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Understanding Art
GA 271

1898

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Understanding Art, tr. SOL
  1. Kunst und Kunsterkenntnis

5. Graf Leo Tolstoi · Was ist Kunst?

5. Count Leo Tolstoy · What Is Art?

[ 1 ] Graf Leo Tolstoi hat eine Schrift «Was ist Kunst?» veröffentlicht. Der russische Romancier hat sich, seit er unter die Moralprediger gegangen ist, die Sympathien eines großen Teiles seiner ehemaligen Verehrer zerstört. Der Inhalt seiner Morallehre steht durchaus nicht auf der Höhe seines Künstlertums. Eine Gefühlsmoral, die sich auf allgemeine Menschenliebe und Mitleid stützt und die auf Bekämpfung des Egoismus abzielt, ist dieser Inhalt. Verwässertes Christentum ist der beste Ausdruck, den man dafür finden kann. Vom Standpunkte dieser Morallehre beantwortet Tolstoi auch die Frage, die er sich jetzt stellt: «Was ist Kunst?» Zunächst weist er darauf hin, welch ungeheure menschliche Arbeitskraft dazu aufgewendet werden muß, um ein Werk der Kunst zustande zu bringen. Er geht von einer Opernprobe aus, bei der er einmal anwesend war. Er schildert, welche Zeit und Mühe eine solche Probe kostet und wie lieblos die Leiter derselben das Personal behandeln, mit dem sie es zu tun haben. Und dann sagt er sich: was kommt bei all der Mühe und Arbeit heraus? «Für wen geschieht denn das alles? Wem kann es gefallen? Wenn auch dann und wann in dieser Oper schöne Motive vorkommen, die angenehm zu hören sind, so könnte man sie doch einfach absingen, ohne diese dummen Verkleidungen, Aufzüge, Rezitative und Armschwingungen. Ein Ballett aber, in dem halbnackte Frauen sinnlich aufregende Bewegungen vorführen und sich in Girlanden verwickeln, ist nichts weiter als eine moralverderbende Vorstellung, so daß man nicht einmal begreifen kann, für wen sie berechnet ist. Ein gebildeter Mensch hat die Sachen satt bekommen, und ein gewöhnlicher Arbeiter versteht sie einfach nicht. Sie kann nur - was ich auch noch bezweifeln möchte - denen gefallen, die von sogenannten herrschaftlichen Vergnügungen noch nicht übersättigt sind, aber sich herrschaftliche Bedürfnisse angeeignet haben und ihre Bildung zeigen wollen wie etwa junge Lakaien . . .Und diese ganze häßliche Dummheit wird nicht gutmütig, nicht einfach heiter, sondern mit Bosheit, mit tierischer Grausamkeit einstudiert.»

[ 1 ] Count Leo Tolstoy has published an essay titled “What Is Art?” Since he has taken up the role of a moral preacher, the Russian novelist has lost the sympathy of a large portion of his former admirers. The content of his moral teachings is by no means on par with his artistic genius. This doctrine consists of an emotional morality based on universal love for humanity and compassion, aimed at combating selfishness. “Watered-down Christianity” is the best term one can find to describe it. From the standpoint of this moral doctrine, Tolstoy also answers the question he now poses to himself: “What Is Art?” First, he points out the immense amount of human labor that must be expended to bring a work of art into being. He takes as his starting point an opera rehearsal he once attended. He describes the time and effort such a rehearsal requires and how callously the directors treat the staff they are working with. And then he asks himself: what comes of all that effort and work? “For whom is all this done? Who can it please? Even if beautiful melodies that are pleasant to hear occur now and then in this opera, one could simply sing them without these silly costumes, processions, recitatives, and arm-waving. But a ballet in which half-naked women perform sensually arousing movements and entangle themselves in garlands is nothing more than a morally corrupting mental image, so that one cannot even comprehend for whom it is intended. An educated person has grown tired of such things, and an ordinary worker simply does not understand them. It can only—and I would even doubt this—appeal to those who are not yet sated with so-called aristocratic pleasures, but who have adopted aristocratic tastes and wish to display their refinement, like young lackeys . . . And all this ugly stupidity is rehearsed not with good-naturedness, not simply with cheerfulness, but with malice, with bestial cruelty.”

[ 2 ] Man muß, weil die Kunst solche Opfer fordert, sich fragen: Was ist der Zweck der Kunst? Was trägt die Kunst zum Ganzen der menschlichen Kulturentwickelung bei? Um sich diese Frage zu beantworten, hält Tolstoi Umschau bei den deutschen, französischen und englischen Ästhetikern, die über die Aufgaben der Kunst ihre Anschauungen veröffentlicht haben. Er kommt zu einem ungünstigen Urteil über diese Ästhetiker. Er findet, daß keine Übereinstimmung herrscht über den Begriff der Kunst. «Sieht man» - sagt er «von den ganz ungenauen und den Begriff der Kunst nicht deckenden Definitionen der Schönheit ab, welche deren Wesen bald im Nutzen, bald in der Zweckmäßigkeit, bald in der Symmetrie, bald in der Ordnung, bald in der Proportionalität, bald in der Glätte, bald in der Harmonie der Teile, bald in der Einheit, bald in der Mannigfaltigkeit, bald in den verschiedenen Verbindungen dieser Prinzipien finden, sieht man von diesen ungenügenden Versuchen objektiver Definitionen ab, - so können alle ästhetischen Bestimmungen der Schönheit auf zwei Grundansichten zurückgeführt werden: die erste, daß die Schönheit etwas für sich Bestehendes ist, eine der Erscheinungen des absolut Vollkommenen, der Idee, des Geistes, des Willens, von Gott, - und die zweite, daß die Schönheit ein gewisses von uns empfundenes Vergnügen ist, welches persönliche Vorteile nicht zum Zwecke hat.»

[ 2 ] Since art demands such sacrifices, one must ask: What is the purpose of art? How does art contribute to the overall development of human culture? To answer this question, Tolstoy surveys the German, French, and English aestheticians who have published their views on the role of art. He arrives at an unfavorable judgment of these aestheticians. He finds that there is no consensus on the concept of art. “If one disregards,” he says, “the very imprecise definitions of beauty—which do not capture the concept of art—and which find its essence sometimes in utility, sometimes in functionality, sometimes in symmetry, sometimes in order, sometimes in proportionality, sometimes in smoothness, sometimes in the harmony of the parts, sometimes in unity, sometimes in diversity, and sometimes in the various combinations of these principles—if one disregards these inadequate attempts at objective definitions—then all aesthetic definitions of beauty can be traced back to two fundamental views: the first, that beauty is something that exists in and of itself, one of the manifestations of the absolutely perfect, of the Idea, of the Spirit, of the Will, of God—and the second, that beauty is a certain pleasure we experience, which has no personal benefit as its purpose.”

[ 3 ] Tolstoi findet beide Ansichten unvollkommen, und er sieht den Grund der Unvollkommenheit darin, daß sie auf einer primitiven Ansicht von der menschlichen Kultur beruhen. Auf einer primitiven Stufe der Anschauungen sehen die Menschen auch den Zweck des Essens in dem Genüsse, den ihnen das Essen bereitet. Eine höhere Stufe der Einsicht ist die, wenn sie erkennen, daß die Ernährung und damit die Förderung des Lebens der Zweck des Essens ist, und wenn sie den Genuß nur als eine untergeordnete Beigabe betrachten. In gleicher Weise steht der Mensch auf einer niedrigen Stufe, welcher glaubt, daß der Zweck der Kunst in dem Genüsse der Schönheit bestehe. «Um die Kunst genau zu definieren, muß man vor allen Dingen aufhören, sie als Mittel zum Genuß zu betrachten, dagegen muß man in der Kunst eine der Bedingungen des menschlichen Lebens sehen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, müssen wir zugeben, daß die Kunst eines der Mittel zum Verkehr der Menschen untereinander ist.» Nicht als Selbstzweck läßt Tolstoi die Kunst gelten. Die Menschen sollen einander verstehen, lieben und fördern; das ist ihm der Zweck jeder Kultur. Die Kunst soll nur ein Mittel sein, diesen höheren Zweck zu verwirklichen. Durch die Worte teilen sich die Menschen ihre Gedanken und ihre Erfahrungen mit. Der Einzelne lebt durch die Sprache in und mit dem Ganzen des Menschengeschlechtes. Was Worte allein nicht vermögen, um dieses Zusammenleben hervorzubringen, das soll die Kunst bewirken. Sie soll die Empfindungen und Gefühle von Mensch zu Mensch vermitteln, wie es die Worte mit den Erfahrungen und Gedanken machen. «Die Tätigkeit der Kunst beruht darauf, daß der Mensch, indem er durch das Ohr oder das Auge den Ausdruck der Gefühle eines anderen wahrnimmt, diese Gefühle nachzuempfinden vermag.»

[ 3 ] Tolstoy finds both views imperfect, and he sees the reason for this imperfection in the fact that they are based on a primitive view of human culture. At a primitive stage of understanding, people also see the purpose of eating as the pleasure that eating brings them. A higher level of understanding is reached when people recognize that the purpose of eating is nourishment—and thus the sustenance of life—and when they regard pleasure merely as a secondary byproduct. Similarly, a person who believes that the purpose of art lies in the enjoyment of beauty is at a lower level. “To define art precisely, one must first and foremost cease to regard it as a means to pleasure; rather, one must see art as one of the conditions of human life. From this perspective, we must admit that art is one of the means by which people interact with one another.” Tolstoy does not regard art as an end in itself. People should understand, love, and support one another; for him, this is the purpose of all culture. Art should be merely a means of realizing this higher purpose. Through words, people share their thoughts and experiences with one another. Through language, the individual lives within and alongside the whole of the human race. What words alone cannot achieve in fostering this coexistence, art is meant to accomplish. It is meant to convey emotions and feelings from person to person, just as words convey experiences and thoughts. “The function of art lies in the fact that, by perceiving the expression of another’s feelings through the ear or the eye, a person is able to empathize with those feelings.”

[ 4 ] Ich glaube, daß von Tolstoi übersehen wird, welchen Ursprung die Kunst hat. Nicht auf die Mitteilung kommt es dem Künstler zunächst an. Wenn ich eine Erscheinung der Natur oder des Menschenlebens sehe, so treibt mich ein ursprünglicher Trieb dazu, mir im Geiste ein Bild von dieser Erscheinung zu machen. Und meine Phantasie drängt mich dazu, dieses Bild in einer Weise um- und auszugestalten, die gewissen Neigungen in mir entspricht. Zur Ausgestaltung dieses Bildes bediene ich mich der Mittel, die meinen Fähigkeiten entsprechen. Wenn diese Mittel die Farben sind, so male ich, und wenn es die Vorstellungen sind, so dichte ich. Ich tue das nicht, um mich mitzuteilen, sondern weil ich das Bedürfnis habe, mir von der Welt Bilder zu machen, die meine Phantasie mir eingibt. Ich bin nicht zufrieden mit der Gestalt, welche die Natur und das Menschenleben für mich haben, wenn ich sie bloß als passiver Zuschauer betrachte. Ich will Bilder machen, die ich selbst erfinde oder die ich doch - wenn ich sie auch von außen aufnehme - in meiner Weise wiedergebe. Der Mensch will nicht bloßer Betrachter, er will nicht reiner Zuschauer den Weltereignissen gegenüber sein. Er will auch aus Eigenem etwas zu dem hinzu erschaffen, das von außen auf ihn eindringt. Deshalb wird er Künstler. Wie dies Geschaffene dann weiter wirkt, ist eine Folgeerscheinung. Und wenn von der Wirkung der Kunst auf die menschliche Kultur gesprochen werden soll, so mag Tolstoi Recht haben. Aber die Berechtigung der Kunst als solche muß, unabhängig von ihrer Wirkung, in einem ursprünglichen Bedürfnisse der menschlichen Natur gesucht werden.

[ 4 ] I believe that Tolstoy overlooks the origin of art. For the artist, communication is not the primary concern. When I see a phenomenon of nature or human life, a primal impulse drives me to form a mental image of that phenomenon. And my imagination compels me to reshape and elaborate this image in a way that corresponds to certain inclinations within me. To elaborate this image, I make use of the means that correspond to my abilities. If these means are colors, then I paint; and if they are mental images, then I write poetry. I do this not to express myself, but because I feel the need to create images of the world as my imagination dictates. I am not satisfied with the form that nature and human life take for me when I view them merely as a passive observer. I want to create images that I invent myself or that I—even if I take them in from the outside—render in my own way. Human beings do not want to be mere observers; they do not want to be mere spectators of world events. They also want to add something of their own to what comes at them from the outside. That is why he becomes an artist. How this creation then continues to have an effect is a secondary consequence. And if one is to speak of the effect of art on human culture, Tolstoy may be right. But the justification for art as such must be sought—regardless of its effect—in an original need of human nature.