The History and Circumstances
of the Anthroposophical Movement
in relation to the Anthroposophical Society
An Impulse Towards Self-reflection
GA 258
15 June 1923, Dornach
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The History and Circumstances of the Anthroposophical Movement, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Ich habe mit einigem dasjenige skizziert, was richtende Kräfte waren in den zwei ersten Perioden der anthroposophischen Bewegung, und ich möchte, um eine Basis zu gewinnen zur Schilderung desjenigen, was dann in der dritten Periode sich abgespielt hat, noch auf einige Erscheinungen der ersten und zweiten Periode eingehen. Die Sache ist ja so, daß trotz allem Auseinandergesetzten noch die Frage aufgeworfen werden kann: Womit war es begründet, daß die anthroposophische Bewegung sich doch in einem ziemlich äußerlichen Zusammenhalt befunden hat mit der theosophischen Bewegung?
[ 1 ] I have outlined to some extent the guiding forces that were at work during the first two periods of the anthroposophical movement, and in order to lay the groundwork for describing what then took place in the third period, I would like to address a few more aspects of the first and second periods. The fact is that, despite all that has been discussed, the question can still be raised: What was the reason that the anthroposophical movement nevertheless maintained a fairly superficial connection with the theosophical movement?
[ 2 ] Gerade diese Frage, die eine so komplizierte ist, wird sich eben nur beantworten, wenn wir einige Erscheinungen ins Auge fassen, die charakteristisch sind für die Entwickelung der anthroposophischen Bewegung.
[ 2 ] It is precisely this question—which is such a complex one—that can only be answered if we consider certain phenomena that are characteristic of the development of the anthroposophical movement.
[ 3 ] Da möchte ich zunächst die erste Periode, die etwa bis zum Jahre 1907 ging, annähernd dadurch charakterisieren, daß es sich dazumal darum handelte, die Grundlagen des Inhaltes einer Geisteswissenschaft zu entwickeln.
[ 3 ] I would like to begin by characterizing the first period—which lasted roughly until 1907—in general terms by saying that the focus at that time was on developing the foundations of the content of the Spiritual Science.
[ 4 ] Wer versucht, an Hand der Dokumente in jene Zeit zurückzublicken, wird eben sehen, daß damals nach und nach in Vorträgen, Vortragszyklen, auch in demjenigen, was dann die Mitarbeiter weiter erarbeitet haben, herausgekommen ist der Inhalt, der grundlegende Inhalt der Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie er anthroposophisch gedacht werden muß. Es schließt diese Epoche - die Dinge stimmen natürlich nur ungefähr, aber alles ist so in der geschichtlichen Entwickelung — ungefähr, möchte ich sagen, mit der Veröffentlichung meiner «Geheimwissenschaft».
[ 4 ] Anyone who attempts to look back at that time based on the documents will see that, little by little, in lectures, lecture series, and also in what the collaborators subsequently developed further, the content—the fundamental content of Spiritual Science in the sense that it must be conceived from an anthroposophical perspective—began to emerge. This epoch comes to a close—the details are, of course, only approximate, but such is the nature of historical development—roughly, I would say, with the publication of my *The Secret Science*.
[ 5 ] Diese «Geheimwissenschaft» erschien allerdings etwa eineinhalb Jahre später erst gedruckt, aber der wesentliche Inhalt, die Bekanntmachung des wesentlichen Inhaltes fällt durchaus in die erste Periode anthroposophischen Strebens. In dieser Periode war durchaus bis zum Jahre 1905 oder 1906 eine ganz bestimmte Hoffnung berechtigt. Es war die Hoffnung, daß allmählich der anthroposophische Inhalt der Lebensinhalt der Theosophischen Gesellschaft überhaupt werden könnte.
[ 5 ] This “Secret Science,” however, did not appear in print until about a year and a half later; yet the disclosure of its essential content certainly falls within the first period of anthroposophical endeavor. During this period, right up until 1905 or 1906, a very specific hope was entirely justified. It was the hope that, gradually, the anthroposophical content might become the very essence of the Theosophical Society.
[ 6 ] Man konnte bis zum Jahre 1905, 1906 nicht sagen, daß nicht etwa allmählich durch ganz natürliche Entwickelung die Theosophische Gesellschaft hineinwachsen werde in eine anthroposophische. Das zu hoffen war dadurch möglich, daß ja in diesen Jahren im äußerlichen Ausleben eine der maßgebendsten Persönlichkeiten der Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, eine gewisse Toleranz an den Tag legte, und daß sie durchaus das Bestreben hatte, verschiedene Richtungen nebeneinander wirken zu lassen. Es war das durchaus der Fall bis etwa zum Jahre 1905 und 1906.
[ 6 ] Until 1905 or 1906, one could not say that the Theosophical Society would not gradually, through a completely natural development, evolve into an anthroposophical one. It was possible to hope for this because, during those years, one of the most influential figures in the Theosophical Society, Annie Besant, displayed a certain tolerance in her outward conduct and was genuinely committed to allowing different currents to coexist. This was certainly the case until around 1905 and 1906.
[ 7 ] In dieser Zeit mußte man zwar, wenn man sich keinen Illusionen hingeben wollte, gewiß sehen, daß gerade eine so führende Persönlichkeit, wie Annie Besant in der Theosophischen Gesellschaft es war, sehr primitive Vorstellungen von moderner Wissenschaftlichkeit hatte; das hatte sie. Aber immerhin, trotz allen dilettantischen Zügen, die dadurch in ihre Bücher hineinkamen, war — namentlich dadurch, daß allmählich die Theosophische Gesellschaft als Theosophical Society in London zentriert war, und daß diese Theosophical Society allmählich, ich möchte sagen, sich gespeist hat mit orientalischer Weisheit — eine ganze Summe von Weisheiten, unverdaut zumeist, in den Leuten drinnen, die zu dieser Gesellschaft gehörten. Es lebte diese Weisheit sogar manchmal in den sonderbarsten Vorstellungen. Aber wenn man absah davon, daß solche Vorstellungen manchmal so weit gingen, daß sie ganz und gar ihrem Ursprunge und ihrer wahren Bedeutung unähnlich waren, so strömte doch immerhin durch solche Bücher wie «Die uralte Weisheit» oder namentlich «Der Fortschritt der Menschheit» oder selbst «Das Christentum» von Annie Besant etwas hindurch, was zwar traditionell überbracht war, was aber uralten Weisheitsquellen entstammte, obwohl nicht immer die Kanäle einwandfrei waren, durch welche diese alte Weisheit bis in jene Bücher und Vorträge heruntergeflossen war. So also stand es dazumal mit der Sache.
[ 7 ] At that time, anyone who did not want to delude themselves had to recognize that a leading figure such as Annie Besant in the Theosophical Society certainly held very primitive mental images of modern scientific thought; she did. But still, despite all the amateurish elements that found their way into her books as a result—namely because the Theosophical Society gradually became centered in London, and because this Theosophical Society gradually, I might say, fed on Eastern wisdom—a whole body of wisdom, mostly undigested, within the people who belonged to this Society. This wisdom even lived on at times in the strangest of mental images. But if one disregarded the fact that such mental images sometimes went so far as to become completely unlike their origin and true meaning, there nevertheless flowed through books such as *Ancient Wisdom* or, in particular, *The Progress of Humanity* or even *Christianity* by Annie Besant, something that, while traditionally transmitted, did indeed stem from ancient sources of wisdom—even though the channels through which this ancient wisdom had flowed down into those books and lectures were not always flawless. Such, then, was the state of affairs at that time.
[ 8 ] Auf der anderen Seite muß man sich immer die Tatsache vor Augen halten, daß außerhalb dieser Kreise für wirkliche spirituelle Forschung überhaupt kein Interesse in der gegenwärtigen Welt vorhanden war. Es bestand einfach die Tatsache, daß aus denjenigen, die sich in diese Menschengruppe sozusagen hineinfanden, die Möglichkeit sich ergeben konnte, zu entzünden ein Interesse für wahrhaftige moderne Geisteswissenschaft.
[ 8 ] On the other hand, one must always bear in mind the fact that, outside of these circles, there was absolutely no interest in genuine spiritual research in the world at that time. It was simply a fact that among those who, so to speak, found their way into this group of people, the possibility arose to spark an interest in genuine modern Spiritual Science.
[ 9 ] Nun war aber gerade in dieser ersten Periode gegen mancherlei zu kämpfen. Ich will Sie gar nicht damit behelligen, daß einfach der Name «Theosophie» von sehr vielen Gesellschaften angenommen worden ist, Gesellschaften, die im Grunde genommen außerordentlich wenig mit ernstem geistigem Streben zu tun hatten. Streben war schon bei vielen Menschen vorhanden, aber ein zum Teil recht egoistisches, zum Teil außerordentlich triviales Streben. Aber auch solche trivialen Strömungen gaben sich vielfach den Namen von Theosophischen Gesellschaften. Man braucht nur etwa daran zu erinnern, daß ziemlich weit verbreitet, namentlich in Mitteleuropa, in Deutschland, Österreich, auch in der Schweiz, gewisse theosophische Zweige waren, welche sich so nannten, aber im Grunde genommen das, was die 'Theosophical Society hatte, in einer außerordentlich verwässerten Weise hatten, und dann wiederum durchtränkt mit allen möglichen, zuweilen sehr törichten Okkultismen.
[ 9 ] However, it was precisely during this early period that we had to contend with various challenges. I do not wish to burden you with the fact that the very name “Theosophy” was adopted by a great many societies—societies that, in essence, had very little to do with serious spiritual striving. A quest was certainly present in many people, but it was in part quite selfish and in part extraordinarily trivial. Yet even such trivial movements often called themselves Theosophical Societies. One need only recall, for example, that certain theosophical branches were quite widespread—particularly in Central Europe, in Germany, Austria, and also in Switzerland—which called themselves by that name but, in essence, possessed what the Theosophical Society had in an extremely watered-down form, and were, moreover, steeped in all manner of occultism, sometimes of a very foolish nature.
[ 10 ] Eine in solchen Zweigen, in solchen Gesellschaften vielfach wirkende Persönlichkeit war diejenige, die Ihnen auch noch dem Namen nach, oder wenigstens vielen von Ihnen dem Namen nach bekannt sein dürfte: Franz Hartmann. Aber welch «tiefer Geist» und welch «tiefer Ernst», unter Anführungszeichen gesprochen, in diesen Trivialgesellschaften war, das mag Ihnen einfach daraus hervorgehen, daß ich Ihnen etwas den zynischen Charakter schildere jenes Führers, den ich eben genannt habe. Der sagte einmal in einer Gesellschaft von wenigen, bei der ich aber auch anwesend war — man kann ja durchaus für diese Dinge sich auch psychologisch interessieren, um zu sehen, wie eigentlich die menschliche Seele zu dem oder jenem kommen kann. Da hat die Theosophische Gesellschaft einmal einen gewissen Streit gehabt um die Persönlichkeit des Judge in Amerika. Ich will von diesem Streite nicht sprechen, aber will nur sagen, daß der Streit sich namentlich darum drehte, ob gewisse Botschaften, die Judge versendet hat, von wirklichen höheren eingeweihten Persönlichkeiten, sogenannten Meistern, herrührten. Nun, Franz Hartmann sagte: Ach, die Sache mit dem Judge, die kenne ich ganz gut. Der hat in Amerika solche Meisterbriefe verschickt. Dazumal kam er nach Indien. Wir waren ja im Hauptquartier in Indien, und da wollte er, damit er in Amerika Autorität haben könnte, damit er sagen könnte, daß er von eingeweihten Persönlichkeiten Missionen erteilt bekommen hätte, Meisterbriefe haben. Da sagte ich zu ihm, so erzählte Franz Hartmann: Meisterbriefe? Ich kann dir welche schreiben. Da antwortete Judge: Ja, das geht doch nicht, da kann ich dann doch nicht behaupten, daß das Meisterbriefe sind, denn die fliegen einem doch aus der Luft zu, die kommen doch auf zauberhafte Weise zustande und fliegen einem dann auf den Kopf, und das muß ich sagen können. Da sagte Franz Hartmann zu Judge - er erzählte es selber! -: Ach, da ist keine Not, das kann man machen. Der Judge war ein ganz kleiner Kerl, so erzählte uns Hartmann, und da habe er ihm gesagt: Stelle dich auf den Fußboden, ich will mich auf einen Stuhl stellen, und dann werde ich dir den Brief auf den Kopf fallen lassen. So könnte er mit gutem Gewissen sagen, er verbreite Briefe, die ihm aus der Luft auf den Kopf geflogen sind.
[ 10 ] A figure who was active in many ways in such fields and in such societies was someone whose name you—or at least many of you—are likely to recognize: Franz Hartmann. But what “profound spirit” and what “profound seriousness”—spoken in quotation marks—there was in these trivial societies may simply become clear to you from my description of the somewhat cynical character of that leader I have just mentioned. He once said this in a small gathering—one in which I was also present—for one can certainly take a psychological interest in such matters to see how the human soul might actually arrive at one thing or another. At one point, the Theosophical Society had a certain dispute regarding the figure of “Judge” in America. I do not wish to speak of this dispute, but merely to say that the dispute revolved specifically around whether certain messages that Judge had sent originated from genuine higher initiated beings, so-called Masters. Well, Franz Hartmann said: “Oh, I know all about this Judge business. He sent out such ‘Master letters’ in America. At that time, he came to India.” We were at headquarters in India, and he wanted—so that he could have authority in America, so that he could claim to have received missions from initiated beings—to have “Master Letters.” So I said to him, as Franz Hartmann recounted: “Master Letters? I can write some for you.” Judge replied: “Yes, but that won’t work—I can’t claim that those are master letters, because they’re supposed to come flying down from the sky, they’re supposed to come about in a magical way and then land on your head, and I have to be able to say that.” Then Franz Hartmann said to Judge—he told the story himself!—“Oh, that’s no problem; we can do that.” Judge was a very small man, Hartmann told us, and so he said to him: “Stand on the floor; I’ll stand on a chair, and then I’ll let the letter fall on your head.” That way, he could say with a clear conscience that he was distributing letters that had flown out of the air and landed on his head.
[ 11 ] Nun, das ist nur ein extremes Beispiel für solche Dinge, die sich schon gar nicht so selten in der Welt finden. Aber, wie gesagt, ich möchte Sie nicht behelligen mit diesen Trivialgesellschaften, ich möchte nur aufmerksam darauf machen, daß gerade in dieser ersten Periode der anthroposophischen Bewegung, durch das Nebenhergehen neben der theosophischen, sich eine gewisse Notwendigkeit ergab, gegen das modern wissenschaftliche Denken sich zu wehren.
[ 11 ] Well, that’s just one extreme example of the sort of things that are by no means rare in the world. But, as I said, I do not wish to bother you with these trivial societies; I merely wish to point out that, precisely during this early period of the anthroposophical movement—as it developed alongside the Theosophical Society—a certain necessity arose to defend against modern scientific thinking.
[ 12 ] Ich weiß nicht, ob diejenigen, die später dann zur anthroposophischen Bewegung hinzugetreten sind und als Wissenschafter und vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus die nun schon mehr entwickelte Anthroposophie in ihrer dritten Periode namentlich betrachteten, genügend Einblick sich verschafft haben in die Tatsache, daß eine Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Denken der neueren Zeit in einer ganz eigenartigen Weise gerade während der ersten Periode der anthroposophischen Bewegung stattgefunden hat. Ich will Ihnen dafür ein paar Beispiele nennen. Ich nenne nur Beispiele, denn die Sache hat auf den verschiedensten Punkten stattgefunden. Aber diese Beispiele werden Ihnen zeigen, daß dazumal gerade in diese theosophische Bewegung stark dasjenige hereinspielte, was ich vor einigen Tagen hier charakterisierte als für die moderne Bildung besonders kennzeichnend: das sich Beugen vor der sogenannten wissenschaftlichen Autorität.
[ 12 ] I do not know whether those who later joined the anthroposophical movement—and who, as scientists and from a scientific perspective, specifically examined the now more developed anthroposophy in its third period— have gained sufficient insight into the fact that an engagement with modern scientific thought took place in a very distinctive way precisely during the first period of the anthroposophical movement. I would like to give you a few examples of this. I am citing only examples, for this occurred in a wide variety of contexts. But these examples will show you that, at that time, precisely within this Theosophical Movement, there was a strong influence of what I characterized here a few days ago as particularly characteristic of modern education: the bowing to so-called scientific authority.
[ 13 ] Dieses sich Beugen vor der wissenschaftlichen Autorität, das war gerade in die Theosophische Gesellschaft eingedrungen gewesen. Es zeigte sich, daß zum Beispiel gerade Annie Besant versuchte, in ihren Büchern allerlei Zitate anzubringen aus zeitgenössischen Wissenschaften, Dinge, die gar nichts besagten für die Geisteswissenschaft, wie zum Beispiel die sogenannte Weismannsche Theorie der Vererbung. Wie Belege wurden die hineingebracht in die Bücher. Nun darf ich da erinnern, daß, als wir in der Lage waren, in München eine Art Zentrum für die anthroposophische Bewegung zu begründen - es bildeten sich ja allmählich für diese Bewegung das Berliner, das Münchner, das Stuttgarter, das Kasseler, das Düsseldorfer, das Kölner, das Hamburger, das Hannoversche, das Leipziger Zentrum, in Österreich dann das Wiener, in einem gewissen Sinne sogar das Prager, also es bildeten sich Zentren heraus -, daß dort sehr viele solche heimatlose Seelen waren, die auch schon in einer gewissen Weise organisiert waren. Sie steckten in der einen oder in der anderen Gesellschaft drinnen. Nun will ich jetzt ganz von den Trivialgesellschaften Hartmannschen Schlages absehen, aber ich möchte darauf hinweisen, daß, während wir den Zweig in München begründeten, es sich darum handelte, nun Auseinandersetzungen zu haben mit den verschiedenen kleineren oder größeren Gruppen, die da waren.
[ 13 ] This deference to scientific authority had just made its way into the Theosophical Society. It became apparent, for example, that Annie Besant, in particular, was attempting to include all sorts of quotations from contemporary science in her books—things that had absolutely no relevance to Spiritual Science, such as the so-called Weismannian theory of heredity. These were inserted into the books as evidence. Now I would like to recall that, when we were in a position to establish a kind of center for the anthroposophical movement in Munich —centers for this movement were gradually forming in Berlin, Munich, Stuttgart, Kassel, Düsseldorf, Cologne, Hamburg, Hanover, and Leipzig; in Austria, the Vienna center; and in a certain sense even the Prague center—centers were emerging—that there were a great many such rootless souls there who were already organized in a certain way. They were involved in one society or another. Now, I will completely set aside the trivial societies of the Hartmann variety, but I would like to point out that, while we were establishing the branch in Munich, the issue at hand was engaging in discussions with the various smaller or larger groups that were already there.
[ 14 ] Da war eine Gruppe, das Ketterl. Dieses Ketterl bestand aus richtigen gelehrten Leuten. In diesem Ketterl handelte es sich diesen Leuten darum, für die Dinge, die irgendwie behauptet wurden auf dem Boden der Geisteswissenschaft, naturwissenschaftliche Beweise zu liefern. Man wollte etwa aus den Anschauungen, die man dazumal in der Naturwissenschaft hatte, halt so hinaufkommen zu demjenigen, was Anthroposophie zum Beispiel darstellte. Wenn Anthroposophie von einem Ätherleib sprach, so sagte man sich: Die Naturwissenschaft hat es dahin gebracht, für die Atome, für die Moleküle diese oder jene Struktur zu erkennen. Nun fängt man an, da nachzuforschen, wie diese Struktur zum Teil komplizierter, zum Teil dünner in ihren Zusammensetzungen werden könnte, um allmählich von der Molekularstruktur der physischen Körper zu der Molekularstruktur des Äthers zu kommen. Man würde dann ebensolche Berechnungen anstellen können für das Ätherisch-Geschehende, wie man Berechnungen anstellen kann für das Physisch-Geschehende. Und eigentlich sollte nur dasjenige durchgelassen werden im Ketterl, was ein rechtsgültiges naturwissenschaftliches Visum auf dem anthroposophischen Paß hatte.
[ 14 ] There was a group called the Ketterl. This Ketterl consisted of truly learned people. Within this Ketterl, these people were concerned with providing scientific evidence for the claims that were being made in the field of Spiritual Science. They wanted, for example, to use the views held at the time in the natural sciences as a stepping stone to arrive at what anthroposophy, for instance, presented. When anthroposophy spoke of an etheric body, they said to themselves: Natural science has gone so far as to recognize this or that structure for atoms and molecules. Now one begins to investigate how this structure might become, in part, more complex and, in part, more subtle in its composition, in order to gradually move from the molecular structure of physical bodies to the molecular structure of the ether. One would then be able to make the same kinds of calculations for etheric phenomena as one can make for physical phenomena. And actually, only that which had a valid scientific stamp on its anthroposophical passport should be allowed through the chain.
[ 15 ] Die Abhandlungen — denn auch solche gibt es —, welche die Mitglieder des Ketterls schrieben, unterschieden sich eigentlich nicht sehr stark von den naturwissenschaftlichen Abhandlungen der theoretischen Physiker der damaligen Zeit; die Formeln und Definitionen und so weiter bedeuteten ihnen nicht Vorgänge im Spektrum oder Vorgänge im elektro-magnetischen Felde, sondern Vorgänge im ätherischen oder astralischen Felde. Es war nichts zu machen. Es löste sich die ganze Verbindung mehr oder weniger in Wohlgefallen oder in Mißfallen auf. Zuletzt hatte man keinen Zusammenhang mehr mit diesen Auseinandersetzern vom wissenschaftlichen Standpunkte aus.
[ 15 ] The treatises—for there were such as well—written by the members of the Ketterl group did not, in fact, differ very greatly from the scientific treatises of the theoretical physicists of that time; the formulas, definitions, and so on did not represent phenomena in the spectrum or in the electromagnetic field for them, but rather phenomena in the etheric or astral field. There was nothing to be done. The entire association more or less dissolved, to some people’s satisfaction and to others’ displeasure. In the end, there was no longer any connection with these debaters from a scientific standpoint.
[ 16 ] Aber gar nicht so sehr verschieden von diesen Ketterl-Arbeiten waren die Bestrebungen eines Mannes, der in der Theosophischen Gesellschaft eine große Rolle spielte, ein intimer Freund der Blavatsky noch, ein, wenn es sich um solche Dinge handelte, immer anwesender Mann, Dr. Hübbe-Schleiden, der ja lange Zeit die «Sphinx» herausgegeben hat. Auch der war nun ganz darauf aus, mit naturwissenschaftlicher Denkungsart das, was er als Theosophisches empfand, zu beweisen. Ich weiß noch, wie er mich auf dem Bahnhof in Hannover das erste Mal abgeholt hat, weil ich da einen Vortrag halten sollte, den ersten anthroposophischen Vortrag, den ich in Hannover hielt: eine Auseinandersetzung über Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Er fuhr dann mit mir zu sich hinaus, er wohnte etwas außerhalb Hannovers. Da fuhr man so eine halbe Stunde mit der Tramway. Er fing gleich an, mit ungeheurer Begeisterung zu erklären, wie ja überhaupt so etwas wie geistige Erkenntnisse vor der modernen Menschheit nicht bestehen könne, wenn nicht die Dinge so bewiesen würden, wie man das gewöhnt ist, in physikalischen oder sonstigen gegenwärtigen Lehrbüchern zu finden. Dann gebrauchte er seine beiden Zeigefinger, und die ganze halbe Stunde ging das so, indem er mit den Spitzen der Zeigefinger immer die Bewegungen machte, welche darstellen sollten, wie sich nun die Atome bewegen. «Ja, das muß so und so gehen, dann kommt man darauf: In einer Inkarnation bewegen sich die Atome, und dann, dann geht der Wellenzug weiter durch die geistigen Welten, und das muß man nun berechnen, wie der Wellenzug weitergeht durch die geistigen Welten. Dann ändert sich das, und dann ist das die nächste Inkarnation.» — So fühlte man sich wirklich wie in einem Auditorium, wo einem früher die Wellenzüge für Rot und Gelb und Blau und Grün beigebracht worden waren. Ganz aus demselben heraus waren die Wellenzüge für das Durchlaufen der Seelen über die verschiedenen Inkarnationen. So wie die Newtonianer, überhaupt die modernen Physiker, die Strahlen des Lichtes in Wellenzügen rechnen, so rechnete er das Durchgehen der Seele durch die verschiedenen Inkarnationen.
[ 16 ] But not all that different from these works by Ketterl were the endeavors of a man who played a major role in the Theosophical Society—a close friend of Blavatsky’s, a man who was always present when such matters were at hand—Dr. Hübbe-Schleiden, who, after all, had long been the editor of the *Sphinx*. He, too, was now entirely intent on using a scientific way of thinking to prove what he perceived as theosophical. I still remember how he picked me up at the train station in Hanover for the first time, because I was supposed to give a lecture there—the first anthroposophical lecture I ever gave in Hanover: a discussion of Goethe’s “Fairy Tale of the Green Snake and the Beautiful Lily.” He then drove me out to his place; he lived a little way outside Hanover. It took about half an hour by tram. He immediately began explaining with tremendous enthusiasm how spiritual insights could not possibly exist for modern humanity unless they were proven in the way one is accustomed to finding in physics or other contemporary textbooks. Then he used his two index fingers, and for the entire half hour he kept doing this, using the tips of his index fingers to make movements intended to illustrate how the atoms move. “Yes, it has to work this way and that way, and then you realize: In one incarnation, the atoms move, and then, then the wave train continues through the spiritual worlds, and now you have to calculate how the wave train proceeds through the spiritual worlds. Then that changes, and then that is the next incarnation.” — It really felt as if one were in a lecture hall, where one had once been taught about the wave trains for red, yellow, blue, and green. The wave trains describing the soul’s passage through the various incarnations were based entirely on the same principle. Just as Newtonians—and modern physicists in general—calculate the rays of light as wave trains, so he calculated the soul’s passage through the various incarnations.
[ 17 ] Er hatte einen Freund, der aber dann ein außerordentlich gutes, verständiges, treues Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden ist, dem hatte er immer seine Auseinandersetzungen geschickt, und der hatte neben anderen Eigenschaften auch die, daß er sehr viel hielt zum Beispiel von diesen Auseinandersetzungen; aber immer wiederum kratzte ihn so der Humor, und einmal erzählte er mir, er hätte jetzt wiederum dreißig Kilo Weisheit nach München geschickt bekommen von Dr. Hübbe-Schleiden. Es waren nämlich so dicke Briefe, die immer von Hannover nach München geschickt wurden.
[ 17 ] He had a friend—who later became an exceptionally good, sensible, and loyal member of the Anthroposophical Society—to whom he had always sent his treatises; and this friend, among other qualities, also held these treatises in very high regard; but his sense of humor would always get the better of him, and once he told me that he had just received another thirty kilos of wisdom sent to him from Dr. Hübbe-Schleiden in Munich. These were, in fact, such thick letters that were always sent from Hanover to Munich.
[ 18 ] Nun, ich möchte sagen, die besondere Ausprägung dieser Denkweise konnte man an den Auseinandersetzungen sehen, die lange in der Theosophischen Gesellschaft über das sogenannte «permanente Atom» betrieben worden sind. Dieses «permanente Atom» war etwas Entsetzliches, aber es wurde mit ungeheurem Ernste genommen. Denn nicht wahr, diejenigen, welche die Autorität der modernen Wissenschaft fühlten, die konnten gar nicht verstehen, daß nicht doch irgend etwas, was wenigstens den Wortlaut von der modernen Wissenschaft hat, nun in die Geisteswissenschaft hineindringen sollte. Da sagten sie: Nun, der Mensch lebt in einer Inkarnation und dann in der nächsten, — gewiß, der physische Körper zerfällt, nur ein einziges Atom bleibt übrig, das geht dann durch die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Und dieses eine Atom erscheint in der neuen Inkarnation. Das ist das permanente Atom, das durch die Inkarnationen durchgeht.
[ 18 ] Well, I would say that a particular manifestation of this way of thinking could be seen in the debates that had long been waged within the Theosophical Society regarding the so-called “permanent atom.” This “permanent atom” was something appalling, yet it was taken with immense seriousness. For isn’t it true that those who felt the authority of modern science simply could not understand that something—anything, at least—that bore the language of modern science should not now find its way into Spiritual Science? So they said: Well, a person lives through one incarnation and then the next—certainly, the physical body decays, but a single atom remains, which then passes through the time between death and a new birth. And this one atom appears in the new incarnation. That is the permanent atom that passes through the incarnations.
[ 19 ] Es erscheint Ihnen heute so etwas spaßhaft, aber Sie können gar nicht begreifen, mit welch großem Ernste diese Dinge gerade in der ersten Periode der Entwickelung der anthroposophischen Sache gepflegt worden sind, wie man es außerordentlich schwierig hatte, der Forderung zu begegnen: Ja was soll denn die ganze Theosophie, wenn man sie nicht wissenschaftlich beweisen kann! Kein Mensch wird sie annehmen, wenn man sie nicht wissenschaftlich beweisen kann. — In jenem Gespräch in der Tramway wurde in der Tat festgestellt: Es muß so dargestellt werden, daß ein ordentlich absolvierter Gymnasiast die Theosophie so begreifen kann, wie er Logik begreift. Das war meines Begleiters Forderung.
[ 19 ] It seems rather amusing to you today, but you cannot possibly comprehend the great seriousness with which these matters were treated, especially in the early stages of the development of the anthroposophical movement, or how extraordinarily difficult it was to meet the demand: “What good is all this theosophy if it can’t be scientifically proven! No one will accept it if it can’t be scientifically proven.” — In that conversation on the streetcar, it was in fact decided: It must be presented in such a way that a college student with a solid education can understand theosophy just as he understands logic. That was my companion’s demand.
[ 20 ] Dann kam ich bei ihm an. Er führte mich auf den Hausboden. Nun möchte ich denjenigen, die jetzt in der letzten Periode der anthroposophischen Bewegung das Bestreben haben, gegen den Atomismus anzukämpfen, zu bedenken geben, was ich dazumal auf dem Boden des Dr. Hübbe-Schleiden in Hannover fand. Wir gin gen also durch eine enge Treppe hinauf, und da oben auf dem Boden — wenn man so etwas erzählt, muß man natürlich immer wieder sagen, er war ein außerordentlich liebenswürdiger, netter, auch ganz verständiger, also sympathischer alter Herr —, da oben auf dem Boden, da waren nun riesige Atommodelle. Sie waren aber aus Draht, sehr kompliziert. Es stellte immer das eine Modell das Atom irgendeines physischen Körpers dar: Wasserstoff oder Sauerstoff; das nächste Modell, das nun noch komplizierter war, stellte dann dar das Atom eines Ätherischen; das dritte Modell, immer komplizierter, das war das Atom des Astralischen.
[ 20 ] Then I arrived at his house. He led me up to the attic. Now I would like to invite those who, in this final phase of the anthroposophical movement, are striving to combat atomism to reflect on what I found back then in Dr. Hübbe-Schleiden’s attic in Hanover. So we went up a narrow staircase, and up there in the attic—when one tells a story like this, one must of course keep saying that he was an extraordinarily amiable, kind, and also quite intelligent, that is, likable old gentleman—up there in the attic, there were huge atomic models. But they were made of wire and very complicated. One model always represented the atom of some physical substance: hydrogen or oxygen; the next model, which was even more complicated, represented the atom of the etheric; the third model, increasingly complex, was the atom of the astral.
[ 21 ] Wenn Sie gewisse Bücher von einem der Führer der Theosophischen Gesellschaft in die Hand nehmen, Leadbeatersche Bücher, dann werden Sie finden, daß da solche Modelle in großartiger Weise gezeichnet sind. Ich möchte das doch auch als eine Tatsache erwähnen, namentlich zum Bedenken für diejenigen, die heute gegen den Atomismus innerhalb unserer Mitte kämpfen, daß dieser Atomismus nirgends so im Flor war wie bei denen, die nun sozusagen in unsere Reihen aus der Theosophischen Gesellschaft hereinkamen. Und wenn heute die jüngeren Mitglieder, wie Dr. Kolisko oder die anderen in unserem Forschungsinstitut in Stuttgart gegen das Atom kämpfen, so darf eben daran erinnert werden, daß man bei gewissen Leuten damals nicht gewußt hätte, wie man es machen sollte, von einer Inkarnation zu der anderen zu kommen, wenn man nicht wenigstens ein permanentes Atom gehabt hätte.
[ 21 ] If you pick up certain books by one of the leaders of the Theosophical Society—Leadbeater’s books—you will find that such models are depicted in magnificent detail. I would also like to mention this as a fact—specifically as food for thought for those who are fighting against atomism within our ranks today—that this atomism was nowhere more prevalent than among those who, so to speak, joined our ranks from the Theosophical Society. And when younger members today, such as Dr. Kolisko or others at our research institute in Stuttgart, are fighting against the atom, it is worth recalling that certain people back then would not have known how to pass from one incarnation to the next if they had not had at least one permanent atom.
[ 22 ] Das ist so ein Bild von der Art, wie mit starker Autorität eben in diese Kreise das sogenannte naturwissenschaftliche Denken hereinspielte. Naturwissenschaftlich denken konnten diese Leute schon. Sie konnten sich gar nicht denken, daß etwas anderes gelten könnte, als was naturwissenschaftlich gedacht ist. Also auf dieser Seite gab es eigentlich auch wieder kein Verständnis. Nur als dann die zweite Periode der anthroposophischen Bewegung heranrückte, kam wenigstens innerhalb derjenigen Kreise, die in unsere Reihen hineingegangen waren, dieses Atomstreben allmählich ab, und man ging nach und nach über zu demjenigen, was in der anthroposophischen Bewegung weiter gepflegt wurde. Aber dagegen muß man sagen, daß diejenigen, die sich um dieses Atomstreben nicht viel kümmerten, denen die moderne Wissenschaft schließlich ziemlich gleichgültig war, die nur als heimatlose Seelen sich hatten anregen lassen von der theosophischen Bewegung, daß diese schon immerhin zugänglicher waren. Und ich konnte zum Beispiel jedesmal bei meiner Anwesenheit in München auch einen mehr internen Vortrag halten in einem Kreise, der sich um die damals in München lebende, ehemals mit Blavatsky sehr befreundete Frau von Schewitsch versammelte. Da hatte man es schon leichter, weil da doch wirkliches Seelenstreben vorhanden war.
[ 22 ] This is an example of how so-called scientific thinking made its way into these circles with such strong authority. These people were certainly capable of thinking scientifically. They simply could not conceive that anything other than what was conceived scientifically could be valid. So, on this point, there was actually no understanding either. It was only as the second phase of the anthroposophical movement approached that, at least within those circles that had joined our ranks, this preoccupation with the atom gradually subsided, and people gradually shifted toward what continued to be cultivated within the anthroposophical movement. On the other hand, however, it must be said that those who did not concern themselves much with this pursuit of atomic theory—those to whom modern science was ultimately quite indifferent, who, as rootless souls, had simply been inspired by the Theosophical Movement—were, after all, more open-minded. And, for example, whenever I was in Munich, I was also able to give a more intimate lecture to a circle that gathered around Mrs. von Schewitsch, who was living in Munich at the time and had once been a close friend of Blavatsky’s. It was easier there because there was a genuine spiritual striving present.
[ 23 ] Ich will weder den einen Kreis verteidigen noch den anderen kritisieren, sondern ich will nur erwähnen, wie die anthroposophische Bewegung nach der einen oder anderen Seite mit diesen Dingen fertig wurde. Aber denken Sie doch nur, dazumal trat also zunächst die Forderung auf, auch innerhalb unserer eigenen Reihen mit Hilfe der damals geltenden naturwissenschaftlichen Denkweise dasjenige, was anthroposophisch vorgebracht wurde, zu rechtfertigen. Es war doch noch zahmer als das, was heute von der Außenseite hervorgebracht wird. Eine große Zahl von Ihnen hat heute einen Vortrag von Dr. Blümel gehört; ich glaube, Sie werden die lichtvollen Ausführungen sehr gut verstanden haben und werden da einen gewissen Eindruck empfangen haben. Aber denken Sie sich, wenn jemand dagesessen hätte, der gesagt hätte: Ach was, was der da ausgeführt hat, das geht mich alles nichts an. Daran glaube ich nicht, ich anerkenne gar nichts, ich will das nicht nachprüfen. — Ein anderer aber sagt: Sieh doch nach, ob die Sachen stimmen, prüfe sie mit deinem Verstande und mit deinen Seelenfähigkeiten. — Das will ich nicht, sagt der andere, darum kümmere ich mich zunächst nicht, mag das richtig oder unrichtig sein, darauf lasse ich mich nicht ein, aber ich fordere den Dr. Blümel auf, daß er sich in ein psychologisches Laboratoriium begibt, dort werde ich ihn durch meine psychologischen Methoden untersuchen, ob er ein Mathematiker ist.
[ 23 ] I do not wish to defend one group or criticize the other; I merely wish to mention how the anthroposophical movement dealt with these issues from one perspective or another. But just think: back then, the demand initially arose to justify, even within our own ranks and with the help of the scientific way of thinking prevalent at the time, what was being put forward from an anthroposophical perspective. It was, after all, even more moderate than what is being put forward from outside today. Many of you heard a lecture by Dr. Blümel today; I believe you understood his illuminating remarks very well and were left with a certain impression. But just imagine if someone had been sitting there who said: “Oh, come on, what he just explained—that’s none of my business. I don’t believe in it, I don’t accept any of it, and I don’t want to verify it.” — But another says: “Go ahead and see if these things are true; examine them with your intellect and with your soul’s faculties.” — “I don’t want to do that,” says the other. “I’m not concerned with that for now; whether it’s right or wrong, I’m not getting involved in it. But I’m calling on Dr. Blümel to go to a psychological laboratory, where I’ll examine him using my psychological methods to see if he’s a mathematician.”
[ 24 ] Es ist natürlich ein Blech, und zwar ein ganz ausgewalztes. Aber ganz genau dasselbe ist die Forderung, die uns heute von der Außenwelt entgegentritt, der anthroposophische Forscher soll sich in ein psychologisches Laboratorium begeben, um dort festzustellen, ob er ein Recht hat, seine Behauptungen oder Auseinandersetzungen zu machen. Es ist ganz genau dasselbe.
[ 24 ] It is, of course, a sheet of metal—and a thoroughly rolled-out one at that. But this is exactly the same demand we face today from the outside world: the anthroposophical researcher is expected to enter a psychological laboratory to determine whether he has a right to make his assertions or arguments. It is exactly the same.
[ 25 ] Man kann eben heute durchaus Unsinn, puren Unsinn behaupten, und die Menschen merken es nicht, sogar diejenigen, die sich entrüsten, merken nicht, daß es ein purer Unsinn ist. Sie glauben, es ist nur eine Böswilligkeit oder dergleichen. Denn sie können sich gar nicht vorstellen, daß man durch die sozialen Verhältnisse irgendwie offiziell zum Vertreter der Wissenschaft werden könnte und eigentlich lauter Unsinn redet. Das können sich die Leute nicht vorstellen. So chaotisch ist eben unser Geistesleben.
[ 25 ] These days, you can certainly spout nonsense—pure nonsense—and people don’t even notice it; even those who take offense don’t realize that it’s pure nonsense. They think it’s just malice or something like that. Because they simply do not have a mental image of someone somehow officially becoming a representative of science due to social circumstances and yet actually spouting nothing but nonsense. People do not have a mental image of that. That’s just how chaotic our intellectual life is.
[ 26 ] Also die Dinge, die berücksichtigt werden müssen, wenn von den Lebensbedingungen der anthroposophischen Bewegung geredet wird, müssen schon ganz aus den Kulturerscheinungen und aus den Kulturimpulsen der Gegenwart herausgeholt werden. Solche Dinge, wie ich sie hier auseinandersetze, müssen verstanden werden von demjenigen, der die Lebensbedingungen der anthroposophischen Bewegung kennen will.
[ 26 ] So the factors that must be taken into account when discussing the conditions of life within the anthroposophical movement must be derived entirely from contemporary cultural phenomena and cultural impulses. Such matters, as I discuss them here, must be understood by anyone who wishes to know the conditions of life within the anthroposophical movement.
[ 27 ] Nun, unbeirrt um all das mußten während der ersten Periode die wichtigsten menschlichen Wahrheiten, die wichtigsten kosmischen Wahrheiten herausgestellt werden. Und sozusagen ein Kompendium desjenigen, was bis dahin vertreten worden war innerhalb der anthroposophischen Bewegung, stellt meine «Geheimwissenschaft» dar. Das ist in einer Weise nun erarbeitet worden, von der ich sagen möchte: Es ging so, wie es ging, nur aus dem Grunde, weil man niemals ein abstraktes, sondern immer ein konkretes Wollen hatte, weil man niemals sozusagen mehr wollte, als sich aus dem Verfolg der Tatsachen zu wollen ergab.
[ 27 ] Well, undeterred by all of this, the most important human truths and the most important cosmic truths had to be brought to light during the first period. And my *The Secret Science* represents, so to speak, a compendium of what had been advocated up to that point within the anthroposophical movement. This has now been developed in a way about which I would like to say: It turned out the way it did solely because one never had an abstract will, but always a concrete one; because one never, so to speak, wanted more than what resulted from the pursuit of the facts.
[ 28 ] Für das möchte ich etwa nur das folgende anführen. Wir haben dazumal, gleich im Anfange der anthroposophischen Bewegung, eine Zeitschrift begründet, «Luzifer-Gnosis». Zuerst hieß sie «Luzifer». Dann, als fünf oder sechs Hefte erschienen waren, wollte sich eine Wiener Zeitschrift, die sich «Gnosis» nannte, damit verbinden. Ich möchte da noch die kleine Tatsache erwähnen, daß ich einfach die äußere Verbindung dieser zwei Zeitschriften dadurch habe ausdrücken wollen, daß ich der neueren Zeitschrift den Titel habe geben wollen: Luzifer mit der Gnosis. Ja, das hat zum Beispiel Hübbe-Schleiden ganz und gar nicht zugelassen, weil er gefunden hat, das würde darauf hinweisen, daß da eine unnatürliche Ehe zustande. gekommen wäre: Luzifer mit der Gnosis. Man könnte das nicht sagen. Nun, mir war das egal. So sagten wir «Luzifer-Gnosis» und machten einen Bindestrich dazwischen. Scharfsinnig war man schon da, wo man uns dazumal auf die Finger sah!
[ 28 ] To illustrate this, I would like to mention just the following. Back then, right at the beginning of the anthroposophical movement, we founded a journal called “Luzifer-Gnosis.” At first it was called “Luzifer.” Then, after five or six issues had been published, a Viennese journal called “Gnosis” wanted to merge with it. I would like to mention the small detail that I simply wanted to express the external connection between these two journals by giving the newer one the title: Luzifer mit der Gnosis. Yes, Hübbe-Schleiden, for example, absolutely would not allow that, because he felt it would suggest that an unnatural union had come about: “Luzifer mit der Gnosis.” One could not say that. Well, I didn’t care. So we called it “Luzifer-Gnosis” and put a hyphen between them. People were certainly sharp back then, keeping a close eye on us!
[ 29 ] Nun wurde diese Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» begründet. Wir haben natürlich mit einer ganz kleinen Anzahl von Abonnenten begonnen, aber die Abonnentenzahl ist tatsächlich verhältnismäßig außerordentlich rasch gewachsen, und wir haben eigentlich niemals ein Defizit gehabt, denn wir haben immer soviel gedruckt, als wir ungefähr haben verkaufen können. Und der Apparat der Expedition wurde so besorgt, daß, nachdem eine Nummer geschrieben und gedruckt war, mir die Exemplare wiederum in großen Postpaketen in die eigene Wohnung geschickt worden waren. Frau Doktor und ich selber klebten die Streifbänder drüber. Ich adressierte selbst und dann nahmen wir jeder einen Waschkorb und trugen die Sachen zur Post. Wir fanden, daß sich das ganz gut schickt. Ich hatte die Dinge zu schreiben, die Vorträge zu halten, Frau Doktor organisierte die ganze Anthroposophische Gesellschaft, nur ganz ohne Sekretär, denn hätte sie einen Sekretär gehabt, so hätte sie auch noch für diesen zu arbeiten gehabt. Also wir machten das ganz allein, und wir wollten niemals mehr, als man wollen konnte, ganz konkret. Man ging so viele Schritte vorwärts, als sich aus den Tatsachen ergab. Zum Beispiel trugen wir auch nicht größere Waschkörbe als solche, unter denen wir nicht zusammenfielen, nur beinahe. Wir gingen halt einmal öfter, als die Abonnentenzahl größer wurde.
[ 29 ] And so this magazine, *Luzifer-Gnosis*, was founded. Of course, we started with a very small number of subscribers, but the subscriber base has actually grown relatively quickly, and we have never really run a deficit, because we have always printed about as many copies as we could sell. And the distribution system was set up so that, once an issue had been written and printed, the copies were sent back to my own apartment in large mail packages. Dr. [Name] and I would affix the bands ourselves. I addressed the envelopes myself, and then we each took a laundry basket and carried the packages to the post office. We thought that worked out quite well. I had to write the texts and give the lectures, while Dr. [Name] organized the entire Anthroposophical Society—entirely without a secretary, because if she’d had a secretary, she would have had to work for him as well. So we did it all on our own, and we never wanted more than was actually possible, quite concretely. We took as many steps forward as the circumstances allowed. For example, we didn’t carry laundry baskets any larger than those under which we wouldn’t fall—well, almost. We simply made more trips as the number of subscribers grew.
[ 30 ] Nun, dann ging ja «Luzifer-Gnosis», als wir diese interessante Beschäftigung eine Zeitlang getrieben hatten, über in den Verlag von Altmann in Leipzig. Und dann hörte «Luzifer-Gnosis» zu erscheinen auf, nicht aus dem Grunde, weil sie eingehen mußte, denn sie hatte dazumal viel mehr Abonnenten, als sie brauchte, aber ich hatte keine Zeit mehr zum Schreiben.
[ 30 ] Well, after we had been engaged in this interesting endeavor for a while, “Luzifer-Gnosis” was taken over by the Altmann publishing house in Leipzig. And then “Luzifer-Gnosis” ceased publication—not because it had to shut down, since it had far more subscribers than it needed at the time, but because I no longer had time to write.
[ 31 ] Es ist tatsächlich so, daß dann schon die Anforderungen für das Vorträge-halten, und überhaupt die Gesellschaft geistig zu verwalten, einem die Zeit stark in Anspruch nahmen - die Sache hat sich ja ganz langsam und allmählich entwickelt - und dieses Nichtmehrerscheinen von «Luzifer-Gnosis» bewirkten. Zunächst traten große Zwischenräume ein, das Januarheft erschien im Dezember, und dann wurden aus einem Jahre anderthalb Jahre, und die Abonnenten machten furchtbaren Radau. Der Verleger Altmann bekam lauter Reklamationen, so daß ich mir nicht mehr anders helfen konnte, als ihm mitteilen: Nun müssen wir halt ganz aufhören und den Abonnenten sagen, wenn sie auch noch so lange warten, kriegen tun sie nichts mehr!
[ 31 ] The fact is that the demands of giving lectures—and, more generally, of managing the society intellectually—already took up a great deal of my time—the whole thing developed quite slowly and gradually—and this led to the cessation of publication of *Luzifer-Gnosis*. At first, there were long gaps between issues; the January issue came out in December, and then one year turned into a year and a half, and the subscribers made a terrible fuss. The publisher, Altmann, received a flood of complaints, so that I had no choice but to tell him: “Now we’ll just have to stop altogether and tell the subscribers that no matter how long they wait, they won’t be getting anything anymore!”
[ 32 ] Nun, das war natürlich auch im inneren Gang der Entwickelung: man wollte niemals mehr, als sich aus dem konkreten Schritte selber ergab. Und dies gehört zu den Lebensbedingungen einer geistigen Gesellschaft. Weittragende Ideale mit Worten aufzustellen, das ist das Allerschlimmste für eine geistige Gesellschaft; Programme machen ist das Allerschlimmste für eine geistige Gesellschaft. Es wurde eben in dieser ersten Periode so gearbeitet, daß einfach zunächst 1907, 1908, 1909 die Grundlage da war einer Geisteswissenschaft, wie sie in die moderne Zeit hereingehörte.
[ 32 ] Well, that was, of course, also part of the inner course of development: one never sought more than what arose from the concrete steps themselves. And this is part of the conditions for the existence of an intellectual society. Setting forth far-reaching ideals in words is the very worst thing for a spiritual society; drawing up programs is the very worst thing for a spiritual society. In this initial period, work was carried out in such a way that, by 1907, 1908, and 1909, the foundation was simply in place for a Spiritual Science that belonged in the modern era.
[ 33 ] Dann kam die zweite Periode, die wesentlich nun fertig war mit der Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft. Die Theologen meldeten sich damals durchaus noch nicht. Sie saßen so fest überall in ihren Sätteln, daß sie sich gar nicht um die Sache kümmerten.
[ 33 ] Then came the second period, which had essentially moved beyond the debate with the natural sciences. The theologians had not yet made their voices heard at that time. They were so firmly entrenched in their positions that they paid no attention to the matter at all.
[ 34 ] Nachdem diese Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft vorbei war, konnte man nun an die andere Aufgabe herantreten. Das war die der Auseinandersetzung mit den Evangelien, mit der Genesis, überhaupt mit der christlichen Überlieferung, mit dem Christentum als solchem.
[ 34 ] Once this engagement with the natural sciences was over, it was possible to turn to the other task. That was the task of engaging with the Gospels, with Genesis, with Christian tradition in general, and with Christianity as such.
[ 35 ] Das war ja auch schon fadengezeichnet in meinem Buche, das am Ausgangspunkt stand: «Das Christentum als mystische Tatsache». Denn das ist schon 1902 erschienen. Aber der Ausbau sozusagen des anthroposophischen Verstehens des Christentums war im wesentlichen die Aufgabe der zweiten Epoche bis so zum Jahre 1914 hin. Da wurden in Hamburg, Kassel, Berlin, Basel, Bern, München, Stuttgart die Vortragszyklen über verschiedene Teile der christlichen Überlieferung gehalten.
[ 35 ] This was, in fact, already outlined in my book that served as the starting point: *Christianity as a Mystical Fact*. For that was published as early as 1902. But the development, so to speak, of the anthroposophical understanding of Christianity was essentially the task of the second epoch, up until about 1914. During that time, lecture series on various aspects of the Christian tradition were held in Hamburg, Kassel, Berlin, Basel, Bern, Munich, and Stuttgart.
[ 36 ] Da wurde zum Beispiel auch dasjenige ausgearbeitet, was dann bis jetzt nur skizziert vorliegt als «Geistige Führung des Menschen und der Menschheit» und so weiter. Da also war die Zeit, in welcher im wesentlichen die christliche Seite der Anthroposophie in Anlehnung an die historische christliche Überlieferung ausgearbeitet worden ist.
[ 36 ] For example, that which has so far only been outlined as “The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity” and so on was also developed during that time. That was, in essence, the period in which the Christian aspect of anthroposophy was developed in accordance with the historical Christian tradition.
[ 37 ] Dann fiel in diese Zeit hinein, ich möchte sagen, die erste Verbreiterung der Anthroposophie nach dem Künstlerischen hin mit den Aufführungen der Mysterien-Dichtungen in München. Das alles stand eigentlich wiederum unter dem Zeichen, nicht mehr zu wollen, als sich aus den Tatsachen selber ergab.
[ 37 ] Then, during this period, I would say, came the first expansion of anthroposophy into the realm of the arts with the performances of the Mystery Dramas in Munich. All of this was, in fact, once again characterized by the desire to seek nothing more than what arose from the facts themselves.
[ 38 ] In diese Zeit hinein fiel dann das, was eben zu jener, eigentlich für die Anthroposophie gleichgültigen Tatsache führte des Ausgeschlossenwerdens von der Theosophischen Gesellschaft, weil, wie ich gestern abend sagte, es der Anthroposophie gleichgültig sein konnte, ob sie eingeschlossen oder ausgeschlossen war, denn sie ging ihre eigenen Wege vom Anfange an. Wer mitgehen wollte, konnte mitgehen. Und sie kümmerte sich vom Anfange an nicht in einer innerlichen Weise, nicht in bezug auf ihre geistigen Feststellungen um dasjenige, was von der Theosophischen Gesellschaft ausgegangen war. Aber es wurde eben auch das äußerliche Zusammengehen immer schwieriger und schwieriger.
[ 38 ] It was during this period that the events unfolded which led to the fact—which was, in truth, of no consequence to anthroposophy—of being expelled from the Theosophical Society; for, as I said last night, it made no difference to anthroposophy whether it was included or excluded, since it had been following its own path from the very beginning. Anyone who wanted to join in could do so. And from the very beginning, it did not concern itself—in an inner sense, nor in regard to its spiritual convictions—with what had emanated from the Theosophical Society. But external cooperation also became increasingly difficult.
[ 39 ] Zuerst war eben durchaus die Hoffnung vorhanden, durch diejenigen Umstände, von denen ich wenigstens einige charakterisiert habe, daß eigentlich die theosophische Bewegung, die in der Theosophical Society vereinigt war, ganz anthroposophisch werden könnte. Zu diesen Umständen, die diese Hoffnungen berechtigt erscheinen ließen, gehörte auch der, daß tatsächlich durch die besondere Art, wie innerhalb der Theosophischen Gesellschaft geforscht wurde, schwere Enttäuschungen gerade über diejenigen Menschen gebracht wurden, die in einem höheren Grade urteilsfähig waren. Und da muß ich schon sagen, als ich das erste und zweite Mal nach London kam, mußte ich die Erfahrung machen, wie die führenden Persönlichkeiten eigentlich im Grunde genommen durchaus Menschen darstellten, die einander mit großer Skepsis entgegenkamen, die durchaus auf einem unsicheren Boden sich fühlten, den sie aber doch wieder nicht verlassen wollten, weil sie nicht wußten, wo sie die Sicherheit suchen sollten.
[ 39 ] At first, there was certainly hope that, due to the circumstances—at least some of which I have described—the Theosophical Movement, which was united within the Theosophical Society, might actually become entirely anthroposophical. Among these circumstances, which made these hopes seem justified, was the fact that the particular way in which research was conducted within the Theosophical Society actually led to severe disappointments, especially for those people who possessed a higher degree of discernment. And I must say that when I came to London for the first and second time, I experienced how the leading figures were, at heart, people who approached one another with great skepticism, who certainly felt they were on uncertain ground, yet did not want to leave it because they did not know where to seek security.
[ 40 ] Es waren viele enttäuschte, von Bedenken reichlich erfüllte Menschen gerade unter den Führern der Theosophical Society. Und es ist schon ein wichtiges Moment für den Gang, den die Verhältnisse in der Theosophischen Gesellschaft genommen haben, die merkwürdige Wandlung, die Annie Besant etwa zwischen den Jahren 1900 und, sagen wir, 1907 durchgemacht hat.
[ 40 ] There were many disappointed people, filled with doubts, especially among the leaders of the Theosophical Society. And it is indeed a significant moment in the course that events have taken within the Theosophical Society—the remarkable transformation that Annie Besant underwent between, say, 1900 and 1907.
[ 41 ] Sie hatte anfangs eine gewisse Toleranz. Sie hat, glaube ich, nie etwas verstanden von dem, was als Anthroposophie aufgetreten ist. Ich glaube nicht, daß sie etwas davon verstanden hat, aber sie ließ es gelten, hatte es anfangs sogar gegen die starren Dogmatiker verteidigt, das heißt, das Recht zu bestehen hat sie verteidigt. Ein anderes kann eben nicht gesagt werden, denn das ist schon so.
[ 41 ] At first, she showed a certain degree of tolerance. I don’t think she ever understood anything about what was presented as anthroposophy. I don’t think she understood any of it, but she accepted it; at first she even defended it against the rigid dogmatists—that is, she defended its right to exist. One simply cannot say anything else, for that is just the way it is.
[ 42 ] Aber nun muß ich etwas sagen, was ich bitte, auch innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sehr stark zu berücksichtigen. Mit einer solchen geistigen Gesellschaft, auch wie sie die theosophische war, sind eben gewisse rein persönliche Aspirationen, rein persönlich gefärbte Sympathien und Antipathien absolut nicht verträglich. Trotzdem finden sich so zahlreich gerade die Fälle, wo irgend jemand eigentlich das oder jenes will. Er will es aus irgendwelchen Untergründen seines Wesens heraus, will also zum Beispiel eine Persönlichkeit vergöttern. Aus irgendeinem Untergrund seines Wesens heraus will er es. Das, was ihn dazu nötigt, das Triebartige, vielleicht auch das Gehirntriebartige, das will er sich nicht eingestehen. Aber er beginnt nun eine künstliche astralische Aura um die Persönlichkeit, die er nun anhimmeln will, zu weben. «Advanced» ist eine solche Persönlichkeit, «vorgeschritten». Wenn man dann noch besonders etwas sagen will, dann heißt es: Oh, die weiß drei, vier ihrer früheren Erdenleben, hat sogar mir von meinem früheren Erdenleben gesprochen. Oh, die weiß viel! - Und nun kommt eben eine ganz geistige. Interpretation desjenigen, was, um den Nietzscheschen Ausdruck zu gebrauchen, nur menschlich-allzumenschlich ist. Würde man es menschlich-allzumenschlich charakterisieren und schildern, würde man einfach, nun, vielleicht nicht gleich sagen: Ich habe einen Affen für die Person, — das ist ja nicht nötig, aber man kann doch sagen: Sie ist mir sympathisch, ich lasse mir das nicht bestreiten, sie ist mir eben sympathisch. Es wäre ja dann alles gut, auch in einer okkulten Gesellschaft. Selbstverständlich war zum Beispiel Max Seiling durchaus in gewissem Sinne amüsant, besonders wenn er so zappelig Klavier gespielt hat, es war amüsant, mit ihm Tee zu trinken und so weiter. Gut, wenn man sich das nur gestanden hätte! Wenn man sich gestanden hätte: Das gefällt einem! — so wäre es gescheiter gewesen, als wenn man ihn verhimmelte wie in der Münchner Gruppe.
[ 42 ] But now I must say something that I ask you to take very seriously, even within the Anthroposophical Society. In a spiritual society such as this—or as the Theosophical Society was—certain purely personal aspirations, as well as sympathies and antipathies colored purely by personal bias, are absolutely incompatible. Nevertheless, there are so many cases where someone actually wants this or that. He wants it from some deep-seated part of his being; for example, he wants to idolize a particular personality. He wants it from some deep-seated part of his being. He does not want to admit to himself what compels him to do so—the instinctual, perhaps even the cerebral-instinctual. But he now begins to weave an artificial astral aura around the personality he now wishes to idolize. “Advanced” is such a personality—“progressive.” If one then wants to say something specific, one might say: “Oh, she knows three or four of her past earthly lives; she even spoke to me about my own past earthly life.” Oh, she knows so much!—And now comes a purely spiritual interpretation of what, to use Nietzsche’s expression, is merely human—all-too-human. If one were to characterize and describe it as human—all too human, one would simply—well, perhaps not go so far as to say: “I’m crazy about that person”—that’s not necessary, after all—but one could certainly say: “I find her likable; I won’t let anyone argue with that—she’s just likable to me.” Then everything would be fine, even in an occult society. Of course, Max Seiling, for example, was certainly amusing in a certain sense, especially when he played the piano so restlessly; it was amusing to have tea with him and so on. Well, if only one had admitted that to oneself! If one had admitted: “I like that!”—it would have been wiser than idolizing him as they did in the Munich group.
[ 43 ] Alle diese Dinge, sehen Sie, sind direkt widersprechend den Lebensbedingungen einer solchen Gesellschaft. Aber wer vorbildlich solchen Dingen verfiel, das war eben gerade Annie Besant. Denn es tauchte zum Beispiel einmal — ich möchte diese Dinge mehr an Hand von Tatsachen erzählen - ein Name auf. Ich hatte mich eigentlich nie viel um Literatur der ’Theosophical Society gekümmert, ich habe im Grunde genommen das Wenigste gelesen von dieser Literatur, daher lernte ich den Namen Bhagavân Däs erst kennen, als mir eines Tages, mit der Schreibmaschine geschrieben, ein dickes Manuskript zugeschickt wurde. Das Manuskript war so angeordnet: zweispaltig, links mit der Schreibmaschine beschrieben, rechts war freier Raum. Dabei war ein Brief von Bhagavân Dâs, es war ungefähr glaube ich 1905, in dem er schrieb, er möchte gern eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Menschen über dasjenige, was er in diesem Manuskript der Welt offenbaren wollte.
[ 43 ] All these things, you see, are in direct contradiction to the way of life in such a society. But the one who fell prey to such things in an exemplary way was none other than Annie Besant. For example—and I’d like to base my account on facts—a certain name came up once. I had actually never paid much attention to the literature of the Theosophical Society; in fact, I had read very little of it, so I didn’t become familiar with the name Bhagavân Dâs until one day I was sent a thick manuscript, typed on a typewriter. The manuscript was laid out in two columns: the left column was typed, and the right column was left blank. Enclosed was a letter from Bhagavân Dâs—I believe it was around 1905—in which he wrote that he would like to engage in a discussion with various people about what he intended to reveal to the world in this manuscript.
[ 44 ] Nun, es war ja wirklich die anthroposophische Bewegung dazumal schon so ausgebreitet, daß ich nicht gleich dazu kam, dieses Manuskript zu lesen. Er sagte, man solle dann auf die rechte Seite das schreiben, was man dazuzusetzen hat, und dann es ihm zurückschicken.
[ 44 ] Well, the anthroposophical movement was already so widespread back then that I didn't get around to reading this manuscript right away. He said one should write whatever one had to add on the right-hand side and then send it back to him.
[ 45 ] Ich kam ja damals ein bißchen herum. Da fand ich auch noch andere Leute, denen er das Manuskript geschickt hatte. Dann wurde mir immer mehr und mehr klar: Bhagavän Dâs, das war eben, nun ein «ganz okkulter Mensch», ein Mensch, der aus den Tiefen der Geistigkeit heraus schöpfte. Das war ungefähr die Meinung, welche diejenigen, die um Annie Besant waren, über Bhagavän Dâs verbreiteten. Da er die Sache von Indien aus schickte, dem indischen Hauptquartier nahestand und solche Berühmtheit hatte - zum Beispiel am Amsterdamer Kongreß hörte man überall: Bhagavân Dâs, Bhagavân Dâs —, war es schon wirklich so, wie wenn da nun ein Brunnen wäre, der immerfort nur so von Weisheit überläuft. Da schaute ich mir das Ding dennoch an. Ein schauderhaft dilettantisches Gewirr von Fichtescher Philosophie, Hegelscher Philosophie, Schopenhauerscher Philosophie, alles mögliche ohne das geringste Verständnis durcheinandergemsicht, und durch das Ganze ging dann, ich möchte sagen, wie so eine unendliche Melodie «self» und «notself», und dann kam wieder von Fichte etwas auseinandergesetzt und so weiter, dann wiederum «self» und «notself». Es war also etwas Schauderhaftes. Ich habe mich nie wieder darum gekümmert. Ich habe gar nichts geschrieben auf die andere Seite. Aber nicht wahr, an solchen Dingen zeigte sich doch, wie die Dinge allmählich ins persönliche Fahrwasser hineinkamen. Es ist eben aus rein persönlichen Gründen diese Persönlichkeit Bhagavân Dâs so verhimmelt worden. Sie können ja heute seine Bücher noch nachlesen, da werden Sie schon bewahrheitet finden, was ich sagte. Er hat ja, nicht wahr, Bücher fabriziert. Durch solche Dinge zeigte sich, wie das persönliche Element in die sachlich sein sollenden Impulse hineingebracht worden ist. Und da einmal das da war, das namentlich so um 1905 stark begann, ging der Rutsch eben mit Notwendigkeit abwärts. Das andere war im Grunde genommen dann eigentlich die Folge davon.
[ 45 ] I did get around a bit back then. There I also met other people to whom he had sent the manuscript. Then it became increasingly clear to me: Bhagavân Dâs was, well, a “truly occult person”—a person who drew from the depths of spirituality. That was roughly the opinion that those around Annie Besant were spreading about Bhagavân Dâs. Since he sent the material from India, was close to the Indian headquarters, and enjoyed such fame—for example, at the Amsterdam Congress, you heard people saying everywhere: “Bhagavân Dâs, Bhagavân Dâs”—it really was as if there were a well constantly overflowing with wisdom. So I took a look at the thing anyway. A horrendously amateurish jumble of Fichtean philosophy, Hegelian philosophy, Schopenhauerian philosophy—all sorts of things thrown together without the slightest understanding—and running through the whole thing, I’d say, like an endless melody of “self” and “not-self,” and then there was another exposition of Fichte and so on, followed again by “self” and “not-self.” So it was something truly appalling. I never paid any attention to it again. I didn’t write a single word on the other side. But isn’t it true that such things revealed how matters gradually veered into the realm of the personal? It is precisely for purely personal reasons that this figure, Bhagavân Dâs, was so idolized. You can still read his books today, and you’ll find that what I said is true. He did, after all, fabricate books, didn’t he? Such things revealed how the personal element was introduced into impulses that were supposed to be objective. And once that was there—which began in earnest around 1905—the downward slide was, of necessity, inevitable. The other development was, in essence, actually the consequence of that.
[ 46 ] Damit will ich nicht sagen, daß in irgendwelcher beliebigen Gesellschaft, wenn einer einen Unsinn schreibt, die Gesellschaft abstürzen muß. Aber in geistigen Gesellschaften herrschen eben andere Gesetze, innere Notwendigkeiten. Da dürfen insbesondere von den führenden Persönlichkeiten solche Dinge nicht praktiziert werden, sonst geht eben, nicht wahr, der Rutsch nach abwärts mit Notwendigkeit vor sich. Und er ging auch vor sich.
[ 46 ] I don’t mean to say that in just any society, if someone writes nonsense, the society is bound to collapse. But in intellectual societies, different laws—internal necessities—prevail. In particular, such behavior must not be practiced by the leading figures; otherwise, the downward slide is bound to occur, isn’t it? And that is exactly what happened.
[ 47 ] Es kam dann die absurde Geschichte bei Olcotts Tod, die sich dazumal abgespielt hat, die eigentlich schon der Anfang des Endes der Theosophical Society war: die sogenannte Ernennung durch die Meister. Aber die war noch wenigstens insoweit zu schlichten, als man sagen konnte: Nun ja, da sind eben einige, die bringen allerdings aus einem besonderen Prinzip heraus absurde Dinge in die Gesellschaft hinein. Dann aber kam die Angelegenheit mit Leadbeater, die ich jetzt nicht besprechen möchte. Und dann kam es eben zur Feststellung jenes Knaben, nicht wahr, der als der Christus oder zum Christus erzogen werden sollte und so weiter. Und als das nicht anerkannt werden konnte von denjenigen, die diese Absurditäten nicht mitmachen wollten, wurden eben die Leute ausgeschlossen.
[ 47 ] Then came the absurd story surrounding Olcott’s death, which unfolded at that time and which was, in fact, already the beginning of the end for the Theosophical Society: the so-called appointment by the Masters. But that could at least be explained away to the extent that one could say: Well, there are just a few people who, based on a particular principle, do bring absurd things into the Society. Then, however, came the matter with Leadbeater, which I do not wish to discuss now. And then came the identification of that boy, didn’t it, who was to be raised as the Christ or to become the Christ, and so on. And when this could not be accepted by those who did not want to go along with these absurdities, those people were simply expelled.
[ 48 ] Nun, die anthroposophische Bewegung hat durch alle diese Dinge hindurch ihre gerade Linie verfolgt und sich wirklich eigentlich im Grunde genommen als Bewegung nicht gekümmert um diese Dinge. Nicht wahr, wenn man, sagen wir, 1911 forschte über «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», am 24. März und am 25. März die absurden Berichte aus Adyar oder sonst woher von der Theosophical Society kamen, so brauchte man ja an diesem 25. März deshalb das, was man am 24. getan hatte, nicht anders fortzusetzen. Also der innere Gang wurde davon wirklich gar nicht berührt. Das muß tatsächlich absolut festgehalten werden. Es brauchte einen dazumal schon wirklich nicht zu interessieren, was von dieser oder jener Seite der führenden Persönlichkeiten der Theosophical Society ausging, geradesowenig, als es mich irgendwie besonders überrascht hat, daß man in der letzten Zeit hören konnte: Leadbeater, über den Sie ja auch manches gehört haben, ist nun auf seine alten Tage altkatholischer Bischof geworden, und einer seiner Genossen, der dazumal auch schon beim Münchner Kongreß war, ist gar altkatholischer Erzbischof geworden. Nicht wahr, man braucht sich gar nicht zu wundern über diese Dinge. Es ging jetzt eben nicht gerade, sondern es ging alles quer und schief. Warum sollte nicht auch das stattfinden? Man brauchte eigentlich das persönliche Verhältnis zu den Leuten gar nicht besonders zu ändern, ich meine das unmittelbare Verkehrsverhältnis. Ich habe dann, vor zwei Jahren, glaube ich, war es, in Amsterdam einen Vortrag gehalten. Nach dem Vortrage kam einer derjenigen Herren in der alten Freundlichkeit auf mich zu, der 1907 am Münchner Kongreß einen Vortrag gehalten hatte. Er schaute noch geradeso aus, nur war er inzwischen altkatholischer Erzbischof geworden. Er hatte nicht das Kostüm an, aber er war es!
[ 48 ] Well, throughout all these events, the anthroposophical movement has followed its own straight course and, as a movement, has really not, at heart, concerned itself with these matters. Isn’t that right? If, say, in 1911 one was researching “The Spiritual Guidance of the Individual and of Humanity,” and on March 24 and March 25 absurd reports came from Adyar or elsewhere from the Theosophical Society, there was no reason on that March 25 to stop what one had been doing on the 24th. So the inner course of things was really not affected by this at all. This must indeed be firmly established. At that time, one really did not need to be interested in what was coming from this or that side of the leading figures of the Theosophical Society, just as it did not particularly surprise me in any way to hear recently that: Leadbeater—about whom you’ve certainly heard quite a bit—has now, in his old age, become an Old Catholic bishop, and one of his associates, who was also present at the Munich Congress back then, has even become an Old Catholic archbishop. Isn’t it true that one needn’t be at all surprised by these things? Things just didn’t go straight; instead, everything went sideways and askew. Why shouldn’t that happen, too? One didn’t really need to change one’s personal relationship with people all that much—I mean the immediate, day-to-day interaction. Then, two years ago, I believe it was, I gave a lecture in Amsterdam. After the lecture, one of those gentlemen—who had given a lecture at the Munich Congress in 1907—approached me with his usual friendliness. He looked exactly the same, except that he had since become an Old Catholic archbishop. He wasn’t wearing the traditional vestments, but it was definitely him!
[ 49 ] Das alles sind die Dinge, die eben sich in einem solchen Gebiete des modernen Kulturlebens abspielten, wo wirklich wiederum auf der anderen Seite aus einer inneren Notwendigkeit heraus die heimatlosen Seelen angezogen wurden. Man darf nicht vergessen, daß innerhalb der Strömung, die man so charakterisieren muß, doch eben diejenigen Seelen zu finden waren, die am allerintensivsten nach einer Verbindung der menschlichen Seele mit der geistigen Welt strebten. Man schildert eben nicht ehrlich den Gang des modernen Kulturlebens, wenn man nicht diese Kontraste einmal wirklich zur Anschauung bringt. Deshalb mußte ich schon heute, bevor ich nun morgen in die Beschreibung unserer letzten Periode, und damit der eigentlichen Lebensbedingungen der Natur der Anthroposophischen Gesellschaft eintrete, auch noch diese Notizen, meine lieben Freunde, vor Ihnen vorbringen.
[ 49 ] All of these are the things that took place in such a sphere of modern cultural life, where, on the other hand, the homeless souls were drawn there out of an inner necessity. One must not forget that within the movement—which must be characterized in this way—one could indeed find precisely those souls who strove most intensely for a connection between the human soul and the spiritual world. One cannot honestly describe the course of modern cultural life without truly bringing these contrasts to light. That is why I had to present these notes to you today, my dear friends, before I begin tomorrow with the description of our most recent period—and thus the actual conditions of life within the Anthroposophical Society.
