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Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung
im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft
Eine Anregung zur Selbstbesinnung
GA 258

15 Juni 1923, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Ich habe mit einigem dasjenige skizziert, was richtende Kräfte waren in den zwei ersten Perioden der anthroposophischen Bewegung, und ich möchte, um eine Basis zu gewinnen zur Schilderung desjenigen, was dann in der dritten Periode sich abgespielt hat, noch auf einige Erscheinungen der ersten und zweiten Periode eingehen. Die Sache ist ja so, daß trotz allem Auseinandergesetzten noch die Frage aufgeworfen werden kann: Womit war es begründet, daß die anthroposophische Bewegung sich doch in einem ziemlich äußerlichen Zusammenhalt befunden hat mit der theosophischen Bewegung?

[ 2 ] Gerade diese Frage, die eine so komplizierte ist, wird sich eben nur beantworten, wenn wir einige Erscheinungen ins Auge fassen, die charakteristisch sind für die Entwickelung der anthroposophischen Bewegung.

[ 3 ] Da möchte ich zunächst die erste Periode, die etwa bis zum Jahre 1907 ging, annähernd dadurch charakterisieren, daß es sich dazumal darum handelte, die Grundlagen des Inhaltes einer Geisteswissenschaft zu entwickeln.

[ 4 ] Wer versucht, an Hand der Dokumente in jene Zeit zurückzublicken, wird eben sehen, daß damals nach und nach in Vorträgen, Vortragszyklen, auch in demjenigen, was dann die Mitarbeiter weiter erarbeitet haben, herausgekommen ist der Inhalt, der grundlegende Inhalt der Geisteswissenschaft in dem Sinne, wie er anthroposophisch gedacht werden muß. Es schließt diese Epoche - die Dinge stimmen natürlich nur ungefähr, aber alles ist so in der geschichtlichen Entwickelung — ungefähr, möchte ich sagen, mit der Veröffentlichung meiner «Geheimwissenschaft».

[ 5 ] Diese «Geheimwissenschaft» erschien allerdings etwa eineinhalb Jahre später erst gedruckt, aber der wesentliche Inhalt, die Bekanntmachung des wesentlichen Inhaltes fällt durchaus in die erste Periode anthroposophischen Strebens. In dieser Periode war durchaus bis zum Jahre 1905 oder 1906 eine ganz bestimmte Hoffnung berechtigt. Es war die Hoffnung, daß allmählich der anthroposophische Inhalt der Lebensinhalt der Theosophischen Gesellschaft überhaupt werden könnte.

[ 6 ] Man konnte bis zum Jahre 1905, 1906 nicht sagen, daß nicht etwa allmählich durch ganz natürliche Entwickelung die Theosophische Gesellschaft hineinwachsen werde in eine anthroposophische. Das zu hoffen war dadurch möglich, daß ja in diesen Jahren im äußerlichen Ausleben eine der maßgebendsten Persönlichkeiten der Theosophischen Gesellschaft, Annie Besant, eine gewisse Toleranz an den Tag legte, und daß sie durchaus das Bestreben hatte, verschiedene Richtungen nebeneinander wirken zu lassen. Es war das durchaus der Fall bis etwa zum Jahre 1905 und 1906.

[ 7 ] In dieser Zeit mußte man zwar, wenn man sich keinen Illusionen hingeben wollte, gewiß sehen, daß gerade eine so führende Persönlichkeit, wie Annie Besant in der Theosophischen Gesellschaft es war, sehr primitive Vorstellungen von moderner Wissenschaftlichkeit hatte; das hatte sie. Aber immerhin, trotz allen dilettantischen Zügen, die dadurch in ihre Bücher hineinkamen, war — namentlich dadurch, daß allmählich die Theosophische Gesellschaft als Theosophical Society in London zentriert war, und daß diese Theosophical Society allmählich, ich möchte sagen, sich gespeist hat mit orientalischer Weisheit — eine ganze Summe von Weisheiten, unverdaut zumeist, in den Leuten drinnen, die zu dieser Gesellschaft gehörten. Es lebte diese Weisheit sogar manchmal in den sonderbarsten Vorstellungen. Aber wenn man absah davon, daß solche Vorstellungen manchmal so weit gingen, daß sie ganz und gar ihrem Ursprunge und ihrer wahren Bedeutung unähnlich waren, so strömte doch immerhin durch solche Bücher wie «Die uralte Weisheit» oder namentlich «Der Fortschritt der Menschheit» oder selbst «Das Christentum» von Annie Besant etwas hindurch, was zwar traditionell überbracht war, was aber uralten Weisheitsquellen entstammte, obwohl nicht immer die Kanäle einwandfrei waren, durch welche diese alte Weisheit bis in jene Bücher und Vorträge heruntergeflossen war. So also stand es dazumal mit der Sache.

[ 8 ] Auf der anderen Seite muß man sich immer die Tatsache vor Augen halten, daß außerhalb dieser Kreise für wirkliche spirituelle Forschung überhaupt kein Interesse in der gegenwärtigen Welt vorhanden war. Es bestand einfach die Tatsache, daß aus denjenigen, die sich in diese Menschengruppe sozusagen hineinfanden, die Möglichkeit sich ergeben konnte, zu entzünden ein Interesse für wahrhaftige moderne Geisteswissenschaft.

[ 9 ] Nun war aber gerade in dieser ersten Periode gegen mancherlei zu kämpfen. Ich will Sie gar nicht damit behelligen, daß einfach der Name «Theosophie» von sehr vielen Gesellschaften angenommen worden ist, Gesellschaften, die im Grunde genommen außerordentlich wenig mit ernstem geistigem Streben zu tun hatten. Streben war schon bei vielen Menschen vorhanden, aber ein zum Teil recht egoistisches, zum Teil außerordentlich triviales Streben. Aber auch solche trivialen Strömungen gaben sich vielfach den Namen von Theosophischen Gesellschaften. Man braucht nur etwa daran zu erinnern, daß ziemlich weit verbreitet, namentlich in Mitteleuropa, in Deutschland, Österreich, auch in der Schweiz, gewisse theosophische Zweige waren, welche sich so nannten, aber im Grunde genommen das, was die 'Theosophical Society hatte, in einer außerordentlich verwässerten Weise hatten, und dann wiederum durchtränkt mit allen möglichen, zuweilen sehr törichten Okkultismen.

[ 10 ] Eine in solchen Zweigen, in solchen Gesellschaften vielfach wirkende Persönlichkeit war diejenige, die Ihnen auch noch dem Namen nach, oder wenigstens vielen von Ihnen dem Namen nach bekannt sein dürfte: Franz Hartmann. Aber welch «tiefer Geist» und welch «tiefer Ernst», unter Anführungszeichen gesprochen, in diesen Trivialgesellschaften war, das mag Ihnen einfach daraus hervorgehen, daß ich Ihnen etwas den zynischen Charakter schildere jenes Führers, den ich eben genannt habe. Der sagte einmal in einer Gesellschaft von wenigen, bei der ich aber auch anwesend war — man kann ja durchaus für diese Dinge sich auch psychologisch interessieren, um zu sehen, wie eigentlich die menschliche Seele zu dem oder jenem kommen kann. Da hat die Theosophische Gesellschaft einmal einen gewissen Streit gehabt um die Persönlichkeit des Judge in Amerika. Ich will von diesem Streite nicht sprechen, aber will nur sagen, daß der Streit sich namentlich darum drehte, ob gewisse Botschaften, die Judge versendet hat, von wirklichen höheren eingeweihten Persönlichkeiten, sogenannten Meistern, herrührten. Nun, Franz Hartmann sagte: Ach, die Sache mit dem Judge, die kenne ich ganz gut. Der hat in Amerika solche Meisterbriefe verschickt. Dazumal kam er nach Indien. Wir waren ja im Hauptquartier in Indien, und da wollte er, damit er in Amerika Autorität haben könnte, damit er sagen könnte, daß er von eingeweihten Persönlichkeiten Missionen erteilt bekommen hätte, Meisterbriefe haben. Da sagte ich zu ihm, so erzählte Franz Hartmann: Meisterbriefe? Ich kann dir welche schreiben. Da antwortete Judge: Ja, das geht doch nicht, da kann ich dann doch nicht behaupten, daß das Meisterbriefe sind, denn die fliegen einem doch aus der Luft zu, die kommen doch auf zauberhafte Weise zustande und fliegen einem dann auf den Kopf, und das muß ich sagen können. Da sagte Franz Hartmann zu Judge - er erzählte es selber! -: Ach, da ist keine Not, das kann man machen. Der Judge war ein ganz kleiner Kerl, so erzählte uns Hartmann, und da habe er ihm gesagt: Stelle dich auf den Fußboden, ich will mich auf einen Stuhl stellen, und dann werde ich dir den Brief auf den Kopf fallen lassen. So könnte er mit gutem Gewissen sagen, er verbreite Briefe, die ihm aus der Luft auf den Kopf geflogen sind.

[ 11 ] Nun, das ist nur ein extremes Beispiel für solche Dinge, die sich schon gar nicht so selten in der Welt finden. Aber, wie gesagt, ich möchte Sie nicht behelligen mit diesen Trivialgesellschaften, ich möchte nur aufmerksam darauf machen, daß gerade in dieser ersten Periode der anthroposophischen Bewegung, durch das Nebenhergehen neben der theosophischen, sich eine gewisse Notwendigkeit ergab, gegen das modern wissenschaftliche Denken sich zu wehren.

[ 12 ] Ich weiß nicht, ob diejenigen, die später dann zur anthroposophischen Bewegung hinzugetreten sind und als Wissenschafter und vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus die nun schon mehr entwickelte Anthroposophie in ihrer dritten Periode namentlich betrachteten, genügend Einblick sich verschafft haben in die Tatsache, daß eine Auseinandersetzung mit dem wissenschaftlichen Denken der neueren Zeit in einer ganz eigenartigen Weise gerade während der ersten Periode der anthroposophischen Bewegung stattgefunden hat. Ich will Ihnen dafür ein paar Beispiele nennen. Ich nenne nur Beispiele, denn die Sache hat auf den verschiedensten Punkten stattgefunden. Aber diese Beispiele werden Ihnen zeigen, daß dazumal gerade in diese theosophische Bewegung stark dasjenige hereinspielte, was ich vor einigen Tagen hier charakterisierte als für die moderne Bildung besonders kennzeichnend: das sich Beugen vor der sogenannten wissenschaftlichen Autorität.

[ 13 ] Dieses sich Beugen vor der wissenschaftlichen Autorität, das war gerade in die Theosophische Gesellschaft eingedrungen gewesen. Es zeigte sich, daß zum Beispiel gerade Annie Besant versuchte, in ihren Büchern allerlei Zitate anzubringen aus zeitgenössischen Wissenschaften, Dinge, die gar nichts besagten für die Geisteswissenschaft, wie zum Beispiel die sogenannte Weismannsche Theorie der Vererbung. Wie Belege wurden die hineingebracht in die Bücher. Nun darf ich da erinnern, daß, als wir in der Lage waren, in München eine Art Zentrum für die anthroposophische Bewegung zu begründen - es bildeten sich ja allmählich für diese Bewegung das Berliner, das Münchner, das Stuttgarter, das Kasseler, das Düsseldorfer, das Kölner, das Hamburger, das Hannoversche, das Leipziger Zentrum, in Österreich dann das Wiener, in einem gewissen Sinne sogar das Prager, also es bildeten sich Zentren heraus -, daß dort sehr viele solche heimatlose Seelen waren, die auch schon in einer gewissen Weise organisiert waren. Sie steckten in der einen oder in der anderen Gesellschaft drinnen. Nun will ich jetzt ganz von den Trivialgesellschaften Hartmannschen Schlages absehen, aber ich möchte darauf hinweisen, daß, während wir den Zweig in München begründeten, es sich darum handelte, nun Auseinandersetzungen zu haben mit den verschiedenen kleineren oder größeren Gruppen, die da waren.

[ 14 ] Da war eine Gruppe, das Ketterl. Dieses Ketterl bestand aus richtigen gelehrten Leuten. In diesem Ketterl handelte es sich diesen Leuten darum, für die Dinge, die irgendwie behauptet wurden auf dem Boden der Geisteswissenschaft, naturwissenschaftliche Beweise zu liefern. Man wollte etwa aus den Anschauungen, die man dazumal in der Naturwissenschaft hatte, halt so hinaufkommen zu demjenigen, was Anthroposophie zum Beispiel darstellte. Wenn Anthroposophie von einem Ätherleib sprach, so sagte man sich: Die Naturwissenschaft hat es dahin gebracht, für die Atome, für die Moleküle diese oder jene Struktur zu erkennen. Nun fängt man an, da nachzuforschen, wie diese Struktur zum Teil komplizierter, zum Teil dünner in ihren Zusammensetzungen werden könnte, um allmählich von der Molekularstruktur der physischen Körper zu der Molekularstruktur des Äthers zu kommen. Man würde dann ebensolche Berechnungen anstellen können für das Ätherisch-Geschehende, wie man Berechnungen anstellen kann für das Physisch-Geschehende. Und eigentlich sollte nur dasjenige durchgelassen werden im Ketterl, was ein rechtsgültiges naturwissenschaftliches Visum auf dem anthroposophischen Paß hatte.

[ 15 ] Die Abhandlungen — denn auch solche gibt es —, welche die Mitglieder des Ketterls schrieben, unterschieden sich eigentlich nicht sehr stark von den naturwissenschaftlichen Abhandlungen der theoretischen Physiker der damaligen Zeit; die Formeln und Definitionen und so weiter bedeuteten ihnen nicht Vorgänge im Spektrum oder Vorgänge im elektro-magnetischen Felde, sondern Vorgänge im ätherischen oder astralischen Felde. Es war nichts zu machen. Es löste sich die ganze Verbindung mehr oder weniger in Wohlgefallen oder in Mißfallen auf. Zuletzt hatte man keinen Zusammenhang mehr mit diesen Auseinandersetzern vom wissenschaftlichen Standpunkte aus.

[ 16 ] Aber gar nicht so sehr verschieden von diesen Ketterl-Arbeiten waren die Bestrebungen eines Mannes, der in der Theosophischen Gesellschaft eine große Rolle spielte, ein intimer Freund der Blavatsky noch, ein, wenn es sich um solche Dinge handelte, immer anwesender Mann, Dr. Hübbe-Schleiden, der ja lange Zeit die «Sphinx» herausgegeben hat. Auch der war nun ganz darauf aus, mit naturwissenschaftlicher Denkungsart das, was er als Theosophisches empfand, zu beweisen. Ich weiß noch, wie er mich auf dem Bahnhof in Hannover das erste Mal abgeholt hat, weil ich da einen Vortrag halten sollte, den ersten anthroposophischen Vortrag, den ich in Hannover hielt: eine Auseinandersetzung über Goethes «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie». Er fuhr dann mit mir zu sich hinaus, er wohnte etwas außerhalb Hannovers. Da fuhr man so eine halbe Stunde mit der Tramway. Er fing gleich an, mit ungeheurer Begeisterung zu erklären, wie ja überhaupt so etwas wie geistige Erkenntnisse vor der modernen Menschheit nicht bestehen könne, wenn nicht die Dinge so bewiesen würden, wie man das gewöhnt ist, in physikalischen oder sonstigen gegenwärtigen Lehrbüchern zu finden. Dann gebrauchte er seine beiden Zeigefinger, und die ganze halbe Stunde ging das so, indem er mit den Spitzen der Zeigefinger immer die Bewegungen machte, welche darstellen sollten, wie sich nun die Atome bewegen. «Ja, das muß so und so gehen, dann kommt man darauf: In einer Inkarnation bewegen sich die Atome, und dann, dann geht der Wellenzug weiter durch die geistigen Welten, und das muß man nun berechnen, wie der Wellenzug weitergeht durch die geistigen Welten. Dann ändert sich das, und dann ist das die nächste Inkarnation.» — So fühlte man sich wirklich wie in einem Auditorium, wo einem früher die Wellenzüge für Rot und Gelb und Blau und Grün beigebracht worden waren. Ganz aus demselben heraus waren die Wellenzüge für das Durchlaufen der Seelen über die verschiedenen Inkarnationen. So wie die Newtonianer, überhaupt die modernen Physiker, die Strahlen des Lichtes in Wellenzügen rechnen, so rechnete er das Durchgehen der Seele durch die verschiedenen Inkarnationen.

[ 17 ] Er hatte einen Freund, der aber dann ein außerordentlich gutes, verständiges, treues Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft geworden ist, dem hatte er immer seine Auseinandersetzungen geschickt, und der hatte neben anderen Eigenschaften auch die, daß er sehr viel hielt zum Beispiel von diesen Auseinandersetzungen; aber immer wiederum kratzte ihn so der Humor, und einmal erzählte er mir, er hätte jetzt wiederum dreißig Kilo Weisheit nach München geschickt bekommen von Dr. Hübbe-Schleiden. Es waren nämlich so dicke Briefe, die immer von Hannover nach München geschickt wurden.

[ 18 ] Nun, ich möchte sagen, die besondere Ausprägung dieser Denkweise konnte man an den Auseinandersetzungen sehen, die lange in der Theosophischen Gesellschaft über das sogenannte «permanente Atom» betrieben worden sind. Dieses «permanente Atom» war etwas Entsetzliches, aber es wurde mit ungeheurem Ernste genommen. Denn nicht wahr, diejenigen, welche die Autorität der modernen Wissenschaft fühlten, die konnten gar nicht verstehen, daß nicht doch irgend etwas, was wenigstens den Wortlaut von der modernen Wissenschaft hat, nun in die Geisteswissenschaft hineindringen sollte. Da sagten sie: Nun, der Mensch lebt in einer Inkarnation und dann in der nächsten, — gewiß, der physische Körper zerfällt, nur ein einziges Atom bleibt übrig, das geht dann durch die Zeit zwischen Tod und neuer Geburt. Und dieses eine Atom erscheint in der neuen Inkarnation. Das ist das permanente Atom, das durch die Inkarnationen durchgeht.

[ 19 ] Es erscheint Ihnen heute so etwas spaßhaft, aber Sie können gar nicht begreifen, mit welch großem Ernste diese Dinge gerade in der ersten Periode der Entwickelung der anthroposophischen Sache gepflegt worden sind, wie man es außerordentlich schwierig hatte, der Forderung zu begegnen: Ja was soll denn die ganze Theosophie, wenn man sie nicht wissenschaftlich beweisen kann! Kein Mensch wird sie annehmen, wenn man sie nicht wissenschaftlich beweisen kann. — In jenem Gespräch in der Tramway wurde in der Tat festgestellt: Es muß so dargestellt werden, daß ein ordentlich absolvierter Gymnasiast die Theosophie so begreifen kann, wie er Logik begreift. Das war meines Begleiters Forderung.

[ 20 ] Dann kam ich bei ihm an. Er führte mich auf den Hausboden. Nun möchte ich denjenigen, die jetzt in der letzten Periode der anthroposophischen Bewegung das Bestreben haben, gegen den Atomismus anzukämpfen, zu bedenken geben, was ich dazumal auf dem Boden des Dr. Hübbe-Schleiden in Hannover fand. Wir gin gen also durch eine enge Treppe hinauf, und da oben auf dem Boden — wenn man so etwas erzählt, muß man natürlich immer wieder sagen, er war ein außerordentlich liebenswürdiger, netter, auch ganz verständiger, also sympathischer alter Herr —, da oben auf dem Boden, da waren nun riesige Atommodelle. Sie waren aber aus Draht, sehr kompliziert. Es stellte immer das eine Modell das Atom irgendeines physischen Körpers dar: Wasserstoff oder Sauerstoff; das nächste Modell, das nun noch komplizierter war, stellte dann dar das Atom eines Ätherischen; das dritte Modell, immer komplizierter, das war das Atom des Astralischen.

[ 21 ] Wenn Sie gewisse Bücher von einem der Führer der Theosophischen Gesellschaft in die Hand nehmen, Leadbeatersche Bücher, dann werden Sie finden, daß da solche Modelle in großartiger Weise gezeichnet sind. Ich möchte das doch auch als eine Tatsache erwähnen, namentlich zum Bedenken für diejenigen, die heute gegen den Atomismus innerhalb unserer Mitte kämpfen, daß dieser Atomismus nirgends so im Flor war wie bei denen, die nun sozusagen in unsere Reihen aus der Theosophischen Gesellschaft hereinkamen. Und wenn heute die jüngeren Mitglieder, wie Dr. Kolisko oder die anderen in unserem Forschungsinstitut in Stuttgart gegen das Atom kämpfen, so darf eben daran erinnert werden, daß man bei gewissen Leuten damals nicht gewußt hätte, wie man es machen sollte, von einer Inkarnation zu der anderen zu kommen, wenn man nicht wenigstens ein permanentes Atom gehabt hätte.

[ 22 ] Das ist so ein Bild von der Art, wie mit starker Autorität eben in diese Kreise das sogenannte naturwissenschaftliche Denken hereinspielte. Naturwissenschaftlich denken konnten diese Leute schon. Sie konnten sich gar nicht denken, daß etwas anderes gelten könnte, als was naturwissenschaftlich gedacht ist. Also auf dieser Seite gab es eigentlich auch wieder kein Verständnis. Nur als dann die zweite Periode der anthroposophischen Bewegung heranrückte, kam wenigstens innerhalb derjenigen Kreise, die in unsere Reihen hineingegangen waren, dieses Atomstreben allmählich ab, und man ging nach und nach über zu demjenigen, was in der anthroposophischen Bewegung weiter gepflegt wurde. Aber dagegen muß man sagen, daß diejenigen, die sich um dieses Atomstreben nicht viel kümmerten, denen die moderne Wissenschaft schließlich ziemlich gleichgültig war, die nur als heimatlose Seelen sich hatten anregen lassen von der theosophischen Bewegung, daß diese schon immerhin zugänglicher waren. Und ich konnte zum Beispiel jedesmal bei meiner Anwesenheit in München auch einen mehr internen Vortrag halten in einem Kreise, der sich um die damals in München lebende, ehemals mit Blavatsky sehr befreundete Frau von Schewitsch versammelte. Da hatte man es schon leichter, weil da doch wirkliches Seelenstreben vorhanden war.

[ 23 ] Ich will weder den einen Kreis verteidigen noch den anderen kritisieren, sondern ich will nur erwähnen, wie die anthroposophische Bewegung nach der einen oder anderen Seite mit diesen Dingen fertig wurde. Aber denken Sie doch nur, dazumal trat also zunächst die Forderung auf, auch innerhalb unserer eigenen Reihen mit Hilfe der damals geltenden naturwissenschaftlichen Denkweise dasjenige, was anthroposophisch vorgebracht wurde, zu rechtfertigen. Es war doch noch zahmer als das, was heute von der Außenseite hervorgebracht wird. Eine große Zahl von Ihnen hat heute einen Vortrag von Dr. Blümel gehört; ich glaube, Sie werden die lichtvollen Ausführungen sehr gut verstanden haben und werden da einen gewissen Eindruck empfangen haben. Aber denken Sie sich, wenn jemand dagesessen hätte, der gesagt hätte: Ach was, was der da ausgeführt hat, das geht mich alles nichts an. Daran glaube ich nicht, ich anerkenne gar nichts, ich will das nicht nachprüfen. — Ein anderer aber sagt: Sieh doch nach, ob die Sachen stimmen, prüfe sie mit deinem Verstande und mit deinen Seelenfähigkeiten. — Das will ich nicht, sagt der andere, darum kümmere ich mich zunächst nicht, mag das richtig oder unrichtig sein, darauf lasse ich mich nicht ein, aber ich fordere den Dr. Blümel auf, daß er sich in ein psychologisches Laboratoriium begibt, dort werde ich ihn durch meine psychologischen Methoden untersuchen, ob er ein Mathematiker ist.

[ 24 ] Es ist natürlich ein Blech, und zwar ein ganz ausgewalztes. Aber ganz genau dasselbe ist die Forderung, die uns heute von der Außenwelt entgegentritt, der anthroposophische Forscher soll sich in ein psychologisches Laboratorium begeben, um dort festzustellen, ob er ein Recht hat, seine Behauptungen oder Auseinandersetzungen zu machen. Es ist ganz genau dasselbe.

[ 25 ] Man kann eben heute durchaus Unsinn, puren Unsinn behaupten, und die Menschen merken es nicht, sogar diejenigen, die sich entrüsten, merken nicht, daß es ein purer Unsinn ist. Sie glauben, es ist nur eine Böswilligkeit oder dergleichen. Denn sie können sich gar nicht vorstellen, daß man durch die sozialen Verhältnisse irgendwie offiziell zum Vertreter der Wissenschaft werden könnte und eigentlich lauter Unsinn redet. Das können sich die Leute nicht vorstellen. So chaotisch ist eben unser Geistesleben.

[ 26 ] Also die Dinge, die berücksichtigt werden müssen, wenn von den Lebensbedingungen der anthroposophischen Bewegung geredet wird, müssen schon ganz aus den Kulturerscheinungen und aus den Kulturimpulsen der Gegenwart herausgeholt werden. Solche Dinge, wie ich sie hier auseinandersetze, müssen verstanden werden von demjenigen, der die Lebensbedingungen der anthroposophischen Bewegung kennen will.

[ 27 ] Nun, unbeirrt um all das mußten während der ersten Periode die wichtigsten menschlichen Wahrheiten, die wichtigsten kosmischen Wahrheiten herausgestellt werden. Und sozusagen ein Kompendium desjenigen, was bis dahin vertreten worden war innerhalb der anthroposophischen Bewegung, stellt meine «Geheimwissenschaft» dar. Das ist in einer Weise nun erarbeitet worden, von der ich sagen möchte: Es ging so, wie es ging, nur aus dem Grunde, weil man niemals ein abstraktes, sondern immer ein konkretes Wollen hatte, weil man niemals sozusagen mehr wollte, als sich aus dem Verfolg der Tatsachen zu wollen ergab.

[ 28 ] Für das möchte ich etwa nur das folgende anführen. Wir haben dazumal, gleich im Anfange der anthroposophischen Bewegung, eine Zeitschrift begründet, «Luzifer-Gnosis». Zuerst hieß sie «Luzifer». Dann, als fünf oder sechs Hefte erschienen waren, wollte sich eine Wiener Zeitschrift, die sich «Gnosis» nannte, damit verbinden. Ich möchte da noch die kleine Tatsache erwähnen, daß ich einfach die äußere Verbindung dieser zwei Zeitschriften dadurch habe ausdrücken wollen, daß ich der neueren Zeitschrift den Titel habe geben wollen: Luzifer mit der Gnosis. Ja, das hat zum Beispiel Hübbe-Schleiden ganz und gar nicht zugelassen, weil er gefunden hat, das würde darauf hinweisen, daß da eine unnatürliche Ehe zustande. gekommen wäre: Luzifer mit der Gnosis. Man könnte das nicht sagen. Nun, mir war das egal. So sagten wir «Luzifer-Gnosis» und machten einen Bindestrich dazwischen. Scharfsinnig war man schon da, wo man uns dazumal auf die Finger sah!

[ 29 ] Nun wurde diese Zeitschrift «Luzifer-Gnosis» begründet. Wir haben natürlich mit einer ganz kleinen Anzahl von Abonnenten begonnen, aber die Abonnentenzahl ist tatsächlich verhältnismäßig außerordentlich rasch gewachsen, und wir haben eigentlich niemals ein Defizit gehabt, denn wir haben immer soviel gedruckt, als wir ungefähr haben verkaufen können. Und der Apparat der Expedition wurde so besorgt, daß, nachdem eine Nummer geschrieben und gedruckt war, mir die Exemplare wiederum in großen Postpaketen in die eigene Wohnung geschickt worden waren. Frau Doktor und ich selber klebten die Streifbänder drüber. Ich adressierte selbst und dann nahmen wir jeder einen Waschkorb und trugen die Sachen zur Post. Wir fanden, daß sich das ganz gut schickt. Ich hatte die Dinge zu schreiben, die Vorträge zu halten, Frau Doktor organisierte die ganze Anthroposophische Gesellschaft, nur ganz ohne Sekretär, denn hätte sie einen Sekretär gehabt, so hätte sie auch noch für diesen zu arbeiten gehabt. Also wir machten das ganz allein, und wir wollten niemals mehr, als man wollen konnte, ganz konkret. Man ging so viele Schritte vorwärts, als sich aus den Tatsachen ergab. Zum Beispiel trugen wir auch nicht größere Waschkörbe als solche, unter denen wir nicht zusammenfielen, nur beinahe. Wir gingen halt einmal öfter, als die Abonnentenzahl größer wurde.

[ 30 ] Nun, dann ging ja «Luzifer-Gnosis», als wir diese interessante Beschäftigung eine Zeitlang getrieben hatten, über in den Verlag von Altmann in Leipzig. Und dann hörte «Luzifer-Gnosis» zu erscheinen auf, nicht aus dem Grunde, weil sie eingehen mußte, denn sie hatte dazumal viel mehr Abonnenten, als sie brauchte, aber ich hatte keine Zeit mehr zum Schreiben.

[ 31 ] Es ist tatsächlich so, daß dann schon die Anforderungen für das Vorträge-halten, und überhaupt die Gesellschaft geistig zu verwalten, einem die Zeit stark in Anspruch nahmen - die Sache hat sich ja ganz langsam und allmählich entwickelt - und dieses Nichtmehrerscheinen von «Luzifer-Gnosis» bewirkten. Zunächst traten große Zwischenräume ein, das Januarheft erschien im Dezember, und dann wurden aus einem Jahre anderthalb Jahre, und die Abonnenten machten furchtbaren Radau. Der Verleger Altmann bekam lauter Reklamationen, so daß ich mir nicht mehr anders helfen konnte, als ihm mitteilen: Nun müssen wir halt ganz aufhören und den Abonnenten sagen, wenn sie auch noch so lange warten, kriegen tun sie nichts mehr!

[ 32 ] Nun, das war natürlich auch im inneren Gang der Entwickelung: man wollte niemals mehr, als sich aus dem konkreten Schritte selber ergab. Und dies gehört zu den Lebensbedingungen einer geistigen Gesellschaft. Weittragende Ideale mit Worten aufzustellen, das ist das Allerschlimmste für eine geistige Gesellschaft; Programme machen ist das Allerschlimmste für eine geistige Gesellschaft. Es wurde eben in dieser ersten Periode so gearbeitet, daß einfach zunächst 1907, 1908, 1909 die Grundlage da war einer Geisteswissenschaft, wie sie in die moderne Zeit hereingehörte.

[ 33 ] Dann kam die zweite Periode, die wesentlich nun fertig war mit der Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft. Die Theologen meldeten sich damals durchaus noch nicht. Sie saßen so fest überall in ihren Sätteln, daß sie sich gar nicht um die Sache kümmerten.

[ 34 ] Nachdem diese Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft vorbei war, konnte man nun an die andere Aufgabe herantreten. Das war die der Auseinandersetzung mit den Evangelien, mit der Genesis, überhaupt mit der christlichen Überlieferung, mit dem Christentum als solchem.

[ 35 ] Das war ja auch schon fadengezeichnet in meinem Buche, das am Ausgangspunkt stand: «Das Christentum als mystische Tatsache». Denn das ist schon 1902 erschienen. Aber der Ausbau sozusagen des anthroposophischen Verstehens des Christentums war im wesentlichen die Aufgabe der zweiten Epoche bis so zum Jahre 1914 hin. Da wurden in Hamburg, Kassel, Berlin, Basel, Bern, München, Stuttgart die Vortragszyklen über verschiedene Teile der christlichen Überlieferung gehalten.

[ 36 ] Da wurde zum Beispiel auch dasjenige ausgearbeitet, was dann bis jetzt nur skizziert vorliegt als «Geistige Führung des Menschen und der Menschheit» und so weiter. Da also war die Zeit, in welcher im wesentlichen die christliche Seite der Anthroposophie in Anlehnung an die historische christliche Überlieferung ausgearbeitet worden ist.

[ 37 ] Dann fiel in diese Zeit hinein, ich möchte sagen, die erste Verbreiterung der Anthroposophie nach dem Künstlerischen hin mit den Aufführungen der Mysterien-Dichtungen in München. Das alles stand eigentlich wiederum unter dem Zeichen, nicht mehr zu wollen, als sich aus den Tatsachen selber ergab.

[ 38 ] In diese Zeit hinein fiel dann das, was eben zu jener, eigentlich für die Anthroposophie gleichgültigen Tatsache führte des Ausgeschlossenwerdens von der Theosophischen Gesellschaft, weil, wie ich gestern abend sagte, es der Anthroposophie gleichgültig sein konnte, ob sie eingeschlossen oder ausgeschlossen war, denn sie ging ihre eigenen Wege vom Anfange an. Wer mitgehen wollte, konnte mitgehen. Und sie kümmerte sich vom Anfange an nicht in einer innerlichen Weise, nicht in bezug auf ihre geistigen Feststellungen um dasjenige, was von der Theosophischen Gesellschaft ausgegangen war. Aber es wurde eben auch das äußerliche Zusammengehen immer schwieriger und schwieriger.

[ 39 ] Zuerst war eben durchaus die Hoffnung vorhanden, durch diejenigen Umstände, von denen ich wenigstens einige charakterisiert habe, daß eigentlich die theosophische Bewegung, die in der Theosophical Society vereinigt war, ganz anthroposophisch werden könnte. Zu diesen Umständen, die diese Hoffnungen berechtigt erscheinen ließen, gehörte auch der, daß tatsächlich durch die besondere Art, wie innerhalb der Theosophischen Gesellschaft geforscht wurde, schwere Enttäuschungen gerade über diejenigen Menschen gebracht wurden, die in einem höheren Grade urteilsfähig waren. Und da muß ich schon sagen, als ich das erste und zweite Mal nach London kam, mußte ich die Erfahrung machen, wie die führenden Persönlichkeiten eigentlich im Grunde genommen durchaus Menschen darstellten, die einander mit großer Skepsis entgegenkamen, die durchaus auf einem unsicheren Boden sich fühlten, den sie aber doch wieder nicht verlassen wollten, weil sie nicht wußten, wo sie die Sicherheit suchen sollten.

[ 40 ] Es waren viele enttäuschte, von Bedenken reichlich erfüllte Menschen gerade unter den Führern der Theosophical Society. Und es ist schon ein wichtiges Moment für den Gang, den die Verhältnisse in der Theosophischen Gesellschaft genommen haben, die merkwürdige Wandlung, die Annie Besant etwa zwischen den Jahren 1900 und, sagen wir, 1907 durchgemacht hat.

[ 41 ] Sie hatte anfangs eine gewisse Toleranz. Sie hat, glaube ich, nie etwas verstanden von dem, was als Anthroposophie aufgetreten ist. Ich glaube nicht, daß sie etwas davon verstanden hat, aber sie ließ es gelten, hatte es anfangs sogar gegen die starren Dogmatiker verteidigt, das heißt, das Recht zu bestehen hat sie verteidigt. Ein anderes kann eben nicht gesagt werden, denn das ist schon so.

[ 42 ] Aber nun muß ich etwas sagen, was ich bitte, auch innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sehr stark zu berücksichtigen. Mit einer solchen geistigen Gesellschaft, auch wie sie die theosophische war, sind eben gewisse rein persönliche Aspirationen, rein persönlich gefärbte Sympathien und Antipathien absolut nicht verträglich. Trotzdem finden sich so zahlreich gerade die Fälle, wo irgend jemand eigentlich das oder jenes will. Er will es aus irgendwelchen Untergründen seines Wesens heraus, will also zum Beispiel eine Persönlichkeit vergöttern. Aus irgendeinem Untergrund seines Wesens heraus will er es. Das, was ihn dazu nötigt, das Triebartige, vielleicht auch das Gehirntriebartige, das will er sich nicht eingestehen. Aber er beginnt nun eine künstliche astralische Aura um die Persönlichkeit, die er nun anhimmeln will, zu weben. «Advanced» ist eine solche Persönlichkeit, «vorgeschritten». Wenn man dann noch besonders etwas sagen will, dann heißt es: Oh, die weiß drei, vier ihrer früheren Erdenleben, hat sogar mir von meinem früheren Erdenleben gesprochen. Oh, die weiß viel! - Und nun kommt eben eine ganz geistige. Interpretation desjenigen, was, um den Nietzscheschen Ausdruck zu gebrauchen, nur menschlich-allzumenschlich ist. Würde man es menschlich-allzumenschlich charakterisieren und schildern, würde man einfach, nun, vielleicht nicht gleich sagen: Ich habe einen Affen für die Person, — das ist ja nicht nötig, aber man kann doch sagen: Sie ist mir sympathisch, ich lasse mir das nicht bestreiten, sie ist mir eben sympathisch. Es wäre ja dann alles gut, auch in einer okkulten Gesellschaft. Selbstverständlich war zum Beispiel Max Seiling durchaus in gewissem Sinne amüsant, besonders wenn er so zappelig Klavier gespielt hat, es war amüsant, mit ihm Tee zu trinken und so weiter. Gut, wenn man sich das nur gestanden hätte! Wenn man sich gestanden hätte: Das gefällt einem! — so wäre es gescheiter gewesen, als wenn man ihn verhimmelte wie in der Münchner Gruppe.

[ 43 ] Alle diese Dinge, sehen Sie, sind direkt widersprechend den Lebensbedingungen einer solchen Gesellschaft. Aber wer vorbildlich solchen Dingen verfiel, das war eben gerade Annie Besant. Denn es tauchte zum Beispiel einmal — ich möchte diese Dinge mehr an Hand von Tatsachen erzählen - ein Name auf. Ich hatte mich eigentlich nie viel um Literatur der ’Theosophical Society gekümmert, ich habe im Grunde genommen das Wenigste gelesen von dieser Literatur, daher lernte ich den Namen Bhagavân Däs erst kennen, als mir eines Tages, mit der Schreibmaschine geschrieben, ein dickes Manuskript zugeschickt wurde. Das Manuskript war so angeordnet: zweispaltig, links mit der Schreibmaschine beschrieben, rechts war freier Raum. Dabei war ein Brief von Bhagavân Dâs, es war ungefähr glaube ich 1905, in dem er schrieb, er möchte gern eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Menschen über dasjenige, was er in diesem Manuskript der Welt offenbaren wollte.

[ 44 ] Nun, es war ja wirklich die anthroposophische Bewegung dazumal schon so ausgebreitet, daß ich nicht gleich dazu kam, dieses Manuskript zu lesen. Er sagte, man solle dann auf die rechte Seite das schreiben, was man dazuzusetzen hat, und dann es ihm zurückschicken.

[ 45 ] Ich kam ja damals ein bißchen herum. Da fand ich auch noch andere Leute, denen er das Manuskript geschickt hatte. Dann wurde mir immer mehr und mehr klar: Bhagavän Dâs, das war eben, nun ein «ganz okkulter Mensch», ein Mensch, der aus den Tiefen der Geistigkeit heraus schöpfte. Das war ungefähr die Meinung, welche diejenigen, die um Annie Besant waren, über Bhagavän Dâs verbreiteten. Da er die Sache von Indien aus schickte, dem indischen Hauptquartier nahestand und solche Berühmtheit hatte - zum Beispiel am Amsterdamer Kongreß hörte man überall: Bhagavân Dâs, Bhagavân Dâs —, war es schon wirklich so, wie wenn da nun ein Brunnen wäre, der immerfort nur so von Weisheit überläuft. Da schaute ich mir das Ding dennoch an. Ein schauderhaft dilettantisches Gewirr von Fichtescher Philosophie, Hegelscher Philosophie, Schopenhauerscher Philosophie, alles mögliche ohne das geringste Verständnis durcheinandergemsicht, und durch das Ganze ging dann, ich möchte sagen, wie so eine unendliche Melodie «self» und «notself», und dann kam wieder von Fichte etwas auseinandergesetzt und so weiter, dann wiederum «self» und «notself». Es war also etwas Schauderhaftes. Ich habe mich nie wieder darum gekümmert. Ich habe gar nichts geschrieben auf die andere Seite. Aber nicht wahr, an solchen Dingen zeigte sich doch, wie die Dinge allmählich ins persönliche Fahrwasser hineinkamen. Es ist eben aus rein persönlichen Gründen diese Persönlichkeit Bhagavân Dâs so verhimmelt worden. Sie können ja heute seine Bücher noch nachlesen, da werden Sie schon bewahrheitet finden, was ich sagte. Er hat ja, nicht wahr, Bücher fabriziert. Durch solche Dinge zeigte sich, wie das persönliche Element in die sachlich sein sollenden Impulse hineingebracht worden ist. Und da einmal das da war, das namentlich so um 1905 stark begann, ging der Rutsch eben mit Notwendigkeit abwärts. Das andere war im Grunde genommen dann eigentlich die Folge davon.

[ 46 ] Damit will ich nicht sagen, daß in irgendwelcher beliebigen Gesellschaft, wenn einer einen Unsinn schreibt, die Gesellschaft abstürzen muß. Aber in geistigen Gesellschaften herrschen eben andere Gesetze, innere Notwendigkeiten. Da dürfen insbesondere von den führenden Persönlichkeiten solche Dinge nicht praktiziert werden, sonst geht eben, nicht wahr, der Rutsch nach abwärts mit Notwendigkeit vor sich. Und er ging auch vor sich.

[ 47 ] Es kam dann die absurde Geschichte bei Olcotts Tod, die sich dazumal abgespielt hat, die eigentlich schon der Anfang des Endes der Theosophical Society war: die sogenannte Ernennung durch die Meister. Aber die war noch wenigstens insoweit zu schlichten, als man sagen konnte: Nun ja, da sind eben einige, die bringen allerdings aus einem besonderen Prinzip heraus absurde Dinge in die Gesellschaft hinein. Dann aber kam die Angelegenheit mit Leadbeater, die ich jetzt nicht besprechen möchte. Und dann kam es eben zur Feststellung jenes Knaben, nicht wahr, der als der Christus oder zum Christus erzogen werden sollte und so weiter. Und als das nicht anerkannt werden konnte von denjenigen, die diese Absurditäten nicht mitmachen wollten, wurden eben die Leute ausgeschlossen.

[ 48 ] Nun, die anthroposophische Bewegung hat durch alle diese Dinge hindurch ihre gerade Linie verfolgt und sich wirklich eigentlich im Grunde genommen als Bewegung nicht gekümmert um diese Dinge. Nicht wahr, wenn man, sagen wir, 1911 forschte über «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit», am 24. März und am 25. März die absurden Berichte aus Adyar oder sonst woher von der Theosophical Society kamen, so brauchte man ja an diesem 25. März deshalb das, was man am 24. getan hatte, nicht anders fortzusetzen. Also der innere Gang wurde davon wirklich gar nicht berührt. Das muß tatsächlich absolut festgehalten werden. Es brauchte einen dazumal schon wirklich nicht zu interessieren, was von dieser oder jener Seite der führenden Persönlichkeiten der Theosophical Society ausging, geradesowenig, als es mich irgendwie besonders überrascht hat, daß man in der letzten Zeit hören konnte: Leadbeater, über den Sie ja auch manches gehört haben, ist nun auf seine alten Tage altkatholischer Bischof geworden, und einer seiner Genossen, der dazumal auch schon beim Münchner Kongreß war, ist gar altkatholischer Erzbischof geworden. Nicht wahr, man braucht sich gar nicht zu wundern über diese Dinge. Es ging jetzt eben nicht gerade, sondern es ging alles quer und schief. Warum sollte nicht auch das stattfinden? Man brauchte eigentlich das persönliche Verhältnis zu den Leuten gar nicht besonders zu ändern, ich meine das unmittelbare Verkehrsverhältnis. Ich habe dann, vor zwei Jahren, glaube ich, war es, in Amsterdam einen Vortrag gehalten. Nach dem Vortrage kam einer derjenigen Herren in der alten Freundlichkeit auf mich zu, der 1907 am Münchner Kongreß einen Vortrag gehalten hatte. Er schaute noch geradeso aus, nur war er inzwischen altkatholischer Erzbischof geworden. Er hatte nicht das Kostüm an, aber er war es!

[ 49 ] Das alles sind die Dinge, die eben sich in einem solchen Gebiete des modernen Kulturlebens abspielten, wo wirklich wiederum auf der anderen Seite aus einer inneren Notwendigkeit heraus die heimatlosen Seelen angezogen wurden. Man darf nicht vergessen, daß innerhalb der Strömung, die man so charakterisieren muß, doch eben diejenigen Seelen zu finden waren, die am allerintensivsten nach einer Verbindung der menschlichen Seele mit der geistigen Welt strebten. Man schildert eben nicht ehrlich den Gang des modernen Kulturlebens, wenn man nicht diese Kontraste einmal wirklich zur Anschauung bringt. Deshalb mußte ich schon heute, bevor ich nun morgen in die Beschreibung unserer letzten Periode, und damit der eigentlichen Lebensbedingungen der Natur der Anthroposophischen Gesellschaft eintrete, auch noch diese Notizen, meine lieben Freunde, vor Ihnen vorbringen.