich es Ihnen dargestellt habe, in genügendem Maße in weiteren Kreisen begegnen können? In dieser Beziehung konnte einem ja wirklich gar manches passieren mit Bezug auf die Auffassung, die einem dann entgegengebracht wurde in unserer Zeit, wenn man nur den Versuch machte, an ein etwas weitmaschigeres Urteil zu appellieren.
[ 32 ] Now just imagine: Given the superficiality of the judgment with which these mental phenomena were initially met, how could proper account have been taken of what—one might say—only twenty years later reemerged, at best, in a very primitive and amateurish form in psychoanalysis, and even then only in an extraordinarily narrow field? How could proper account be taken of what could become an experience of gigantic proportions—one that psychoanalysis, once it has been purified and clarified, once it has been placed on a rational foundation and is truly practiced as a science, will only then be able to attain; when we no longer psychoanalyze from the blood that flows through the veins of people who witnessed the Oedipus complex, all the way down to our generation, but when we truly understand the interconnections of the world. How could one adequately address this experience—which presents, I would say, a magnificent, gigantic counter-image to today’s degenerate psychoanalytic research, one free from all caricature—in a time when the capacity for judgment was such as I have described to you, and reach a sufficiently broad audience? In this regard, one could indeed encounter all sorts of reactions regarding the views one faced in our time, simply by attempting to appeal to a somewhat broader judgment.
[ 33 ] Ich möchte Ihnen da zur Illustration — diese Dinge sind notwendig, Sie werden schon sehen aus dem weiteren Verlauf der Vorträge, wie notwendig es ist, daß ich auch auf diese scheinbar ganz persönlichen Dinge eingehe - ein Beispiel erzählen, wie schwierig es in dieser neueren Zeit ist, sich überhaupt dann irgendwie verständlich zu machen, wenn man mit irgend etwas an ein weitmaschigeres, weitherzigeres Urteil appellieren will.
[ 33 ] To illustrate this—these things are necessary; you will see from the rest of these lectures just how necessary it is for me to address even these seemingly very personal matters—I would like to give you an example of how difficult it is in these modern times to make oneself understood at all when one wishes to appeal to a broader, more generous judgment.
[ 34 ] Es gab eine Zeit um die Jahrhundertwende, da wurden in Berlin, wo ich dazumal wohnte, Giordano Bruno-Vereinigungen begründet, unter anderem auch ein «Giordano Bruno-Bund». Es gab auch andere Giordano Bruno-Vereinigungen, aber es wurde ein «Giordano Bruno-Bund» begründet. Darinnen waren wirklich ausgezeichnete Menschen im Stil und Sinn der damaligen Zeit, Menschen, die schon ein gründliches Interesse hatten für dasjenige, für das man dazumal überhaupt Interesse aufbringen konnte, und für das man die ganze Richtung seiner Vorstellungs- und Empfindungs- und Willenswelt aufbringen konnte. Und sogar in jener abstrakten Weise, in der das auch in der neueren Zeit geschieht, wurde sogar in diesem Giordano Bruno-Bund auf den Geist hingewiesen. Eine bekannte Persönlichkeit dieses Giordano BrunoBundes leitete seine Begründung ein mit einem Vortrage: «Materie nie ohne Geist». — Aber das alles war so aussichtslos, denn dieser Geist und das, was da gepflegt worden ist, das war im Grunde genommen etwas ganz Abstraktes, was an eine Wirklichkeit der Welt gar nicht herankommen konnte. Die Denkweise war etwas furchtbar Abstraktes. Besonders aber kam es mir sehr ärgerlich vor, daß die Leute da alle Augenblicke, wo es nur irgendwie möglich war, das Wort Monismus anbrachten. Man müsse dem einzig vernünftgen, menschheitsgemäßen Monismus huldigen, und der Dualismus, der sei etwas Abgetanes. Dann wurde namentlich immer darauf hingewiesen, wie man sich in der neueren Zeit aus dem mittelalterlichen Dualismus herausgewunden habe.
[ 34 ] There was a time around the turn of the century when, in Berlin—where I lived at the time—Giordano Bruno societies were founded, including a “Giordano Bruno League.” There were also other Giordano Bruno societies, but a “Giordano Bruno Federation” was founded. It included truly outstanding individuals in the spirit and style of that era—people who already had a deep interest in whatever could arouse interest at the time, and to which one could devote the entire scope of one’s world of mental images, feeling, and will. And even in that abstract way in which this also occurs in more recent times, attention was drawn to the spirit even within this Giordano Bruno League. A well-known figure in this Giordano Bruno League opened its founding with a lecture titled: “Matter Never Without Spirit.” — But all of that was so futile, for this “spirit” and what was being cultivated there was, at its core, something entirely abstract that could not even come close to the reality of the world. The way of thinking was terribly abstract. In particular, however, it struck me as very annoying that the people there brought up the word “monism” at every opportunity, whenever it was at all possible. One must pay homage to the only reasonable, humane monism, and dualism, they said, was something to be discarded. Then, in particular, they always pointed out how, in more recent times, people had extricated themselves from medieval dualism.
[ 35 ] Das waren Dinge, die ich dazumal außerordentlich ärgerlich fand. Ich fand eben ärgerlich dieses Schwafeln über den Monismus und dieses dilettantische Ablehnen eines Dualismus, ich fand ärgerlich das Reden über den Geist so im allgemeinen, pantheistisch, daß, nun ja: daß halt überall auch Geist ist. Es blieb dann nichts zurück als das Wort vom Geiste. Das alles fand ich ziemlich ärgerlich. Eigentlich geriet ich schon, nachdem der erste Vortrag über «Materie nie ohne Geist» gehalten worden war, mit demjenigen, der den Vortrag gehalten hat, aneinander, was mir dazumal schon außerordentlich übelgenommen worden ist. Aber dann setzte sich dieses ganze monistische Treiben fort und wurde mir immer ärgerlicher, interessant, aber ärgerlich, und da beschloß ich denn einmal, die Leute an einem Zipfel anzufassen, wodurch ich wenigstens meinte, ihre Urteilskraft in einige Bewegung zu bringen. Und da schon durch eine ganze Serie von Vorträgen die Tiraden über das finstere Mittelalter, über die schreckliche dualistische Scholastik gegangen waren, so beschloß ich — es war in der Zeit, von der man jetzt gerade von mir erzählt, daß ich ein wütender Haeckelianer gewesen sein soll —, einmal etwas zu tun, wodurch das Urteil hätte etwas durcheinandergerüttelt sein sollen. Da hielt ich einen Vortrag über Thomas von Aquino und sagte, indem ich jetzt dasjenige, was ich dazumal ausführlich darlegte, in ein paar Sätze zusammenfasse, ungefähr das Folgende: Es habe gar keine Berechtigung, in bezug auf die Ideen des vergangenen Geisteslebens, von dem finsteren Mittelalter, namentlich von dem Dualismus der Thomistik und der Scholastik zu sprechen. Denn wenn man immerfort das Schlagwort Monismus gebraucht, so wolle ich beweisen, daß Thomas von Aquino ein richtiger Monist gewesen sei. Nur müsse man dann nicht bloß dasjenige, was in der Gegenwart als materialistischer Monismus aufgefaßt wird, allein Monismus nennen, sondern man müsse denjenigen einen Monisten nennen, der das Weltenprinzip in einem Monon, in einer Einheit sehe. So sagte ich: das habe ganz gewiß Thomas von Aquino getan, denn er habe selbstverständlich in dem einheitlichen Göttlichen das Monon gesehen, das zugrunde liegt allem, was in der Welt als Schöpfung vorhanden ist. Da liegt, sagte ich, der reinste Monismus zugrunde. Nur habe er, nach Maßgabe des damaligen Zeitalters, unterschieden, daß man die eine Hälfte durch gewöhnliche menschliche Sinneserkenntnis und Verstandeserkenntnis erfassen könne, die andere durch eine Art von Erkenntnis, die dazumal Glaube genannt worden ist. Aber was die Scholastik noch als Glaube verstand, verstehe die gegenwärtige Menschheit gar nicht. So müsse man, sagte ich, sich klar darüber sein, daß zwar Thomas von Aquino gewollt hat, auf der einen Seite durch Sinnesforschungen und Verstandeserkenntnis sich der Welt zu nähern, daß er aber auf der anderen Seite durch die Offenbarungswahrheiten diese Verstandeserkenntnis habe ergänzen wollen. Aber dadurch habe er gerade zu dem Monon der Welt vordringen wollen. Er habe nur auf zwei Wegen vorgehen wollen. Das Schlimme wäre für die Gegenwart, sagte ich, daß diese Gegenwart nicht genug weitherzige Begriffe habe, um sich etwas in der Geschichte auszukennen.
[ 35 ] These were things that I found extremely annoying back then. I found this rambling about monism and this amateurish rejection of dualism annoying; I found the talk about the spirit in such general, pantheistic terms—that, well, that the spirit is simply everywhere—annoying. In the end, nothing remained but the word “spirit.” I found all of that quite annoying. Actually, right after the first lecture on “Matter Is Never Without Spirit” had been given, I got into an argument with the person who gave the lecture, which was taken extremely badly by others at the time. But then all this monistic fuss continued and became increasingly annoying to me—interesting, but annoying—and so I decided to take people to task, in the hope that I might at least stir their powers of judgment into some action. And since a whole series of lectures had already been devoted to tirades against the dark Middle Ages and the dreadful dualistic scholasticism, I decided—it was during the period when people are now saying that I was supposedly a rabid Haeckelian—to do something that would have shaken up their judgment a bit. So I gave a lecture on Thomas Aquinas and said—summarizing in a few sentences what I had explained at length back then—roughly the following: There is absolutely no justification for speaking, with regard to the ideas of past intellectual life, of the “dark Middle Ages,” particularly of the dualism of Thomism and Scholasticism. For if one constantly uses the buzzword “monism,” I wanted to prove that Thomas Aquinas was a true monist. However, one must not merely call that which is currently understood as materialistic monism “monism”; rather, one must call a monist anyone who sees the principle of the world in a “monon,” in a unity. So I said: Thomas Aquinas certainly did this, for he naturally saw in the unified Divine the “monon” that underlies everything that exists in the world as creation. Therein, I said, lies the purest monism. However, in keeping with the spirit of his time, he distinguished between the two: one half could be grasped through ordinary human sensory perception and intellectual understanding, while the other could be grasped through a kind of knowledge that was called “faith” in those days. But what Scholasticism still understood as “faith,” modern humanity does not understand at all. Thus, I said, one must be clear that while Thomas Aquinas intended, on the one hand, to approach the world through sensory investigation and intellectual understanding, he also intended, on the other hand, to supplement this intellectual understanding with the truths of revelation. But in doing so, he sought precisely to penetrate to the monon of the world. He simply wished to proceed along two paths. The problem for the present day, I said, is that the present lacks sufficiently broad-minded concepts to gain any real understanding of history.
[ 36 ] Kurz, ich wollte den vertrockneten Gehirnen zu einiger Feuchtigkeit verhelfen. Aber es war vergeblich. Denn es hatte eine ganz außerordentlich merkwürdige Wirkung. Die Leute wußten überhaupt zunächst nichts anzufangen mit der Sache. Es waren lauter evangelische Protestanten, und sie fanden: Jetzt soll der Katholizismus eingeschmuggelt werden! Sie fanden, es soll der Katholizismus in Schutz genommen werden mit seinem schrecklichen Dualismus. Es ist ja fürchterlich, sagten sie, wir geben uns alle Mühe, dem Katholizismus den letzten Schlag zu versetzen, und da kommt nun ein Mitglied dieses selben Giordano Bruno-Bundes und nimmt den Katholizismus in Schutz!
[ 36 ] In short, I wanted to help those parched minds find some refreshment. But it was in vain. For it had an extraordinarily strange effect. At first, people didn’t know what to make of the whole thing. They were all Evangelical Protestants, and they thought: “Now they’re trying to sneak Catholicism in!” They thought Catholicism—with its terrible dualism—was being defended. “It’s dreadful,” they said, “we’re doing everything we can to deal the final blow to Catholicism, and now a member of that very same Giordano Bruno League comes along and defends Catholicism!”
[ 37 ] Wirklich, die Leute wußten dazumal nicht, ob ich nicht über Nacht verrückt geworden bin, als ich diesen Vortrag gehalten habe. Sie wußten gar nichts daraus zu machen. Und es waren eigentlich die erleuchtetsten Köpfe damals. Es fand sich eigentlich nur einer, der dann als eine Art Apologet aufgetreten ist. Das war der Dichter Wolfgang Kirchbach. Das war der einzige, der dann die Formel ersonnen hat, unter der der Vortrag im Giordano Bruno-Bund Heimatrecht haben könne. Und diese Formel hatte er in folgender Weise ersonnen. Er sagte: Ja, der Steiner hat ja nicht den Katholizismus einschmuggeln wollen, sondern er hat zeigen wollen, daß in jener alten scholastischen Weisheit des Katholizismus etwas viel Bedeutenderes noch steckt als dasjenige, was wir selber heute als unsere oberflächlichen Begriffe haben. Das hat er zeigen wollen. Er hat uns zeigen wollen, daß der Katholizismus deshalb ein so starker Feind ist, weil wir so schwache Gegner sind, daß wir stärkere Waffen uns anschaffen sollen. Das hat er zeigen wollen mit seinem Vortrag. — Das war die einzige Formel, unter der dann dieser Vortrag bei einem Drittel, bei der Minorität, so weit Heimatrecht gekriegt hat, daß ich wenigstens nicht ausgeschlossen wurde aus dem Giordano Bruno-Bund. Aber bei der Majorität galt ich als ein Mensch, der durch den Katholizismus verwirrt gemacht worden ist.
[ 37 ] Honestly, people back then didn’t know whether I had gone mad overnight when I gave that lecture. They didn’t know what to make of it at all. And they were actually the most enlightened minds of the time. In fact, there was only one person who then stepped forward as a sort of apologist. That was the poet Wolfgang Kirchbach. He was the only one who then devised the formula under which the lecture could find a home within the Giordano Bruno Society. And he had devised this formula in the following way. He said: “Yes, Steiner didn’t want to sneak Catholicism in; rather, he wanted to show that within that old scholastic wisdom of Catholicism lies something far more significant than what we ourselves today regard as our superficial concepts.” That is what he wanted to show. He wanted to show us that Catholicism is such a powerful enemy precisely because we are such weak opponents, and that we should acquire stronger weapons. That is what he wanted to demonstrate with his lecture. — That was the only formulation under which this lecture then found enough acceptance among a third of the group—the minority—that I, at least, was not expelled from the Giordano Bruno Society. But in the eyes of the majority, I was regarded as someone who had been led astray by Catholicism.
[ 38 ] Nun sehen Sie, daß ist so eine Episode aus jener Zeit, von der man jetzt sagt, daß ich ein wütender Haeckelianer gewesen bin. Man machte aber durch solche Dinge die Erfahrung über die Urteilsfähigkeit, namentlich über die Weitherzigkeit des Urteils, die demjenigen entgegengebracht worden sind, was vor allen Dingen nicht auf theoretische Formeln ging, sondern was darauf ging, den Weg zum Geistigen wirklich anzutreten, wirklich hineinzukommen in die geistige Welt.
[ 38 ] Now you see, that is one of those episodes from that time when people now say that I was a rabid Haeckelian. But through such things, one gained insight into the capacity for judgment—namely, into the generosity of judgment—that was shown toward that which, above all, did not rely on theoretical formulas, but rather sought to truly embark on the path to the spiritual, to truly enter into the spiritual world.
[ 39 ] Denn dieses Hineinkommen in die geistige Welt hängt ja nicht davon ab, ob man diese oder jene Theorie über Geist oder Materie hat, sondern ob man ein wirkliches Erlebnis von der geistigen Welt herbeizuführen in der Lage ist. Ich habe es oftmals schon betont, die Spiritisten glauben ganz sicher, daß sie alles auf den Geist hin treiben, aber ihre Theorien sind doch so geistlos. Sie führen ganz gewiß den Menschen nicht zum Geiste hin. Man kann sogar Materialist sein und viel Geist haben. Das ist doch auch realer Geist, wenn er auch im Irrtum begriffen ist. Natürlich braucht man den sich verirrenden Geist nicht als irgend etwas Wertvolles hinzustellen, aber der sich verirrende Geist, der Geist, der sich betrügt dadurch, daß er die Materie für das Alleinwirkliche hält, kann noch immer geistvoller sein als jene Geistlosigkeit, welche auf materielle Weise den Geist sucht, weil sie gar keinen Geist überhaupt in sich selber finden kann.
[ 39 ] For this entry into the spiritual world does not depend on whether one holds this or that theory about spirit or matter, but rather on whether one is able to bring about a genuine experience of the spiritual world. I have often emphasized this: Spiritualists are absolutely convinced that they are directing everything toward the spirit, yet their theories are so devoid of spirit. They certainly do not lead people toward the spirit. One can even be a materialist and possess a great deal of spirit. That, too, is real spirit, even if it is caught up in error. Of course, one need not present the erring spirit as something of value, but the erring spirit—the spirit that deceives itself by regarding matter as the only reality—can still be more spiritual than that lack of spirit which seeks the spirit in a material way because it cannot find any spirit within itself at all.
[ 40 ] Man muß also, wenn man zu jenen Ausgangspunkten zurückblickt, die man richtig erfassen muß, wenn man den ganzen Sinn und die Lebensbedingungen der Bewegung verstehen will, auf der einen Seite wissen, wie zunächst außerordentlich problematisch, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Offenbarungen der geistigen Welt in die Erdenwelt hereintraten, und wie wenig reif das allgemeine Urteil war, diese geistigen Offenbarungen aufzunehmen, und wie groß vor allen Dingen der Wille ganz bestimmter Kreise war, nur ja nichts, was wirklich zum Geiste hinführt, unter die Leute kommen zu lassen. Es ist ganz zweifellos, daß für sehr viele durchaus ernstzunehmende Menschen die Erscheinung der Blavatsky anregend wirken mußte. Das hat sie ja auch zunächst getan. Die Leute haben so gestanden, die noch etwas Urteil sich bewahrt haben, daß sie sich gesagt haben: Da ist doch etwas, was durch sich selber eben spricht. Es ist merkwürdig, wie es gerade jetzt in die Welt gekommen ist, aber es ist etwas, was durch sich selber spricht. Man braucht nur gesunden Menschenverstand anzuwenden, dann spricht es durch sich selber. Aber es waren eben viele Menschen da, die ein Interesse daran hatten, gerade so etwas nun ja nicht als Anregungen in die Welt hineinfließen zu lassen.
[ 40 ] So, when looking back at those starting points—which must be properly grasped if one is to understand the full meaning and the conditions of life of the movement—one must, on the one hand, recognize how extraordinarily problematic it was at first, if I may use that expression, in the last third of the 19th century, revelations from the spiritual world entered the earthly realm, and how unprepared public opinion was to receive these spiritual revelations, and above all, how strong the determination was among certain circles to ensure that nothing that truly leads to the spirit would reach the people. There is no doubt that for a great many people who were to be taken seriously, Blavatsky’s appearance must have had a stimulating effect. And indeed, that is what it did at first. Those who had retained some sense of judgment found themselves saying: “There is certainly something here that speaks for itself.” It is remarkable how it came into the world at this very moment, but it is something that speaks for itself. One need only apply common sense, and then it speaks for itself. But there were many people who had an interest in ensuring that precisely such things would not be allowed to flow into the world as sources of inspiration.
[ 41 ] Nun war es da, war da in einer Persönlichkeit wie der Blavatsky, die in einem gewissen Sinne doch wieder naiv und hilflos ihrer eigenen inneren Offenbarung gegenüberstand. Das zeigt schon der Stil ihrer Werke. So war es da, so stand sie selbst dazu, naiv und hilflos in einer gewissen Weise, und hingegeben vielem, was in ihrer Umgebung auftrat. Ja, glauben Sie denn, daß es da besonders schwierig war — besonders bei H.P. Blavatsky war es nicht sehr schwierig -, daß sich Leute, die nun die Welt so präparieren wollten, daß sie nur ja nichts annehmen sollte von irgendwelcher Geistigkeit, sich an die Blavatsky heranmachten, ihre Umgebung bildeten? Weil sie so naiv und hilflos ihren eigenen inneren Offenbarungen gegenüberstand, war sie ja leichtgläubig in einer gewissen Weise. Es brauchte zum Beispiel die Sache mit der Schiebetüre, durch die scheinbare Meisterbriefe hereingeschoben worden waren — die aber draußen irgendeiner, wie der... oder sonst irgendeiner schrieb und hereingeschoben hat — durchaus nicht darauf zu beruhen, daß H.P. Blavatsky dem... . zuerst gesagt hat: Schiebe da solche Briefe herein -, sondern sie war in einer gewissen Weise doch wieder naiv, glaubte selbst an solche Briefe. Derjenige, der sie hereingeschoben hat, der täuschte die Blavatsky samt der Welt. Dann konnte man natürlich sehr leicht vor der Welt sagen: Das ist eine Schwindlerin. Aber verstehen Sie denn nicht, meine lieben Freunde, daß man die Blavatsky selber beschwindelt haben könnte? Denn eine gewisse außerordentliche Leichtgläubigkeit war gerade infolge ihrer besonderen, ich will sagen, Nichtverhärtetheit ihres Gehirnes in ihr vorhanden. Also das Problem liegt außerordentlich kompliziert und erfordert wie alles, was in unserer Zeit an wirklicher Geistigkeit in die Welt hereintritt, Urteilsfähigkeit, fordert schon gesunden Menschenverstand. Es ist nicht gerade gesunder Menschenverstand, wenn man Adalbert Stifter zunächst nicht einmal für fähig hält, Lehrer zu werden, und nachher - es ist in diesem Falle auch eine Frau gewesen, wahrscheinlich war es auch eine noch mit einem weicheren Gehirn, als alle jene Referenten in den Ministerien es hatten, oder in den Schulkommissionen -, als von dieser Seite her ein Wink kam: dann fand man ihn geeignet, alle diejenigen zu inspizieren, von denen er nicht einmal ein einzelner sein durfte.
[ 41 ] Now it was there, present in a figure like Blavatsky, who, in a certain sense, was once again naive and helpless in the face of her own inner revelation. The style of her works alone makes this clear. So there it was; that was her own attitude—naive and helpless in a certain way, and devoted to much of what occurred in her surroundings. Yes, do you really think it was particularly difficult—especially in H.P. Blavatsky’s case, it wasn’t very difficult—for people who wanted to condition the world in such a way that it would absolutely reject any form of spirituality to approach Blavatsky and shape her environment? Because she was so naive and helpless in the face of her own inner revelations, she was, in a certain sense, gullible. Take, for example, the incident with the sliding door through which the so-called “Master Letters” had been slipped in—but which had actually been written and slipped in from the outside by someone, such as the... or someone else—to be based at all on the fact that H.P. Blavatsky had first told the person… “Slide such letters in here”—but she was, in a certain sense, naive once again, believing in such letters herself. The one who slid them in deceived Blavatsky and the world. Then, of course, it was very easy to tell the world: “She’s a fraud.” But don’t you understand, my dear friends, that Blavatsky herself might have been deceived? For she possessed a certain extraordinary credulity precisely because of the particular—I would say—lack of mental hardening in her mind. So the problem is extraordinarily complex and, like everything that enters the world in our time as true spirituality, requires discernment—indeed, it demands common sense. It is not exactly common sense to initially consider Adalbert Stifter incapable of becoming a teacher, and then—in this case, it was also a woman, probably one with an even more malleable mind than all those officials in the ministries or on the school boards—when a hint came from that quarter: then they deemed him suitable to inspect all those among whom he was not even allowed to be one of.
[ 42 ] Um auch da das Richtige zu sehen, dazu gehört eben schon gesunder Menschenverstand. Aber über diesen gesunden Menschenverstand gibt es eigenartige Urteile. Ich habe, als ich einen größeren Vortragszyklus im vorigen Jahre in Deutschland hielt, öfter das Wort gebraucht vom gesunden Menschenverstand und habe gesagt: Dasjenige, was Anthroposophie aus der geistigen Welt heraus zu sagen hat, könne geprüft werden mit dem gesunden Menschenverstand. Einer der Kritiker, der nicht einmal der schlechteste war, hat sogar das aufgegriffen und folgendes gefunden. Er sagte fast wörtlich: Ja, das wäre so eine Art von Gimpelfang, vom gesunden Menschenverstand zu sprechen: denn jeder, der heute ein wissenschaftlich durchgebildeter Mensch ist, weiß ja, daß der Menschenverstand, der gesund ist, fast gar nichts erkennt, und derjenige, der glaubt, etwas zu erkennen, der ist nicht gesund. — Das war der Inhalt eines gar nicht einmal ungeistreich geschriebenen kritischen Urteiles.
[ 42 ] To see what is right in this regard, too, requires nothing less than common sense. But there are peculiar judgments about this common sense. When I gave a major lecture series in Germany last year, I often used the term “common sense” and said that what anthroposophy has to say from the spiritual world can be tested using common sense. One of the critics—who wasn’t even the worst one—actually picked up on this and came to the following conclusion. He said, almost word for word: “Yes, talking about common sense is a kind of trap: for anyone who is scientifically educated today knows that common sense, when it is sound, perceives almost nothing, and anyone who believes they perceive something is not of sound mind.” — That was the gist of a critical judgment that was actually written with some wit.
[ 43 ] Also, übersetzt man es mehr ins Populäre, so heißt das: Wenn einer heute, nachdem entsprechend viele Fortschritte der Menschheit geschehen sind, gescheit ist, so weiß er, daß man nichts erkennt; wenn er glaubt, etwas zu erkennen, so ist er verrückt. Bei dieser Art Entgegennahme des Geistigen sind wir ja schon angekommen.
[ 43 ] So, to put it in more accessible terms: If someone today—after humanity has made such significant progress—is wise, they know that one cannot know anything; if they believe they know something, they are mad. We have, in fact, already arrived at this way of receiving the spiritual.
[ 44 ] Indem ich Ihnen so einiges hingestellt habe aus der Zeit vor dem Beginn der anthroposophischen Bewegung in bezug auf die Auffassungsfähigkeit einer geistigen Offenbarung, und indem ich Ihnen jetzt hingestellt habe das Urteil eines immerhin maßgeblichen Kritikers aus dem vorigen Jahre erst, sehen Sie ungefähr, wie diese Zeitverfassung die ganze Bewegung verfolgt hat. Denn eigentlich mußte ja aus einer solchen Zeitatmosphäre heraus — namentlich da eine so schwer zu begreifende Persönlichkeit wie die Blavatsky doch noch da war, auf die man hinweisen konnte - einfach das Urteil entstehen, das heute im Grunde genommen nur in den verschiedensten Variationen wiederholt wird, nur daß der eine so, der andere anders sagt: Wer heute gescheit ist, gesunden Menschenverstand hat, der sagt «Ignorabimus», wer nicht sagt «Ignorabimus», der ist entweder verrückt oder ein Schwindler.
[ 44 ] By presenting you with a number of examples from the period before the beginning of the anthroposophical movement regarding the capacity to comprehend a spiritual revelation, and by now presenting you with the judgment of a critic—who is, after all, an authoritative figure—from just last year, you can see, more or less, how this prevailing spirit of the times has dogged the entire movement. For, in fact, given such a prevailing atmosphere of the times—especially since a figure as difficult to comprehend as Blavatsky was still around, to whom one could point—the judgment that is essentially repeated today in a wide variety of variations was bound to arise, except that one person says it one way and another says it another: Anyone today who is sensible and possesses common sense says “Ignorabimus”; anyone who does not say “Ignorabimus” is either crazy or a charlatan.
[ 45 ] Das muß man nicht nur begreifen als irgend etwas Böswilliges. Damit man sich richtig in die Zeit hineinzustellen vermag, damit man einige der Lebensbedingungen der anthroposophischen Bewegung einsehen kann, muß man das nicht bloß als die Böswilligkeit einzelner erkennen, sondern man muß es als etwas ansehen, was zum Zeitkolorit gehört in allen Ländern, bei der ganzen gegenwärtigen Menschheit. Man muß es als solches durchschauen. Dann wird man allerdings in die ganze Stellung, die man sich gibt, die man sich aber kraft- und mutvoll geben sollte, auch das hineinmischen können, was, wenn man vom anthroposophischen Gesichtspunkte über die Zeit spricht, doch drinnen sein muß in allen wenn auch noch so scharfen, seelisch scharfen Zurückweisungen der Gegner: Mitleid. Man muß dennoch Mitleid haben, weil das Zeiturteil benebelt ist.
[ 45 ] This should not be understood merely as something malicious. In order to truly place oneself within the context of the times, in order to gain insight into some of the conditions of life within the anthroposophical movement, one must not merely recognize this as the malice of individuals, but must view it as something that is part of the spirit of the times in all countries, among all of humanity today. One must see through it as such. Then one will indeed be able to incorporate into the entire stance one takes—a stance one should adopt with strength and courage—that which, when speaking of the times from an anthroposophical perspective, must nevertheless be present in all the opponents’ rejections, no matter how sharp—even spiritually sharp—they may be: compassion. One must nevertheless have compassion, because the judgment of the times is clouded.
[ 46 ] Wie es nun eben der anthroposophischen Bewegung ging und gehen mußte, weil die Dinge so liegen, davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.
[ 46 ] We will continue tomorrow to discuss how things have been and inevitably had to be for the anthroposophical movement, given the way things are.
