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The Faust Problem
The Romantic and Classical Walpurgis Night
GA 273

29 September 1918, Dornach

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The Faust Problem, tr. SOL
  1. Das Faust Problem

9. Das Seelenleben Goethes vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte

9. Goethe's Inner Life from a Perspective of Spiritual Science

[ 1 ] Wir haben durch die vorgestrigen und gestrigen Betrachtungen sehen können, wie Goethesches Schaffen durchdrungen ist von einer gewissen, wenn auch vielleicht als geahnt zu bezeichnenden geisteswissenschaftlichen Anschauung. Und es ist außerordentlich wichtig und bedeutsam, sich darauf einzulassen, einmal solch ein interessantes Faktum zu durchschauen, wie es das Goethesche Geistesleben ist. Erst dann erscheint ein solches Geistesleben richtig im Zusammenhange mit der ganzen Entwickelung der Menschheit, wenn man es in vertiefter Betrachtung mit alle dem, was es enthält, sich vor die Seele führt. Nun möchte ich aber zu all dem Gesagten noch etwas anderes hinzufügen. Ich möchte Sie nämlich darauf hinweisen, daß man Goethes ganze Geistesstruktur, die ganze Art des Goetheschen Geisteslebens eigentlich doch nur richtig erfassen kann, wenn man dies wiederum von geisteswissenschaftlichem Standpunkte aus tut. Nicht nur, daß ein ungeistiger Standpunkt natürlich dasjenige nicht finden kann in Goethes Schaffen, was wir durch eine geisteswissenschaftliche Betrachtung vorgestern und gestern haben finden können, sondern es wird auch nur erklärlich, wie ein solches Seelenleben innerhalb der Menschheitsentwickelung möglich ist, wenn man dieses Seelenleben vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet. Ich habe in verschiedenen Zusammenhängen Sie auch auf andere Offenbarungen des Goetheschen Seelenlebens aufmerksam gemacht, auf Offenbarungen, die vielleicht dem allgemeinen Menschenleben ferner zu liegen scheinen, aber nur scheinen, als dasjenige, was sich in der umfassenden Faust-Dichtung, die eigentlich jeden Menschen im höchsten Grade interessieren sollte, dargestellt findet. Ich habe Ihnen gesprochen davon, daß Goethe eine besondere Art von Naturwissenschaft gepflogen hat. Und dies, daß Goethe eine besondere Art von Naturwissenschaft gepflogen hat, ist etwas außerordentlich Wichtiges und Bedeutsames. Man kann sagen, daß gerade die besondere Denkweise Goethescher Naturwissenschaft etwas in den weitesten Kreisen gegenwärtig noch recht Unverstandenes ist. Dennoch erscheint mir gerade für die verschiedensten Zweige des Geisteslebens der Gegenwart, nicht zum wenigsten auch für das religiöse Leben der Gegenwart von ganz besonderer Bedeutung, daß man einen Einblick gewinne in diese besondere Konfiguration, in diese besondere Art, wie Goethe die Natur angesehen hat. Sie wissen, er versuchte zu begründen für die Welt des Unlebendigen eine Naturwissenschaft, die er aufbaute nach seinem eigenen Ausdrucke auf die Urphänomene, und er begründete eine Pflanzenlehre, die er aufbaute auf die Metamorphose.

[ 1 ] Through our reflections from the day before yesterday and yesterday, we have been able to see how Goethe’s work is permeated by a certain perspective of Spiritual Science, even if it might be described as merely intuitive. And it is extraordinarily important and significant to engage with this and to gain insight into such an interesting phenomenon as Goethe’s spiritual life. Only then does such a spiritual life appear in its proper context within the overall development of humanity—when one brings it before one’s soul through deep contemplation, along with all that it encompasses. Now, however, I would like to add something else to all that has been said. I would like to point out to you that one can actually grasp Goethe’s entire spiritual structure—the whole nature of Goethe’s spiritual life—properly only if one approaches it from the standpoint of Spiritual Science. Not only can a non-spiritual perspective naturally fail to find in Goethe’s work what we were able to discover through Spiritual Science observation the day before yesterday and yesterday, but it also becomes clear only when one views this inner life from the standpoint of Spiritual Science how such a spiritual life is possible within the context of human evolution. In various contexts, I have also drawn your attention to other manifestations of Goethe’s inner life—manifestations that may seem more distant from ordinary human life than what is depicted in the comprehensive Faust epic, which should actually be of the utmost interest to every human being. I have spoken to you about the fact that Goethe practiced a particular kind of natural science. And this—that Goethe practiced a particular kind of natural science—is something extraordinarily important and significant. One might say that it is precisely the distinctive way of thinking inherent in Goethe’s natural science that remains, even today, largely misunderstood in the broadest circles. Nevertheless, it seems to me to be of very special importance—particularly for the most diverse branches of contemporary spiritual life, and not least for contemporary religious life—that we gain insight into this distinctive framework, into this particular way in which Goethe viewed nature. As you know, he sought to establish a natural science for the inanimate world, which, in his own words, he based on the primordial phenomena, and he founded a botany based on metamorphosis.

[ 2 ] So gut es ganz populär geht, möchte ich über diese beiden Seiten, über die Urphänomenenlehre und über die Metamorphosenlehre Goethes, ein paar Worte auch heute charakterisierend zu Ihnen sprechen.

[ 2 ] As simply as possible, I would like to say a few words to you today that capture the essence of these two aspects—Goethe’s theory of primordial phenomena and his theory of metamorphosis.

[ 3 ] Was beabsichtigt Goethe, indem er für eine Naturerklärung nur zu den sogenannten Urphänomenen, zu keinen Hypothesen und Theorien übergehen will? Ich bemühe mich jetzt seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, von den verschiedensten Seiten her, die Menschheit darauf hinzuweisen, was das eigentliche Grundwesen des Urphänomens ist. Man kann aber nicht sagen, daß von der Sache eigentlich bis jetzt in weiteren Kreisen viel verstanden worden ist. Man kommt vielleicht am besten hinein in eine Anschauung darüber, was Goethe unter dem Urphänomen in der unlebendigen Natur verstand, wenn man sich vor Augen führt, wie er dazugekommen ist, gerade eine besondere Farbenlehre auszubilden. Er erzählt das selbst. Ich weiß, daß dasjenige, was ich nun zu sagen habe, für die gegenwärtige naturwissenschaftliche, physikalische Anschauung ein Greuel und eine Ketzerei ist. Das macht aber nichts. Was die gegenwärtige Physik nicht anerkennt, wird sich die zukünftige Physik genötigt finden, schon anzuerkennen. Die gegenwärtige Physik ist für die Goethesche Farbenlehre wirklich noch nicht reif.

[ 3 ] What does Goethe intend by limiting his explanation of nature solely to the so-called “primordial phenomena,” without resorting to hypotheses or theories? Since the 1880s, I have been striving, from a wide variety of perspectives, to draw humanity’s attention to the true essence of the primordial phenomenon. However, one cannot say that, to date, this matter has actually been widely understood in broader circles. Perhaps the best way to gain an understanding of what Goethe meant by the “primordial phenomenon” in inanimate nature is to consider how he came to develop a specific theory of color. He recounts this himself. I know that what I am about to say is an abomination and heresy to the current scientific, physical worldview. But that does not matter. What present-day physics does not recognize, future physics will find itself compelled to recognize. Present-day physics is truly not yet ready for Goethe’s theory of colors.

[ 4 ] Goethe glaubte so wie andere Menschen — wie gesagt, er erzählt das selber — bis zum Beginn der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts an die sogenannte Newtonsche Farbenlehre, welche auf einer gewissen Hypothese, auf einer Theorie aufgebaut ist. Es besagt diese Theorie, daß dem Lichte zugrunde liegt irgend etwas — nun, darauf braucht man nicht einzugehen -, irgend etwas, was nicht wahrgenommen wird. Ob es, wie von Newton selbst, in Stoffströmungen vorgestellt wird, oder ob es als Schwingungen oder irgendwelche elektrischen Impulse vorgestellt wird, das ist schon schließlich gleichgültig. Es wird so vorgestellt die Farbenentstehung, daß das Licht gewissermaßen ungetrennt die verschiedenen Farben wie neutralisiert enthalte in einer Art übersinnlicher Wesenheit, und daß sich durch das Prisma oder durch andere Vorgänge die Farben herausdrängen lassen aus dem einheitlichen weißen Licht.

[ 4 ] Goethe, like other people—as I said, he recounts this himself—believed in the so-called Newtonian theory of color, which is based on a certain hypothesis, on a theory, until the early 1790s. This theory states that light is based on something—well, there’s no need to go into that—something that cannot be perceived. Whether it is represented, as Newton himself did, as streams of matter, or as vibrations or some kind of electrical impulses, is ultimately irrelevant. The mental image of the origin of colors is conceived in such a way that light, as it were, contains the various colors undifferentiated—as if neutralized—within a kind of supersensible entity, and that through the prism or other processes, the colors can be extracted from the unified white light.

[ 5 ] Goethe hat sich genötigt gefunden, in einer Weise, wie es selbstverständlich für den heutigen Physiker primitiv und töricht erscheinen muß, diese Vorstellung, die er mit den andern auch geteilt hat, eines Tages zu verlassen. Er hat diese Newtonsche Optik studiert, war Gläubiger derselben geworden, wie es selbstverständlich ist, wenn man nichts Besseres kennt, hat aber gefunden, wenn er nun diese Newtonsche Optik, diese Farbenlehre anwenden will, um etwas künstlerisch, malerisch zu durchdenken, da kann man nichts damit anfangen. Für eine materialistische physikalische Vorstellung taugt diese Newtonsche Physik zur Not, aber man kann künstlerisch nichts mit ihr anfangen. Das störte Goethe immer mehr, und das veranlaßte ihn, wenigstens nachzusehen, wie es sich mit den Farbenerscheinungen physikalisch verhält. Da ließ er sich von dem Hofrat Büttner, der Professor in Jena war, Apparate kommen, um zu sehen, was er durch eigene Untersuchungen, eigene Experimente in bezug auf die Farbenentstehung sich für Anschauungen bilden könnte. Der Hofrat Büttner hat Exzellenz von Goethe selbstverständlich bereitwilligst alles zur Verfügung gestellt. Aber die Sachen verstaubten zunächst bei Goethe zu Hause. Er kam lange nicht dazu, die Untersuchungen zu machen, bis der Hofrat Büttner vorstellig wurde, daß er jetzt seine Apparate brauche und daß er sie gern zurückhaben möchte. Goethe stellte sie zusammen, um sie dem Mann zurückzusenden. Vorher wollte er aber doch noch rasch durch ein Prisma schauen, und da glaubte er wie gesagt, für den heutigen Physiker höchst primitiv und töricht -, wenn er durch ein Prisma schaut, dann müßte er die weiße Wand, weil sie sich doch in sieben Farben spaltet, in allen sieben Farben hintereinander sehen. Aber nichts! Sie blieb weiß! Das störte ihn. Es war töricht nach den üblichen Voraussetzungen; nur war es- ein gesundes Denken. Er guckte da durch das Prisma — die Wand blieb weiß. Das bewirkte, daß er noch einmal den Hofrat Büttner ersuchte, die Instrumente, die Apparate behalten zu dürfen. Und da hat er denn doch seine weiteren Untersuchungen angestellt. Und aus diesen Untersuchungen heraus ist ihm erwachsen: erstens seine Farbenlehre und zweitens seine Anschauung über die physikalischen, das heißt die unlebendigen Erscheinungen der Natur überhaupt, eine solche Anschauung, die alle Hypothesen und alle Theorien ablehnt, die gar nichts ausdenkt über die Naturerscheinungen, sondern diese zurückführt wiederum auf Erscheinungen, nur auf Urerscheinungen, auf Urphänomene.

[ 5 ] Goethe found himself compelled to abandon this mental image—which he had shared with others—one day, in a way that must, of course, seem primitive and foolish to today’s physicist. He had studied Newtonian optics and had become a believer in it—as is only natural when one knows of nothing better—but he found that when he wanted to apply this Newtonian optics, this theory of colors, to think through something artistically or pictorially, it was of no use whatsoever. Newtonian physics is adequate, at a pinch, for a materialistic, physical mental image, but artistically, it is of no use. This troubled Goethe more and more, and it prompted him to at least investigate the physical nature of color phenomena. So he had Court Councilor Büttner, who was a professor in Jena, send him some apparatus to see what insights he might gain through his own investigations and experiments regarding the origin of color. Court Councilor Büttner, of course, willingly provided His Excellency Goethe with everything he needed. But at first, the equipment gathered dust at Goethe’s home. He didn’t get around to conducting the investigations for a long time, until Court Councilor Büttner made it known that he now needed his apparatus and would like to have it back. Goethe assembled it to send it back to the man. Before doing so, however, he wanted to quickly look through a prism, and there—as mentioned, in a way that would seem highly primitive and foolish to today’s physicists—he believed that if he looked through a prism, he would have to see the white wall, since it splits into seven colors, in all seven colors one after the other. But nothing! It remained white! That bothered him. It was foolish according to conventional assumptions; yet it was sound reasoning. He looked through the prism—the wall remained white. This led him to ask Court Councilor Büttner once more if he might keep the instruments and apparatus. And so he went on to conduct his further investigations. And from these investigations emerged, first, his theory of colors, and second, his view of the physical—that is, the inanimate—phenomena of nature in general, a view that rejects all hypotheses and all theories, that conceives of nothing at all regarding natural phenomena, but rather traces them back to phenomena—only to primordial phenomena, to primordial phenomena.

[ 6 ] Und so wurde er sich klar darüber: Wenn man irgendeine Farbe schaut, so liegt auf irgendeine Art zugrunde ein Zusammenwirken von Licht und Finsternis, die übereinandergeschoben werden. Wird das Licht über die Finsternis geschoben, erscheinen die dunklen Farben: blau, violett und so weiter. Wird über das Helle, über das Licht, die Finsternis geschoben in irgendeiner Weise, also verfinsterte Materie und dergleichen oder das Prisma selber, so erscheinen die hellen Farben: rot, gelb und so weiter. — Da ist gar keine Theorie dabei. Dunkles und Helles wirkt in der unmittelbaren Wahrnehmung. Nur sind es einfach Wahrnehmungen. Wenn Dunkles und Helles zusammenwirkt, entstehen Farben. Darin ist nichts ausgesprochen von einer Hypothese, von einer Theorie, sondern es ist nur ein Einfaches, Wahrnehmbares ausgesprochen.

[ 6 ] And so he came to realize: When one looks at any color, it is in some way based on an interaction of light and darkness that are superimposed upon one another. When light is superimposed over darkness, the dark colors appear: blue, violet, and so on. If darkness is superimposed in any way over the light—that is, darkened matter or the prism itself—then the light colors appear: red, yellow, and so on. — There is no theory involved at all. Dark and light interact in immediate perception. They are simply perceptions. When dark and light interact, colors arise. There is nothing here that speaks of a hypothesis or a theory; rather, it simply expresses something simple and perceptible.

[ 7 ] Und nun handelt es sich für ihn nicht darum, Hypothesen zu erfinden, wie etwa die Undulationshypothese oder die Emissionshypothese und dergleichen, um zu sagen, so und so entstehen Farben, sondern lediglich um die Frage, wie Licht und Finsternis zusammengestellt werden müssen, damit Gelb oder Rot oder Blau oder Violett erscheine. Also worauf es Goethe ankam, das ist, nichts hinzuzudenken an Hypothesen und Theorien zu den Erscheinungen, sondern ganz streng die Erscheinungen für sich selber sprechen zu lassen. Goethe brachte auf diesem Wege eine Farbenlehre zustande, die in einer wunderschönen Art in die künstlerische Auffassung des Farbigen führt. Denn das Kapitel über die sinnlich-sittliche Wirkung der Farben, worin sich so viele auch für den Künstler bedeutungsvolle Andeutungen finden, gehört zu dem Schönsten der Goetheschen Farbenlehre.

[ 7 ] And now, for him, it is not a matter of inventing hypotheses—such as the undulation hypothesis or the emission hypothesis and the like—to explain how colors arise, but merely a question of how light and darkness must be combined so that yellow, red, blue, or violet appear. So what mattered to Goethe was not to add anything through hypotheses and theories about the phenomena, but rather to let the phenomena speak strictly for themselves. In this way, Goethe developed a theory of colors that leads in a wonderful way to an artistic understanding of color. For the chapter on the sensory and moral effects of colors—which contains so many insights that are also significant for the artist—is among the most beautiful parts of Goethe’s theory of colors.

[ 8 ] Das war nun Goethes Grundlage für die Gesamtauffassung der unlebendigen Natur, nirgends Theorien oder Hypothesen zu suchen. Die können, meint er, aufgestellt werden, um Gerüste zu haben. Aber wie man die Gerüste nicht stehen läßt, wenn der Bau fertig ist, sondern sie abnimmt, so verwendet man auch Hypothesen nur, um einen Weg zu finden, wie man sie zusammenstellt; nachher aber werden sie abgerissen, wenn man bis zu dem Urphänomen, zu dem einfachsten Phänomen gekommen ist.

[ 8 ] This was Goethe’s basis for his overall conception of inanimate nature: to seek no theories or hypotheses anywhere. These, he argues, can be formulated to serve as scaffolding. But just as one does not leave the scaffolding in place once the building is finished, but rather removes it, so too are hypotheses used only to find a way to piece things together; afterward, however, they are dismantled once one has arrived at the primordial phenomenon, the simplest phenomenon.

[ 9 ] Das versuchte Goethe auch für die gesamte Physik wenigstens zu skizzieren. Und Sie finden in der großen weimarischen Ausgabe in dem Bande, wo von mir veröffentlicht sind die Goetheschen allgemeinen naturwissenschaftlichen Aufsätze, auch ein Schema, in dem Goethe eine ganze Physik schematisiert gegeben hat von diesem Gesichtspunkte aus. Besonders interessant ist in diesem Schema die Tonlehre zum Beispiel, die im Einklange mit seiner Farbenlehre, allerdings nur schematisiert ist. Aber es wäre interessant, einmal eine Tonlehre, die ebensogut in das Musikalische einmünden würde, wie die Goethesche Farbenlehre in das Malerische einmündet, zu schaffen. Sie konnte natürlich noch nicht geschaffen werden, weil die moderne Naturwissenschaft ganz andere Wege geht, als sie in der Goetheschen Weltanschauung, respektive in der Goetheschen Naturanschauung begründet sind. Das versuchte Goethe mit Bezug auf die unlebendige Natur.

[ 9 ] Goethe also attempted to at least outline this for the entire field of physics. And in the large Weimar edition, in the volume where I have published Goethe’s general scientific essays, you will also find a diagram in which Goethe has schematized the entire field of physics from this perspective. Particularly interesting in this diagram is the theory of sound, for example, which—in harmony with his theory of colors—is, however, only presented schematically. But it would be interesting to create a theory of sound that would lead just as naturally into music as Goethe’s theory of colors leads into painting. Of course, this has not yet been possible, because modern science follows paths entirely different from those grounded in Goethe’s worldview, or rather, in his conception of nature. Goethe attempted this with regard to inanimate nature.

[ 10 ] Ein Ähnliches versuchte er mit Bezug auf das lebendige Pflanzenleben durch die Metamorphosenlehre, wo er auch nicht Theorien und Hypothesen aufstellte, sondern verfolgte, wie das Laubblatt sich umwandelt, metamorphosiert die verschiedensten Gestalten annimmt und nachher zum Blumenblatt wird, so daß die Blüte nichts anderes ist als das umgewandelte Laubblatt. Wiederum eine Anschauung, die keine Hypothesen will, die keine Theorie aufstellen will, sondern die rein bleiben will bei dem, was die Anschauung darbietet. Nur braucht man dann bewegliche Begriffe, Begriffe, die ebenso beweglich sind wie die Natur selber. Wie die Natur im Schaffen lebt, das ist, daß sie an den Gestalten nicht festhält, sondern die Gestalten verwandelt. Man muß also solche Begriffe haben, wie sie die Mehrzahl der Menschen zu bequem ist auszubilden, Begriffe, die sich selbst innerlich wandeln, um von Gestalt zu Gestalt, wie sie sich in der Natur wandeln, wirklich mit den Begriffen mitfolgen zu können. Aber dann bleibt man ohne Hypothesen und ohne Theorien nur im rein Sinnenfälligen stehen.

[ 10 ] He attempted something similar with regard to living plant life through the theory of metamorphosis, where he, too, did not formulate theories and hypotheses, but rather observed how the leaf transforms, undergoes metamorphosis, takes on a wide variety of forms, and subsequently becomes a petal, so that the flower is nothing other than the transformed leaf. Again, this is a way of seeing that rejects hypotheses, that refuses to formulate theories, but seeks to remain purely with what perception presents. However, this requires flexible concepts—concepts that are just as flexible as nature itself. The way nature lives in its creative process is that it does not cling to forms but transforms them. One must therefore have concepts that the majority of people find too cumbersome to develop—concepts that transform themselves internally so that one can truly keep pace with the concepts as they shift from form to form, just as they do in nature. But then, without hypotheses and without theories, one remains solely within the realm of the purely sensible.

[ 11 ] Es ist dieses Eigentümliche, daß Goethe gerade dadurch charakterisiert ist, daß er für die Naturerscheinungen jegliche Theorie ablehnt und eigentlich das Denken nur dazu verwenden will, um die Phänomene in der richtigen Weise zusammenzustellen, daß sie sich selbst aussprechen in ihrem Wesen. Ja, man kann das Paradoxe sagen, ich bitte Sie, das wohl ins Auge zu fassen: Gerade dadurch wird Goethe in der richtigen Weise so in das Geistgebiet hineingetrieben, wie wir das vorgestern und gestern charakterisieren konnten, daß er für die Erscheinungen der äußeren Natur sich nicht durch allerlei Theorien und Hypothesen die Naturerscheinungen verunreinigt, sondern daß er die Naturerscheinungen so auffaßt, wie sie sich dem sinnenfälligen Dasein darbieten.

[ 11 ] It is this peculiarity that characterizes Goethe: he rejects any theory regarding natural phenomena and, in fact, wishes to use thought solely to arrange the phenomena in such a way that they reveal their own essence. Yes, one might call this a paradox; I ask you to consider this carefully: It is precisely through this that Goethe is driven in the right way into the realm of the spirit, as we were able to characterize the day before yesterday and yesterday—that is, he does not distort the phenomena of external nature with all sorts of theories and hypotheses, but rather perceives them as they present themselves to sensory experience.

[ 12 ] Das hat aber eine weitere Folge. Wenn man Newtonsche oder Spencersche oder ähnliche Theorien bildet, also das, was die Natur selbst bietet, verunreinigt durch Theorien und Hypothesen, so denkt man über die Natur so, daß man im physischen Menschenleben so denken kann, aber der Ätherleib des Menschen nimmt die Sache nicht auf. Und sie übertragen sich, alle diese Theorien, die nicht durch die reine Naturbetrachtung gewonnen werden. Alle diese Theorien und Hypothesen machen erst den menschlichen Ätherleib zur Karikatur, ja, dadurch auch den astralischen Leib zur Karikatur und stören dadurch im übersinnlichen Gebiet das Menschenleben.

[ 12 ] But this has another consequence. When one formulates Newtonian, Spencerian, or similar theories—that is, when what nature itself offers is tainted by theories and hypotheses—one thinks about nature in a way that is appropriate for physical human life, but the human etheric body does not assimilate it. And all these theories, which are not derived from the pure observation of nature, carry over. All these theories and hypotheses first turn the human etheric body into a caricature—indeed, thereby also turning the astral body into a caricature—and thus disrupt human life in the supersensible realm.

[ 13 ] Gegen diese Zerstörung der Formen, die der Ätherleib für sich fordert, wandte sich die gesunde Natur Goethes. Das ist gerade — und deshalb sage ich: man kann Goethe nur geisteswissenschaftlich verstehen — das Bedeutsame für Goethe. Er hatte einen Instinkt für das, was nicht aus der unmittelbaren Wirklichkeit stammt, weil er verspürte, wenn er solche Begriffe bildete, wie die Newtonschen waren, da zwickt es und zwackt es im Ätherleib. Bei den andern zwickt es und zwackt es nicht, weil sie gröber organisiert sind. Goethe war so organisiert, daß es ihn zwickte und zwackte im Ätherleib, während er so hindurchschaute. Und weder eine Theorie noch die kostbarste Hypothese verhindern, daß es in ihm zwickt und zwackt, als nur das Weiß erscheint, und er denken muß, die Wand ist trotzdem weiß, obwohl stufig die sieben Farben erscheinen sollten. Es ist nicht geschehen. Und es ist ein Beweis für die durch und durch gesunde, das heißt, als Mikrokosmos dem Makrokosmos eingepaßte Natur Goethes, daß er in dieser Weise empfand.

[ 13 ] Goethe’s healthy nature rebelled against this destruction of forms, which the etheric body demands for itself. This is precisely—and that is why I say: one can only understand Goethe through the Spiritual Science—what is significant about Goethe. He had an instinct for what does not originate from immediate reality, because he sensed that when he formed concepts such as Newton’s, it would twinge and tug in his etheric body. For others, it does not twinge or tug because they are more coarsely organized. Goethe was organized in such a way that it tugged and tugged at his etheric body as he looked right through it. And neither a theory nor the most precious hypothesis can prevent it from tugging and tugging within him when only white appears, and he must think that the wall is white nonetheless, even though the seven colors should appear in gradations. It did not happen. And it is proof of Goethe’s thoroughly sound nature—that is, his nature as a microcosm fitted into the macrocosm—that he felt in this way.

[ 14 ] Und noch eine andere Seite dieser Sache ist hervorzuheben. Wir wissen, der Mensch ist nicht nur dieses Wesen, das da lebt zwischen der Geburt und dem Tod, sondern der Mensch ist auch das Wesen, das lebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. In diesem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt hat man diejenigen inneren Kräftezusammenhänge, die man sich ausgebildet hat im physischen Leib. Und wenn man sich nach ein paar Tagen vom Ätherleib getrennt hat, sieht man auf diesen Ätherleib hin. Es handelt sich darum, daß man diesen Ätherleib so behandelt hat als Mensch, daß man auf ihn hinschauen kann, ohne daß er einen als Karikatur beirrt. Nun ist das Eigentümliche, wenn man die Natur rein naturgemäß anschaut, so wie sie Goethe angeschaut hat, wenn man Theorien und Hypothesen ablehnt und nur Urphänomene gelten läßt, dann ist dieses Auffassen, dieses Anschauen der Urphänomene so, daß sie in uns gesunde Empfindungen und Gefühle auslösen, diejenigen Empfindungen, die Goethe in dem Kapitel «Sinnlich-sittliche Wirkungen der Farben» beschreibt. Selbstverständlich, die Anschauung der sinnlichen Phänomene fällt ab mit unserem Leben. Was aber durch die reine Anschauung, die Goethe als Naturwissenschaft allein gelten läßt, in unserem Geistig-Seelischen verbleibt, das ist gesund und paßt auch zur geistig-seelischen Welt. So daß man sagen kann: Die- Goethesche Naturwissenschaft ist, trotzdem sie sich beschränkt auf die Phänomene, auf das Sinnliche, gerade eine geistgemäße, weil sie nicht durch eine ahrimanische oder luziferische Beeinflussung des Geistes hier die reine Naturanschauung durch Theorien verunreinigt. — Solche Theorien verdunkeln für das Geistig-Seelische die reinen Anschauungen des Irdischen.

[ 14 ] And there is yet another aspect of this matter that should be emphasized. We know that the human being is not only this being who lives between birth and death, but the human being is also the being who lives between death and a new birth. In this life between death and a new birth, one possesses those inner interrelationships of forces that one has developed in the physical body. And when, after a few days, one has separated from the etheric body, one looks upon this etheric body. The point is that one has treated this etheric body as a human being in such a way that one can look upon it without being misled by a caricature of it. Now, the peculiar thing is that when one views nature purely in a natural way, just as Goethe viewed it—when one rejects theories and hypotheses and accepts only primordial phenomena—then this perception, this viewing of the primordial phenomena, is such that they evoke healthy sensations and feelings within us, those very sensations that Goethe describes in the chapter “Sensory-Moral Effects of Colors.” Of course, the perception of sensory phenomena fades with our lives. But what remains in our spiritual and soul life through pure perception—which Goethe regards as the sole basis of natural science—is wholesome and also harmonizes with the spiritual and soul world. So one can say: Goethean natural science, even though it is limited to phenomena, to the sensory realm, is precisely in harmony with the spirit, because it does not allow an Ahrimanic or Luciferic influence on the spirit to taint the pure observation of nature with theories. — Such theories obscure the pure perceptions of the earthly realm for the spiritual-soul realm.

[ 15 ] Nun habe ich Ihnen gestern gesagt, der Mensch lebt nicht nur auf der Erde, sondern er hat, bevor er die Erde betrat, eine Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung durchgemacht. Er wird, nachdem er die Erde verlassen wird, oder besser gesagt, die Erde ihn verlassen wird, eine Jupiter-, Venus- und Vulkanentwickelung durchmachen. Aber ich habe Ihnen gesagt: Unsere naturwissenschaftlichen Begriffe können nur auf die Erdenentwickelung Bezug haben. — Und in der Tat, wenn wir eine gesunde Naturwissenschaft ausbilden, haben wir gerade den Trieb, nicht die Erdenentwickelung so darzustellen, daß wir alles Mögliche hineinkonfundieren, was auf den Saturn, die Sonne und den Mond nur paßt, die natürlich in Wirklichkeit mit der Erdenentwickelung verquickt sind, sondern eine gesunde Naturwissenschaft will die Erde herausheben und die Erde als Erde darstellen in ihrer Gesetzmäßigkeit. Das tut Goethe. Und deshalb können die Menschen so wenig aufrücken zu einer gesunden Auffassung der Monden-, Sonnen- und Saturnentwickelung, weil sie auch keine gesunde der Erdenentwickelung haben. Wenn auch Goethe selbst noch nicht zu dieser Anschauung gekommen ist von der Monden-, Sonnen- und Saturnentwickelung — wer sich vertieft in seine Naturwissenschaft, die eine von allem andern gereinigte ist, die sich nur auf die Erde bezieht, der bereitet gerade dadurch seinen Geist vor, das Irdische herauszusondern durch eine gesunde Erdenwissenschaft, und dadurch sich bereit zu machen zu einer gesunden Anschauung desjenigen, was nur im Übersinnlichen gesehen werden kann: Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung und überhaupt das Geistige. So daß man sagen kann: Gerade durch seine rein auf das Sinnliche gerichtete Anschauung ist Goethe veranlagt worden, daß er dieses, wie wir gestern und vorgestern gesehen haben, in seinem «Faust» verarbeitet hat. — Deshalb stand Goethe für dasjenige, was geistige Auffassung ist, so im Geiste darinnen, weil er nicht irgendwelche konfuse Theorien oder Hypothesen aus dem Geiste heraus auf die Naturerscheinung anwandte. Das eine bedingt das andere.

[ 15 ] Now, as I told you yesterday, human beings do not live only on Earth; rather, before they came to Earth, they underwent a Saturn, Sun, and Moon phase of development. After they leave Earth—or rather, after Earth leaves them—they will undergo a Jupiter, Venus, and Vulcan phase of development. But I have told you: Our scientific concepts can only refer to Earth’s evolution. — And in fact, if we are to develop a sound natural science, we are precisely inclined not to portray Earth’s evolution in such a way that we confuse it with everything that might apply to Saturn, the Sun, and the Moon—which, of course, are in reality intertwined with Earth’s evolution—but rather, a sound natural science seeks to single out the Earth and portray it as Earth in accordance with its own laws. That is what Goethe does. And that is why people are so unable to advance to a sound understanding of the evolution of the Moon, the Sun, and Saturn—because they do not have a sound understanding of the Earth’s evolution either. Even if Goethe himself had not yet arrived at this view of the development of the Moon, the Sun, and Saturn—anyone who delves deeply into his natural science, which is purified of everything else and relates solely to the Earth, prepares their mind precisely through this process to isolate the earthly through a sound science of the Earth, and thereby to prepare oneself for a sound understanding of that which can only be seen in the supersensible: the Saturn, Sun, and Moon evolutions, and the spiritual in general. So that one can say: It is precisely through his perception, directed purely toward the sensible, that Goethe was predisposed to incorporate this—as we saw yesterday and the day before—into his Faust. — That is why Goethe was so deeply attuned in spirit to what constitutes spiritual understanding: because he did not apply any confused theories or hypotheses derived from the mind to natural phenomena. One thing necessitates the other.

[ 16 ] Worauf ich Sie gestern am Schlusse aufmerksam machte, ist, daß Goethe nicht auf der einen Seite Idealist und auf der andern Seite Realist war, sondern die äußeren Erscheinungen realistisch, dasjenige, was idealistisch aufzufassen ist, idealistisch auffaßte, aber nicht glaubte, durch das eine oder das andere eine Weltanschauung begründen zu können, sondern die beiden Anschauungen sich gegenseitig spiegeln ließ in seinem Seelenleben, wie sie sich auch in der äußeren Wirklichkeit spiegeln. Wenn auch Goethe das wiederum nicht selbst so verfolgt hat, so führt es dazu, daß, wenn man sich so recht tief hineinversetzt in die Goethesche Art des Vorstellens, man in ganz gesunder Weise dazu kommt, nun auch die beiden Lebensarten, die der Mensch durchzumachen hat, richtig vorstellen zu können.

[ 16 ] What I pointed out to you yesterday at the end is that Goethe was not an idealist on the one hand and a realist on the other, but rather viewed external phenomena realistically and viewed that which is to be understood idealistically in an idealistic way, but did not believe he could establish a worldview through one or the other; rather, he allowed the two perspectives to mirror one another in his inner life, just as they are mirrored in external reality. Even if Goethe himself did not pursue this line of thought to that extent, it leads to the fact that, when one immerses oneself deeply in Goethe’s mode of thinking, one arrives in a very healthy way at the ability to create correct mental images of the two ways of life that a human being must experience.

[ 17 ] Wodurch kommt es denn, daß die gewöhnliche heutige menschliche Anschauung so wenig geneigt ist, das Geistige zuzugeben? Und wenn sie sich über die geistige Welt Begriffe macht, so sind sie so abstrakt, daß mit ihnen wiederum die äußere Natur nicht zu fassen ist. Woher kommt es denn, daß den gegenwärtigen Menschen Idealismus und Realismus so auseinanderfallen, daß sie entweder nur einen lahmen Monismus daraus begründen, der doch nichts besagt, oder überhaupt nicht zu Rande kommen mit einer Weltanschauung? Woher kommt das? Das kommt davon her, daß die Menschen in einer ganz bestimmten Weise heute ihre Weltanschauung begründen wollen. Man wird heute entweder Naturwissenschafter, lernt die Natur kennen und versucht sie zu durchsetzen mit allerlei Theorien und Hypothesen. Denn dasjenige, was die Naturwissenschaft heute als Vererbung denkt und so weiter, sind nicht Urphänomene, sondern Theorien und Hypothesen. Man sucht die Naturerscheinungen mit solchen Hypothesen zu durchtränken, oder auch man wird Theologe oder Philosoph, versucht aus den Traditionen gewisse Begriffe, Ideen über das Geistige zu gewinnen. Die sind dann so dünn und schattenhaft, daß man wiederum nicht die Natur begreifen kann, dadurch, daß sie nicht hinreichend Kraft haben, um die Natur richtig damit anzufassen.

[ 17 ] Why is it that the average person today is so reluctant to acknowledge the spiritual realm? And when they do form concepts about the spiritual world, these concepts are so abstract that they, in turn, fail to capture the nature of the external world. Why is it that, for people today, idealism and realism diverge to such an extent that they either end up establishing only a lame monism—which ultimately means nothing—or fail entirely to arrive at a worldview? Why is this so? It stems from the fact that people today seek to establish their worldview in a very specific way. Today, one either becomes a natural scientist, studies nature, and attempts to explain it through all manner of theories and hypotheses. For what natural science today regards as heredity and so on are not primordial phenomena, but theories and hypotheses. People seek to imbue natural phenomena with such hypotheses, or else they become theologians or philosophers, attempting to derive certain concepts and ideas about the spiritual realm from tradition. These are then so thin and shadowy that, once again, one cannot comprehend nature, because they lack sufficient power to properly grasp nature through them.

[ 18 ] Sehen Sie sich heute einmal um in den theologischen und philosophischen Erörterungen der Gegenwart, wo finden Sie einen gesunden Anhaltspunkt darinnen, um aus ihnen heraus auch richtig die Natur zu beleuchten! Und wo finden Sie im Ernst innerhalb der Vertreter der heutigen Naturwissenschaft, wenn sie nicht monistische Schwadroneure sind, wo finden Sie eine Möglichkeit, aus der Naturwissenschaft heraus aufzusteigen zu den göttlich-geistigen Daseinsformen und Daseinsgebieten in Wirklichkeit? Das ist heute nicht möglich, wenn man gesundes Denken entwickelt, die beiden Gebiete, so wie sie heute sind, miteinander zu vereinigen. Die beiden Gebiete vereinigen sich nur, wenn man die Fähigkeit hat, sich der Naturbetrachtung und einer Wissenschaft so hinzugeben, wie sich Goethe der Natur hingegeben hat: rein den Blick auf das Phänomen, auf die Erscheinungen gerichtet, nicht Theorien anders hineinmischen, als um aufzubauen die Phänomene, das Denken nur den Diener sein lassen, der mittut, aber nicht in die Resultate, in die Ergebnisse das Denken hineinmischen. Das ist es, was wir der Natur gegenüber müssen, der Natur die Macht zuerkennen, daß sie sich selbst interpretiere. Nicht spintisieren über die Natur, sondern gerade voll materialistisch sein, indem man die materiellen Erscheinungen für sich selber sprechen läßt, das ist dasjenige, was wir einer gesunden Naturwissenschaft gegenüber als Aufgabe haben. Kommen wir mit einer solchen gesunden Naturwissenschaft zu Rande, so begreifen wir das menschliche Leben wirklich zwischen Geburt oder sagen wir Empfängnis und Tod. Aber wir müssen nun, indem wir auf der einen Seite so in die Natur hineinschauen, unbehelligt durch unmögliche Theorien und Hypothesen, auch in den Geist hineinschauen können. Dann bleiben wir nicht bei abstrakten Theologien oder Philosophien stehen, sondern dann ergeben sich uns geistige Anschauungen. Und gerade durch die Kraft, welche in uns die reine Naturbetrachtung auslöst, die Goethesche Naturbetrachtung, können sich geistige Anschauungen, Anschauungen des reinen Geistes ergeben. Wer seine Begriffe und Ideen in konfuser Weise hineinmischt in die Naturerscheinungen, an dem rächen sich diese Begriffe, lassen ihn nicht zur Geistesanschauung kommen. Wer die Natur rein anschaut, erschaut sie in seiner eigenen Seele so, daß er auf den Geist auch in einer wirklichen Weise hinschauen kann. In dieser Beziehung kann die Goethesche Weltanschauung eine großartige Erzieherin sein für die moderne Menschheit.

[ 18 ] Take a look today at contemporary theological and philosophical discussions—where can you find a sound point of reference within them that would allow you to correctly illuminate nature? And where, in all seriousness, among the representatives of modern natural science—if they are not monistic windbags—where do you find a way to rise from natural science to the divine-spiritual forms and realms of existence in reality? It is not possible today, if one develops sound thinking, to unite these two fields as they stand today. The two realms unite only if one has the ability to devote oneself to the observation of nature and to science in the same way that Goethe devoted himself to nature: focusing one’s gaze purely on the phenomenon, on the appearances, without introducing theories other than those needed to construct the phenomena; allowing thought to be merely the servant that assists, but not allowing thought to interfere with the results or conclusions. This is what we must do in relation to nature: acknowledge nature’s power to interpret itself. We must not speculate about nature, but rather be thoroughly materialistic by letting material phenomena speak for themselves; this is the task we face in a sound natural science. If we succeed in establishing such a sound natural science, we will truly understand human life as spanning from birth—or, let us say, conception—to death. But now, as we look into nature in this way—unhindered by impossible theories and hypotheses—we must also be able to look into the spirit. Then we do not remain stuck in abstract theologies or philosophies, but spiritual insights arise within us. And it is precisely through the power that pure observation of nature—Goethe’s observation of nature—triggers within us that spiritual insights, insights of the pure spirit, can arise. Those who confuse natural phenomena with their own concepts and ideas will find these concepts taking their revenge, preventing them from attaining spiritual insight. Whoever observes nature purely perceives it within his own soul in such a way that he can also look toward the spirit in a genuine way. In this regard, Goethe’s worldview can be a magnificent teacher for modern humanity.

[ 19 ] Dann aber muß man getrennt für sich entwickeln Naturanschauung, Geistesanschauung. Aber man muß sich auch bewußt sein, man kann mit der einen für sich und mit der andern für sich nichts anfangen. Wenn Sie bloß Theologe oder Philosoph bleiben wollen, dann ist es, wie wenn Sie irgendeine Sache, die nach zwei Seiten hin ganz verschieden ist, nur von der einen Seite photographieren wollten; ebenso wenn Sie bloßer Naturwissenschafter bleiben wollen. Sie sollen beides ganz sein können, und das eine in dem andern sich spiegeln lassen, das heißt, nicht durch abstrakte Begriffe die Vereinigung suchen, sondern die Dinge sich selbst vereinigen lassen, indem Sie zuerst für jedes Gebiet gesondert reinliche Anschauungen entwickeln. Dann spiegeln sich die beiden Gebiete ineinander. Dann aber bekommen Sie durch die Fähigkeit eines solchen Spiegelns auch eine gesunde Anschauung ‚über das Gesamtmenschenleben. Dann sehen Sie die Naturerscheinungen draußen außer dem Menschen im Sinne einer Goetheschen Naturwissenschaft. Sie sehen aber, wenn Sie den Menschen betrachten, daß dasjenige, was für die äußere Natur vorhanden ist, nicht ausreicht für seine Erklärung. Da kommen Sie nur zu einem Homunkulus, zu keinem Homo.

[ 19 ] But then one must develop a view of nature and a view of the spirit separately. But one must also be aware that one cannot make sense of one without the other. If you wish to remain merely a theologian or a philosopher, it is as if you were to photograph only one side of something that is entirely different from the other; the same applies if you wish to remain merely a natural scientist. You should be able to be fully both, and allow one to be reflected in the other—that is, not to seek their union through abstract concepts, but to let the things unite themselves by first developing distinct, clear perspectives for each field separately. Then the two fields will be reflected in one another. But then, through the capacity for such reflection, you will also gain a sound perspective on “human life as a whole.” You will then view natural phenomena outside of humanity in the spirit of Goethean natural science. Yet when you observe human beings, you will see that what exists in external nature is insufficient to explain them. There you arrive only at a homunculus, not at a Homo.

[ 20 ] Sie sehen, wie gerade für die Menschenerfassung notwendig ist, daß man von Gegenseiten herankommt, mit Naturwissenschaft und mit Geisteswissenschaft, und sich die beiden spiegeln läßt. Dann passen sie auf den Menschen. Dann spiegelt sich in dem Menschen das Leben zwischen der Geburt oder Empfängnis und dem Tod in demjenigen, was einem erscheint als Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und umgekehrt: das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt spiegelt sich in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Nicht eine einzige Theorie ersinnen, welche das eine oder das andere erklären soll, sondern zwei Anschauungen, nicht Theorien, zwei reine Anschauungen, und diese nicht in Begriffen vereinigen, sondern in der Anschauung sich selbst gegenseitig spiegeln lassen.

[ 20 ] You see how, especially when it comes to understanding human beings, it is necessary to approach the subject from opposite directions—through the natural sciences and Spiritual Science—and to allow the two to reflect off one another. Then they fit together in relation to the human being. Then, in the human being, life between birth or conception and death is reflected in what appears to be life between death and a new birth, and vice versa: life between death and a new birth is reflected in life between birth and death. Do not devise a single theory intended to explain one or the other, but rather two perspectives—not theories, but two pure perspectives—and do not unite them in concepts, but allow them to reflect one another within the perspective itself.

[ 21 ] Daß Goethe durch seine gesunde Seelenentwickelung zu solchen Anschauungen von der gegenseitigen Spiegelung desjenigen, was wesenhaft in der Wirklichkeit draußen ist, kam, bezeugt, wie er wirklich auf dem Wege in die neuere Geisteswissenschaft hinein war. Und wenn Goethe auch für seine Zeit in einer gewissen Beziehung noch unsicher war, weil — wie ich immer wieder betonen muß - sein geisteswissenschaftliches Erkennen ein ahnendes war, so hat er doch so viel gesundes Urteil abgegeben auch über das geistige Leben, das verfolgt werden kann in unserer Zeit bis zu Gebieten, wo Goethe noch nicht hingekommen ist, was Goethe aber veranlagt hatte.

[ 21 ] The fact that Goethe, through his sound spiritual development, arrived at such insights into the mutual reflection of what is essentially present in external reality testifies to how he was truly on the path toward modern Spiritual Science. And even if Goethe was still, in a certain sense, uncertain for his time—because, as I must emphasize again and again, his insight in Spiritual Science was intuitive—he nevertheless offered so much sound judgment, even regarding spiritual life, that can be traced in our time to realms where Goethe had not yet arrived, but which he had laid the groundwork for.

[ 22 ] Ich tadle nicht, daß der Goetheanismus so wenig verstanden worden ist, denn derjenige, welcher die Dinge durchschaut, tadelt nicht und kritisiert nicht, sondern er weiß, daß man nur positiv zu sprechen hat. Ich tadle nicht das, was geschehen ist, ich stelle nur dasjenige hin, was “ die Forderung für die Zukunft hin ist. Und Forderung für die Zukunft ist es, daß die Menschheit sich vertieft, ob sie es nun Goetheanismus nennt oder nicht, in solche Vorstellungen, die im Goetheschen Denken schon veranlagt waren. Und das Goethesche Denken wirkt überhaupt ungeheuer wirklich und wirklichkeitsgemäß. Das ist auch sehr bedeutsam zu beachten.

[ 22 ] I do not reproach anyone for the fact that Goetheanism has been so poorly understood, for those who see through things do not reproach or criticize; rather, they know that one must speak only in positive terms. I do not reproach what has happened; I merely set forth what “the demand for the future” is. And the demand for the future is that humanity delve deeper—whether it calls it Goetheanism or not—into the mental images that were already inherent in Goethe’s thinking. And Goethe’s thinking, in general, comes across as immensely real and true to reality. It is also very important to note this.

[ 23 ] Ich muß Sie darauf hinweisen, um in diesem Punkt Sie zum richtigen Verständnis zu weisen, wie der Mensch sich gewöhnlich verhält, wenn er sich enträtseln will die eine oder die andere Erscheinung der Natur oder des Lebens. Betrachten wir jetzt so einen richtigen Durchschnittsmenschen, aber einen Durchschnittsmenschen, der gescheit ist — heute sind ja die Gescheiten gerade die Durchschnittsmenschen -, also, betrachten wir einen Durchschnittsmenschen, der gescheit ist. Nicht wahr, der Durchschnittsmensch lebt von der Geburt bis zum Tode. Sagen wir in seinem fünfunddreißigsten oder auch fünfundvierzigsten oder zweiundvierzigsten Jahre, in irgendeinem Lebensjahr, vielleicht auch früher, da will er sich irgend etwas enträtseln, vielleicht sogar eine Weltanschauung begründen, will sich über irgend etwas aufklären. Was tut er? Ja, da murkst solch ein Mensch in das Vorstellungsmaterial hinein, das er, nehmen wir an, als Zweiundvierzigjähriger in sich hat. Nehmen wir an, er will sich meinetwillen die Kopernikanische Weltanschauung richtig erklären, dann nimmt er alle diejenigen Begriffe und Vorstellungen zusammen, die er so finden kann. Wenn er nun in sein Seelenleben hineinmurkst und dann etwas finden kann, was mit sich selbst zusammenstimmend ist, wenn er sich eine Reihe von solchen Begriffen zusammengestellt hat, in denen er, wie er sagt, keinen Widerspruch findet, dann ist er fertig, dann versteht er die Geschichte. Das ist so der Durchschnittsmensch. Das ist aber nicht Goethe!

[ 23 ] I must point this out to you so that you may gain a proper understanding of how people usually behave when they seek to unravel one phenomenon or another of nature or life. Let’s now consider such a truly average person—but an average person who is intelligent (after all, today it is precisely the average people who are intelligent)—so, let’s consider an average person who is intelligent. Isn’t it true that the average person lives from birth to death? Let’s say in his thirty-fifth, or even forty-fifth, or forty-second year—at any stage of life, perhaps even earlier—he wants to unravel something, perhaps even establish a worldview, and gain insight into something. What does he do? Well, such a person delves into the stock of mental images that he, let’s say, possesses as a forty-two-year-old. Let’s assume, for my sake, that he wants to properly understand the Copernican worldview; then he gathers together all the concepts and mental images he can find. If he now rummages through his inner life and is able to find something that is consistent with himself—if he has compiled a series of such concepts in which, as he says, he finds no contradiction—then he is done; then he understands the story. That is the average person. But that is not Goethe!

[ 24 ] Goethes Seele wirkt in ganz anderer Weise. Wenn man das nicht berücksichtigt, dann mag man Goethe-Biographien schreiben, es wird etwas herauskommen, was in Frankfurt im Jahre 1749 geboren ist und in Weimar 1832 gestorben ist, was aber nicht Goethe ist. Goethes Seele wirkte ganz anders. Wenn Goethe in seinem zweiundvierzigsten Jahre irgendeiner Erscheinung sich gegenüberstellte, dann wirkte nicht bloß jenes abstrakte Gebilde, das man herausbekommt, wenn man alle Begriffe, die man in sich hat, zusammentut zu einer widerspruchslosen Anschauung, wie man sagt, sondern wenn Goethe in seinem zweiundvierzigsten Jahre eine Pflanze anschaute oder irgend etwas anderes, worüber er Aufklärung gewinnen wollte, da wirkte real sein ganzes Seelenleben in ihm, nicht bloß die abstrakten Begriffe, sondern real das ganze Seelenleben wirkte. Also, wenn Goethe zweiundvierzig Jahre alt war und sich überlegen wollte, sagen wir, ein Pflanzenleben, so wirkten in ihm auch diejenigen Impulse, die er nicht bloß zusammenholte, sondern die auch in seiner Kindheit gewirkt haben, zum Teil auch unbewußt; es wirkte das gesamte Seelenleben, die Totalität, immer zusammen. Das will der moderne Mensch immer ausschalten, er will zu einer vorurteilslosen Anschauung kommen. Das geht aber nicht weiter als zu ein paar zusammengerafften Begriffen, die man leicht und bequem anschauen kann. Deshalb kann man gerade über Goethe diese großen Aufschlüsse gewinnen, wenn man auch wieder zusammenschaut, wie die verschiedenen Phasen seines Lebens sind.

[ 24 ] Goethe’s soul works in an entirely different way. If one does not take this into account, then one may write biographies of Goethe, but the result will be a figure who was born in Frankfurt in 1749 and died in Weimar in 1832—yet that is not Goethe. Goethe’s soul worked quite differently. When Goethe, at the age of forty-two, encountered any phenomenon, it was not merely that abstract construct one arrives at by combining all the concepts one holds within oneself into a “consistent view,” as they say; rather, when Goethe, at the age of forty-two, looked at a plant or anything else about which he sought to gain insight, then his entire inner life was at work within him—not merely the abstract concepts, but his entire inner life was truly at work. So when Goethe was forty-two years old and wanted to reflect on, say, the life of a plant, the impulses that were at work within him were not merely those he had gathered together, but also those that had been at work in his childhood, in part even unconsciously; his entire inner life, the totality, was always at work together. Modern people always want to shut this out; they want to arrive at an unbiased view. But this goes no further than a few hastily gathered concepts that can be easily and conveniently surveyed. That is precisely why one can gain these great insights through Goethe, if one also looks back at the various phases of his life.

[ 25 ] Ich habe zum Beispiel versucht, Spätestes in Goethes Auffassung dadurch zu verstehen, daß ich immer wiederum hinweise auf jenen Prosahymnus «Die Natur», den er Anfang der achtziger Jahre gedichtet hat, und in dem in unreifem Zustande das Spätere enthalten ist. Aber das wirkte, was dazumal in unreifem Zustande enthalten war. Und ich habe auch früher öfter darauf hingewiesen, wie Goethe als siebenjähriger Knabe Mineralien sammelt, sich ein Notenpult nimmt von seinem Vater, die Mineralien darauf aufbaut, oben ein Räucherkerzchen daraufstellt und nun eine Art Gottesdienst unternimmt, dem «Großen Gotte», der durch die Naturerscheinungen selbst wirkt, ein Opfer darbringen will. Er fängt morgens — denken Sie, als siebenjähriger Knabe! — den Sonnenstrahl auf, läßt ihn durch ein Brennglas gehen, daß er ihm das Räucherkerzchen entzünde. Ein Naturfeuer zündet er über den Mineralien an. Darinnen liegt in einer kindlichen Weise all das schon vorgebildet, was da nachwirkt in reifsten Anschauungen. Man versteht Goethe nur, wenn man ihn so aus der Totalität seines Wesens heraus richtig aufzufassen in der Lage ist. Und dann, wenn man ihn so auffaßt, kommt man auch dazu, das, was Goethe noch wenig pflegen konnte aus den Voraussetzungen seiner Zeit heraus, die Anschauungen der geistigen Welt, erst in einer Weise zu treiben, die man auch gemäß der Goetheschen Weltanschauung finden kann. Denn bedenken Sie, man kann gar nicht anders, wenn man Goetheisch über die Natur denkt, wenn man im Sinne der Urphänomenlehre und im Sinne der Metamorphosenlehre wirklich denkt, als durch dieses Denken solche Kräfte in seiner Seele auszulösen, die einen zur Anschauung der geistigen Welt führen, und die einen zuletzt auch zur Anschauung desjenigen Lebens führen, das der Mensch führt, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist. Gerade mit der Goetheschen, auf die reine Natur hingewendeten, reinen Naturanschauung ist eine wahre Unsterblichkeitslehre im selbstverständlichen Sinne veranlagt. Man bekommt gerade dadurch die Kraft für jene entgegengesetzten Vorstellungen, die man braucht, damit das Übersinnliche, das der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in die Anschauung hereinkommt; man bekommt die Kraft für solche Anschauung dadurch, daß man sich den Blick zuerst schärft für dasjenige, was reine Natur ist, was nicht durch Theorie und Hypothese in der Natur verdorben ist.

[ 25 ] For example, I have tried to understand Goethe’s later views by repeatedly referring to that prose hymn, “Nature,” which he wrote in the early 1880s and in which his later ideas are contained in an immature form. But what was contained there at that time, in an immature state, had an effect. And I have also pointed out on several previous occasions how Goethe, as a seven-year-old boy, collected minerals, took a music stand from his father, arranged the minerals on it, placed a small incense stick on top, and then performed a kind of religious service, seeking to offer a sacrifice to the “Great God” who works through the phenomena of nature themselves. In the morning—just imagine, as a seven-year-old boy!—he catches a ray of sunlight, focuses it through a magnifying glass to light the incense stick. He kindles a natural fire above the minerals. In this, in a childlike way, everything that later resonates in his most mature insights is already prefigured. One can only understand Goethe if one is able to grasp him correctly in this way, out of the totality of his being. And then, when one grasps him in this way, one also comes to pursue—in a manner consistent with Goethe’s worldview—those insights into the spiritual world that Goethe himself was still unable to fully develop due to the limitations of his time. For consider this: when one thinks about nature in the Goethean way—when one truly thinks in the spirit of the doctrine of primordial phenomena and the doctrine of metamorphosis—one cannot help but, through this thinking, unleash within one’s soul those forces that lead to a perception of the spiritual world and that ultimately lead one to a perception of the life that a human being leads after passing through the gate of death. It is precisely in Goethe’s pure view of nature—one directed toward nature itself—that a true doctrine of immortality is inherently embedded in the most natural sense. It is precisely through this that one gains the strength for those contrasting mental images needed to bring into clear vision the supersensible realm that a human being experiences between death and a new birth; one gains the strength for such a vision by first sharpening one’s gaze for that which is pure nature, which has not been corrupted in nature by theory and hypothesis.

[ 26 ] Dadurch machen die Menschen die größten Fehler, daß sie für die äußere Welt immer glauben, die Dinge müssen einlinig gehen und einströmig. Wenn jemand in dem Sinne einem Menschen, der die Sache durchschaut, von Monismus redet, wie es sehr viele gegenwärtige Menschen tun, indem sie einen abstrakten Monismus begründen, wenn solch ein abstrakter Monismus also einem Menschen, der die Dinge durchschaut, vorgetragen wird, so kommt dem das gerade so vor, als wenn ein Mensch dasteht, linke und rechte Seite wohl ausgebildet, und ein anderer sagt ihm: Das ist aber falsch, das ist ein falscher Dualismus, der Mensch muß monistisch gebaut sein, das ist unrecht, daß der eine rechte Hälfte hat, da muß irgend etwas nicht richtig sein daran.

[ 26 ] This is how people make their biggest mistakes: they always believe that, in the external world, things must proceed in a single direction and flow in one direction. When someone speaks of monism in this sense to a person who sees through the matter—as so many people do today by positing an abstract monism—when such an abstract monism is presented to a person who sees through things, it strikes that person as if one person were standing there, with both the left and right sides well-developed, and another were to say to him: “But that’s wrong; that’s false dualism. A person must be monistically constructed. It’s wrong that one has a right half—there must be something wrong with that.”

[ 27 ] Geradeso muß unsere Anschauung gegenüber der Welt sein. Wie wir nicht deshalb falsch sind, weil wir zwei Hände haben und die rechte durch die linke unterstützen können, so ist es auch nicht falsch, zwei Weltanschauungen zu haben, die sich gegenseitig ineinander spiegeln und sich gegenseitig beleuchten. Und wer das für falsch hält, daß zwei Weltanschauungen gefordert werden, der sollte auch sagen: Man muß irgendwelche künstlichen Verrichtungen einmal ersinnen, damit nicht so schrecklich getrennt die linke und rechte Hand und das linke und rechte Bein durch die Welt marschieren und handeln, sondern daß endlich einmal durch eine Errungenschaft die rechte Hand in die linke, das rechte Bein in das linke hineingesteckt werden kann, damit man monistisch ist, ein Monon ist, und dann der Mensch auf diese Weise sein Leben fortfristen kann!

[ 27 ] This is exactly how our worldview should be. Just as we are not wrong simply because we have two hands and can use the right hand to support the left, so too is it not wrong to have two worldviews that mirror and illuminate one another. And anyone who thinks it is wrong to require two worldviews should also say: One must devise some artificial procedures so that the left and right hands and the left and right legs do not march and act through the world in such a terribly separated manner, but so that, at long last, through some achievement, the right hand can be inserted into the left, and the right leg into the left, so that one is monistic, a “Monon,” and so that a person can carry on with their life in this way!

[ 28 ] Für den, der die Dinge durchschaut, der die Wirklichkeit im Auge hat und nicht vertrackte abstrakte Theorien, für den ist, wie gesagt, das Anstreben des abstrakten Idealismus auf der einen Seite, des groben Realismus auf der andern Seite als Monismus, gerade so einseitig, wie etwas einseitig wäre, was mit der grotesken Sache verglichen werden kann, mit der ich eben die Sache verglichen habe. Und es liegt wirklich im Sinne der Goetheschen Weltanschauung, wenn in der heute noch sehr, sehr angefochtenen Weise von mir immer wieder und wiederum hingewiesen wird auf der einen Seite auf eine reine Naturanschauung, nicht auf eine von Hypothesen durchsetzte, sondern auf eine Anschauung, die als Anschauung lebt, nicht gedacht ist, wo das Denken nur verwendet wird, um die Anschauung herbeizuführen, auf der andern Seite auf eine Geistanschauung, wo wiederum das Denken nur verwendet wird, um die geistige Anschauung herbeizuführen, die uns dann wirklich hineinführt in das Gebiet, in dem wir zu suchen haben den Menschen, wenn er auf der andern Seite seines Lebens ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 28 ] For those who see through things, who keep reality in mind rather than convoluted abstract theories, for them, as I said, the pursuit of abstract idealism on the one hand and crude realism on the other as monism is just as one-sided as something that can be compared to the grotesque thing to which I just compared the matter. And it is truly in keeping with Goethe’s worldview when, in the manner that is still very, very contested today, I repeatedly and consistently point, on the one hand, to a pure view of nature—not one interspersed with hypotheses, but a view that lives as a view, not as a thought, where thinking is used only to bring about that view— and on the other hand, to a spiritual perception, where, in turn, thinking is used only to bring about the spiritual perception that then truly leads us into the realm where we must seek the human being when he is on the other side of his life, between death and a new birth.

[ 29 ] Wenn man solch eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung den Menschen vorträgt, so finden sie heute noch wahrhaftig logisch klingende Theorien, gescheite Theorien, um die Sache zu widerlegen. Ich habe oft gesagt: Widerlegungen der Geisteswissenschaft, oh, sie sind sehr leicht auszudenken. — Ich habe in Prag einmal den Versuch gemacht, bei zwei hintereinander folgenden öffentlichen Vorträgen, einen zu halten, in dem ich die Geisteswissenschaft widerlegt habe, und einen andern zu halten, in dem ich sie begründet habe, was mir einzelne Leute übelgenommen haben. Aber ich habe einmal den Versuch gemacht, eben einen Vortrag zu halten zur Widerlegung der Geisteswissenschaft und einen zur Begründung der Geisteswissenschaft. Man kann ganz gut die Geisteswissenschaft selbstverständlich widerlegen, man kann sie widerlegen. Wie soll man sie nicht widerlegen können? Derjenige, der glaubt, daß man Geisteswissenschaft nicht widerlegen kann, der ist ungefähr auf demselben Standpunkt, wie einer, der sagt, er kann sich mit einer Nadel, die er in der rechten Hand hält, nicht in die linke stechen. Ganz selbstverständlich kann man das, aber es besagt das alles nichts. Und man muß sagen: Dieser Gegnerschaft, die so scheinbar mit recht logischen Theorien arbeitet, liegt im Grunde eigentlich etwas ganz, ganz anders in ihrem Inneren. Man spricht auch von Unbewußtem und Unterbewußtem. Man mißversteht, namentlich bei den Psychoanalytikern, aber auch sonst, dasjenige, was eigentlich das unterbewußte Seelenleben, Geistesleben für eine Bedeutung für den Menschen hat. Ich habe darüber öfter schon hier gesprochen. Nun, wirklich wie der Blinde von der Farbe, so reden die heutigen analytischen Psychologen von dem unbewußten Geistesleben. Sie werden nur darauf gestoßen durch die wissenschaftlichen Forderungen der Gegenwart, aber sie haben eine Wissenschaft, wie ich sie genannt habe im vorigen Jahre in Zürich und auch hier, die mit unzulänglichen Mitteln arbeitet. Denn man muß wirklich die Fähigkeit haben, für dasjenige, was im Bewußtsein vorgeht, immer das darunter liegende Unterbewußte richtig zu finden.

[ 29 ] When one presents such a spiritual-scientific worldview to people, they still find theories today that sound truly logical—clever theories—to refute it. I have often said: Refutations of Spiritual Science—oh, they are very easy to come up with. — I once made an attempt in Prague, during two consecutive public lectures, to give one in which I refuted Spiritual Science and another in which I defended it, which some people took offense at. But I did make that attempt—to give one lecture refuting Spiritual Science and another defending it. Of course, one can very well refute Spiritual Science; one can refute it. How could one not be able to refute it? Anyone who believes that Spiritual Science cannot be refuted is roughly in the same position as someone who says they cannot prick their left hand with a needle held in their right hand. Of course one can do that, but it doesn’t mean anything. And one must say: This opposition, which seemingly operates with quite logical theories, is actually rooted in something quite, quite different at its core. People also speak of the unconscious and the subconscious. There is a misunderstanding—particularly among psychoanalysts, but also elsewhere—regarding the significance that the subconscious life of the soul and spirit actually holds for human beings. I have spoken about this here on several occasions. Well, just like the blind man speaking of color, today’s analytical psychologists speak of the unconscious life of the spirit. They are driven to this approach solely by the scientific demands of the present, but they practice a science—as I called it last year in Zurich and also here—that operates with inadequate means. For one must truly have the ability to correctly identify the underlying subconscious in everything that takes place in consciousness.

Bewußtsein
logische Gründe
Glaube an Erkenntnisgrenzen

Consciousness
Logical reasons
Belief in the limits of knowledge

[ 30 ] Unterbewußtsein
Furcht vor dem Geistigen
Interesselosigkeit für das Geistige

[ 30 ] Subconscious Mind
Fear of the Spiritual
Lack of Interest in the Spiritual

[ 31 ] Sehen Sie, die Sache liegt so, daß wir sagen können: Hier ist das Bewußtsein - siehe das Schema — und darunter liegt das Unterbewußtsein. Nun, wie ist die Sache heute? Heute ist die Sache so, daß ungefähr seit dem 16. Jahrhundert sehr starke ahrimanische Einflüsse auf den Menschen und sein ganzes Denken sich geltend machen. Das hat sein Gutes, das hat sein Schlimmes. Das hat für die Naturwissenschaft vor allen Dingen die Folge, daß sie in einer ganz bestimmten ahrimanischen Weise sich ausbildet. Dieser ahrimanischen Naturwissenschaft hat Goethe die seinige entgegengesetzt, die ich Ihnen eben charakterisiert habe. Aber nichts geht vor in der menschlichen Seele — das können Sie gerade aus den Vorträgen entnehmen, die ich vor acht Tagen hier gehalten habe -, nichts geht vor in dem Geiste des Menschen, ohne daß im Unterbewußten auch etwas vorgeht. Indem man die heutige Form des Naturdenkens ausbildet, entwickelt man im Unterbewußten zwei ganz besondere Gefühle: Furcht vor dem Geistigen und Interesselosigkeit für das Geistige. Man kann gar nicht im Sinne des heutigen Denkens Naturwissenschaft ausbilden, wenn man nicht gerade Goethesche Naturwissenschaft ausbildet, ohne daß man ausbildet zu gleicher Zeit unterbewußte Furcht gegenüber der spirituellen Welt und unterbewußte Interesselosigkeit gegenüber der spirituellen Welt. Man fürchtet sich vor dem Geistigen. Das ist die notwendige Folge der heutigen naturwissenschaftlichen Eindrücke. Aber eine unterbewußte Furcht, von der man nichts weiß. Und diese unterbewußte Furcht zieht sich an, und erst angezogen mit allerlei Flitter und Gaukelgewand erscheint sie dem Menschen im Bewußtsein. Sie zieht nämlich logische Gründe an. Die Furcht verwandelt sich in logische Gründe. Und mit diesen logischen Gründen geht nun der Mensch herum.

[ 31 ] You see, the situation is such that we can say: Here is the conscious mind—see the diagram—and beneath it lies the subconscious. Now, what is the situation today? Today, the situation is such that, roughly since the 16th century, very strong Ahrimanic influences have been making themselves felt on human beings and their entire way of thinking. This has its good sides and its bad sides. For the natural sciences, above all, this has the consequence that they develop in a very specific Ahrimanic way. Goethe set his own approach—which I have just described to you—in contrast to this Ahrimanic natural science. But nothing takes place in the human soul—as you can see from the lectures I gave here eight days ago—nothing takes place in the human spirit without something also taking place in the subconscious. By cultivating today’s form of scientific thinking, one develops two very specific feelings in the subconscious: fear of the spiritual and a lack of interest in the spiritual. It is simply impossible to cultivate the natural sciences in the spirit of contemporary thought—unless one cultivates Goethean natural science—without simultaneously fostering a subconscious fear of the spiritual world and a subconscious indifference toward it. People are afraid of the spiritual. This is the inevitable consequence of today’s scientific impressions. But it is a subconscious fear of which one is unaware. And this subconscious fear draws things to itself, and only once it has been adorned with all manner of tinsel and the trappings of illusion does it appear to the person in their consciousness. For it draws logical reasons to itself. The fear transforms into logical reasons. And the person now goes about with these logical reasons.

[ 32 ] Wer die Sache durchschaut, hört, wie die Menschen sehr gescheite logische Gründe vorbringen, aber er weiß auch, unten, im Unterbewußtsein sitzt die Furcht vor dem Spirituellen, wie das Unbekannte immer Furcht einjagt — die Wasserscheu der Hunde ist auch zurückzuführen darauf -, und die Interesselosigkeit, die sich insbesondere darinnen zeigt, daß man, wenn man eine richtige Naturerkenntnis entwickelt, den Geist mit Fingern greifen kann. Denn ich möchte einmal einen Menschen, der nun wirklich restlos erkennen will, auffordern, zu sagen, aus welchen irdischen Naturerscheinungen heraus, ohne zum Geiste seine Zuflucht zu nehmen, er die Form des menschlichen Kopfes erklären kann. Die reine, richtige naturwissenschaftliche Erklärung des menschlichen Kopfes führt zurück zu dem, was man nur geisteswissenschaftlich erkennt, wie ich auseinandergesetzt habe. Hat man Interesse für das, was wirklich da ist in der menschlichen Natur, dann drängt es natürlich zum Geiste hin. Nur Interesselosigkeit verführt einen dazu, zu sagen, darinnen weise nichts auf den Geist hin! Nun, wenn Sie zuerst alles, was zum Geiste hinführt, ausschließen - man achtet es nicht, man macht sich zuerst leere Hypothesen und Theorien zurecht -, flugs zeigen sie auch nichts, wenn man sie anführt, wenn man sie zuerst so recht präpariert hat! Der Naturforscher heute verfährt größtenteils so wie einer, der zuerst sorgfältig den Fisch putzt, so daß keine Schuppen mehr daran sind, und nachher behauptet, der Fisch habe keine Schuppen. So putzt der heutige Naturforscher von den Erscheinungen erst alles dasjenige, was zum Geiste hinweist, weg, weil er kein Interesse daran hat. Aber er weiß ebensowenig von der Interesselosigkeit als von der Furcht. Daher kann auch die Interesselosigkeit sich Flitter- und Gaukelkleider anziehen, und diese Flitter- und Gaukelkleider sind Glaube an Erkenntnisgrenzen. Und im Bewußtsein redet man von Erkenntnisgrenzen — Ignorabimus. Dasjenige, was man da redet, ist eigentlich im Grunde genommen ganz gleichgültig. Man könnte, wenn man wollte, ganz andere Wortzusammenstellungen erfinden für dasjenige, was zum Beispiel Da Bois-Reymond geredet hat in seinem Vortrag über die Grenzen der Naturerkenntnis — sie wären geradeso wertvoll, denn das, was er will, ist im Grunde genommen ganz gleichgültig. Bewirkt wurde es von seiner unterbewußten Interesselosigkeit gegenüber den abgeschuppten Fischen, die keine Schuppen haben — nun als Vergleich gebraucht.

[ 32 ] Anyone who sees through this can hear people putting forward very clever, logical arguments, but they also know that deep down, in the subconscious, lies a fear of the spiritual—just as the unknown always instills fear—the fear of water in dogs can also be traced back to this— and the lack of interest, which is particularly evident in the fact that, when one develops a true understanding of nature, one can grasp the spirit with one’s fingers. For I would like to challenge a person who truly wishes to understand this matter completely to explain, based on which earthly natural phenomena—without resorting to the spirit—he can account for the form of the human head. The pure, correct scientific explanation of the human head leads back to what can only be recognized through the study of Spiritual Science, as I have explained. If one has an interest in what is truly present in human nature, then one is naturally drawn toward the spirit. Only a lack of interest leads one to say that nothing in it points to the spirit! Well, if you first exclude everything that leads to the spirit—if you disregard it and instead start by concocting empty hypotheses and theories—then, of course, they reveal nothing when you present them, once you have prepared them in just the right way! Today’s natural scientist proceeds largely like someone who first carefully scales a fish so that no scales remain, and then claims that the fish has no scales. In the same way, today’s natural scientist first strips away from phenomena everything that points toward the spirit, because he has no interest in it. But he knows just as little about disinterest as he does about fear. That is why disinterest, too, can don garments of tinsel and illusion, and these garments of tinsel and illusion are the belief in the limits of knowledge. And in consciousness, one speaks of the limits of knowledge—Ignorabimus. What is spoken of there is, when it comes down to it, actually quite irrelevant. One could, if one wanted to, invent entirely different combinations of words for what, for example, Da Bois-Reymond spoke of in his lecture on the limits of knowledge of nature—they would be just as valuable, for what he intends is, at the root of it, entirely irrelevant. This was caused by his subconscious indifference toward the “scaleless” fish—now used as a comparison.

[ 33 ] Sie sehen, es würde schon sehr dienlich sein, wenn sich die gegenwärtige Menschheit orientieren wollte an geisteswissenschaftlichen Begriffen, denn sie würde dadurch eine richtige Natur- und eine richtige GeistErkenntnis, wenigstens in die Vorstellungen herein, vor das Seelenauge bekommen können. Die braucht die Menschheit. Beide Anschauungen braucht die Menschheit. Man findet heute eigentlich recht häufig schon Hinweise darauf, daß die Menschheit in der Gegenwart etwas Neues an Weltanschauungen, an Welterkenntnis brauche. Aber unterbewußte Furcht, unterbewußte Interesselosigkeit, die wirken sehr stark. Und daraus ergeben sich heute die auf diesem Gebiete merkwürdig zutage tretenden Erscheinungen. Ein ernst zu nehmender Mann hat in einem der letzten Hefte der Zeitschrift «Wissen und Leben» merkwürdige Worte gesprochen, die man doch ein wenig ins Auge fassen muß, wenn man Unterlagen gewinnen will für die Art, wie man sich eigentlich zu dem Denken auch der ernst zu nehmenden Menschen, die aber betroffen sind durch die geschilderte Furcht und Interesselosigkeit in sich selber, zu stellen hat.

[ 33 ] You see, it would be very helpful if humanity today were to orient itself toward concepts from the Spiritual Science, for in doing so it would be able to gain a true understanding of nature and a true understanding of the spirit—at least in the form of mental images—before the eye of the soul. Humanity needs this. Humanity needs both of these perspectives. In fact, one finds quite frequent indications today that humanity currently needs something new in terms of worldviews and understanding of the world. But subconscious fear and subconscious disinterest exert a very strong influence. And this gives rise to the peculiar phenomena that are becoming apparent in this area today. A man to be taken seriously spoke some remarkable words in one of the latest issues of the journal Wissen und Leben—words that one must give some thought to if one wishes to gain insight into how one should actually approach the thinking of even those serious-minded people who are, however, affected by the fear and lack of interest described above.

[ 34 ] Im Verlaufe eines Aufsatzes, der heißt «Der internationale Kitt», wird da in der folgenden Weise gesprochen:

[ 34 ] In an essay titled “The International Binder,” the following is stated:

[ 35 ] «Es gehört zu den größten weltgeschichtlichen Enttäuschungen, daß auch diese geistige Macht» - die geistige Macht des Christentums — «versagt hat dem Kriege gegenüber und keinen Damm aufwarf gegen die sich heranwälzende Flut von Haß und Zerstörung. Ja, gerade im Christentum sind während der Völkerentzweiung noch ganz besonders häßliche Erscheinungen zutage getreten, wie zum Beispiel die Kriegstheologie mit ihrem Versuch, auch die höchsten absoluten Werte herabzuziehen in die Relativität unseres Weltgeschehens. In dem Bestreben, dieses zu rationalisieren und auf irgendeine Formel zu bringen, kam man dazu, auch das Schreckliche, das radikale Böse durch den ethischen Gott der Liebe irgendwie rechtfertigen zu wollen, anstatt im Angesicht des furchtbaren Unterganges von Liebe und Leben demütigst stehen zu bleiben bei Luthers Deus absconditus, dem verborgenen Gott, der in der ethisch indifferenten Dynamik der Welt auch in die Erscheinung tritt. Durch die religiös-ethische Verklärung des Krieges wurden dem «lieben Gott politische Ziele untergeschoben, die denen der Machthaber und Kabinette verzweifelt ähnlich sehen.»

[ 35 ] “It is one of the greatest disappointments in world history that even this spiritual power”—the spiritual power of Christianity—“has failed in the face of war and has not erected a dam against the surging tide of hatred and destruction. Indeed, it was precisely within Christianity that particularly hideous phenomena came to light during the division of nations—such as the theology of war, with its attempt to drag even the highest absolute values down into the relativity of our world events. In the effort to rationalize this and reduce it to some formula, people came to want to somehow justify even the terrible, the radical evil, through the ethical God of love, instead of, in the face of the dreadful downfall of love and life, humbly remaining with Luther’s Deus absconditus, the hidden God, who also manifests himself in the ethically indifferent dynamics of the world. Through the religious-ethical glorification of war, “political goals were attributed to the ‘dear God’ that bear a desperate resemblance to those of rulers and cabinets.”

[ 36 ] Nun, wer ein wenig die zeitgenössische Literatur verfolgt, der wird wissen, daß dies sehr richtig ist, daß von allen Seiten her dem Gotte die Absichten der Machthaber als göttliche Absichten untergeschoben werden, so daß der Mann hier wirklich manche unerfreulichste Erscheinung der Gegenwart in nicht unrechter Weise charakterisiert. Dann sagt er weiter:

[ 36 ] Well, anyone who follows contemporary literature even a little will know that this is very true—that from all sides, the intentions of those in power are attributed to God as divine intentions—so that the author here truly characterizes some of the most unpleasant phenomena of the present day in a way that is not without merit. He goes on to say:

[ 37 ] «Nicht nur das. Auch die gegenseitigen Spannungen unter den christlichen Kirchen wurden verschärft. Der historische Gegensatz zwischen Luthertum und Calvinismus wurde neu ausgegraben. Die extremen Anglikaner rückten soweit von dem festländischen Protestantismus ab, daß sie ihm kaum noch den Namen des Christentums zugestehen wollten. Gar nicht zu reden von, dem Zerreißen der internationalen christlichen Bande in der Missionsarbeit. So scheint das national beschränkte Völkerideal den Sieg über das internationale Gemeinschaftsideal des Christentums errungen zu haben.

[ 37 ] “Not only that. Tensions among the Christian churches were also exacerbated. The historical rift between Lutheranism and Calvinism was reopened. The extreme Anglicans distanced themselves so far from continental Protestantism that they were hardly willing to grant it the name of Christianity. Not to mention the severing of international Christian ties in missionary work. Thus, the nationally limited ideal of the nation-state seems to have triumphed over the international ideal of Christian community.

[ 38 ] Aber wo das geschah, hat das Christentum einen Verrat am Evangelium begangen. Judas, der Christus verrät. Denn das Wesen des Christentums weist auf eine umfassende menschliche Gemeinschaft hin und kann sich nur in einer solchen auswirken.»

[ 38 ] But where that happened, Christianity committed a betrayal of the Gospel. Judas, who betrays Christ. For the very nature of Christianity points to a comprehensive human community and can only take effect within such a community.»

[ 39 ] Nun, und so weiter. Ja, der Mann redet manches Gescheite, aber er kommt nicht dazu, zu fragen: Ja, wir haben nun dieses Christentum gepflegt durch nahezu zwei Jahrtausende. Woran liegt es denn, daß es, obwohl es seinem Wesen nach einen solchen Zustand wie den gegenwärtigen ausschließen würde, daß es ihn nicht ausgeschlossen hat? Damit sagt man nichts, daß man sagt: Die Menschen sind schlechte Christen, sie sollen bessere Christen werden, wenn man damit meint, sie sollen solche Christen werden, wie es sie schon gegeben hat! Ich könnte Ihnen Hunderte von gegenwärtig erscheinenden Äußerungen sonst ganz ernst zunehmender Menschen vorführen, und Sie würden aus diesen sehen, daß schon da und dort auftaucht ein gewisser, wenn auch ganz unterbewußter Impuls, daß etwas notwendig ist wie eine neue Weltanschauung. Aber in dem Augenblick, wo nun diese Menschen wirklich herankommen sollen an das, was nötig ist, an eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung, da umnebeln sie sich selber ihre Begriffe, und da schlagen diese Begriffe sofort in die Furcht und Interesselosigkeit um. Sie fürchten sich vor der Geisteswissenschaft. Das kann man bei den einzelnen Persönlichkeiten ganz genau nachweisen aus ihren Äußerungen und aus ihrem Leben. Oder sie zeigen die Interesselosigkeit. Ihr Geist faßt es nicht, sie können es überhaupt nicht, auf das einzugehen. Dann kommt man zu so merkwürdigen Widersprüchen, die natürlich der heutige Leser nicht sieht, weil heute so gelesen wird, wie ich das schon gestern und auch sonst andeutete. Dieser Mann, der den Artikel schrieb, der, wie gesagt, durchaus ernst zu nehmen ist, schreibt in einer richtigen Weise so, wie er da geschrieben hat. Aber, sehen Sie einmal, er sagt, es muß wieder etwas geschehen, damit das Christentum seine internationale Bedeutung und Wirksamkeit entfalten kann. Da macht er allerlei Vorschläge. Er sagt: Warum sollte denn das nicht möglich sein, daß das Christentum die internationalen Impulse, die Haß und Zerstörung verhindern, pflegt? - Da kommt er darauf, auch folgenden Satz zu schreiben:

[ 39 ] Well, and so on. Yes, the man says some sensible things, but he fails to ask: Yes, we have now practiced this Christianity for nearly two millennia. Why is it, then, that although it would, by its very nature, preclude a state of affairs such as the present one, it has not precluded it? It accomplishes nothing to say, “People are bad Christians; they should become better Christians,” if by that one means they should become the kind of Christians who have already existed! I could present to you hundreds of seemingly contemporary statements by people who are otherwise taken quite seriously, and you would see from these that here and there a certain—albeit entirely subconscious—impulse is already emerging, suggesting that something like a new worldview is necessary. But the moment these people are actually supposed to approach what is necessary—a spiritual-scientific worldview—they cloud their own concepts, and these concepts immediately turn into fear and disinterest. They are afraid of Spiritual Science. This can be demonstrated quite precisely in individual personalities through their statements and their lives. Or they show a lack of interest. Their minds cannot grasp it; they are simply incapable of engaging with it. This leads to such strange contradictions, which, of course, today’s reader does not see, because people read today in the way I already hinted at yesterday and on other occasions. This man, who wrote the article—and who, as I said, must certainly be taken seriously—writes correctly in the manner in which he has written there. But, look here: he says that something must happen again so that Christianity can unfold its international significance and effectiveness. He makes all sorts of suggestions. He says: Why shouldn’t it be possible for Christianity to foster the international impulses that prevent hatred and destruction?—And then he goes on to write the following sentence:

[ 40 ] «Noch im August 1914 haben die freien britischen Kirchen an Professor Harnack geschrieben: ‹Außer den englisch sprechenden Völkern steht kein Volk uns so hoch in unserer Liebe und Bewunderung wie das deutsche. Wir haben alle eine unermeßliche Schuld gegenüber deutscher Theologie, Philosophie und Literatur.› »

[ 40 ] “As late as August 1914, the independent British churches wrote to Professor Harnack: ‘Apart from the English-speaking peoples, no other people holds such a high place in our love and admiration as the German people. We all owe an immeasurable debt to German theology, philosophy, and literature.’ ”

[ 41 ] Da haben wir doch, sagt er, eine ganz erfreuliche Erscheinung, da haben wir es, wie die britischen Theologen den deutschen Theologen ein Kompliment machen von wunderbarster Art. Könnte es nicht so in der Zukunft sein?

[ 41 ] “There we have it,” he says, “a truly delightful phenomenon; there we have it—British theologians paying German theologians a compliment of the most wonderful kind. Couldn't it be like that in the future?”

[ 42 ] Ja, aber wirklichkeitsgemäß gedacht: die Sache ist im August 1914 geschrieben, wo gerade diese Zerstörung ausgebrochen ist! Der wirklichkeitsgemäße Schluß wäre also: trotzdem die britischen Theologen dieses geschrieben haben, konnte es nichts irgendwie zur Verhinderung des Zerstörungswerkes beitragen. Also, Sie sehen, statt von links nach rechts, denkt der Mann von rechts nach links oder umgekehrt, je nachdem die Sache liegt; während der wirklichkeitsgemäße Gedanke sagt: man muß untersuchen, was nicht richtig ist, was fehlt, trotzdem sich die Leute so schöne Komplimente gemacht haben. Da sagt er: Wenn wir es nur so machen, wie wir es im August 1914 gemacht haben, da werden wir schon weiterkommen.

[ 42 ] Yes, but if we think realistically: this was written in August 1914, just as this destruction was breaking out! The realistic conclusion would therefore be: even though the British theologians wrote this, it could not in any way contribute to preventing the work of destruction. So, you see, instead of thinking from left to right, the man thinks from right to left—or vice versa, depending on the situation—while realistic thinking says: one must examine what is wrong, what is missing, even though people have paid each other such fine compliments. Then he says: If we just do it the way we did in August 1914, we’ll certainly make progress.

[ 43 ] Ja, da können wir wieder anfangen! Denn das kann nicht helfen, das hat die Wirklichkeit gezeigt! Also, der richtige Gedanke wäre dieser, daß man sagt: Es muß irgend etwas nicht stimmen! Das Christentum muß irgend etwas unberücksichtigt lassen. — Was es unberücksichtigt läßt, ist gerade, daß es sich nicht hineinfindet in das, was die Zeit durch ihre eigene Notwendigkeit fordert. Und das ist, was solchen Menschen fehlt: das willige Eingehen auf dasjenige, was gerade durch die Impulse unserer Zeit gefordert wird. — So kann man sehen, daß die Leute erkennen, die alte Weltanschauung hat Schiffbruch gelitten. Aber sie wollen keine neue, sie wollen die alte wieder, damit man noch einmal Schiffbruch leiden kann. Das aber bleibt natürlich in ihrem Unterbewußten stecken. Sie wollen selbstverständlich das Beste, sie sind nur zu bequem, um dasjenige, was das Notwendige ist, wirklich aufzusuchen.

[ 43 ] Yes, here we go again! Because that can’t help—reality has shown that! So, the correct line of thought would be to say: Something must be wrong! Christianity must be overlooking something. — What it overlooks is precisely that it cannot find its place in what the times demand out of their own necessity. And that is what such people lack: a willing response to what is demanded precisely by the impulses of our time. — So one can see that people recognize the old worldview has foundered. But they don’t want a new one; they want the old one back, so they can foundered all over again. But of course, this remains stuck in their subconscious. They naturally want the best; they are simply too comfortable to truly seek out what is necessary.

[ 44 ] Das ist es, was einem immer wieder und wiederum im Hintergrunde liegt, wenn man von so etwas sprechen muß wie von der Bedeutung des Goetheanismus für die Gegenwart, oder auch von der Bedeutung dessen, was natürlich größer ist als der Goetheanismus, der ganzen geistigen Welt und ihrer Erkenntnis. Auch da braucht man nicht kritisch zu sein. Man braucht nicht zu sagen, wie grundschlecht die Menschen sind, die das nun nicht tun, was da getan werden sollte, sondern man sollte sich darauf beschränken, einzusehen, was geschehen muß. Man sollte auf das Positive sehen. Vielleicht kann man sich dann sagen: Ja, wenn ich nur nicht so furchtbar wenig tun könnte, ich kann so furchtbar wenig tun. — Man kann vielleicht auch die Frage stellen: Ja, was soll denn der einzelne eigentlich tun? — Solche Fragen werden oftmals gestellt unter der Voraussetzung, als ob es sich zum Beispiel in meinen Auseinandersetzungen darum handeln könnte, ein bestimmtes konkretes Rezept für den einzelnen zu geben, das wiederum, wenn es allgemein gegeben würde, natürlich dadurch abstrakt und inhaltslos würde. Heute handelt es sich überhaupt für sehr viele Menschen zunächst darum, einzusehen, wie gerade bei denjenigen, in deren führender Hand viel gelegen ist, sei es auf diesem, sei es auf jenem Gebiete, Unendliches verfehlt wird, weil sich gerade die führenden Menschen der Gegenwart sträuben gegen dasjenige, wogegen sie sich nicht sträuben dürften. Und das ist wichtig, daß wir nicht von falschem Autoritätsgefühl angefressen werden, daß wir nicht einen riesigen Respekt haben, weil wir nicht prüfen. Darum handelt es sich, daß wir nicht ohne weiteres heute den historischen Autoritäten einfach verfallen, sondern gerade um Aufmerksamkeit und um Aufpassen handelt es sich, sich ein Urteil darüber zu bilden, wie auf den verschiedensten Gebieten das Leben durch die heutigen führenden Persönlichkeiten oftmals mißgeleitet wird. Das geschieht doch nicht in genügender Schärfe und vor allen Dingen oftmals nicht in genügender Besonnenheit. Denn gerade in Besonnenheit und nicht in Unbesonnenheit sollte es geschehen. Das ist von einer ungeheuren Wichtigkeit, selbst zu prüfen in dem Unterbewußten, wieviel man verkehrten Autoritätsglauben noch in sich trägt, zu erkennen auch, daß gerade Geisteswissenschaft wirklich einen vom Autoritätsglauben wegführt, einen zu einem freien, urteilenden Menschen machen kann, wenn man sich lebendig von ihren Urteilen durchdringen läßt. Man denkt immer, die Welt müsse eindeutig gradlinig verlaufen. Wenn man sich gewöhnt, die Natur in einer gewissen naturwissenschaftlichen Weise anzuschauen, will man alles naturwissenschaftlich anschauen. Wenn man sich gewöhnt, die Welt nach abstrakten Theorien anzuschauen, wie man oft sagt, idealistisch, so will man wieder alles in dieser Weise anschauen. Aber das Leben verläuft nicht in dieser gradlinigen, eindeutigen Weise, sondern das Leben fordert von uns Beweglichkeit, Vielgestaltigkeit, Mannigfaltigkeit des Denkens. Das ist es, was wir uns im Grunde nur aus dem richtigen Betreiben der Geisteswissenschaft aneignen können, und was so ungeheuer notwendig ist, um sich in der Gegenwart in der richtigen Weise zu orientieren.

[ 44 ] This is what is always present in the background, time and again, when one has to speak of such things as the significance of Goetheanism for the present day, or even of the significance of what is, of course, greater than Goetheanism—the entire spiritual world and our understanding of it. Here, too, there is no need to be critical. There is no need to say how fundamentally bad people are who do not do what ought to be done; rather, one should limit oneself to recognizing what must happen. One should focus on the positive. Perhaps one can then say to oneself: Yes, if only I could do more than this terribly little—I can do so terribly little. — One might also ask: “Well, what is the individual actually supposed to do?” — Such questions are often posed on the assumption that, for example, my discussions might be about providing a specific, concrete formula for the individual—which, if given in general terms, would naturally become abstract and devoid of substance. Today, for a great many people, the first step is simply to recognize how, especially among those whose leadership carries great weight—whether in this or that field—infinite opportunities are being missed, precisely because the leaders of our time resist precisely what they ought not to resist. And it is important that we not be consumed by a false sense of authority, that we not harbor excessive respect simply because we fail to examine things critically. The point is that we should not blindly succumb to historical authorities today, but rather that we must be attentive and vigilant in forming our own judgments about how life in the most diverse fields is often misguided by today’s leading figures. This is not being done with sufficient rigor and, above all, often not with sufficient prudence. For it should be done precisely with prudence and not with rashness. It is of immense importance to examine within one’s subconscious just how much misguided belief in authority one still harbors, and to recognize that Spiritual Science, in particular, truly leads one away from belief in authority and can transform one into a free, discerning human being—if one allows oneself to be vividly permeated by its insights. One always thinks that the world must proceed in a clear, straightforward manner. When one becomes accustomed to viewing nature in a certain scientific way, one wants to view everything scientifically. When one becomes accustomed to viewing the world through abstract theories—as is often said, idealistically—one again wants to view everything in this way. But life does not unfold in this straightforward, unambiguous way; rather, life demands of us flexibility, versatility, and diversity of thought. This is what we can ultimately acquire only through the proper practice of Spiritual Science, and what is so immensely necessary for orienting ourselves correctly in the present.

[ 45 ] Aus diesem Grunde wollte ich diesmal etwas ausführlicher an Goethe anknüpfen. Ich wollte nicht eigentlich etwas Besonderes über Goethe sagen — das hat sich, wie Sie gesehen haben, wie von selbst gegeben -, sondern ich wollte auf wichtige geisteswissenschaftliche Wahrheiten hinweisen, die sich anknüpfen lassen an dasjenige, was sich gerade in der Szene, die nun vorgeführt werden soll, von Goethe künstlerisch verarbeitet findet. Gar manche gehen über Goethe hochmütig hinweg, weil sie ihn nicht wissenschaftlich finden, wie sie die Geisteswissenschaft selbst nicht wissenschaftlich finden. Aber es würde vielen schon nützen, wenn sie sich ein wenig versenken wollten gerade in solch einen Geist, in solch eine Seele, wie die Goethesche ist, denn sie bringt ab von dem falschen Glauben, der eigentlich ein Aberglaube ist, daß man immer mit eindeutigen Begriffen, mit eindeutigem Leben wirklich vorwärts kommt. Wo eine Entwickelung ist, ist auch eine Rückentwickelung, ist auch die entgegengesetzte Entwickelung. Und wo eine Rückentwickelung ist, ist auch eine Entwickelung. Wenn Sie die Seele auf der einen Seite rein auf die Urphänomene und Metamorphosen der Natur richten und sich nicht verderben Ihre Naturanschauung durch verdunkelnde Theorien, dann entwickelt sich nicht bloß einseitig diese reine Naturanschauung, sondern dann entwickelt sich in der Seele die andere Anschauung, die nach dem Geiste hingeht. Und wenn Sie entwickeln die Anschauung, die nach dem Geiste hingeht in wahrer Weise, dann können Sie nicht mehr falsche Theorien in die Natur hineintragen, sondern dann drängt es Sie, die Natur in ihren materiellen Erscheinungen rein durch sie selbst sich interpretieren zu lassen.

[ 45 ] For this reason, I wanted to elaborate a bit more on Goethe this time. I didn’t actually intend to say anything specific about Goethe—as you have seen, that has emerged on its own—but rather I wanted to point out important truths in Spiritual Science that can be linked to what is artistically expressed by Goethe in the very scene that is about to be performed. Quite a few people dismiss Goethe haughtily because they do not consider him scientific, just as they do not consider Spiritual Science itself to be scientific. But it would be beneficial to many if they were willing to immerse themselves a little in precisely such a spirit, in such a soul as Goethe’s, for it dispels the false belief—which is actually a superstition—that one always truly makes progress through unambiguous concepts and an unambiguous life. Where there is development, there is also regression; there is also the opposite kind of development. And where there is regression, there is also progression. If you direct your soul, on the one hand, purely toward the primordial phenomena and metamorphoses of nature, and do not corrupt your view of nature with obscuring theories, then this pure view of nature does not develop one-sidedly; rather, the other view—the one that turns toward the spirit—develops within the soul. And if you develop the perspective that is oriented toward the spirit in a true sense, then you can no longer impose false theories upon nature; rather, you will be compelled to allow nature to interpret its material phenomena purely through itself.

[ 46 ] So auch ist es, wenn man auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft genötigt ist, Bedenkliches, wie das gestern Ihnen über das Böse in Anknüpfung an die Phorkyaden-Erscheinung zu Sagende zum Ausdruck zu bringen, oder wenn man genötigt ist, davon zu sprechen, daß im Unterbewußten des Menschen vieles sitzt, wovon er in seinem Bewußtsein nichts weiß, So etwas nehmen einem oftmals die Menschen übel, weil sie einen verkennen. Denken Sie doch nur, wenn jemand sachgemäß davon spricht: Du hast in deinem Unterbewußtsein so manches -, da denkt der andere, der ist mein Feind, wenn er auch so etwas unbewußt sein läßt, der denkt, in meinem Unterbewußten führe ich allerlei im Schilde. So können nun auch unsere Zeitgenossen denken: Dieser Anthroposoph schimpft uns, daß wir unterbewußte Furcht und unterbewußte Interesselosigkeit haben, er setzt uns eigentlich herunter. — Aber die Welt ist nicht eindeutig. Ich sage ja nicht bloß, daß die Leute in ihrem Unterbewußten Furcht und Interesselosigkeit haben, sondern ich sage auch: Ihr habt in eurem Unterbewußtsein die ganze geistige Welt, erfaßt ihr sie nur. Die ist auch da unten. — Das ist die andere Seite. Man stellt geisteswissenschaftlich keine Behauptung auf, ohne daß diese Behauptung involviert eine andere Behauptung. Und wem ich sage: Du hast unterbewußte Furcht und unterbewußte Interesselosigkeit, der sollte sich bewußt sein, daß ich ihm auch sage: Zwar bist du dir “deiner Furcht und Interesselosigkeit nicht bewußt, du verbrämst sie durch allerlei Lügen und durch deinen Glauben an Erkenntnisgrenzen, aber du hast deine ganze unterbewußte Welt zu umfassen, wenn du nur in deine unterbewußte Welt untertauchen willst. — Ich sage ihm nicht nur einen Tadel, wie er es auffaßt, sondern ich sage ihm auch über seine unterbewußte Welt etwas Gutes. Das ist das, woraus Sie sehen, daß das Leben nicht einseitig ist, daß aber Geisteswissenschaft es auch nicht einseitig darstellen kann.

[ 46 ] The same is true when, in the field of Spiritual Science, one is compelled to express troubling ideas—such as what I said to you yesterday about evil in connection with the appearance of the Phorcys—or when one is compelled to speak of the fact that much lies in the human subconscious of which the person is unaware in their conscious mind, People often take offense at such things because they misunderstand you. Just think: when someone speaks objectively about it—saying, “You have many things in your subconscious”—the other person thinks, “He is my enemy,” even if he himself allows such things to remain unconscious; he thinks, “In my subconscious, I am plotting all sorts of things.” So our contemporaries might think the same way: “This anthroposophist is berating us for having subconscious fears and subconscious indifference; he’s actually putting us down.” — But the world is not so black and white. I’m not just saying that people have fear and indifference in their subconscious; I’m also saying: You have the entire spiritual world in your subconscious—if only you could grasp it. It’s down there, too.—That’s the other side. In Spiritual Science, you don’t make one assertion without that assertion implying another. And to anyone I say: ‘You have subconscious fear and subconscious indifference,’ that person should be aware that I am also telling them: ‘Although you are not aware of “your fear and indifference”—you mask them with all sorts of lies and through your belief in the limits of knowledge—you must embrace your entire subconscious world if you are willing to immerse yourself in it.’ — I am not merely rebuking them, as they perceive it, but I am also telling them something positive about their subconscious world. This is what shows you that life is not one-sided, but that Spiritual Science cannot portray it as one-sided either.

[ 47 ] Und so wird auf der einen Seite so gesprochen, wie oftmals gesprochen werden muß. Wenn man dann den Menschen Abneigung, Aversionen, Furcht und Interesselosigkeit für eingeflößt erklären muß, hat man auch den Menschen zu sagen: Ihr müßt gewisse Gefahren überwinden, wenn ihr zur geistigen Welt kommen wollt, ihr müßt gewisse Unbequemlichkeiten überwinden. — Gewiß, das ist die eine Seite, die man geltend machen muß. Aber bedenken Sie, welche Summe von seelenbeglückenden Empfindungen darinnen liegt, daß eine geisteswissenschaftliche Anschauung uns den Blick eröffnet von dem Leben, das wir hier vollbringen mit andern Menschen zwischen Geburt und Tod, welche weltbeglückenden Empfindungen eröffnet werden dadurch, daß man weiß, man lebt noch inniger mit denjenigen, die durch des Todes Pforte gegangen sind. Und denken Sie sich, wenn einmal dieser Gedanke der Zweiseitigkeit richtig erfaßt wird, wenn richtig diese Welt einmal angesehen wird im Sinne der Geisteswissenschaft, so wird nicht nur dasjenige, was Geisteswissenschaft zu sagen hat, ausgießen die Forderung von unbequemem Eindringen in die geistigen Welten, sondern es wird auszugießen haben diese Geisteswissenschaft über die Herzen der Menschen ungeheure Summen von Trostesempfindungen, ungeheure Summen von andern seelenbeglückenden Empfindungen, die dadurch die menschliche Seele ergreifen, daß diese menschliche Seele immer mehr und mehr fähig sein wird, nicht nur mit denen zu leben, die in der sinnenfälligen Welt sie umgeben, sondern mit all den Menschen zu leben, mit denen irgendein Lebensband eingegangen worden ist in dem physischen Leben, zu leben mit ihnen über des Todes Pforte hinaus. Können wir denn nur verlangen, wenn wir vernünftig sind, daß eine Wissenschaft, welche unsere Seelen erlebend hinausträgt über des Todes Pforte, eine bequeme Wissenschaft sein soll? Nein, das können wir, wenn wir verständig und vernünftig sind, ohnedies nicht verlangen. Durch die Unbequemlichkeit auch zu einer gewissen Weltbeglückung wird die Menschheit der Zukunft entgegengehen müssen. Dazu wird sie sich entschließen müssen, Wissenschaft zu suchen von geistigen Welten.

[ 47 ] And so, on the one hand, one speaks as one often must. But when one must explain that aversion, fear, and indifference have been instilled in people, one must also tell them: You must overcome certain dangers if you wish to enter the spiritual world; you must overcome certain inconveniences. — Certainly, that is the one side that must be emphasized. But consider the wealth of soul-enriching feelings that lies in the fact that a perspective based on Spiritual Science opens our eyes to the life we lead here with other human beings between birth and death—and what world-enriching feelings are revealed by the knowledge that we live even more intimately with those who have passed through the gate of death. And just imagine: once this idea of duality is truly grasped, once this world is truly viewed in the spirit of Spiritual Science, then not only will what Spiritual Science has to say fulfill the demand for an uncomfortable penetration into the spiritual worlds, but Spiritual Science will also pour out upon people’s hearts immense amounts of comforting feelings, immense amounts of other soul-rejoicing feelings that will take hold of the human soul in such a way that this human soul will become more and more capable of living not only with those who surround it in the sensory world, but with all the people with whom some bond of life has been formed in physical life—to live with them beyond the gate of death. Can we, if we are reasonable, demand that a science which carries our souls, through experience, beyond the gates of death, be a comfortable science? No, if we are sensible and reasonable, we cannot demand that in any case. Humanity will have to face the future by embracing this discomfort as a path to a certain kind of worldly happiness. To this end, it will have to resolve to seek knowledge of spiritual worlds.