Kunst im Lichte der Mysterienweisheit
GA 275
28 Dezember 1914, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Diese hier gehaltenen Vorträge waren bisher im wesentlichen dazu bestimmt, die Brücke zu schlagen von den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen zu einer von unserer Gegenwart geforderten Lebensauffassung, und ich gedenke, auch in diesen Tagen gerade über dieses Thema einige Andeutungen zu machen.
[ 2 ] Das, was wir modernes Leben nennen, tritt ja denjenigen Menschen, welche, sagen wit, durch städtisches oder damit zusammenhängendes Leben entrissen sind dem unmittelbaren Zusammenhang mit der Natur, lebendig entgegen. Und wir wissen, daß die Menschen seit dem Heraufkommen dieses modernen Lebens sich immer Gedanken gemacht haben über die Bedeutung des modernen Lebens für den ganzen sowohl materiellen wie geistigen Kulturfortschritt der Menschheit. Nun soll sich hineinstellen in dieses moderne Leben dasjenige, was wir empfinden als die Impulse, die uns aus der Geisteswissenschaft kommen. Wir werden uns allmählich das Gefühl errungen haben, daß gegenüber manchem, was uns in diesem Leben entgegentritt, die Geisteswissenschaft notwendig ist wie eine Art Ausgleich von manchem, was das moderne Leben in sich enthält an Herabstimmendem, man könnte geradezu sagen Zerstörendem für die allgemeinen geistig-göttlichen Lebenskräfte des Menschen.
[ 3 ] Wenn derjenige, welcher imstande ist, durch die Anfangsstadien, möchte man sagen, des Initiiertenlebens die moderne Kultur im Lebenszusammenhange auf sich wirken zu lassen, sie wirklich auf sich wirken läßt, dann macht er Erfahrungen, die ihn tiefer belehren können über die Bedeutung des modernen Lebens für das Gesamtleben des Menschen, als die äußere, nicht von der Spiritualität getragene Beobachtung dieses Lebens es vermag. Derjenige, welcher, ich will sagen, die ersten Schritte des Initiiertenlebens gemacht hat, durchlebt in anderer Art die Erfahrung, die gemacht werden kann, wenn wir in einem Eisenbahnzug oder auf einem Dampfschiffe eine Nacht zubringen, insbesondere wenn wir in dem Eisenbahnzug oder auf dem Dampfschiffe schlafen. Der Unterschied, der da vorliegt mit Bezug auf den in den Anfangsstadien des Initiiertenlebens Stehenden und demjenigen, der nicht irgendwie in Zusammenhang gekommen ist mit diesem Initiiertenleben, besteht darinnen, daß bei dem ersteren die Erlebnisse bewußt werden, daß er erkennen lernt, was da eigentlich mit ihm geschieht, wenn er eine Nacht, insbesondere schlafend, auf einem Dampfschiffe oder in einem Eisenbahnzuge fahrend zubringt. Die Einflüsse, die auf den ganzen menschlichen Organismus von einem solchen Erleben ausgehen, erfährt selbstverständlich auch derjenige, der die Dinge nicht durch Initiation kennenlernt, genauso wie der andere, der von diesen Einflüssen durch die Initiation wissen lernt. In bezug auf die Gesamtwirkung auf die menschliche Natur ist natürlich kein Unterschied.
[ 4 ] Wenn wir verstehen wollen, was mit diesen Andeutungen eigentlich gemeint ist, dann müssen wir uns ins Gedächtnis zurückrufen eine uns allerdings bekannte geisteswissenschaftliche Wahrheit, nämlich diese, daß, während wir schlafen, wir mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe außerhalb unseres physischen und Ätherleibes sind. Wir sind tatsächlich zunächst wegen gewisser Beschränkungen, die uns kosmische Gesetze naturgemäß auferlegen, mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe in einem solchen Falle vorzugsweise in unmittelbarer Nähe unseres physischen und Ätherleibes, so daß wir mit unserem Ich und Astralleibe, wenn wir in einem Eisenbahnwagen fahrend schlafen, im Grunde genommen ganz darinnen sind in alldem Gebremse, Gerolle und Getöse, das mit den Rädern und der Maschinerie des Zuges und so weiter zusammenhängt. Ebenso ist es auf dem modernen Dampfschiff. In alledem, was da um uns herum vorgeht, stecken wir darinnen. In diesen wahrhaft nicht gerade musikalischen Erfahrungen unserer Umgebung stecken wir darinnen, und man braucht nur die allerersten Schritte der Initiation durchgemacht zu haben, dann kann man beim Aufwachen merken, wie das in den physischen und Ätherleib zurückkehrende Ich mit dem astralischen Leibe noch mitbringen, was sie erlebten in dem Gepreßtwerden durch die Maschinerie, in der sie wirklich steckten und durch die sie in dem Momente vor dem Aufwachen durchgingen.
[ 5 ] All das disharmonische Gepresse und Gezerre nimmt man mit in den physischen und Ätherleib, und wer jemals aufgewacht ist mit dem Nachklingen desjenigen, was ein Dampfschiff oder ein Eisenbahnzug mit ihren Maschinerien in seinem Ich, in seinem astralischen Leibe angerichtet haben, wer sich das hereingebracht hat in sein tagwaches Bewußtsein, der merkt, wie wenig zusammenstimmend das ist, was man da hereinbringt, mit dem, was im Inneren des Menschen abläuft als eine Art Erlebnis des Ich und des astralischen Leibes von der inneren Gesetzmäßigkeit des physischen und ätherischen Leibes. Man bringt tatsächlich die herbste Unordnung, das greulichste Getöse hinein, ein Gezerre, Gequietsche und Geknarre, und das wirkt auf den Ätherleib tatsächlich so, wenn man eine feinere Empfindung für die Sache hat, wie wenn man - das ist natürlich ein grober Vergleich, aber Sie werden ihn nicht mißverstehen - mit dem physischen Leib, das andere wirkt aber auf den Ätherleib, in einer Maschine zerquetscht und zerteilt würde. Dies ist eine ganz notwendige Begleiterscheinung des modernen Lebens, und ich möchte gleich von vornherein eine, ich möchte sagen, warnende Bemerkung machen, weil solche Auseinandersetzungen wie diejenigen, die ich heute zu machen gedenke, sehr leicht wachrufen dasjenige, was ich nennen möchte den verborgenen Hochmut der Theosophen, einen gewissen verborgenen Hochmut, der ja da und dort reichlich blüht.
[ 6 ] Ich sage das selbstverständlich ohne die geringste auch nur allgemeine, geschweige denn speziellere Anspielung, denn wenn man so etwas auseinandersetzt wie das, was heute auseinandergesetzt worden ist, so ruft man gleich Urteile hervor. Ich meine, bei dem angedeuteten Hochmut der Theosophen kann es leicht der Fall sein, daß man sich sagt: Da muß ich mich recht sehr hüten, mich diesen zerstörenden Mächten mit meiner eigenen Leiblichkeit auszusetzen, da muß ich mich recht sehr hüten gegenüber all den Einflüssen des modernen Lebens, da muß ich mich hübsch abschließen in ein Kämmerchen mit der richtigen Umgebung, mit den durch die Theosophie ratsamen farbigen Wandungen, so daß ja nichts mich berührt, was meine leibliche Organisation betrifft, von alledem, was das moderne Leben bringt.
[ 7 ] Diese Wirkung möchte ich mit meinen Auseinandersetzungen wahrhaftig nicht hervorrufen. All das Sich-Zurückziehen, das gewissermaßen Sich-bewahren-Wollen vor den Einflüssen desjenigen, was das Weltenkarma notwendigerweise über uns bringen muß, entspringt einer Schwäche. Die Anthroposophie aber kann einzig das menschliche Gemüt stärken, soll diejenige Kraft entwickeln, welche uns innerlich wappnet und stärkt gegenüber diesen Einflüssen. Daher könnte auch niemals auf dem Felde unserer geistigen Bewegung erblühen irgendwelche Anempfehlung eines Sich-Zurückziehens von dem modernen Leben, eines Bildens einer gewissen Treibhauskultur des geistigen Lebens. Darum kann es sich auf dem Boden wahrer Geisteskultur niemals handeln. Obwohl es zu begreifen ist, daß schwächere Naturen sich gern zurückziehen aus dem modernen Leben in diese oder jene Kolonien, in denen sie nicht berührt werden von dem modernen Leben, so muß doch gesagt werden, daß das nicht entspringt einer Stärke, sondern einer Schwäche der Seele. Unsere Aufgabe aber besteht darin, daß wir die Seele stark machen durch das Sich-Durchdringen mit den Impulsen, die aus der Geisteswissenschaft und Geistesforschung kommen, damit sie gewappnet ist gegen die Einflüsse des modernen Lebens, so daß die Seele es aushalten kann, wenn es auch noch so sehr um sie hämmert und klopft, daß sie dennoch imstande ist, ihren Weg in die geistig-göttlichen Gebiete zu finden durch das Hämmern und Klopfen der ahrimanischen Geister hindurch.
[ 8 ] Eines müssen wit beachten, worauf auch schon oftmals von mir hingedeutet worden ist. Wir schlafen als Menschen nicht nur in der Nacht. Wir schlafen tatsächlich auch bei Tage, nur merkt man den Tagesschlaf weniger als den Nachtschlaf. In der Nacht ist das Gedankenleben des Menschen herabgedämmert, und weil der Mensch zunächst vorzugsweise seelisch in seinen Gedanken lebt, so merkt er naturgemäß das Herabgedämmertsein des Gedankenlebens während des Nachtschlafes mehr. Bei Tage ruht mehr das Willensleben, das merkt man weniger, weil man weniger in dem Willen lebt. Eine Folge dessen ist all das Streiten der Philosophen über die Freiheit und Unfreiheit des Willens, weil sie nicht beachten, daß sie als Tagschläfer den Willen untersuchen und daher auf seine wahre Natur nicht kommen können, so daß sie viel ungereimtes Zeug sprechen über den freien und den unfreien Willen, über Indeterminismus und Determinismus. Tatsächlich, während wir unser breites, tägliches Leben entfalten, ist unser Willensleben nur in sehr geringem Grade uns bewußt, es taucht hinunter in das Unterbewußte, in die rein dem astralischen Leibe angehörige Region.
[ 9 ] So nehmen wir auch während des tagwachen Lebens teil an alledem, was das moderne Leben rings um uns herum an Gepresse und Gehämmere der modernen Technik hervorgebracht hat. Bei Nacht versenken wir uns mehr in dieses Gepresse und Gehämmere mit unserem Gefühls- und Gedankenleben, bei Tag mehr mit unserem Willens- und Gefühlsleben.
[ 10 ] Nun liegt die Sache so, daß ja dasjenige, was wir so modernes Leben nennen, nicht immer vorhanden war in dem Entwickelungsgange der Menschheit. Das ist erst heraufgekommen, und zwar im wesentlichen heraufgekommen seit dem Beginne der fünften nachatlantischen Kulturepoche. Mit dem Beginne der fünften nachatlantischen Kulturepoche fällt auch zusammen der Beginn dieses modernen Lebens. Wie spricht die äußere Geisteskultur über das Heraufkommen dieses modernen Lebens? Die moderne Geisteskultur ist ja, wie wir wissen, stolz auf das, was sie sich errungen hat mit diesem modernen Leben. Sie sagt etwa so: Das ganze Altertum und das ganze Mittelalter hindurch waren die Menschen nicht fähig, eine wirkliche Naturbetrachtung zu entwickeln, die zu einer Naturwissenschaft hätte führen können. Erst in neuerer Zeit ist dies eingetreten. - Und wenn man so von der neueren Zeit spricht, so fällt das eben zusammen mit dem Beginne der fünften nachatlantischen Kulturepoche. Da hat man sich frei gemacht von dem alten Naturbeobachten und betrachtet die Natur unbefangen, rein ihrer abstrakten Gesetzmäßigkeit nach. Dadurch ist die Naturwissenschaft auch in die Lage gekommen, durch die Erfahrung der Naturgesetze in einer unerhörten Weise — man hört dieses Wort recht oft - die Beherrschung der Naturkräfte für sich möglich zu machen. Das aber ist die moderne Technik, und das, woraus die moderne Technik besteht, ist dasjenige, was dadurch entstand, daß der Mensch die Naturgesetze kennenlernte und wiederum die Materie nach diesen Naturgesetzen zu seinen Maschinen formte, mit denen er dann auf die Natur und das Leben wirkt, indem er das moderne Leben überhaupt dadurch maschinell durchzieht und sich sein technisches Milieu schafft, also dasjenige, was das moderne Leben um uns herum ist und was es schafft. So sieht man: Die neuere Zeit hat erst die wahre Naturwissenschaft begründet und damit die rechte Beherrschung der Natur und ihrer Kräfte.
[ 11 ] So ähnlich hört man sehr häufig reden. Wenn man aber so redet, spricht man die Sprache Ahrimans, denn dies ist in der Sprache Ahrimans gesprochen. Wir wollen einmal versuchen, diese Sprache Ahrimans in jene wirkliche, wahrhaftige Sprache zu übersetzen, die wir versuchen, uns durch die Geisteswissenschaft wieder anzueignen, und durch die den Worten nicht bloß die Bedeutung gegeben wird, die ihnen gegeben werden kann aus der Betrachtung der äußeren Natur, sondern auch jene Bedeutung, die ihnen zukommt, wenn wir den Kosmos in seiner Ganzheit, das heißt gleichzeitig in seiner Natur und in seinem geistigen Leben betrachten.
[ 12 ] Nehmen wir zunächst ganz äußerlich das, was geschieht, wenn wir die moderne Technik ausbilden. Was da geschieht, ist ja nichts anderes zunächst, als, ich möchte sagen, ein Arbeiten in zwei Etappen. Die erste Etappe besteht darin, daß wir den Zusammenhang der Natur zerstören. Wir zerklopfen die Steinbrüche, holen aus ihnen heraus die Steine, wir malträtieren die Wälder, holen aus ihnen heraus das Holz man könnte das noch weiter ausführen -—, kurz, man schafft zunächst Rohmaterialien, indem man den Naturzusammenhang zerklopft und zermürbt. Und die zweite Etappe besteht darinnen, daß das, was man so aus der Natur herausgeschlagen hat, wieder zusammengefügt wird zu einer Maschine nach den Gesetzen, die man erkannt hat als Naturgesetze. Das sind die zwei Etappen, wenn man die Sache äußerlich betrachtet.
[ 13 ] Aber wie ist die Sache innerlich betrachtet? Innerlich betrachtet ist die Sache so: Wenn wir die Natur zermürben, zunächst die mineralische, so ist dies — wir wissen es aus früheren Betrachtungen - verknüpft mit einem gewissen Wohlgefühl, welches das geistige Elementarische darinnen empfindet. Das soll uns aber hier weniger bekümmern. In dem aber, was da vorgeht, ist das wichtig, daß wir aus der Natur austreiben die die Natur zusammenhaltenden Elementargeister, welche zu dem Reiche, der Sphäre der regelrecht fortschreitenden Hierarchien gehören. In allem Naturdasein sind elementare geistige Wesen. Indem wir die Natur zermürben, pressen wir in das Reich des Geistigen hinaus die Naturgeister. Das ist in der Tat dasjenige, was mit der ersten Etappe fortwährend verknüpft ist. Wir zerschlagen, zermürben die materielle Natur und lösen dadurch heraus aus dieser Natur die Naturgeister, die wir gewissermaßen aus ihrer, ihnen von den, ich möchte sagen, Jahvegöttern angewiesenen Sphäre hinausjagen in das Reich, wo sie frei flattern können und nicht mehr gebunden sind an den ihnen angewiesenen Wohnplatz. Also die erste Etappe können wir auch nennen die Austreibung der Naturgeister. Die zweite Etappe ist diese, wo wir zusammenfügen nach den von uns erkannten Naturgesetzen das, was wir aus der Natur herausgemürbt, herausgemartert haben. Ja, wenn wir nach einem Naturgesetze, das wir erkannt haben, aus Rohmaterialien eine Maschine oder einen Zusammenhang von Maschinen bilden, dann versetzen wir wiederum gewisse geistige Wesenheiten hinein in das Gebilde, das wir also formen.
[ 14 ] Das Gebilde, das wir also formen, ist keineswegs ein geistloses. Indem wir es formen, schaffen wir das Bett für andere geistige Wesen, und diese geistigen Wesen, die wir jetzt aber in unsere maschinellen Gebilde hineinzaubern, sind die Wesenheiten, die zur ahrimanischen Hierarchie gehören. Also in der ersten Etappe treffen wir die Naturgeister an, die in fortlaufender Entwickelung sind, treiben sie heraus, und in der andern Etappe vereinigen wir diese ahrimanischen Geister mit dem, was wir als Mechanismen oder sonstige Werke der Technik . aufbauen. Das aber bewirkt, indem wir in diesem technischen Milieu in der neueren Zeit darinnen leben, daß wir uns für dasjenige, was wir entweder bei Nacht oder bei Tag in uns schlafend haben, durchaus eine ahrimanische Umgebung schaffen. Es ist daher kein Wunder, daß der, welcher auf der ersten Stufe der Initiation steht, wenn er beim Aufwachen dasjenige hereinbringt, was er erlebt hat draußen in dem Gebrause, Gezerre und Getöse, es als ein Zerstörendes empfindet, wenn er mit demselben in seinem Ich und seinem astralischen Leibe in den physischen und ätherischen Leib hineinkommt. Denn er bringt sich ja sozusagen die Folge eines Zusammenlebens mit den ahrimanischen Elementargeistern mit hinein in seinen eigenen Organismus. Wir können sagen: Als dritte Etappe jetzt, als Kulturetappe, haben wir das von der uns umgebenden Technik, daß wir uns mit ahrimanischen Geistern ausstopfen, so recht mit ihnen durchstopfen. — So sieht sich die Sache innerlich an.
[ 15 ] Blicken wir jetzt von dem, was wir so gleichsam als die okkulte Seite des modernen Lebens kennengelernt haben, zurück auf jene Zeiten, wo der Mensch mehr so gelebt hat, daß er nur von der Natur durch die geistig leicht durchlässigen Mauerwände getrennt schlief, oder auch arbeitete bei Tag innerhalb der Natur, in der noch die rechten Geister von der Jahve-Hierarchie darinnen waren, so müssen wir sagen: Damals brachten sich die Seelen der Menschen, das Ich und der astralische Leib, in den physischen und Ätherleib hinein die Naturgeistigkeiten, welche anregend auf das innere Seelenleben wirkten. Und je weiter wir zurückgehen in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, um so mehr finden wir dasjenige, was heute immer seltener und seltener wird, daß die Menschen sich nicht durchstopfen mit den ahrimanischen Geistern der Technik, sondern mit den in gerader Linie sich fortlaufend entwickelnden Naturgeistern, welche, wenn wir den Ausdruck gebrauchen dürfen, die guten Geister der Hierarchien vereinigt haben mit dem, was in der Natur draußen an Tatsachen oder an Wesenheiten sich vollzieht oder vorgeht.
[ 16 ] Nun gelangt der Mensch zu jenem Zusammenhang, den er haben muß, wenn er im wahren Sinne des Wortes Mensch sein will, nur dadurch, daß er diesen Zusammenhang durch das Leben in seinem Inneren sucht, daß er in seinem inneren Erleben so weit in die Tiefen seiner Seele hinabsteigen kann, daß er in diesen Tiefen die Kräfte findet, die ihn zusammenbringen mit dem Geistigen des Kosmos, von dem er abstammt und in das er eingebettet ist, und von dem er abgetrennt werden kann, von dem er abgetrennt worden ist schon durch Sinneswahrnehmung und Verstandesdenken, jetzt aber auch dadurch, wie wir gesehen haben, daß ihn das moderne Leben mit ahrimanischen Geistern ausstopft. Nur dadurch, daß der Mensch in seines eigenen Wesens Tiefen hinuntersteigt, kommt er in Zusammenhang mit den für ihn guten und heilsamen göttlich-geistigen Wesen, mit den in geradem Schritte sich fortlaufend entwickelnden geistigen Hierarchien. Dieses Zusammenkommen mit den geistigen Hierarchien, für die wir eigentlich geistig geboren worden sind, dieses Zusammenleben mit ihnen wird dem Menschen in hohem Grade erschwert durch das immer mehr und mehr Durchsetztwerden der Welt mit dem Milieu der modernen Technik. Der Mensch wird gewissermaßen herausgerissen aus seinem geistig-kosmischen Zusammenhange, und es wird abgedämpft und abgedämmert in seinem Inneren dasjenige, was eran Kräften entwickeln soll, um mit dem Geistig-Seelischen des Kosmos in Zusammenhang zu bleiben.
[ 17 ] Derjenige, der die ersten Schritte der Initiation schon durchgemacht hat, merkt daher, daß alles das, was an Maschinellem das moderne Leben durchdringt, so in die geistig-seelische Menschlichkeit eindringt, daß es vieles in ihr ertötet, zerstört. Und ein solcher merkt, daß durch diese Zerstörung es ihm besonders schwierig gemacht wird, die inneren Kräfte nun wirklich zu entwickeln, die den Menschen in Zusammenhang bringen mit den rechtmäßigen — mißverstehen Sie das Wort nicht - geistigen Wesenheiten der Hierarchien. Wenn der, welcher so.die ersten Schritte der Initiation gemacht hat, in einem modernen Eisenbahnwagen oder auf einem modernen Dampfschiffe meditierend sich einleben will in die geistige Welt, so gibt er sich natürlich Mühe, in sich diejenige Schau- und Seherkraft zu entwickeln, welche ihn hinaufträgt in die geistige Welt, aber er merkt, wie die ahrimanische Welt ihn ausstopft mit allem, was widerstrebt dieser Hingabe an die geistige Welt, und der Kampf ist dann ein ungeheurer. Man kann sagen, es ist ein innerer, im Ätherleibe zu erlebender, zermürbender und zerquetschender Kampf. Diesen Kampf machen natürlich auch die andern dutch, die nicht die ersten Schritte der Initiation durchgemacht haben, und der Unterschied ist nur der, daß ihn derjenige, der die ersten Schritte der Initiation durchgemacht hat, bewußt erkennt. Durchmachen muß ihn jeder, in seinen Wirkungen erlebt ihn jeder.
[ 18 ] Es wäre das Allerfalscheste, wenn man nun etwa sagen würde, da müsse man sich sträuben gegen das, was nun einmal die Technik uns in dem modernen Leben gebracht hat, man müsse sich hüten vor dem Ahriman, man müsse sich eben zurückziehen von diesem modernen Leben. Das würde in gewissem Sinne eine spirituelle Feigheit bedeuten. Das wahre Heilmittel besteht darinnen, nicht die Kräfte der modernen Seele schwächen zu lassen und sich zurückzuziehen von dem modernen Leben, sondern die Kräfte der Seele stark zu machen, damit das moderne Leben ertragen werden kann. Ein tapferes SichVerhalten zum modernen Leben ist dasjenige, was notwendig ist nach dem Weltenkarma, und deshalb hat die wahre Geisteswissenschaft diesen eigentümlichen Charakter, daß sie von vornherein Anstrengungen, mehr oder weniger sogar intensive Anstrengungen von der menschlichen Seele fordert.
[ 19 ] Man hört so oft: Ja die Bücher, die uns zur Verfügung stehen von der modernen Geisteswissenschaft, sind schwierig geschrieben, sie fordern, daß man sich so recht anstrengt, daß man aktiv wird in der Entwickelung seiner Seelenkräfte, um sich so ganz in diese Geisteswissenschaft hineinzuleben. - «Wohlwollende» Menschen - ich sage das in Gänsefüßchen gesetzt - kommen daher immer wieder mit dem Ansinnen, daß sie an schwierigen Stellen ihren Mitmenschen die Sache etwas erleichtern wollen und möglichst - das sage ich jetzt nicht unter Gänsefüßchen - vertrivialisieren wollen dasjenige, was in einem etwas schwierigen Stil geschrieben ist. Aber es gehört zum Wesen der Geisteswissenschaft, daß sie Anforderungen stellt an die Aktivität des Seelenlebens, daß man gewissermaßen nicht leicht zu der Anerkennung des Geisteswissenschaftlichen kommt, denn es handelt sich innerhalb dieser Geisteswissenschaft nicht etwa bloß darum, daß man dieses oder jenes aufnimmt, was die Geisteswissenschaft über diese oder jene Dinge zu sagen hat, sondern es handelt sich darum, »ze man es aufnehmen kann, daß man es mit Anstrengung, mit Aktivität der Seele aufnimmt, daß man gleichsam, verzeihen Sie den weniger höflichen Ausdruck, im Schweiße seiner Seele sich erarbeiten muß das geisteswissenschaftliche Gut. Das gehört, verzeihen Sie den mechanischen Ausdruck, zum geisteswissenschaftlichen Betriebe.
[ 20 ] Es zeigt noch ein Mißverständnis des eigentlichen Nervs der Geisteswissenschaft, wenn man gewissermaßen flieht dasjenige, was die Geisteswissenschaft gibt an schwierigen Ideen und Begriffsbildungen. Und wie viele Menschen das fliehen, wir wissen es ja, wie viele Menschen viel lieber träumen — der Herr gibt’s den Seinen im Schlafe! — und sich viel lieber in allerlei Traumbildern der geistigen Welt von Anfang an Dinge vorzaubern lassen wollen, als durch Aktivität, durch Anstrengung des inneren, seelischen Lebens Erkenntnisse zu gewinnen. Wir wissen es, wie vielen es lieber ist, wenn sie dieses oder jenes Gesicht erleben, als daß sie sich hinsetzen und ein schwierige geisteswissenschaftliche Materien behandelndes Buch studieren, das allerdings geeignet ist, zu denjenigen Kräften der menschlichen Seele zu sprechen, welche im gewöhnlichen Tagesleben schlafen, das also doch anregt das, was sonst unbewußt im Menschen ist und dadurch den Menschen lebendig hineinversetzt in die geistige Welt. Der richtige Gang ist nicht der, daß man das bewußte Tagesleben stumpf entgegennimmt und im trüben schwebt, sondern der, daß man sich anstrengt, hindurchzukommen in der Aktivität seiner Seele durch dasjenige, was an Gedanken- und Ideenentwickelung gegeben ist. Denn wenn man sich einlebt in diese Gedanken- und Ideenentwickelungen, wenn man sich anstrengt, tapfer sich einlebt, dann kommt man durch dieses tapfere, dieses aktive Sich-Einleben zu der Stufe, wo übergeht das bloße Theoretisieren, das bloße Denken, das bloße Fürwahrhalten desjenigen, was so gegeben wird, in ein Schauen, in ein wirkliches Darinnenstehen in der geistigen Welt. Dasjenige aber, was sich für uns gerade als eine moderne Lebensauffassung aus diesen Betrachtungen ergibt, das ist, daß wir durch das technische Milieu hineinsteigen in eine Art ahrimanischer Sphäre und uns durchdringen lassen mit ahrimanischer Geistigkeit.
[ 21 ] Es würde das furchtbarste Unglück geschehen sein in der Erdenentwickelung, wenn nicht vorgesorgt worden wäre in früheren Zeiten für dasjenige, was nach dem Weltenkarma die moderne Menschheit unter dieser ahrimanischen Geistigkeit erleben muß. Das Leben verläuft und kann nicht anders verlaufen als, ich möchte sagen, immer im Pendelschlag. Nach der einen oder andern Seite wird das Leben wie durch Pendelschläge ausschlagend erlebt. Man kann nicht etwa sagen: Man hüte sich vor Ahriman! - denn es gibt kein Mittel, wodurch man sich vor Ahriman hüten könnte. Und wenn jemand etsehnt, etwa sich ständig in ein Kämmerchen mit möglichst ihm zuträglicher Farbigkeit zurückzuziehen, wo möglichst keine Fabriken sind und keine Eisenbahn vorübergeht, um sich so ganz von dem modernen Leben zurückzuziehen, so gibt es doch noch viele, viele andere Wege, um die ahrimanische Geistigkeit in seine Seele hineinzuführen. Er entzieht sich dem modernen Leben, aber die moderne Geistigkeit findet schon den Zugang zu ihm.
[ 22 ] Das, was gewissermaßen das Unglück abgehalten hat von der menschlichen Entwickelung, ist die Tatsache, daß eingetreten ist etwas, was ich vor längerer Zeit schon angedeutet habe in einem Münchner Zyklus. Man muß alle diese Dinge zusammennehmen, das gehört auch zu dem aktiven Erleben der modernen Geisteswissenschaft. Dem Menschen ist gewissermaßen gegeben worden die Kunst, die Kunst, welche auch ihr Rohmaterial entnimmt der Natur, indem sie die Natur zermürbt und zerkeilt und dieses Rohmaterial in der zweiten Etappe wieder zusammenfügt zu einem neuen Etwas und ihm ein gewisses, wenn auch nur bildhaftes Leben einhaucht. Dieses Leben, das durch die Kunstimpulse der Vergangenheit gegeben wurde, ist, wie ich damals in München angegeben habe, dazu geeignet, das Materielle zu durchziehen mit mehr luziferischer Geistigkeit. Luziferische Geistigkeit, der schöne Schein, alles das, was in der Kunst auf den Menschen wirkt, ist ein Hinwegführen des Menschen aus dem Materiellen in das Geistige, aber durch das materielle Leben. Luzifer ist der Geist, der immer dem Materiellen entfliehen und den Menschen auf unberechtigte Weise in das geistige Leben hineintragen will. Das ist der andere Pendelausschlag. Nur dadurch, daß wir in der jetzigen Inkarnation hindurchgehen müssen durch das technische Milieu, wird es möglich, mit dem Ahrimanischen in Zusammenhang zu kommen, in Zusammenhang zu kommen mit etwas, was in früheren Inkarnationen in ein mehr Künstlerisches untertauchen konnte. Dadurch setzen wir entgegen gewissen luziferischen Kräften die heutigen ahrimanischen Kräfte, die ein Gleichgewicht bilden, während vorher nach der einen und jetzt nach der andern Seite das Lebenspendel ausschlägt.
[ 23 ] Was nun die Geisteswissenschaft insbesondere zu wollen hat, das ist, daß der Mensch nicht schlafend und träumend hindurchgehe durch das, was das Weltenkarma über ihn verhängt. Aber schlafend und träumend gehen die Menschen, die nichts wissen wollen von der Geisteswissenschaft, durch alle die Einflüsse des ahrimanischen und luziferischen Lebens hindurch. Sie sind diesen Einflüssen und Wirkungen ausgesetzt, auch wenn sie selber nichts davon wissen. So läßt sich aber nicht weiterleben, denn weiterleben läßt es sich nur bewußt, und dazu ist die Geisteswissenschaft da, daß die Menschen nicht schlafend und träumend durch die Welt gehen, sondern erkennen, in welcher Umgebung sie leben. Dazu aber gehört, daß wir uns wirklich auf die Intimitäten, möchte ich sagen, des geisteswissenschaftlichen Betriebes — verzeihen Sie das Wort — einlassen. Solche Intimitäten werden oftmals nicht beachtet, und ich kann dies finden, wenn ich Nachschriften lese von Vorträgen, die ich gehalten habe. Ich kann da finden, daß das, was mir oftmals wichtig sein muß, in den -Nachschriften nicht erscheint. Nehmen Sie nur zwei Dinge von dem, was ich eben gesagt habe. Ich habe vorhin einen Satz gebraucht und gesagt, daß die Geisteswissenschaft nicht etwas will, sondern wollen soll oder zu wollen hat. Das ist eine gewisse Redewendung, die sich auf ganz natürlich-naive Weise dem ergibt, der aus dem Geiste der Geisteswissenschaft heraus redet, denn die Geisteswissenschaft führt ganz selbstverständlich zu einem unpersönlicheren Ergreifen der Wahrheiten des geistigen Lebens als die andern Wissenschaften. Im Stile der andern Wissenschaften gesprochen, würde man sagen: Die Geisteswissenschaft will etwas. — Sie sagt aber: Wie sie wollen soll oder wollen muß. — Und ich sage: Wie ich mich ausdrücken muß und nicht: Wie ich mich ausdrücke.
[ 24 ] Gerade auf solche Intimitäten kommt vieles an; die darf man nicht überhören. Wir müssen vielmehr beginnen, daran zu glauben, daß es darauf ankommt, daß die Geisteswissenschaft bis in das Innerste die menschlichen Seelenkräfte ergreift und sie auch umzuformen in der Lage ist, und daher geht es nicht an, daß man mit derselben Art zu denken auch an die Geisteswissenschaft herangeht, die man in der Gewohnheit hat vom äußeren Leben her. Man hat wirklich noch wenig Bewußtsein von den Dingen, die ich hiermit meine. Das kann man an gewissen, ich möchte sagen, groben Symptomen der äußeren wissenschaftlichen Entwickelung bemerken, sozusagen spüren.
[ 25 ] Ein Beispiel aus vielen sei herausgegriffen. Die moderne Religionswissenschaft, die irreligiöse Religionswissenschaft hat es sich besonders zugute getan, daß sie herausbekommen hat gewisse Erkenntnisse über den Zusammenhang, sagen wir von den neutestamentlichen Aussprüchen und Geboten mit den alttestamentlichen und mit heidnischen Aussprüchen und Geboten. Man hat zum Beispiel das Vaterunser nach der Herkunft jedes einzelnen Satzes verfolgt und gesagt: Dieser einzelne Satz findet sich schon da, jener schon dort vor. Wenn man dies so hört, möchte es leidlich scheinen. Aber in dem Augenblicke, wo man in der weltgeschichtlichen Betrachtung, in spiritueller weltgeschichtlicher Betrachtung an das Mysterium von Golgatha herantritt, merkt man, daß alle diese Dinge in einem neuen Zusammenhang erscheinen und daß es nicht darauf ankommt, zu entdecken, daß alle diese Sätze schon in früherer Zeit da waren, sondern darauf, immer die Umgebung dieser Sätze sich anzuschauen, durch die sie eine neue Nuance erhalten. Und diese ist immer eine andere im Alten und im Neuen Testamente. Dadurch wird das, was durch das Mysterium von Golgatha gekommen ist, in ganz intime Dinge hereingeführt. Die Worte bleiben oftmals dieselben und die Wortzusammenhänge auch, aber die Art und Weise, wie die Zusammenhänge schattiert und nuanciert sind, ist anders, und darauf kommt es gerade an.
[ 26 ] Ein Ungeheueres zum Beispiel liegt darin, daß der Begriff, die Vorstellung des Ich in dem ganzen Entwickelungssystem der Sprache, je weiter man zurückgeht in die vorchristlichen Zeiten, ganz anders organisiert ist als nachher, wenn man fortschreitet von dem Mysterium von Golgatha in die Zukunft hinein. Die Art, wie man über das Ich spricht, wird anders, und das kann man schon in der Konfiguration der Sprache sehen. Wenn das Ich zum Beispiel in vielen Sprachen in das Zeitwort hineingeheimnißt wird, so bedeutet das ganz etwas anderes, als wenn es abgesondert von dem Zeitworte hingestellt und ausgesprochen wird und so weiter.
[ 27 ] Also darauf kommt es an, daß wir durch die Geisteswissenschaft uns zu einer Lebensauffassung durcharbeiten, daß wir dazu kommen, bewußt das anzuschauen, was an Einflüssen auf unseren geistig-seelisch-leiblichen Menschenorganismus ausgeübt wird. Die Art, wie ich das Verhältnis des Menschen zu seiner technischen Umgebung geschildert habe, ist natürlich erst im Anfange der Entwickelung. Etwa vier Jahrhunderte ist es her, seitdem die Sache angefangen hat in solchem Umfange, wie das heute der Fall ist. Und das auf sich so stolze 19. Jahrhundert hat einen mächtigen Schritt vorwärts getan in dieser Verahrimanisierung des menschlichen Lebens. Aber es werden wichtige Schritte hinein in die Zukunft der menschlichen Entwickelung auf diese Verahrimanisierung hin gemacht werden. Vier Jahrhunderte etwa stehen wir darinnen. Langsam und allmählich kommt es herauf. Heute hat es schon einen gewissen Höhepunkt für alle diejenigen erreicht, die es ja zahlreich gibt unter unseren Mitmenschen, die durch die Absonderung im Städteleben kaum noch einen Zusammenhang mit den wahren Naturgeistern haben. Ich habe einmal, ich möchte sagen, symbolisch ausgesprochen, daß es wesentlich für den Menschen ist, wesentlich für seine Entwickelung ist, daß er den Hafer von der Gerste unterscheiden kann. Aber wirklich, wie viele Menschen finden wir denn schon in städtischer Umgebung, die nicht mehr Hafer von Gerste zu unterscheiden vermögen! Die Pflanzen können sie vielleicht noch unterscheiden, weil das bei Hafer und Gerste verhältnismäßig leicht ist, aber besonders die Kerne, den einen Kern vom andern können sie nicht mehr unterscheiden. Wenn sie in der Stadt gelebt haben, oder gar in der Stadt geboren sind, so können sie dies gewöhnlich nicht voneinander unterscheiden.
[ 28 ] Nun ist die Entwickelung der Menschheit aber so, daß immer, wenn eine Etappe weitergeschritten wird, dieses Weiterschreiten einer Etappe verknüpft ist mit einem andern Erleben gleichsam auf einer andern Etappe, welche in einer parallelen Strömung liegt. Und so ist es auch geschehen. Indem der moderne Mensch auf die Art, wie ich es geschildert habe, dem Ahriman entgegengeschritten ist durch das technische Leben, ist er noch auf eine andere Weise dem Ahriman entgegengeschritten. Wenn an die Stelle der groben Geschichtsbetrachtung, wie sie der Materialismus heute erzeugt hat, eine spirituelle Geschichtsbetrachtung treten wird, so wird man schon einsehen, was die Geisteswissenschaft jetzt andeuten muß.
[ 29 ] Wenn man in die Zeiten zurückblickt, die vorangegangen sind denen, welche die letzten vier Jahrhunderte ausmachen, so stand vor allen Dingen der Mensch nicht nur zu seinem Milieu, zu seiner Umwelt in einer andern Beziehung als heute, sondern er stand auch zu etwas in einer andern Beziehung, in einer ganz andern Beziehung, was in ihm selbst zur Erscheinung kommt, wirklich in ihm selbst zur Erscheinung kommt: er stand in einer andern Beziehung zu seiner Sprache, zu seinem Sprechen. In der Sprache haben wir wirklich nicht bloß das gegeben, was die moderne materialistische Wissenschaft glaubt, sondern wir haben in der Sprache etwas gegeben, was vielfach zusammenhängt mit dem nicht vollbewußten menschlichen Erleben, was sich vielfach ereignet in den unterbewußten menschlichen Regionen, was daher auch durchdrungen ist von geistigen Wesenheiten. Geistige Wesenheiten leben in der Sprache des Menschen darinnen, wirken darinnen, und indem der Mensch Worte formt, Worte bildet, drängen sich in seine Worte hinein elementarische geistige Wesenheiten. Auf den Flügeln der Worte fliegen geistige Wesenheiten durch die Räume, in welchen sich die Menschen miteinander unterhalten. Daher ist es so wichtig, daß man achtet auf gewisse Intimitäten der Sprache, und daß man sich nicht einfach der Willkür des Leidenschaftslebens überläßt, wenn man spricht.
[ 30 ] Nun stand der Mensch, man könnte sagen, bis ins 15., 16. Jahrhundert zu seiner Sprache so, daß er noch etwas hatte von dem lebendigen Erleben der elementarischen Geistigkeit, die in der Sprache vorhanden ist. Er hatte noch etwas von diesem Erleben der elementarischen Geistigkeit der Sprache. Es wirkte in ihm noch das, was in der Sprache an Geistigkeit ist, denn die Sprache ist gewissermaßen genialer, geistiger in mancher Beziehung als das einzelne menschliche Individuum. Man merkt heute nur manchmal, wie der Mensch sozusagen aus der materialistischen Gesinnung zurückfällt in eine Empfindung der genialischen Geistigkeit der Sprache.
[ 31 ] Ich habe einmal in einem sehr deutlichen, wenn auch trivialen Beispiele an diesem Orte darauf hingewiesen, wie man besonders sozusagen herausfallen kann durch seine Gesinnung aus der materialistischen Rolle der Gegenwart. Es tun es im Grunde noch viele Menschen, aber sie sind sich dessen nicht gleich bewußt. Wenn jemand zum Beispiel, indem er den Rhein entlang fährt, spricht von dem «alten Rhein», was meint er denn damit? Zweifellos empfindet er dann etwas. Aber was ist das, was er meint? Ich glaube nicht, daß die Menschen, wenn sie vom «alten Rhein» sprechen, das Flußbett meinen, die Einhöhlung in der Erde. Das wäre ja das einzig Bleibende. Aber was sonst der «alte Rhein» sein soll, das kann man gar nicht entdecken, denn das Wasser ist gewiß ganz neu, das fließt immer weiter, und wenn Sie versuchen, irgend etwas Altes zu finden außer dem ausgehöhlten Flußbett, dann können Sie es nicht entdecken. Der alte Rhein! Die Sprache ist genialischer als der Mensch, denn selbstverständlich ist gemeint von der Sprache, wenn es auch dem Menschen nicht zum Bewußtsein kommt, der Flußgott des Rheins. Die elementarische Wesenheit, die zu ihm gehört, die bezeichnet man ganz adäquat, wenn man sagt: Der alte Rhein.
[ 32 ] Das ist ein grobes Beispiel. Die Sprache ist überall durchzogen von solcher Spiritualität, von einem solchen Glauben an die Geistigkeit. Und ein Gefühl wenigstens für diesen Zusammenhang mit der Geistigkeit durch die Sprache lag in der Natur der menschlichen Seele wirklich noch während des Ablaufs der vierten nachatlantischen Kulturperiode bis in die neuere Zeit, bis ins 15., 16. Jahrhundert hinein bei allen Völkern Europas. Wenn man nämlich dieses nicht merkt, dann hat man auch nicht das richtige Gefühl für den Beginn des JohannesEvangeliums. Denn daß im Beginne des Johannes-Evangeliums der Satz steht: «Im Urbeginne war das Wort», dazu hat wirklich noch das Bewußtsein geführt, daß in dem, was das Wort ist in der ganzen menschlichen Organisation und im menschlichen Leben, ein Zusammenhang des Menschen, zunächst durch die elementarische Geistigkeit, mit der ganzen Welt, die hinter der Sinnenwelt liegt, gegeben ist.
[ 33 ] Wenn wir mit den Mitteln der Geisteswissenschaft das Leben der Menschen betrachten, wie es abgelaufen ist in den Jahrhunderten des Mittelalters bis in die neuere Zeit hinein, so finden wir, wenn wir in die Seelen hineinschauen können, in der Tat, daß das Verhältnis des Menschen zu seiner Sprache noch ein anderes war im Verlaufe der vierten nachatlantischen Kulturperiode, ja selbst noch in der letzten Phase bis in das 14., 15. Jahrhundert. Die Menschen hörten gleichsam bei allem, was sie sprachen, noch Untertöne, richtige Untertöne mit. Man glaubt das nicht mehr, weil heute der Mensch wirklich nur materiell in dem Sprachlaute lebt. Etwas Geistiges klang mit, gleichsam wie ein Erklingen derselben Dinge in einer unteren Oktave. So klang mit, wenn man sprach, oder sprechen hörte, etwas, was nicht mehr differenziert war in dieser oder jener Sprache, sondern was etwas Allgemein-Menschliches war. Man kann wirklich sagen: Wenn sich auslebt das menschliche Erleben gleichsam in der Blüte der einzelnen Sprachen, so erlebt heute die Menschheit diese Blüte gleichsam als Erzittern der Töne im Ohr, und sie erlebt diese Töne wie etwas, das etwas bedeutet. Dagegen erlebte man früher ein Eintauchen des ganzen Sprachelementes in etwas, was mitklang und was nicht differenziert war in verschiedene Sprachen. Die Grenze zwischen dem einen und dem andern Erleben ist mit dem 15. und 16. Jahrhundert gegeben. Die Menschheit ist herausgerissen worden aus den Genien der Sprache.
[ 34 ] Niemand kann den eigentlichen Ruck verstehen, der in der Zeit des 15., 16., 17. Jahrhunderts der Menschheit gegeben worden ist, der nicht eingeht auf dieses eigentümliche Abgedämpftwerden der Untertöne des sprachlichen Erlebens. Da ist den Menschen etwas verlorengegangen; innerhalb der Zeitereignisse tritt dies zutage, sei es an Kämpfen, sei es an Werken des Friedens. Die Menschenseele erlebte es vor dem genannten Zeitpunkte. In alledem lebte in der Menschenseele dieses Erklingen solcher Untertöne des sprachlichen Erlebens noch mit. Daher hat die ganze Geschichte vor diesem Zeitraume ein ganz anderes Gepräge als nach diesem Zeitraume. Man muß sich, indem man sich in die Geisteswissenschaft einläßt, ich möchte sagen, ein geistiges Ohr anerziehen für dieses ganz andere Erklingen der Ereignisse noch im Mittelalter, als es heute der Fall ist, weil die Menschenseelen ganz anders miterlebten das, was dazumal erlebt werden konnte.
[ 35 ] Ich will zum Beispiel herausgreifen die Kreuzzüge als Menschheitserlebnis, als Seelenerlebnis. Sie sind nur denkbar, so wie sie im Mittelalter sich ausgelebt haben, wenn man weiß, daß dieses Miterleben solcher Untertöne, geistig-spiritueller Untertöne des sprachlichen Erlebens vorhanden war. Die heutigen Menschen Mittel- und Westeuropas würde das Wort der Synode von Clermont: Gott will es Dieu le veut — wahrhaft nicht so berühren als die Menschen des Mittelalters. Aber die Gründe dafür sind nur zu erkennen, wenn man eingeht auf das, was eben gesagt worden ist.
[ 36 ] Mit alledem hängt aber auch zusammen eine wichtige Erscheinung in dem ganzen modernen Geistesleben. Es hängt damit zusammen die ganze Formation des neueren geschichtlichen Lebens. Versuchen Sie einmal in Ihre geschichtliche Auffassung hineinströmen zu lassen diese Intimität der sprachlichen Untertöne, dann werden Sie verstehen, warum in dem Zeitpunkte, der angedeutet worden ist, sich in sich gruppieren die europäischen Nationalitäten, welche vorher in ganz andern Verhältnissen zueinander standen, von ganz andern Impulsen in ihren Verhältnissen zueinander beherrscht waren. Wie sich in den einzelnen Territorien Europas die Nationalitäten zusammenschließen, sich formen bis zum heutigen Tage, das hängt mit Impulsen zusammen, die man ganz falsch interpretiert, wenn man, von heute zurückgehend, die Entstehung der Nationen im Mittelalter oder im Altertume sucht und nicht berücksichtigt, wie eine so wichtige Etappe überschritten werden mußte für das Seelenleben.
[ 37 ] Ich kann, wenn Themen angeschlagen werden, die eigentlich viele Betrachtungen erfordern, Ihnen nur Andeutungen geben. Das Allerwichtigste über diese Dinge muß Ihrer eigenen Meditation überlassen werden, die das finden wird, was sich ergeben kann auf solche Anregungen hin. Was ich durch diese Anregung gern erreichen möchte, ist eben, eine Vorstellung zu geben, wie die Brücke geschlagen sein kann von der Geisteswissenschaft zu Lebensanschauung und Lebensauffassung, wie die Geisteswissenschaft führen kann zu einem sich bewußten Hineinstellen in dasjenige, worin wir in Wirklichkeit leben.
[ 38 ] Naturgemäß muß es dann erscheinen, wenn man die wahrhaften Untergründe solcher Andeutungen erwähnt, daß diese unsere neuere Zeit vieles notwendig macht, was gegenüber dem Alten wiederum Erneuerung sein muß. Wenn wir durch das Weltenkarma in ein ganz besonders ahrimanisch wirkendes Milieu hineingestellt werden heute und unsere Seelenkraft stark machen müssen, um durch alle die Hindernisse, die uns von der ahrimanischen Geistigkeit kommen, dennoch den Weg in die geistigen Sphären zu finden, so braucht die menschliche Seele heute andere Unterstützungsmittel, als sie früher gebraucht hat. Und das hängt damit zusammen, daß auch die Kunst andere Wege einschlagen muß auf allen Gebieten.
[ 39 ] Die Kunst mußte selbstverständlich anders sprechen zu einer Seele, die weniger den ahrimanischen Einflüssen ausgesetzt war, als sie sprechen muß zu den heutigen Seelen, die diesen Einflüssen viel mehr ausgesetzt sind. Die allerersten Schritte zu einer solchen Kunst, wirklich die allerersten Schritte, nichts Vollkommenes, sollten mit unserem Bau gemacht werden. Wie versucht worden ist, in diesem Bau wirklich eine Kunst zu schaffen, die appelliert an die Aktivität der Seele: im Zusammenhang mit der ganzen Auffassung vom modernen Leben, aber mit der spirituellen Auffassung vom modernen Leben. Erinnern Sie sich noch einmal an den ganz schmählich trivialen Vergleich, den ich in bezug auf den Bau vor einigen Wochen gegeben habe. Ich habe gesagt: Wie verhält sich das, was unser Bau werden soll, zu dem, wie ein älterer Bau, überhaupt ein altes Kunstwerk wirkte?
[ 40 ] Fin altes Kunstwerk wirkte durch das, was in seinen Formen und Farben war. Die Formen und Farben machten Eindruck. Schematisch gezeichnet also, wenn dies die Form war, so wirkte auf das Auge diese Form (es wird gezeichnet). Dasjenige, was indem Raum darinnen war, den die Form ausfüllte, das wirkte. Und ebenso ist es mit den Farben. Die Farbe, die an der Wand war, die wirkte.
[ 41 ] Ich habe gesagt, so ist es nicht gemeint mit unserem Bau, sondern unser Bau ist gemeint — und das ist eben der schmählich triviale Vergleich - wie ein Gugelhupftopf, wie ein Napfkuchentopf, der nicht da ist um seinetwillen, sondern für den Napfkuchen. Darauf kommt es an, daß das, was darinnen ist, die Form bekommt, und wenn er leer ist, so zeigt er eigentlich, daß er zu etwas da ist, der Napfkuchentopf. Was er aus dem Napfkuchen macht, darauf kommt es an. Und bei unserem Bau kommt es darauf an, was die Seele in ihren tiefsten Gründen, indem sie sich darinnen aufhält in diesem Bau, erlebt, wenn sie bis an die Grenzen der Formen dieses Baues kommt. Also das Kunstwerk wird eigentlich nur angeregt durch das, was an Formen da ist. Das Kunstwerk ist dasjenige, was die Seele erlebt, indem sie den Formen entlang erlebt. Das Kunstwerk ist der Napfkuchen. Das, was gebaut worden ist, ist der Napfkuchentopf, und daher mußte auch versucht werden, nach einem ganz neuen Prinzip hier zu verfahren.
[ 42 ] Auch das, was malerisch zu finden sein wird in unserem Bau, ist nicht da, um durch sich als solches zu wirken, wie es bei der alten Kunst der Fall war, sondern um die Seele, indem sie an das stößt, was da ist, erleben zu lassen dasjenige, was ihr Erleben zu einem Kunstwerke. macht. Dadurch allerdings geschieht eine Umformung ich kann das alles nur andeuten - eines alten künstlerischen Prinzips in ein neues, welches so bezeichnet werden kann, daß man sagt: Das plastische, das bildhafte Element wird, indem es weitergeführt wird um eine Etappe, hineingeführt in ein gewisses musikalisches Erleben. Es gibt auch den umgekehrten Weg, aus dem Musikalischen zurück in das Plastisch-Bildhafte.
[ 43 ] Das sind Dinge, die nicht willkürlich erzeugt werden von der Menschenseele, sondern die zusammenhängen mit den innersten Impulsen, die wir durchzumachen haben, indem wir im ersten Drittel der fünften nachatlantischen Kulturepoche stehen. Das wird uns gleichsam vorgeschrieben von den geistigen Wesenheiten, die diese Entwickelung leiten.
[ 44 ] Überall muß ein Anfang gemacht werden. Wenn nun Menschen finden werden, daß manches unvollkommen ist an unserem Bau, dann dürfen sie versichert sein, daß diejenigen, die an diesem Bau beteiligt sind, noch viel, viel mehr unvollkommene Dinge finden werden als diejenigen, die kritisieren, wirklich viel mehr. Es sind Dinge auszusetzen daran, auf welche die, welche ihn bloß anschauen, gar nicht kommen. Aber darauf kommt es nicht an, sondern worauf es ankommt, das ist, daß mit allen Dingen, die geschehen müssen, ein Anfang gemacht wird. Nicht auf die Vollkommenheit, in der wir ausführen können das, was gewollt werden muß, kommt es an, sondern darauf, daß das, was hier ins Leben treten muß, wenn es auch noch so unvollkommen ins Leben treten muß, einmal getan wird, daß ein Anfang gemacht wird. Denn alles, was als ein Neues in die Welt eintritt, ist unvollkommen gegenüber dem, was als Altes fortbesteht. Das Alte lebt als höchste Stufe und das Neue ist noch in den Kinderschuhen. Das ist ganz selbstverständlich.
[ 45 ] Von diesen zuletzt gemachten Bemerkungen über eine Erneuerung der künstlerischen Weltanschauung und den Zusammenhang der künstlerischen Weltanschauung mit dem ganzen Kulturleben der Gegenwart werde ich dann in den morgigen Betrachtungen ausgehen.
