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Understanding Art
GA 271

1898

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Understanding Art, tr. SOL
  1. Kunst und Kunsterkenntnis

4. Das Schöne und die Kunst

4. Beauty and Art

[ 1 ] Ein Buch, das schöne Erinnerungen wachruft, liegt vor mir. Robert Vischer, der Sohn des berühmten Ästhetikers Friedrich Theodor Vischer, hat mit der Veröffentlichung der Werke seines Vaters begonnen. «Das Schöne und die Kunst» nennt er das Buch, das er mit großer Mühe und Sorgfalt aus hinterlassenen Papieren des Verstorbenen und aus den Nachschriften der Schüler zusammengestellt hat.

[ 1 ] A book that evokes fond memories lies before me. Robert Vischer, the son of the famous aesthetician Friedrich Theodor Vischer, has begun publishing his father’s works. He has titled the book *Das Schöne und die Kunst* (*Beauty and Art*), which he has compiled with great effort and care from the deceased’s surviving papers and from the notes of his students.

[ 2 ] Während ich das Buch lese, tauchen in mir wieder alle die Vorstellungen auf, die ich mir einst über das Wesen der Künste gemacht habe. Das «einst» bedeutet die Zeit vor achtzehn bis zwanzig Jahren. Leute meines Alters haben sich damals aus den Werken über Ästhetik von Vischer, Weiße, Carrière, Schasler, Lotze und Zimmermann Aufklärung über die Natur der Künste geholt.

[ 2 ] As I read the book, all the mental images I once had about the nature of the arts come flooding back to me. That “once” refers to a time eighteen to twenty years ago. Back then, people my age turned to works on aesthetics by Vischer, Weiße, Carrière, Schasler, Lotze, and Zimmermann to gain insight into the nature of the arts.

[ 3 ] Diese Männer kamen von der Philosophie her, welche die Bildung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts beherrscht hat. Auf Hegel stützten sich die einen, auf Herbart die anderen.

[ 3 ] These men came from the philosophical tradition that dominated education in the first half of our century. Some drew on Hegel, while others drew on Herbart.

[ 4 ] Und die Kunst war diesen Männern eine philosophische Angelegenheit.

[ 4 ] And for these men, art was a philosophical matter.

[ 5 ] Goethe, Schiller, Jean Paul haben sich in ihrer Art auch über das Wesen der Kunst Vorstellungen gebildet. Sie gingen dabei von der Kunst selbst aus. Was der Mensch gezwungen ist zu denken, wenn er die Kunst auf sich wirken läßt, sprachen sie aus. Aus der Kunst heraus waren ihre Begriffe über Kunst geboren.

[ 5 ] Goethe, Schiller, and Jean Paul, each in their own way, also formed mental images of the nature of art. They took art itself as their starting point. They articulated what a person is compelled to think when they allow art to take effect upon them. Their concepts of art were born out of art itself.

[ 6 ] Vischer, Carrière, Weiße, Zimmermann, Schasler gingen ursprünglich nicht von der unmittelbar lebendigen Natur aus. Sie dachten über die Gesamtheit der Welterscheinungen nach. Und zu diesen Welterscheinungen gehören auch die Erzeugnisse des künstlerischen Schaffens. Wie sie nach dem Wesen des Lichtes, der Wärme, der tierischen Entwickelung fragten, so fragten sie auch nach dem Wesen der Kunst. Ihre Ausgangspunkte waren die von Erkenntnismenschen, nicht die künstlerisch empfindender Naturen.

[ 6 ] Vischer, Carrière, Weiße, Zimmermann, and Schasler did not originally take nature as it is directly experienced as their starting point. They reflected on the totality of worldly phenomena. And the products of artistic creation are also part of these worldly phenomena. Just as they inquired into the nature of light, heat, and animal evolution, so too did they inquire into the nature of art. Their starting points were those of people of knowledge, not of those with an artistic sensibility.

[ 7 ] Ich meine natürlich nicht, daß einem Manne wie Fr. Th. Vischer das künstlerische Empfinden im höchsten und reinsten Sinne des Wortes abzusprechen ist. Im Gegenteil: sein Verhältnis zur Kunst ist das denkbar lebendigste und persönlichste. Aber wenn er über die Kunst spricht, so spricht er als Philosoph.

[ 7 ] Of course, I do not mean to suggest that a man like Fr. Th. Vischer lacks artistic sensibility in the highest and purest sense of the word. On the contrary: his relationship to art is as vivid and personal as can be imagined. But when he speaks about art, he speaks as a philosopher.

[ 8 ] Eine Verwirklichung des göttlichen Geistes war für Vischer die Welt. Eine Darstellung des göttlichen Geistes in dem Marmor, in Linien und Farben, in Worten ist ihm deswegen die Kunst. Wie verwirklicht der Künstler den göttlichen Geist im sinnlichen Stoffe? Das war für Vischer die Grundfrage. Eine hohe, eine reife philosophische Schulung liegt allen seinen Ausführungen zugrunde. Die Sprache, die er spricht, wird heute nurmehr von wenigen verstanden. Sie konnte nur von denjenigen verstanden werden, welche die philosophischen Gedanken Schellings und Hegels als Bestandteil ihrer Bildung in sich hatten. Nur diese konnten Interesse haben für die Fragen, welche Vischer stellte, für die Gedanken, die er mitteilte.

[ 8 ] For Vischer, the world was a manifestation of the divine spirit. Art, therefore, is for him a representation of the divine spirit in marble, in lines and colors, and in words. How does the artist manifest the divine spirit in material form? That was the fundamental question for Vischer. All of his writings are grounded in a profound, mature philosophical education. The language he uses is understood by only a few today. It could be understood only by those who had internalized the philosophical ideas of Schelling and Hegel as an integral part of their education. Only they could take an interest in the questions Vischer posed and the ideas he shared.

[ 9 ] Heute können nur wenige ein Buch von Vischer so lesen, wie es seine Zeitgenossen lasen. Für die Menschen der Gegenwart werden darinnen Dinge besprochen, die sie nichts angehen.

[ 9 ] Today, few people can read a book by Vischer the way his contemporaries did. For people today, it discusses matters that are of no concern to them.

[ 10 ] Für Vischer war die Kunst letzten Endes doch eine unpersönliche Angelegenheit. Sie gehörte zu den Aufgaben, welche dem Menschen von höheren Mächten gestellt werden. Zwar glaubt Vischer nicht an einen persönlichen Gott. Aber er glaubt doch an einen Gott. An ein geistiges Grundwesen, das sich in der Natur, in der Geschichte, in der Kunst auslebt. Dieses Grundwesen steht über dem Menschen. Unsere Besten haben diesen Glauben aufgegeben. Ihnen ist der Geist nichts Selbständiges. Ihnen ist der Geist nur da, insofern die Natur die Fähigkeit hat, Geistiges aus sich hervorzubringen. Der höchste Geist wird für sie durch den Menschen hervorgebracht, der ihn aus seiner Natur gebiert. Nur wenn der Mensch das Geistige schafft, ist es da. Vischer glaubt, das Geistige sei an sich da, und der Mensch müsse es ergreifen. Die Heutigen glauben: nur das Natürliche ist ohne den Menschen da, und das Geistige wird durch den Menschen erst erzeugt. Deshalb ist für Vischer der Künstler ein Mensch, der von dem göttlichen Geiste erfüllt ist und ihn in seinen Werken verkörpert. Für die Heutigen ist der Künstler ein Mensch, der das Bedürfnis hat, den Dingen Gewalt anzutun und ihnen das Gepräge seiner Persönlichkeit zu geben. Sie glauben nicht, daß sie einen Geist verkörpern sollen, sie wollen Dinge schaffen, wie sie ihren Vorstellungen, ihrer Phantasie entsprechen.

[ 10 ] For Vischer, art was, in the final analysis, an impersonal matter. It was one of the tasks assigned to humankind by higher powers. Although Vischer does not believe in a personal God, he does believe in a God. In a fundamental spiritual being that manifests itself in nature, in history, and in art. This fundamental being stands above humankind. Our greatest thinkers have abandoned this belief. For them, the spirit is not an independent entity. For them, the spirit exists only insofar as nature has the capacity to bring forth the spiritual from within itself. For them, the highest spirit is brought forth by humankind, which gives birth to it from its own nature. The spiritual exists only when human beings create it. Vischer believes that the spiritual exists in and of itself, and that human beings must grasp it. People today believe that only the natural exists independently of human beings, and that the spiritual is brought into being only through human beings. That is why, for Vischer, the artist is a person who is filled with the divine spirit and embodies it in his works. For people today, the artist is a person who feels the need to exert powers over things and to imprint his personality upon them. They do not believe that they are meant to embody a spirit; they want to create things that correspond to their mental images and their imagination.

[ 11 ] Vischer sagt: der Bildhauer prägt dem Marmor eine menschliche Gestalt ein, die keinem wirklich vorhandenen Menschen gleicht, weil er unbewußt in sich das Bild, die Idee der ganzen Menschheit, das Urbild des Menschen trägt und dieses verkörpern will. Dieses Urbild ist das Göttliche im Menschen. Die Modernen wissen nichts von einem solchen Urbilde. Sie wissen nur, daß ihnen eine Gestalt vor die Seele tritt, wenn sie den Menschen betrachten, und daß sie diese Gestalt verwirklichen wollen. Sie wollen neben der natürlichen Welt eine künstliche gebären, die ihnen ihr Temperament, ihre Phantasie eingibt. Eine menschlich gewollte Welt ist das, keine aus dem göttlichen Geist entsprungene.

[ 11 ] Vischer says: The sculptor imprints a human form on the marble that resembles no actual human being, because he unconsciously carries within himself the image, the idea of all humanity—the archetype of man—and seeks to embody it. This archetype is the divine in man. Modern artists know nothing of such an archetype. They know only that a form appears before their soul when they look at human beings, and that they wish to bring this form to life. They want to give birth to an artificial world alongside the natural world—one inspired by their own temperament and imagination. This is a world of human making, not one sprung from the divine spirit.

[ 12 ] Die Heutigen verstehen es nicht mehr, wenn man von der Kunst wie von einer Verwirklichung des Göttlichen spricht, sie können nur begreifen, daß der Mensch das Bedürfnis hat, Dinge nach seinem Temperament, nach seiner Eingebung zu gestalten.

[ 12 ] People today no longer understand it when one speaks of art as a manifestation of the divine; they can only grasp that human beings have a need to shape things according to their temperament and inspiration.

[ 13 ] Menschlich wollen die Modernen über die Kunst sprechen; auf den religiösen Zug, der Vischers Ausführungen zugrunde liegt, wollen sie nicht mehr eingehen.

[ 13 ] Modernists want to discuss art from a humanistic perspective; they no longer wish to address the religious undertones underlying Vischer’s remarks.