The Art of Education
GA 295
21 August 1919, Stuttgart
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Erste Seminarbesprechung
First Seminar Discussion
[ 1 ] Meine lieben Freunde, nachmittags will ich in freier Weise besprechen, was bei Ihnen Unterrichtsaufgabe werden soll, Einteilung des Schulwesens, Ordnung des Unterrichts und dergleichen. In den ersten Tagen werden wir uns wohl hauptsächlich zu beschäftigen haben mit dem Kapitel, wie wir den Kindern gegenübertreten.
[ 1 ] My dear friends, this afternoon I would like to discuss informally what should be included in your lesson plans, the organization of the school system, the structure of classes, and similar matters. In the first few days, we will likely focus mainly on the topic of how we interact with the children.
[ 2 ] Wenn wir Kindern gegenübertreten, sehen wir bald, daß die Kinder verschieden geartet sind, und auf die verschiedene Artung der Kinder muß trotz des Massenunterrichtes, auch bei großen Klassen, Rücksicht genommen werden. Wir wollen zuerst, unabhängig von allem anderen, uns dasjenige zum Bewußtsein bringen, was gewissermaßen ideale Notwendigkeit ist. Wir brauchen uns nicht allzusehr daran zu halten, daß Klassen überfüllt sein könnten, denn ein richtiger Lehrer wird, wenn es notwendig sein sollte, vor überfüllten Klassen zu lehren, auch mit überfüllten Klassen zurechtkommen können. Berücksichtigt muß werden die Vielartigkeit der Menschenwesen, der Kinder.
[ 2 ] When we interact with children, we soon realize that they are all different, and despite mass education—even in large classes—we must take these individual differences into account. First, regardless of anything else, let us bring to mind what is, in a sense, an ideal necessity. We need not be overly concerned that classes might be overcrowded, for a competent teacher, if it should become necessary to teach in overcrowded classes, will be able to manage even such situations. What must be taken into account is the diversity of human beings—of children.
[ 3 ] Nun läßt sich diese Vielartigkeit zurückführen auf vier Grundtypen, und es ist die wichtigste Aufgabe des Erziehers und Lehrers, diese vier Grundtypen, die man die Temperamente nennt, wirklich zu kennen. Seit alters unterscheidet man die vier Grundtypen des sanguinischen, des melancholischen, des phlegmatischen und des cholerischen Temperamentes. Wir werden immer finden, daß die charakterologische Beschaffenheit eines jeden Kindes in einer dieser Temperamentsklassen unterzubringen ist. Wir müssen uns zuerst die Fähigkeit aneignen, die verschiedenen Typen zu unterscheiden, von einem tieferen anthroposophischen Standpunkt aus zum Beispiel sanguinische von phlegmatischen wirklich zu unterscheiden.
[ 3 ] This diversity can be traced back to four basic types, and it is the most important task of the educator and teacher to truly understand these four basic types, which are called the temperaments. Since ancient times, a distinction has been made between the four basic types: the sanguine, the melancholic, the phlegmatic, and the choleric temperaments. We will always find that the character of every child can be classified into one of these temperament categories. We must first acquire the ability to distinguish between the different types—from a deeper anthroposophical perspective, for example, to truly distinguish the sanguine from the phlegmatic.
[ 4 ] Wir gliedern im geisteswissenschaftlichen Sinne die Menschenwesenheit in Ich, Astralleib, Ätherleib und physischen Leib. Nun würde natürlich beim Idealmenschen die von der kosmischen Ordnung vorgezeichnete Harmonie walten zwischen diesen vier Gliedern der Menschenwesenheit. Dies ist aber in Wirklichkeit bei keinem Menschenwesen der Fall. Und schon daraus kann man ersehen, daß die Menschenwesenheit nicht eigentlich fertig abgeschlossen ist so, wie sie dem physischen Plan übergeben wird, sondern daß Erziehung und Unterricht dazu dienen sollen, einen vollständigen Menschen aus dem Menschen zu machen. Eines der vier Elemente waltet vor bei einem jeden, und es muß Ergebnis von Erziehung und Unterricht sein, die Harmonisierung zwischen den vier Gliedern herzustellen.
[ 4 ] In the sense of Spiritual Science, we divide the human being into the I, the astral body, the etheric body, and the physical body. Now, in the case of the ideal human being, the harmony prescribed by the cosmic order would naturally prevail among these four aspects of the human being. In reality, however, this is not the case for any human being. And from this alone, one can see that the human being is not actually fully formed as it is delivered to the physical plane, but that education and instruction are meant to serve the purpose of making a complete human being out of the human being. One of the four elements predominates in each person, and it must be the result of education and instruction to bring about harmony among the four members.
[ 5 ] Waltet das Ich besonders vor, das heißt, ist das Ich schon beim Kinde sehr stark entwickelt, dann tritt uns das Kind entgegen mit einem melancholischen Temperament. Man verkennt diese Tatsache sehr leicht, weil man melancholische Kinder manchmal als bevorzugte Wesen ansieht. Eigentlich beruht die melancholische Anlage beim Kinde auf einem Vorherrschen des Ich in den allerersten Jahren.
[ 5 ] If the ego is particularly dominant—that is, if the ego is already very strongly developed in the child—then the child presents us with a melancholic temperament. It is very easy to overlook this fact, because melancholic children are sometimes regarded as special beings. In fact, the melancholic disposition in a child stems from a predominance of the ego in the very earliest years.
[ 6 ] Waltet der Astralleib vor, dann tritt uns das cholerische Temperament entgegen.
[ 6 ] When the astral body predominates, we encounter the choleric temperament.
[ 7 ] Waltet der Ätherleib vor, dann tritt uns das sanguinische Temperament entgegen.
[ 7 ] When the etheric body predominates, we encounter the sanguine temperament.
[ 8 ] Waltet der physische Leib vor, dann tritt uns das phlegmatische Temperament entgegen.
[ 8 ] When the physical body predominates, we encounter the phlegmatic temperament.
[ 9 ] Diese Dinge gliedern sich beim späteren Menschen etwas anders. Daher werden Sie bei einem Vortrag, den ich gehalten habe in bezug auf die Temperamente, eine kleine Veränderung finden. In diesem Vortrage sind die Temperamente in Beziehung zu den vier Gliedern des erwachsenen Menschen besprochen worden. Aber beim Kinde werden wir durchaus zu einem richtigen Urteil kommen, wenn wir die Gliederung in dieser Weise betrachten.
[ 9 ] These aspects are structured somewhat differently in later-stage human beings. Therefore, you will find a slight variation in a lecture I gave on the temperaments. In that lecture, the temperaments were discussed in relation to the four limbs of the adult human being. But when it comes to children, we will certainly arrive at a correct assessment if we consider the classification in this way.
[ 10 ] Nun müssen wir gewissermaßen solch ein Wissen dem Kinde gegenüber im Hintergrunde halten und versuchen, durch das ganze äußere Auftreten des Kindes, durch den Habitus des Kindes auf die Temperamentsgrundlage zu kommen.
[ 10 ] Now, in a sense, we must keep such knowledge in the background when dealing with the child and try to discern the child’s fundamental temperament through the child’s entire outward demeanor and bearing.
[ 11 ] Wenn ein Kind sich für alles mögliche nur kurz interessiert, sein Interesse rasch wieder zurückzieht, dann werden wir es als sanguinisch bezeichnen müssen. Diese Orientierung sollten wir uns durchaus angelegen sein lassen, selbst wenn wir viele Kinder zu erziehen haben, zu konstatieren, welche Kinder sich rasch für äußere Eindrücke interessieren und das Interesse rasch vorübergehen lassen. Die haben ein sanguinisches Temperament.
[ 11 ] If a child shows only a brief interest in all sorts of things and quickly loses interest, then we must describe the child as sanguine. We should certainly make it a point—even if we have many children to raise—to identify which children take a quick interest in external impressions and let that interest fade just as quickly. These children have a sanguine temperament.
[ 12 ] Dann sollten wir genau wissen, welche Kinder zum inneren Grübeln, zum Brüten neigen; das sind die melancholischen Kinder. Sie sind nicht leicht zu haben für Eindrücke der Außenwelt. Sie brüten still in sich hinein, aber wir haben niemals den Eindruck, daß sie eigentlich innerlich unbeschäftigt sind. Wir haben den Eindruck, daß sie innerlich beschäftigt sind.
[ 12 ] Then we should know exactly which children tend toward inner brooding and contemplation; these are the melancholic children. They are not easily swayed by impressions from the outside world. They brood quietly within themselves, but we never get the impression that they are actually idle on the inside. We get the impression that they are inwardly engaged.
[ 13 ] Haben wir den anderen Eindruck, daß Kinder innerlich unbeschäftigt sind, daß sie in sich versunken sind und doch auch keine Teilnahme nach außen zeigen, dann haben wir es mit den phlegmatischen Kindern zu tun.
[ 13 ] If, on the other hand, we get the impression that children are mentally unengaged, that they are lost in their own thoughts and yet show no outward interest, then we are dealing with phlegmatic children.
[ 14 ] Kinder, die stark ihren Willen durch eine Art von Toben zum Ausdruck bringen, das sind die cholerischen Kinder.
[ 14 ] Children who strongly assert their will through a kind of boisterous behavior are the choleric children.
[ 15 ] Es wird natürlich noch viele Eigenschaften geben, durch welche sich diese vier Temperamentstypen bei den Kindern ankündigen. Notwendig haben wir aber, daß wir uns in den ersten Monaten unseres Unterrichtes damit beschäftigen, daß wir die Kinder in dieser Zeit auf diese vier Merkmale hin prüfen, daß wir diese Typen bei den Kindern wissen. Wir werden eine Klasse dadurch in vier Abteilungen, in vier Gruppen gliedern können. Es ist wünschenswert, daß wir allmählich ein Umsetzen der Kinder vornehmen. Wenn wir Klassen haben mit beiden Geschlechtern, werden wir acht Gruppen haben. Wir werden die Knaben für sich und die Mädchen für sich in vier Gruppen teilen, in eine cholerische, eine sanguinische, eine phlegmatische und eine melancholische Gruppe.
[ 15 ] Of course, there will be many other characteristics through which these four temperament types manifest themselves in children. However, it is essential that we focus on this during the first few months of our instruction, observing the children for these four characteristics during this time so that we can identify these types in them. This will allow us to divide a class into four sections, or four groups. It is desirable that we gradually reassign the children to different groups. If we have mixed-gender classes, we will have eight groups. We will divide the boys and girls separately into four groups each: a choleric, a sanguine, a phlegmatic, and a melancholic group.
[ 16 ] Das hat einen ganz bestimmten Zweck. Wir unterrichten; und während wir unterrichten, werden wir verschiedene Dinge behandeln, werden Verschiedenes zu sagen, Verschiedenes zu zeigen haben, und wir werden uns als Lehrer zum Bewußtsein zu bringen haben, daß es, wenn wir etwas zeigen, was angeschaut werden soll, etwas anderes ist, als wenn wir ein Urteil darüber abgeben. Wir wenden uns, wenn wir ein Urteil abgeben, zu einer anderen Gruppe, als wenn wir etwas zeigen. Wir wenden uns, wenn wir etwas aufzuzeigen haben, was besonders auf die Sinne wirken soll, mit besonderer Aufmerksamkeit an die sanguinische Gruppe. Wenn wir irgendeine Reflexion über das, was angeschaut wurde, anstellen, dann wenden wir uns an die melancholischen Kinder. Nähere Details werden noch gegeben werden. Aber es ist notwendig, daß wir uns die Geschicklichkeit aneignen, unsere Aufzeichnungen und Ansprachen immer an andere Gruppen zu richten. Dadurch kommt das zustande, daß das, was der einen Gruppe fehlt, durch die andere Gruppe ersetzt wird. Den melancholischen Kindern etwas zeigen, worüber sie urteilen können; den sanguinischen etwas, was sie anschauen können. Sie ergänzen sich dadurch, sie lernen voneinander, richten ihr Interesse aufeinander, diese beiden Gruppen.
[ 16 ] This serves a very specific purpose. We are teaching; and as we teach, we will address various topics, have various things to say and show, and as teachers we must be mindful that when we show something to be observed, it is different from when we pass judgment on it. When we pass judgment, we address a different group than when we show something. When we have something to demonstrate that is intended to appeal particularly to the senses, we direct our attention especially to the sanguine group. When we offer any reflection on what has been observed, we address the melancholic children. Further details will be provided later. But it is necessary that we acquire the skill of always directing our notes and addresses to different groups. This ensures that what one group lacks is compensated for by the other group. Show the melancholic children something they can evaluate; show the sanguine children something they can observe. In this way, they complement each other, learn from one another, and direct their interest toward one another—these two groups.
[ 17 ] Sie müssen mit sich selbst Geduld haben, denn diese Behandlung der Kinderwelt muß einen gewohnheitsmäßigen Charakter annehmen. Man muß das im Gefühl haben, an welche Gruppe man sich zu wenden hat, muß es gewissermaßen von selbst tun. Würde man sich das vornehmen, dann würde man die Unbefangenheit verlieren. Also als eine Art Unterrichtsgewohnheit müßten wir diese Behandlung der verschiedenen Temperamentsanlagen berücksichtigen.
[ 17 ] You must be patient with yourself, because this approach to the world of children must become second nature. You have to have a feel for which group you are addressing; it must, so to speak, come naturally. If you were to make a conscious effort to do so, you would lose your natural ease. So, as a kind of teaching habit, we must take this approach to the various temperamental dispositions into account.
[ 18 ] Nun sollen Sie sich nicht in der Vorbereitung überhasten, sondern kräftigen für die Arbeit. Daher meine ich nicht, daß Sie die wenige Tageszeit, die Ihnen noch bleibt, zu großen äußeren Ausarbeitungen verwenden sollen. Dennoch kann man aber die Dinge nur zu seinem inneren Eigentum machen, wenn man sie seelisch verarbeitet. Daher ist es unsere Aufgabe, daß wir mit diesem Verhältnis des Lehrers zu den Temperamentsanlagen der Kinder wirklich sachgemäß verfahren. Wir wollen die Lehrer so einteilen, daß ich bitten werde, daß sich eine Gruppe mit dem sanguinischen Temperament beschäftigt, eine zweite Gruppe mit dem phlegmatischen, eine dritte mit dem melancholischen und eine vierte mit dem cholerischen Temperament.
[ 18 ] Now, you should not rush through your preparation, but rather build up your strength for the work. Therefore, I do not think you should spend the little time you have left each day on extensive external preparations. Nevertheless, one can only truly make these things one’s own if one processes them emotionally. It is therefore our task to apply this understanding of the teacher’s relationship to the children’s temperamental dispositions in a truly appropriate manner. We will organize the teachers so that I will ask one group to focus on the sanguine temperament, a second group on the phlegmatic, a third on the melancholic, and a fourth on the choleric temperament.
[ 19 ] Ich bitte, daß Sie nachdenken über die zwei Fragen: Wie äußert sich im Kinde das Temperament, das ich eben ausgesprochen habe, je für eine der Gruppen? Da würden Sie morgen in der freien Aussprache auseinandersetzen: Erstens, wie Sie glauben, daß sich das betreffende Temperament in dem Kinde äußert. Zweitens, wie hat man das Temperament zu behandeln.
[ 19 ] I ask that you reflect on the following two questions: How does the temperament I just described manifest itself in a child belonging to each of the groups? Tomorrow, during the open discussion, you will address these points: First, how you believe the temperament in question manifests itself in the child. Second, how should one deal with that temperament?
[ 20 ] Über dieses «zu behandeln» will ich noch einiges sagen. Sie können schon aus dem Vortrag, den ich vor Jahren gehalten habe, ersehen, daß es die schlechteste Methode ist, wenn man einem Temperament dadurch beikommen will, daß man gewissermaßen die entgegengesetzten Eigenschaften beim Kinde pflegt. Nehmen wir an, wir haben ein sanguinisches Kind. Wenn wir das dadurch dressieren wollen, daß wir ihm diese seine Eigenschaften austreiben wollen, werden wir es schlecht behandeln. Worum es sich handelt, ist, daß wir gerade auf das Temperament eingehen, ihm entgegenkommen, daß wir möglichst viel beim sanguinischen Kind in die Sphäre seiner Aufmerksamkeit bringen, daß wir es sensitiv beschäftigt sein lassen und dadurch gewissermaßen dem Hang, den es hat, entgegenkommen. So wird sich ergeben, daß dann diese Anlage, in die es eingespannt ist, sich allmählich ablähmt und sich mit den anderen Temperamenten harmonisiert.
[ 20 ] I would like to say a few more things about this “treatment.” As you can see from the lecture I gave years ago, it is the worst possible method to try to overcome a temperament by, so to speak, cultivating the opposite traits in the child. Let’s suppose we have a sanguine child. If we try to “train” the child by attempting to eradicate these traits, we will be treating the child poorly. What is important is that we respond directly to the temperament, accommodate it, bring as much as possible within the sanguine child’s sphere of attention, allow the child to engage in sensitive activities, and thereby, in a sense, accommodate the child’s natural inclinations. As a result, the predisposition that binds the child will gradually diminish and harmonize with the other temperaments.
[ 21 ] Ferner, beim cholerisch tobenden Kinde sollen wir nicht versuchen, es nicht zum Toben kommen zu lassen, sondern versuchen, seine tobenden Eigenschaften in einer solchen Weise zu behandeln, daß wir von außen dem Kinde in der richtigen Weise entgegenkommen. Nun ist esschwer, ein Kind sich immer austoben zu lassen.
[ 21 ] Furthermore, when a child is throwing a tantrum, we should not try to prevent the tantrum from happening, but rather try to address the child’s tantrum-prone tendencies in such a way that we respond to the child appropriately from the outside. Now, it is difficult to always let a child work off their energy.
[ 22 ] Es ist ein deutlicher Unterschied vorhanden zwischen einem phlegmatischen und einem cholerischen Kinde. Ein phlegmatisches Kind ist teilnahmslos, und es ist innerlich nicht viel beschäftigt. Nun versuchen Sie als Lehrer, recht viel Teilnahme für ein solches Kind in Ihrem Inneren aufzubringen, zu erwecken, sich zu interessieren für jede Lebensregung des Kindes. Es gibt immer Gelegenheit dazu. Das phlegmatische Kind kann, wenn man den Zugang findet zu seiner Teilnahmslosigkeit, sehr interessant werden. Aber äußern Sie dieses innere Interesse nicht, suchen Sie teilnahmslos zu scheinen. Versuchen Sie selbst, Ihr Wesen zu spalten. Haben Sie innerlich viel Teilnahme, äußerlich geben Sie sich so, daß es aus Ihnen das Spiegelbild seines eigenen Wesens zu sehen bekommt. Dann werden Sie erzieherisch einwirken können.
[ 22 ] There is a clear difference between a phlegmatic child and a choleric child. A phlegmatic child is apathetic and not very engaged internally. Now, as a teacher, try to muster a great deal of compassion for such a child within yourself, to awaken it, and to take an interest in every aspect of the child’s life. There is always an opportunity to do so. The phlegmatic child can become very interesting if you find a way to break through their apathy. But do not express this inner interest; try to appear indifferent. Try to split your own being. Have a great deal of interest within yourself, but outwardly present yourself in such a way that the child sees in you a reflection of his or her own nature. Then you will be able to have an educational influence.
[ 23 ] Beim cholerischen Kinde dagegen versuchen Sie innerlich teilnahmslos zu werden, mit kaltem Blut zuzuschauen, wenn es tobt. Versuchen Sie, wenn es zum Beispiel das Tintenfaß zur Erde schmeißt, diesem Toben gegenüber äußerlich so phlegmatisch, so gelassen wie möglich zu sein, durch gar nichts ergriffen zu sein! Und versuchen Sie, im Gegenteil dazu, äußerlich möglichst viel von diesen Dingen mit dem Kinde in Teilnahme zu besprechen, aber nicht unmittelbar nachher! Zeigen Sie sich möglichst ruhig äußerlich und sagen Sie mit der möglichsten Ruhe: Du hast nun das Tintenfaß zerschmissen. Am anderen Tag, wenn das Kind selbst ruhig ist, besprechen Sie teilnahmsvoll die Sache mit ihm. Sprechen Sie darüber, was es getan hat, zeigen Sie die größte Teilnahme. Zwingen Sie so das Kind, hinterher die ganze Szene in seinem Gedächtnis zu wiederholen, durchzunehmen. Verurteilen Sie auch ruhig die Vorgänge, wie es das Tintenfaß auf den Boden geworfen, zerschlagen hat. Man kann auf diese Weise mit tobenden Kindern außerordentlich viel erreichen. Auf andere Weise bringt man sie nicht dazu, das Toben zu bekämpfen.
[ 23 ] With a choleric child, on the other hand, try to remain emotionally detached inside, watching with a cool head as the child rages. For example, if the child throws the inkwell on the floor, try to remain as phlegmatic and calm as possible on the outside in the face of this outburst—do not let anything affect you! And, on the contrary, try to discuss as many of these things as possible with the child in a sympathetic manner, but not immediately afterward! Appear as calm as possible on the outside and say as calmly as you can: “You’ve just smashed the inkwell.” The next day, when the child is calm, discuss the matter with him or her sympathetically. Talk about what he or she did, and show the utmost sympathy. In this way, encourage the child to replay the entire scene in his or her mind afterward. Also calmly condemn the actions—how he or she threw the inkwell on the floor and smashed it. You can achieve an extraordinary amount with children who are throwing tantrums in this way. There is no other way to get them to stop throwing tantrums.
[ 24 ] Das kann Sie auf den Weg leiten, nun selbst zu versuchen, die beiden Fragen, die wir uns stellen werden, bis morgen zu behandeln. Wir werden das so behandeln, daß jeder von Ihnen das vorbringen kann, was er eben vorzubringen hat. Machen Sie sich kurze Notizen über das, was Sie sich ausgedacht haben, und diese Notizen werden dann besprochen.
[ 24 ] This can help guide you in trying to address the two questions we’ll be asking ourselves by tomorrow. We’ll approach this in such a way that each of you can present whatever you have to say. Take brief notes on what you’ve come up with, and we’ll then discuss those notes.
[ 25 ] Es muß immer zu Besprechungen solcher und ähnlicher Art in der Lehrerschaft Zeit bleiben. In solchen Besprechungen, die einen mehr republikanischen Charakter tragen, muß Ersatz gefunden werden für eine diktatorische Leitung, wie sie in einem Rektorat gegeben ist, so daß eigentlich jeder einzelne Lehrer an den Angelegenheiten und Interessen der anderen immerwährend teilnimmt. Damit wollen wir morgen gleich beginnen in einer Art Disputation. Als Unterlage möchte ich Ihnen eine Art Schema geben, nach dem Sie arbeiten können.
[ 25 ] There must always be time set aside for discussions of this and similar nature among the teaching staff. In such discussions, which have a more republican character, a substitute must be found for the dictatorial leadership typical of a principal’s office, so that every single teacher is constantly involved in the affairs and interests of the others. We will begin this very tomorrow in a sort of debate. As a guide, I would like to give you a sort of outline that you can use as a basis for your work.
[ 26 ] Sie können unterscheiden, wenn der Mensch sich äußert, nach seinem ganzen Seelenhabitus, ob er etwas stark oder schwach ins Auge faßt; ob er etwas stark empfindet, das etwas Äußerliches ist, oder stark empfindet seine inneren Zustände.
[ 26 ] When a person speaks, you can tell from their overall disposition whether they focus strongly or weakly on something; whether they feel strongly about something external or feel strongly about their inner states.
[ 27 ] Dann haben wir zu unterscheiden das Wechseln. Entweder man bleibt stark dabei und wechselt wenig, oder man bleibt weniger stark dabei und wechselt sehr viel. Dadurch unterscheiden sich die Temperamente.
[ 27 ] Then we must distinguish between the different ways of changing. Either one remains steadfast and changes little, or one is less steadfast and changes a great deal. This is what distinguishes the temperaments.


[ 28 ] Wenn Sie dieses ins Auge fassen, dann werden Sie gleichzeitig in dem Schema eine gewisse Andeutung haben. Nebeneinander sind häufig sanguinisches und phlegmatisches Temperament, und Sie haben es so im Schema. Niemals geht phlegmatisches Temperament leicht ins Cholerische über. Sie sind verschieden wie Nord- und Südpol. Ebenso stehen sich gegenüber melancholisches und sanguinisches Temperament. Sie verhalten sich polarisch entgegengesetzt. Die nebeneinander liegenden Temperamente gehen ineinander über, die verschwimmen. Dagegen wird es gut sein, die Einteilung nach Gruppen so zu befolgen: Wenn Sie eine phlegmatische Gruppe zusammensetzen, ist es gut, wenn diese zum Gegenpol die cholerische hat und dazwischen die beiden anderen sitzen, die melancholische und die sanguinische.
[ 28 ] If you keep this in mind, you will simultaneously see a certain hint of it in the diagram. Sanguine and phlegmatic temperaments often coexist, and that is how they are depicted in the diagram. A phlegmatic temperament never easily transitions into a choleric one. They are as different as the North and South Poles. Similarly, melancholic and sanguine temperaments are opposites. They are polar opposites. Temperaments that lie next to each other merge into one another; their boundaries blur. In contrast, it is best to follow the grouping system as follows: When you assemble a phlegmatic group, it is best to have the choleric group as its opposite pole, with the other two—the melancholic and the sanguine—positioned between them.
[ 29 ] All diese Dinge gehen zurück auf das heute morgen Gesagte. Es hat das Innere, das Seelische eben die allergrößte Bedeutung beim Zusammensein mit dem Kinde. Das Kind wird unterrichtet und erzogen von Seele zu Seele. Ungeheuer viel spielt in den unterirdischen Drähten, die von Seele zu Seele gehen. Und so spielt außerordentlich viel dem cholerischen Kinde gegenüber, wenn Sie teilnahmslos bleiben, dem phlegmatischen gegenüber, wenn Sie inneren Anteil haben. Da werden Sie durch die eigene innere Seelenstimmung übersinnlich erziehend auf das Kind wirken. Das Erziehen geschieht durch das, was Sie sind, das heißt in diesem Fall, wozu Sie sich machen innerhalb der Kinderschar. Das dürfen Sie eigentlich nie aus dem Auge verlieren.
[ 29 ] All these things go back to what was said this morning. The inner, spiritual aspect is of the utmost importance when interacting with a child. The child is taught and raised from soul to soul. An immense amount is at play in the hidden connections that run from soul to soul. And so, an extraordinary amount is at stake when dealing with a choleric child if you remain indifferent, and with a phlegmatic child if you show inner interest. Through your own inner spiritual disposition, you will have a supersensible educational influence on the child. Education takes place through who you are—that is, in this case, through the role you assume within the group of children. You must never lose sight of this.
[ 30 ] Ebenso wirken aber auch die Kinder aufeinander. Und das ist das Eigentümliche: wenn man Kinder in vier Gruppen von gleichen Temperamentsanlagen einteilt und die gleichartigen nebeneinandersetzt, so wirken diese Anlagen nicht verstärkend aufeinander, sondern aufhebend. Eine Gruppe von sanguinischen Kindern zum Beispiel verstärken nicht ihre Anlagen, sondern sie schleifen sich gegeneinander ab. Wenn man sich dann im Unterricht an die cholerischen Kinder richtet, so nehmen die Sanguiniker davon auf und umgekehrt. Sie müssen als Lehrer die Stimmung Ihrer Seele auf das Kind wirken lassen, während gleichgeartete Temperaments-Seelenstimmungen bei den Kindern sich abschleifen. Das Schwätzen miteinander bedeutet den inneren Hang, sich innerlich abzuschleifen, auch das Schwätzen in den Zwischenpausen. Die Choleriker werden weniger miteinander schwatzen, als wenn sie neben anderen sitzen. Wir dürfen die Dinge nicht äußerlich betrachten und beurteilen.
[ 30 ] However, children also influence one another. And here is the peculiar thing: if one divides children into four groups based on similar temperamental dispositions and seats those with similar dispositions next to one another, these dispositions do not reinforce one another but rather cancel each other out. A group of sanguine children, for example, do not reinforce their temperamental tendencies; rather, they wear each other down. If you then focus on the choleric children during class, the sanguine children will absorb this influence, and vice versa. As a teacher, you must allow the mood of your own soul to influence the child, while similar temperamental moods among the children tend to wear each other down. Chatting with one another—including chatting during breaks—reflects an inner tendency to wear each other down. Choleric children will chat less with one another than when they are seated next to others. We must not view and judge things from an external perspective.
[ 31 ] Nun möchte ich gleich von Anfang an Sie darauf aufmerksam machen, daß wir einen großen Wert darauf legen werden, den Unterricht möglichst konzentriert zu gestalten. Wenn man das nicht tut, kann man auf alle diese Dinge nicht Rücksicht nehmen, von denen ich eben gesprochen habe, namentlich auf die Temperamente nicht. Daher werden wir das, was man im äußeren den Stundenplan nennt, nicht haben. In dieser Beziehung werden wir also geradezu entgegengesetzt der Einrichtung arbeiten, die das Ideal der modernen materialistischen Erziehung ist. In Basel zum Beispiel spricht man vom Vierzigminutenbetrieb. Man läßt gleich wieder etwas anderes folgen. Das heißt nichts anderes, als alles, was in den vierzig Minuten voranging, sofort wieder auszulöschen und furchtbare Verwirrung in den Seelen anzurichten.
[ 31 ] I would like to point out right from the start that we will place great emphasis on making the lessons as focused as possible. If we do not do this, we cannot take into account all the things I just mentioned—namely, the different temperaments. Therefore, we will not have what is commonly referred to as a “timetable.” In this respect, we will be working in direct opposition to the system that represents the ideal of modern materialistic education. In Basel, for example, they speak of the “forty-minute system.” One activity is immediately followed by another. This amounts to nothing less than erasing everything that took place in the preceding forty minutes and causing terrible confusion in the students’ minds.
[ 32 ] Wir werden uns genau überlegen, welcher Lehrstoff einer gewissen Altersstufe des Kindes entspricht, und dann werden wir diesen Lehrstoff, das Lesen zum Beispiel, durch eine gewisse Zeit hindurch verfolgen. Das heißt, das Kind wird seinen Vormittagsunterricht im Lesen während sechs bis acht Wochen haben, dann wird Schreiben an seine Stelle treten, dann Rechnen, so daß das Kind sich die gesamte Zeit hindurch jeweilig konzentriert auf einen Unterrichtsstoff. So daß etwa, wenn ich es schematisch andeuten wollte, unser Unterricht darin bestehen würde, daß wir möglichst am Morgen beginnen - das heißt aber nur möglichst, denn es werden alle möglichen Modifikationen eintreten — mit Lesen, so daß wir einige Wochen lesen, dann schreiben, dann rechnen.
[ 32 ] We will carefully consider which subject matter is appropriate for a child’s specific age level, and then we will focus on that subject—reading, for example—for a certain period of time. This means that the child will spend six to eight weeks on reading in the morning, then writing will take its place, followed by arithmetic, so that the child focuses on one subject at a time throughout the entire period. So, to illustrate this schematically, our lessons would consist of starting—if possible—in the morning—though “if possible” is key, since all sorts of adjustments will inevitably occur—with reading, so that we spend a few weeks on reading, then writing, then arithmetic.
[ 33 ] An diesen eigentlichen Unterricht reihen wir dasjenige an, was etwa in der Form des Erzählens zu machen ist. Wir werden im ersten Schuljahr hauptsächlich Märchen erzählen. Im zweiten Schuljahr werden wir uns bemühen, das Leben der Tiere in erzählender Form vorzubringen. Wir werden von der Fabel übergehen zu der Wahrheit, wie die Tiere sich zueinander verhalten. Aber es wird der Unterricht so gestaltet, daß die Aufmerksamkeit des Kindes durch Wochen hindurch auf dasselbe konzentriert ist. Dann werden wir am Ende des Schuljahrs Repetitionen folgen lassen, wodurch aufgefrischt wird, was im Anfang durchgenommen wurde. Absondern und fortdauernd pflegen werden wir nur alles Künstlerische. Entweder nachmittags oder, wenn die nötige Zeit vorhanden, vormittags, sollen wir das Künstlerische als besondere Willensbildung pflegen.
[ 33 ] We will supplement this actual instruction with activities that take the form of storytelling. In the first school year, we will mainly tell fairy tales. In the second school year, we will strive to present the lives of animals in narrative form. We will move from fables to the truth about how animals relate to one another. However, the lessons will be structured so that the child’s attention remains focused on the same subject for weeks at a time. Then, at the end of the school year, we will follow up with review sessions to refresh what was covered at the beginning. We will set aside and consistently cultivate only the arts. Either in the afternoon or, if there is sufficient time, in the morning, we will cultivate the arts as a special form of will development.
[ 34 ] Nun würde es dem Ideal des Unterrichts entsprechen, daß das Kind eigentlich für den konzentrierten Unterricht, wozu Anstrengung des Kopfes notwendig ist, überhaupt nicht mehr als täglich eineinhalb Stunden braucht. Dann können wir noch eine halbe Stunde Märchen erzählen. Außerdem bleibt dann immer noch die Möglichkeit, in etwa eineinhalb Stunden das Künstlerische anzugliedern. Und wir würden dann für die Kinder bis etwa zum zwölften Jahre keine längere Zeit bekommen, als nur dreieinhalb Stunden am Tage. Von diesen dreiieinhalb Stunden nehmen wir dann am einzelnen Tage das wenige, was an Religionsunterricht notwendig ist, so daß wir schon auch die Möglichkeit haben würden, die Kinder so zu unterrichten, daß wir abwechseln könnten.
[ 34 ] Now, it would be in keeping with the ideal of instruction that a child actually needs no more than one and a half hours a day for concentrated learning, which requires mental effort. Then we can spend another half hour telling fairy tales. In addition, there is still the possibility of incorporating artistic activities into about one and a half hours. And for children up to about the age of twelve, we would then have no more than three and a half hours a day. From these three and a half hours, we would set aside on any given day the small amount necessary for religious instruction, so that we would also have the opportunity to teach the children in a way that allows for variety.
[ 35 ] Wenn wir also viele Kinder für eine Klasse haben, so können wir das so einrichten, daß wir von sieben bis zehn die eine Gruppe haben und von zehn ein Viertel bis ein ein Viertel die andere Gruppe der Kinder, so daß wir auf diese Weise mit dem Klassenraum auskommen könnten.
[ 35 ] So if we have a lot of children in a class, we can arrange it so that we have one group consisting of seven to ten children and another group consisting of one-quarter to one-quarter of the remaining children, so that we can make do with the classroom in this way.
[ 36 ] Das würde das Ideal darstellen, daß wir kein Kind länger als dreieinhalb Stunden beschäftigen. Wir werden dabei immer frische Kinder haben und werden uns nur der Aufgabe unterziehen müssen, auszudenken, was wir mit den Kindern anfangen in den großen Gärten während der Zeit, wo kein Unterricht ist. Sie dürfen auf den freien Plätzen spielen im Sommer; aber im Winter, im Turnsaal, wird es schwer sein, sie beschäftigen zu können. Eine Stunde in der Woche für Turnen und eine Stunde für Eurythmie soll eingerichtet werden. Es wird gut sein, daß die Kinder auch da sein können, wenn kein Unterricht ist, daß sie spielen können und dergleichen. Ich glaube, daß es keinen großen Unterschied macht, ob mit dem Unterricht begonnen wird gleich morgens oder später, so daß wir gut in zwei Gruppen einteilen können.
[ 36 ] That would be the ideal scenario: that we wouldn’t keep any child occupied for more than three and a half hours. We will always have new children coming in, and our only task will be to figure out what to do with the children in the large gardens during the time when there are no classes. They can play in the open spaces in the summer; but in the winter, in the gym, it will be difficult to keep them occupied. One hour a week for physical education and one hour for eurythmy should be scheduled. It will be good for the children to be able to be there even when there are no classes, so they can play and do similar activities. I believe it doesn’t make much difference whether classes begin first thing in the morning or later, so we can easily divide them into two groups.
[ 37 ] Nun werden Sie die Aufgabe haben, sich mit allerlei zu beschäftigen. Wir werden nach und nach zu der Eingliederung der Arbeit kommen, indem wir uns in unserer Disputation damit beschäftigen. Aber ich glaube, es wird gut sein, wenn Sie sich überlegen, worin dasjenige bestehen muß, was Sie gewissermaßen in der Erzählungsstunde mit den Kindern zu pflegen haben. Die eigentlichen Unterrichtsstunden werden sich dann aus unseren allgemeinen pädagogischen Gesichtspunkten ergeben. Aber Sie werden für die Erzählungsstunden einen Stoff aufnehmen müssen, der durch die ganze Schulzeit vom siebenten bis vierzehnten Jahr an die Kinder im freien, erzählenden Tone wird herangebracht werden müssen.
[ 37 ] Now you will have the task of dealing with all sorts of things. We will gradually come to the integration of work as we address it in our discussions. But I believe it would be good for you to consider what exactly you need to focus on during story time with the children. The actual lessons will then follow from our general pedagogical principles. But for the storytelling sessions, you will need to select material that can be presented to the children in a relaxed, narrative tone throughout their entire school years, from ages seven to fourteen.
[ 38 ] Da wird es notwendig sein, daß in den ersten Schuljahren eben ein gewisser Märchenschatz zur Verfügung steht. Dann würden Sie sich für die folgende Zeit damit beschäftigen müssen, Geschichten aus der Tierwelt in Verbindung mit der Fabel vorzubringen. Dann biblische Geschichte, in die allgemeine Geschichte aufgenommen, außerhalb des anderen Religionsunterrichtes. Dann Szenen aus der alten Geschichte, Szenen aus der mittleren Geschichte und aus der neueren Geschichte. Dann müssen Sie sich in die Lage versetzen, Erzählungen über die Volksstämme zu bringen, wie die Volksstämme geartet sind, was mehr mit der Naturgrundlage zusammenhängt. Dann die gegenseitigen Beziehungen der Volksstämme, Inder, Chinesen, Amerikaner, was ihre Eigentümlichkeiten und so weiter sind, das heißt Kenntnis der Völker. Das ist eine ganz besondere Notwendigkeit aus der gegenwärtigen Zeitepoche heraus.
[ 38 ] It will therefore be necessary to have a certain treasure trove of fairy tales available during the early school years. Then, in the time that follows, you would need to focus on presenting stories from the animal kingdom in connection with fables. Then biblical history, incorporated into general history, separate from other religious instruction. Then scenes from ancient history, scenes from medieval history, and from modern history. Then you must be able to present narratives about the various peoples—what their characteristics are, which is more closely related to their natural foundations. Then the mutual relationships among the peoples—Indians, Chinese, Americans—what their distinctive characteristics are and so on; that is, knowledge of the peoples. This is a very special necessity arising from the present era.
[ 39 ] Ich wollte, daß wir uns heute diese besonderen Aufgaben gestellt haben. Sie werden dann sehen, wie wir diese Seminarstunden verwenden werden. Heute soll alles eben fadengeschlagen sein.
[ 39 ] I wanted us to set these specific tasks for ourselves today. You’ll see how we’ll use these seminar sessions. Today, everything should just be outlined.
[ 40 ] Während des Sprechens hatte Rudolf Steiner folgende Übersicht an die Wandtafel geschrieben:
[ 40 ] While speaking, Rudolf Steiner had written the following overview on the blackboard:
[ 41 ] 1. ein gewisser Märchenschatz
2. Geschichten aus der Tierwelt in Verbindung mit der Fabel
3. Biblische Geschichte als Teil der allgemeinen Geschichte (Altes Testament)
4. Szenen aus der alten Geschichte
5. Szenen aus der mittleren Geschichte
6. Szenen aus der neueren Geschichte
7. Erzählungen über die Volksstämme
8. Erkenntnis der Völker.
[ 41 ] 1. A Certain Treasure Trove of Fairy Tales
2. Stories from the Animal Kingdom Related to Fables
3. Biblical History as Part of General History (Old Testament)
4. Scenes from ancient history
5. Scenes from medieval history
6. Scenes from modern history
7. Tales about the tribes
8. Understanding of the peoples.
Fragenbeantwortung
Q&A
[ 42 ] Es wird gefragt nach den Bildern für die Laute und Buchstaben wie dem Fisch für das F, wovon am Vormittag im ersten Vortrag des methodisch-didaktischen Kurses gesprochen worden war.
[ 42 ] The question is raised about the images for sounds and letters—such as the fish for the letter F—which had been discussed that morning in the first lecture of the methodological-didactic course.
[ 43 ] Rudolf Steiner: Solche Dinge, solche Bilder muß man selber finden. Man braucht nicht das historisch Gegebene zu suchen. Man sollte die freie, gezügelte Phantasie wirken lassen und Vertrauen haben zu dem, was man selber findet; auch für Tätigkeitsformen, zum Beispiel für das S. Was Sie selbst erarbeiten!
[ 43 ] Rudolf Steiner: One must find such things, such images, for oneself. There is no need to search for what history has provided. One should let the free, yet restrained imagination work and have confidence in what one finds for oneself; this applies also to forms of activity, for example, to S. What you work out for yourself!
[ 44 ] L. fragt nach der lateinischen Schrift.
[ 44 ] L. asks about the Latin script.
[ 45 ] Rudolf Steiner: Ja, die lateinische Schrift ist der Ausgangspunkt, weil diese die charakteristischen Formen enthält. Und dann erst, wenn es nötig wird, geht man über auf die deutsche, die gotische Schrift, die eigentlich ganz verschwinden sollte.
[ 45 ] Rudolf Steiner: Yes, the Latin script is the starting point, because it contains the characteristic forms. And only when it becomes necessary does one switch to the German, Gothic script, which should actually disappear entirely.
[ 46 ] O. fragt nach der Behandlung der melancholischen Kinder.
[ 46 ] O. asks about the treatment of melancholic children.
[ 47 ] Rudolf Steiner: Der Lehrer steht so gegenüber dem melancholischen Kinde: Die melancholische Anlage beruht auf einem nicht ganz vollständigen Unterkriegen des Stoffwechsels durch den geistig-seelischen Menschen. Der Nerven-Sinnesmensch ist der ungeistigste Teil des Menschen, ist der physischste Mensch. Am wenigsten physisch ist der Stoffwechselmensch. Der geistige Mensch steckt am meisten im Stoffwechselorganismus, ist dort aber am wenigsten zur Realisierung gekommen. Der Stoffwechselorganismus muß am meisten bearbeitet werden. Wenn der Stoffwechsel zuviel Beschwerde macht, dann offenbart sich in dem Brüten das innerliche Streben nach dem Geiste.
[ 47 ] Rudolf Steiner: The teacher approaches the melancholic child in this way: The melancholic disposition stems from the fact that the spiritual-soul aspect of the human being has not yet fully subdued the metabolism. The nervous-sensory aspect of the human being is the least spiritual part of the human being; it is the most physical aspect. The least physical is the metabolic human. The spiritual human is most deeply embedded in the metabolic organism, yet is least fully realized there. The metabolic organism requires the most work. When the metabolism causes too much distress, the inner striving toward the spirit reveals itself in brooding.
[ 48 ] In der Nähe eines melancholischen Kindes sollten wir als Lehrer möglichst viel sichtbares Interesse an den äußeren Dingen seiner Umgebung entwickeln, sollten möglichst so sein, wie wenn wir Sanguiniker wären, und sollten so die Außenwelt charakterisieren. Dem sanguinischen Kinde gegenüber verhalten wir uns ernst, geben ihm mit innerem Ernst eindringliche, langanhaltende Charakteristiken der Außenwelt. Im Nerven-Sinnesmenschen ist der Geist am meisten in den Menschen hineingestiegen, im Stoffwechselmenschen am wenigsten; da hat er am stärksten die Tendenz, sich durchzusetzen.
[ 48 ] When dealing with a melancholic child, we as teachers should show as much visible interest as possible in the external aspects of their surroundings; we should, as much as possible, act as if we were sanguine individuals and describe the outside world in that manner. Toward the sanguine child, we behave seriously, providing them with vivid, lasting descriptions of the external world with inner seriousness. In the nervous-sensory type, the spirit has penetrated the human being the most; in the metabolic type, the least; there, it has the strongest tendency to assert itself.
[ 49 ] Es wird die Frage nach Lehrbüchern gestellt.
[ 49 ] The question of textbooks is raised.
[ 50 ] Rudolf Steiner: Man muß sich die gebräuchlichen ansehen. Wenn wir ohne Bücher auskommen, um so besser. Wenn die Kinder keine öffentlichen Prüfungen machen müssen, dann braucht man keine Bücher. In Osterreich müßte man die Kinder zur öffentlichen Prüfung führen. Wir müßten feststellen, wie man wünscht, daß wir das Erreichen der Lehrziele nachweisen. Das Ideal wäre, gar keine Prüfung zu haben. Die Schlußprüfung ist ein Kompromiß mit der Behörde. Man muß ohne Prüfung wissen, so und so steht es mit den Kindern. Prüfungsangst vor der Geschlechtsreife ist sehr gefährlich für die ganze physiologische Struktur des Menschen. Sie wirkt so, daß sie die physiologisch-psychologische Konstitution des Menschen treibt. Das beste wäre die Abschaffung alles Prüfungswesens. Die Kinder werden viel schlagfertiger werden.
[ 50 ] Rudolf Steiner: We have to look at the standard ones. If we can manage without books, so much the better. If the children don’t have to take public exams, then there’s no need for books. In Austria, children would have to take public exams. We would have to determine how we are expected to demonstrate that the educational goals have been achieved. The ideal would be to have no exams at all. The final exam is a compromise with the authorities. We need to know, without exams, where the children stand. Exam anxiety before puberty is very dangerous for the entire physiological structure of a person. It has the effect of disrupting a person’s physiological and psychological constitution. The best solution would be to abolish the entire examination system. The children will become much more quick-witted.
[ 51 ] Das Temperament schleift sich ab; gegen das zehnte Jahr wird der Temperamentsunterschied überwunden sein.
[ 51 ] Temperament wears off; by the age of ten, differences in temperament will have been overcome.
[ 52 ] Knaben und Mädchen müßten nicht getrennt werden. Wir trennen sie nur wegen der öffentlichen Meinung. Es bilden sich Liaisons; man braucht sich darüber nicht aufzuregen, aber man wird es uns übelnehmen. Der Unterricht leidet darunter nicht, wenn der Lehrer Autorität hat.
[ 52 ] Boys and girls should not be separated. We separate them only because of public opinion. Romantic relationships develop; there’s no need to get upset about it, but people will hold it against us. The quality of instruction does not suffer if the teacher has authority.
[ 53 ] Fachlehrer brauchen wir für die Künste, die auf den Willen wirken, auch für die Sprachen, die besonders gegeben werden. Die künstlerischen Dinge gehören dem Fachlehrer. Der Klassenlehrer hat in der Hauptsache als Einheitslehrer zu wirken. Durch seinen gesamten Unterricht wirkt er besonders auf den Intellekt und auf das Gemüt. Auf den Willen wirken die Künste: Turnen, Eurythmie, Zeichnen, Malen.
[ 53 ] We need subject teachers for the arts that influence the will, as well as for languages, which are taught separately. The arts are the domain of the subject teacher. The homeroom teacher’s primary role is to act as a unifying teacher. Through his or her overall instruction, the homeroom teacher influences the intellect and the emotions in particular. The arts—gymnastics, eurythmy, drawing, and painting—appeal to the will.
[ 54 ] Der Lehrer steigt mit den Schülern auf bis zum Schluß. Der Lehrer der letzten Klasse wird wieder der der ersten.
[ 54 ] The teacher moves up with the students until the end. The teacher of the last class becomes the teacher of the first class again.
