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The History and Circumstances
of the Anthroposophical Movement
in relation to the Anthroposophical Society
An Impulse Towards Self-reflection
GA 258

14 June 1923, Dornach

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Es ist schon von Bedeutung, darauf hinzusehen, wie gewissermaßen innerhalb der anthroposophischen Bewegung gerade bei denjenigen, die zuerst gewöhnliche Zuhörer, könnte man sagen, waren, das Christentum erobert werden mußte. Denn die theosophische Bewegung ist in Anlehnung an die Persönlichkeit der H. P. Blavatsky durchaus ausgegangen von einer antichristlichen Orientierung. Und diese antichristliche Orientierung, die ich auch in Zusammenhang gebracht habe mit derselben Orientierung bei einer anderen Persönlichkeit, bei Friedrich Nietzsche, diese antichristliche Orientierung möchte ich zunächst noch ein wenig beleuchten.

[ 1 ] It is indeed significant to observe how, within the anthroposophical movement, so to speak, Christianity had to be “conquered” precisely among those who were, one might say, initially merely ordinary listeners. For the Theosophical Movement, drawing on the personality of H. P. Blavatsky, was certainly based on an anti-Christian orientation. And this anti-Christian orientation—which I have also linked to the same orientation in another figure, Friedrich Nietzsche—is something I would like to shed a little more light on for now.

[ 2 ] Man muß sich darüber klar sein, und das geht ja aus den verschiedensten Betrachtungen hervor, die gerade innerhalb unserer Kreise angestellt worden sind über das Mysterium von Golgatha, daß das Mysterium von Golgatha zunächst als eine Tatsache in die Entwickelung der Menschheit auf Erden sich hineingestellt hat. Als Tatsache ist es zunächst zu nehmen. Wenn Sie zurückgehen auf die Darstellung in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», dann werden Sie finden, daß dort der Versuch gemacht ist, das gesamte Mysterienwesen der alten Zeiten nach seinen Impulsen zu erkennen und dann zu zeigen, wie die verschiedenen Kräfte, die in den einzelnen Mysterien gespielt haben, sich vereinigt, harmonisiert und dadurch möglich gemacht haben, daß dasjenige, was zunächst in den Mysterien, man möchte sagen, auf eine verborgene Weise den Menschen entgegengetreten ist, in offener Weise als eine historische Tatsache vor die Menschen hingestellt worden ist. So daß in dem Mysterium von Golgatha in einer äußeren Tatsache die Krönung des gesamten alten Mysterienwesens vorliegt. Wie dann die ganze Entwickelung der Menschheit eine andere werden mußte unter den Einflüssen des Mysteriums von Golgatha, das habe ich gerade in jenem Buche ja zu zeigen versucht.

[ 2 ] One must be clear about this—and it is evident from the wide variety of reflections that have recently been made within our circles regarding the Mystery of Golgotha—that the Mystery of Golgotha first established itself as a fact in the evolution of humanity on Earth. It must first be accepted as a fact. If you refer back to the account in my book *Christianity as a Mystical Fact*, you will find that an attempt is made there to understand the entire mystery tradition of ancient times in terms of its impulses, and then to show how the various forces at work in the individual mysteries united and harmonized, thereby making it possible for that which initially, in the mysteries, one might say, appeared to people in a hidden way, was presented to them openly as a historical fact. Thus, the Mystery of Golgotha represents, in an outward fact, the culmination of the entire ancient mystery tradition. I have attempted to show precisely in that book how the entire development of humanity had to take on a different character under the influences of the Mystery of Golgotha.

[ 3 ] Nun waren, wie ich auch schon öfter betont habe, zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich als eine Tatsache abspielte, Reste der alten Mysterienweisheit vorhanden. Man konnte mit Hilfe dieser Reste der alten Mysterienweisheit, die so in die Evangelien übergegangen sind, wie ich es in jenem Buche dargestellt habe, an dieses Ereignis, das eigentlich der Erdenentwickelung erst ihren Sinn gibt, herantreten. Die Erkenntnismittel zum Verstehen des Mysteriums von Golgatha konnte man aus den alten Mysterien nehmen. Aber zu gleicher Zeit muß ja verzeichnet werden, daß das Mysterienwesen in jenem Sinne, in dem es in alten Zeiten da war, verschwindet und in dem Mysterium von Golgatha seine Krönung gefunden hat.

[ 3 ] Now, as I have often emphasized, at the time when the Mystery of Golgotha unfolded as a historical event, remnants of the ancient mystery wisdom still existed. With the help of these remnants of the ancient mystery wisdom—which have been incorporated into the Gospels, as I have described in that book—it was possible to approach this event, which is what actually gives meaning to the development of the Earth. The means of knowledge for understanding the Mystery of Golgotha could be drawn from the ancient mysteries. But at the same time, it must be noted that the mystery tradition, in the sense in which it existed in ancient times, is disappearing and has found its culmination in the Mystery of Golgotha.

[ 4 ] Auch das habe ich ja erwähnt, wie im 4. nachchristlichen Jahrhundert eigentlich die unmittelbar noch vom Menschen ergriffenen Impulse der alten Erkenntnis schwinden, und von dieser alten Erkenntnis nur mehr oder weniger Traditionelles vorhanden bleibt, so daß da oder dort möglich ist, daß durch besondere Menschen, durch besondere Persönlichkeiten diese Traditionen wiederum belebt werden. Aber eine so fortlaufende Mysterienentwickelung, wie sie im Altertum vorhanden war, findet nicht mehr statt. So ist eigentlich verlorengegangen das Mittel, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen.

[ 4 ] I have also mentioned how, in the 4th century A.D., the impulses of ancient knowledge that were still directly grasped by human beings began to fade, and how only more or less traditional elements of this ancient knowledge remained, so that here and there it is possible for these traditions to be revived by particular individuals, by particular personalities. But a continuous development of the mysteries, such as existed in antiquity, no longer takes place. Thus, the means to understand the Mystery of Golgotha has, in fact, been lost.

[ 5 ] Die Tradition hat sich forterhalten. Die Evangelien waren da, zunächst geheimgehalten von der kirchlichen Gemeinschaft, dann für die einzelnen Völker veröffentlicht. Die Kulte waren da. Es war möglich, in der fortlaufenden Geschichte der abendländischen Menschheit das Mysterium von Golgatha gewissermaßen wie in der Erinnerung lebendig zu erhalten. Aber die Möglichkeit dieser Lebendighaltung hörte auf in dem Momente, als im fünften nachatlantischen Zeitraum der Intellektualismus mit dem, was ich gestern moderne Bildung genannt habe, auftrat. Da trat in die Menschheit herein eine Wissenschaft über die natürlichen Dinge, eine Wissenschaft, aus der nimmermehr, wenn sie ihre Methoden nur in der Weise entwickelt, wie sie es bisher getan hat, ein Begreifen der geistigen Welt hervorgehen konnte. Da mußten diese Methoden eben in der Weise erweitert werden, wie es durch die Anthroposophie geschieht. Aber wenn man bei den von Kopernikus, Galilei und so weiter nur eingeleiteten naturwissenschaftlichen Methoden stehenblieb, dann hatte innerhalb einer solchen Naturbetrachtung das Mysterium von Golgatha keinen Platz.

[ 5 ] The tradition has been preserved. The Gospels were there, initially kept secret by the church community, then made public to the various peoples. The cults were there. It was possible, in the ongoing history of Western humanity, to keep the mystery of Golgotha alive, as it were, in memory. But the possibility of keeping it alive ceased the moment intellectualism, along with what I called “modern education” yesterday, emerged in the fifth post-Atlantean epoch. Then a science of natural things entered humanity—a science from which, if it continues to develop its methods in the way it has done so far, an understanding of the spiritual world could never arise. These methods therefore had to be expanded in the way that anthroposophy does. But if one were to remain confined to the scientific methods merely introduced by Copernicus, Galileo, and others, then the Mystery of Golgotha would have no place within such a view of nature.

[ 6 ] Nun bedenken Sie doch nur folgendes: In allen alten Religionen gab es keinen Zwiespalt zwischen der Welterkenntnis und, sagen wir, der Gotteserkenntnis. In einer ganz naturgemäßen Weise mündete die weltliche, die profane Wissenschaft in die Theologie hinein. Alle heidnischen Religionen haben das, daß eine Einheit bei ihnen bildet die Art, wie sie die Natur erklären, und wie sie dann in ihrer Naturerklärung aufsteigen zu einem Begreifen des Göttlichen, des mannigfaltigen Göttlichen, das eben durch die Natur wirkt.

[ 6 ] Just consider the following: In all ancient religions, there was no conflict between the understanding of the world and, let’s say, the understanding of God. In a completely natural way, secular, profane science led into theology. All pagan religions share this: their unity lies in the way they explain nature and how, through their explanation of nature, they then ascend to an understanding of the divine—the manifold divine—which acts precisely through nature.

[ 7 ] Solche Naturkräfte abstrakter Art, wie wir sie heute haben, wie sie unter zwingender Autorität anerkannt werden, hatte man nicht. Man hatte Naturwesen, welche die Natur in ihren verschiedenen Erscheinungen lenkten, leiteten, zu denen man eine Brücke hinüberbauen konnte von dem aus, was in der Menschenseele selber ist. So daß nirgends jener Riß war in den alten Religionen, der da besteht zwischen dem, was neuere Naturwissenschaft ist und demjenigen, was Erfassen des Göttlich-Geistigen sein soll.

[ 7 ] Such abstract natural forces as we have today—as they are recognized with compelling authority—did not exist back then. Instead, there were natural beings who guided and directed nature in its various manifestations, to whom one could build a bridge from what lies within the human soul itself. Thus, there was nowhere in the ancient religions that rift which exists today between modern natural science and what is supposed to be the comprehension of the divine-spiritual.

[ 8 ] Nun wird Anthroposophie niemals behaupten, daß sie irgendwie selbst Religion-begründend auftreten will. Aber auf der anderen Seite ist es einfach eine menschliche Forderung, daß, wenn auch Religion immer etwas Selbständiges, eine selbständige geistige Strömung in der Menschheit sein muß, doch ein Einklang bestehen muß zwischen dem, was Erkenntnis ist, und dem, was Religion ist. Man muß, ohne über einen Abgrund zu springen, hinüberkommen können in das Religiöse vom Erkennen aus, und man muß wieder vom Religiösen in das Erkennen herüberkommen können, ohne über einen Abgrund springen zu müssen. Das ist bei der ganzen Konstitution, die die neuere Erkenntnis angenommen hat, nicht möglich. Und diese Erkenntnis ist durchaus populär geworden und bezwingt die Menschen mit einer ungeheuren Autorität. In dieser Art ist eine Brücke zwischen dieser Erkenntnis und dem religiösen Leben nicht möglich, vor allen Dingen ist es nicht möglich, vom Wissenschaftlichen aus das Wesen des Christus zu finden. Indem immer mehr und mehr die neuere Wissenschaft an das Wesen des Christus herangetreten ist, hat sie es zerstäubt, hat sie es verloren.

[ 8 ] Now, anthroposophy will never claim that it in any way intends to act as the founder of a religion. But on the other hand, it is simply a human necessity that, even though religion must always be something independent—an independent spiritual current within humanity—there must nevertheless be harmony between what is knowledge and what is religion. One must be able to cross over into the religious realm from the realm of knowledge without leaping across an abyss, and one must be able to cross back from the religious realm into the realm of knowledge without having to leap across an abyss. This is not possible given the entire structure that modern knowledge has assumed. And this knowledge has become quite popular and exerts an immense authority over people. In this way, a bridge between this understanding and religious life is not possible; above all, it is not possible to discover the essence of Christ from a scientific standpoint. As modern science has approached the essence of Christ more and more, it has atomized it and lost it.

[ 9 ] Wenn Sie dies bedenken, dann werden Sie das folgende begreifen können. Ich will zunächst von dem der Blavatsky fernstehenden Nietzsche sprechen. Da ist in Nietzsche ein Mensch, der herausgewachsen ist aus einem mitteleuropäischen protestantischen Pfarrhause, der Sohn nicht nur frommer Leute in dem modernen Sinn, sondern der Sohn eines praktizierenden Pastors. Er macht die moderne Bildung durch, macht sie zunächst als Gymnasiast durch. Da er aber nicht dasjenige ist, was Schiller den Brotgelehrten nennt, sondern ein philosophischer Kopf — Sie wissen ja, Schiller hat in seiner Antrittsrede scharf den Unterschied hervorgehoben zwischen dem Philosophenkopf und dem Brotgelehrten -, so verbreitert sich sein Interesse über alles dasjenige, was aus den Methoden der Gegenwart heraus Erkenntnis werden kann. Nun kommt er - aber auf eine radikale Weise — bewußt in jenen Zwiespalt hinein, in den eigentlich alle modernen gebildeten Gemüter hineinkommen, aber unbewußt, weil sie sich Illusionen darüber machen, weil sie einen Nebel darüber breiten. Er kommt zu einer Stimmung, die ich etwa im folgenden charakterisieren möchte.

[ 9 ] If you keep this in mind, you will be able to understand what follows. I would like to begin by speaking of the Nietzsche who was furthest removed from Blavatsky. In Nietzsche, we find a man who grew up in a Central European Protestant parsonage—the son not only of devout people in the modern sense, but the son of a practicing pastor. He undergoes a modern education, initially as a college student. But since he is not what Schiller calls a “scholar for a living,” but rather a philosophical mind—as you know, Schiller sharply emphasized the difference between the philosophical mind and the scholar for a living in his inaugural address—his interests expand to encompass everything that can be understood through contemporary methods. Now he enters—but in a radical way—consciously into that conflict that all modern, educated minds actually find themselves in, though unconsciously, because they harbor illusions about it, because they shroud it in a fog. He arrives at a state of mind that I would like to characterize roughly as follows:

[ 10 ] Er sagt: Da haben wir nun eine moderne Bildung. Diese moderne Bildung arbeitet nirgends in gerader Linie, ohne einen Abgrund zu überspringen, zu einer Charakteristik des Christus Jesus hinüber. Nun stellt sich hinein in das, was die moderne Bildung geworden ist, das, was als Christentum geblieben ist, das in Worten spricht, die gar kein Verhältnis mehr haben zu den verschiedenen Formulierungen, Charakterisierungen, welche von der modernen Wissenschaft herkommen. Fr sagt sich zunächst scharf: Soll man irgendwie ein Verhältnis gewinnen zur modernen Wissenschaft und dann noch in irgendeiner Weise innerlich nachfühlen dasjenige, was traditionell über den Christus gesagt wird, dann muß man lügen. So sagt er sich. Und nun entscheidet er sich. Er entscheidet sich für die moderne Bildung und kommt dadurch zu einer ganz radikalen Anklage dessen, was er nun vom Christentum kennt.

[ 10 ] He says: So here we have modern education. Nowhere does this modern education proceed in a straight line, without leaping across an abyss, toward a characterization of Christ Jesus. Now, within what modern education has become, there stands what remains of Christianity—which speaks in words that bear no relation whatsoever to the various formulations and characterizations derived from modern science. Fr. tells himself bluntly at first: If one is to somehow establish a relationship with modern science and then still, in any way, inwardly empathize with what is traditionally said about Christ, then one must lie. That is what he tells himself. And now he makes a decision. He chooses modern education and thereby arrives at a completely radical indictment of what he now knows of Christianity.

[ 11 ] Schärfere Worte sind ja niemals über das Christentum gesprochen worden, als sie Nietzsche gesprochen hat, der Pastorssohn. Und er empfindet das, ich möchte sagen, wirklich mit seinem ganzen Menschen. Man braucht nur ein solches Wort von ihm zu nehmen - ich zitiere nur, ich vertrete selbstverständlich nicht dasjenige, was Nietzsche gesagt hat, sondern ich zitiere es —, wo er sagt: Dasjenige, was ein moderner Theologe für wahr hält, ist sicher falsch. Ja, man kann geradezu ein Kriterrum der Wahrheit daraus machen: Man erkennt, im Sinne von Nietzsche, was falsch ist, wenn ein moderner Theologe das wahr nennt. Das ist ungefähr seine Definition, eine seiner Definitionen über Wahrheit. Und er findet, daß die ganze moderne Philosophie zu viel Theologenblut im Leibe hat. Er formuliert dann diese ungeheure Anklage gegen das Christentum, die natürlich eine Blasphemie ist, aber die eben eine ehrliche Blasphemie ist, und die deshalb immerhin berücksichtigenswerter ist als die Verlogenheiten, die auf diesem Gebiete heute so vielfach getrieben werden. Das muß man nur festhalten, daß es sich darum handelt, daß eine solche Persönlichkeit wie Nietzsche, die einmal mit dem Begreifenwollen des Mysteriums von Golgatha Ernst machte, das eben mit den Mitteln, die vorhanden sind, auch mit den Evangelien, so wie sie da sind, nicht konnte.

[ 11 ] No harsher words have ever been spoken about Christianity than those spoken by Nietzsche, the pastor’s son. And he feels this, I would say, truly with his whole being. One need only take a single statement of his—I am merely quoting; of course, I do not endorse what Nietzsche said, but I am quoting it—where he says: “Whatever a modern theologian holds to be true is certainly false.” Yes, one can practically make a criterion of truth out of this: In Nietzsche’s sense, one recognizes what is false when a modern theologian calls it true. That is roughly his definition—one of his definitions—of truth. And he believes that all of modern philosophy has too much “theological blood” in its veins. He then formulates this tremendous indictment against Christianity, which is, of course, blasphemy, but it is an honest blasphemy, and is therefore at least more worthy of consideration than the hypocrisy so prevalent in this field today. One must simply note that the point is that a figure like Nietzsche, who once seriously set out to understand the mystery of Golgotha, was simply unable to do so with the means at his disposal—including the Gospels, just as they are.

[ 12 ] Wir haben innerhalb unserer Anthroposophie nun über alle vier Evangelien Interpretationen. Was durch diese Interpretationen die Evangelien werden, das lehnen die Theologen aller Bekenntnisse ganz entschieden ab. Das hatte aber Nietzsche nocht nicht. Es ist das Allerschwierigste für einen wissenschaftlichen Geist — und fast sind alle Menschen heute schon, wenn auch in primitiver Weise, in diesem Sinne wissenschaftliche Geister —-, das Mysterium von Golgatha zu erobern. Denn was ist dazu notwendig? Gerade um das Mysterium von Golgatha zu erobern, ist notwendig nicht eine Erneuerung des alten Mysterienwesens, sondern das Auffinden eines ganz neuen Mysterienwesens. Das Auffinden der geistigen Welt in völlig neuer Form, das ist nötig. Denn mit den alten Mysterien, einschließlich der Gnosis, konnte man eben über das Mysterium von Golgatha nur noch stammeln. Man begriff es stammelnd. Und man muß dieses Stammeln heute zum Sprechen bringen.

[ 12 ] Within our anthroposophy, we now have interpretations of all four Gospels. Theologians of all denominations categorically reject what these interpretations make of the Gospels. But Nietzsche did not yet have that. The most difficult thing for a scientific mind—and almost all people today are already, albeit in a primitive way, scientific minds in this sense—is to grasp the mystery of Golgotha. For what is necessary for this? Precisely in order to grasp the Mystery of Golgotha, what is necessary is not a renewal of the old mystery tradition, but the discovery of an entirely new mystery tradition. The discovery of the spiritual world in a completely new form—that is what is needed. For with the old mysteries, including Gnosticism, one could only stammer about the Mystery of Golgotha. People understood it only in a stammering way. And today we must turn this stammering into articulate speech.

[ 13 ] Diesen Drang, das alte Stammeln zum Sprechen zu bringen, das hatten eben die vielen heimatlosen Seelen, von denen ich in diesen Betrachtungen spreche. Nietzsche brachte es eben zu einer radikal formulierten, nicht nur Absage, sondern furchtbaren Anklage des Christentums. Blavatsky bekam ja ihre Anregung im Grunde genommen auch von dem alten Mysterienwesen. Wenn man die ganze «Geheimlehre» der Blavatsky nimmt, muß man darinnen eigentlich etwas wie eine Auferstehung der alten Mysterien sehen, im Grunde nichts Neues. Das Wichtigste, was bei Blavatsky in ihren Werken zutage tritt, ist eben Auferstehung der alten Mysterien, Auferstehung jener Erkenntnisse, durch die in den alten Mysterien das Göttlich-Geistige erkannt worden ist.

[ 13 ] This urge to give voice to the ancient stammering was precisely what drove the many homeless souls I speak of in these reflections. Nietzsche, for his part, took it to the extreme, formulating not merely a rejection but a terrible indictment of Christianity. Blavatsky, too, drew her inspiration, in essence, from the ancient mystery traditions. If one considers Blavatsky’s entire “Esoteric Doctrine,” one must actually see in it something like a resurrection of the ancient mysteries—essentially, nothing new. The most important thing that emerges in Blavatsky’s works is precisely this resurrection of the ancient mysteries—the resurrection of those insights through which the divine-spiritual was recognized in the ancient mysteries.

[ 14 ] Aber alle diese Mysterien können nur das begreifen, was Vorbereitung für den Christus ist. Diejenigen, die noch zur Zeit der Entstehung des Christentums in einer gewissen Weise mit den Impulsen der alten Mysterien vertraut waren, konnten sich positiv dem Ereignis von Golgatha gegenüberstellen. So daß bis ins 4. Jahrhundert eben Leute sich noch positiv dem Ereignis von Golgatha gegenüberstellen konnten. Man begriff im wirklichen Sinne die griechischen Kirchenväter noch, wie sie überall Zusammenhänge haben mit den alten Mysterien, wie sie, richtig verstanden, aus einem ganz anderen Ton heraus reden als die späteren lateinischen Kirchenväter.

[ 14 ] But all these mysteries can only grasp what serves as a preparation for Christ. Those who, even at the time of Christianity’s emergence, were in a certain sense familiar with the impulses of the ancient mysteries were able to relate positively to the event at Golgotha. Thus, well into the 4th century, people were still able to relate positively to the event at Golgotha. People truly understood the Greek Church Fathers—how they were connected in every way to the ancient mysteries, and how, when properly understood, they spoke in a completely different tone than the later Latin Church Fathers.

[ 15 ] Innerhalb desjenigen, was der Blavatsky aufging, war eben jene alte Weisheit enthalten, die Natur und Geist in einem schaute. Und so wie, ich möchte sagen, eine Seele vor dem Mysterium von Golgatha Natur und Geist geschaut hat, so schaute auch wiederum Blavatsky. Da, sagte sie sich, kommt man zum Göttlich-Geistigen, da eröffnet sich dem Menschen der Ausblick in das Göttlich-Geistige. Von da aus wendete sie dann den Blick auf dasjenige, was die moderne Tradition und die modernen Bekenntnisse von dem Christus Jesus sagen. Natürlich, die Evangelien, die konnte sie nicht so verstehen, wie sie in der Anthroposophie verstanden werden, und dasjenige Verständnis, das von woanders herkam, war nicht geeignet, heranzureichen an das, was Blavatsky an Geist-Erkenntnis bringen konnte. Daher ihre Verachtung für dasjenige, was in der Welt draußen über das Mysterium von Golgatha gesagt wurde. Sie sagte sich etwa: Was die Leute alle über das Mysterium von Golgatha sagen, das steht auf einem viel niedrigeren Niveau als all die majestätische Weisheit, welche die alten Mysterien gebracht haben. Also der Christengott steht auf einem niedrigeren Niveau als dasjenige, was alte Mysterien gehabt haben.

[ 15 ] What Blavatsky came to realize contained precisely that ancient wisdom that viewed nature and spirit as one. And just as, I would say, a soul beheld nature and spirit before the Mystery of Golgotha, so too did Blavatsky. There, she told herself, one arrives at the divine-spiritual; there, the view into the divine-spiritual opens up to the human being. From there, she then turned her gaze to what modern tradition and modern creeds say about Christ Jesus. Of course, she could not understand the Gospels in the way they are understood in anthroposophy, and the understanding that came from elsewhere was not sufficient to measure up to what Blavatsky was able to contribute in terms of spiritual insight. Hence her contempt for what was said in the outside world about the Mystery of Golgotha. She told herself, for example: What people say about the Mystery of Golgotha is on a much lower level than all the majestic wisdom brought by the ancient mysteries. So the Christian God stands on a lower level than what the ancient mysteries possessed.

[ 16 ] Es war nicht die Schuld des Christengottes, es war aber die Schuld der Interpretierungen des Christengottes. Blavatsky kannte eben das Wesen des Mysteriums von Golgatha nicht, sondern konnte es auch nur beurteilen nach dem, was man darüber sagen konnte. Auf diese Dinge muß man durchaus mit aller Objektivität hinschauen. Denn est ist ja, nachdem im 4. nachchristlichen Jahrhundert eigentlich das alte Mysterienwesen mit den letzten Resten des Griechentums seiner Abendröte zuneigte, das Christentum von dem Römertum aufgenommen worden. Das Römertum war außerstande, aus seiner äußerlichen Bildung heraus einen wirklichen Weg zum Geiste zu eröffnen. Das Römertum zwang dem Christentum eben ein äußerliches Moment auf. Und das romanisierte Christentum, das ist dasjenige, das im Grunde genommen Nietzsche und Blavatsky allein kannten.

[ 16 ] It was not the fault of the Christian God, but rather the fault of the interpretations of the Christian God. Blavatsky simply did not know the essence of the Mystery of Golgotha; she could only judge it based on what could be said about it. One must certainly view these matters with the utmost objectivity. For it is a fact that, after the ancient mystery traditions—along with the last remnants of Hellenism—had begun to fade in the 4th century A.D., Christianity was adopted by Roman culture. Roman culture was incapable of opening a true path to the spirit from within its external structure. Roman culture simply imposed an external aspect on Christianity. And Romanized Christianity—that is the form that, in essence, only Nietzsche and Blavatsky knew.

[ 17 ] So muß man verstehen, daß, weil es den Seelen, die ich als heimatlose Seelen bezeichnete, in denen frühere Erdenleben aufleuchten, vorzugsweise darum zu tun war, einen Weg in die geistige Welt hinein wiederzufinden, sie zunächst dasjenige nahmen, was sich ihnen gab. Sie wollten nur in die geistige Welt hinein, selbst auf die Gefahr hin, daß ihnen damit kein Christentum gegeben war. Einen Zusammenhang der Seele mit dem Geiste wollten die Menschen. So traf man diejenigen Menschen, die zunächst ihren Weg in die Theosophische Gesellschaft suchten.

[ 17 ] Thus, one must understand that, because the souls I referred to as “homeless souls”—in whom past earthly lives shine through—were primarily concerned with finding their way back into the spiritual world, they initially accepted whatever presented itself to them. They simply wanted to enter the spiritual world, even at the risk of not being given Christianity. People sought a connection between the soul and the spirit. Thus, one encountered those people who initially sought their way into the Theosophical Society.

[ 18 ] Nun muß man sich nur klar darüber sein, welche Stellung die auftretende Anthroposophie diesen Menschen, diesen heimatlosen Seelen gegenüber hatte. Nicht wahr, das waren suchende Seelen, das waren fragende Seelen. Und zunächst handelte es sich darum, zu erkennen: Was fragen diese Seelen, welche Fragen leben ihnen in ihrem tiefsten Inneren? — Und wenn nun von anthroposophischer Seite aus zu diesen Seelen gesprochen worden ist, so war es deshalb, weil diese Seelen Fragen hatten über die Dinge, auf welche Anthroposophie glaubte antworten zu können. Die anderen Menschen der Gegenwart haben ja keine Fragen, ihnen fehlen die Fragen.

[ 18 ] Now one must simply be clear about the stance that emerging anthroposophy took toward these people, these homeless souls. Were they not searching souls, inquiring souls? And the first step was to recognize: What are these souls asking; what questions live within them in their deepest innermost being? — And when the anthroposophical side addressed these souls, it was because these souls had questions about matters to which anthroposophy believed it could provide answers. The other people of the present, after all, have no questions; they lack the questions.

[ 19 ] Anthroposophie hatte also gar nicht die Aufgabe, unter den Theosophen Erkenntnis zu suchen. Für sie war es zunächst eine " wichtige Tatsache, was mit der Erscheinung der Blavatsky in die Welt getreten ist. Aber dasjenige, was sie zu beobachten hatte, war nicht die Erkenntnis, die von jener Seite kam, sondern es war im wesentlichen die Notwendigkeit, die Fragen, die Rätselfragen kennenzulernen, die in einer Anzahl von Seelen waren.

[ 19 ] Anthroposophy, then, had no task whatsoever of seeking knowledge among the Theosophists. For it, the first “important fact” was what had entered the world with the appearance of Blavatsky. But what it had to observe was not the knowledge that came from that side, but rather, essentially, the need to become acquainted with the questions—the enigmatic questions—that existed within a number of souls.

[ 20 ] Man hätte, wenn man dazumal überhaupt die Möglichkeit gehabt hätte, die Sache klar auszudrücken, sagen können: Um dasjenige, was von den Führern der Theosophischen Gesellschaft den Menschen gegeben worden ist, braucht man sich gar nicht zu kümmern, aber um das muß man sich kümmern, was die Seelen fragen, was sie wissen wollen. Deshalb waren dennoch diese Menschen eben zunächst die richtigen Menschen für die Anthroposophie.

[ 20 ] If one had even had the opportunity back then to express the matter clearly, one could have said: There is no need to concern oneself at all with what the leaders of the Theosophical Society have given to people, but one must concern oneself with what the souls are asking, what they want to know. That is why, nevertheless, these people were, at first, precisely the right people for anthroposophy.

[ 21 ] In welcher Formulierung mußten die Antworten erfließen? Nun, nehmen Sie die Sache so positiv, so tatsächlich als möglich. Da waren diese fragenden Seelen. Ihre Fragen konnte man erkennen. Sie hatten den Glauben, daß sie durch so etwas Antwort bekommen auf ihre Fragen, wie es zum Beispiel Annie Besants Buch «Uralte Weisheit» enthält. Nun werden Sie sich sehr leicht sagen können: Es wäre selbstverständlich töricht gewesen, den Leuten zu sagen, das oder jenes ist in dem Buch «Uralte Weisheit» für die neuere Zeit nicht mehr geeignet, denn da hätte man ja diesen Seelen nichts geboten, sondern ihnen nur etwas weggenommen. Es konnte sich nur darum handeln, ihre Fragen wirklich zu beantworten, während sie von der anderen Seite keine reinliche Antwort bekamen. Die wirkliche Beantwortung wurde nun so eingeleitet, daß, während zunächst die «Uralte Weisheit» sozusagen ein dogmatisches Buch unter diesen Menschen war, ich mich wenig um die «Uralte Weisheit» kümmerte, sondern mein Buch «Theosophie» schrieb und Antwort auf die Fragen gab, von denen ich wußte, daß sie gestellt werden. Das war die positive Antwort. Und weiter brauchte man nicht zu gehen. Man mußte den Leuten nun völlig die Freiheit lassen: Wollt ihr weiter die «Uralte Weisheit» in die Hand nehmen, oder wollt ihr die «Theosophie» in die Hand nehmen.

[ 21 ] How were the answers supposed to be phrased? Well, look at the matter as positively, as realistically as possible. There were these inquiring souls. Their questions were evident. They believed that they would receive answers to their questions through something like what is contained, for example, in Annie Besant’s book *Ancient Wisdom*. Now you can very easily see for yourself: It would, of course, have been foolish to tell people that this or that in the book *Ancient Wisdom* is no longer suitable for modern times, because then one would not have offered these souls anything, but only taken something away from them. The only option was to truly answer their questions, since they were not receiving a clear answer from the other side. The real answer was introduced in such a way that, while at first *Ancient Wisdom* was, so to speak, a dogmatic book among these people, I paid little attention to *Ancient Wisdom* but wrote my book *Theosophy* and provided answers to the questions I knew would be asked. That was the positive answer. And there was no need to go any further. One now had to give people complete freedom: Do you want to continue to take up “Ancient Wisdom,” or do you want to take up “Theosophy”?

[ 22 ] In weltgeschichtlichen Zeitaltern, in denen sich Wichtiges entscheiden muß, können die Dinge nicht so rationalistisch geradlinig liegen, wie man sich gewöhnlich vorstellt. So fand ich es denn durchaus begreiflich, daß, als Theosophen bei meinem damaligen Vortragszyklus über Anthroposophie bei der Begründung der deutschen Sektion erschienen waren, diese Theosophen gesagt haben, worauf ich Sie ja in diesen Betrachtungen schon aufmerksam gemacht habe: Ja, aber das stimmt ganz und gar nicht überein mit dem, was Mrs. Besant sagt.

[ 22 ] In periods of world history when important decisions must be made, things cannot be as rationally straightforward as one usually has in their mental image. So I found it entirely understandable that, when Theosophists appeared at the founding of the German Section during my lecture series on anthroposophy at that time, these Theosophists said—as I have already pointed out to you in these reflections—‘Yes, but that does not correspond at all with what Mrs. Besant says.’

[ 23 ] Selbstverständlich stimmte es nicht, konnte auch nicht stimmen, denn es sollte aus dem, was aus dem Bewußtsein, aus dem vertieften Bewußtsein der Gegenwart heraus gegeben werden kann, die Antwort sich finden. Und so ist es schon geworden, wenn ich zunächst, ich möchte sagen, mehr die großen Fäden charakterisieren will, daß zunächst etwa bis zum Jahre 1907 jeder Schritt für die Anthroposophie erobert werden mußte gegen die Tradition der Theosophischen Gesellschaft. Man konnte zunächst nur an die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft die Dinge heranbringen. Jeder Schritt mußte erobert werden. Polemisches hätte dazumal gar keinen Sinn gehabt, sondern einzig und allein das Hoffen, das Bauen auf die Selektion.

[ 23 ] Of course, it was not true—nor could it be—because the answer was to be found in what could be given from consciousness, from a deepened awareness of the present. And that is indeed how it turned out; if I may first—I would say—outline the major threads, then up until about 1907, every step for anthroposophy had to be won against the tradition of the Theosophical Society. At first, it was only possible to present these ideas to the members of the Theosophical Society. Every step had to be won. Polemics would have made no sense at all back then; rather, the only way forward was hope and building upon the process of selection.

[ 24 ] Die Dinge trugen sich durchaus nicht ohne innere Hemmungen zu. Jedes mußte an seiner richtigen Stelle, wenigstens nach meiner Meinung, richtig getan werden. Ich habe, wie ich glaube, in meiner «Theosophie» keinen Schritt über dasjenige hinaus getan, was dazumal für eine Anzahl von Menschen zu veröffentlichen möglich war. Die Verbreitung, die mittlerweile das Buch gefunden hat, zeigt ja, daß das eine richtige Voraussetzung war. So weit konnte man gehen.

[ 24 ] Things did not unfold without some inner reservations. Everything had to be done correctly in its proper place—at least in my opinion. I believe that in my *Theosophy* I did not go a single step beyond what was possible to publish for a number of people at that time. The circulation the book has since achieved shows that this was indeed a correct assumption. That was as far as one could go.

[ 25 ] Unter denen, die intensiver suchten, die also in die Strömung, die durch Blavatsky angeregt worden war, hineingekommen waren, konnte man weiter gehen. Da mußte man den Anfang damit machen, nun weiter zu gehen. Da könnte ich Ihnen die einzelnen Beispiele alle charakterisieren. Ich will aber nur eines herausgreifen, wie der Versuch gemacht worden ist, Schritt für Schritt aus dem schlecht Traditionellen in das richtig Gegenwärtige, in das unmittelbar gegenwärtig Erforschte hineinzukommen.

[ 25 ] Among those who sought more intensely—that is, those who had become part of the movement inspired by Blavatsky—it was possible to go further. There, one had to begin by taking the next step. I could describe each of these individual examples to you. But I want to single out just one—how the attempt was made, step by step, to move from what was wrongly traditional into what is truly contemporary, into what is being explored in the immediate present.

[ 26 ] Da war die Schilderung in der Theosophischen Gesellschaft üblich, wie der Mensch das, was man Kamaloka nannte, nach dem Tode durchmacht. Diese Schilderung, wie sie bei den führenden Persönlichkeiten der Theosophischen Gesellschaft gegeben worden ist, konnte in meinem Buche «Theosophie» nur dadurch umgangen werden, daß ich zunächst mit dem Zeitbegriff dort nicht gerechnet habe. Aber innerhalb der Kreise der Gesellschaft wollte ich mit dem richtigen Zeitbegriff rechnen.

[ 26 ] It was customary within the Theosophical Society to describe what a person experiences after death in what was called Kamaloka. This description, as presented by the leading figures of the Theosophical Society, could only be avoided in my book *Theosophy* by initially disregarding the concept of time in that context. But within the circles of the Society, I wanted to take the correct concept of time into account.

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[ 27 ] So kam es, daß ich innerhalb der damaligen holländischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft in verschiedenen Städten Vorträge hielt über das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und da zum ersten Mal, ganz im Anfange meines Wirkens, aufmerksam darauf gemacht habe, daß es ja ein Unsinn ist, so ohne weiteres vorzustellen, daß, wenn dies das Erdenleben von der Geburt bis zum Tode ist, dann Kamaloka so durchgemacht wird, als ob im Bewußtsein sich einfach ein Stück anstückelte (siehe Zeichnung, oben).

[ 27 ] And so it came to pass that, within what was then the Dutch section of the Theosophical Society, I gave lectures in various cities on life between death and a new birth, and there, for the first time—right at the very beginning of my work—I pointed out that it is, after all, nonsense to simply create a mental image of what this is—earthly life from birth to death—and assume that, if Kamaloka is experienced as if a piece were simply added to one’s consciousness, then Kamaloka is experienced as if a piece were simply added to one’s consciousness (see illustration above).

[ 28 ] Ich habe gezeigt, daß da die Zeit rückwärts vorgestellt werden muß, und ich schilderte, wie das Kamaloka-Leben ein Rückwärtsleben ist, Etappe für Etappe, nur dreimal so schnell als das gewöhnliche Erdenleben oder als das auf der Erde zugebrachte Leben.

[ 28 ] I have shown that a mental image of time must be of it flowing backward there, and I described how life in Kamaloka is a life lived in reverse, stage by stage, only three times as fast as ordinary life on Earth or as life spent on Earth.

[ 29 ] Im äußeren Leben hat ja heute natürlich kein Mensch eine Vorstellung davon, daß dieses Rückwärtsverlaufen eine Realität ist, eine Realität im geistigen Gebiete, denn die Zeit wird einfach als eine gerade Linie vom Anfang zum Ende vorgestellt, und von einem Rückwärtsverlaufen haben die Leute heute gar keinen Begriff.

[ 29 ] In everyday life today, of course, no one has any mental image of the fact that this backward progression is a reality—a reality in the spiritual realm—because time is simply conceived as a straight line from beginning to end, and people today have absolutely no concept of a backward progression.

[ 30 ] Nun gab man unter den Führern der Theosophischen Gesellschaft vor, die alte Weisheitslehre zu erneuern. Man knüpfte an Blavatskys Buch an. Es erschienen in Anknüpfung an Blavatskys Buch allerlei Schriften. Aber da wurde alles so vorgestellt, wie die Dinge ganz im Sinne der materialistischen Weltanschauung der neueren Zeit vorgestellt werden. Warum? Weil man wieder hätte erkennen müssen, nicht bloß alte Erkenntnis wieder erneuern müssen, wenn man auf das Richtige hätte kommen wollen. Es wurden immer die alten Sachen zitiert. Auch das Rad der Geburten von Buddha und von der alten orientalischen Weisheit wurde immer zitiert. Aber daß ein Rad nicht so ist, daß man eine gerade Linie als Rad zeichnen kann, das berücksichtigen die Leute nicht, und daß man ein Rad nur zeichnen kann, wenn es zurück in sich selber verläuft (siehe Zeichnung). Es war kein Leben in dieser Wiederbelebung der alten Weisheit, weil eben nicht eine unmittelbare Erkenntnis da war. Kurz, es war nötig, daß durch unmittelbare Erkenntnis etwas geschaffen würde, was dann auch die uralte Weisheit beleuchten könnte.

[ 30 ] Now, the leaders of the Theosophical Society claimed to be reviving the ancient teachings of wisdom. They built upon Blavatsky’s book. All sorts of writings appeared in connection with Blavatsky’s book. But everything was presented in a way that was entirely in line with the materialistic worldview of modern times. Why? Because if they had wanted to arrive at the truth, they would have had to recognize it anew—not merely revive old knowledge. The old ideas were always cited. The Wheel of Births of the Buddha and of ancient Eastern wisdom was also constantly cited. But people do not take into account that a wheel is not such that one can draw a straight line as a wheel, and that one can only draw a wheel if it curves back upon itself (see drawing). There was no life in this revival of ancient wisdom, precisely because there was no direct insight. In short, it was necessary for something to be created through direct insight that could then also shed light on the ancient wisdom.

[ 31 ] So ergab sich gerade in den ersten sieben Jahren des anthroposophischen Wirkens eigentlich dies, daß da auch Leute waren — nun ja, denen es ganz recht war, daß, wie sie es nannten, nicht eine Erneuerung auf theosophischem Feld da war. Sie sagten: Das, was da . gesagt wird, unterscheidet sich nicht von dem anderen; die Unterschiede sind unwesentlich. Da wurden sie wegdisputiert. Aber was dazumal gleich im Beginne des Wirkens innerhalb der holländischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft von mir sozusagen dadurch angerichtet worden ist, daß ich nun aus dem Lebendigen heraus diese Vorträge gehalten habe, nicht einfach dogmatisch nachgesprochen habe, wie es die übrigen taten, das, was in den Dogmenbüchern der Theosophischen Gesellschaft stand, das wurde niemals vergessen. Niemals wurde es vergessen. Es müssen diejenigen, die vielleicht sich an jene Zeiten unserer Entwickelung erinnern, nur zurückdenken, wie da im Jahre 1907, als in München der Kongreß stattfand, wo wir ja noch innerhalb des Schoßes der Theosophischen Gesellschaft waren, die holländischen Theosophen ganz geladen gekommen sind und furchtbar wild darüber waren, daß sich ein Fremdkörper, wie sie es empfanden, hineinschob. Sie spürten nicht, daß ein lebendiges Gegenwärtiges sich gegen ein bloß Traditionelles stellte, sondern sie empfanden das eben als einen Fremdkörper.

[ 31 ] So, especially during the first seven years of anthroposophical work, what actually happened was that there were also people—well, who were quite content that, as they put it, there was no renewal in the field of theosophy. They said: “What is being said there is no different from the rest; the differences are insignificant.” So they were talked out of it. But what I brought about, so to speak, right at the beginning of the work within the Dutch Section of the Theosophical Society—by delivering these lectures from a living source, rather than simply parroting dogmatically, as the others did, what was written in the Theosophical Society’s dogmatic texts—that was never forgotten. It was never forgotten. Those who may recall those early days of our development need only think back to the year 1907, when the congress took place in Munich—at a time when we were still within the fold of the Theosophical Society—and the Dutch Theosophists arrived in a state of great agitation, furious that what they perceived as a foreign element had intruded. They did not sense that a living, present force was standing in opposition to something merely traditional; rather, they simply perceived it as a foreign element.

[ 32 ] Aber etwas anderes mußte damals schon eintreten. Damals fand schon jenes Gespräch zwischen Frau Besant und mir in München statt, worinnen festgestellt worden ist, daß dasjenige, was ich zu vertreten habe, als Anthroposophie zu vertreten habe, völlig selbständig wirken wird, ohne Rücksicht auf irgend etwas, was innerhalb der Theosophischen Gesellschaft sonst sich geltend macht. Das wurde dazumal, ich möchte sagen, als ein Modus, unter dem man leben konnte, festgestellt.

[ 32 ] But something else was bound to happen even back then. At that time, the conversation between Mrs. Besant and me had already taken place in Munich, during which it was established that what I represent—namely, anthroposophy—would operate completely independently, without regard to anything else that might otherwise assert itself within the Theosophical Society. At the time, I would say, this was established as a way of life.

[ 33 ] Allerdings, schon dazumal dämmerten auf dem Horizont der Theosophischen Gesellschaft jene Absurditäten herauf, durch die sie sich dann zugrunde gerichtet hat. Denn heute kann man sagen, daß, wenn sie auch noch viele eingeschriebene Mitglieder hat, sie sich als eine geistige Bewegung tragende Gesellschaft zugrunde gerichtet hat. Nicht wahr, die Dinge leben als Leichnam noch lange fort, nachdem sie sich zugrunde gerichtet haben. Aber dasjenige, was Theosophische Gesellschaft war, lebt heute eben nicht mehr.

[ 33 ] However, even back then, those absurdities that would eventually lead to the Theosophical Society’s downfall were already looming on the horizon. For today one can say that, even though it still has many registered members, it has destroyed itself as a society dedicated to a spiritual movement. Isn’t it true that things continue to exist as a corpse long after they have destroyed themselves? But what the Theosophical Society once was no longer exists today.

[ 34 ] Man muß sich nur darüber ganz klar sein: In der Zeit, in der Anthroposophie zu wirken begann, war die Theosophische Gesellschaft voll von einer, wenn auch traditionellen, so doch begründeten und inhaltreichen Geistigkeit. Dasjenige, was durch Blavatsky in die Welt gekommen ist, war eben da, und man lebte eigentlich in dem, was durch Blavatsky in die Welt gekommen ist.

[ 34 ] One must simply be very clear about this: At the time when anthroposophy began to take effect, the Theosophical Society was imbued with a spirituality that, while traditional, was nonetheless well-founded and rich in content. What Blavatsky brought into the world was right there, and people were actually living within what Blavatsky had brought into the world.

[ 35 ] Nun war aber Blavatsky bereits ein Jahrzehnt tot für das irdische Leben. Man kann nur sagen: Die Stimmung innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, dasjenige, was als Fortsetzung des Blavatskyschen Wirkens da war, war etwas kulturgeschichtlich durchaus Festes, etwas, was den Leuten durchaus etwas geben konnte. Aber es ‘waren eben doch schon dazumal gewisse Keime des Verfalls da. Nur war die Frage, ob nicht etwa diese Keime des Verfalls überwunden werden konnten, oder ob sie zu einer Art von völliger Disharmonie zwischen der Anthroposophie und der alten 'Theosophischen Gesellschaft führen mußten.

[ 35 ] But Blavatsky had already been dead for a decade. One can only say: The atmosphere within the Theosophical Society—that which served as a continuation of Blavatsky’s work—was something quite solid in terms of cultural history, something that could truly offer people something. But ‘even back then, certain seeds of decay were already present. The question was simply whether these seeds of decay could be overcome, or whether they were bound to lead to a kind of complete disharmony between Anthroposophy and the old “Theosophical Society.”

[ 36 ] Nun muß man sagen, daß eine von den Strömungen, die da innerhalb der theosophischen Bewegung schon seit Blavatskys Zeiten her waren, eigentlich ein furchtbar stark zersetzendes Element war. Man muß einfach trennen, wenn man die Sache so betrachten will, wie ich es jetzt tue, dasjenige, was durch die Blavatsky als geistiger Inhalt in das moderne Leben hineingeworfen worden ist, von dem, was bewirkt worden ist durch die Art, wie Blavatsky angeregt wurde, aus sich heraus in der charakterisierten Weise dann diesen Inhalt zu geben. Denn zunächst lag in Blavatsky eine Persönlichkeit vor, die eben so war, wie ich sie Ihnen in den letzten Tagen beschrieben habe; die einfach, wenn sie sozusagen einen Einschlag bekam von irgendeiner Seite her, meinetwillen durch Verrat, in der Weise, wie ich es gesagt habe, dann doch aus sich selbst heraus — wie in der Erinnerung an eine frühere Lebensverkörperung auf Erden, und wenn auch nur als Wiedererweckung des Alten — geschaffen, und der Menschheit Weisheit in Buchform überliefert hat. Diese zweite Tatsache muß man voll trennen von der ersten, denn durch diese zweite Tatsache, daß Blavatsky auf eine besondere Art angeregt worden ist zu dem, was sie getan hat, kamen Elemente in diese theosophische Bewegung hinein, die nun nicht mehr so waren, wie sie hätten sein müssen, wenn die theosophische Bewegung eine rein geistige Bewegung hätte werden sollen.

[ 36 ] Now it must be said that one of the currents that had existed within the Theosophical Movement since Blavatsky’s time was, in fact, a terribly corrosive element. If one wishes to view the matter as I am doing now, one must simply distinguish between what Blavatsky introduced into modern life as spiritual content and what was brought about by the way in which Blavatsky was inspired to then convey this content in the manner I have described. For, to begin with, Blavatsky was a personality who was exactly as I have described her to you in recent days; who, simply when she was, so to speak, influenced from some quarter—say, through betrayal, as I have described—nonetheless created from within herself—as if recalling a previous incarnation on Earth, even if only as a revival of the old—and bequeathed wisdom to humanity in book form. This second fact must be kept entirely separate from the first, for through this second fact—that Blavatsky was inspired in a particular way to do what she did—elements entered this Theosophical Movement that were no longer what they should have been had the Theosophical Movement been intended to become a purely spiritual movement.

[ 37 ] Das war sie nämlich nicht. Denn die Sache war doch so, daß Blavatsky zunächst von einer Seite her, über die ich nicht weiter sprechen will, eine Anregung bekommen hat, und dann dasjenige aus sich herausgesetzt hat, was in der «Entschleierten Isis» steht. Dann ist durch allerlei Machinationen das zustande gekommen, daß Blavatsky von orientalischen Geheimlehrern eine zweite Beeinflussung erlitten hat, und hinter denen steckte eine kulturpolitische Tendenz egoistischer Art. Es steckte von allem Anfang an eine Ostpolitik einseitiger Art in dem, was man nun auf dem Umwege durch Blavatsky erreichen wollte. Da steckte darinnen die Tendenz, dem materialistischen Abendlande zu zeigen, wie viel mehr wert die geistige Erkenntnis des Morgenlandes ist als der Materialismus des Abendlandes. Es steckte darinnen die Tendenz, eine Art zunächst geistigen, aber dann im weiteren Sinne überhaupt eine Art Imperium des Orients über das Abendland zu gewinnen, indem man zunächst der Geistigkeit des Abendlandes, oder meinetwillen der Ungeistigkeit des Abendlandes, morgenländische Weisheit überlieferte. Daher wurde, ich möchte sagen, jene Drehung vollzogen vom ganz Europäischen in der «Entschleierten Isis» zu dem ganz Orientalischen in der Blavatskyschen «Geheimlehre».

[ 37 ] That was not the case. For the truth of the matter was that Blavatsky first received inspiration from a source—which I do not wish to discuss further—and then produced on her own what is contained in *Isis Unveiled*. Then, through all sorts of machinations, it came to pass that Blavatsky came under a second influence from Eastern secret teachers, behind whom lay a cultural-political tendency of a self-serving nature. From the very beginning, there was a one-sided “Eastern policy” embedded in what people now sought to achieve indirectly through Blavatsky. Therein lay the tendency to show the materialistic West just how much more valuable the spiritual knowledge of the East is than the materialism of the West. There was a tendency to establish a kind of empire—initially spiritual, but later, in a broader sense, an empire of the East over the West—by first imparting Eastern wisdom to the spirituality of the West, or, if you will, to the lack of spirituality in the West. Hence, I would say, that shift took place from the thoroughly European perspective in *Isis Unveiled* to the thoroughly Oriental one in Blavatsky’s *The Secret Doctrine*.

[ 38 ] Es wirkten da die verschiedensten Faktoren mit. Aber einer dieser Faktoren war eben der, welcher Indien an Asien anschließen wollte, um ein asiatisch-indisches Imperium mit Hilfe des russischen Reiches zu schaffen. Und so bekam diese Lehre den indischen Einschlag, um auf diese Weise geistig das Abendland zu besiegen. Sehen Sie, das ist ein einseitig egoistischer, national-egoistischer Einschlag. Der lag von allem Anfange an darinnen, trat einem symptomatisch bedeutsam entgegen. Der erste Vortrag, den ich von Annie Besant gehört habe, handelte über Theosophie und Imperialismus. Und wenn man sich die Frage beantworten wollte: Liegt der eigentliche Grundimpuls dieses Vortrages in der Fortsetzung des eigentlich Geistigen bei der Blavatsky, oder liegt der Grundimpuls dieses Vortrages in der Fortsetzung desjenigen, was da nebenher gegangen war? — so mußte man das Letztere sagen.

[ 38 ] A wide variety of factors were at play there. But one of these factors was precisely the desire to integrate India into Asia in order to create an Asian-Indian empire with the help of the Russian Empire. And so this doctrine took on an Indian character, with the aim of spiritually defeating the West in this way. You see, this is a one-sided, self-serving, nationalistic slant. It was present from the very beginning and manifested itself in a symptomatically significant way. The first lecture I heard from Annie Besant was on Theosophy and Imperialism. And if one were to ask: Does the actual fundamental impulse of this lecture lie in the continuation of Blavatsky’s true spiritual teachings, or does the fundamental impulse of this lecture lie in the continuation of what had been running parallel to that? — one would have to say the latter.

[ 39 ] Annie Besant war oftmals so, daß sie Dinge sagte, von denen sie durchaus nicht die letzten Gründe kannte. Sie ging für irgend etwas ins Zeug, wovon sie nicht die letzten Gründe kannte. Die letzten Zusammenhänge waren ihr unbekannt. Aber wenn Sie ganz verständig den Vortrag «Theosophie und Imperialismus» lesen, der gedruckt ist, mit allen Untergründen lesen, dann werden Sie eben einsehen: Wenn irgend jemand Indien von England losreißen wollte, in einem gewissen Sinne auf eine geistige Weise losreißen wollte, so kann man den ersten unvermerkten Schritt mit einer solchen Tendenz, wie sie in jenem Vortrage war, unternehmen.

[ 39 ] Annie Besant was often in the habit of saying things about which she certainly did not know the underlying reasons. She would throw herself into a cause without understanding its underlying reasons. The deeper connections were unknown to her. But if you read the lecture “Theosophy and Imperialism”—which has been published—carefully and with full understanding, taking into account all the underlying context, then you will realize: If anyone were to want to tear India away from England—in a certain sense, to tear it away spiritually—then the first, unnoticed step toward such a tendency, as expressed in that lecture, could be taken.

[ 40 ] Das war immer der Anfang vom Ende von solchen geistigen Strömungen und geistigen Gesellschaften, daß sie angefangen haben, einseitig Politisches in ihre Sphäre zu mischen, während eine geistige Bewegung gerade heute nur dann in der Welt ihren Fortgang nehmen kann, wenn sie allmenschlich ist, ja es heute eine der wesentlichsten Lebensbedingungen einer geistigen Bewegung ist, die in die wirkliche reale Geistigkeit hineinführen soll, ganz allmenschlich zu sein. Und alles dasjenige, was nicht ganz allmenschlich ist, was in irgendeiner Weise auf Spaltung der Menschheit hinausgeht, das ist von vorneherein ein zerstörendes Element für eine geistige Bewegung, die in die wirkliche, reale Geisteswelt hineinführen soll.

[ 40 ] That has always been the beginning of the end for such spiritual movements and spiritual societies: that they began to mix one-sided political elements into their sphere, whereas a spiritual movement today can only make headway in the world if it is universal, indeed, today one of the most essential conditions for the existence of a spiritual movement—one that is meant to lead into true, real spirituality—is that it be entirely universal. And anything that is not entirely universal, anything that in any way leads to the division of humanity, is from the outset a destructive element for a spiritual movement that is meant to lead into the true, real spiritual world.

[ 41 ] Aber bedenken Sie doch nur einmal, wie stark man mit solchen Dingen in die unterbewußten Regionen des Menschen hineingreift. Da gehört es eben zu den Lebensbedingungen einer solchen geistigen Bewegung, wie sie zum Beispiel auch die anthroposophische sein will, daß man wenigstens das ehrliche, ernste Bestreben hat, herauszukommen aus allen Partialinteressen der Menschheit und sich wirklich aufzuschwingen zu den allgemeinen Interessen der Menschheit. Und das war das Verderbliche der theosophischen Bewegung, daß sie vom Anfange an ein solches Element in sich hatte. Gelegentlich kann ein solches Element auch einmal den Dampf drehen: während des Weltkrieges ist dann diese andere Tendenz sehr englisch-chauvinistisch geworden. Aber gerade bei dieser Gelegenheit muß man sich eben völlig klar werden, daß es ganz unmöglich ist, eine reale geistige Bewegung zum Gedeihen zu bringen, wenn irgendein Partikularismus so vorliegt, daß man aus ihm nicht heraus will.

[ 41 ] But just consider for a moment how deeply such things penetrate into the subconscious realms of the human being. It is simply part of the very nature of a spiritual movement—such as the anthroposophical movement, for example—that one must at least have the honest, earnest aspiration to rise above all the narrow interests of humanity and truly soar toward the universal interests of humanity. And that was the downfall of the Theosophical Movement: from the very beginning, it contained such an element within itself. Occasionally, such an element can also backfire: during the World War, this other tendency became very Anglo-chauvinistic. But it is precisely on such occasions that one must realize quite clearly that it is entirely impossible to bring a genuine spiritual movement to fruition if any form of particularism exists to such an extent that one is unwilling to move beyond it.

[ 42 ] Daher ist unter den äußeren Gefahren, die heute gegen die anthroposophische Bewegung da sind, vor allen Dingen die, daß die Menschen in diesem Zeitalter, das überall abirrt in Nationalismen, so wenig tapfer sind, sich herauszuarbeiten aus den Nationalismen.

[ 42 ] Therefore, among the external dangers facing the anthroposophical movement today, the foremost is that people in this age—which is straying everywhere into nationalism—lack the courage to free themselves from nationalism.

[ 43 ] Aber worinnen wurzelt denn wieder so etwas, wie diese Einseitigkeit war? Sie wurzelt in dem, daß man als Gesellschaft Macht gewinnen will durch etwas anderes als durch die Offenbarung des Geistigen selber. Das kann man schon sagen: Während noch viel Gesundes in bezug auf Machtbewußtseins-Entfaltung um die Wende des 19. Jahrhunderts in der Theosophischen Gesellschaft war, war das 1906 schon fast ganz verschwunden, und es war ein starkes Machtstreben da.

[ 43 ] But where, then, does something like this one-sidedness have its roots? It stems from the fact that, as a society, one seeks to gain power through means other than the revelation of the spiritual itself. One can certainly say this: While there was still much that was healthy in terms of the development of a sense of power within the Theosophical Society at the turn of the 19th century, by 1906 this had almost entirely disappeared, and a strong striving for power had taken its place.

[ 44 ] Es ist notwendig, daß man dieses Herauswachsen des Anthroposophischen aus allgemeinen Menschheitsinteressen wirklich einsieht und sich klar darüber ist, daß nur deshalb, weil dort in der Theosophischen Gesellschaft die Fragesteller waren, das Anthroposophische in die Theosophische Gesellschaft hineinwachsen mußte, ich möchte sagen, eine Zeitlang «Logis» nehmen mußte, denn sonst bekam es kein «Logis».

[ 44 ] It is necessary to truly understand how anthroposophy grew out of general human interests and to be clear that it was only because the questioners were there in the Theosophical Society that anthroposophy had to grow into the Theosophical Society—I would say, had to “take up residence” there for a time—because otherwise it would not have found a “home.”

[ 45 ] Nicht wahr, bald nachdem sozusagen die erste Periode vorüber war, zeigte sich insbesondere an der Christus-Frage die ganze Unmöglichkeit der theosophischen Bewegung für das abendländische Leben. Denn was bei Blavatsky im Grunde genommen eine Theorie, wenn auch eine von Emotionen getragene Theorie war, die Geringschätzung des Christentums, das wurde nachher in der theosophischen Bewegung zu einer so praktischen Geringschätzung des Christentums, daß ein Bube erzogen wurde, von dem man sagte: In dem wird man die Seele des wiedererstandenen Christus heranziehen. Man konnte sich ja kaum etwas Absurderes denken. Aber aus der Theosophischen Gesellschaft heraus wurde ein Orden begründet, um nun diese Christus-Geburt in einem Knaben, der eigentlich schon da war, zu bewerkstelligen.

[ 45 ] Isn’t it true that, shortly after the first period had come to an end, so to speak, the question of Christ in particular revealed the utter impossibility of the Theosophical Movement for Western life? For what was essentially a theory in Blavatsky’s case—albeit one driven by emotion—namely, the disparagement of Christianity—later became, within the Theosophical Movement, such a practical disparagement of Christianity that a boy was raised of whom it was said: “In him, the soul of the resurrected Christ will be nurtured.” One could hardly imagine anything more absurd. But an order was founded out of the Theosophical Society to bring about this “birth of Christ” in a boy who was, in fact, already there.

[ 46 ] Nun ging es sehr bald dem vollständig Absurden zu. Es kommen bei solchen Dingen sehr bald natürlich Unklarheiten dazu, die furchtbar nahe an Unwahrheit grenzen. 1911 sollte in Genua ein Kongreß der Theosophischen Gesellschaft sein. Die Dinge waren schon im Flor, die zu solchen Absurditäten führten, und es war nötig, daß ich für diesen Genueser Kongreß meinen Vortrag ansagte: «Von Buddha zu Christus». Da hätte es zu einer prägnanten, klaren Auseinandersetzung kommen müssen, denn es hätte dazumal dasjenige sich ausleben müssen, was überall da war. Doch siehe, der Genueser Kongreß wurde abgesagt. Natürlich finden sich für solche Dinge Ausreden. Alle die Dinge, die vorgebracht worden sind, sahen eben Ausreden wirklich außerordentlich ähnlich.

[ 46 ] Things very soon took a turn toward the utterly absurd. Naturally, in such matters, ambiguities arise very quickly that border terribly closely on untruth. In 1911, a congress of the Theosophical Society was to be held in Genoa. The conditions that led to such absurdities were already in full swing, and I was required to announce my lecture for this Genoa Congress: “From Buddha to Christ.” That should have led to a concise, clear debate, for what was present everywhere at the time would have had to play itself out. But lo and behold, the Genoa Congress was canceled. Of course, excuses can always be found for such things. All the arguments that were put forward really did look remarkably like excuses.

[ 47 ] So kann man sagen, daß die anthroposophische Bewegung in ihre zweite Periode trat, indem sie ihren geraden Weg ging, der eingeleitet war eben dadurch, daß ich ganz im Anfang einen Vortrag hielt vor einem nicht-theosophischen Publikum, von dem nur eine einzige Persönlichkeit — nicht mehr! — geblieben ist, die jetzt noch da ist, trotzdem dazumal zahlreiche Persönlichkeiten den Vortrag angehört hatten. Der erste Vortrag aber, den ich gehalten habe, ein Vortragszyklus war es sogar, hatte den Titel: «Von Buddha zu Christus». 1911 wollte ich wieder den Zyklus halten: «Von Buddha zu Christus». Das war die gerade Linie! Aber die theosophische Bewegung war in eine greuliche Zickzacklinie hineingekommen.

[ 47 ] Thus, one can say that the anthroposophical movement entered its second phase by following its own direct path, a path that was set in motion precisely by the fact that, right at the very beginning, I gave a lecture to a non-theosophical audience—of which only a single person—and no more! — has remained, who is still with us today, even though numerous people had attended the lecture at that time. The first lecture I gave—it was actually a lecture series—was titled “From Buddha to Christ.” In 1911, I wanted to give the series again: “From Buddha to Christ.” That was the straight line! But the Theosophical Movement had veered off into a dreadful zigzag course.

[ 48 ] Wenn man die Geschichte der anthroposophischen Bewegung nicht ernst nimmt und diese Dinge nicht beim rechten Namen nennen will, so wird man auch nicht in der richtigen Weise auf dasjenige entgegnen können, was immer wiederum jene Oberflächlinge über die Beziehungen von Anthroposophie und Theosophie vorbringen, indem man sich absolut nicht davon unterrichten will, wie Anthroposophie vom Anfange an eben etwas ganz Selbständiges war, aber wie es natürlich war, zu antworten mit den Antworten, die sie den Menschen geben kann, die eben als Fragende da waren.

[ 48 ] If one does not take the history of the anthroposophical movement seriously and is unwilling to call these things by their proper names, then one will also be unable to respond appropriately to whatever those superficial people may once again put forward regarding the relationship between anthroposophy and theosophy—since they are absolutely unwilling to learn how anthroposophy was, from the very beginning, something entirely independent, but how it was only natural to respond with the answers it can give to the people who were there asking questions.

[ 49 ] So möchte man sagen: Bis zum Jahre 1914 ging die zweite Periode der anthroposophischen Bewegung. Sie hat eigentlich, wenigstens was mich anbetrifft, gar nichts Besonderes getan, um das Verhältnis zur theosophischen Bewegung zu regeln. Die Theosophische Gesellschaft hat das Verhältnis geregelt, indem sie die Anthroposophen ausgeschlossen hat. Aber es interessierte einen nicht, Weil es einen von Anfang an nicht sehr stark interessiert hat, daf man eingeschlossen war, hat es einen jetzt auch nicht sehr stark interessiert, daß man ausgeschlossen war. Man tat ganz genau in derselben Weise fort wie früher. Das Ausgeschlossensein änderte gar nichts an dem, was früher geschehen war, während man eingeschlossen war.

[ 49 ] One might say: The second period of the anthroposophical movement lasted until 1914. It actually did nothing in particular—at least as far as I am concerned—to settle its relationship with the Theosophical Movement. The Theosophical Society settled the matter by expelling the anthroposophists. But it didn’t really matter to us. Since we hadn’t been very interested in it from the start—even when we were included—it didn’t matter much to us now that we had been excluded. We simply carried on exactly as we had before. Being excluded didn’t change a thing about what had happened earlier, while we were still included.

[ 50 ] Sehen Sie sich nur an, wie die Dinge gegangen sind, so werden Sie sehen, daß eben mit Ausnahme der Abwickelung einiger Formalitäten innerhalb der anthroposophischen Bewegung überhaupt nichts geschehen ist bis zum Jahre 1914, sondern daß alles, was geschehen ist, von seiten der Theosophischen Gesellschaft geschehen ist. Ich bin eingeladen worden zunächst, dort Vorträge zu halten. Das habe ich getan. Ich habe anthroposophische Vorträge gehalten. Das habe ich auch ferner getan. Auf die Vorträge hin, die wieder abgedruckt sind in meinem Buche: «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens», bin ich eingeladen worden. Dann habe ich das, was in der «Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens» geschrieben ist, nach den verschiedensten Seiten weiter ausgeführt.

[ 50 ] Just look at how things unfolded, and you will see that, with the exception of the completion of a few formalities within the anthroposophical movement, absolutely nothing happened until 1914; rather, everything that did happen was initiated by the Theosophical Society. I was first invited to give lectures there. That is what I did. I gave anthroposophical lectures. I continued to do so as well. I was invited as a result of those lectures, which have been reprinted in my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*. I then elaborated on what is written in *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life* from a wide variety of perspectives.

[ 51 ] Von dieser selben Gesellschaftsanschauung bin dann ich und selbstverständlich meine Anhänger ausgeschlossen worden. Ich bin ganz wegen derselben Sache zuerst eingeschlossen und nachher ausgeschlossen worden. Ja, so liegt schon die Sache. Man wird eben die Geschichte der anthroposophischen Bewegung nicht verstehen, wenn man nicht das als eine fundamentale Sache wirklich richtig ins Auge fassen kann, daß kein Unterschied war gegenüber der theosophischen Bewegung, ob man ein- oder ausgeschlossen war.

[ 51 ] I—and, of course, my followers—were then excluded from this very same view of society. I was first included and later excluded entirely because of this very same matter. Yes, that is indeed how it is. One simply cannot understand the history of the anthroposophical movement unless one can truly grasp this fundamental fact: that, in contrast to the Theosophical Movement, it made no difference whether one was included or excluded.

[ 52 ] Das ist etwas, was Sie so recht in Selbstbesinnung bedenken mögen; das bitte ich Sie. Dann möchte ich auf Grund dessen morgen die letzte Phase, die schwierigste, die von 1914 bis jetzt, skizzieren, um auf Einzelheiten später noch in den folgenden Vorträgen einzugehen.

[ 52 ] This is something I would like you to reflect on in a spirit of self-examination; that is what I ask of you. Based on that, I would like to outline tomorrow the final phase—the most difficult one, spanning from 1914 to the present—so that I can go into more detail later in the following lectures.