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The Rudolf Steiner Archive

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Kunst im Lichte der Mysterienweisheit
GA 275

1928

Geleitwort von Marie Steiner

zu der Schriftenreihe «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit»

[ 1 ] Nur diejenigen werden verstehen können, was in der Schriftenreihe «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» an Erneuerungsimpulsen der Menschheit gegeben wird, welche das Wesen der Geisteswissenschaft voll in sich haben aufnehmen können; so aufnehmen können, daß ihnen die Konkretheit der geistigen Welt, ihre gestaltungsreiche Wesenhaftigkeit, eine Selbstverständlichkeit geworden ist. In der vollen Wehr des wissenschaftlichen Rüstzeugs der Gegenwart und in schärfster Gedankengeschlossenheit hat Rudolf Steiner sie den Menschen seiner Zeit nahegebracht und sie darauf hingewiesen, wie der Menschheit Ich in den Brennpunkt der Bewußtseinsentwickelung gestellt ist, wie sie wissend dieses Ich ergreifen muß. Ein Weg der lebensdurchpulsten, lebenserhärteten, aber auch besonnenen und durchsonnten Ergreifung des Ich ist die Kunst. Es ist einer der gesündesten und der aufschlußreichsten, einer der geradesten, der am spätesten von seiner Ursprungsstätte, dem Tempel der Mysterienweisheit, abgebogen ist und nicht so schnell verschüttet werden konnte, wie es der Weg der Religion wurde durch die Machtsucht der Kirche, der Weg der Wissenschaft durch die Denk-Erstarrung der materialistischen Zeitströmung. Daß diese drei Wege sich wieder finden können, daß Kunst, Wissenschaft und Religion sich wieder verbinden und durchdringen mögen, dafür hat Rudolf Steiner unter uns gewirkt. Jedem dieser Wege hat er seine volle Aufmerksamkeit zugewandt; in ihrer lebendigen Synthese sah er das Heil der Menschheit. So, wie sie einst zusammenwirkten in den uralt heiligen Mysterien und von dort aus alle Kulturen der Erde ins Leben riefen, durchleuchteten und nährten, so müssen sie wieder im wissenden Erfassen ihres einheitlichen geistigen Ursprungs einander genähert und verbunden werden. Ein Wissen dieser lebensvoll wesenhaften Gemeinschaft hat heute die Menschheit in sich zu erwecken. Sie kann es in voller Freiheit auf den Wegen der prüfenden Einsicht und der Arbeitspraxis, wenn sie sich nicht selbst furchtsam verschließt vor den ihr überlegenen, noch unbekannten Kräften; wenn sie sich nicht beugt unter den Zwang priesterlicher Beeinflussung, unter die Autorität dogmatischer Wissenschaftlichkeit. Die Etappen des Weges sind ihr erschlossen in weisheitsvoller unpersönlichster Führung durch einen Wissenden, der sich nicht gewandt hat an das Unterwerfungs- und Devotionsbedürfnis der Menschheit, sondern an ihr Erkenntnisvermögen, entsprechend den Forderungen der Zeit.

[ 2 ] Die erste Etappe ist das Studium; Voraussetzung also für das Verständnis desjenigen, was in den Vorträgen dieser Schriftenreihe dargelegt wird, ist das Studium der Geisteswissenschaft. In dem Schriftenverzeichnis, das den Einzelheften beigefügt ist, werden Werke Rudolf Steiners genannt, die eine Grundlage geben können für das Eindringen in die Mysterien, die dem künstlerischen Schaffen des Menschen zugrunde liegen. Ihre vom Übersinnlichen her wirkenden Impulse sollen nun aus der Dumpfheit des Unterbewußten in die Wachheit des IchBewußtseins hinübergeführt werden. Die Kunst ist auf dem Wege zu verdorren; auch sie hat sich bereits abgeschnürt von ihrer geistigen Lebensquelle. Auf den Wegen der sinnlichen Beobachtung und der Nachahmung physischer Zufälligkeiten, auf den Wegen des Überwucherns der Persönlichkeit hat sie sich völlig entfernt von ihrem Ursprung. Die zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen, zurückzufinden zum Ursprungsgeist, und mit den neu errungenen Kräften der wachen Persönlichkeit, die ihren Ewigkeitswert kennt, den verlorenen Weg wieder zu betreten, in erkenntnisfroher Freiheit, das ist die Aufgabe der gegenwärtigen Menschheit. Dazu soll ihr helfen die tiefe Weisheit und Schönheit, die Kraft, die aus diesen nun der Öffentlichkeit zu übergebenden Worten Rudolf Steiners zu uns sprechen.

[ 3 ] Gesprochene Worte waren es, nicht für die Herausgabe bestimmte. Das eifrige Nachschreiben der Zuhörer war Rudolf Steiner nicht lieb, und der Vervielfältigung, dem Druck des gesprochenen Wortes stand er abwehrend gegenüber. Sein Stilgefühl litt darunter, da er anders empfand für das gesprochene, anders für das geschriebene Wort. Die Nachschriften schienen ihm immer mangelhaft, da es ihm bei dem Verkünden okkulter Wahrheiten auf die feinste Nuancierung, auf die subtilste Wort- und Satzwendung ankam. Auch wünschte er, daß sein Wort lebendig in den Seelen wirke und nicht im Schriftenschrank verstaube. Doch war es der rücksichtslose Wille seiner Zuhörer, der die Notwendigkeit schuf, nachzugeben. Sie entstand dadurch, daß zu viel Unberufene ihre Niederschriften vervielfältigten und verbreiteten und daß eine Korrektur dieses Übels nur dadurch entstehen konnte, daß die bestmögliche Nachschrift den andern entgegengestellt wurde und als einzig berechtigte galt. So zeitigte ein Böses zuletzt ein Gutes. Dem Geber freilich brachte es Schmerz und böswillige Deutung von seiten der erbitterten Feinde, jener Gegner esoterischer Weisheit, die wie die Fledermäuse das Licht hassen. Die Zeit aber verlangt sie. Das einzige Mittel gegenüber dem Überwuchern phantastischer, dilettantischer Okkultismen ist die mit allem Wissen der Zeit gerüstete Weisheit. Aus vielen Zuschriften von Außenstehenden geht hervor, daß ihnen das Werk Rudolf Steiners das Leben erst lebenswert machte. Wir dürfen nichts mehr verheimlichen, mit nichts zurückhalten, denn die Wahrheit allein kann Lüge und Tod besiegen.

[ 4 ] Der große Geber ist nicht mehr da, aber sein Wort wird weiter wirken. Die trägen Seelen öffnen sich allmählich; das verholzte Denken erschließt sich Schritt für Schritt der Wesenhaftigkeit geistiger Zusammenhänge und ihrer kündenden Schönheitskraft, wie sie aus seinen Worten uns entgegenleuchten. Und sollten sie verspottet und in den Staub gezerrt werden, ihm kann es nichts mehr antun. Die Menschheit hat ihm alles Leid zugefügt, das sie einem Großen zufügen kann. Er hat sie mit seiner vollen Liebe umfaßt. Sein Wort soll ihr weiter helfen.

[ 5 ] Lange genug irrten wir im Finstern. Ein Licht ist uns entzündet worden, das unsere Seelen läutern kann; noch sind wir zu sehr betäubt von dem schwelenden Dunstkreis unsrer materialistischen Zeitkrankheiten. Aber das uns gebrachte Licht ist so strahlend und lebenweckend, daß, wenn wir nur aufräumen wollen mit dem in uns aufgehäuften Schutt, wir an des Lichtes Kraft genesen müssen.

[ 6 ] In jeder Kunst wird gedarbt, auf jedem Gebiete des Lebens fühlt man die Verdorrung um sich greifen. Sieghaft schreiten vorwärts allein die Technik und die Mechanik. Die Mechanik hat sich nun auch der Kunst bemächtigt, hat sogar die geistigste Kunst, die Musik, geknebelt und sich dienstbar gemacht. Die Menschheit merkt ja kaum, was da an unterseelischem Zersetzungsgift in sie hineindringt. Der Übergang vom Geist zum Untersinnlichen geschah ja fast unmerklich: all das seelenlose, hölzerne Klaviergeklapper, das erotische Tönegetändel, die nervenzerreißenden musikalischen Psychosen wurden ziemlich willenlos hingenommen als Zeitvertreib, als Sinnenkitzel oder Nervenaufpeitschung. Die Menschheit merkte kaum, wohin sie trieb, weil ihr geistiger Sinn eingelullt war und weil über die Seelenöde hinüber die Großen der Musik noch ihre riesigen Schatten warfen: der musikalische Alltag schien daneben belanglos. Jetzt aber zeigen sich die Folgen dieser Duldung. Wir sind in den Zwang der Musikmaschine geraten; sie verfolgt uns bis in das Walten der Natur hinein. Sie treibt uns hinein in das Untersinnliche, in den Bereich der Dämonie.

[ 7 ] Eine Erneuerung der Kunst wird nicht stattfinden können durch Liebäugeln mit moderner Dekadenz und durch Kompromisse; nur durch die Wiederkehr zu den geistigen Quellen des Lebens. Wer an diesen Quellen getrunken hat, wie dürfte der es verantworten, die Menschheit darben zu sehen und ihr nicht das Heil zuzuführen, an dem sie gesunden kann?

[ 8 ] Jenes Heil liegt in der Erschließung der Mysterienweisheit, die in einer der gegenwärtigen Menschheit zugänglichen Form ihr wiedergegeben werden muß. Die neue Initiationswissenschaft muß an der Menschheit Denkkräfte appellieren, an ihr Kunst- und Stilgefühl und ihren ewigen Wesenskern, indem sie auf jedem dieser Gebiete zur Bewußtseinswachheit aufruft.

[ 9 ] Durch Wort und Bild und Tat wurde Rudolf Steiner ein Rufer zur Wachheit auf jedem dieser Gebiete. Er schuf Richtunggebendes in der Kunst. Er löste sie aus der Starrheit und brachte sie in die Bewegung; er gab dem Ertöteten wieder Leben. Vielleicht hätte die Fülle der Aufgaben auf anderen Gebieten ihm nie die Gelegenheit geboten, alle Bereiche der Kunst befruchtend zu durchschreiten, wenn nicht die Errichtung des Goetheanums diese Aufgabe von ihm gefordert hätte, der Weltkrieg aber durch die Unterbindung eines Teiles seiner Tätigkeit die Zeitmöglichkeit geschaffen hätte.

[ 10 ] Im Goetheanum konnte Rudolf Steiner den in ihm lebenden architektonischen Gedanken verwirklichen. Er durfte ihn dem lebendigsten Baumaterial, dem Holz, anvertrauen. Es entstand ein Werk unsagbarer Schönheit, erschütternd durch die Weckekraft, die seinen Formen, deren Umbildung in organischer Entwickelungsfolge, die dem gegenseitigen Verhältnis der Richtungen, Hebungen, Senkungen und ihren Proportionen entsprang. Zahl, Maß und Gewicht siegten in ihrem schwingenden, hebenden, richtenden Dreiklang. Der Bau stand da als Mensch, der Mensch als Bau. Das Werden der Welten, das Werden und Wirken des Menschen, die Taten der Götter waren in ihn hineingeschrieben, waren offenbart in den Farbenflutungen der Kuppel, in dem organischen Wachstum der Saulen- und Architravmotive, in den Fensterlichtgebilden. Skulptur und Malerei gingen über sich hinaus, überwanden die Linie und gingen in die Bewegung über. Die Farbe schuf von innen heraus die Gestaltung, aus ihrer eigenen schöpferischen Beseeltheit. In der neu aufblühenden Kunst, der Eurythmie, waren Ton und Sprache Bewegung geworden und in die Sichtbarkeit getreten durch das Instrument des menschlichen Körpers. Die also sichtbar gewordenen schöpferischen Kräfte der Sprache wirkten wiederum belebend zurück auf die anderen Künste, entzündeten geistiges Schaffensfeuer. Der ihm innewohnende innere Ton konnte den lufterzeugten Ton ergreifen, ihn durchgeistigen und in höhere Sphären heben. Das «Haus der Sprache» hatte Rudolf Steiner seinen Bau genannt. Alle Künste hatten dort eine Heimstätte gefunden und Wissenschaft und Mysterienweisheit. Die Synthese von Kunst, Wissenschaft und Religion war wieder vollzogen.

[ 11 ] Ein solcher Bau kann nicht wieder entstehen. Es sei denn, daf3 die Menschen, die als ausführende Künstler an ihm gearbeitet haben, wieder in die Lage versetzt werden, ihr Erlerntes, ihr Erlebtes in ein gleiches Werk umzusetzen.

[ 12 ] Sonst sinkt als Erinnerung in die Vergangenheit zurück, jedoch als geistiger Keim einer neuen Zukunft entgegen ein Werk, das machtvoll die Menschheit schon heute hätte fördern können auf ihrem Entwickelungswege zum Geiste hin. Mit den Flammen der Silvesternacht von 1922/23 ist ein ungeheurer Fortschrittsimpuls für die Menschheit zunächst vernichtet worden.

[ 13 ] Die retardierenden Mächte haben es so gewollt. Sie haben den Pöbel gegen Rudolf Steiner gehetzt und versuchen auch jetzt, sein Gedächtnis zu schwärzen. Aber das nachhallende Gekläff kann sein geistiges Werk nicht mehr zerstören. Dazu ist es zu tief verankert in der Bodenständigkeit geistiger Wesenhaftigkeit und in den seelischen Bedürfnissen unserer Zeit.

[ 14 ] Der neue Bau ist in dem starrsten Material errichtet: dem Beton. Burgartig ragt er empor, aber nicht sich abschließend zu Trutz und Wehr. Wie eine Arbeitsstätte des Geistes, willkommen heißend alle, die ringen wollen um das edelste Gut der Welt- und Menschenerkenntnis, strahlt er hinaus in die Landschaft.

[ 15 ] Das neue Goetheanum erhebt nicht den Anspruch, in seiner Ausgestaltung und Wirkung auch nur ein wenig mit dem in Flammen untergegangenen zu konkurrieren. Wohl ragt seine äußere Form mächtig empor in kühner, harmonischer Schönheit, ein letztes Geschenk des dahingeschiedenen Meisters der Schönheitsimpulse. Als er diese Form geschaffen hatte, legte er Hammer, Kelle und Richtmaß nieder und schuf noch eine Weile still am Wort, bevor er uns verließ. Das Werk am Bau setzen nun seine Schüler fort in dem Maß der ihnen gegebenen Kräfte.

[ 16 ] Es war des Meisters letztes Vermächtnis. Sie aber waren an den harten Zwang der Knappheit finanzieller Mittel gebunden; sie mußten ihre Intentionen, ja oft die vom Meister hinterlassenen, von ihm noch angegebenen Richtlinien opfern unter dem starren Gebot des Geldmangels. Unwillkürlich taucht der Gedanke auf: Wie anders hätte es sein können, wenn die äußeren Mittel gereicht hätten, um auch im Innern des Baus dasjenige auszuführen, was die in der Esoterik wurzelnde Kraft der Mysterienimpulse verlangte. Unwillkürlich drängt sich immer wieder der Gedanke auf: Wann und wo wird der Bau geschaffen werden können, in welchem Lande, zu welcher Zeit, der diese unendlichen Impulse wird in sich konzentrieren und ausströmen lassen können, die jedes Detail im verbrannten Goetheanum zusammenfügten zu einem weltumspannenden Ganzen, Mensch und Welt, den Mikrokosmos und den Makrokosmos in ihren Kräften zum Ausdruck bringend und so geistschöpferisch und seelengestaltend waltend?

[ 17 ] Rudolf Steiner gab den ausführenden Künstlern, als er ihnen die Motive zu den Radierungen für die Arbeit im Fensterglase überreichte, Worte, die den Gang des Einzuweihenden durch die verschiedenen Stufen der Initiation andeuten. Sie sollen dieser Schriftenreihe über «Kunst im Lichte der Mysterienweisheit» als leitende Richtworte mit auf den Weg gegeben werden. Wahre Kunst führt zur Mysterienweisheit. Ihn, der zu ihrem Lichte strebt, erfaßt die Kraft der Worte:

Ich schaue
Es offenbart
Es hat geoffenbart

Die Welt erwirkt den Willen
Es gebiert sich der Wille
Es ist der Wille geboren

Die Liebe der Welt wirkt
Und Menschenliebe entsteht
Und Menschenliebe ergreift ihn

Die Welt gibt ihm das Sehen
Und er sieht
Und er macht sich sehend

Die Außenwelt im Entschluß
Sich entschließend
Er hat gewollt

Es ist gewesen
Es war geworden
Es war

Es entsteht
Es wird sein
Es ist

Die Welt weht Frommsein
So wird er fromm
Die Frommheit wirkt

Die Welt baut
Ich schaue den Bau
Und der Bau wird Mensch