The History and Circumstances
of the Anthroposophical Movement
in relation to the Anthroposophical Society
An Impulse Towards Self-reflection
GA 258
13 June 1923, Dornach
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The History and Circumstances of the Anthroposophical Movement, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Wenn man eine solche Erscheinung wie A. P. Blavatsky betrachtet, und zwar betrachtet von dem Gesichtspunkte aus, der Ihnen schon aus den vorangehenden drei Betrachtungen klar geworden sein wird, so kommt auf der einen Seite natürlich zunächst diese Persönlichkeit als solche, gewissermaßen für sich hingestellt, in Betracht. Auf der anderen Seite kommt in Betracht das, wodurch auf eine große Anzahl von Menschen eine gewisse Wirkung ausgegangen ist. Nun ist ja allerdings diese Wirkung zum Teil eine recht negative gewesen. Man kann sagen: Diejenigen Menschen, welche etwas vernommen haben von den Veröffentlichungen der Blavatsky, insoferne sie, sagen wir, philosophisch, psychologisch, literarisch, naturforscherisch, man könnte auch im allgemeinen sagen, so wie das Wort heute gebraucht wird, gebildet gesinnt waren, sind froh gewesen, auf irgendeine Weise diese Erscheinung los zu werden, nicht genötigt zu sein, irgendein Urteil abzugeben. Sie konnten ja dieses ihr Ziel auch dadurch erreichen, daß unter Umständen, die ich gestern wenigstens angedeutet habe, man einfach sagen konnte: es seien unreelle Praktiken konstatiert worden, und man brauche sich nicht abzugeben mit etwas, von dem dergleichen, wie man sagt, nachgewiesen ist.
[ 1 ] When one considers a figure such as A. P. Blavatsky—and specifically from the perspective that should already be clear to you from the preceding three discussions—one naturally considers, on the one hand, this personality as such, set apart, so to speak, on its own. On the other hand, one must consider the fact that she exerted a certain influence on a large number of people. Now, admittedly, this influence has been, in part, quite negative. One might say: Those people who had heard something about Blavatsky’s publications—insofar as they were, let us say, philosophically, psychologically, literarily, or scientifically educated, or, more generally, as the term is used today, of an educated disposition—were glad to be rid of this phenomenon in some way, to be spared the need to pass any judgment. After all, they were able to achieve this goal by the fact that, under circumstances I at least hinted at yesterday, one could simply say: unrealistic practices had been established, and there was no need to concern oneself with something that, as they say, has been proven to be of this nature.
[ 2 ] Dann waren natürlich gerade diejenigen, welche im Besitze alter traditioneller Weisheit sind — in einem Besitze, von dem ich Ihnen gesagt habe, wie wenig sie ihn eigentlich verstanden, die ihn aber in der einen oder in der anderen Hinsicht als ein Machtmittel benützten -, Mitglieder dieser oder jener Geheimgesellschaften. Man darf nie vergessen, daß sich zahllose Wirkungen in der Welt an dasjenige anschließen, was von solchen Geheimgesellschaften ausgeht. Die waren nicht nur froh, kein Urteil abgeben zu brauchen, sondern sie waren vor allen Dingen darauf bedacht, alle Mittel ausfindig zu machen, damit nicht eine breitere Wirkung von einer solchen Darstellung der geistigen Welt ausgehe. Denn die Dinge waren ja, wie wir gesehen haben, veröffentlicht worden, sie konnten von jedem gelesen, von jedem verbreitet werden. Und dadurch war ihnen ein gutes Stück wenigstens der Machtmittel, welche solche Gesellschaften sich bewahren wollten, genommen worden. Daher stecken hinter denjenigen Dingen natürlich, die ich gestern charakterisiert habe, schon Angehörige solcher Gesellschaften, namentlich an dem Aufbringen des Urteiles: Da liegen unreelle Praktiken vor.
[ 2 ] Then, of course, it was precisely those who possessed ancient traditional wisdom—a possession that, as I have told you, they actually understood very little about, but which they used in one way or another as a means of power—who were members of this or that secret society. One must never forget that countless effects in the world stem from what emanates from such secret societies. Not only were they glad not to have to pass judgment, but above all they were intent on finding every means to prevent such a portrayal of the spiritual world from having a broader impact. For, as we have seen, these matters had been published; they could be read by anyone and disseminated by anyone. And as a result, at least a significant portion of the means of power that such societies wished to preserve had been taken from them. Therefore, behind the matters I characterized yesterday, there are naturally members of such societies, particularly in the formulation of the judgment: “These are unrealistic practices.”
[ 3 ] Aber wichtiger noch für unseren gegenwärtigen Zweck muß uns erscheinen, daß immerhin von Blavatskys Schriften und von alldem, was sonst sich an ihre Person angeschlossen hat, bei einer großen Anzahl von Menschen der Gegenwart ein gewisser Eindruck gemacht worden ist. Dadurch sind diejenigen Bewegungen entstanden, die in gewissem Sinne sich als theosophische bezeichnet haben.
[ 3 ] But what seems even more important for our present purpose is that Blavatsky’s writings—and everything else associated with her—have, after all, made a certain impression on a large number of people today. This has given rise to those movements that, in a certain sense, have called themselves theosophical.
[ 4 ] Ich möchte Sie bitten, bei all diesen Auseinandersetzungen zu beachten, daß ich immer versuche, die Charakteristiken möglichst so zu geben, daß sie den Tatsachen entsprechen. Das wird einem ja heute schon durch den Gebrauch der Worte unmöglich gemacht, in vielen Kreisen nämlich unmöglich gemacht. Es ist so heute, daß der Mensch sehr leicht, wenn er ein Wort bekommt, eigentlich zu diesem Worte sich zunächst, ich möchte sagen, in eine Art lexikale Beziehung bringt, daß er eine Art Worterklärung sucht, um auf diese Weise möglichst davor verschont zu bleiben, in die Sache selbst einzudringen. Wenn so ein Literat und auch mancher Mensch, der ernster genommen wird als ein Literat, von "Theosophie hören, dann schlagen sie -— was meinetwillen auch in ihrem Kopfe geschehen kann - im Lexikon auf und erkundigen sich da, was das ist. Oder sie gehen weiter; vielleicht sind sie viel gewissenhafter und studieren allerlei Schriften, worinnen solch ein Wort wie Theosophie vorkommt, und dann nehmen sie von daher die Grundlage zu ihrer Beurteilung. Sie müssen bei den Schriften, die über solche Dinge handeln, darauf achten, wieviel auf ein solches Vorgehen eigentlich zu stehen kommt.
[ 4 ] I would ask you to bear in mind, in the midst of all these debates, that I always try to describe characteristics in a way that corresponds as closely as possible to the facts. Today, however, the very use of words makes this impossible—in fact, it is made impossible in many circles. The situation today is that when a person encounters a word, they very easily—I would say—first establish a kind of lexical relationship with it, seeking a definition of the word in order to spare themselves, as much as possible, from having to delve into the matter itself. When a literary figure—or even someone taken more seriously than a literary figure—hears the term “theosophy,” they look it up in the dictionary—which, for all I care, may well be what goes on in their minds—and find out what it means. Or they go further; perhaps they are much more conscientious and study all sorts of writings in which a word like “theosophy” appears, and then they base their judgment on that. When dealing with writings that address such matters, they must pay attention to how much weight such an approach actually carries.
[ 5 ] Dem muß immer gegenübergestellt werden: Wie ist diejenige Gesellschaft, oder wie sind die Gesellschaften, könnte man sagen, welche sich an die Erscheinung der Blavatsky angeschlossen haben, zu dem Namen «Theosophische Gesellschaft» gekommen? Man mag noch so viel haben gegen diese Theosophische Gesellschaft — und ich habe ja manches aufgezählt, was man gegen sie haben kann -, aber das lag ja gewiß bei Ihrem Entstehen am Ende des 19. Jahrhunderts nicht vor, daß man die lexikale Bedeutung des Wortes Theosophie nahm und nun eine Theosophische Gesellschaft begründete, weil man Theosophie, so wie man es lexikonhaft versteht, verbreiten wollte. Das war gar nicht der Fall. Sondern es war eine Summe von Mitteilungen aus der geistigen Welt durch die Blavatsky vorhanden, die zunächst als solche da war. Nun hat man aus Gründen, die ich auch noch erörtern will, eben sich bemüßigt gefunden, die Pflege dieser Mitteilungen auf gesellschaftlichem Wege zu vollführen, und da brauchte man einen Namen. Dann haben diejenigen, die da nun debattierten — debattiert wird ja heute über alles, debattiert ist auch schon dazumal über alles geworden -, welchen Namen man geben soll, sich gefragt: Soll das heißen NeuMystische Gesellschaft, soll das heißen Rosenkreuzerische Gesellschaft, soll das heißen Magische Gesellschaft? Und dann haben sie nachgesehen, was es noch für Worte gibt und sind auf das Wort Theosophie und theosophisch gekommen.
[ 5 ] This must always be contrasted with the following question: How did that society—or, one might say, those societies—that joined the Blavatsky movement come to be called the “Theosophical Society”? One may have many objections to this Theosophical Society—and I have indeed listed a number of things one might object to— but when it was founded at the end of the 19th century, it certainly was not the case that people took the lexical meaning of the word “theosophy” and then founded a Theosophical Society because they wanted to spread theosophy as it is understood in the dictionary. That was not the case at all. Rather, there was a body of communications from the spiritual world through Blavatsky, which initially existed as such. Now, for reasons I will also discuss, people felt compelled to manage these communications through a society, and for that they needed a name. Then those who were debating the matter—after all, people debate everything today, and back then, too, everything was debated—asked themselves what name to give it: Should it be called the New Mystical Society, the Rosicrucian Society, or the Magical Society? And then they looked into what other terms existed and came upon the words “theosophy” and “theosophical.”
[ 6 ] Also das Wort hat wirklich mit dem, was da sich verbreitet hat, nicht viel zu tun, insofern es ein historisch hergebrachtes Wort ist. Daher ist es ziemlich unsinnig, wenn man die Dinge von der Wortbedeutung aus bespricht, namentlich aber liebt oder haßt. Es handelt sich eben um die ganz bestimmten, konkreten Dinge, die durch die Schriften oder die sonstigen Mitteilungen der Blavatsky in die Welt hereingetreten sind. Und es ist, möchte man sagen, der reine Zufall, daß da die Gesellschaften, die sich angeschlossen haben, sich Theosophische Gesellschaft genannt haben. Es ist einfach keinem ein besseres Wort eingefallen. Das muß man durchaus bedenken, denn es existieren natürlich nicht nur historische Urteile, sondern historische Empfindungen. Bei denjenigen, die für diese oder jene Wissenschaft die geschichtliche Entwickelung gelernt haben, ist mannigfaltig der Ausdruck Theosophie aufgetaucht, aber das, was da bei ihnen aufgetaucht ist, hat eben gar nichts zu tun eigentlich mit dem, was sich wiederum Theosophische Gesellschaft nannte.
[ 6 ] So the word really has little to do with what has spread, insofar as it is a historically derived word. Therefore, it is quite nonsensical to discuss these matters—and especially to love or hate them—based on the meaning of the word. It is precisely about the very specific, concrete things that have entered the world through Blavatsky’s writings or other communications. And it is, one might say, pure coincidence that the societies that joined together called themselves the Theosophical Society. No one simply could think of a better word. This must certainly be borne in mind, for there are, of course, not only historical judgments but also historical sentiments. Among those who have studied the historical development of this or that science, the term “theosophy” has appeared in many contexts, but what has emerged in their work actually has nothing to do with what, in turn, called itself the Theosophical Society.
[ 7 ] Solche Dinge müßten mindestens innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sehr ernst genommen werden, und es müßte da ein gewisser Trieb nach Genauigkeit herrschen, damit erst die richtige Empfindung entstehen kann für all das unsachliche Geschreibe, das sich an diese Dinge allmählich in der Welt angeknüpft hat.
[ 7 ] Such matters should at least be taken very seriously within the Anthroposophical Society, and there should be a certain drive for accuracy there, so that the proper sense of all the unsubstantiated writing that has gradually become associated with these matters in the world can begin to emerge.
[ 8 ] Diese Frage aber muß uns ganz besonders beschäftigen: Woher ist es gekommen, daß doch eine große Anzahl von Menschen in der neuesten Zeit den Trieb gehabt haben nach diesen Dingen, die da geoffenbart worden sind? Denn wir werden dann von da aus den Übergang finden auch zu dem, was doch wiederum ganz anders geartet ist: zur anthroposophischen Bewegung.
[ 8 ] But this question must be of particular concern to us: How is it that, in recent times, such a large number of people have felt drawn to these things that have been revealed? For it is from there that we will then find the transition to something that is, in turn, of a completely different nature: the anthroposophical movement.
[ 9 ] Nun muß man aber, wenn man die Erscheinung der Blavatsky ins Auge faßt, eine Eigenschaft dieser Persönlichkeit ganz besonders betonen, weil sie eine hervorragende Eigenschaft ist, das ist diese, daß H.P.Blavatsky ganz und gar, man kann schon sagen, antichristlich gesinnt war, ganz und gar antichristlich orientiert war. In ihrer «Geheimlehre» hat sie ja, man möchte sagen, in einem großen Wurf die verschiedenen Impulse mannigfaltiger Urreligionen und die Entwickelung der Religionen enthüllt. Zu objektiver Darstellung war sie eben nicht fähig. Sie hat überall, wo man auch objektive Darstellungen eigentlich erwarten mußte, ihr subjektives Urteil, ihr Empfindungsurteil in die Darstellung hineingemischt. Sie urteilte nicht bloß, sondern sie zeigte überall, daß sie eine tiefe Sympathie für alles das hat, was an Religionen in der Welt war außerhalb des Judentums und Christentums, dagegen eine tiefe Antipathie gegen Judentum und Christentum. Überall wird scharf dasjenige, was aus dem Judentum und Christentum kommt, als etwas Minderwertiges gegenüber den großen Offenbarungen der verschiedenen heidnischen Religionen durch die Blavatsky hingestellt: also eine ganz ausgesprochen antichristliche Orientierung, aber eine ganz ausgesprochen spirituelle Orientierung. Die Möglichkeit ist bei ihr vorhanden, von den geistigen Wesen und den geistigen Vorgängen so zu sprechen, wie man sonst von den Wesen und Vorgängen in der sinnlichen Welt spricht, und manches aus dieser geistigen Welt so zu besprechen, daß man schon sagen kann: Es ist die Fähigkeit vorhanden gewesen, unter geistigen Wirksamkeiten sich so zu bewegen, wie sich der Mensch der Gegenwart sonst unter physisch-sinnlichen Wirkungen bewegt. Es wird mit denselben Realitätsgefühlen von geistigen Erscheinungen von der Blavatsky gesprochen, wie sonst von Dingen der physischen Welt von den Menschen gesprochen wird. Also eine ausgesprochen geistige Orientierung, und eine ausgesprochen antichristliche Orientierung.
[ 9 ] However, when considering the figure of Blavatsky, one must particularly emphasize one characteristic of her personality, because it is an outstanding one: namely, that H.P. Blavatsky was, one might even say, thoroughly anti-Christian in her outlook and orientation. In her *Esoteric Doctrine*, she has, one might say, in a single sweeping stroke, revealed the various impulses of manifold primordial religions and the development of religions. She was simply incapable of objective presentation. Wherever one would actually expect objective accounts, she intermingled her subjective judgment—her emotional judgment—into the narrative. She did not merely pass judgment; she demonstrated throughout that she harbored a deep sympathy for all the world’s religions outside of Judaism and Christianity, and, conversely, a deep antipathy toward Judaism and Christianity. Throughout her work, Blavatsky sharply portrays everything that comes from Judaism and Christianity as inferior to the great revelations of the various pagan religions: thus, a distinctly anti-Christian orientation, yet a distinctly spiritual one. She possesses the ability to speak of spiritual beings and spiritual processes in the same way one otherwise speaks of beings and processes in the sensory world, and to discuss certain aspects of this spiritual world in such a way that one can indeed say: She possessed the ability to move among spiritual forces just as a person of the present day otherwise moves among physical and sensory influences. Blavatsky speaks of spiritual phenomena with the same sense of reality as people otherwise speak of things in the physical world. Thus, a distinctly spiritual orientation—and a distinctly anti-Christian orientation.
[ 10 ] Dadurch ist aber die weitere Fähigkeit vorhanden, charakteristische Impulse der verschiedenen heidnischen Religionen, der verschiedenen Naturreligionen an die Oberfläche und zum Verständnis der Menschen zu bringen.
[ 10 ] This, however, provides the additional ability to bring the characteristic impulses of the various pagan religions and nature religions to the surface and make them understandable to people.
[ 11 ] Nun könnte man sich über zweierlei wundern: erstens daß überhaupt eine Persönlichkeit heute auftritt — das «heute» meine ich natürlich in historischem Sinne -, die in einem so ausgesprochenen Maße antichristlich orientiert ist und das Heil der Menschen von dieser antichristlichen Orientierung erwartet. Und zum zweiten könnte man verwundert sein darüber, daß, da ja der Außenseite nach die wenigsten Menschen heidnisch orientiert sind, sondern der Außenseite nach die Menschen, wenigstens in unseren zivilisierten Gegenden, doch jüdisch oder christlich orientiert sind, daß trotzdem auf diese jüdisch und christlich Orientierten, namentlich auf die christlich Orientierten — auf die jüdisch Orientierten sogar weniger — ein mafßgebender, tiefdringender Einfluß immerhin ausgegangen ist. Das sind zwei Fragen, die sich uns vor die Seele stellen müssen, wenn wir über die Lebensbedingungen des neueren Geisteslebens mehr bei den breiten Massen überhaupt sprechen.
[ 11 ] Now, one might be surprised by two things: first, that a figure should emerge today—and by “today” I mean, of course, in a historical sense—who is so distinctly anti-Christian in orientation and who expects the salvation of humanity to come from this anti-Christian orientation. And second, one might be surprised that, since outwardly very few people are pagan in orientation—but rather, outwardly, people, at least in our civilized regions, are, on the surface, Jewish or Christian in orientation—that nevertheless a decisive, profound influence has emanated from this figure upon those of Jewish and Christian orientation, particularly those of Christian orientation—and even less so upon those of Jewish orientation. These are two questions that must confront us when we speak more generally about the conditions of modern spiritual life among the broad masses.
[ 12 ] Nun, in bezug auf die antichnistliche Orientierung der Blavatsky selbst möchte ich nur daran erinnern, daß eine in Mitteleuropa viel mehr bekannt gewordene, oder wenigstens in gewissen Kreisen viel mehr bekannt gewordene Persönlichkeit zum mindesten ebenso antichristlich orientiert war wie die Blavatsky. Das ist Nietzsche. Man kann schon nicht mehr antichristlich orientiert sein, als es der Verfasser des «Antichrist» war. So unähnlich Nietzsche der Blavatsky ist - und schon dadurch, daß Blavatsky mehr oder weniger in bezug auf das, was man heute moderne Bildung nennt, eigentlich eine ungebildete Frau war, während Nietzsche auf den Höhen der Bildung stand -, so unähnlich sie sonst waren in der ganzen Haltung ihrer Seelen, darinnen zeigen sie eine merkwürdige Ähnlichkeit, daß sie eben eminent antichristlich orientiert sind. Es wäre durchaus eine Oberflächlichkeit, wenn man nach dem Grunde dieser antichristlichen Orientierung bei den beiden Persönlichkeiten gar nicht fragen wollte. Aber man bekommt darauf auch keine Antwort, wenn man nicht etwas tiefer in die Sache hineindringt.
[ 12 ] Now, with regard to Blavatsky’s own anti-Christian orientation, I would simply like to point out that a figure who has become much better known in Central Europe—or at least in certain circles—was at least as anti-Christian in his orientation as Blavatsky. That figure is Nietzsche. One simply cannot be more anti-Christian than the author of *The Antichrist* was. As dissimilar as Nietzsche is to Blavatsky—and not least because Blavatsky was, in terms of what we today call modern education, essentially an uneducated woman, whereas Nietzsche stood at the pinnacle of learning—and as dissimilar as they were in every other aspect of their spiritual disposition, they nevertheless exhibit a remarkable similarity in that they are both eminently anti-Christian in orientation. It would be thoroughly superficial not to inquire into the reason for this anti-Christian orientation in both of these figures. But one will not find an answer to this question unless one delves somewhat deeper into the matter.
[ 13 ] Man muß sich nämlich klar sein darüber, daß heute die Menschen, und zwar immer breitere Schichten der Menschen, mit Bezug auf ihr Seelenleben überhaupt in einen tiefen Zwiespalt kommen, den sich die Menschen nicht immer klarmachen, den sie durch den Verstand auszulöschen suchen, in einer gewissen intellektuellen Feigheit auszulöschen versuchen, der aber um so mehr in den unterbewußten Tiefen des Gemütes webt und west bei den Seelen.
[ 13 ] One must be clear about the fact that today, people— and indeed ever broader segments of the population, are experiencing a profound inner conflict regarding their spiritual life—a conflict they do not always recognize, one they try to suppress through reason, attempting to eradicate it out of a certain intellectual cowardice, but which, as a result, weaves and stirs all the more deeply in the subconscious depths of the soul.
[ 14 ] Man muß sich nur klar darüber sein, was aus der europäischen Menschheit, der gesamten europäischen Menschheit mit ihrem amerikanischen Anhange geworden ist unter dem Einflusse des Bildungsstrebens der letzten drei, vier, fünf Jahrhunderte. Man bedenke nur, wie groß sich in Wirklichkeit das unterscheidet, was heute den Inhalt der weltlichen Bildung ausmacht, von demjenigen, was der religiöse Impuls in den Menschen ist. Es ist ja wahr, die meisten Menschen geben sich in dieser Beziehung den furchtbarsten Illusionen hin. Sie werden schon von der Volksschule aus in diese moderne Bildung hineingeführt; alles Denken, alle Seelenrichtung wird in diese moderne Bildung hineingeführt. Dann wird ihnen auch übermittelt dasjenige, was ihre religiösen Sehnsuchten befriedigen soll. Da klafft zwischen beiden ein furchtbarer Abgrund. Aber die Menschen kommen nicht dazu, sich eigentlich diesen Abgrund richtig vor die Seele zu stellen, sie kommen nicht dazu, sie lieben es sogar, in dieser Beziehung sich den ärgsten Illusionen hinzugeben.
[ 14 ] One need only be clear about what has become of European humanity—all of European humanity, along with its American offshoot—under the influence of the pursuit of education over the last three, four, or five centuries. One need only consider how vastly different, in reality, the content of secular education today is from the religious impulse within human beings. It is true, after all, that most people succumb to the most terrible illusions in this regard. They are introduced to this modern education as early as elementary school; all their thinking, the entire orientation of their souls, is channeled into this modern education. Then they are also given what is supposed to satisfy their religious longings. There is a terrible chasm between the two. But people do not actually get around to truly confronting this chasm in their souls; they do not get around to it—they even love to indulge in the worst illusions in this regard.
[ 15 ] Nun muß man sich fragen: Wie steht es denn mit dem geschichtlichen Hergang bezüglich der Entstehung dieses klaffenden Abgrundes? Da müssen Sie zurückschauen in diejenigen Jahrhunderte, in denen noch nicht diese moderne Bildung da war, wo dasjenige, was gelehrtes Leben war, eben nur von einigen wenigen, die dazu gründlich vorbereitet waren, getrieben wurde. Seien Sie sich doch klar darüber, daß heute ein zwölfjähriges Schulmädchen in bezug auf äußere Bildung mehr in sich trägt als irgendein Gebildeter des 11. oder 12. oder 13. Jahrhunderts. Diese Dinge darf man nicht übersehen. Und diese Bildung ist so geworden, daß sie getragen wird von einem ganz außerordentlich intensiven Autoritätsgefühl, von einer schier unbezwinglichen Autoritätsempfindung. Es steht sozusagen dieser Bildung im Laufe der Jahrhunderte immer mehr und mehr etwas zu Gebote, was diesen Autoritätsglauben an die moderne Bildung immer größer und größer macht. Es ging im Laufe der Jahrhunderte diese moderne Bildung immer mehr und mehr über auf dasjenige, was nur die äußeren Sinne sagen, oder was die Rechnung sagt. Nun, je weniger der Mensch innerlich mit sich zu Rate geht, desto mehr leuchtet ihm ein, daß das wahr ist, was er, wie man sagt, mit seinen fünf Sinnen sieht, und was man so sieht, daß es errechnet ist, wie zwei mal zwei vier ist. Was du siehst mit deinen fünf Sinnen, was so ist, wie zwei mal zwei vier ist, das ist wahr. Indem man alles andere abgeleugnet hat und nur schließlich immer mehr und mehr das aufgenommen hat in die moderne Bildung, was so wahr ist, wie das, was man mit den fünf Sinnen sieht oder mit den fünf Fingern abzählen kann, so wurde eben — weil das eine so große Autorität ist, dieses «zwei mal zwei ist vier» und diese fünf Sinne — die moderne Bildung nach und nach mit der Autoritätsempfindung, die sie hat, ausgerüstet, weil man von ihr sagen kann, sie ist so gewiß wie das, daß zwei mal zwei vier ist, und wie dasjenige, was die fünf Sinne sagen.
[ 15 ] Now one must ask: What is the historical background regarding the emergence of this yawning chasm? You have to look back to those centuries when modern education did not yet exist, when scholarly life was pursued only by a select few who had been thoroughly prepared for it. You must realize that today a twelve-year-old schoolgirl possesses more in terms of formal education than any educated person of the 11th, 12th, or 13th century. These things must not be overlooked. And this education has developed in such a way that it is underpinned by an extraordinarily intense sense of authority, by a virtually unassailable sense of authority. Over the course of the centuries, so to speak, this education has increasingly had at its disposal something that makes this belief in the authority of modern education ever greater and greater. Over the centuries, this modern education has increasingly focused on what the external senses tell us, or what calculations reveal. Well, the less a person consults their inner self, the more it becomes clear to them that what they see—as they say—with their five senses is true, and that what is seen in this way is as certain as two times two equals four. What you see with your five senses, what is as certain as two times two equals four—that is true. By denying everything else and ultimately incorporating more and more into modern education only what is as true as what one sees with the five senses or can count out with one’s five fingers, modern education has gradually been endowed with the sense of authority it possesses—precisely because “two times two is four” and the five senses carry such great authority—since one can say of it that it is as certain as the fact that two times two is four, and as certain as what the five senses tell us.
[ 16 ] Dadurch aber entstand immer mehr und mehr auch das Gefühl: Alles, was der Mensch glaubt, was der Mensch für richtig hält, müsse sich rechtfertigen vor dieser ganz gewissen modernen Bildung. Und indem diese moderne Bildung immer mehr und mehr nur auf das Sinnliche und auf das Errechenbare gegangen ist, war es unmöglich, überhaupt irgend jemals eine Wahrheit aus denjenigen Reichen, wo die Mathematik nicht mehr gilt und wo die Sinne nicht mehr gelten, vor die Menschen noch in entsprechender Weise hinzustellen. Wie wurden denn solche Wahrheiten in früheren Jahrhunderten, wo es diese moderne Bildung noch nicht gegeben hat, vor die Menschen hingestellt?
[ 16 ] But this also gave rise, more and more, to the feeling that everything a person believes, everything a person considers to be true, must be justified in the face of this very specific modern education. And as this modern education focused more and more exclusively on the sensory and the calculable, it became impossible to present to people in any meaningful way truths from those realms where mathematics no longer applies and where the senses no longer apply. How, then, were such truths presented to people in earlier centuries, when this modern education did not yet exist?
[ 17 ] Hingestellt wurden sie in zeremoniellen Bildern. Es lag ja durch die Jahrhunderte in der Religionsverbreitung das Wesentliche nicht etwa in der Predigt, sondern in der Zeremonie, in den Ritualien. Man war sich klar: Man kann nicht durch den Intellekt sprechen, der noch gar nicht in der heutigen Weise entwickelt war, sondern man mußte durch das Bild sprechen. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie es noch im 14., 15. Jahrhundert zum Beispiel in christlichen Ländern war. Da war die Predigt nicht die Hauptsache, da war die Hauptsache die Zeremonie. Da war die Hauptsache, daß der Mensch sich einlebte in eine Welt, die ihm in mächtigen, grandiosen Bildern dargestellt war. Überall waren an den Wänden Fresken dargestellt, die ihm das geistige Leben nahebrachten: wie wenn ungefähr unser irdisches Leben bis an die höchsten Berge hinaufreichen könnte, da aber, wenn man nur noch ein wenig höhersteigen könnte, würde das geistige Leben beginnen. Bildhaft, zur Imagination gehend, oder in den hörbaren Harmonien des Musikalischen, oder aber, wenn gesprochen wurde, in der mantrischen, in der Gebetstorm, in der Formelform wurde eben von der geistigen Welt gesprochen. Diese Zeiten waren sich ganz klar darüber: Für die geistige Welt braucht man das Bild, nicht den Begriff, nicht dasjenige, worüber man diskutieren kann, sondern man braucht das Anschauliche, man braucht das Bildhafte. Man braucht dasjenige, was zu den Sinnen spricht, aber zu den Sinnen so spricht, daß durch das Sinnlich-Gegebene der Geist hindurchspricht.
[ 17 ] They were depicted in ceremonial images. After all, throughout the centuries, the essence of spreading religion lay not in preaching, but in ceremony and ritual. It was clear to everyone: one could not speak through the intellect, which had not yet developed in the way it has today, but had to speak through images. Just imagine, for example, what it was like in Christian countries as late as the 14th and 15th centuries. There, the sermon was not the main thing; the main thing was the ceremony. The main thing was for people to immerse themselves in a world that was presented to them in powerful, grandiose images. Everywhere on the walls were frescoes that brought spiritual life closer to them: as if our earthly life could reach up to the highest mountains, but there—if one could only climb a little higher—spiritual life would begin. Whether through vivid imagery that appealed to the imagination, through the audible harmonies of music, or—when spoken—in the form of mantras, prayer chants, or ritual formulas, it was precisely the spiritual world that was being spoken of. People in those times were quite clear about this: for the spiritual world, one needs the image, not the concept, not that which can be discussed, but rather one needs the concrete, one needs the pictorial. One needs that which speaks to the senses, but speaks to the senses in such a way that the spirit speaks through what is given through the senses.
[ 18 ] Nun kam die moderne Bildung herauf mit ihren intellektualistischen Ansprüchen, mit ihrem Anspruch, alles vor der Vernunft, wie man sagt, zu rechtfertigen. Auch über das Christentum, auch über die christlichen Geheimnisse, auch über das Mysterium von Golgatha und seine Träger wurde ja im wesentlichen in dieser Bildform gesprochen, auch in der Bildform, insofern das Wort gebraucht wurde, nämlich in der Erzählungsform. Und als die Dogmen aufkamen, so waren sie auch noch etwas bildhaft Erfaßtes. So kann man sagen: Es war bis zum 13., 14. Jahrhundert die christliche Verkündigung durchaus auf eine altertümliche Weise geschehen. Aber dieser christlichen Verkündigung wurde von keiner Seite her ihr Gebiet streitig gemacht, solange die intellektualistische Bildung noch nicht da war und solange man die Dinge nicht vor der Vernunft zu rechtfertigen hatte.
[ 18 ] Then modern education emerged with its intellectualist claims, with its claim to justify everything—as they say—before reason. Even Christianity, even the Christian mysteries, even the mystery of Golgotha and its bearers were essentially spoken of in this figurative form—and, insofar as words were used, in the form of narrative. And when the dogmas emerged, they, too, were still grasped in a figurative way. Thus one can say: Up until the 13th and 14th centuries, Christian proclamation took place in a thoroughly ancient manner. But the scope of this Christian proclamation was not contested from any quarter as long as intellectualist education had not yet emerged and as long as there was no need to justify things before reason.
[ 19 ] Nun studieren Sie doch einmal historisch, wie es da heraufkommt im 13., 14., 15., 16. Jahrhundert, wie es da anstürmt, daß die Menschen anfangen, alles intellektualistisch begreifen zu wollen! Welche welthistorische Kritik da einsetzt! Das macht man sich heute gewöhnlich gar nicht mehr klar, welche welthistorische Kritik da eingesetzt hat!
[ 19 ] Just take a look at history and see how it all came about in the 13th, 14th, 15th, and 16th centuries—how it surged forward, with people beginning to want to understand everything through intellectualism! What a world-historical critique that set in! People today usually don’t even realize what a world-historical critique began back then!
[ 20 ] So kann man sagen: Der Mensch von heute — und es ist wirklich nicht etwa bloß der Mensch der oberen Zehntausend, sondern das sind die breitesten Schichten — wird in ein religiöses Leben eingeführt im Christentum, aber daneben auch in eine moderne Bildung. Nun leben die beiden, das Christentum und die moderne Bildung, in seiner Seele, und es stellt sich heraus, wenn es sich auch die Menschen nicht klarmachen, daß mit dem, was die intellektualistische Bildung gebracht hat, die christlichen Wahrheiten nicht bewiesen werden können. Es können die christlichen Wahrheiten damit nicht bewiesen werden. So lernt man von Kindheit auf heute das ganz Gewisse, daß zwei mal zwei vier ist, und daß man seine fünf Sinne nur darauf anwenden darf. Man lernt dieses ganz Gewisse, und man kommt darauf, wenn man sich an dieses ganz Gewisse halten will: dann geht es doch nicht, das Christentum an dieses ganz Gewisse heranzutragen.
[ 20 ] So one can say: People today—and this really isn’t just the upper crust, but rather the broadest strata of society—are introduced to a religious life through Christianity, but also to a modern education. Now both—Christianity and modern education—coexist in the human soul, and it turns out—even if people do not realize it—that the truths of Christianity cannot be proven by what intellectualist education has produced. Christian truths cannot be proven by it. Thus, from childhood onward, people today learn the absolute certainty that two times two equals four, and that one must apply one’s five senses only to this. One learns this absolute certainty, and one comes to realize that if one wishes to adhere to this absolute certainty, it is simply not possible to apply Christianity to it.
[ 21 ] Diejenigen Theologen, die modernen Theologen, die es haben herantragen wollen, haben ja den Christus verloren, können zu den breiten Schichten nicht mehr von dem Christus sprechen; sie sprechen höchstens von der Persönlichkeit Jesu. So erhält sich in den letzten Jahrhunderten dieses Christentum eben nur in den alten Formen, die aber der neuere Mensch eben einfach in seiner Seele nicht mehr gelten läßt, aber es verliert, ich möchte sagen, an innerem Halt in der Seele. Warum denn?
[ 21 ] Those theologians—the modern theologians who have sought to adapt it—have, in fact, lost Christ; they can no longer speak of Christ to the broader masses; at most, they speak of the personality of Jesus. Thus, in recent centuries, this Christianity has been preserved only in its old forms, which modern people simply no longer accept in their souls; but it loses, I would say, its inner hold on the soul. Why is that?
[ 22 ] Nun, sehen Sie sich nur alles das an, was die Geschichte an Christentum heraufgebracht hat. Es ist die größte Unehrlichkeit, wenn heute die modernen Theologen dieses Christentum in irgendeiner Weise rationalistisch deuten wollen. Es ist unmöglich, dieses Christentum rationalistisch zu deuten. Man kann nicht dieses Christentum, dieses Mysterium von Golgatha und ihren Träger rationalistisch deuten, man muß von Spiritualität sprechen, wenn man von Christus sprechen will. Man muß von einer geistigen Welt sprechen, wenn man von Christus sprechen will. Man kann gar nicht an das ganz Gewisse, daß zwei mal zwei vier ist, und an seine fünf Sinne nur glauben und dann ehrlicherweise noch von Christus sprechen. Das kann man eben nicht, so daß es eben in dem tiefsten Seeleninnern der modernen Menschen so aussah, daß sie keine Möglichkeit hatten, aus dem, was nun einfach ihre Schulbildung ist, den Christus zu verstehen, zu begreifen. Denn der Rationalismus und Intellektualismus hat den Menschen die spirituelle Welt genommen. Es ist zwar der Christusname, die Christustradition geblieben, aber ohne ihre Atmosphäre, ohne daß der Christus erscheint als Geist unter Geistern, als eine geistige Wesenheit in einer geistigen Welt. Denn die Welt, die die moderne Astronomie, Biologie, Naturwissenschaft gebracht hat, ist eine ungeistige Welt.
[ 22 ] Well, just look at everything that history has brought forth in terms of Christianity. It is the height of dishonesty when modern theologians today attempt to interpret this Christianity in any rationalistic way. It is impossible to interpret this Christianity rationalistically. One cannot interpret this Christianity—this mystery of Golgotha and its bearer—rationally; one must speak of spirituality if one wishes to speak of Christ. One must speak of a spiritual world if one wishes to speak of Christ. One cannot simply believe in the absolute certainty that two plus two equals four, and in one’s five senses, and then still speak honestly of Christ. That is simply not possible; thus, deep within the innermost being of modern people, it appeared that they had no way of understanding or grasping Christ based solely on what is now simply their school education. For rationalism and intellectualism have robbed people of the spiritual world. The name of Christ and the Christian tradition have remained, to be sure, but without their atmosphere—without Christ appearing as a spirit among spirits, as a spiritual being in a spiritual world. For the world that modern astronomy, biology, and the natural sciences have brought about is a non-spiritual world.
[ 23 ] Und so kamen eben zahlreiche Seelen heran, die ein ganz bestimmtes Bedürfnis aus diesen Untergründen heraus hatten. Die Zeit schreitet wirklich weiter, und die Menschen von heute, ich habe das oftmals betont, sind nicht mehr die Menschen der früheren Zeiten. Sie müssen sich doch fragen: Da trete ich mit so und so vielen zusammen, um mich mit ihnen in einer Gesellschaft zur Pflege von geistigen Wahrheiten zu finden. Warum tue ich denn das? Warum tun Sie, jeder Einzelne das? Was treibt Sie dazu? Nun sitzt das, was die Menschen dazu treibt, zumeist so tief in den unbewußten Untergründen des Seelenlebens, daß eben nicht viel Klarheit darüber herrscht. Aber die Frage muß doch aufgeworfen werden hier, wo, wie ich gerade in der Einleitung gesagt habe, Selbstbesinnung der Anthroposophen geübt werden soll.
[ 23 ] And so numerous souls arrived who had a very specific need arising from these depths. Time truly marches on, and the people of today—as I have often emphasized—are no longer the people of earlier times. You must ask yourselves: Here I am gathering with so-and-so many others to come together in a community dedicated to the cultivation of spiritual truths. Why am I doing this? Why is each and every one of you doing this? What drives you to do so? Now, what drives people to do this is usually so deeply rooted in the unconscious depths of the soul’s life that there is not much clarity about it. But the question must be raised here, where, as I just said in the introduction, anthroposophists are to practice self-reflection.
[ 24 ] Wenn Sie zurückblicken in frühere Zeiten, da war es den Men sehen selbstverständlich, daß nicht bloß materielle Dinge und materielle Vorgänge da draußen sind, sondern daß überall Geister sind. Die Menschen fanden eine geistige Welt um sich herum in ihrer Umgebung. Und weil sie eine geistige Welt fanden, konnten sie den Christus begreifen.
[ 24 ] If you look back to earlier times, it was self-evident to people that there were not only material things and material processes out there, but that spirits were everywhere. People found a spiritual world all around them in their environment. And because they found a spiritual world, they were able to understand Christ.
[ 25 ] Mit dem modernen Intellektualismus findet man nirgends eine geistige Welt, wenn man ehrlich ist, folglich kann man auch den Christus nicht wirklich begreifen. Der moderne Gebildete begreift auch den Christus nicht, Die Menschen, die sich nun so sehnen, wieder ein Geistesleben zu finden, das sind nämlich ganz bestimmte Seelen. Das sind diejenigen Seelen, in denen zweierlei lebt. Wirklich, in den meisten Seelen derer, die sich in solchen Gesellschaften, von denen hier die Rede ist, zusammenfinden, in denen lebt heute ein Zweifaches: Erstens taucht ein ganz unbestimmtes Empfinden auf in der Seele, das die Menschen nicht beschreiben können, aber es ist da. Und untersucht man es mit den Mitteln, die man in der geistigen Welt hat, dann ist es das Empfinden, das aus früheren Erdenleben herrührt, in denen man aber noch eine geistige Umgebung hatte. Heute erstehen die Menschen, in denen innerlich seelisch etwas rumort von früheren Erdenleben. Wir hätten weder Theosophen noch Anthroposophen, wenn es nicht solche Menschen gäbe, in denen etwas rumort von früheren Erdenleben. Diese Menschen finden sich in allen Schichten unserer heutigen Bevölkerung. Sie wissen nicht, daß das von früheren Erdenleben kommt; aber es kommt von früheren Erdenleben. Dadurch entsteht das Streben nach einem ganz bestimmten Wege, nach einer ganz bestimmten Erkenntnis.
[ 25 ] If one is honest, modern intellectualism offers no spiritual world whatsoever; consequently, one cannot truly comprehend Christ either. The modern educated person does not comprehend Christ either. The people who now yearn so deeply to rediscover a spiritual life are, in fact, very specific souls. These are the souls in which two things coexist. Indeed, in most of the souls of those who gather in the kinds of societies we are discussing here, two things coexist today: First, a very vague feeling arises in the soul that people cannot describe, but it is there. And if one examines it using the means available in the spiritual world, it is a feeling that stems from earlier earthly lives, in which one still had a spiritual environment. Today, people are emerging in whom something from earlier earthly lives stirs inwardly within their souls. We would have neither Theosophists nor Anthroposophists if it were not for such people in whom something stirs from past earthly lives. These people are found in all strata of our present-day population. They do not know that this comes from past earthly lives; but it does come from past earthly lives. This gives rise to the striving for a very specific path, for a very specific kind of knowledge.
[ 26 ] Ja, meine lieben Freunde, wie Sie die Bäume in früheren Erdenleben gesehen haben, wie Sie die äußeren materiellen Substanzen gesehen haben, das wirkt nicht nach in dieses jetzige Erdenleben, denn das haben Sie mit ihren Sinnen gesehen. Die Sinne sind zerstäubt im Kosmos. Dasjenige, was nachwirkt, ist der geistige Inhalt der früheren Erdenleben.
[ 26 ] Yes, my dear friends, the way you saw the trees in previous earthly lives, the way you saw the external material substances—that has no lasting effect on this present earthly life, for you saw those things with your senses. The senses have dissipated into the cosmos. What continues to have an effect is the spiritual content of your past earthly lives.
[ 27 ] Nun kann der Mensch heute dastehen in zweifacher Weise. Er kann spüren: Da ist etwas in mir — er weiß es nicht, daß es aus früheren Erdenleben kommt, aber es kommt aus früheren Erdenleben -, da ist etwas in mir, es wirkt, es ist da. Aber wenn ich noch so viel von der Sinneswelt weiß, das kann nicht beschrieben werden, denn das hat nichts herübergetragen, was nicht geistig ist. Wenn mir nun in der Gegenwart alles genommen wird, was geistig ist, dann ist dieses, was aus früheren Erdenleben herüberkommt, unbefriedigt. Das ist das eine.
[ 27 ] Today, a person can find themselves in one of two situations. They may sense: There is something within me—they do not know that it comes from previous earthly lives, but it does come from previous earthly lives—there is something within me; it is at work; it is there. But no matter how much I know about the sensory world, this cannot be described, for nothing that is not spiritual has been carried over. If, in the present, everything that is spiritual is taken away from me, then this which comes over from previous earthly lives remains unsatisfied. That is one thing.
[ 28 ] Das andere, was in den Menschen lebt, ist, daß sie ein unbestimmtes Gefühl haben: Mir müßten eigentlich die Träume mehr sagen als die Sinneswelt. — Es ist natürlich ein Irrtum, eine Illusion, wenn die Leute glauben, daß ihnen die Träume mehr sagen müßten als die Sinneswelt. Aber woher kommt denn diese Illusion, die wirklich in demselben Maße heraufkommt, in dem die moderne Bildung heraufgekommen ist? Denn mit dieser modernen Bildung hat es nämlich eine eigentümliche Bewandtnis. Wenn sich die Menschen, die modern gebildet sind, heute in ihren gebildeten Gesellschaften zusammenfinden, dann muß man eben gebildet sein, dann redet man so, wie es einem im heutigen Sinne geschulten Menschen entspricht. Fängt einer an, irgend etwas von geistigen Wirkungen in der Welt zu reden, dann muß man spöttisch die Mundwinkel ziehen, denn das ist gebildet. Innerhalb unserer Schulbildung gilt es nicht, von geistigen Wirkungen in der Welt zu reden. Da ist man ein abergläubischer, ein ungebildeter Mensch. Da muß man die Mundwinkel ziehen. Da muß man zeigen: So etwas ist nur für den abergläubischen Teil der Bevölkerung.
[ 28 ] The other thing that lives within people is that they have a vague feeling: Dreams should actually tell me more than the sensory world. — It is, of course, a mistake, an illusion, when people believe that dreams ought to tell them more than the sensory world. But where does this illusion come from, which has really emerged to the same extent that modern education has? For there is a peculiar connection with this modern education. When people with a modern education come together today in their educated societies, one simply has to be educated; one speaks in a manner befitting a person trained in the modern sense. If someone starts talking about spiritual influences in the world, one must curl the corners of one’s mouth in derision, for that is what being educated entails. Within our school system, one is not supposed to speak of spiritual influences in the world. To do so makes one a superstitious, uneducated person. One must turn up the corners of one’s mouth. One must make it clear: Such things are only for the superstitious segment of the population.
[ 29 ] Nun, in solchen Gesellschaften bilden sich dann oftmals zwei Gruppen. Zumeist ist irgendwer da, der faßt so einen Viertelsmut, über solche geistigen Dinge zu reden. Da ziehen die Leute die Mundwinkel. Der größte Teil geht weg, geht zum Kartenspiel oder zu sonstigen menschenwürdigen Beschäftigungen. Einige aber werden neugierig. Da geht man in ein Nebenzimmer, und da beginnt man dann über diese Dinge lange zu reden, während die anderen Karten spielen oder irgend etwas anderes machen, was ich weniger beschreiben möchte. Da hören die Leute in dem Nebenzimmer dann mit offenem Mund zu, können gar nicht genug kriegen vom Zuhören; aber es muß im Nebenzimmer sein, denn sonst ist man nicht gebildet. In dem, wozu der moderne Mensch da kommen kann, ist doch nur mehr oder weniger Traumähnliches. Die Dinge, die da erzählt werden, sind ja meist so unzusammenhängend und chaotisch wie Träume, aber der Mensch liebt es doch. Warum liebt er es? Es würden nämlich die anderen es auch lieben, die zum Kartenspiel abgezogen sind. Es ist nur die Leidenschaft des Kartenspieles noch stärker als diese Liebe zum Zuhören; wenigstens reden sie es sich ein.
[ 29 ] Well, in gatherings like that, two groups often form. Usually there’s someone who gets it into their head to talk about such intellectual matters. That’s when people start to smirk. Most of them walk away, heading off to play cards or engage in other more respectable activities. Some, however, become curious. They go into an adjoining room, and there they begin to talk at length about these things, while the others play cards or do something else that I’d rather not describe. Then the people in the adjoining room listen with their mouths agape, unable to get enough of what they’re hearing; but it has to be in the adjoining room, because otherwise one isn’t considered cultured. What modern people can arrive at there is, after all, more or less dreamlike. The things that are recounted there are, after all, usually as disjointed and chaotic as dreams, but people love it all the same. Why do they love it? The others who have withdrawn to play cards would love it, too. It’s just that the passion for card games is even stronger than this love of listening; at least, that’s what they tell themselves.
[ 30 ] Warum hat denn der Mensch in dieser modernen Zeit den Drang, Träumen nachzugehen? Weil er fühlt, wiederum ganz instinktiv, ohne daß er das klar weiß: Was ich da in meinen Gedanken habe, und was mir die äußere physische Welt abbildet, das ist ganz schön, aber es gibt mir ja nichts für mein Seelenleben. Dahinter liegt doch etwas anderes, das fühle ich in mir. Ein geheimes Denken, Fühlen und Wollen lebt auch, wenn ich wache, so frei in mir, wie das Traumleben frei lebt, wenn ich schlafe. Es ist etwas in dem Hintergrunde der Seelen, das wird eigentlich geträumt auch beim Wachen. Das fühlt schon der moderne Mensch. Und das fühlt er, weil ihm gerade in der Außenwelt das Geistige fehlt. Er kann es nur noch im Traume erhaschen. In früheren Erdenleben hat er es in seiner Umgebung geschaut.
[ 30 ] Why, in these modern times, does a person feel the urge to pursue dreams? Because they sense—again, quite instinctively, without being fully aware of it—that what is in their thoughts and what the external physical world presents to them is all well and good, but it offers nothing to their inner life. There is something else behind it all—I feel that within me. A secret stream of thought, feeling, and will lives on even when I am awake, as freely within me as the life of dreams lives freely when I sleep. There is something in the background of the soul that is actually being dreamed even while awake. Modern people already sense this. And they sense it because the spiritual is precisely what is missing for them in the outer world. They can only catch a glimpse of it in dreams. In earlier earthly lives, they beheld it in their surroundings.
[ 31 ] Jetzt werden eben die Seelen geboren, die neben diesen Impulsen, die aus früheren Erdenleben in ihnen rumoren, auch das in sich rumorend haben, was im vorirdischen Dasein in der geistigen Welt gespielt hat. Das ist verwandt mit diesem innerlichen Träumen. Das innerliche Träumen ist eben eine Nachwirkung von dem Lebendigen im vorirdischen Dasein.
[ 31 ] Now, souls are being born who, in addition to these impulses that stir within them from earlier earthly lives, also have within themselves the stirrings of what took place in the spiritual world during their pre-earthly existence. This is related to this inner dreaming. Inner dreaming is precisely an aftereffect of the living forces in pre-earthly existence.
[ 32 ] Denken Sie doch: Die Menschen früherer Zeiten wußten eben von geistiger Umgebung, ihr irdisches Dasein nahm ihnen gewissermaßen nicht den Geist. Die neueren Menschen fühlen das Geistige in sich. Aber nicht nur, daß ihnen die Seelenverfassung der Zeit den Geist nimmt, es ist auch eine Bildung aufgetreten, die geistfeindlich ist, die den Geist wegbeweist.
[ 32 ] Just think: People of earlier times were aware of a spiritual realm; their earthly existence did not, so to speak, rob them of their spirit. People today feel the spiritual within themselves. But not only does the prevailing mindset of the times rob them of their spirit—a form of education has also emerged that is hostile to the spirit and drives it away.
[ 33 ] Frägt man, wodurch sich Menschen in solchen Gesellschaften, wie sie hier charakterisiert werden sollen, zusammenfinden, so ist es eben durch diese zwei Eigenschaften der Seele: dadurch, daß etwas in ihnen rumort aus früheren Erdenleben, und dadurch, daß etwas in ihnen rumort vom vorirdischen Dasein. Bei den meisten von Ihnen ist es so. Sie säßen gar nicht da, wenn nicht diese zwei Dinge in Ihnen rumorten.
[ 33 ] If one asks what brings people together in societies such as those to be characterized here, it is precisely through these two characteristics of the soul: through the fact that something stirs within them from earlier earthly lives, and through the fact that something stirs within them from their pre-earthly existence. This is true for most of you. You would not even be sitting here if these two things were not stirring within you.
[ 34 ] Und denken Sie an frühere soziale Zustände zurück. In ganz alten Zeiten kamen die sozialen Einrichtungen überhaupt aus den Mysterien, waren im Einklange mit demjenigen, was den Menschen geistig überliefert wurde. Der Mensch war hineinverwoben in ein, sagen wir, soziales Wesen, das zugleich eins war mit demjenigen, was seine Seele ersehnte.
[ 34 ] And think back to earlier social conditions. In ancient times, social institutions arose from the mysteries and were in harmony with what had been spiritually handed down to humanity. Human beings were woven into, shall we say, a social being that was at one with what their souls longed for.
[ 35 ] Nehmen Sie einen Athener. Er schaute zu der Göttin Athene auf. Er empfand in seiner Seele seine innere Verwandtschaft mit der Göttin Athene. Er stand in einem sozialen Gemeinwesen darinnen, von dem man wußte: das war nach den Intentionen der Göttin Athene eingerichtet. Die Olivenbäume um Athen herum hat die Göttin Athene gepflanzt. Die staatlichen Gesetze hat die Göttin Athene diktiert. Man war als Mensch in eine soziale Gemeinschaft hineingestellt, die mit dem innerlichen Glauben ganz stimmte. Da wurde einem nichts genommen, was einem sozusagen die Götter gegeben hatten.
[ 35 ] Take an Athenian, for example. He looked up to the goddess Athena. He felt in his soul his inner kinship with the goddess Athena. He was part of a social community that was known to have been established according to the intentions of the goddess Athena. The olive trees surrounding Athens were planted by the goddess Athena. The laws of the state were dictated by the goddess Athena. As a human being, one was placed within a social community that was in complete harmony with one’s inner beliefs. Nothing was taken from one that the gods had, so to speak, given.
[ 36 ] Vergleichen Sie damit den modernen Menschen. Er steht in seinen sozialen Verhältnissen so darinnen, daß eben der Abgrund klafft zwischen dem, was er innerlich erlebt, und dem, wie er äußerlich in diese sozialen Verhältnisse eingesponnen ist. Er kommt sich so vor - er macht es sich nur nicht klar, es sitzt im Unterbewußtsein —, wie wenn seiner Seele durch die äußeren Verhältnisse sein Körper fortwährend genommen werden sollte. Er fühlt sich durch diese Eigenschaften, durch diese Impulse aus früheren Erdenleben und dem vorirdischen Dasein, wovon ich Ihnen gesprochen habe, im Zusammenhange mit einer geistigen Welt. Sein Körper gehört den äußeren Institutionen an. Sein Körper muß sich so verhalten, daß er den äußeren Institutionen genügen kann. Das erzeugt im Unterbewußtsein eine fortwährende Angst im modernen Menschen, daß ihm eigentlich der physische Leib nicht mehr gehört. Nun, es gibt schon moderne Staaten, in denen man ja fühlen kann, wie einem eigentlich der Rock nicht mehr gehört, denn man ist ihn der Steuerbehörde schuldig! Aber nicht wahr, in einem weiteren Maßstab, meine lieben Freunde, gehört einem auch der physische Leib nicht. Der wird in Anspruch genommen von den äußeren Institutionen.
[ 36 ] Compare this with modern man. He is situated within his social relationships in such a way that a gulf yawns between what he experiences inwardly and how he is outwardly entangled in these social relationships. He feels—though he is not fully aware of it, as it lies in the subconscious—as if his body were constantly being taken away from his soul by external circumstances. Through these qualities, through these impulses from earlier earthly lives and pre-earthly existence—of which I have spoken to you—he feels connected to a spiritual world. His body belongs to external institutions. His body must behave in such a way that it can satisfy the demands of these external institutions. This creates a constant fear in the subconscious of modern human beings that their physical body no longer truly belongs to them. Well, there are already modern states in which one can indeed feel that one’s coat no longer really belongs to one, for one owes it to the tax authorities! But isn’t it true, my dear friends, that on a broader scale, one’s physical body does not belong to one either? It is claimed by external institutions.
[ 37 ] Diese Angst lebt in dem modernen Menschen, daß er eigentlich jeden Tag seinen Leib hingeben muß für irgend etwas, was nicht mit seinem Seelischen zusammenhängt. Und so wird der moderne Mensch ein Sucher nach dem, was ganz anderen Weltaltern angehört, was er im vorigen Erdenleben erlebt hat. So wird der moderne Mensch ein Sucher nach dem, was überhaupt der Erde nicht angehört, was der geistigen Welt angehört, und in dem er im vorirdischen Dasein war.
[ 37 ] Modern human beings are haunted by the fear that they must, in fact, sacrifice their bodies every day for something that has nothing to do with their spiritual nature. And so modern man becomes a seeker of that which belongs to entirely different world-ages, of what he experienced in his previous earthly life. Thus, modern man becomes a seeker of that which does not belong to the Earth at all, of that which belongs to the spiritual world, and of that in which he existed in his pre-earthly existence.
[ 38 ] Das alles macht sich unbewußt, instinktiv geltend, aber es macht sich geltend. Und sagen muß man: Dasjenige, was unsere Anthroposophische Gesellschaft jetzt geworden ist, ist sie ja wirklich aus kleinen Anfängen heraus geworden. Sie mußte zuerst in der primitivsten Weise in ganz kleinen Zirkeln arbeiten. Man könnte viel erzählen von der Art und Weise, wie man aus kleinen Zirkeln heraus gearbeitet hat.
[ 38 ] All of this asserts itself unconsciously, instinctively—but it does assert itself. And one must say: What our Anthroposophical Society has now become truly grew out of very humble beginnings. At first, it had to work in the most primitive way, in very small circles. There is much that could be said about the way in which we worked out from these small circles.
[ 39 ] Ich habe zum Beispiel einmal in den ersten Jahren in Berlin vortragen müssen zunächst in einer Stube, in der hinten die Biergläser klirrten, weil es eine Schankstube war, die nach der Straße hinausging. Und als einmal diese nicht brauchbar war, wies man uns in etwas, was eine Art Stall war. Da kamen die Leute hin, die so beschaffen waren, so beschaffen sind, wie ich es Ihnen eben jetzt erzählt habe. In einer deutschen Stadt habe ich in einem Saal vorgetragen, in dem stückweise überhaupt kein Fußboden war, wo man immer achtgeben mußte, daß man nicht in ein Loch hineinplumpste und sich das Bein brach. Aber es versammelten sich da eben diejenigen Menschen, die diese Impulse hatten. Allerdings, diese Bewegung war von vornherein darauf angelegt, allgemein menschlich zu sein. Und so war die Befriedigung ebenso groß, wenn das einfachste Gemüt sich einfand in solchen Lokalitäten, wie ich sie eben beschrieben habe. Aber man fand das nicht zu unbehaglich, weil das eben auch zur Menschlichkeit gehörte, wenn sich, ich möchte sagen, die Menschen mehr so einfanden, daß sie dann die anthroposophische Bewegung auf aristokratische Art, wie es zum Beispiel in München war, aus der Taufe hoben. Man schloß nicht irgendeine menschliche Allüre aus.
[ 39 ] For example, during my early years in Berlin, I once had to give a lecture in a small room where beer glasses clinked in the back—because it was a tavern that opened onto the street. And when that room was once unavailable, we were directed to what was essentially a stable. That’s where the people came—the kind of people I’ve just described to you. In a German city, I gave a lecture in a hall where, in some places, there was no floor at all; you always had to be careful not to stumble into a hole and break your leg. But it was precisely those people who had these impulses who gathered there. Admittedly, this movement was designed from the outset to be universally human. And so the satisfaction was just as great when the simplest of souls found their way into such venues as I have just described. But people didn’t find it too uncomfortable, because that, too, was part of being human—even when, I might say, people gathered in such a way that they then launched the anthroposophical movement in an aristocratic manner, as was the case in Munich, for example. One did not rule out any kind of human affectation.
[ 40 ] Aber das, meine lieben Freunde, worauf gesehen werden mußte, das war immer das, daß eben solche Seelen sich zusammenfanden, die so beschaffen waren, wie ich es geschildert habe. So daß wirklich die Menschen, die in solchen Gesellschaften zusammenkamen, schicksalsmäßig gezeichnet waren, auch heute noch schicksalsmäßig gezeichnet sind.
[ 40 ] But what had to be taken into account, my dear friends, was always the fact that souls of precisely the kind I have described came together. So that, in truth, the people who gathered in such societies were marked by fate—and are still marked by fate today.
[ 41 ] Wären nicht solche Menschen dagewesen, so hätte eine Persönlichkeit, wie die Blavatsky ist, kein Interesse finden können. Denn gerade nur bei solchen Persönlichkeiten hat sie ein Interesse gefunden. Was fühlten denn zunächst diese Menschen? Was war ihnen denn das Allerwichtigste und was kam denn sozusagen ihren Empfindungen entgegen?
[ 41 ] If such people had not existed, a figure like Blavatsky would not have been able to attract any interest. For it was precisely in such figures that she found interest. What, then, did these people feel at first? What was most important to them, and what, so to speak, resonated with their feelings?
[ 42 ] Nun, dem einen, was da in der Seele rumorte, kam die Lehre von den wiederholten Erdenleben entgegen. Man konnte sich jetzt sagen: Du lebst als Mensch in den Zeitaltern, du bist innerlich stärker als diejenigen Mächte, die dir jeden Tag etwa deinen Leib entreißen wollen. Da mußte man also diesem tief innerlichsten Fühlen, das eigentlich schon willensartig war im Menschen, mit der Lehre von den wiederholten Erdenleben entgegenkommen.
[ 42 ] Well, for those whose souls were in turmoil, the teaching of repeated earthly lives offered solace. One could now say to oneself: You live as a human being through the ages; you are inwardly stronger than those forces that seek to tear your body away from you every day. So one had to respond to this deepest inner feeling—which was, in fact, already akin to the will within the human being—with the doctrine of repeated earthly lives.
[ 43 ] Und diesem, das Seelische eigentlich wie traumhaft empfinden, körperfrei empfinden — das tut selbst der einfachste Landmensch, das Seelische körperfrei empfinden —, dem konnte man nimmermehr entgegenkommen mit einem Erkennen, das nur auf die Materiie und ihre Vorgänge hin orientiert war. Denn innerhalb dieser Materie und ihrer Vorgänge gab es so etwas nicht wie das, was der Mensch an seinem Seelischen erlebte, was ein Nachklang war seines vorirdischen Daseins. Man konnte dem nur entgegenkommen, wenn man ihm klarmachte, wenn ich das schockierende Wort gebrauchen darf: Unser tiefstes menschliches Wesen ist wie aus Träumen gewoben, Dem, was in uns gewoben ist, wie die Träume gewoben sind, was nur ein stärkeres Sein, eine stärkere Existenz hat, dem sind die Dinge, die in der physischen Umgebung sind, nicht gleich. Man ist ja wie ein Fisch, der aus dem Wasser heraus muß und in der Luft leben soll, wenn man mit dem, was man in der Seele trägt, nur in der Welt leben soll, die die moderne Bildung vor den Menschen hinzaubert. Wie der Fisch anfängt, eben nicht atmen zu können in der Luft, wie der Fisch anfängt zu schnappen, wenn er nicht atmen kann, so leben eben solche Seelen in der modernen Atmosphäre, indem sie schnappen nach dem, was sie brauchen. Das finden sie nicht, weil es Geistiges ist. Denn es ist der Nachklang dessen, was sie erlebt haben im vorirdischen Dasein, in der geistigen Welt. Sie wollen von Geistigem hören, daß Geistiges da ist, daß mitten unter uns Geistiges ist.
[ 43 ] And this—experiencing the spiritual as something dreamlike, experiencing it as separate from the body—even the simplest country person experiences the spiritual as separate from the body—could never be met with a form of knowledge oriented solely toward matter and its processes. For within this matter and its processes, there was no such thing as what a person experienced in their soul—which was an echo of their pre-earthly existence. One could only meet this need by making it clear to them—if I may use this shocking word—that our deepest human being is as if woven from dreams; that which is woven within us, just as dreams are woven, and which possesses a stronger being, a stronger existence—the things in the physical environment are not equal to it. One is, after all, like a fish that must come out of the water and live in the air if one is to live in the world conjured up before people by modern education with what one carries in one’s soul. Just as the fish begins to be unable to breathe in the air, just as the fish begins to gasp when it cannot breathe, so do such souls live in the modern atmosphere, gasping for what they need. They do not find it, because it is spiritual. For it is the echo of what they experienced in their pre-earthly existence, in the spiritual world. They want to hear about the spiritual, that the spiritual exists, that the spiritual is right here among us.
[ 44 ] Begreifen Sie, meine lieben Freunde, daß das die zwei wichtigsten Angelegenheiten waren für einen gewissen Teil der Menschheit: Aufklärung darüber zu bekommen, daß der Mensch über das eine Erdenleben hinaus lebt, Aufklärung darüber zu bekommen, daß es solche Wesen überhaupt in der Welt gibt, wie er ist, daß es Geister gibt unter den natürlichen Dingen und Vorgängen. Das war zunächst durch die Blavatsky gebracht worden. Aber das mußte man zuerst haben, bevor man wiederum den Christus verstehen konnte.
[ 44 ] Understand, my dear friends, that these were the two most important matters for a certain segment of humanity: gaining insight into the fact that human beings live on beyond this one earthly life, and gaining insight into the fact that such beings exist at all in the world as it is—that there are spirits among natural things and processes. This was first brought forth by Blavatsky. But one had to have that first before one could, in turn, understand Christ.
[ 45 ] Nun liegt eben das Eigentümliche vor, daß, man möchte sagen, mit einer Betonung des Mitleides mit der Menschheit, bei der Blavatsky das auftrat, daß sie sich sagte: Diese Menschen schnappen ja nach Erkenntnissen aus der geistigen Welt. Wenn wir ihnen die alten heidnischen Religionen enthüllen, dann enthüllen wir ihnen etwas, was diesen ihren geistigen Bedürfnissen entgegenkommt. Das sollte zunächst getan werden.
[ 45 ] Now, the peculiar thing is that—one might say—with an emphasis on compassion for humanity, Blavatsky found herself thinking: These people are indeed thirsting for knowledge from the spiritual world. If we reveal the ancient pagan religions to them, then we are revealing something that meets their spiritual needs. That should be done first.
[ 46 ] Daß dabei eine ungeheure Einseitigkeit, nämlich ein Antichristianismus entstand, das ist dann durchaus begreiflich, ebenso wie es begreiflich ist, daß von dem Hinschauen auf das gegenwärtige Christentum, aus dem er selber herausgewachsen war, bei Nietzsche ein so starker Antichristianismus entstanden ist.
[ 46 ] It is entirely understandable that this gave rise to an immense one-sidedness—namely, anti-Christianity—just as it is understandable that Nietzsche’s observation of contemporary Christianity, from which he himself had emerged, led to such a strong anti-Christian stance.
[ 47 ] Von diesem Antichristianismus und seiner Heilung möchte ich Ihnen dann in den nächsten Vorträgen sprechen. Ich möchte nur noch betonen, daß dasjenige, was bei der Blavatsky als Antichristianismus aufgetreten ist, vom Anfange an in der anthroposophischen Bewegung nicht da war, denn der erste Vortragszyklus, der von mir gehalten worden ist, war der Vortragszyklus «Von Buddha zu Christus», wie ich schon erwähnt habe. Dadurch also steht die anthroposophische Bewegung als etwas Selbständiges in all diesen Geistesbewegungen drinnen, daß sie vom Anfange an den Weg von den heidnischen Religionen zum Christentum hin gegangen ist. Aber ebensogut muß man verstehen, warum die anderen diesen Weg nicht gegangen sind. Davon, wie gesagt, wollen wir dann morgen sprechen.
[ 47 ] I would like to speak to you about this anti-Christianity and its remedy in the next few lectures. I would just like to emphasize that what appeared as anti-Christianity in Blavatsky’s work was not present in the anthroposophical movement from the very beginning, for the first lecture series I gave was the one titled “From Buddha to Christ,” as I have already mentioned. Thus, the anthroposophical movement stands as something independent among all these spiritual movements in that, from the very beginning, it has followed the path from the pagan religions toward Christianity. But one must also understand why the others did not follow this path. As I said, we will speak about that tomorrow.
