The Faust Problem
The Romantic and Classical Walpurgis Night
GA 273
28 September 1918, Dornach
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The Faust Problem, tr. SOL
8. Geisteswissenschaftliche Ausführungen in Anknüpfung an die «Klassische Walpurgisnacht»
8. Reflections on Spiritual Science in Connection with the “Classical Walpurgis Night”
[ 1 ] Daß der Mensch in seinem Wesen umfassender ist, mehr ist, als was erkennbar ist, was durchdringbar ist mit dem Verstande und den andern Seelenkräften, die der Mensch hat, das wollte ich hauptsächlich gestern in Anknüpfung an das Goethesche Faust-Werk zunächst klarmachen. Goethe selber fühlte tief, daß man mit den Geisteskräften, die man im heutigen bewußten Leben entwickeln kann, nicht so weit gehen kann, wie der Mensch seinem Wesen nach reicht. Diejenigen, welche glauben, daß das, was man heute Wissenschaft nennt, nur erweitert zu werden brauche, um gewissermaßen das Mögliche und Unmögliche zu erkennen, sagen einfach: Nun ja, mit demjenigen, was die Wissenschaft heute bietet, kommt man allerdings nur zu einer sehr eingeschränkten Erkenntnis vom Menschen. Aber diese Wissenschaft wird sich erweitern, diese Wissenschaft wird immer mehr und mehr vordringen, und dann wird man auch immer mehr und mehr zu der Erkenntnis des Menschen kommen.
[ 1 ] Yesterday, drawing on Goethe’s Faust, I sought first and foremost to make clear that human beings, in their very nature, are more comprehensive—are more than what is perceptible or comprehensible through the intellect and the other spiritual faculties that human beings possess. Goethe himself felt deeply that the spiritual powers one can develop in today’s conscious life do not allow us to go as far as human nature itself extends. Those who believe that what is called science today merely needs to be expanded in order, so to speak, to discern the possible and the impossible, simply say: “Well, with what science offers today, one does indeed arrive at only a very limited understanding of the human being. But this science will expand; this science will advance further and further, and then we will also come to an ever-greater understanding of the human being.”
[ 2 ] Dies ist sehr kurzsichtig gesehen, denn es ist einfach unrichtig. Nicht daran hängt es, daß die wissenschaftliche Anschauung, die man gegenwärtig als solche gelten läßt, sich immer mehr und mehr erweitert, um den Menschen zu erkennen, sondern darauf kommt es an, daß man zu andern Erkenntniskräften und Erkenntnisfähigkeiten seine Zuflucht nimmt, als sie überhaupt diese heutige Wissenschaft verwendet. Diese heutige Wissenschaft kann noch so weit kommen auf ihren Bahnen, dasjenige, was Goethe so empfand, daß es nicht erkannt werden kann innerhalb der Wesenheit des Menschen, kann mit dieser Wissenschaft in keinem Falle jemals durchdrungen werden. Denn alle Wissenschaft, die wir haben als offiziell gültige Wissenschaft, bezieht sich nur auf irdische Wesenheit, auf die Wesenheit des Erdenplaneten. Niemals kann durch dasjenige, was man heute Wissenschaft nennt, über etwas anderes entschieden werden als über die Vorgänge des Erdenplaneten. Der Mensch aber ist nicht nur Erdenmensch, sondern er hat als Erdenmensch hinter sich die Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung, und er hat in sich die Keimanlage zu der Jupiter-, Venus-und Vulkanentwickelung. Über diese andere planetarische Lebensform außerhalb des Irdischen kann die Wissenschaft nichts wissen, denn diejenigen Gesetze, die diese Wissenschaft hat, gelten nur für das Irdische. Den Menschen in seiner Totalität also kann man mit diesen Gesetzen nicht erkennen, weil man ihn nur erkennen kann, wenn man seine Erkenntnis über das Irdische hinausdehnt.
[ 2 ] This is a very short-sighted view, because it is simply incorrect. It is not the reason that the scientific worldview—which is currently accepted as such—is expanding more and more in order to understand human beings; rather, what matters is that we turn to powers and capacities of cognition other than those employed by contemporary science. No matter how far modern science may advance along its current paths, that which Goethe sensed—namely, that it cannot be comprehended within the essence of the human being—can under no circumstances ever be penetrated by this science. For all science that we have as officially recognized science relates only to earthly essence, to the essence of the Earth. What is today called science can never make a determination about anything other than the processes of the Earth. But the human being is not merely an Earth being; as an Earth being, he has behind him the Saturn, Sun, and Moon stages of development, and within him lies the seed of the Jupiter, Venus, and Vulcan stages of development. Science can know nothing about this other planetary form of life beyond the earthly realm, for the laws of science apply only to the earthly realm. Thus, human beings in their totality cannot be understood through these laws, because they can only be understood by extending one’s knowledge beyond the earthly realm.
[ 3 ] Nun habe ich gestern darauf hingewiesen, wie der Mensch in Bewußtseinszuständen lebt, die gewissermaßen unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins und über der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins liegen. Unter der Schwelle des gewöhnlichen Bewußtseins liegt vieles von dem, aus dessen Regionen die Traumerlebnisse heraufsprudeln. Unter dieser Bewußtseinsschwelle liegt aber allerdings auch sehr, sehr vieles von dem, was der Mensch im wachen Tagesleben erfährt vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Denn eine einigermaßen hinreichende Besonnenheit kann Ihnen zeigen, daß die Menschen über den Traum viel mehr wissen würden, wenn sie sich anstrengen würden, einiges mehr zu wissen, als sie es tun, über das Wachen. Wenn die Menschen mehr sich anstrengen würden, über das Wachen etwas zu wissen, so würden sie nämlich finden, daß sie während dieses Wachens viel mehr träumen, als sie eigentlich glauben. Es ist wirklich nur scheinbar, daß eine sichere, feste Grenze besteht zwischen Wachen und Schlafen. Nicht nur träumen, kann man sagen, viele Menschen während des Wachens, sondern auch schlafen, schlafen mit Bezug auf sehr, sehr viele Dinge. Und in wahrhaft wachem Zustande sind wir nur, wie wir wissen, mit Bezug auf unsere Vorstellungen und einen Teil unserer Gefühle, während ein großer Teil des Gefühlslebens und vor allen Dingen des Willenslebens, wie wir “wissen, eigentlich immer verträumt und verschlafen wird. Das Schlafensleben ragt durchaus in das wache Leben herein. Der Mensch würde sich viel mehr aufklären können über das Traumleben, wenn er versuchen wollte, anzuschauen, welcher Unterschied besteht zwischen den Vorstellungen, die so auf und ab wogen, die gewissermaßen kommen und gehen, die alles Mögliche anrufen, und die zum Verwechseln ähnlich sind dem Traumleben, und denjenigen Vorstellungen, bei denen man mit seinem vollen Willen tätig ist. Man wird nur einen kleinen Teil der Vorstellungswelt des Menschen finden, bei dem man mit seinem vollen Willen eine Vorstellung an die andere reiht, während der Mensch gar oftmals in seinem Tagesleben auch diejenigen Augenblicke hat, wo er sich dem Vorstellungsablauf so hingibt, wie es dieser Vorstellungsablauf selber haben will. Bedenken Sie einmal, wie, wenn Sie sich so Ihrem Vorstellungsablauf hingeben, die eine Vorstellung die andere heraufruft, wie Sie sich an längst Vergangenes dadurch erinnern, daß Sie eine Gegenwartsvorstellung angeschlagen haben und diese Gegen wartsvorstellung längst vergangene Erlebnisse in Ihnen heraufruft. Das ist ein Vorgang, der oftmals nicht stark verschieden ist von dem Träumen. Weil man so wenig, ich möchte sagen, innere technische Denkkraft hat, um das wache Tagesleben richtig zu verfolgen, deshalb haben auch die wenigsten Menschen heute schon die richtige Begabung, das Schlafesleben mit dem heraufsprudelnden Traumesleben richtig zu taxieren. Erleben wir es doch, daß es sich wissenschaftlich dünkende Theorien’ gibt, die etwa das Folgende über das Traumleben behaupten. Die Freudsche und andere Schulen, gewisse Anhänger, nicht alle, der Psychoanalytiker, sagen von den Träumen, daß sie dadurch hervorgerufene Vorstellungen sind, daß dem Menschen gewisse Wünsche nicht in Erfüllung gehen im Leben. Der Mensch durchläuft das Leben, er wünscht das Allerallerverschiedenste, aber es ist unleugbar, sagen diese Leute, daß uns im Leben viele Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Da treten, wenn das Bewußtsein herabgedämmert ist, diese Wünsche vor die Seele. Und weil der Mensch sich diese Wünsche nicht in Wirklichkeit erfüllen kann, erfüllt er sie sich im Vorstellen, so daß die Träume nach der Anschauung mancher Leute heute in der Phantasie erfüllte Wünsche sind. Ich möchte nur, daß die Menschen, die solches behaupten, einmal nachdenken würden, wie sie dazukommen, den Traum zu haben, daß sie geköpft werden! Diese Dinge alle, die heute vielfach den Inhalt von Theorien ausmachen, sind furchtbarste Einseitigkeiten. Und diese Einseitigkeiten müssen ganz notwendig die Köpfe der Menschen durchdringen, wenn die Menschen nicht an die geisteswissenschaftlichen Untersuchungen über die der äußeren Sinnenwelt und dem äußeren Verstandesdenken unbekannten Welten sich wenden, die Aufschluß geben über das, was der Mensch noch außer dem ist, was seine Sinne und sein Verstand begreifen.
[ 3 ] Yesterday I pointed out how human beings live in states of consciousness that lie, so to speak, below the threshold of ordinary consciousness and above the threshold of ordinary consciousness. Below the threshold of ordinary consciousness lies much of what gives rise to dream experiences. However, below this threshold of consciousness also lies a great, great deal of what people experience in their waking daily life, from the moment they wake up until they fall asleep. For a reasonably sufficient degree of self-reflection can show you that people would know much more about dreaming if they made an effort to know a little more about waking life than they currently do. If people made more of an effort to learn about wakefulness, they would discover that they dream far more during this waking state than they actually believe. It is really only an illusion that there is a clear, fixed boundary between wakefulness and sleep. One might say that not only do many people dream while awake, but they also sleep—in a sense—with regard to very, very many things. And, as we know, we are truly awake only in relation to our mental images and a part of our feelings, while a large part of our emotional life—and above all, our volitional life—is, as we “know,” actually always dreamlike and half-asleep. The life of sleep certainly encroaches upon waking life. People could gain much greater insight into the life of dreams if they were to try to examine the difference between the mental images that ebb and flow—that, in a sense, come and go, evoke all manner of things, and bear a striking resemblance to the life of dreams—and those mental images in which one is actively engaged with one’s full will. One will find only a small part of a person’s world of imagination in which one uses one’s full will to link one mental image to another, whereas in daily life a person very often has moments when they surrender to the flow of imagination just as that flow itself dictates. Consider, for example, how—when you surrender yourself in this way to the flow of your imagination, with one mental image evoking another—you recall events long past by focusing on a present mental image, and how this present mental image in turn evokes long-past experiences within you. This is a process that is often not very different from dreaming. Because people have so little—I would say—inner mental capacity to properly follow waking daily life, very few people today possess the proper ability to correctly assess the life of sleep with its bubbling dream life. We do, after all, find that there are “scientifically minded theories” that assert, for example, the following about the life of dreams. The Freudian school and others—certain followers, though not all, of psychoanalysis—say that dreams are mental images brought about by the fact that certain desires of human beings remain unfulfilled in life. A person goes through life desiring the most diverse things, but it is undeniable, these people say, that many of our desires remain unfulfilled in life. When consciousness begins to fade, these desires come to the forefront of the mind. And because people cannot fulfill these desires in reality, they fulfill them in mental images; thus, according to the view of some people today, dreams are desires fulfilled in mental images. I only wish that the people who make such claims would pause to consider how they come to have the dream of being beheaded! All these things, which today often form the content of theories, are the most terrible one-sidednesses. And these one-sided views are bound to permeate people’s minds unless they turn to Spiritual Science investigations into the worlds unknown to the external sensory world and external intellectual thinking—investigations that shed light on what a human being is beyond what his senses and intellect can grasp.
[ 4 ] Aber aus dem gestern Gesagten werden Sie eines über die Träume mit voller Bestimmtheit entnehmen können. Sie werden daraus entnehmen können, daß im Traumesleben etwas webt und lebt, was zusammenhängt mit unserer menschlichen Vergangenheit, mit jener Vergangenheit, in der wir ein Dasein hatten, das noch Bezug hatte zum Erdfeuer und zu der Wasserluft. Gewissermaßen rufen wir, während wir unbewußt im Schlafe sind, unsere Vergangenheit wiederum zurück. Wir sind heute nicht in der Lage, mit dem, was unser Gehirnbewußstsein ist, und unser gewöhnlicher freier Wille ist, uns bewußt zu versetzen in diese Welt. Wir waren auch unbewußt oder unterbewußt, als wir in früheren Stadien unsere Entwickelung durchgemacht haben. Doch es ist eine Beobachtung verhältnismäßig gar nicht so besonders schwierig zu machen. Wenn Sie Ihr Traumleben verfolgen, so werden Sie allerdings finden, daß Sie die Bilder der Träume in außerordentlich schwieriger Weise sinnvoll sich deuten können. Wie sich so ein Traumbild an das andere reiht, das hat doch zumeist einen recht chaotischen Charakter. Aber dieser chaotische Charakter ist nur an der Oberfläche. Unter dieser Oberfläche lebt der Mensch in einem Elemente, das durchaus nicht chaotisch ist, aber es ist anders, total anders, als das Erleben im wachen Tagesleben ist. Man braucht sich nur in einem Falle klarzumachen, inwiefern das Traumesleben anders ist als das wache Tagesleben, und man wird gleich den radikalen Unterschied sehen. Im wachen Tagesleben wäre es sehr unangenehm, wenn mit Bezug auf das Verhältnis zu andern Menschen auch das vorhanden wäre, was im Traume vorhanden ist. Denn im Traume erlebt der Mensch fast zu allen Menschen, mit denen er irgendwie in karmischer Beziehung steht, ein Band; er erlebt das Zusammensein mit all den Menschen, mit denen er in irgendeiner karmischen Beziehung steht. Von da an, wo Sie anfangen einzuschlafen, bis Sie wieder aufwachen, geht von Ihnen eine Kraft zu unzähligen Menschen, und von unzähligen Menschen gehen Kräfte zu Ihnen. Sie — ich kann nicht sagen — sprechen, weil man das Sprechen erst lernt im wachen Tagesleben, aber wenn Sie mich nicht mißverstehen und mit Bezug auf diejenigen Kommunikationen, die wir im Schlafe haben, das denken, was ich jetzt sage, dann werden Sie auch verstehen, wenn ich sage, im Schlafe sprechen Sie mit unzähligen Menschen, und unzählige Menschen sprechen mit Ihnen. Und was Sie in Ihrer Seele erleben während des Schlafes, sind die Mitteilungen unzähliger Menschen; und was Sie tun während des Schlafes, das ist, daß Sie Ihre Gedanken an unzählige Menschen hinsenden. Dieses Verbinden der Menschen, dieses Verbundensein der Menschen untereinander ist während des Schlafes ein sehr, sehr inniges. Es wäre im höchsten Grade peinlich, wenn während des wachen Tageslebens sich das fortsetzte. Das ist ja das Wohltätige des «Hüters der Schwelle», daß er dem Menschen das verbirgt, was unter der Schwelle seines Bewußtseins ist. Im Schlafe wissen Sie es in der Regel, wenn Sie einer anlügt; Sie wissen in der Regel, wenn einer recht böse an Sie denkt. Überhaupt die Menschen kennen einander im Schlafe verhältnismäßig recht gut, aber in einem dumpfen Bewußtsein. Das alles wird durch das wache Bewußtsein überdeckt, und es muß überdeckt werden, aus dem einfachen Grunde, weil der Mensch nie zu demjenigen selbstbewußten Denken kommen würde, das er gerade durch die Erdenmission lernen soll, und auch zur Handhabung des freien Willens, den er wiederum durch die Erdenmission gewinnen soll, wenn er so fortgelebt hätte, wie er während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit, namentlich während der Mondenzeit gelebt hat. Da hat er auch in dem äußeren Leben so gelebt, wie er jetzt lebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
[ 4 ] But from what was said yesterday, you will be able to deduce one thing about dreams with complete certainty. You will be able to deduce that something is weaving and living within the life of dreams that is connected to our human past—to that past in which we existed in a way that was still related to the earth fire and the water-air. In a sense, while we are unconsciously asleep, we recall our past once again. Today, we are not able to consciously transport ourselves into this world using our cerebral consciousness and our ordinary free will. We were also unconscious or subconscious when we went through earlier stages of our development. Yet this is an observation that is actually not all that difficult to make. If you observe your dream life, you will find, however, that it is extraordinarily difficult to interpret the images of your dreams in a meaningful way. The way one dream image follows another usually has a rather chaotic character. But this chaotic character is only on the surface. Beneath this surface, a person lives in a realm that is by no means chaotic, but it is different—totally different—from the experience of waking life. One need only consider one aspect to understand how dream life differs from waking life, and one will immediately see the radical difference. In waking life, it would be very unpleasant if, in terms of one’s relationships with other people, what exists in dreams were also present. For in dreams, a person experiences a bond with almost everyone with whom they have some kind of karmic connection; they experience a sense of togetherness with all the people with whom they have any kind of karmic relationship. From the moment you begin to fall asleep until you wake up again, a force flows from you to countless people, and forces flow from countless people to you. You—I cannot say—speak, because speaking is something one first learns in waking life; but if you do not misunderstand me and, with regard to the communications we have in sleep, understand what I am saying now, then you will also understand when I say that in sleep you speak with countless people, and countless people speak with you. And what you experience in your soul during sleep are the messages of countless people; and what you do during sleep is send your thoughts out to countless people. This connection among people, this interconnection of people with one another, is very, very intimate during sleep. It would be extremely embarrassing if this continued during waking life. That is, after all, the benevolent role of the “Guardian of the Threshold”—to conceal from people what lies beneath the threshold of their consciousness. In your sleep, you usually know when someone is lying to you; you usually know when someone is thinking very badly of you. In general, people know one another relatively well in their sleep, but in a dim state of consciousness. All of this is obscured by waking consciousness, and it must be obscured, for the simple reason that a person would never arrive at the self-conscious thinking that he is meant to learn precisely through his earthly mission, nor at the exercise of free will—which he, in turn, is meant to gain through this earthly mission—if he had continued to live as he did during the Saturn, Sun, and Moon eras, particularly during the Moon era. In those times, he lived his outer life just as he now lives from the moment he falls asleep until he wakes up.
[ 5 ] Nun kommt aber etwas anderes, das bedeutsam ist. Aus diesem Leben, das der Mensch unbewußt wirklich durchmacht vom Einschlafen bis zum Aufwachen, tauchen die Träume herauf. Warum sind die nicht ein wahres Abbild des Lebens da unten? Oh, diese Träume wären, wenn sie wahre, unmittelbare Abbilder wären, alles mögliche. Sie wären erst bedeutsame Mitteiler über unsere Beziehungen zu der Welt und zu den Menschen, sie wären auch bedeutsame Mahner. Sie würden uns ungeheuer stark ins Gewissen reden über diese oder jene Dinge, über die wir uns so gerne im Leben Illusionen hingeben. Daß wir — ich möchte schon fast sagen — nicht ausgesetzt sind dem, was die Träume mit uns beginnen würden, wenn sie wahre Abbilder des Lebens unter dem Bewußtsein wären, das kommt davon her, daß unser waches Tagesleben uns so stark mit Kräften durchdringt, daß es, ich möchte sagen, seine Schatten wirft über das ganze Traumleben hin. Und so tragen wir die Vorstellungen, die Bilder des wachen Tageslebens in das Traumesleben, respektive in das Schlafesleben hinein, und dadurch entstehen die Träume. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie träumen, oder sollten träumen von einer Persönlichkeit, welche sich zur Aufgabe stellt, Ihnen klarzumachen, daß Sie wiederum etwas recht Ungeschicktes, etwas recht Ungehöriges getan haben. Das kommt vor. Auch andere Persönlichkeiten könnten Mahner sein, könnten uns ins Gewissen reden während des Schlafes. Sie haben aus den Erfahrungen und aus den Gewohnheiten des tagwachen Lebens den Wunsch oder die Begierde — könnte ich auch sagen —, solches Gerede nicht anzuhören. Sie wollen nichts hören von dem, was Ihnen diese Persönlichkeit während des Schlafes sagt. Gut, der Wunsch setzt sich um in eine Verdunkelung des Erlebnisses; aber wenn zu gleicher Zeit eine so rege Seelentätigkeit vorhanden ist, daß das Bild heraufsprudelt, dann legt sich Ihnen aus dem wachen Tagesleben über dasjenige, was Sie eigentlich als Bild erleben sollten, das andere, daß Ihnen irgendein guter Freund, den Sie lieber anhören als den Mahner, sagt: Ach, was bist du doch für ein außerordentlich feiner, immer nur das Beste, Netteste wollender und tuender Mensch! Gerade das Entgegengesetzte kann manchmal aus dem wachen Tagesleben und seiner Reminiszenz in Bildform hinübergehängt werden über dasjenige, was eigentlich erlebt wird. Im Grunde ist doch das wache Tagesleben die Veranlassung für alle Illusionen und Täuschungen, die während des Traumlebens entstehen.
[ 5 ] But now something else comes into play that is significant. Dreams emerge from this life that a person unconsciously experiences from the moment they fall asleep until they wake up. Why aren’t they a true reflection of life down there? Oh, if these dreams were true, direct reflections, they would be all sorts of things. They would be significant messengers about our relationships to the world and to other people; they would also be significant warnings. They would speak to our consciences with tremendous force about this or that matter—matters about which we so readily indulge in illusions in life. The fact that we—I am almost tempted to say—are not exposed to what dreams would do to us if they were true reflections of life beneath consciousness stems from the fact that our waking daily life permeates us so powerfully that it, I might say, casts its shadow over the entire dream life. And so we carry the mental images and ideas of waking life into our dream life—or rather, into our sleep life—and this is how dreams arise. Let’s take, for example, the case where you dream—or might dream—of a figure who sets out to make it clear to you that you have once again done something quite clumsy, something quite inappropriate. This happens. Other figures might also serve as admonishers, appealing to our conscience while we sleep. Based on the experiences and habits of waking life, you have the desire—or, I might even say, the craving—not to listen to such talk. You do not want to hear anything this figure says to you while you sleep. Well, this desire manifests as a darkening of the experience; but if, at the same time, there is such lively mental activity that the image bubbles up, then something else from your waking daily life overlays what you should actually be experiencing as an image: the thought that some good friend—whom you’d rather listen to than the admonisher—is telling you: “Oh, what an extraordinarily kind person you are, always wanting and doing only the best and nicest things!” Sometimes, the exact opposite can be superimposed from waking daily life and its reminiscences in the form of images onto what is actually being experienced. After all, waking daily life is the source of all the illusions and deceptions that arise during the dream life.
[ 6 ] Ein weiteres ist dieses, daß nun der Mensch heute im gegenwärtigen Entwickelungszyklus an die Geisteswissenschaft herankommen kann. Nun gibt es, ich weiß es, sehr viele, die an die Geisteswissenschaft herankommen und sagen: Jetzt befasse ich mich jahrelang mit der Geisteswissenschaft, sie bringt mich nicht vorwärts. Sie sagt mir, daß man das oder jenes durch die Geisteswissenschaft erlangen könne, aber sie bringt mich nicht vorwärts. — Ich habe es oft betont: dieser Gedanke ist kein richtiger. Geisteswissenschaft bringt, auch wenn sie nicht esoterisches Leben entfaltet, jeden Menschen vorwärts, denn die Gedanken der Geisteswissenschaft selbst sind vorwärtsbringend. Aber man muß achtgeben auf die subjektiven Erlebnisse, die sich in der Seele wirklich abspielen. Denn es ist das Eigentümliche, daß dasjenige, was neu auftritt bei jemandem, der in die Bahn der Geisteswissenschaft einmündet, sich zunächst gar nicht in bezug auf den Bildcharakter von der Traumeswelt unterscheidet. Dasjenige, was man erlebt, wenn man Geisteswissenschafter wird, sieht sehr ähnlich der übrigen Traumeswelt aus, aber bei feinerer Unterscheidung läßt sich doch ein gewaltiger Unterschied bemerken zwischen den gewöhnlichen Träumen und denjenigen Wahrnehmungen, die durch bewußt in Gedanken aufgenommenes geistiges Leben verlaufen. Auch bei den Traumesbildern, welche der Geisteswissenschafter in seiner Seele erlebt, mag manches chaotisch erscheinen. Analysiert man sie aber nach den Anleitungen, die man doch aus der Geisteswissenschaft gewinnen kann, dann wird man finden, daß sie in der Tat immer treuere und treuere Abbilder, namentlich in ihrem Verlaufe Abbilder werden des inneren Erlebens des Menschen. Und man muß schon Rücksicht nehmen auf diese dem gewöhnlichen Verstande und dem gewöhnlichen Sinnesleben verborgene Schichte des Erlebens, das so verläuft wie ein Sinnen, wie ein sinnendes Träumen, und das doch sinnvoll ist, und das, wenn man es in der richtigen Weise ins Auge faßt, aufschlußgebend ist über geistige Geheimnisse. Man muß achtgeben, wie sich allmählich, ich möchte sagen, einnistet in das gewöhnliche Vorstellungsleben dieses Leben, das sehr ähnlich den Träumen aussieht, aber gerade durch seinen sinnvollen Verlauf, wenn man nicht auf die einzelnen Bilder schaut, sondern auf den sinnvollen Verlauf der Bilder, hineingeleitend ist in die geistige Welt. Man kommt, wenn man auf solche Dinge achtgibt, durchaus zu jener Unterscheidung von drei Bewußtseinsschichten, von denen Goethe, wie ich Ihnen gestern ausführte, so schöne, ahnende Erkenntnisse hatte.
[ 6 ] Another point is that, in the current cycle of development, people today can now engage with Spiritual Science. Now, I know there are many who engage with Spiritual Science and say: “I’ve been studying Spiritual Science for years, but it isn’t helping me make progress.” It tells me that one can attain this or that through Spiritual Science, but it isn’t helping me move forward.” — I have often emphasized this: that idea is incorrect. Spiritual Science helps every person move forward, even if it does not unfold an esoteric life, because the very thoughts of Spiritual Science are progressive. But one must pay attention to the subjective experiences that actually take place in the soul. For it is a peculiar feature that what first appears to someone who is entering the path of Spiritual Science does not, at first, differ at all from the dream world in terms of its imagery. What one experiences when becoming a spiritual scientist looks very similar to the rest of the dream world, but upon closer examination, a tremendous difference can be discerned between ordinary dreams and those perceptions that arise from spiritual life consciously taken up in thought. Even among the dream images that the spiritual scientist experiences in his soul, some may appear chaotic. But if one analyzes them according to the guidelines that can indeed be derived from Spiritual Science, one will find that they do in fact become ever more faithful reflections—particularly in their progression—of the human being’s inner experience. And one must certainly take into account this layer of experience, hidden from ordinary understanding and ordinary sensory life, which unfolds like a form of contemplation, like a pensive dream, and which is nevertheless meaningful; and which, when viewed in the right way, provides insight into spiritual mysteries. One must pay attention to how, gradually—I might say—this life, which looks very much like dreaming, takes root in ordinary imaginative life; yet precisely through its meaningful course—if one looks not at the individual images but at the meaningful sequence of the images—it leads one into the spiritual world. If one pays attention to such things, one certainly arrives at that distinction between three layers of consciousness, about which Goethe, as I explained to you yesterday, had such beautiful, intuitive insights.
[ 7 ] Eine Bewußtseinsschichte ist diejenige, die gewissermaßen ohne unser Zutun so auftritt, daß wir die gewöhnlichen Träume haben. Wenn wir nicht Traumdeuter sind, wenn wir nicht abergläubisch sind, sondern wenn wir versuchen, das Jenseits der Traumbilder zu suchen, dann wird uns diese Traumeswelt doch auch verraten können, daß wir als Menschen durch frühere Entwickelungsstadien gingen, als diejenigen des Erdenlebens sind.
[ 7 ] A “story of consciousness” is one that, so to speak, unfolds without any intervention on our part, resulting in our having ordinary dreams. If we are not dream interpreters, if we are not superstitious, but rather if we try to seek what lies beyond the dream images, then this dream world will still be able to reveal to us that we, as human beings, have passed through earlier stages of development than those of earthly life.
[ 8 ] Dann haben wir das gewöhnliche tagwachende Bewußtsein, das wir kennen oder wenigstens zu kennen glauben. Wir kennen es der Tatsache nach, die Menschen lassen sich nicht immer ein darauf, es sich voll zu erklären, aber man kennt es der Tatsache nach.
[ 8 ] Then there is the ordinary waking consciousness that we know—or at least think we know. We know it as a matter of fact; people do not always agree to have it fully explained to them, but we know it as a matter of fact.
[ 9 ] Die dritte Schichte ist das Hereinragen der wirklichen übersinnlichen Erkenntnis. Diese übersinnliche Erkenntnis ist natürlich etwas, was der Mensch der heutigen Zeit und gegen die Zukunft hin aus den Gründen anstreben muß, die wir oft genug besprochen haben.
[ 9 ] The third layer is the emergence of true supersensible knowledge. This supersensible knowledge is, of course, something that people of the present day and in the future must strive for, for the reasons we have discussed often enough.
[ 10 ] Ich habe nun gestern gezeigt, wie Goethe in dem ersten Teile der Szene des zweiten Teils des «Faust», die für uns zunächst in Betracht kommt, das Traumleben in seiner Eigentümlichkeit verkörpert. Und von dem Momente an, wo die Oreade redet zu Mephistopheles, wo dann die Philosophen auftreten, haben wir es mit der Welt der gewöhnlichen tagwachenden Wirklichkeit zu tun. Von dem Momente an, wo die Dryade den Mephistopheles hinweist auf die Phorkyaden, haben wir es zu tun mit einem Hinweis auf bewußte übersinnliche Erkenntnis. Diese drei Schichten des Bewußtseins sind es, auf die Goethe sein Denken und sein Vorstellen richtet, indem er sich die Frage vorlegt: Wie wird aus diesem Homunkulus, der zunächst dem menschlichen Erkennen zugänglich ist, ein Homo? — Durch die gewöhnliche Wissenschaft des Verstandes und der Sinne nicht, sondern nur dadurch, daß man zu andern Schichten des Bewußtseins seine Zuflucht nimmt. Denn der Mensch ist weiter als die Erde in ihrem Sein, und der Verstand und die Sinne sind nur für Erdendinge geeignet.
[ 10 ] Yesterday I demonstrated how Goethe, in the first part of the scene from the second part of Faust—which is of immediate concern to us—embodies the dream life in all its peculiarity. And from the moment the Oread speaks to Mephistopheles—when the philosophers then appear—we are dealing with the world of ordinary, waking reality. From the moment the Dryad points Mephistopheles toward the Phorcys, we are dealing with a reference to conscious supersensible knowledge. It is these three layers of consciousness that Goethe directs his thinking and mental images toward as he poses the question: How does this homunculus, which is initially accessible to human cognition, become a homo? — Not through the ordinary science of the intellect and the senses, but only by taking refuge in other layers of consciousness. For human beings extend beyond the Earth in their being, and the intellect and the senses are suited only to earthly things.
[ 11 ] Wir haben aber gestern bereits auseinandergesetzt, wie die Gleichgewichtslage der Sphinx noch fehlt, wenn der Mensch untertaucht in die Welt seiner Vorzeit, wie der Mensch sich darinnen eigentlich unsicher fühlt, der Homunkulus sich unsicher fühlt. Denn der Mensch weiß von sich — verzeihen Sie, aber es ist schon so — nicht viel mehr als von einem Homunkulus; er weiß ja nicht von einem Homo in Wirklichkeit. Und der Homunkulus wagt sich bei Goethe nicht in das Getriebe hinein der Sirenen, des Seismos und so weiter, weil er sich fürchtet vor dem wogenden, stürmischen Elemente, in das der Mensch untertaucht, wenn er die Sinneswelt verläßt, und in die Welt eintaucht, aus der sonst die Träume heraufsprudeln. Da wagt sich Homunkulus nicht hinein.
[ 11 ] But we already discussed yesterday how the Sphinx’s state of equilibrium is still lacking when a person delves into the world of their prehistory, how a person actually feels insecure there—how the homunculus feels insecure. For human beings know—forgive me, but it is simply so—not much more about themselves than they do about a homunculus; after all, they do not truly know anything about a “homo.” And in Goethe’s work, the homunculus does not venture into the workings of the sirens, the Seismos, and so on, because he fears the surging, stormy element into which a person plunges when they leave the sensory world and enter the world from which dreams otherwise bubble up. The homunculus does not dare to venture in there.
[ 12 ] Homunkulus möchte einen bequemeren Weg zum Homo-Werden einschlagen. Er ist zwei Philosophen, dem Anaxagoras und dem Thales, auf der Spur. Er möchte von ihnen erfahren, wie man mehr in seine Menschenwesenheit hereinbringen kann, als einem so ein Wagner im Laboratorium geben kann. Das möchte er erfahren. Wir wissen schon, von neueren Philosophen versprach sich Goethe nicht, daß man so etwas erfahren kann; da will er gar nicht erst «geduldig Volk am Seile führen» und etwa den Homunkulus nach Königsberg in die Nähe Kants bringen, um Auskunft an ihn heranzubringen, wie man entstehen kann als Mensch, wie man sein Menschenwesen erweitern kann, sondern Goethe versuchte gerade, sich in die Welt der Griechen aus dem Grunde einzuleben, weil er glaubte, daß man durch Einleben in die noch biegsamen, weicheren Vorstellungen der Griechen das Menschenleben auch eher erfassen kann aus den andern Bewußstseinsschichten heraus als durch dasjenige, was die neueren Philosophen doch nur aus Verstand und Sinnesbewußisein herausholen. Und so bringt er denn den Homunkulus nicht in die Gesellschaft von Kant oder Leibniz oder Hume oder Locke, sondern er bringt ihn in die Gesellschaft von solchen Philosophen, die noch den älteren Anschauungen der Menschen, den alten Mysterienanschauungen nahegestanden haben, wo aus zwar nicht so hellen Bewußtseinserlebnissen wie heute, aber aus umfassenderem Bewußtseinserleben etwas über das Wesen des Menschen gewußt werden konnte. Aber im Grunde genommen sind Anaxagoras und Thales nur noch Nachzügler der alten Mysterienweisheit. Anaxagoras weiß noch mehr von dem alten Mysterienwissen. Das zeigt uns alles dasjenige, was Anaxagoras in der Szene vorbringt. Thales ist eigentlich der Inaugurator, der Initiator, der Anfänger der neueren wissenschaftlichen Richtung, und er weiß nur noch wenig von dem, was alte Mysteriengeheimnisse sind. Natürlich weiß er deshalb mehr, weil er doch noch nähersteht den alten Mysteriengeheimnissen als seine späteren philiströsen Nachzügler, aber er weiß weniger als der Anaxagoras. Thales, man sieht das aus seinen Reden, weiß eigentlich nur Auskunft zu geben über dasjenige, was in seiner sinnlichen Umwelt geschieht, wie sich da nach und nach — man glaubt, daß Lyell redet, der moderne Geologe — durch langsame Vorgänge Gebirge und sonstige Verhältnisse der Erde bilden. Anaxagoras will das Gegenwärtige aus dem Vergangenen erklären, das Irdische aus dem erklären, was vorgegangen ist, wie die Erde noch nicht Erde war. Anaxagoras will erklären aus jenen Zeiten heraus, welchen mit ihrem Wesen, wie ich Ihnen gestern ausgeführt habe, die Ameisen, die Imsen angehören, aber auch die Pygmäen angehören. Anaxagoras lebt ganz in dieser Welt, die heute eine übersinnliche oder meinetwillen untersinnliche ist, ohne deren Kenntnis man aber die sinnliche nicht verstehen kann. Anaxagoras gibt damit im Grunde eine tiefe Überzeugung Goethes wieder. Denn Goethe hat in einem seiner Sprüche in schöner Weise gerade über diesen Punkt sich ausgesprochen. Er hat gesagt: «Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht denken. Das Entstandene begreifen wir nicht.» Und er sagt an einer andern Stelle seiner Schriften: «Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen ...»
[ 12 ] Homunkulus wants to take a more comfortable path toward becoming human. He is following in the footsteps of two philosophers, Anaxagoras and Thales. He wants to learn from them how to bring more into his human existence than someone like Wagner can provide in a laboratory. That is what he wants to learn. We already know that Goethe did not expect to learn such things from more recent philosophers; he has no intention of “patiently leading the people by the rope” and, for example, bringing the homunculus to Königsberg near Kant to obtain information from him on how one can come into being as a human being, how one can expand one’s human nature; rather, Goethe specifically sought to immerse himself in the world of the Greeks from the ground up, because he believed that by immersing oneself in the Greeks’ still malleable, softer mental images, one can grasp human life more readily from other layers of consciousness than through what the modern philosophers derive solely from reason and sensory consciousness. And so he does not place the homunculus in the company of Kant, Leibniz, Hume, or Locke, but rather in the company of those philosophers who were still close to the older views of humanity—the ancient mystery traditions—where, although not from experiences of consciousness as lucid as those of today, but from a more comprehensive experience of consciousness, something could be known about the nature of the human being. But fundamentally, Anaxagoras and Thales are merely stragglers of the ancient mystery wisdom. Anaxagoras still knows more of the ancient mystery knowledge. All of this is shown to us by what Anaxagoras presents in the scene. Thales is actually the inaugurator, the initiator, the pioneer of the newer scientific direction, and he knows only a little about the ancient mysteries. Of course, he knows more than his later philistine followers because he is still closer to the ancient mysteries than they are, but he knows less than Anaxagoras. Thales—as is evident from his speeches—can really only provide information about what happens in his sensory environment, such as how, little by little—one might think Lyell, the modern geologist, is speaking—mountains and other features of the Earth are formed through slow processes. Anaxagoras seeks to explain the present from the past, to explain the earthly from what preceded it, from a time when the Earth was not yet the Earth. Anaxagoras seeks to explain from those times to which, as I explained to you yesterday, ants and beetles belong by their very nature—but to which the Pygmies also belong. Anaxagoras lives entirely in this world, which today is a supersensible or—if you will—sub-sensible one, but without knowledge of which one cannot understand the sensible world. In doing so, Anaxagoras essentially echoes a deep conviction of Goethe’s. For Goethe, in one of his aphorisms, expressed himself beautifully on precisely this point. He said: “What no longer comes into being, we cannot conceive of as coming into being. We do not comprehend what has come into being.” And he says elsewhere in his writings: “Reason depends on what is becoming; the intellect on what has become...”
[ 13 ] Das Gewordene, das ist dasjenige, was Thales um sich herum sieht. Anaxagoras geht auf das Werden, das dem Gewordensein vorangegangen ist, auf das Entstehen. Goethe unterscheidet deshalb streng zwischen Verstand, der auf dasjenige gerichtet ist, was man heute Gegenstand der Wissenschaft nennt, und der Vernunft, die über das Sinnenfällige und Verstandesmäßige hinausgeht, und die auf das Übersinnliche geht, also auch auf dasjenige Übersinnliche, was sich abgespielt hat, bevor der heutige Erdenzustand gekommen ist. Es ist Anaxagoras, in dem Goethe den Repräsentanten sieht eines Wissens, einer Erkenntnis, die auf das Entstehen geht, heimisch in alldem, was die Pygmäen treiben. In alldem, was solche Wesen treiben, die zwar ein physisches Dasein in der Gegenwart entwickeln, aber ihrem Wesen nach eigentlich der Vorzeit angehören wie die Imsen und so weiter.
[ 13 ] That which has come to be is what Thales sees around him. Anaxagoras focuses on the process of becoming that preceded the state of having come to be—on genesis. Goethe therefore makes a strict distinction between the intellect, which is directed toward what we today call the subject matter of science, and reason, which transcends the sensory and the intellectual and extends to the supersensible—that is, also to the supersensible events that took place before the current state of the Earth came into being. It is in Anaxagoras that Goethe sees the representative of a knowledge, an insight, that is directed toward genesis, at home in all that the Pygmies do. In all that such beings do—beings who, though they develop a physical existence in the present, actually belong in essence to prehistory, like the mayflies and so on.
[ 14 ] Und nun möchte Anaxagoras, als der Wunsch, die Bitte des Homunkulus an ihn herantritt, dem Homunkulus die Gelegenheit geben, durch sein Wissen das Menschenwesen zu bereichern. Er will den Homunkulus führen in die Welt der Pygmäen, der Imsen und so weiter, er will ihn darinnen sogar zum König machen. Das ist Anaxagoras schon klar, daß man in der Welt, von der Thales redet, die nur die Welt der gegenwärtigen Verhältnisse ist, nicht viel gewinnen kann, um vom Homunkulus zum Homo zu gelangen, aber wenn man eintritt in die Werdewelt, in die Welt, die der unseren vorangegangen ist, da könnte man etwas gewinnen, um vom Homunkulus zum Homo zu gelangen. Aber Homunkulus ist unschlüssig:
[ 14 ] And now, when the Homunculus approaches him with his request, Anaxagoras wishes to give the Homunculus the opportunity to enrich the human condition through his knowledge. He wants to guide the Homunculus into the world of the Pygmies, the Imsen, and so on; he even wants to make him king there. Anaxagoras already realizes that in the world Thales speaks of—which is merely the world of present circumstances—one cannot gain much to progress from homunculus to homo; but if one enters the world of becoming, the world that preceded our own, then one might gain something to progress from homunculus to homo. But Homunculus is undecided:
Was sagt mein Thales?
What does my Thales say?
[ 15 ] Er hat noch in sich den Gedanken des Sich-nicht-Hineinwagens in die Welt. Als sie ihm entgegengetreten ist als Traumeswelt, da wagte er sich nicht hinein. Jetzt, wo sie ihm in den Gedanken des Anaxagoras entgegentritt, wagt er sich auch nicht recht hinein, wenigstens will er noch den Rat des Thales. Und der hält ihn ab, in diese Welt der Anaxagoras-Gedanken unterzutauchen. Was ist das für eine Welt, die Welt der Anaxagoras-Gedanken? Es ist im Grunde genommen die Welt der alten Mysterien, aber abgeflacht und abgeplattet bis zur menschlichen Verständigkeit. Es sind die Schattenbegriffe aus den alten Mysterien heraus. Daher können sie nicht bestehen gegenüber der Welt. Hat man die wirklichen, lebendigen Begriffe vom Werden, dann kommt man schon zum Verständnis dieser Welt, dann ist man ihr gewachsen. Aber mit den schattenhaften Begriffen, die der Anaxagoras hat, ist Homunkulus nun den Einwänden des Thales nicht gewachsen, denn die Einwände des Thales sind aus der gegenwärtigen Sinneswelt. Und geradeso wie die flüchtigen Träume, die der Abglanz sind hoher Geisteswelten, vor dem Menschen verglimmen, wenn der Hahn kräht, oder wenn einer die Tür zuschlägt, so verglimmt überhaupt dasjenige, was da lebt wie in der Gedankenwelt des Anaxagoras sehr leicht, wenn sich die andern Gedanken geltend machen, die aus der gegenwärtigen Sinneswelt genommen sind. Thales braucht nur darauf aufmerksam zu machen, daß doch die gegenwärtige Sinneswelt da ist. Er weist in sehr kräftiger Art darauf hin. So wie die Gegenwartswelt die Vorwelt, die uns im Traume wiederersteht, totschlägt, so schlagen die Kraniche die Pygmäen und die Imsen tot. Es ist nur ein Abbild davon. Anaxagoras hat sich an die Welt zuerst gewendet, die dem Menschen wiederum in der Traumeswelt in einer unsicheren Kunde erscheint. Nachdem er es hat erleben müssen, daß aus dieser Welt heraus dem Homunkulus kein Segen erwuchs, wendet er sich nach der oberen Welt. Und er fleht zunächst an in einer wunderbaren Rede das Überbleibsel der irdischen Vorzeit unter den Himmelserscheinungen, er fleht den Mond an. Nachdem er sich zuerst verbreitet hat in seinen Ideen und Gedanken über dasjenige, was aus der Mondenzeit zurückgeblieben ist: Imsen, Pygmäen, das Untere, — nachdem ihm das mißglückt ist gegenüber dem Homunkulus, wendet er sich nach oben, wo der Mond zurückgeblieben ist aus jener alten Mondenzaeit. |
[ 15 ] He still harbors the thought of not venturing into the world. When it appeared to him as a dream world, he did not dare to enter it. Now that it confronts him in the thoughts of Anaxagoras, he still does not quite dare to enter it; at least, he still seeks the counsel of Thales. And Thales dissuades him from immersing himself in this world of Anaxagoras’s thoughts. What kind of world is this, the world of Anaxagoras’s thoughts? It is, in essence, the world of the ancient mysteries, but flattened and reduced to the level of human understanding. These are the shadow concepts drawn from the ancient mysteries. Therefore, they cannot stand up to the real world. If one possesses the true, living concepts of becoming, then one already arrives at an understanding of this world; then one is a match for it. But with the shadowy concepts that Anaxagoras holds, Homunculus is now no match for Thales’s objections, for Thales’s objections arise from the present sensory world. And just as the fleeting dreams—which are the reflection of higher spiritual worlds—fade away before a person when the rooster crows or when someone slams the door, so too does that which lives, as in Anaxagoras’s world of thought, fade away very easily when other thoughts—drawn from the present sensory world—assert themselves. Thales need only point out that the present sensory world is, after all, there. He points this out in a very forceful manner. Just as the present world kills off the past world that reappears to us in dreams, so do the cranes kill the pygmies and the waxwings. It is merely a reflection of that. Anaxagoras first turned to the world that appears to humans once more in the world of dreams as an uncertain revelation. After he had to experience that no blessing arose for the homunculus from this world, he turned to the upper world. And in a wondrous speech, he first implores the remnant of earthly antiquity among the celestial phenomena; he implores the moon. After first expounding on his ideas and thoughts regarding what remained from the lunar age—the Imsen, the Pygmies, the Lower Realm—and after failing to achieve his goal with regard to the homunculus, he turns his gaze upward, where the moon remains as a remnant of that ancient lunar age. |
[ 16 ] Denken Sie einmal, wie klar Goethe gerade in dieser Szene eigentlich hinweist auf alle diese Geheimnisse, die dem irdischen Werden zugrunde liegen. Er läßt nun auch noch den Anaxagoras aus der alten Mysterienweisheit sein Hinflehen zu dem Monde vornehmen. In einer wunderschönen Rede wendet sich Anaxagoras an den Mond. Diese Rede zeigt so recht, wie Goethe in Anaxagoras schildern wollte eine Persönlichkeit, die darinnensteht in der geistigen Welt, aber die in dieser geistigen Welt nur noch mit ihrem Verstande darinnensteht, jenem Verstande, der, wenn er nur das Gegenwärtige beobachtet, überhaupt an das Geistige nicht kommen kann, der aber bei Anaxagoras das Geistige aus den alten Mysterien noch bewahrt hat. Anaxagoras sagt:
[ 16 ] Just consider how clearly Goethe, especially in this scene, actually points to all these mysteries that underlie earthly becoming. He even has Anaxagoras, drawing on the ancient wisdom of the mysteries, offer his supplication to the moon. In a beautiful speech, Anaxagoras addresses the moon. This speech truly shows how Goethe intended to portray Anaxagoras as a personality who is immersed in the spiritual world, but who is immersed in this spiritual world solely through his intellect—that intellect which, when observing only the present, cannot access the spiritual at all, but which, in Anaxagoras, has still preserved the spiritual from the ancient mysteries. Anaxagoras says:
Konnt’ ich bisher die Unterirdischen loben,
So wend’ ich mich in diesem Fall nach oben...
Du! droben ewig Unveraltete,
Dreinamig-Dreigestaltete,
Dich ruf’ ich an bei meines Volkes Weh,
Diana, Luna, Hekate!
Du Brusterweiternde, im Tiefsten-Sinnige,
Du Ruhig-Scheinende, Gewaltsam-Innige,
Eröffne deiner Schatten grausen Schlund,
Die alte Macht sei ohne Zauber kund!
While I have praised the underworld deities until now,
In this case, I turn my gaze upward...
You! Eternal and ageless one on high,
Three-named and three-formed,
I call upon you in the midst of my people’s sorrow,
Diana, Luna, Hecate!
You who expand the breast, profound in the deepest sense,
You who appear serene, yet are fiercely intense,
Open the dreadful maw of your shadows,
Let the ancient power be revealed without magic!
[ 17 ] Aber er hat nur noch die Schatten. Statt daß er etwas erreicht für Homunkulus, nimmt er wahr, wie aus dem Monde Verheerung herunterfällt auf die Erde, wie nun auch dasjenige, was noch am Leben übriggeblieben war, zerstört wird durch eine Elementarerscheinung. Bedeutsam aber ist für die Charakteristik des Anaxagoras, wie er den Mond, dieses Überbleibsel der Erdenvorzeit, anruft: «Diana, Luna, Hekate.» Für Anaxagoras ist also der Mond nicht eine Einheit, sondern eine Dreiheit. Der Mond, insoferne er am Himmel oben seine Kreise vollendet, ist Luna. Als Luna wirkt er von außen herein auf die Erde ein.
[ 17 ] But all he has left are the shadows. Instead of achieving anything for the homunculus, he observes how devastation rains down from the moon onto the earth, how even that which had remained alive is now destroyed by a natural phenomenon. Significant for the characterization of Anaxagoras, however, is how he addresses the moon, this remnant of the earth’s prehistory: “Diana, Luna, Hecate.” ” For Anaxagoras, then, the moon is not a unity but a trinity. The moon, insofar as it completes its orbits high in the sky, is Luna. As Luna, it exerts an influence on Earth from the outside.
[ 18 ] Insoferne er auf der Erde selbst tätig ist, ist er Diana. Diejenigen Kräfte, die als kosmische Kräfte wirken durch den am Himmel kreisendenMond, sie haben, ich möchte sagen, ihre Geschwister auch in irdischen Kräften. Nicht nur kosmisch ist der Mond vorhanden, sondern er ist auch irdisch vorhanden. Dieselben Kräfte, die kosmisch an den am Himmel kreisenden Mond gebunden sind, sie durchweben und durchleben auch das Irdische und gehören zu wichtigen unbewußten Kräften des Menschen. Sie wirken in der menschlichen Natur, gehören zu wichtigen unterbewußten Kräften. Dasjenige, was innerhalb der Erde wirkt, indem vom Unterbewußten herauf in dem Menschen ein gewisses Verhältnis, das nicht ganz zum Bewußtsein kommt, zur Natur waltet, das nannte der Grieche Diana. Man sagt gewöhnlich, Diana sei die Göttin der Jagd. Gewiß, das ist sie auch, weil in der Jagdlust auch dieses Unterbewußte waltet, was aber in zahlreichen andern menschlichen Gefühlen und Willensimpulsen waltet. Diana ist nicht nur die Jagdgöttin, sondern sie ist die schaffende und wirkende Göttin in alldem, was so angestrebt . wird, halb unbewußt und halb unterbewußt wie das Jagdvergnügen. Solches tut der Mensch sehr vieles im Leben. Das ist das Mittlere.
[ 18 ] Insofar as it is active on Earth itself, it is Diana. The forces that act as cosmic forces through the Moon circling in the sky have, I would say, their counterparts in earthly forces as well. The Moon is not only present in the cosmos, but also on Earth. The same forces that are cosmically bound to the Moon as it orbits the heavens also permeate and animate the earthly realm and are among the important unconscious forces of the human being. They are at work in human nature and are among the important subconscious forces. That which works within the Earth—through which a certain relationship to nature, arising from the subconscious and not fully entering consciousness, prevails within the human being—the Greeks called Diana. It is commonly said that Diana is the goddess of the hunt. Certainly, she is that as well, because this subconscious element also prevails in the joy of the hunt—but it prevails in numerous other human feelings and impulses of the will as well. Diana is not only the goddess of the hunt, but she is the creative and active goddess in everything that is strived for—half unconsciously and half subconsciously, just like the pleasure of the hunt. People do a great deal of this in life. This is the middle path.
[ 19 ] Dann lebt im Menschen aber auch und vor allen Dingen in der Erde eine dritte Gestalt, die Gestalt der Hekate, die unterirdische Gestaltung des Mondes. Auch vom Erdeninneren, vom Unterirdischen wirken herauf die Kräfte, die im Monde von oben hinunterwirken, insofern der Mond eine Himmelserscheinung ist. Der heutige Mensch kennt von diesem Mond eigentlich nur noch die abstrakte mineralische Kugel, von der er glaubt, daß sie da draußen in vier Wochen die Erde umkreist. Der Grieche kannte den dreifachen Mond: Luna, Diana, Hekate. Und indem der Mensch ein Mikrokosmos ist, ist er ein Abbild von allen möglichen Dreiheiten, also auch ein Abbild des dreifachen Mondes, von Luna, Diana, Hekate. Haben wir nicht kennengelernt den dreifachen Menschen? Wir haben kennengelernt den Hauptesmenschen, den Kopfmenschen. Der Kopfmensch kann, indem er das Ergebnis von Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit ist, das Ergebnis der Vorzeit überhaupt, in Zusammenhang gebracht werden mit dem himmlischen Reste, mit der Luna. So daß der Kopf im Menschen entsprechen würde als ein Mikrokosmos der makrokosmischen Luna. Der Mittelmensch, der Brustmensch würde der Diana entsprechen. Im Herzen entstehen auch diejenigen unterbewußten Impulse, deren Göttin die Diana ist. Und alles dasjenige, was in dem Extremitätenmenschen mit seiner Fortsetzung im Sexualmenschen spielt, das rührt her von der unterirdischen Macht der Hekate: alle die dunklen, rein organischen, leibesartigen Gefühle und Impulse, die im Menschen walten. Und Goethe läßt alles anklingen, um die Sache für den, der sie erkennen will, recht deutlich zu machen. Zum Reich der Hekate zum Beispiel gehört die Empuse, die unter den Lamien erscheint um den Mephistopheles herum in dieser Szene, neben den Lamien, bei denen das nicht so ausgesprochen ist, bei denen nur dasjenige ausgesprochen ist, was mehr zu der Diana neigt. In der Empusa wirkt aber mehr dasjenige, was im Unterirdischen des Irdischen, was mikrokosmisch in der niederen Natur des Menschen lebt und in Mephistopheles wachgerufen werden soll. Das läßt Goethe anklingen. Anaxagoras will gewissermaßen stärker geltend machen seine Wissenschaft, als er sie schon vorher geltend gemacht hat, indem er nur auf das Irdische, aber auf das zurückgebliebene Irdische hingewiesen hat, auf die Imsen, auf seine Myrmidonen, wie er sich ausdrückt. Er wendet sich an den dreifachen Mond, der makrokosmisch dasselbe ist wie mikrokosmisch der Mensch. Hatte Goethe davon eine Ahnung, daß in dem dreifachen Mond makrokosmisch-wirklich Hauptesmensch, Brustmensch, Unterleibsmensch oder Extremitätenmensch vorhanden war? Nun, lesen wir die folgenden Zeilen:
[ 19 ] But there also lives within human beings—and above all within the Earth—a third form: the form of Hecate, the subterranean manifestation of the Moon. The forces that act downward from the Moon above also rise up from the Earth’s interior, from the subterranean realm, insofar as the Moon is a celestial phenomenon. Modern humans actually know of this Moon only as an abstract mineral sphere, which they believe orbits the Earth out there in four weeks. The Greeks knew the threefold Moon: Luna, Diana, Hecate. And since the human being is a microcosm, he is a reflection of all possible triads—and thus also a reflection of the threefold Moon: Luna, Diana, Hecate. Have we not come to know the threefold human being? We have come to know the head-human, the head-being. Since the head-human is the result of the Saturn, Sun, and Moon eras—indeed, the result of prehistory as a whole—he can be associated with the heavenly sphere, with Luna. Thus, the head in the human being would correspond, as a microcosm, to the macrocosmic Luna. The middle human, the chest human, would correspond to Diana. It is in the heart that those subconscious impulses arise whose goddess is Diana. And everything that takes place in the human of the extremities—with its continuation in the sexual human—stems from the subterranean power of Hecate: all the dark, purely organic, bodily feelings and impulses that reign within the human. And Goethe alludes to all of this to make the matter quite clear to those who wish to recognize it. To the realm of Hecate, for example, belongs the Empusa, who appears among the Lamia surrounding Mephistopheles in this scene, alongside the Lamia in whom this aspect is not so pronounced—in whom only that which leans more toward Diana is expressed. In Empusa, however, what is more prominent is that which lies in the subterranean realm of the earthly, that which lives microcosmically in the lower nature of human beings and is to be evoked in Mephistopheles. Goethe alludes to this. Anaxagoras, in a sense, wishes to assert his science more strongly than he has done before, having previously referred only to the earthly—but to the earthly in its rudimentary form—to the mayflies, to his “Myrmidons,” as he puts it. He turns to the triple moon, which is, macrocosmically, the same as the microcosmic human being. Did Goethe have any inkling that, in the triple moon, the macrocosmic-real “head man,” “chest man,” “abdomen man,” or “limb man” existed? Well, let us read the following lines:
Du Brusterweiternde — Diana -,
Im Tiefsten-Sinnige — Luna -,
Du Ruhig-Scheinende, Gewaltsam-Innige — Hekate -.
You, the breast-expanding one—Diana—
You, the profoundly meaningful one—Luna—
You, the one who appears calm yet is fiercely passionate—Hecate—
[ 20 ] Hier haben Sie die drei Prädikate von Luna, Diana, Hekate, insoferne sich diese drei Prädikate auch auf den dreigliedrigen Menschen beziehen, von Goethe voll ausgesprochen und handgreiflich gemacht dadurch, daß er das Mittlere sogar mit dem Ausdruck Brusterweiternde bezeichnet.
[ 20 ] Here Goethe fully articulates the three attributes of Luna, Diana, and Hecate—insofar as these three attributes also refer to the threefold human being—and makes them tangible by even describing the middle one with the expression “breast-expanding.”
[ 21 ] Sie sehen, derjenige, der behauptet, daß Goethe ahnendes Wissen tief untertauchte in geisteswissenschaftliche Wahrheiten, hat gute Gründe dazu. Nur muß dasjenige, was in einem solchen Werke steht wie Goethes «Faust», in seiner wahren Gestalt gelesen werden. Gerade wenn Sie bei Goethe dieses eigentümliche Stehen mit einem ahnenden Erkennen in dem Geisteswissenschaftlichen in Erwägung ziehen, dann werden Sie es begreiflich finden, wie Goethe, ich möchte sagen, in einer gewissen Beziehung immer wieder und wiederum das Geistige, das Übersinnliche als etwas doch Unheimliches empfand. Er stand in seiner nordischen Welt einmal darinnen, wie ich gestern gesagt habe, und fühlte mit dem, was diese Umwelt an Begriffen, an Vorstellungen darbietet. Wenn man das größte Genie ist - man kann nur dieselben Begriffe haben wie die andern. Man kann sie anders verbinden, aber man kann nur dieselben Begriffe haben. Da kommt man den andern zwei Schichten des Bewußtseins nicht bei: dem Untersinnlichen und dem Übersinnlichen; man kommt ihnen nicht bei. Der gewöhnliche Philister macht sich nichts daraus, ist froh, wenn er nicht beizukommen braucht den andern Schichten des Bewußtseins. Aber Goethe, der mit allen Fasern seiner Seele danach strebte, menschliches Wesen zu durchdringen, empfand es oftmals als etwas recht, recht sehr die menschliche Natur Einschränkendes, daß er keine Vorstellungen, keine Begriffe hatte, um hineinzuschauen in diejenige Welt, aus welcher der Mensch doch auftaucht, und in die er mit seinem Verstand und mit seiner gewöhnlichen Wissenschaft nicht hineinschauen kann. Und da entstand in Goethe aus alldem, was er durch natürliche Anlagen gefühlt hat, was ihm auch sonst zugänglich war, oder was er namentlich in Italien beobachtet hatte an der griechischen Kunst, der Gedanke: Wenn man sich erfüllt mit griechischen Vorstellungen, griechischem Leben, dann kommt man näher dem Übersinnlichen als mit den modernen Vorstellungen. — Und es war das so tief gewurzelt bei Goethe, daß er seit den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts immer danach strebte, seine Vorstellungen so biegsam zu machen, wie die Vorstellungen der Griechen waren. Er hoffte dadurch beizukommen der übersinnlichen Welt. Was aber war damit verbunden? Damit war verbunden, daß er in der Tat große Anstrengungen machte, nicht um durch die Anschauung des griechischen Lebens die übersinnliche Welt zu erkennen, aber um Vorstellungen zu gewinnen, um die übersinnliche Welt in das Seelenleben herein fassen zu können. Es ist interessant, wie Goethe, gerade als er an diesen Szenen geschrieben hat, sich vertieft hat in alles mögliche, um das griechische Leben vor seiner Seele lebendig erstehen zu lassen. Heute ist man nicht näher dem griechischen Leben, als man zu Goethes Zeiten war. Und Goethe fand immerhin an einem Werke, wie zum Beispiel Schlossers «Universalhistorische Übersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Kultur», das 1826 erschienen ist und das Goethe gleich gelesen hat neben vielen andern Werken, die ihn in das griechische Leben versetzten, er fand immerhin die Möglichkeit, indem er sich kongenialisch verhalten wollte zum griechischen Leben, das griechische Leben in seiner Seele lebendig zu machen. Aber mit welchen Gedanken versuchte er das? Denken Sie, da schreibt er: Es fordert uns auf, in das Allgemeinste, Vergangenste, Nichtheranzubringende der Urgeschichte unser Schauen hinzuwenden und von da an die Völkerschaften nach und nach zu unserem Blick heranquellen zu lassen.
[ 21 ] As you can see, anyone who claims that Goethe’s intuitive knowledge delved deeply into truths of Spiritual Science has good reasons for doing so. However, what is written in a work such as Goethe’s Faust must be read in its true form. Precisely when you consider this peculiar stance of Goethe—with his intuitive insight into Spiritual Science—you will find it understandable how Goethe, I might say, in a certain sense, time and again perceived the spiritual, the supersensible, as something rather eerie. He stood within his Nordic world, as I said yesterday, and felt in tune with the concepts and mental images that this environment offered. Even if one is the greatest genius—one can only have the same concepts as everyone else. One can combine them differently, but one can only have the same concepts. Thus one does not reach the other two layers of consciousness—the sub-sensory and the supersensory; one does not reach them. The ordinary philistine pays no heed to this; he is glad when he does not have to grapple with the other layers of consciousness. But Goethe, who strove with every fiber of his soul to penetrate the human being, often felt it to be something that very, very much restricted human nature—that he had no mental images, no concepts, with which to look into that world from which the human being nevertheless emerges, and into which he cannot look with his intellect and his ordinary science. And so, from all that he felt through his natural inclinations, from what was otherwise accessible to him, and from what he had observed—particularly in Italy—regarding Greek art, the thought arose in Goethe: If one immerses oneself in Greek mental images and Greek life, one comes closer to the supersensible than through modern mental images. — And this was so deeply rooted in Goethe that, from the 1780s onward, he constantly strove to make his own mental images as flexible as those of the Greeks. He hoped thereby to gain access to the supersensible world. But what did this entail? It entailed that he indeed made great efforts—not to recognize the supernatural world through the observation of Greek life, but to gain mental images that would enable him to bring the supernatural world into his inner life. It is interesting how Goethe, precisely while he was writing these scenes, immersed himself in all manner of things in order to bring Greek life vividly to life before his soul. Today we are no closer to Greek life than we were in Goethe’s time. And Goethe did, at least, find in a work such as Schlosser’s Universal Historical Overview of the History of the Ancient World and Its Culture—published in 1826 and which Goethe read immediately, along with many other works that transported him into Greek life—he did, at least, find the possibility, by seeking to relate to Greek life in a congenial way, of bringing Greek life to life within his own soul. But with what thoughts did he attempt this? Consider what he writes: “It calls upon us to turn our gaze toward the most general, the most distant past, and the unrecoverable aspects of prehistory, and from there to allow the peoples to gradually well up into our field of vision.”
[ 22 ] Goethe beschäftigt sich schon in den letzten zwanziger Jahren, in denen gerade diese Szenen seines «Faust» entstehen, intensiv mit solchen Studien, die das Längstvergangene vor seinem Geiste lebendig machen und ihm zeigen, wie es heranquillt in die Gegenwart. Goethe ist kein solcher Dichter wie viele andere, die gewissermaßen aus dem Handgelenk heraus dichten, sondern er ist ein Dichter, der untertauchen will in diejenige Welt, die ihn in das Übersinnliche führt, damit er als Dichter Kunde bringen könne von diesem Übersinnlichen. Und weil er an die griechische Welt glaubte, so verwandelte sich für ihn in einer gewissen Beziehung die Vorstellung. Der Wahrheitsbegriff und der Begriff der Güte rückten für ihn, weil er griechisches Leben suchte in der Seele, dem Schönheitsbegriff nahe. Und der Begriff des Bösen rückte dem Häßlichkeitsbegriff nahe. Das ist für die heutige Menschheit schon schwer verständlich. Im griechischen Denken war das anders. Kosmos ist ein Wort, das auch ebensogut die schöne Weltenordnung wie die wahre Weltenordnung bedeutet. Die heutige Menschheit denkt nicht mehr so nahegerückt die Schönheit an die Wahrheit und die Häßlichkeit an das Böse, wie der Grieche das tat. Dem Griechen verschmolzen sich noch Schönheit mit Wahrheit, Häßlichkeit mit Irrtum und mit dem Bösen. Und Goethe bekam durch sein Verhältnis zum Griechentum gewissermaßen die Empfindung, wer so organisiert ist, wie die Griechen waren, die der übersinnlichen Welt noch näherstanden, empfindet das Unwahre und das Böse als häßlich, wendet sich aus Schönheitsgefühl davon ab, und die Wahrheit empfindet er als schön. Diese Empfindung bildete Goethe aus. Und er glaubte, er komme vielleicht dem Übersinnlichen näher, wenn er sich durchdringe mit einer Empfindung für die Schönheit der Welt. Dann aber, wie man das Licht nur an seinen Schatten kennenlernen kann, muß man sich auch durchdringen mit einer Empfindung für die Häßlichkeit der Welt. Das suchte Goerhe.
[ 22 ] As early as the late 1820s—the very period in which these scenes from his Faust were being written—Goethe was already deeply engaged in studies that brought the distant past to life in his mind and showed him how it seeps into the present. Goethe is not a poet like many others, who write, so to speak, off the cuff; rather, he is a poet who seeks to immerse himself in the world that leads him into the supernatural, so that, as a poet, he might bear witness to this supernatural realm. And because he believed in the Greek world, his mental image of it was transformed in a certain sense. Because he sought Greek life within his soul, the concepts of truth and goodness drew closer to the concept of beauty for him. And the concept of evil drew closer to the concept of ugliness. This is already difficult for people today to understand. In Greek thought, things were different. “Cosmos” is a word that signifies the beautiful order of the world just as much as the true order of the world. People today no longer think of beauty as so closely linked to truth, or ugliness to evil, as the Greeks did. For the Greeks, beauty was still fused with truth, and ugliness with error and with evil. And through his connection to Greek culture, Goethe came to feel, in a sense, that those who are organized as the Greeks were—who were still closer to the supersensible world—perceive untruth and evil as ugly, turn away from them out of a sense of beauty, and perceive truth as beautiful. Goethe cultivated this sensibility. And he believed that he might come closer to the supersensible if he imbued himself with a sense of the beauty of the world. But then, just as one can only recognize light by its shadow, one must also imbued oneself with a sense of the ugliness of the world. That is what Goethe sought.
[ 23 ] Aus diesem Grunde bringt er den Mephistopheles, der ja nur eine andere Seite des Faust-Lebens ist, in die Nähe der Urbilder der Häßlichkeit, der Phorkyaden, welche die Urbilder der Häßlichkeit sind. Damit rührt Goethe an ein großes Geheimnis des Daseins. Sie werden aus meinen Vorträgen, die ich im Verlauf der Zeit hier an diesem Orte gehalten habe, ersehen haben, daß schon auch in der Gegenwart gewisse Leute im Besitze gewisser Geheimnisse sind. Vor allen Dingen ist zum Beispiel die Führerschaft des römischen Katholizismus — die Führerschaft - im Besitze gewisser Geheimnisse. Es kommt dabei darauf an, wie man diese Geheimnisse anwendet. Aber auch gewisse Eingeweihte der englisch sprechenden Bevölkerung sind im Besitze gewisser Geheimnisse. Aus einem gründlichen Mißverständnis heraus bewahren nicht nur die römisch-katholische Kirche - die Führer - vor ihren Gläubigen diese Geheimnisse, sondern auch gewisse esoterisch Eingeweihte der englisch sprechenden Bevölkerung. Die haben nun verschiedene Gründe, und von einem der Gründe will ich nun sprechen.
[ 23 ] For this reason, he associates Mephistopheles—who is, after all, merely another aspect of Faust’s life—with the archetypes of ugliness, the Phorcys, who are the archetypes of ugliness. In doing so, Goethe touches upon a great mystery of existence. You will have gathered from the lectures I have given here over the years that even in the present day certain people are in possession of certain secrets. Above all, for example, the leadership of Roman Catholicism—the leadership—is in possession of certain secrets. What matters is how one applies these secrets. But certain initiates among the English-speaking population are also in possession of certain secrets. Out of a profound misunderstanding, not only does the Roman Catholic Church—its leaders—keep these secrets from its faithful, but so do certain esoteric initiates among the English-speaking population. They have various reasons for this, and I would now like to speak about one of those reasons.
[ 24 ] Die Erde hat eine Vergangenheit: Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit; eine Gegenwart: Erdenzeit; eine Zukunft: Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit. Es gibt in der Entwickelung ein Gutes und ein Böses. Aus dem Kosmos, aus der kosmischen Entwickelung ist das Gute nur zu erkennen aus der Vergangenheit, aus der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit und aus der halben Erdenzeit. Weisheit und das Gute hängen mit dem Rückblick in die Vergangenheit zusammen. Weisheit und das Gute impfen jene Mitglieder der höheren Hierarchien, die zu den Menschen gehören, in der Zeit der menschlichen Natur ein, in welcher diese menschliche Natur noch nicht so wie auf der Erde zum vollen Bewußtsein erwacht ist. Für die folgende Zeit, für die Jupiter-, Venus-, Vulkanzeit und auch für die jetzige Erdenzeit schon - es beginnt schon -, für die halbe Erdenzeit noch muß der Mensch bewahren das Gute, wenn er zum Guten gelangen will, muß die Impulse dieses Guten aus seiner Natur heraus entwickeln, denn es offenbaren sich aus dem Umkreise, aus dem, was neu herantritt, die Kräfte des Bösen. Ohne daß sich diese Kräfte des Bösen offenbaren würden, würde der Mensch nicht zum freien Willen kommen. Und diejenigen Eingeweihten, die ich meine, wissen dieses bedeutsame Geheimnis und wollen es, weil sie die Menschheit nicht reif machen wollen, der Menschheit nicht mitteilen. Sie wissen dieses Geheimnis. Wenn dasselbe, was als Menschennatur auf dem alten Saturn entstanden ist, durch Saturn, Sonne und Mond sich entwickelt hat und nun weitergeht, wenn dieses selbe, was für uns Menschen sich auf dem Saturn entwickelt hat und eine Vergangenheit hat, jetzt entstehen würde aus den Bedingungen der Erde heraus, so würde es ein radikal Böses werden, würde es nur das Böse aufnehmen können. Aus den äußeren Bedingungen ergibt sich nur die Möglichkeit, das Böse aufzunehmen. Diesem dem Bösen Ausgesetztsein verdankt es der Mensch, daß er zum freien Willen kommen kann, daß er wählen kann zwischen dem Bösen, das an ihn herantritt, und dem Guten, das er aus seiner Natur heraus entwickeln kann, wenn er sich vertrauensvoll hingibt an dasjenige, was durch seine Vorzeit in seine Natur gelegt worden ist. Daher sagen diese Eingeweihten denjenigen, die sie auch einweihen wollen: Es gibt drei Schichten des Bewußtseins. — Das ist eine ständige Formel, die man in diesen englisch sprechenden Einweihungsschulen haben kann. Taucht der Mensch in dieses Unterbewußte hinunter, aus dem die Träume heraufquellen, dann erlebt er eine innige Verwandtschaft mit andern Wesen — ich habe Ihnen vorhin charakterisiert: auch mit andern Menschen -, die nicht heraufragen kann in die gegenwärtige Welt. Lebt der Mensch, wie es in der Gegenwart der Fall ist, mit seinem Tagesbewußtsein in der sinnenfälligen oder verständigen Welt, so ist das die Welt, in der er durch Geburt und Tod geht. Und lebt sich der Mensch hinauf in die Welt, die er als physischer Mensch betreten wird in der Zukunft, die er durch übersinnliche Erkenntnisse erringt, dann ist das die Welt, in der er zunächst das Böse erlebt. Denn gerade darinnen muß des Menschen Stärke bestehen, daß er dem Bösen gewachsen ist, daß er gegenüber dem Bösen sich aufrechterhalten kann. Er muß das Böse kennenlernen können.
[ 24 ] The Earth has a past: the Saturn, Sun, and Moon eras; a present: the Earth era; and a future: the Jupiter, Venus, and Vulcan eras. In evolution, there is good and there is evil. From the cosmos, from cosmic evolution, the good can only be recognized in the past—in the Saturn, Sun, and Moon eras, and in the first half of the Earth era. Wisdom and the good are connected with looking back into the past. Wisdom and the good are instilled by those members of the higher hierarchies who belong to humanity during the period of human nature in which this human nature has not yet awakened to full consciousness as it has on Earth. For the period that follows—the Jupiter, Venus, and Vulcan eras, as well as the present Earth era (which is already beginning)—and for the remainder of the half-Earth era, human beings must preserve the good; if they wish to attain the good, they must develop the impulses of this good from within their own nature, for the forces of evil reveal themselves from the surrounding realm, from that which is newly emerging. If these forces of evil did not reveal themselves, humanity would not attain free will. And those initiates to whom I am referring know this significant secret and, because they do not wish to hasten humanity’s maturity, choose not to reveal it to humanity. They know this secret. If the very same thing that arose as human nature on ancient Saturn—which developed through Saturn, the Sun, and the Moon and now continues onward—if this very same thing, which developed for us humans on Saturn and has a past, were now to arise from the conditions of the Earth, it would become radically evil; it would be able to absorb only evil. The external conditions offer only the possibility of absorbing evil. It is precisely because human beings are exposed to this evil that they can attain free will—that they can choose between the evil that approaches them and the good that they can develop from within their own nature, provided they trustingly surrender to what has been embedded in their nature through their prehistory. That is why these initiates tell those they wish to initiate: There are three levels of consciousness. — This is a standard formula found in these English-speaking schools of initiation. If a person delves down into this subconscious, from which dreams well up, then they experience an intimate kinship with other beings—as I described to you earlier: even with other human beings—that cannot extend into the present world. If a person lives, as is the case in the present, with their waking consciousness in the sensory or intellectual world, that is the world through which they pass by way of birth and death. And if a person ascends into the world that he will enter as a physical human being in the future—a world he attains through supersensible knowledge—then that is the world in which he first experiences evil. For it is precisely there that a person’s strength must lie: in being a match for evil, in being able to stand firm in the face of evil. He must be able to come to know evil.
[ 25 ] Es ist natürlich die wahre Folge dieser Tatsache diese, daß die Notwendigkeit besteht für die gegenwärtige Menschheit, Licht zu verbreiten über die Vergangenheit, was nur durch Geisteswissenschaft geschehen kann, damit der Mensch gewachsen ist dem notwendigen Entgegenkommen des Bösen. Auf diese drei wird gerade bei den Eingeweihten der englisch sprechenden Bevölkerung immer wieder und wiederum hingewiesen. Darauf wird jener Kampf begründet, der da sehr, sehr bedeutsam ist, wenn auch die äußere Zeit wenig davon weiß, zwischen gewissen Leuten, die da wollen, daß das Notwendige geschehe und dem Menschen solche Geheimnisse mitgeteilt werden, und denjenigen, die den Menschen unreif lassen wollen. Bis jetzt haben noch die letzteren gesiegt. Das ist sehr wichtig, daß man diese Dinge kennt. Welches Unheil angerichtet würde, wenn geisteswissenschaftliche Wahrheiten der Welt vorenthalten würden, das können Sie daraus ersehen, denn dem Bösen wird der Mensch schon ausgesetzt. Geschützt wird er vor dem Bösen nur dadurch, daß er sich in das spirituelle Leben des Guten vertieft. Enthält man ihm das spirituelle Leben des Guten vor, dann wirkt man nicht als Menschenfreund, ganz gleichgültig ob man Mitglied irgendeines Freimaurerordens ist, oder ob man Jesuit ist, man wirkt nicht menschenfreundlich. Dann liefert man die Menschen durch die Vorenthaltung der spirituellen Weistümer dem Bösen aus. Und man kann dabei einen gewissen Zweck haben. Man kann den Zweck haben, im engen Kreise selber nur das Gute zu wissen, um mit Hilfe dieses Guten die hilflose Menschheit, die durch das Böse sich in die Lebensabsurdität hineinführt, zu beherrschen.
[ 25 ] The true consequence of this fact, of course, is that it is necessary for present-day humanity to shed light on the past—which can only be achieved through Spiritual Science—so that human beings may be prepared to face the inevitable onslaught of evil. These three points are repeatedly emphasized, especially among the initiates of the English-speaking population. This forms the basis for a struggle—one that is very, very significant, even if the outer world knows little of it—between certain people who want what is necessary to happen and for such mysteries to be revealed to humanity, and those who wish to keep humanity in a state of immaturity. So far, the latter have prevailed. It is very important to be aware of these things. You can see from this what harm would be wrought if truths from Spiritual Science were withheld from the world, for humanity is already exposed to evil. They are protected from evil only by immersing themselves in the spiritual life of goodness. If one withholds the spiritual life of goodness from them, then one is not acting in the spirit of humanity—regardless of whether one is a member of any Masonic order or a Jesuit—one is not acting in the spirit of humanity. By withholding spiritual wisdom, one delivers people over to evil. And one may have a certain purpose in doing so. One may have the purpose of knowing only the good within a narrow circle, in order to use this good to dominate helpless humanity, which is being led by evil into the absurdity of life.
[ 26 ] Sie können sich denken, daß. derjenige, der — wie Goethe — eine ahnende Erkenntnis hat von diesen Dingen, nur zögernd an diese Dinge herantritt. Sie werden eine Vorstellung haben aus mancherlei, was ich schon gesagt habe in Ihrer Gegenwart über die ganz eigentümliche Geistesart Goethes, und werden sich daraus einen Begriff bilden können, daß Goethe nur mit der Sache wirklich kongruenten Vorstellungen an diese subtilen, aber welterschütternden Dinge herantritt. Daher wollte er sich auch nicht der Vorstellung aussetzen, indem er seinen «Faust» konzipierte, geradezu aufmerksam zu machen, wie der Mensch, wenn er vorwärtsdringen will in der Kultur, furchtlos sich dem Anblick des Bösen aussetzen muß, sondern er kleidet auch das in die griechischen Vorstellungen, indem er Mephistopheles aussetzt dem Anblick der Urhäßlichkeit, dem Anblick der Trinität der drei Phorkyaden, der urhäßlichen Phorkyaden. Statt die Menschen in rückhaltloser Weise, wie es die Geisteswissenschaft muß, auf die Realität des Bösen hinzuweisen, weist Goethe auf die Realität‘der Häßlichkeit neben der Schönheit hin. Daher das eigentümliche Verhalten des Mephistopheles gegenüber den Phorkyaden. Würde Mephistopheles in seiner nordischen Heimat geblieben sein, das heißt also in einer Welt, die doch gegenüber der griechischen fortgeschritten ist in der Weltenordnung, dann würde er der bitteren, aber notwendigen Welt, aus welcher das Böse der Zukunft quillt, entgegentreten müssen. Statt dessen läßt ihn Goethe in der Welt der Antike den Urbildern der Häßlichkeit entgegentreten, den Phorkyaden. Damit stellt er ihn gewissermaßen noch in die Vorgeschichte der Geschichte des Bösen hinein. Er stellt, indem er mit griechischen Begriffen spricht, eine grundernste Wahrheit in einer den Menschen noch sympathischeren Weise vor diese Menschen hin. Und auch hier erweist sich Goethe wiederum als ein gründlicher Kenner der Sache. Wir wissen — lesen Sie das in meiner «Geheimwissenschaft» -, die Zukunft ist in einer gewissen Weise die Wiederhervorbringung des Vergangenen auf einer höheren Stufe. Jupiter in einer gewissen Weise die Wiederholung des Mondes, Venus die Wiederholung der Sonne, Vulkan die Wiederholung des Saturn. Auf einer höheren Stufe in Späterem tritt auf das Frühere. So ist es auch mit Bezug auf das Böse, das auftritt, damit der Mensch sein Gutes aus seiner eigenen Natur heraus möglichst stark entfalten kann. Aber dieses Böse, das wird Zerrbilder, Karikaturen von Bildungen der Urzeit zeigen.
[ 26 ] You can imagine that anyone who—like Goethe—has a premonitory understanding of these things will approach them only hesitantly. You will have some idea from various things I have already said in your presence about Goethe’s very peculiar mindset, and from this you will be able to form a concept that Goethe approaches these subtle yet world-shaking matters only with mental images that are truly congruent with the subject matter. That is why, when he conceived his Faust, he did not want to expose himself to the mental image to explicitly point out how a person, if they wish to advance in culture, must fearlessly expose themselves to the sight of evil; rather, he also cloaks this in Greek mental images by exposing Mephistopheles to the sight of primordial ugliness—the sight of the Trinity of the three Phorcys, the primordially ugly Phorcys. Instead of pointing out the reality of evil to people in an unreserved manner—as the Spiritual Science must do—Goethe points to the reality of ugliness alongside beauty. Hence Mephistopheles’ peculiar behavior toward the Phorcys. Had Mephistopheles remained in his Nordic homeland—that is, in a world that is, after all, more advanced than the Greek world in terms of the cosmic order—he would have had to confront the bitter but necessary world from which the evil of the future springs. Instead, Goethe has him confront the archetypes of ugliness in the world of antiquity: the Phorcys. In doing so, he places him, so to speak, even further back in the prehistory of the history of evil. By speaking in Greek terms, he presents a profoundly serious truth to these people in a way that is even more appealing to them. And here, too, Goethe once again proves himself to be a thorough connoisseur of the subject. We know—as you can read in my Secret Science—that the future is, in a certain sense, the re-emergence of the past on a higher level. Jupiter is, in a certain sense, the repetition of the Moon; Venus, the repetition of the Sun; and Vulcan, the repetition of Saturn. The earlier appears on a higher level in the later. The same is true with regard to evil, which arises so that human beings can develop the good within their own nature as fully as possible. But this evil will manifest itself as distorted images, caricatures of prehistoric formations.
[ 27 ] So wie wir jetzt sind, sind wir vieles nur dadurch, daß wir symmetrisch gestaltet sind, daß in uns der Linksmensch und der Rechtsmensch zusammenwirken. Die Physiker und Physiologen denken immer nach, warum wir eigentlich zwei Augen haben, und was uns diese zwei Augen nützen. Wenn sie wüßten, warum wir zwei Hände haben, und was uns diese zwei Hände nützen, wüßten sie auch, warum wir zwei Augen haben, und was uns diese zwei Augen nützen. Wenn man nämlich nicht mit der rechten Hand die linke befühlen könnte, würde man nicht zum Ich-Bewußtsein kommen. Dadurch, daß wir imstande sind, mit dem rechten Menschen den linken zu umfassen, daß wir in uns selber die Erkenntnis des rechten Menschen durch den linken anstellen können, kommen wir zum Selbstbewußtsein und zum Bewußtsein, daß das Ich dabei ist. Wenn wir einen Gegenstand anschauen, ist notwendig, daß der Mensch nicht nur ein Auge hat. Wenn der Mensch durch Geburt oder Anlage oder Unglücksfall nur ein Auge hat, zufällig, so hindert das nicht, es kommt auf die Veranlagung an, auf die Kräfte, nicht auf die äußere Erscheinung. Wenn wir einen Menschen anschauen, so kreuzen sich die Augenachsen; dadurch ist das Ich verbunden mit diesem Anschauen: durch diese Kreuzung der linken Richtung mit der rechten Richtung. Und je weiter man zurückgeht, je größer wird die Verwandtschaft, desto mehr gemeinsam aber auch das Bewußtsein. Daher läßt Goethe den drei Phorkyaden ein Auge und einen Zahn gemeinschaftlich sein, eine sehr sachgemäße Darstellung. Also die drei haben ein Auge und einen Zahn. Das haben sie, weil noch nicht die Sinne zusammenwirken sollen, sondern noch isoliert dastehen sollen. Die Verwandtschaft wird dadurch auf der einen Seite ausgedrückt, und auf der andern Seite wird aber auch ausgedrückt, daß noch nicht die Elemente zusammenwirken, daß nicht eintreten kann, was zum Beispiel bei uns durch den Links- und durch den Rechtsmenschen eintritt. So präzis drückt Goethe dasjenige dus, was er ausdrücken will. Es weist das auf sehr, sehr vieles hin.
[ 27 ] As we are now, we are many things simply because we are symmetrically structured, because the “left-hand person” and the “right-hand person” within us work together. Physicists and physiologists are always pondering why we actually have two eyes and what purpose these two eyes serve. If they knew why we have two hands and what purpose these two hands serve, they would also know why we have two eyes and what purpose these two eyes serve. For if one could not touch the left hand with the right, one would not attain self-consciousness. It is precisely because we are able to embrace the left side of our being with the right, and because we can gain insight into the right side of our being through the left, that we attain self-consciousness and the awareness that the “I” is present. When we look at an object, it is essential that a person have more than one eye. If a person has only one eye—whether by birth, predisposition, or misfortune—this does not hinder the process; what matters is the disposition, the inner powers, not the outward appearance. When we look at a person, the axes of the eyes cross; through this, the “I” is connected to this act of looking: through this crossing of the leftward direction with the rightward direction. And the further back one goes, the greater the kinship becomes, and the more they share in consciousness as well. That is why Goethe has the three Phorkyades share one eye and one tooth—a very appropriate depiction. So the three have one eye and one tooth. They have these because the senses are not yet meant to interact, but are still meant to stand in isolation. On the one hand, this expresses their kinship; on the other hand, it also expresses that the elements do not yet interact, that what occurs, for example, in us through the “left-hand” and “right-hand” human beings cannot yet take place. Goethe expresses precisely what he intends to convey. This points to very, very many things.
[ 28 ] Und wenn Sie gar bedenken, wie Sie aus der «Geheimwissenschaft» wissen, daß die gegenwärtige zweigeschlechtliche Menschheit aus der eingeschlechtlichen hervorgegangen ist! Das Männliche und Weibliche hat sich erst im Laufe der Entwickelung gebildet. Eine Rückentwickelung wird stattfinden. Indem Mephistopheles dem Bösen in der Form des Häßlichen entgegentritt und sich ihm anschließt, mit den Phorkyaden geht, sagt er ja:
[ 28 ] And when you consider—as you know from “Secret Science”—that present-day humanity, with its two sexes, emerged from a single-sex state! The masculine and feminine only took shape in the course of evolution. A regression will take place. By confronting evil in the form of ugliness and joining forces with it, by going with the Phorcids, Mephistopheles says:
Da steh’ ich schon...
I'm already standing there...
[ 29 ] — nachdem er Gemeinschaft geschlossen hat mit den Phorkyaden —
[ 29 ] — after he had formed an alliance with the Phorcys —
Da steh ich schon,
Des Chaos vielgeliebter Sohn!
There I stand,
Chaos’s beloved son!
[ 30 ] Phorkyaden:
[ 30 ] Phorkyades:
Des Chaos Töchter sind wir unbestritten.
We are, without a doubt, the Daughters of Chaos.
[ 31 ] Und Mephistopheles:
[ 31 ] And Mephistopheles:
Man schilt mich nun, o Schmach! Hermaphroditen.
Now they scold me—oh, what a disgrace! Hermaphrodites.
[ 32 ] Selbst Hermaphrodit wird er, indem auf diesen Umstand hingewiesen werden soll, auf den ich jetzt als den der Zweigeschlechtlichkeit vorangehenden Zustand hingewiesen habe. Ganz sachgemäß schildert wirklich Goethe. Aus dieser Szene kann man schon erkennen, wie tief Goethe ahnend in den Wahrheiten der Geisteswissenschaft darinnengestanden hat.
[ 32 ] He even becomes a hermaphrodite, in order to draw attention to this circumstance, which I have now identified as the state preceding bisexuality. Goethe’s description is truly accurate. From this scene alone, one can already see how deeply Goethe intuitively understood the truths of Spiritual Science.
[ 33 ] Und nun erinnern Sie sich einmal, daß ich vor kurzem gesagt habe: Der kann nicht zu einer irgendwie befriedigenden Weltanschauung kommen, der, verführt durch das, was der Mensch nun einmal ist und sein muß, auf der einen Seite zum Beispiel zu abstrakten Idealen kommt, die dann keine Kraft haben — wie Naturkräfte, die in der physischen Weltenordnung nicht eingreifen können, die daher wie Nebel zerstieben müssen, wenn die Erde an ihrem Ziele, das heißt bei ihrem Grabe angelangt sein soll, - der kommt zu keiner befriedigenden Weltanschauung, der entweder ein solcher abstrakter Idealist ist, oder der Materialist ist. — Man muß beides sein, habe ich gesagt. Man muß sich erheben können zu geistgemäßen Ideen, und man muß das, was materiell ist, materiell anschauen können und materialistische Vorstellungen davon bilden können. Man muß eine materialistische und eine idealistische Weltanschauung bilden können und nicht durch abstrakte Begriffe eine Einheit herstellen, sondern, indem man auf der einen Seite die naturwissenschaftlichen Begriffe hat und auf der andern Seite die idealistischen Begriffe, muß man die beiden sich ineinanderleben lassen. Wie sich Geist und Materie ineinanderleben, so muß man im Erkenntnisprozesse selbst, wie ich Ihnen sagte, das Materielle durch das Ideelle, das Ideelle durch das Materielle beleuchten und durchdringen.
[ 33 ] And now, let me remind you that I said recently: One cannot arrive at a satisfactory worldview if, seduced by what human beings are and must be, one arrives—on the one hand, for example—at abstract ideals that then lack any power—like natural forces that cannot intervene in the physical order of the world, and which must therefore dissipate like mist when the earth reaches its destination, that is, when it reaches its grave—one who is either such an abstract idealist or a materialist will not arrive at a satisfying worldview. — One must be both, I said. One must be able to rise to spiritual ideas, and one must be able to view what is material in a material way and form materialistic mental images of it. One must be able to form both a materialist and an idealist worldview, not by creating a unity through abstract concepts, but rather—by having, on the one hand, the concepts of the natural sciences and, on the other hand, the idealist concepts—one must allow the two to intertwine. Just as spirit and matter intertwine, so too, as I told you, must one in the very process of cognition illuminate and penetrate the material through the ideal, and the ideal through the material.
[ 34 ] Auch darauf kam Goethe. Er kam darauf, wieviel Einseitiges darInnen ist, wenn ‘die Menschen in: abstrakten Begriffen entweder eine mehr dem Stoff oder eine mehr dem Geist zugeneigte Weltanschauung suchen. Und er war daher nicht geneigt, in solchen abstrakten Begriffen eine Weltanschauung zu suchen, sondern suchte anders zu verfahren. Und dieses andere charakterisiert er so: Da sich gar manches unserer Erfahrungen nicht rund aussprechen und direkt mitteilen läßt, so habe ich seit langem das Mittel gewählt, durch einander gegenübergestellte und gleichsam in einander abspiegelnde Gebilde den geheimen Sinn den _ Aufmerkenden zu offenbaren.
[ 34 ] Goethe also realized this. He realized how one-sided it is when “people seek, in abstract concepts, a worldview that is either more inclined toward matter or more inclined toward spirit.” And so he was not inclined to seek a worldview in such abstract concepts, but sought to proceed differently. He characterizes this different approach as follows: Since many of our experiences cannot be fully articulated or directly communicated, I have long since chosen the method of revealing the secret meaning to those who pay attention through forms that are set in contrast to one another and, as it were, reflect one another.
[ 35 ] Nun, wie kann man klarer ausdrücken, daß man nicht Idealist oder Realist ist, sondern Idealist und Realist, und die beiden Weltanschauungen sich ineinander spiegeln läßt! Goethe sucht, von den verschiedensten Seiten der Welt nahezukommen und durch gegenseitige Spiegelungen der Begriffe zur Wahrheit zu kommen. Es steckt also auch schon in den Goetheschen Impulsen der Weg, der eingeschlagen werden muß durch die Geisteswissenschaft, um die Menschheit der Zukunft, der heilsamen Zukunft entgegenzuführen.
[ 35 ] Well, how could one express more clearly that one is not an idealist or a realist, but rather both an idealist and a realist, and that these two worldviews are reflected in one another! Goethe seeks to approach the truth from the most diverse perspectives of the world and to arrive at it through the mutual reflection of concepts. Thus, the path that Spiritual Science must take to lead humanity toward the future—a future of salvation—is already contained within Goethe’s impulses.
[ 36 ] Man möchte, daß in dieser Art an Goethe angeknüpft würde. Dann aber muß so etwas wie der «Faust» vor allen Dingen gelesen werden! Aber die Menschheit hat sich mehr oder weniger das Lesen abgewöhnt. Es ist so, daß die Menschen höchstens sagen, wenn da steht: Luna, Diana, Hekate, die Brusterweiternde, die im Tiefsten-Sinnige, die Ruhig-Scheinende, aber Gewaltsam-Innige - na: dichterisch. Da braucht man nicht sehr weit zu gehen, man braucht sich nicht einzulassen darauf, über jedes Wort nachzuspintisieren. Die Menschen trösten sich heute, wenn ihnen irgend etwas geboten wird, woran sie eigentlich nicht zu glauben brauchen, denn sie möchten so über die Dinge obenhin gehen. Aber das läßt die Welt nicht zu. Wenn Sie an die ernste Wahrheit denken, die ich in Anknüpfung an die Begegnung des Mephistopheles mit den Phorkyaden eben aussprechen mußte, und die doch bewahrt wird, wenn auch schlecht bewahrt wird, in manchen okkulten Schulen der Gegenwart, dann werden Sie neben vielem andern, aus dem Sie Gelegenheit haben, den großen Ernst des geisteswissenschaftlichen Strebens zu erkennen, den Ernst, der in diesem geisteswissenschaftlichen Streben liegen muß, schon verstehen lernen. Manchmal dringt, man möchte sagen, halbbewußt nur aus Menschen, die in die Nähe desjenigen kamen, was für den Menschen der Zukunft erforderlich ist, so ein Stoßseufzer herauf, wie bei Nietzsche, als er sein Mitternachtslied dichtete: «Die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht.»
[ 36 ] One would like to see this approach build on Goethe’s work. But then, above all else, something like Faust must be read! Yet humanity has, to a greater or lesser extent, lost the habit of reading. The fact is that people will at most say, when they see: Luna, Diana, Hecate—the breast-expanding one, the one with the deepest meaning, the one who appears calm yet is violently intense—well: poetic. You don’t have to go very far with that; you don’t have to get bogged down in overanalyzing every word. People today take comfort when they are offered something they don’t actually need to believe in, because they want to skim over things like that. But the world won’t allow that. If you think of the serious truth that I just had to articulate in connection with Mephistopheles’ encounter with the Phorcys, and which is nevertheless preserved—albeit poorly— in some of today’s occult schools, then—along with much else from which you have the opportunity to recognize the great seriousness of Spiritual Science endeavor, the seriousness that must lie at the heart of this endeavor—you will already begin to understand. Sometimes—one might say only half-consciously—such a sigh wells up from people who have come close to what is necessary for the human being of the future, as it did with Nietzsche when he composed his “Midnight Song”: “The world is deep, and deeper than the day imagines.”
[ 37 ] Man muß schon sagen: der Tag gibt dem Menschen das Tagesbewußtsein, aber der Mensch gelangt nicht zu mehr von sich selbst als zu einem Homunkulus, nicht zu einem Homo, wenn er sich nur an das hält, was der Tag bringt. Denn die Welt ist tief, und tiefer als der Tag gedacht. Und da Goethe den Faust nicht bloß in das einführen wollte, was der Tag bringt, sondern in das, was Ewigkeiten bergen, so mußte er ihn den Weg nehmen lassen in Gemeinschaft mit dem Homunkulus und mit dem Mephistopheles, der dem Übersinnlichen entgegengeht. Dem glaubte wiederum Goethe dadurch nahezukommen, daß er sich in griechische Vorstellungen vertiefte und sie in sich belebte.
[ 37 ] It must be said: the day gives human beings their awareness of the day, but human beings achieve no more of themselves than a homunculus—not a Homo—if they limit themselves to what the day brings. For the world is deep, and deeper than the day is conceived. And since Goethe did not want to introduce Faust merely to what the day brings, but to what eternities hold, he had to have him take the path in communion with the homunculus and with Mephistopheles, who goes forth toward the supernatural. Goethe, in turn, believed he could draw near to this by immersing himself in Greek mental images and bringing them to life within himself.
