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Art in the Light of Mystery Wisdom
GA 275

1928

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Geleitwort von Marie Steiner

Foreword by Marie Steiner

zu der Schriftenreihe «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit»

on the series “Art in the Light of Mystical Wisdom”

[ 1 ] Nur diejenigen werden verstehen können, was in der Schriftenreihe «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» an Erneuerungsimpulsen der Menschheit gegeben wird, welche das Wesen der Geisteswissenschaft voll in sich haben aufnehmen können; so aufnehmen können, daß ihnen die Konkretheit der geistigen Welt, ihre gestaltungsreiche Wesenhaftigkeit, eine Selbstverständlichkeit geworden ist. In der vollen Wehr des wissenschaftlichen Rüstzeugs der Gegenwart und in schärfster Gedankengeschlossenheit hat Rudolf Steiner sie den Menschen seiner Zeit nahegebracht und sie darauf hingewiesen, wie der Menschheit Ich in den Brennpunkt der Bewußtseinsentwickelung gestellt ist, wie sie wissend dieses Ich ergreifen muß. Ein Weg der lebensdurchpulsten, lebenserhärteten, aber auch besonnenen und durchsonnten Ergreifung des Ich ist die Kunst. Es ist einer der gesündesten und der aufschlußreichsten, einer der geradesten, der am spätesten von seiner Ursprungsstätte, dem Tempel der Mysterienweisheit, abgebogen ist und nicht so schnell verschüttet werden konnte, wie es der Weg der Religion wurde durch die Machtsucht der Kirche, der Weg der Wissenschaft durch die Denk-Erstarrung der materialistischen Zeitströmung. Daß diese drei Wege sich wieder finden können, daß Kunst, Wissenschaft und Religion sich wieder verbinden und durchdringen mögen, dafür hat Rudolf Steiner unter uns gewirkt. Jedem dieser Wege hat er seine volle Aufmerksamkeit zugewandt; in ihrer lebendigen Synthese sah er das Heil der Menschheit. So, wie sie einst zusammenwirkten in den uralt heiligen Mysterien und von dort aus alle Kulturen der Erde ins Leben riefen, durchleuchteten und nährten, so müssen sie wieder im wissenden Erfassen ihres einheitlichen geistigen Ursprungs einander genähert und verbunden werden. Ein Wissen dieser lebensvoll wesenhaften Gemeinschaft hat heute die Menschheit in sich zu erwecken. Sie kann es in voller Freiheit auf den Wegen der prüfenden Einsicht und der Arbeitspraxis, wenn sie sich nicht selbst furchtsam verschließt vor den ihr überlegenen, noch unbekannten Kräften; wenn sie sich nicht beugt unter den Zwang priesterlicher Beeinflussung, unter die Autorität dogmatischer Wissenschaftlichkeit. Die Etappen des Weges sind ihr erschlossen in weisheitsvoller unpersönlichster Führung durch einen Wissenden, der sich nicht gewandt hat an das Unterwerfungs- und Devotionsbedürfnis der Menschheit, sondern an ihr Erkenntnisvermögen, entsprechend den Forderungen der Zeit.

[ 1 ] Only those who have been able to fully absorb the essence of Spiritual Science—in such a way that the concreteness of the spiritual world and its richly formative nature have become second nature to them—will be able to understand the impulses for renewal offered to humanity in the series “Art in the Light of Mystery Wisdom.” Armed with the full range of contemporary scientific tools and with the sharpest clarity of thought, Rudolf Steiner brought these ideas to the people of his time and pointed out to them how the “I” is placed at the focal point of humanity’s development of consciousness, and how humanity must grasp this “I” with full awareness. Art is a path to a grasp of the “I” that is pulsing with life, tempered by life, yet also level-headed and radiant. It is one of the healthiest and most enlightening paths, one of the most direct; it was the last to diverge from its place of origin—the temple of mystery wisdom—and could not be buried as quickly as the path of religion was by the Church’s lust for power, or the path of science by the intellectual rigidity of the materialistic currents of the time. Rudolf Steiner worked among us so that these three paths might find one another again, so that art, science, and religion might once more unite and interpenetrate. He devoted his full attention to each of these paths; in their living synthesis he saw the salvation of humanity. Just as they once worked together in the ancient sacred mysteries and, from there, brought all the cultures of the earth into being, illuminated them, and nourished them, so must they once again be brought closer together and united through a knowing grasp of their unified spiritual origin. Today, humanity must awaken within itself an awareness of this vital, essential communion. It can do so in complete freedom along the paths of critical insight and practical work—provided it does not timidly shut itself off from the forces superior to it and as yet unknown; provided it does not bow to the coercion of priestly influence or to the authority of dogmatic scientism. The stages of the path are revealed to humanity through the wise and most impersonal guidance of a knower who has not appealed to humanity’s need for submission and devotion, but rather to its capacity for knowledge, in accordance with the demands of the times.

[ 2 ] Die erste Etappe ist das Studium; Voraussetzung also für das Verständnis desjenigen, was in den Vorträgen dieser Schriftenreihe dargelegt wird, ist das Studium der Geisteswissenschaft. In dem Schriftenverzeichnis, das den Einzelheften beigefügt ist, werden Werke Rudolf Steiners genannt, die eine Grundlage geben können für das Eindringen in die Mysterien, die dem künstlerischen Schaffen des Menschen zugrunde liegen. Ihre vom Übersinnlichen her wirkenden Impulse sollen nun aus der Dumpfheit des Unterbewußten in die Wachheit des IchBewußtseins hinübergeführt werden. Die Kunst ist auf dem Wege zu verdorren; auch sie hat sich bereits abgeschnürt von ihrer geistigen Lebensquelle. Auf den Wegen der sinnlichen Beobachtung und der Nachahmung physischer Zufälligkeiten, auf den Wegen des Überwucherns der Persönlichkeit hat sie sich völlig entfernt von ihrem Ursprung. Die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen, zurückzufinden zum Ursprungsgeist, und mit den neu errungenen Kräften der wachen Persönlichkeit, die ihren Ewigkeitswert kennt, den verlorenen Weg wieder zu betreten, in erkenntnisfroher Freiheit, das ist die Aufgabe der gegenwärtigen Menschheit. Dazu soll ihr helfen die tiefe Weisheit und Schönheit, die Kraft, die aus diesen nun der Öffentlichkeit zu übergebenden Worten Rudolf Steiners zu uns sprechen.

[ 2 ] The first stage is study; thus, a prerequisite for understanding what is presented in the lectures of this series is the study of Spiritual Science. The bibliography included with each issue lists works by Rudolf Steiner that can provide a foundation for penetrating the mysteries underlying human artistic creation. Their impulses, which act from the supersensible realm, are now to be brought from the dullness of the subconscious into the wakefulness of ego-consciousness. Art is on the verge of withering away; it, too, has already cut itself off from its spiritual source of life. Through the paths of sensory observation and the imitation of physical contingencies, through the overgrowth of the personality, it has completely distanced itself from its origin. To reconnect the severed threads, to find one’s way back to the original spirit, and—with the newly acquired powers of the awakened personality, which recognizes its eternal value—to reenter the lost path in freedom filled with insight: this is the task of present-day humanity. To this end, may the profound wisdom and beauty—the power—that speaks to us through these words of Rudolf Steiner, now to be presented to the public, serve as a guide.

[ 3 ] Gesprochene Worte waren es, nicht für die Herausgabe bestimmte. Das eifrige Nachschreiben der Zuhörer war Rudolf Steiner nicht lieb, und der Vervielfältigung, dem Druck des gesprochenen Wortes stand er abwehrend gegenüber. Sein Stilgefühl litt darunter, da er anders empfand für das gesprochene, anders für das geschriebene Wort. Die Nachschriften schienen ihm immer mangelhaft, da es ihm bei dem Verkünden okkulter Wahrheiten auf die feinste Nuancierung, auf die subtilste Wort- und Satzwendung ankam. Auch wünschte er, daß sein Wort lebendig in den Seelen wirke und nicht im Schriftenschrank verstaube. Doch war es der rücksichtslose Wille seiner Zuhörer, der die Notwendigkeit schuf, nachzugeben. Sie entstand dadurch, daß zu viel Unberufene ihre Niederschriften vervielfältigten und verbreiteten und daß eine Korrektur dieses Übels nur dadurch entstehen konnte, daß die bestmögliche Nachschrift den andern entgegengestellt wurde und als einzig berechtigte galt. So zeitigte ein Böses zuletzt ein Gutes. Dem Geber freilich brachte es Schmerz und böswillige Deutung von seiten der erbitterten Feinde, jener Gegner esoterischer Weisheit, die wie die Fledermäuse das Licht hassen. Die Zeit aber verlangt sie. Das einzige Mittel gegenüber dem Überwuchern phantastischer, dilettantischer Okkultismen ist die mit allem Wissen der Zeit gerüstete Weisheit. Aus vielen Zuschriften von Außenstehenden geht hervor, daß ihnen das Werk Rudolf Steiners das Leben erst lebenswert machte. Wir dürfen nichts mehr verheimlichen, mit nichts zurückhalten, denn die Wahrheit allein kann Lüge und Tod besiegen.

[ 3 ] These were spoken words, not intended for publication. Rudolf Steiner did not approve of his listeners’ eager note-taking, and he was opposed to the reproduction and printing of the spoken word. His sense of style suffered as a result, since he felt differently about the spoken word than he did about the written word. The transcripts always seemed flawed to him, since when proclaiming occult truths, the finest nuances and the most subtle turns of phrase and sentence structure were of the utmost importance to him. He also wished for his words to have a living effect on people’s souls rather than gathering dust on a bookshelf. Yet it was the relentless insistence of his listeners that created the necessity to yield. This arose because too many unqualified individuals were duplicating and distributing their own transcripts, and because the only way to correct this evil was to set the best possible transcript against the others and have it regarded as the sole authorized version. Thus, an evil ultimately brought about a good. For the giver, of course, it brought pain and malicious interpretation on the part of bitter enemies—those opponents of esoteric wisdom who, like bats, hate the light. But the times demand it. The only remedy against the proliferation of fanciful, amateurish forms of occultism is wisdom armed with all the knowledge of our time. It is evident from many letters from outsiders that Rudolf Steiner’s work is what first made life worth living for them. We must no longer conceal anything or hold anything back, for truth alone can defeat lies and death.

[ 4 ] Der große Geber ist nicht mehr da, aber sein Wort wird weiter wirken. Die trägen Seelen öffnen sich allmählich; das verholzte Denken erschließt sich Schritt für Schritt der Wesenhaftigkeit geistiger Zusammenhänge und ihrer kündenden Schönheitskraft, wie sie aus seinen Worten uns entgegenleuchten. Und sollten sie verspottet und in den Staub gezerrt werden, ihm kann es nichts mehr antun. Die Menschheit hat ihm alles Leid zugefügt, das sie einem Großen zufügen kann. Er hat sie mit seiner vollen Liebe umfaßt. Sein Wort soll ihr weiter helfen.

[ 4 ] The great Giver is no longer with us, but his word will continue to have an effect. Sluggish souls are gradually opening up; rigid thinking is, step by step, coming to grasp the essence of spiritual connections and their revelatory power of beauty, as they shine forth toward us from his words. And even if they are mocked and dragged through the mud, it can no longer harm him. Humanity has inflicted upon him all the suffering it can inflict upon a great soul. He has embraced them with his full love. His words shall continue to help them.

[ 5 ] Lange genug irrten wir im Finstern. Ein Licht ist uns entzündet worden, das unsere Seelen läutern kann; noch sind wir zu sehr betäubt von dem schwelenden Dunstkreis unsrer materialistischen Zeitkrankheiten. Aber das uns gebrachte Licht ist so strahlend und lebenweckend, daß, wenn wir nur aufräumen wollen mit dem in uns aufgehäuften Schutt, wir an des Lichtes Kraft genesen müssen.

[ 5 ] We have wandered in the darkness long enough. A light has been kindled for us that can purify our souls; yet we are still too numb from the smoldering haze of the maladies of our materialistic age. But the light brought to us is so radiant and life-giving that, if we are only willing to clear away the debris that has accumulated within us, we cannot help but be healed by the power of that light.

[ 6 ] In jeder Kunst wird gedarbt, auf jedem Gebiete des Lebens fühlt man die Verdorrung um sich greifen. Sieghaft schreiten vorwärts allein die Technik und die Mechanik. Die Mechanik hat sich nun auch der Kunst bemächtigt, hat sogar die geistigste Kunst, die Musik, geknebelt und sich dienstbar gemacht. Die Menschheit merkt ja kaum, was da an unterseelischem Zersetzungsgift in sie hineindringt. Der Übergang vom Geist zum Untersinnlichen geschah ja fast unmerklich: all das seelenlose, hölzerne Klaviergeklapper, das erotische Tönegetändel, die nervenzerreißenden musikalischen Psychosen wurden ziemlich willenlos hingenommen als Zeitvertreib, als Sinnenkitzel oder Nervenaufpeitschung. Die Menschheit merkte kaum, wohin sie trieb, weil ihr geistiger Sinn eingelullt war und weil über die Seelenöde hinüber die Großen der Musik noch ihre riesigen Schatten warfen: der musikalische Alltag schien daneben belanglos. Jetzt aber zeigen sich die Folgen dieser Duldung. Wir sind in den Zwang der Musikmaschine geraten; sie verfolgt uns bis in das Walten der Natur hinein. Sie treibt uns hinein in das Untersinnliche, in den Bereich der Dämonie.

[ 6 ] Every art is withering away; in every sphere of life, one senses this desolation taking hold. Only technology and mechanics march triumphantly forward. Mechanics has now taken hold of art as well; it has even muzzled the most spiritual of arts, music, and made it subservient. Humanity hardly notices the sub-psychic poison of decay that is seeping into it. The transition from the spiritual to the sub-spiritual occurred almost imperceptibly: all that soulless, wooden clatter on the piano, that erotic tinkling of notes, those nerve-wracking musical psychoses were accepted quite passively as a pastime, as a titillation of the senses, or as a stimulation of the nerves. Humanity scarcely realized where it was being driven, because its spiritual sense had been lulled to sleep and because, across the wasteland of the soul, the great masters of music still cast their enormous shadows: everyday music seemed trivial by comparison. Now, however, the consequences of this tolerance are becoming apparent. We have fallen under the compulsion of the musical machine; it pursues us even into the realm of nature. It drives us into the sub-sensual, into the realm of demonism.

[ 7 ] Eine Erneuerung der Kunst wird nicht stattfinden können durch Liebäugeln mit moderner Dekadenz und durch Kompromisse; nur durch die Wiederkehr zu den geistigen Quellen des Lebens. Wer an diesen Quellen getrunken hat, wie dürfte der es verantworten, die Menschheit darben zu sehen und ihr nicht das Heil zuzuführen, an dem sie gesunden kann?

[ 7 ] Art cannot be renewed by flirting with modern decadence or by making compromises; it can only be renewed through a return to the spiritual sources of life. Whoever has drunk from these sources—how could such a person justify watching humanity languish without providing it with the salvation through which it can be healed?

[ 8 ] Jenes Heil liegt in der Erschließung der Mysterienweisheit, die in einer der gegenwärtigen Menschheit zugänglichen Form ihr wiedergegeben werden muß. Die neue Initiationswissenschaft muß an der Menschheit Denkkräfte appellieren, an ihr Kunst- und Stilgefühl und ihren ewigen Wesenskern, indem sie auf jedem dieser Gebiete zur Bewußtseinswachheit aufruft.

[ 8 ] That salvation lies in the uncovering of the wisdom of the mysteries, which must be presented to humanity in a form accessible to people today. The new science of initiation must appeal to humanity’s powers of thought, to its sense of art and style, and to its eternal essence, by calling for alertness of consciousness in each of these areas.

[ 9 ] Durch Wort und Bild und Tat wurde Rudolf Steiner ein Rufer zur Wachheit auf jedem dieser Gebiete. Er schuf Richtunggebendes in der Kunst. Er löste sie aus der Starrheit und brachte sie in die Bewegung; er gab dem Ertöteten wieder Leben. Vielleicht hätte die Fülle der Aufgaben auf anderen Gebieten ihm nie die Gelegenheit geboten, alle Bereiche der Kunst befruchtend zu durchschreiten, wenn nicht die Errichtung des Goetheanums diese Aufgabe von ihm gefordert hätte, der Weltkrieg aber durch die Unterbindung eines Teiles seiner Tätigkeit die Zeitmöglichkeit geschaffen hätte.

[ 9 ] Through word, image, and deed, Rudolf Steiner became a voice calling for awareness in each of these fields. He set new directions in art. He freed it from rigidity and set it in motion; he breathed new life into what had been stifled. Perhaps the abundance of tasks in other fields would never have afforded him the opportunity to traverse all areas of art in a fruitful way, had the construction of the Goetheanum not demanded this of him, and had the World War not created the necessary time by curtailing part of his activity.

[ 10 ] Im Goetheanum konnte Rudolf Steiner den in ihm lebenden architektonischen Gedanken verwirklichen. Er durfte ihn dem lebendigsten Baumaterial, dem Holz, anvertrauen. Es entstand ein Werk unsagbarer Schönheit, erschütternd durch die Weckekraft, die seinen Formen, deren Umbildung in organischer Entwickelungsfolge, die dem gegenseitigen Verhältnis der Richtungen, Hebungen, Senkungen und ihren Proportionen entsprang. Zahl, Maß und Gewicht siegten in ihrem schwingenden, hebenden, richtenden Dreiklang. Der Bau stand da als Mensch, der Mensch als Bau. Das Werden der Welten, das Werden und Wirken des Menschen, die Taten der Götter waren in ihn hineingeschrieben, waren offenbart in den Farbenflutungen der Kuppel, in dem organischen Wachstum der Saulen- und Architravmotive, in den Fensterlichtgebilden. Skulptur und Malerei gingen über sich hinaus, überwanden die Linie und gingen in die Bewegung über. Die Farbe schuf von innen heraus die Gestaltung, aus ihrer eigenen schöpferischen Beseeltheit. In der neu aufblühenden Kunst, der Eurythmie, waren Ton und Sprache Bewegung geworden und in die Sichtbarkeit getreten durch das Instrument des menschlichen Körpers. Die also sichtbar gewordenen schöpferischen Kräfte der Sprache wirkten wiederum belebend zurück auf die anderen Künste, entzündeten geistiges Schaffensfeuer. Der ihm innewohnende innere Ton konnte den lufterzeugten Ton ergreifen, ihn durchgeistigen und in höhere Sphären heben. Das «Haus der Sprache» hatte Rudolf Steiner seinen Bau genannt. Alle Künste hatten dort eine Heimstätte gefunden und Wissenschaft und Mysterienweisheit. Die Synthese von Kunst, Wissenschaft und Religion war wieder vollzogen.

[ 10 ] At the Goetheanum, Rudolf Steiner was able to bring to life the architectural vision that lived within him. He was able to entrust it to the most vibrant building material of all: wood. The result was a work of indescribable beauty, profoundly moving in the power it held to awaken the soul—a power arising from its forms, which were shaped in an organic sequence of development stemming from the interplay of directions, rises, and falls and their proportions. Number, measure, and weight triumphed in their vibrating, uplifting, and aligning triad. The building stood there as a human being; the human being as a building. The becoming of the worlds, the becoming and working of humankind, and the deeds of the gods were inscribed within it, revealed in the flood of colors in the dome, in the organic growth of the column and architrave motifs, and in the patterns of light from the windows. Sculpture and painting transcended themselves, overcame the line, and merged into movement. Color created the form from within, out of its own creative animacy. In the newly blossoming art of eurythmy, sound and speech had become movement and entered the realm of the visible through the instrument of the human body. The creative powers of language, thus made visible, in turn had a revitalizing effect on the other arts, kindling a spiritual fire of creation. The inner tone inherent in it was able to seize the sound produced by the air, imbue it with spirit, and lift it into higher spheres. Rudolf Steiner had called his building the “House of Language.” All the arts had found a home there, as had science and the wisdom of the mysteries. The synthesis of art, science, and religion had once again been accomplished.

[ 11 ] Ein solcher Bau kann nicht wieder entstehen. Es sei denn, daf3 die Menschen, die als ausführende Künstler an ihm gearbeitet haben, wieder in die Lage versetzt werden, ihr Erlerntes, ihr Erlebtes in ein gleiches Werk umzusetzen.

[ 11 ] A structure like this cannot be recreated—unless the people who worked on it as the artists responsible for its execution are once again able to translate what they have learned and experienced into a work of the same kind.

[ 12 ] Sonst sinkt als Erinnerung in die Vergangenheit zurück, jedoch als geistiger Keim einer neuen Zukunft entgegen ein Werk, das machtvoll die Menschheit schon heute hätte fördern können auf ihrem Entwickelungswege zum Geiste hin. Mit den Flammen der Silvesternacht von 1922/23 ist ein ungeheurer Fortschrittsimpuls für die Menschheit zunächst vernichtet worden.

[ 12 ] Otherwise, a work that could have powerfully advanced humanity even today on its path of development toward the spirit will fade into the past as a memory, yet as the spiritual seed of a new future. With the flames of New Year’s Eve 1922–23, an immense impulse for human progress was initially destroyed.

[ 13 ] Die retardierenden Mächte haben es so gewollt. Sie haben den Pöbel gegen Rudolf Steiner gehetzt und versuchen auch jetzt, sein Gedächtnis zu schwärzen. Aber das nachhallende Gekläff kann sein geistiges Werk nicht mehr zerstören. Dazu ist es zu tief verankert in der Bodenständigkeit geistiger Wesenhaftigkeit und in den seelischen Bedürfnissen unserer Zeit.

[ 13 ] The forces of stagnation have willed it so. They have incited the mob against Rudolf Steiner and are still trying to tarnish his memory. But the lingering barking can no longer destroy his spiritual work. It is too deeply rooted in the down-to-earth nature of spiritual essence and in the spiritual needs of our time.

[ 14 ] Der neue Bau ist in dem starrsten Material errichtet: dem Beton. Burgartig ragt er empor, aber nicht sich abschließend zu Trutz und Wehr. Wie eine Arbeitsstätte des Geistes, willkommen heißend alle, die ringen wollen um das edelste Gut der Welt- und Menschenerkenntnis, strahlt er hinaus in die Landschaft.

[ 14 ] The new building is constructed of the most rigid material: concrete. It rises like a castle, yet not as a fortress or a defensive structure. Like a sanctuary of the mind, welcoming all who seek to strive for the noblest of all goods—knowledge of the world and of humanity—it radiates out into the landscape.

[ 15 ] Das neue Goetheanum erhebt nicht den Anspruch, in seiner Ausgestaltung und Wirkung auch nur ein wenig mit dem in Flammen untergegangenen zu konkurrieren. Wohl ragt seine äußere Form mächtig empor in kühner, harmonischer Schönheit, ein letztes Geschenk des dahingeschiedenen Meisters der Schönheitsimpulse. Als er diese Form geschaffen hatte, legte er Hammer, Kelle und Richtmaß nieder und schuf noch eine Weile still am Wort, bevor er uns verließ. Das Werk am Bau setzen nun seine Schüler fort in dem Maß der ihnen gegebenen Kräfte.

[ 15 ] The new Goetheanum does not claim to rival, even in the slightest, the one that was destroyed by fire in terms of its design and impact. True, its outer form soars majestically in bold, harmonious beauty—a final gift from the departed master of aesthetic inspiration. When he had created this form, he laid down his hammer, trowel, and measuring rod and continued to work quietly on the Word for a while longer before he left us. His students are now continuing the work on the building to the best of their abilities.

[ 16 ] Es war des Meisters letztes Vermächtnis. Sie aber waren an den harten Zwang der Knappheit finanzieller Mittel gebunden; sie mußten ihre Intentionen, ja oft die vom Meister hinterlassenen, von ihm noch angegebenen Richtlinien opfern unter dem starren Gebot des Geldmangels. Unwillkürlich taucht der Gedanke auf: Wie anders hätte es sein können, wenn die äußeren Mittel gereicht hätten, um auch im Innern des Baus dasjenige auszuführen, was die in der Esoterik wurzelnde Kraft der Mysterienimpulse verlangte. Unwillkürlich drängt sich immer wieder der Gedanke auf: Wann und wo wird der Bau geschaffen werden können, in welchem Lande, zu welcher Zeit, der diese unendlichen Impulse wird in sich konzentrieren und ausströmen lassen können, die jedes Detail im verbrannten Goetheanum zusammenfügten zu einem weltumspannenden Ganzen, Mensch und Welt, den Mikrokosmos und den Makrokosmos in ihren Kräften zum Ausdruck bringend und so geistschöpferisch und seelengestaltend waltend?

[ 16 ] It was the Master’s final legacy. But they were bound by the harsh constraints of limited financial resources; they had to sacrifice their intentions—and often even the guidelines left by the Master and still specified by him—under the rigid dictate of a lack of funds. The thought arises involuntarily: How different things might have been if the external resources had been sufficient to carry out, even within the structure itself, what the power of the Mystery impulses—rooted in esotericism—demanded. The thought keeps coming to mind again and again: When and where will it be possible to create a building—in which country, at what time—that will be able to concentrate within itself and radiate out these infinite impulses, which brought every detail of the burned-down Goetheanum together into a world-encompassing whole, expressing the forces of humanity and the world, the microcosm and the macrocosm, and thus reigning with such spiritual creativity and soul-shaping power?

[ 17 ] Rudolf Steiner gab den ausführenden Künstlern, als er ihnen die Motive zu den Radierungen für die Arbeit im Fensterglase überreichte, Worte, die den Gang des Einzuweihenden durch die verschiedenen Stufen der Initiation andeuten. Sie sollen dieser Schriftenreihe über «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» als leitende Richtworte mit auf den Weg gegeben werden. Wahre Kunst führt zur Mysterienweisheit. Ihn, der zu ihrem Lichte strebt, erfaßt die Kraft der Worte:

[ 17 ] When Rudolf Steiner presented the artists with the motifs for the etchings to be incorporated into the stained-glass window, he offered words that allude to the initiate’s journey through the various stages of initiation. These words are to serve as guiding principles for this series of writings on “Art in the Light of Mystical Wisdom.” True art leads to mystical wisdom. Those who strive toward its light are gripped by the power of these words:

Ich schaue
Es offenbart
Es hat geoffenbart

Die Welt erwirkt den Willen
Es gebiert sich der Wille
Es ist der Wille geboren

Die Liebe der Welt wirkt
Und Menschenliebe entsteht
Und Menschenliebe ergreift ihn

Die Welt gibt ihm das Sehen
Und er sieht
Und er macht sich sehend

Die Außenwelt im Entschluß
Sich entschließend
Er hat gewollt

Es ist gewesen
Es war geworden
Es war

Es entsteht
Es wird sein
Es ist

Die Welt weht Frommsein
So wird er fromm
Die Frommheit wirkt

Die Welt baut
Ich schaue den Bau
Und der Bau wird Mensch

I look
It reveals
It has revealed

The world brings forth the will
The will comes into being
The will is born

The love of the world acts
And love for humanity arises
And love for humanity takes hold of him

The world gives him sight
And he sees
And he makes himself see

The external world in resolution
Resolving
He has willed

It has been
It had become
It was

It arises
It will be
It is

The world breathes piety
Thus he becomes pious
Piety takes effect

The world builds
I behold the building
And the building becomes human