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The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

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The Art of Education
GA 295

27 August 1919, Stuttgart

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Sechste Seminarbesprechung

Sixth Seminar Discussion

[ 1 ] Wiederholung der gestrigen Sprechübungen; dann neue:

[ 1 ] Repeat yesterday's speaking exercises; then new ones:

Redlich ratsam
Rüstet rühmlich
Riesig rächend
Ruhig rollend
Reuige Rosse

Protzig preist
Bäder brünstig
Polternd putzig
Bieder bastelnd
Puder patzend
Bergig brüstend

Truly wise
Gloriously armed
Vigorously avenging
Calmly rolling
Penitent steeds

Boastfully praising
Bathing fervently
Rumbling playfully
Diligently crafting
Powdering clumsily
Mountainously strutting

Lesen einer Fabel von Lessing.

Reading a fable by Lessing.

[ 2 ] Rudolf Steiner: Sie müssen bedenken, daß Prosa je nach der Persönlichkeit in verschiedener Stimmlage gelesen werden kann.

[ 2 ] Rudolf Steiner: You must bear in mind that prose can be read in different tones of voice depending on the individual.

[ 3 ] Den Titel läßt man möglichst fallen bei so etwas und betont ihn nicht besonders.

[ 3 ] In cases like this, it's best to omit the title and not emphasize it particularly.

Die Nachtigall und der Pfau

The Nightingale and the Peacock

Eine gesellige Nachtigall fand unter den Sängern des Waldes Neider die Menge, aber keinen Freund. «Vielleicht finde ich ihn unter einer anderen Gattung», dachte sie und floh vertraulich zu dem Pfau herab. «Schöner Pfau, ich bewundere dich!» - «Ich dich auch, liebliche Nachtigall.» — «So laß uns Freunde sein», sprach die Nachtigall weiter. «Wir werden uns nicht beneiden dürfen, du bist dem Auge so angenehm, als ich dem Ohre.» Die Nachtigall und der Pfau wurden Freunde.

A sociable nightingale found many envious singers among the forest’s birds, but no friend. “Perhaps I’ll find one among a different species,” she thought, and flew down confidently to the peacock. “Beautiful peacock, I admire you!”—“I admire you too, lovely nightingale.” — “Then let us be friends,” the nightingale continued. “We must not envy one another; you are as pleasing to the eye as I am to the ear.” The nightingale and the peacock became friends.

[ 4 ] Kneller und Pope waren bessere Freunde als Pope und Addison.

[ 4 ] Kneller and Pope were better friends than Pope and Addison.

Rudolf Steiner sagte statt dessen scherzweise:

Rudolf Steiner, however, jokingly said:

[ 5 ] Frankreich und Italien sind bessere Freunde als Italien und England. So kann man auch sagen; die Anwendung kann nämlich in der verschiedensten Weise gemacht werden.

[ 5 ] France and Italy are better friends than Italy and England. You could also put it that way; after all, the statement can be applied in a variety of ways.

[ 6 ] Rudolf Steiner: Jetzt möchte ich mit Ihnen ein Stück Unterricht besprechen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß Sie niemals den Inhalt eines Lesestückes - ich will es prosaisch so nennen — dadurch für das Gefühl und die Empfindung verderben sollten, daß Sie das Lesestück lesen, oder mit den Zöglingen durchlesen, und es dann pedantisch erklären. Der einsichtige Psychologe wird es nicht so machen, sondern er wird das Gefühl dafür haben, daß ein Prosastück oder ein Gedicht auf die Seele so wirken muß, daß diese Seele, wenn sie es erlebt hat, mit dem Eindruck zufrieden sein kann; von dem Eindruck befriedigt sein kann, könnte man auch sagen. Man wird aber das nicht ausschließen dürfen, daß man gerade diese Befriedigung, welche aus dem Inhalte eines Lesestückes hervorgehen soll, für den Zögling dadurch erhöht, daß der Zögling vollständig alle Nuancen versteht, daß er dem Gefühl nach wenigstens, instinktiv, versteht, was in dem Gedichte darin ist. Man braucht keine Spintisiererei, keinen gelehrten Kommentar an einem Gedicht oder Lesestück zu entwickeln, aber man soll das Kind vollständig heraufheben zum gefühlsmäßigen Verständnis eines Lesestückes. Daher versuche man immer, das eigentliche Lesen eines Lesestückes zu allerletzt vorzunehmen, und alles das, was man tun will um des Verständnisses willen, das schicke man voran. Wenn man einigermaßen entsprechend das Richtige voranschickt, dann wirkt man nicht schulmeisterlich pedantisch, sondern man trägt dazu bei, daß nichts unerklärlich bleibt an dem Lesestück. Dann erhöht sich der Genuß und die Befriedigung des Kindes.

[ 6 ] Rudolf Steiner: Now I would like to discuss a reading passage with you. I would like to point out that you should never spoil the emotional impact and feeling of a reading passage—I’ll call it that in prosaic terms—by reading it aloud or going through it with the students and then explaining it pedantically. A discerning psychologist will not do this, but will have a sense that a piece of prose or a poem must affect the soul in such a way that, once the soul has experienced it, it can be content with the impression; one could also say it can be satisfied by the impression. However, one must not rule out the possibility that this very satisfaction—which is meant to arise from the content of a reading passage—can be enhanced for the student by ensuring that the student fully understands all the nuances, that the student understands, at least intuitively and instinctively, what the poem conveys. There is no need to engage in speculation or to develop a scholarly commentary on a poem or reading passage, but one should fully elevate the child to an emotional understanding of a reading passage. Therefore, one should always try to save the actual reading of a passage for last, and do everything necessary to aid understanding beforehand. If one provides the appropriate preparation in a reasonably appropriate manner, one does not come across as a pedantic schoolmaster, but rather helps ensure that nothing in the reading passage remains unexplained. This enhances the child’s enjoyment and satisfaction.

[ 7 ] Ich würde daher - Sie würden das etwas ausführlicher machen — etwa folgendes in der Klasse mit den Schülern vornehmen. Ich würde sagen: «Seht einmal, liebe Kinder, ihr habt ganz gewiß schon einmal Hunde gesehen! Nun, wer hätte unter euch nicht schon Hunde gesehen! Der müßte ja hinter dem Ofen sich verkrochen haben. Und ihr habt bemerkt, daß nicht alle Hunde gleich sind. Sie sind sehr, sehr voneinander verschieden. Es gibt winzige Hunde, ganz kleine Hunde, größere Hunde und ganz große Hunde. Ihr habt euch schon manchmal vor den ganz großen Hunden gefürchtet. Vor den ganz kleinen, winzigen, fürchtet ihr euch nicht; vielleicht aber doch, weil sie einen manchmal in die Waden beißen.

[ 7 ] I would therefore—you might go into a bit more detail—do something like the following with the students in class. I would say: “Look here, dear children, you’ve certainly seen dogs before! Well, who among you hasn’t seen dogs? They’d have to be hiding behind the stove. And you’ve noticed that not all dogs are the same. They’re very, very different from one another. There are tiny dogs, very small dogs, bigger dogs, and really big dogs. You’ve sometimes been afraid of the really big dogs. You’re not afraid of the very small, tiny ones—or maybe you are, because they sometimes bite your calves.

[ 8 ] Nun wollen wir uns heute einmal ein paar Hunde ansehen. Da habt ihr wohl schon oft auf der Straße einen Wagen mit Fleisch gesehen und davor einen Fleischerhund. Wenn ihr genau aufgemerkt habt, werdet ihr gesehen haben, daß er sonst vor der Fleischerbude sitzt und achtgibt, daß niemand das Fleisch stiehlt. Wenn jemand kommt und das Fleisch nimmt, der kein Recht hat dazu, so muß er ihn beißen, oder wenigstens muß er bellen. Nun werdet ihr einsehen, daß der Fleischerhund nicht ein kleines Tierchen sein darf. Nein, das ist ein großer Hund! Ihr werdet auch immer gesehen haben, kleine Knirpse sind nicht eingespannt vor den Fleischerwagen, sie sind auch nicht vor die Fleischerbude gesetzt.

[ 8 ] Now let’s take a look at a few dogs today. You’ve probably seen a meat cart on the street many times, with a butcher’s dog standing in front of it. If you’ve been paying close attention, you’ll have noticed that he usually sits in front of the butcher’s stall and makes sure no one steals the meat. If someone comes along and takes the meat without permission, the dog must bite him—or at least bark. Now you’ll understand that the butcher’s dog can’t be a small animal. No, it’s a big dog! You’ve also surely noticed that little puppies aren’t harnessed to the butcher’s cart, nor are they placed in front of the butcher’s stall.

[ 9 ] Nun, solch einen Fleischerhund kann man vergleichen mit einem Menschen, der auf etwas achtzugeben hat. Man kann oft Tiere vergleichen mit den Menschen. Was die Tiere aus Instinkt zu tun haben, das müssen die Menschen oft aus Pflicht tun. Ähnliche Sachen müssen so die Menschen und die Tiere tun, und deshalb kann man sie auch vergleichen.

[ 9 ] Well, you can compare a dog like that to a person who has to pay attention to something. You can often compare animals to people. What animals do out of instinct, people often have to do out of a sense of duty. People and animals have to do similar things, and that’s why you can compare them.

[ 10 ] Wenn zum Beispiel ein Mensch auf etwas aufzupassen hat wie der Fleischerhund vor der Fleischerbude, dann wird der Mensch sich etwas angewöhnen. Wenn einer kommt und etwas nehmen will, so wird er ihn beim Kamm nehmen - ja, so sagt man, wenn man jemand aufmerksam macht, daß er etwas nicht tun darf; so sagt man. Man sagt: «Beim Kamm nehmen», wenn man den Betreffenden hält. Beim Menschen sind es die Haare, es ist nicht ein richtiger Kamm. Man nimmt ihn bei den Haaren. Das tut ihm weh, daher reißt er nicht aus; daher tut man das. Und solche Sachen sagt man nicht so geradewegs, denn wenn man geradewegs so sagt: «Ich nehme dich bei den Haaren», so klingt es zu wenig spaßig. Es muß immer im Leben ein wenig Spaßiges beigemischt sein, daher sagt man: «Beim Kamm nehmen». Der Mensch hat Haare;

[ 10 ] For example, if a person has to keep an eye on something—like a butcher’s dog in front of a butcher shop—then that person will develop a habit. If someone comes along and tries to take something, the person will “grab them by the comb”—yes, that’s what people say when they’re warning someone not to do something; that’s how they put it. People say, “Grab him by the comb,” when they’re holding the person in question. With people, it’s the hair—it’s not an actual comb. You grab him by the hair. That hurts him, so he doesn’t break free; that’s why you do it. And you don’t say things like that so bluntly, because if you say it straight out like this: “I’ll grab you by the hair,” it doesn’t sound fun enough. There always has to be a little fun mixed in with life, which is why people say, “grab them by the comb.” People have hair;

[ 11 ] der Mensch ist manchmal etwas frech. Der Hahn ist fast immer frech; er hat einen Kamm. Deshalb sagt man: «Ich nehme dich beim Kamm.» So könnte man sich schon ganz gut vorstellen, wenn zum Beispiel ein anderes freches Vieh kommt und will sich aus der Fleischerbude ein Stück Fleisch holen, da könnte der Fleischerhund sagen: «Ich nehme dich aber beim Kamm!» — Da hätte man einen ganz guten Vergleich gemacht zwischen dem Menschen und dem Hund.

[ 11 ] People can be a little cheeky sometimes. Roosters are almost always cheeky; they have a comb. That’s why people say, “I’ll grab you by the comb.” So it’s easy to create a mental image of this, for example, if another cheeky animal came along and tried to snatch a piece of meat from the butcher’s shop, the butcher’s dog might say, “I’ll grab you by the comb!” — That would be a pretty good comparison between humans and dogs.

[ 12 ] Nun, ihr wißt, Kinder, es gibt auch noch andere Hunde, kleine, sie sind meist Faulenzer, elende Faulenzer! Sie liegen auf Kissen, sie liegen manchmal auch auf dem Schoß der Herrin. Kurz, es sind faule Kerle. Das sind die Polsterhündchen, die Schoßhündchen. So nützlich sind sie nicht wie der Fleischerhund. Der Fleischerhund, der dient zu etwas; die Polsterhündchen, die spielen nur, sind unnütz im Grunde. Aber der Fleischerhund wird, wenn irgend jemand etwas macht, was er nicht soll, ihn beim Kamm nehmen, das heißt ihn anfassen, packen und ordentlich durchschütteln. Das wird nützlich sein, denn das andere Tier wird dann das Fleisch nicht stehlen können. Das Polster- oder Schoßhündchen tut so etwas Nützliches nicht, das kläfft nur. Es kläfft jeden an, und namentlich, wenn andere große Hunde kommen, flugs ist das Schoßhündchen hinterher und kläfft und kläfft und kläfft. Aber Hunde, die bellen, die beißen nicht, so sagt das Sprichwort; so denken auch große Hunde, wenn sie vorbeigehen. Daher kann man auch sehen, wie große Hunde ganz gelassen vorbeigehen, die kleinen Kläffer kläffen lassen und sich denken: kläffende Hunde, die beißen nicht. — Mutig sind sie nicht, feig sind sie. Ein Fleischerhund muß immer schon Mut haben. Die Schoßhündchen, ja, die laufen nach und kläffen, aber wenn der andere sie anschaut, dann reißen sie gleich aus. Nun ja, seht ihr, diese Hündchen sind jedenfalls Faulenzer, machen nur Unnötiges auf der Welt und taugen zu nichts. Sie gleichen denjenigen Menschen, auf welche man nicht hören soll, wenn auch solche Menschen einen sehr oft ankläffen.

[ 12 ] Well, you know, children, there are other kinds of dogs, too—little ones. They’re mostly lazybones, miserable lazybones! They lie on pillows; sometimes they even lie on their mistress’s lap. In short, they’re lazy little fellows. These are the lap dogs, the little sofa dogs. They aren’t nearly as useful as the butcher’s dog. The butcher’s dog serves a purpose; the little sofa dogs just play around—they’re basically useless. But when someone does something they shouldn’t, the butcher’s dog will grab them by the scruff—that is, grab them, hold them tight, and give them a good shake. That’s useful, because then the other animal won’t be able to steal the meat. The lap dog doesn’t do anything useful like that—it just barks. It barks at everyone, and especially when other big dogs come along, the lap dog is right behind them, barking and barking and barking. But “dogs that bark don’t bite,” as the saying goes; that’s what big dogs think, too, when they walk by. That’s why you can see big dogs walking by quite calmly, letting the little yappers bark away, and thinking to themselves: barking dogs don’t bite. — They aren’t brave; they’re cowards. A butcher’s dog must always have courage. The lap dogs—yes, they run after others and yelp, but when the other dog looks at them, they run off right away. Well, you see, these little dogs are, in any case, lazybones; they do nothing but cause trouble in the world and are good for nothing. They’re like those people you shouldn’t listen to, even if such people bark at you very often.

[ 13 ] Diese Polsterhündchen sind ganz klein, der Fleischerhund ist groß. Nun gibt es aber auch so mittelgroße. So einer ist nicht so groß wie der Fleischerhund, aber er ist größer als der Schoßhund. Von solch mittlerer Größe ist der Schäferhund. Dieser Schäferhund muß das Vieh hüten. In manchen Gegenden ist das schwerer als bei uns. In manchen Gegenden, wie zum Beispiel in Rußland, da kommen die Wölfe. Und der Hund muß achtgeben, daß kein Wolf kommt oder ein anderes Tier; da muß er immer um die Herde herumlaufen. Daher hat sich die Gewohnheit gebildet, daß der Hund immer um die Herde herumläuft. Es ist ja auch bei uns gut, daß der Hund um die Herde herumläuft, denn der Hirt schläft oft, und da könnte etwas Böses kommen und etwas von der Herde wegholen. Deshalb läuft der Schäferhund herum und hütet die Herde. Auch wenn kein Wolf da ist, ist es gut, wenn der Schäferhund herumläuft und die Herde hütet, und manchmal auch den Hirten hütet und ihn aufweckt. Es könnte manchmal auch vorkommen, daß ein Hirte gestohlen würde, wenn er schläft.

[ 13 ] These little lap dogs are very small, while the butcher’s dog is large. But there are also medium-sized ones. One of these isn’t as big as the butcher’s dog, but it’s bigger than a lap dog. The German Shepherd is one of these medium-sized dogs. This German Shepherd has to herd the livestock. In some areas, this is harder than it is here. In some areas, like in Russia, for example, wolves come. And the dog has to be on the lookout for wolves or other animals; it has to keep running around the herd. That’s why the custom has developed of the dog always running around the herd. It’s also good here that the dog walks around the herd, because the shepherd often sleeps, and something dangerous could come along and take something from the herd. That’s why the sheepdog walks around and guards the herd. Even when there are no wolves around, it’s good for the sheepdog to walk around and guard the flock—and sometimes even to watch over the shepherd and wake him up. It could happen sometimes that a shepherd might be kidnapped while he’s sleeping.

[ 14 ] Also ein Hirtenhund, ein Schäferhund ist ein taugliches Wesen, ein nützliches Tier. Man kann sie auch vergleichen mit Menschen, die recht zum Leben stehen, die nicht unnütz sind wie die Faulenzer, die Polsterhündchen, die Schoßhündchen. Ja, es gibt solches auch im menschlichen Leben, diesen Unterschied zwischen solchen Menschen, die sind wie der Schäferhund, und solchen, die sind wie der Fleischerhund. Nützlich sind sie beide, wenn auch die, wie der Fleischerhund, manchmal grob sind. Manchmal sind sie so, daß sie ganz das Richtige in kurzer, treffender Rede sagen; daß sie so das Gefühl haben, man muß etwas bewachen, etwas hüten, man muß den Feind abwehren. Man kann den Schäferhund auch vergleichen mit Menschen, die mehr still ihre Arbeit verrichten, aber abwarten müssen, bis gerade die schweren Dinge ihrer Arbeit eintreten. Der Schäferhund läuft herum. Lange hat er nicht zu tun, aber er muß sich bereithalten, dann stark zu sein, mutig zu sein, gerüstet zu sein, wenn der Wolf oder ein anderer Feind kommt, um im rechten Augenblick zuzufassen. So sind auch manche Menschen verpflichtet, zu warten und wachsam zu sein, bis sie aufgerufen werden. Da dürfen sie sich nicht durch allerlei Kleinlichkeiten des Lebens kleinlaut machen lassen, müssen gerüstet bleiben bis zu dem Augenblick, wo sie das Richtige zu tun haben.»

[ 14 ] So a herding dog, a shepherd dog, is a capable creature, a useful animal. You can also compare them to people who have a healthy outlook on life, who aren’t useless like slackers, lap dogs, or lap-sitting dogs. Yes, this distinction exists in human life as well—between people who are like the shepherd dog and those who are like the butcher’s dog. Both are useful, even if those like the butcher’s dog are sometimes rough. Sometimes they are the kind who say exactly the right thing in a short, to-the-point speech; they have this sense that one must guard something, protect something, and ward off the enemy. One can also compare the sheepdog to people who go about their work more quietly but must wait until the difficult aspects of their work arise. The sheepdog runs around. For a long time, it has little to do, but it must remain ready—to be strong, to be courageous, to be prepared—so that when the wolf or another enemy comes, it can strike at the right moment. In the same way, some people are called upon to wait and remain vigilant until they are summoned. They must not allow themselves to be discouraged by life’s petty concerns; they must remain prepared until the moment when they are called upon to do what is right.”

[ 15 ] Sehen Sie, so würde ich mit Kindern sprechen, damit sie auf die Tierwelt in einem besonderen Fall hingewiesen werden und ihre Gedanken auf die Analogien zwischen Tieren und Menschen lenken. Wenn man so etwas besprochen hat, dann wird man das Folgende vorlesen können, ohne daß man nötig hat, hinterher Erklärungen dazu abzugeben. Wenn man folgende kleine Erzählung erst ohne Erklärung den Kindern geben würde, dann würden sie nicht die volle Vorbereitung haben, weil ihre Empfindungen und Gefühle nicht auf alles hingelenkt sind. Wenn man erst hinterher Erklärungen geben würde, würde man es pedantisch zerzausen, und sie würden es auch nicht richtig lesen können.

[ 15 ] You see, this is how I would speak to children so that they become aware of the animal world in a specific context and direct their thoughts toward the analogies between animals and humans. Once you’ve discussed something like this, you’ll be able to read the following aloud without needing to provide explanations afterward. If you were to present the following short story to the children without any explanation first, they would not be fully prepared, because their senses and feelings would not be focused on everything. If you were to provide explanations afterward, you would ruin it by overanalyzing it, and they would not be able to read it properly either.

Der Schäferhund

The German Shepherd

Ein alter Hirtenhund, der seines Herrn Vieh treulich bewachte, ging abends heim. Da kläfften ihn die Polsterhündchen auf der Gasse an. Er trabt vor sich hin und sieht sich nicht um. Als er vor die Fleischbank kommt, fragt ihn ein Fleischerhund, wie er das Gebell leiden könne, und warum er nicht einen beim Kamm nehme. «Nein», sagte der Hirtenhund, «es zwackt und beißt mich ja keiner, ich muß meine Zähne für die Wölfe haben.»

An old sheepdog, who had faithfully guarded his master’s livestock, was walking home one evening. As he walked down the alley, the little lap dogs began yapping at him. He trotted along without looking back. When he reached the butcher’s shop, a butcher’s dog asked him how he could stand the barking and why he didn’t take one by the scruff of the neck. “No,” said the sheepdog, “it doesn’t sting or bite me—I need my teeth for the wolves.”

[ 16 ] Dann braucht man gar nichts mehr zu den Kindern zu sagen; man muß vorher vorbereiten, daß es die Kinder verstehen.

[ 16 ] Then there's no need to say anything else to the children; you have to prepare them beforehand so that they understand.

[ 17 ] Ein anderes Mal sprechen Sie zu den Kindern das Folgende: «Meine lieben Kinder! Ihr seid schon öfter spazierengegangen, seid spazierengegangen auf der Wiese, zwischen den Feldern, aber auch im Wald, auch manchmal so am Rand, wo der Wald an die Wiese grenzt. Wenn ihr im Wald drinnen geht, dann geht ihr ganz im Schatten; aber wenn ihr so am Rande des Waldes geht, dann kann von der einen Seite auch noch recht scharf die Sonne scheinen. Dann könnt ihr, wenn an den Wald eine Wiese angrenzt, ganz ruhig betrachten, wie die Blumen wachsen. Es wird immer ganz gut für euch sein, wenn ihr besonders die Plätze aussucht für eure Spaziergänge, wo Wald und Wiese aneinander grenzen. Dann könnt ihr immer bald im Wald, bald auf der Wiese etwas aussuchen. Da könnt ihr immer von neuem betrachten, wie das Gras wächst, und wie die Pflanzen und die Blumen im Gras drinnen wachsen.

[ 17 ] Another time, you say the following to the children: “My dear children! You’ve gone for walks many times before—in the meadow, between the fields, but also in the forest, and sometimes right at the edge where the forest meets the meadow. When you walk deep inside the forest, you’re completely in the shade; but when you walk along the edge of the forest, the sun can still shine quite brightly from one side. Then, if a meadow borders the forest, you can calmly watch the flowers grow. It will always be good for you to choose places for your walks where the forest and the meadow meet. Then you can always find something to look at—sometimes in the forest, sometimes in the meadow. There you can always observe anew how the grass grows, and how the plants and flowers grow within the grass.

[ 18 ] Aber seht, ganz besonders lieblich und angenehm ist es, wenn man nicht bloß durch den Wald und auf die Wiesen gehen kann, sondern wenn die Wiesen noch besonders zwischen Bergen gelegen sind, in Tälern. Auf solchen Wiesen findet man noch viel Interessanteres als auf Wiesen, die zuviel von der Sonne beschienen werden. Talwiesen, die von den Bergen beschützt werden, die haben sehr schöne Blumen, und diese Blumen, die wachsen sehr häufig so, daß man sie auch zwischen dem Moos sieht, das da ganz besonders wächst in solchen Wiesentälern. Besonders die Veilchen, die sind gerade dort, wo das Moos benachbart ist.»

[ 18 ] But look, it is especially lovely and pleasant when you can not only walk through the forest and across the meadows, but when the meadows are also nestled among the mountains, in valleys. In such meadows, you’ll find things far more interesting than in meadows that get too much sun. Valley meadows, sheltered by the mountains, have very beautiful flowers, and these flowers often grow in such a way that you can see them even among the moss, which grows particularly well in such meadow valleys. Violets, in particular, are found right where the moss is nearby.”

[ 19 ] Jetzt kann man dann weiter mit den Kindern von Moos und Veilchen sprechen, kann vielleicht ein Kind aufrufen, das Veilchen zu beschreiben, ein anderes, das das Moos besprechen soll. Man kann sogar versuchen, wenn es gerade welche gibt, an dem Tage Veilchen und Moos mitzubringen. Sie sind ja beide zu gleicher Zeit zu haben.

[ 19 ] Now you can continue talking with the children about moss and violets; perhaps you can ask one child to describe the violet and another to talk about the moss. You can even try, if they’re available, to bring some violets and moss with you that day. After all, they’re both in season at the same time.

[ 20 ] Dann fährt man etwa fort: «Aber seht mal, liebe Kinder, wenn ihr solch ein Wiesental in der Nähe habt, dann könnt ihr erleben, daß ihr hinausgeht, und ihr seht nur Moos. Ja, dann geht ihr in acht Tagen wieder hinaus. Was seht ihr dann? Im Moos die Veilchen! Ja, die sind erst herausgewachsen, die waren früher im Moos drin versteckt. Ihr merkt euch das. Und wenn ihr das nächste Jahr hinausgeht, dann könnt ihr noch eine größere Freude haben. Da denkt ihr: «Im Frühjahr waren hier noch keine Veilchen! Wir haben noch keine gesehen.» — Nun versucht ihr, das Moos auseinander zu machen. Aha, da ist das Veilchen darin!

[ 20 ] Then you might continue something like this: “But look, dear children, if you have a meadow like this nearby, you’ll find that when you go out, all you see is moss. Yes, then you go out again in eight days. What do you see then? Violets in the moss! Yes, they’ve just come up; they used to be hidden in the moss. Remember that. And when you go out next year, you’ll have even more joy. You’ll think: ‘There weren’t any violets here in the spring! We hadn’t seen any yet.’—Now try to part the moss. Aha, there’s the violet in there!

[ 21 ] Es ist in der Natur, meine lieben Kinder, oftmals gerade so, wie es unter den Menschen ist. Da ist oftmals auch manches Gute und manches Schöne verborgen. Mancher Mensch wird nicht bemerkt, weil das Gute in ihm versteckt ist, weil es noch nicht gefunden ist. Man muß sich ein Gefühl dafür aneignen, die guten Menschen unter der Menge herauszufinden.

[ 21 ] In nature, my dear children, things are often just as they are among people. There, too, many good and beautiful things are often hidden. Some people go unnoticed because the good within them is hidden, because it has not yet been discovered. One must develop a sense for identifying good people among the crowd.

[ 22 ] Ja, seht, liebe Kinder, man kann noch weiter das menschliche Leben mit der Natur vergleichen. Denkt euch einmal selbst so ein ganz gutes Menschenkind, dann werdet ihr auch finden, daß ein solches Menschenkind auch immer ganz gute, brave Worte redet. Nun gibt es bescheidene Menschenkinder und unbescheidene Menschenkinder. Bescheidene Menschenkinder, die wird man weniger bemerken. Unbescheidene Menschenkinder, die werden aber bemerkt sein wollen.

[ 22 ] Yes, see, dear children, human life can be compared to nature in even more ways. Just imagine for yourselves a very good child, and you’ll find that such a child always speaks very good, well-behaved words. Now, there are modest children and immodest children. Modest children—they’re less likely to be noticed. Immodest children, however, will want to be noticed.

[ 23 ] Seht, das Veilchen ist ja recht schön, aber wenn ihr so dieses Veilchen anschaut, wie es seine ganz lieblichen Veilchenblätter so hinaufstrafft, so werdet ihr doch merken: das Veilchen will bemerkt werden, es will angeschaut werden. Ich kann das Veilchen nicht vergleichen mit einem bescheidenen Kindchen, das sich zurückzieht und in der Ecke bleibt. Ihr könntet es nur vergleichen mit einem Kinde, das eigentlich sehr gerne gesehen wird. Ja, aber es zeigt sich doch nicht, wenn es im Moos versteckt ist? Ja, seht ihr, wenn ihr das Veilchen so anseht zwischen den Blättern, wie das herauskommt, und das Ganze wieder da aus dem Moose herauskriecht, das ist doch gerade so, als wenn das Veilchen ja gar nicht bloß gesehen sein möchte, als wenn es nicht bloß sich riechen lassen möchte; das ist doch so, als wenn es sich suchen lassen möchte: «Ja, Ja, Ja, Ja, Ja, da bin ich schon! Aber suchen mußt du mich!» - Dieses Veilchen, das ist so etwas wie ein nicht ganz bescheidenes Menschenkind, aber auch so etwas wie ein schalkhaftes Menschenkind.»

[ 23 ] Look, the violet is certainly quite beautiful, but when you look at this violet—the way it holds up its lovely violet petals—you’ll surely notice: the violet wants to be noticed; it wants to be looked at. I can’t compare the violet to a modest little child who withdraws and stays in the corner. You could only compare it to a child who actually really likes to be seen. Yes, but it doesn’t show itself when it’s hidden in the moss, does it? Yes, you see, when you look at the violet like that among the leaves, the way it emerges, and the whole plant crawls out of the moss again—it’s just as if the violet doesn’t merely want to be seen, as if it doesn’t merely want to be smelled; it’s as if it wants to be sought out: “Yes, yes, yes, yes, yes, here I am! But you have to look for me!”—This violet is something like a not-quite-modest human child, but also something like a mischievous human child.”

[ 24 ] Es ist ganz gut, wenn man mit den Kindern solche Parallelen, solche Analogien zwischen Natur und Menschenwesen durchspricht, damit sich alles, was in der Nähe des Kindes ist, belebt.

[ 24 ] It is quite beneficial to discuss such parallels and analogies between nature and human beings with children, so that everything around the child comes to life.

[ 25 ] Es wird gut sein, alle solche Besprechungen mit den Kindern als Vorbereitung zu halten, um von den Kindern irgend etwas genießen zu lassen. Nach dem Lesestück sollen überhaupt Erklärungen nicht mehr gegeben werden. Nicht wahr, es wäre doch Unsinn, wenn ich anfangen wollte, Ihnen jetzt auf chinesisch etwas vorzutragen. Sie würden sagen: Na, das hat doch keinen Sinn; Chinesisch haben wir doch nicht gelernt. — Wenn Sie aber alle Chinesisch kennen würden, und ich zu Ihnen sprechen würde, würden Sie es höchst langweilig finden, wenn ich Ihnen hinterher alles erklären wollte. So soll man es aber auch mit einem Lesestück halten: alles tun, was es zum Genuß bringen kann.

[ 25 ] It would be a good idea to hold all such discussions with the children as preparation, so that they can get some enjoyment out of it. After the reading, no further explanations should be given at all. Wouldn’t it be nonsense if I were to start reciting something to you in Chinese right now? You would say: “Well, that doesn’t make any sense; we haven’t learned Chinese.” — But if you all knew Chinese, and I were to speak to you, you would find it extremely boring if I tried to explain everything to you afterward. That is how one should approach a reading passage as well: do everything possible to make it enjoyable.

[ 26 ] Etwas ausführlicher, indem Sie die Kinder recht viel mittun lassen, reden Sie so über Bescheidenheit der Menschen und Unbescheidenheit und Koketterie, und dann lesen Sie ihnen vor:

[ 26 ] In a bit more detail, by letting the children participate quite a bit, talk to them about modesty, immodesty, and coquetry, and then read the following to them:

Ei, was blüht so heimlich am Sonnenstrahl?
Das sind die lieben Veilchen, die blühn im stillen Tal,
Blühen so heimlich im Moose versteckt,
Drum haben auch wir Kinder kein Veilchen entdeckt.

Und was steckt sein Köpfelein still empor?
Was lispelt aus dem Moose so leise, leis’ hervor?
«Suchet, so findet ihr! suchet mich doch!»
Ei, warte, Veilchen, warte! wir finden dich noch!

Hoffmann von Fallersleben

Oh, what is blooming so secretly in the sunshine?
They are the lovely violets, blooming in the quiet valley,
Blooming so secretly, hidden in the moss,
That’s why even we children haven’t spotted a single violet.

And what is that little head peeking up quietly?
What is whispering so softly, so softly from the moss?
“Seek, and you will find! Come find me!”
Oh, wait, little violet, wait! We’ll find you yet!

Hoffmann von Fallersleben

[ 27 ] Wenn Sie das Kind die Sprache des Gedichtes gelehrt haben, dann kann das Kind in allen Nuancen mitmachen, dann brauchen Sie nicht hinterher durch einen Kommentar und Pedanterie ihm den Eindruck zu verderben. Das ist es, was ich Ihnen zur Behandlung von Lesestücken empfehlen möchte, weil Sie dadurch die Gelegenheit haben, vieles mit den Kindern zu besprechen, was dem Schulunterricht überhaupt angehören soll, und weil Sie dem Kinde ungeteilte Befriedigung geben können in solchem Lesestücke. Das ist es also, was ich Ihnen mit Bezug auf die Behandlung des Lesestückes ans Herz legen möchte.

[ 27 ] Once you have taught the child the language of the poem, the child can engage with all its nuances; then you need not spoil the experience afterward with commentary or pedantry. This is what I would like to recommend to you regarding the handling of reading passages, because it gives you the opportunity to discuss with the children many things that should be part of school instruction, and because you can give the child undivided satisfaction through such reading passages. So this is what I would like to urge you to do with regard to the handling of reading passages.

[ 28 ] Jetzt wollen wir fortfahren in der Behandlung der Kindesseele. Ich habe Sie gestern gebeten, nachzudenken, wie man behandeln soll Frömmlinge, Brävlinge; Bravlinge, die sich durch ihre Scheinheiligkeit, Bravheit vordrängen, sich aber nicht zum Nutzen der Klasse ausleben.

[ 28 ] Now let us continue our discussion of the children’s souls. Yesterday I asked you to reflect on how to deal with the pious and the well-behaved—those who push themselves to the front through their hypocrisy and good behavior, but who do not act in the best interests of the class.

Es folgen Ausführungen der Anwesenden.

Below are remarks from those in attendance.

[ 29 ] Rudolf Steiner: Ich habe diese Frage besonders aus dem Grunde gestellt, weil es schwierig ist, zu unterscheiden zwischen schädlichen und nützlichen Brävlingen. Man muß beachten, ob man es mit solchen zu tun hat, die später wirklich einmal eine Rolle spielen. Die sind auch so. Sie sind nützliche Brävlinge, aber unbequem.

[ 29 ] Rudolf Steiner: I asked this question specifically because it is difficult to distinguish between harmful and useful braggarts. One must consider whether one is dealing with those who will actually play a role later on. They are like that, too. They are useful braggarts, but inconvenient.

[ 30 ] Da könnte man die Geschichte erzählen, wie der Esel zu seinen Ohren kam. Man kann auch schärfere Mittel anwenden gegen besondere Brävlinge. Man sollte sie aber nicht vor der Klasse bloßstellen und beschämen. Das wirkt zuviel. Man kann aber einem Streber übergroße Leistungen, zum Beispiel Stabübungen auferlegen und dann die Tatsachen sprechen lassen, so daß das Kind sieht, daß es die Leistung nicht erfüllen kann, und daß es das dem Lehrer sagen muß. Dadurch zeigt sich, ob das Streben echt ist.

[ 30 ] You could tell the story of how the donkey got its ears. You can also use harsher measures against particularly bratty students. However, one should not expose them to ridicule or shame in front of the class. That is too harsh. Instead, one can assign an overachiever overly demanding tasks—such as pole exercises—and then let the facts speak for themselves, so that the child sees that they cannot complete the task and must tell the teacher so. This reveals whether their ambition is genuine.

Es geben noch andere Teilnehmer Darstellungen hierzu.

There are other participants' accounts of this as well.

[ 31 ] Rudolf Steiner faßt am Schluß folgendermaßen zusammen: Ja, im wesentlichen ist ja bei dieser Diskussion die Sache schon herausgekommen, um die es sich handelt.

[ 31 ] Rudolf Steiner summarizes as follows at the end: Yes, essentially, the issue at hand has already come to light in this discussion.

[ 32 ] Das erste wird sein, daß man versucht, sorgfältig festzustellen, ob es sich handelt um ein berechtigtes Hervortun der begabteren Schüler, die mehr leisten können. Bei diesen wird man darauf sehen, daß nicht die größere Begabung in ehrgeizigen Egoismus übergehe. Man wird versuchen, das, was sie mehr können, für die anderen fruchtbar zu machen. Einen solchen Brävling wird man im Sinne seines größeren Könnens etwas machen lassen, was den anderen zugute kommt, so daß er nicht nur für sich, sondern auch für die anderen mitarbeitet. Kann er besser rechnen, so läßt man ihn den anderen vorrechnen und die anderen sich an ihm hinaufranken. Wenn er dann vom Lehrer die Folge seiner Gesinnung erfährt, die sich so ausdrücken kann: «Der Müller ist ein guter Junge. Seht, der Müller, der kann ja recht viel. Solche Menschen können den anderen viel nützen. Und ich lobe euch nun alle dafür, daß ihr von dem Müller so viel gelernt habt.» — Also überleiten das Lob auf den einen in das Lob für alle!

[ 32 ] The first step will be to carefully determine whether this is a case of justified self-assertion on the part of the more gifted students, who are capable of greater achievement. In such cases, care must be taken to ensure that greater talent does not turn into ambitious egotism. One will strive to make what they can do better beneficial to the others. Such a high achiever will be given tasks, in keeping with his greater ability, that benefit the others, so that he works not only for himself but also for the others. If he is better at math, he should be allowed to work through problems with the others so that they can learn from him. When the teacher then explains the significance of this attitude—which might be expressed as follows: “Müller is a good boy. Look, Müller can do quite a lot. People like that can be of great use to others. And I now praise all of you for having learned so much from Müller.”—In this way, praise for one person leads to praise for everyone!

[ 33 ] Hat man solche richtige hervorragende Schülerbegabung abgesondert, und hat man die wirklichen Brävlinge, die immer existieren, ausgesondert, dann kennt man sie, und man wird sie fast immer durch Vereinigung von zwei Methoden zu behandeln haben.

[ 33 ] Once you have identified these truly outstanding students and weeded out the real show-offs—who are always around—then you know who they are, and you will almost always have to deal with them by combining two methods.

[ 34 ] Das erste wird sein, daß man mit ihnen, nicht vor der Klasse selber, sondern unter vier Augen reden wird. So daß sie einsehen, sie sind durchschaut. Man redet mit ihnen sehr eindringlich: «Ihr macht dieses, ihr macht das», und man charakterisiert auch diese Eigenschaften und legt nachher in diesem Falle die Sache auf die persönliche Note. «Ihr könnt das immer machen, ihr könnt das immer wieder und wieder machen. Ihr glaubt, das sei mir angenehm, ihr tut mir damit einen Gefallen? Nein, ich will das gar nicht haben. Es ist mir unangenehm!» Nicht vor der Klasse, aber unter vier Augen spricht man so zu ihnen. Das ist das eine. Man macht dem Schüler ganz klar, daß man ihn durchschaut.

[ 34 ] The first step will be to speak with them—not in front of the class, but in private. This is so they realize they’ve been seen through. You speak to them very forcefully: “You do this, you do that,” and you also point out these traits, and in this case, you make the matter personal. “You can always do this; you can do it over and over again. Do you think this pleases me, that you’re doing me a favor? No, I don’t want that at all. It’s unpleasant for me!” Not in front of the class, but in private, you speak to them this way. That is one thing. You make it very clear to the student that you see right through him.

[ 35 ] Das andere ist dieses: Man stellt ihm Aufgaben, die ihm zu groß sind, und versucht, ihm klarzumachen, wenn er diese übergroßen Aufgaben lösen muß, so ist es deshalb, weil er sich hervortun will. Es ist schwerer für ihn, diese Eigenschaften zu bekämpfen, als übergroße Aufgaben zu lösen. Aber unangenehmer ist es für ihn, diese Aufgaben zu machen. Deshalb wird er sich bemühen. Wir müssen ihm sagen, daß er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich hervordrängt. Aber wenn er diese Eigenschaften bekämpft, wird er keine anderen Aufgaben machen müssen als die übrige Klasse.

[ 35 ] The other point is this: People give him tasks that are too big for him and try to make him understand that if he has to tackle these overwhelming tasks, it is because he wants to prove himself. It is harder for him to combat these traits than to tackle overwhelming tasks. But it is more unpleasant for him to do these tasks. That is why he will make an effort. We must tell him that he is given such tasks because he pushes himself forward. But if he combats these traits, he will not have to do any tasks other than those assigned to the rest of the class.

[ 36 ] Man kann aber namentlich die beiden Dinge für einen Schüler oder eine Schülerin zusammenkoppeln und wird dadurch, daß man ihm sagt, daß man ihn durchschaut, und ihm sagt, daß er solche Aufgaben deshalb bekommt, weil er sich vordrängt, durch das Zusammenkoppeln dieser beiden Sachen sicher viel erreichen. Sie werden sehen, daß Sie den Schüler nach einiger Zeit kuriert haben werden, wenn Sie diese Methoden anwenden.

[ 36 ] However, one can specifically link these two things together for a student—and by telling the student that you see right through him or her, and that the student is given such assignments precisely because he or she is pushing ahead—you can certainly achieve a great deal by linking these two things together. You will see that, after some time, you will have “cured” the student if you apply these methods.

[ 37 ] Wir werden ja noch manche größere Aufgabe zu lösen haben in diesen Seminarstunden. Für morgen aber möchte ich noch eine ähnliche Aufgabe stellen, die mit der letzten etwas verwandt, aber doch wieder anders ist, und bei deren Behandlung auch die Eurythmie in Betracht zu ziehen ist. Verzeihen Sie, daß ich diese Aufgabe stelle, aber sie gehört in das Gebiet der Didaktik: Was hat man zu tun, wenn sich unter den Schülern oder Schülerinnen ein besonderer Schwarm entwickelt für den Lehrer oder die Lehrerin?

[ 37 ] We will, of course, have many more challenging tasks to tackle during these seminar sessions. For tomorrow, however, I would like to assign a similar task—one that is somewhat related to the last one, yet different in its own way—and one that also requires consideration of eurythmy. Please forgive me for assigning this task, but it falls within the realm of pedagogy: What should one do when a particular group of students develops a strong infatuation with the teacher?

[ 38 ] «Schwarm», versteht jemand das nicht? Wenn ein Schüler schwärmt für eine Lehrerin oder umgekehrt, eine Schülerin für einen Lehrer, oder eine Schülerin für eine Lehrerin oder ein Schüler für einen Lehrer. Es kommen ja alle diese betreffenden Nuancen vor. Dieses tatsächlich richtige Schwärmen, das sehr störend auf die Fortführung des Unterrichts wirken kann, dies bitte ich Sie zu bedenken, wie das zu behandeln ist.

[ 38 ] “Crush”—doesn’t anyone understand that? When a student has a crush on a female teacher, or vice versa—a female student on a male teacher, or a female student on a female teacher, or a male student on a female teacher. All these nuances do come up. This genuine infatuation, which can be very disruptive to the continuation of class—I ask you to consider how this should be handled.

[ 39 ] Es muß schon in einem Grade vorhanden sein, daß es wirklich den Unterricht stört. Ich meine natürlich durchaus nicht das echte Respektieren, die richtige Achtung, und auch nicht ein richtiges Hinneigen in Liebe zur Lehrerin oder zum Lehrer, sondern eben dieses, was den Unterricht stört durch ein ungesundes Schwärmen, wie es ja häufig in den Klassen vorkommt.

[ 39 ] It must be present to such an extent that it actually disrupts the class. Of course, I am by no means referring to genuine respect, proper esteem, or even a healthy affection for the teacher, but rather precisely that which disrupts the lesson through an unhealthy infatuation, as so often occurs in classrooms.