The Concept and Practice of Waldorf schools
GA 297
31 August 1919, Stuttgart
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Spirit of the Waldorf School, tr. Lathe, et. al.
3. Vortrag für die Eltern der Waldorfschulkinder
A Lecture for Prospective Parents of the Waldorf School
Dem Vortrag von Rudolf Steiner ging folgende kurze Ansprache von Emil Molt voraus:
Not translated
Meine sehr verehrten Anwesenden! Nur noch acht Tage trennen uns von dem Zeitpunkt, wo wir in der glücklichen Lage sein werden, das zu verwirklichen, worauf wir uns schon seit vielen Wochen freuen, nämlich auf die Eröffnung der Waldorfschule.
Not translated
Sie wissen ja alle, aus welchem Geiste heraus wir uns die Absicht vorgelegt hatten, diese eigene Schule ins Leben zu rufen. Sie wissen, daß wir damit eine ernste Absicht zu verwirklichen bestrebt sind, nämlich die, es mit der Sozialisierung ernst zu meinen und die Sozialisierung wenigstens in einer Beziehung durchzuführen, nämlich zuallererst auf dem Gebiet, auf dem es am allermeisten nottut, dem Gebiet des Erziehungs- und Unterrichtswesens. Und ich fühle mich persönlich ungemein beglückt, daß es mir vergönnt war, diesen Plan in die Wirklichkeit zu übertragen.
Not translated
Indem ich dieses ausspreche, bin ich mir der ungeheuren Verantwortung wohl bewußt, die auf demjenigen liegt, der ein so kühnes Unternehmen in der heutigen Zeit wagt zu vollziehen. Und ich spreche hier offen und klar aus, daß es mir unmöglich gewesen wäre, diesen Plan zu hegen und zu verwirklichen, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, mich so viele Jahre hindurch durch den Geist der anthroposophischen Weltanschauung befruchten zu lassen. Und ich möchte hier gleich bemerken, damit es gar keine Mißverständnisse gibt, daß unsere Schule keinesfalls eine Weltanschauungsschule sein soll und keinesfalls das gepflegt werden soll als solches, daß aber immerhin ausgesprochen werden muß, daß es der Geist der anthroposophischen Weltauffassung war, welcher mich zu diesem Schritt bewogen hat. Und ich fühle es als meine tiefe Pflicht, an dieser Stelle gerade Herrn Dr. Steiner meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen dafür, daß er mir seinen Rat in dieser ungemein schwierigen Angelegenheit hat zuteil werden lassen. Und ich verbinde diesen tiefen Dank mit der herzlichen Bitte, auch in Zukunft uns in diesem neuen geistigen Unternehmen seinen Rat und Hilfe angedeihen zu lassen. Denn ich persönlich bin mir wohl bewußt, daß die Aufgabe eine zu schwere ist und daß wir sie nicht lösen können, wenn wir nicht die Hilfe und den Rat von Herrn Dr. Steiner genießen dürfen.
Not translated
Meine sehr verehrten Anwesenden! Wir haben Sie heute hergebeten, um Ihnen Gelegenheit zu geben, durch Herrn Dr. Steiner selbst einiges über unsere Waldorfschule zu hören. Und ich möchte Sie bitten, falls sich irgendwelche Fragen in Ihnen einstellen, daß Sie am Schluß des Vortrages diese Fragen an uns stellen, damit nichts ungeklärt bleibt. Wie ich vorhin schon bemerkte, werden wir in acht Tagen das Fest der Einweihung haben, und ich benütze die Gelegenheit, Sie hierzu herzlichst einzuladen. Das Nähere werden Sie noch hören.
Not translated
Ich möchte nur noch bemerken, daß vor etwa zehn Tagen ein Kursus für die Lehrerschaft begonnen hat unter der Anleitung von Herrn Dr. Steiner und daß in demjenigen, der wie ich das Glück hat, diesen Kursus zu besuchen, das Gefühl aufsteigt, daß es mit dieser Waldorfschule eine ganz besondere Bewandtnis hat. Es ist eine tiefe Andacht und eine tiefe Weihe, die von diesem Kursus ausgeht und die sich auf die Lehrerschaft überträgt. Und ich fühle, wie sich das wiederum übertragen wird auf die Kinder und daß wir die Überzeugung haben dürfen, daß der Schulunterricht auf diese Weise für die Kinder eine Freude und ein Genuß werden wird. Und nie habe ich es so sehr bedauert wie gerade in diesen Tagen, nicht selbst wieder jung sein zu dürfen und dieser Schule angehören zu dürfen. Denn wenn man Mithörer, Miterleber dieses Kursus sein darf, dann kommt einem zum Bewußtsein, was alles an einem in der Jugend versäumt worden ist, in der Erziehung und im Unterricht, und wie schwer es ist im Alter, alle diese Lücken, all das Versäumte wieder auszufüllen, wieder nachzuholen; wie groß aber auch das Glück für einen sein mag, daß das, was an den Eltern, an den Großen versäumt wurde, nun nachgeholt werden kann an den Jungen.
Not translated
Und so wissen Sie auch, daß dieser soziale Gedanke es war, der mich besonders geleitet hat: daß Sie, die Sie als Eltern nicht mehr in der Lage sind, sich all die Bildung angedeihen zu lassen, die notwendig ist, um auf höhere Stufen des Berufslebens emporzuklettern, nun wenigstens das Glück haben sollen zu sehen, wie die Jugend die Bildung sich aneignen kann, die eben notwendig ist, um höhere Stufen im Berufsleben und im sonstigen Leben erklimmen zu können. Deshalb war ich so glücklich, daß wir hier als erste — nicht nur in Stuttgart, sondern vielleicht in Deutschland - in der Lage sind, eine solche Einheitsschule ins Leben zu rufen, welche eben eine Einheitsschule im wahrsten Sinne des Wortes ist und welche das verwirklicht, wovon heute wohl überall gesprochen wird, was aber bisher noch nirgends in die Tat umgesetzt worden ist. Es wird bei uns der Fall sein, daß in dieser Schule allerdings ein merkwürdig zusammengewürfeltes Völklein sich einstellen wird: Es werden nicht nur die Kinder der Volksschule, der Mittelschule, der Realschule, sondern auch die Kinder der Gymnasien auf ein und derselben Schulbank sitzen, Knaben und Mädchen, alles bunt durcheinander geworfen. Und darin liegt, dessen sind wir uns wohl bewußt, eine ungemeine Schwierigkeit. Aber gerade angesichts der Tatsache, daß wir uns einerseits der Hilfe und des Beistandes des Herrn Dr. Steiner sicher sein dürfen, und andererseits aufgrund der Auswahl der Lehrkräfte dürfen wir hoffen und die Überzeugung hegen, daß auch diese Schwierigkeiten behoben werden. So haben wir den Mut, auch nach dieser Richtung hin der Meinung zu sein, daß diese Schwierigkeiten gelöst werden.
Not translated
Allerdings, und das möchte ich betonen, können diese Schwierigkeiten in der Hauptsache überwunden werden dann, wenn die richtige Fühlung vorhanden ist zwischen Schule und Elternhaus. Und da wird es ganz besonders Ihre Aufgabe sein, sehr geehrte Anwesende und Eltern, daß Sie in der richtigen Weise zusammenwirken mit der Lehrerschaft der Waldorfschule. Dann wird das Werk, das wir heute beginnen, zum Segen und zum Heil nicht nur der Waldorf-Astoria, sondern der Allgemeinheit ausschlagen und gedeihen.
Not translated
Ich darf vielleicht noch bemerken, daß in dieser Schule zu einem kleinen Teil auch Kinder von unseren nächsten anthroposophischen Freunden anwesend sein werden, allerdings nur eine beschränkte Zahl. Aber wir hielten es für selbstverständlich, daß auch diese Kinder mit hineingenommen werden sollen zu den Kindern der Waldorf- -Leute, weil uns daran lag, gerade dadurch auch zum Ausdruck zu bringen, in welchem Sinne wir uns diese Sozialisierung denken, weil wir wollen, daß eben Kinder aller Schattierungen in der Waldorfschule anwesend sein werden.
Not translated
Und nun möchte ich Herrn Dr. Steiner bitten, uns seine Ausführungen zu geben, und möchte schließen mit dem herzlichen Wunsche: Unser Werk, das wir heute beginnen - es möge zum Heil und zum Segen von uns allen ausschlagen!
Not translated
[ 1 ] Rudolf Steiner: Als Herr Molt daran ging, zunächst für die Angehörigen der von ihm geleiteten Fabrik eine Schule zu begründen, da lag es wohl in seiner Absicht, unserer für die Menschheit so sehr schweren Zeit durch ein Mittel zu dienen, durch das vor allen Dingen an der Wiedergesundung unserer sozialen Zustände mitgearbeitet werden kann. Es ist ja wohl in alle Ihre Seelen geschrieben, daß aus den Verhältnissen, die wir erleben und die sich seit drei bis vier Jahrhunderten in der sogenannten zivilisierten Menschheit heraufentwickelt haben, sich etwas anderes gestalten müsse. Aber es müßte auch in Ihre Seelen tief eingeschrieben sein, daß vor allen Dingen neben den anderen Verhältnissen auch eine andere Art notwendig ist, den Menschen durch Erziehung, Bildung und Unterricht in die Welt hineinzustellen, als dies aus den alten Verhältnissen heraus in den letzten drei bis vier Jahrhunderten veranlagt worden ist und heute eigentlich auf seinen Höhepunkt gediehen ist.
[ 1 ] When Mr. Molt first set out to found a school for the children of his employees, clearly his intention was to serve humanity in these difficult times. He chose a means which we must employ above all others when working to heal our social conditions. It is written in all your souls that we must create something new out of the conditions that we experience—the conditions that have developed over the past three or four centuries in the so-called civilized world. It must also have been deeply written in your souls that what we need above all to achieve other conditions is a different way of preparing human beings for a place in the world, through upbringing and education. What we need is a way untainted by the traditions of the past three or four centuries that are now reaching their zenith.
[ 2 ] Wir erwarten eine ganz andere soziale Gestaltung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse in der Zukunft, als sie in der Gegenwart da ist. Und wir erwarten das mit Recht. Wir sehen auf unsere Kinder, auf die nächste Generation, und man darf überzeugt sein, daß insbesondere diejenigen, die als Eltern liebend hinschauen auf ihre Kinder, oftmals den Gedanken in ihren Herzen hegen: Wie werden sich diese unsere Lieben hineinstellen in eine Ordnung, die ganz anders sein muß als die gegenwärtige? Wie werden sie auf der einen Seite dem Neuen gewachsen sein, das in die Menschheit kommen muß? Wie werden sie aber selbst heranwachsend nach und nach etwas beitragen können zu einer solchen Gestaltung der sozialen Verhältnisse, daß diejenigen, die nach uns kommen, es anders haben als wir selbst? Daß die nach uns Kommenden in einem ganz anderen Sinne in einem menschenwürdigen Dasein drinnen leben als wir selbst?
[ 2 ] For the future, we expect a social structure much different from the one of the present. We have a right to expect that. We look lovingly at our children, at the next generation, and we, particularly those who are parents, often have misgivings in our hearts. How will our loved ones fit into a society that must be so different from that of the present? Will they be equal to the new social challenge coming to humanity? Will they be capable of contributing to the formation of society, so that those who come after us will have it other than we have had, will have, in a much different sense, a more humane existence than we have had?
[ 3 ] Es fühlt ja wohl ein jeder Mensch, daß die Erziehungs- und Unterrichtsfrage in ganz vorzüglichem Sinne — insbesondere in einer solchen Zeit, wie die unsrige ist, in einer Zeit des Umschwunges und der Umwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse - eine soziale Frage allerersten Ranges ist. Und wenn wir zurückblicken auf das Furchtbare, das die Menschheit in den letzten Jahren über das zivilisierte Europa hin erlebt hat, wenn wir auf die Ströme von Blut blicken, die geflossen sind, und wenn wir auf das große Heer der unglücklich gewordenen Menschen sehen, der am Leibe zerschlagenen, in der Seele zerrütteten Menschen sehen, die aus den unnatürlichen Verhältnissen der letzten Zeit haben hervorgehen müssen, dann quillt wohl in uns die Sehnsucht auf, uns zu fragen: Wie müssen die Menschen erzogen werden im weitesten Umfang, daß in der Zukunft solches unmöglich werde? - Aus der Not und dem Elend heraus muß auch Verständnis erwachsen für den Anteil der Erziehung an einer besseren sozialen Gestaltung der menschlichen Verhältnisse.
[ 3 ] Everyone feels that the question of upbringing and education is, in a profound sense, a question of the highest order. This is particularly true in times like ours, times of sudden change and transformation of society. We look back at the terrible times humanity has recently lived through in Europe, we look upon the rivers of blood that have flowed, and we see the great army of unhappy people, their bodies broken and their souls shattered, which necessarily resulted from the unnatural conditions of recent times. When we look upon all this, the desire wells up in us to ask, “In the broadest sense, how must we bring up people so that this will be impossible in the future?” Out of this privation and misery, an understanding must awaken for the role of education in restructuring human social relations.
[ 4 ] Im Grunde genommen hören wir von vielen Seiten dieses ausgesprochen. Wir müssen uns aber fragen, ob, wenn das von da oder dort ausgesprochen wird, es auch immer im rechten Sinne gemeint ist. Denn heute werden über viele Dinge viele schöne Worte geredet. Aber diese vielen schönen Worte entspringen nicht immer der inneren Kraft und vor allen Dingen nicht immer der inneren Wahrheit, welche notwendig sind, um dasjenige zu verwirklichen, was in den schönen Worten enthalten ist. Und so kommen heute wohl vor allen Dingen diejenigen, die berufen waren und sind, unsere Kinder schulgemäß zu erziehen und zu unterrichten, und bieten sich mit ihren Meinungen und Anschauungen an und sagen: Wir wissen, wie unterrichtet, wie erzogen werden soll. Man soll nur eben so unterrichten und erziehen, wie wir es immer gewollt haben und wie wir es nicht gekonnt haben, dann wird schon das Rechte dabei herauskommen. — Und hinter denen, die so sprechen, hören wir dann wiederum diejenigen, die sich an den höheren Schulen berufen fühlen, die Lehrer zu erziehen und zu unterrichten. Und sie versichern: Wir haben die rechte Anschauung über die Art, wie die Lehrer werden sollen. Man folge uns nur, und wir werden die rechten Lehrer in die Welt schicken, damit alles mit der Erziehung richtig vor sich geht. - Man möchte aber, gerade wenn man tief hineinsieht in dasjenige, was aus unseren sozialen Verhältnissen geworden ist, sowohl diesen Lehrern wie auch diesen Lehrerbildnern zurufen: Ihr mögt es ja gut meinen, aber Ihr wißt eigentlich nicht, was Ihr redet. Denn nichts hilft der heutigen Erziehung auf, nichts kann diese heutige Erziehung zu einem besseren Zustand erheben, als wenn die Lehrer sich eingestehen: Wir sind herausgewachsen aus den Verhältnissen, die sich gebildet haben durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte. Wir sind so vorbereitet worden, wie uns alles das, was die Menschheit in ein solches Unglück hineingeführt hat, eben vorbereiten konnte. - Und wiederum diejenigen, die die Lehrerbildner waren, die müßten sich gestehen: Wir haben nichts anderes verstanden, als was sich aus Industrialismus, aus Staatstum, aus Kapitalismus der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat, auf die Lehrer zu übertragen, und wir haben allerdings die Lehrer der Gegenwart geliefert, die in diese Gegenwart passen, in die Gegenwart, die in die Zukunft hinein eben anders werden muß.
[ 4 ] In principle, we hear this expressed from many sides. Yet, we must ask ourselves, when people say this here and there, if they always mean it in the correct sense. Today, people say pleasant words about many things. These pleasant words do not always arise from inner strength, nor above all else, from inner truths that can put into practice the content of these words. Today those people who are called upon to school and educate our children come forth, offer their opinions and notions, and say, “We know how children should be brought up and educated. We should simply do it just as we have always wanted, but have not been allowed to do—then the right thing will occur.” Behind those who so speak, we hear those who feel themselves called to teach the teachers. They assure us, “We have the right views about what teachers should become. Just follow us. We will send the right teachers into the world, so everything goes well in education.” Yet, when we look deeply into what has become of our social conditions, we want to shout to both these teachers and these teachers of teachers, “You may mean well, but you do not really know what you are talking about!” For nothing can help modern education, nothing can raise modern education to a better state, unless the teachers admit, “We come from the traditions formed during the past three or four centuries. We were trained in the way that leads humanity into such misfortune.” In their turn, those who trained the teachers must admit, “We have not understood anything except how to give teachers the results of industrialism, statism, capitalism. Of course, we have delivered the present teachers, who fit into this present social configuration, this configuration that simply must change.”
[ 5 ] Das heißt, wir müssen, geradeso wie wir einen Umschwung, eine Verwandlung für die ganze Breite der sozialen Verhältnisse der Gegenwart in die Zukunft hinein fordern, eine andere Erziehungskunst fordern, und wir müssen eine andere Grundlage für diese Erziehungskunst fordern!
[ 5 ] This means that, just as we demand a change, a transformation of the full spectrum of the present social structure for the future, we must also demand another art of education, and a different basis for this art!
[ 6 ] In vieler Beziehung ist dasjenige, was heute Erziehungsfrage ist, eine Lehrerfrage. Man kann heute das tief Antisoziale, das in unserer Menschheit liegt, gerade dann so recht fühlen, wenn man sich oftmals mit denjenigen bespricht, die heute Erzieher, Unterrichtende sein wollen. Man redet ihnen dann davon, wie die Erziehung in der Zukunft werden soll. Da sagen sie: Ja, das habe ich ja schon längst gesagt, man soll das Kind zum tüchtigen Gegenwartsmenschen, zum brauchbaren Menschen erziehen; man soll nicht so sehr auf die Berufserziehung sehen, sondern auf die Erziehung des ganzen Menschen. - Und alle solche Dinge reden sie her. Und sie gehen von einem fort und sind der Meinung, sie denken ganz dasselbe, was man selber denkt. Sie denken gerade das Gegenteil!
[ 6 ] In many respects, the question of education today is a question of teachers. Today, when we speak with those who want to become teachers and educators, we frequently sense the deep antisocial feeling lying within humanity. We speak with them about what education should become in the future. They say, “Yes, I have been saying that all along. We should raise children to be competent modern-day people. We should educate them to be useful people. We should not pay so much attention to vocational training, but more to the training of the whole person.” They talk about such things and go away with the impression that they think just the same as we think. They think just the opposite!
[ 7 ] Es ist heute in unserem antisozialen Leben so weit gekommen, dafßß die Menschen das Entgegengesetzte mit denselben Worten aussprechen. Deshalb ist es so schwer, sich zu verständigen. So wie derjenige, der wahrhaft sozial denkt, anders denkt als viele Leute der heutigen Gegenwart, die mit den alten Verhältnissen zufrieden und einverstanden sind, so müssen wir, die wir an einem einzelnen Fall die erzieherische soziale Frage zu lösen versuchen wollen, gründlich anders denken über das Erziehen und über das Unterrichten, als diejenigen, die da glauben, aus ihrer traditionellen Erziehungskunst heraus es schon machen zu können. Man muß heute wahrhaftig gründlicher denken und empfinden, als manche glauben. Man muß sich vor allem klar sein darüber, daß man nicht aus der alten Wissenschaft heraus, nicht aus der alten Erziehungskunst heraus etwas Neues schaffen kann, daß die Erziehungskunst und die Wissenschaft selber anders werden müssen.
[ 7 ] Today, our antisocial life has come so far that people express opposites with the same words. This is what makes it so difficult to understand one another. Someone who truly thinks socially, thinks very differently from modern people satisfied with the old traditions. In the same way, we must think fundamentally differently about teaching and education when we attempt to solve the educational social question in a particular instance. We must think differently from those who believe we can base this change on their traditional educational methods. Truly, today we must think and perceive more thoroughly than many believe. In addition, we must be clear that we cannot create something new out of the old educational and scientific methods; education and science must themselves change.
[ 8 ] Damit rechtfertigt sich, daß wir nun das Werk, das Herr Molt einleiten will für die Waldorfschule, zunächst begonnen haben mit einem Kursus für unsere Lehrerschaft. Wir haben versucht, für diese Lehrerschaft solche Persönlichkeiten auszuwählen, welche im alten Erziehungswesen wenigstens bis zu einem größeren oder kleineren Grade - bei dem einen ist das mehr, bei dem anderen weniger der Fall - eingewurzelt sind, aber wir waren auch darauf bedacht, solche Persönlichkeiten zu finden, die Sinn und Herz haben für den Neuaufbau unserer sozialen und kulturellen Ordnung; die Sinn und Herz haben dafür, was es bedeutet, die Kinder von heute zu Menschen einer neuen Ordnung von morgen zu erziehen.
[ 8 ] This is adequate justification for us to begin this work of starting the Waldorf School with a course for the faculty. We have attempted to select for the faculty people who, at the least, are rooted in the old educational system to a greater or lesser degree—for one it is more, for another less. But, we were also intent on finding people who have the heart and soul for the reconstruction of our society and culture. We sought people who have the heart and soul for what it means to raise the children of today to be the people of tomorrow.
[ 9 ] Aber eine andere Überzeugung müssen diese Lehrer noch in ihrer Seele tragen: die Überzeugung, daß für das Alter, das der Mensch hat, wenn er in die Schule kommt, gilt, daß heranerzogen und heranunterrichtet werden darf einzig und allein dasjenige, was uns die menschliche Wesenheit gebietet. In diesem Sinne wollen wir mit der Waldorfschule in des Wortes allerechtestem Sinn eine Einheitsschule begründen. Kennen wollen wir nichts anderes in dem heranwachsenden Kinde als den werdenden Menschen. Und fragen wollen wir den werdenden Menschen aus seiner eigenen Natur heraus, wie er sich als Mensch entwickeln will, das heißt, wie seine Natur, seine Wesenheit sich zum wahren Menschsein in ihm entwickeln soll.
[ 9 ] Our new teachers also must carry another conviction in their souls, namely, that from the time children enter school we may teach them only what the essence of humanity dictates. In this sense we want to found a unified school in the truest sense of the word. All we want to know in the growing child is the developing human being. We want to learn from the nature of the developing child how children want to develop themselves as human beings, that is, how their nature, their essence should develop to become truly human.
[ 10 ] Ganz das, was wir auch wollen, sagen uns die alten Lehrer oder Lehrerbildner. Wir haben ja immer danach gestrebt, Menschen auszubilden, auf die Individualitäten zum Beispiel der Menschen Rücksicht zu nehmen.
[ 10 ] “That is just what we also want,” the old teachers and educators of teachers tell us. “We have always tried to teach people, to consider, for example, the distinct personalities of the children.”
[ 11 ] Ja, müssen wir antworten. Ihr waret bestrebt, Menschen auszubilden, das, was Ihr Euch unter Menschen vorgestellt habt, was Ihr gemeint habt hinstellen zu sollen als Menschen in das alte Staats- und das alte Wirtschaftsleben. Mit diesem Begriff vom «Menschen» können wir nichts anfangen und wird die Zukunft der Menschheit nichts anzufangen wissen und nichts anfangen wollen. Es bedarf einer gründlichen Erneuerung.
[ 11 ] Yes, we must reply, you have striven to train children to be what you perceived human beings to be, the kind of people you thought were necessary for the old political and economic life. We cannot do anything with this idea of “human beings”; and the future of humanity will not know what to do with it nor want to know. We need a fundamental renewal.
[ 12 ] Es bedarf zum Erziehungswesen der Zukunft erstens einer neuen Menschenkunde. Jene Menschenkunde, die aus dem Sumpfe des Materialismus der letzten Jahrhunderte aufgequollen ist, wenn sie sich auch aufgeputzt hat bei unseren höheren Lehranstalten wie irgend etwas, was die menschliche Natur wirklich begründet, jene Menschenkunde darf in der Zukunft nicht die Grundlage der Pädagogik, der Erziehungskunst abgeben. Es bedarf einer neuen Erkenntnis der Menschennatur. Die kann nur aus einer neuen Wissenschaft herauskommen. Diese Wissenschaft, die an den heutigen Anstalten gelehrt wird und die derjenige, der lehren sollte, auch vertritt, diese Wissenschaft ist nur das Spiegelbild der alten Zeit. Wie die neue Zeit kommen soll, so muß auch eine neue Wissenschaft, eine neue Lehrerbildungskunst, eine neue Pädagogik, auf neuer menschlicher Erkenntnis gebaut, kommen. Deshalb pflegen wir jetzt in diesem Kursus, in dem die Lehrerschaft der Waldorfschule vorbereitet werden soll, vor allen Dingen wirkliche Menschenkunde. Und wir geben uns der Hoffnung hin, daß, indem der Lehrer, der künftig an der Waldorfschule lehren soll, den werdenden Menschen kennenlernt, daß er diesem werdenden Menschen für das Leben das mitgeben werde, was die Zukunft verlangen wird von dem Menschen, der in der sozial gestalteten menschlichen Gesellschaft wirken soll. Wir empfinden vieles von dem, was die alte Erziehungskunst über den Menschen gesagt hat, als bloße Phrase. Wir studieren heute, welches die wahre Wesenheit des menschlichen Denkens ist, damit das richtige Denken im Kinde ausgebildet werden könne. Wir studieren, welches die wahre Grundlage des echt menschlichen Fühlens ist, damit im richtigen sozialen Zusammenleben die Menschen aus der Menschengleichheit heraus sich Recht schaffen aufgrund wirklichen menschlichen Gefühls. Und wir studieren, was das Wesen des menschlichen Willens ist, damit dieser menschliche Wille das neugebaute Wirtschaftsleben der Zukunft in der richtigen Weise sich erarbeiten und durchdringen kann. Wir studieren nicht einseitig materialistisch die Menschen, wir studieren Leib, Seele und Geist des Menschen, damit unsere Lehrer Leib, Seele und Geist des Menschen wirklich ausbilden können. Wir reden nicht von Leib, Seele und Geist mit bloß phrasenhaften Worten. Wir versuchen zu erkennen, wie sich die verschiedenen Lebensalter des Menschen auseinander ergeben. Wir sehen sorgfältig hin, wie das Kind ist, wenn es in die Schule kommt und unsere Lehrerschaft es von den Eltern übernehmen darf.
[ 12 ] The first thing needed for the educational system of the future is a new understanding of humanity. The understanding of humanity that has swollen up out of the morass of materialism in the last centuries and has been dressed up in our higher schools of learning as the basis of human nature cannot be the basis of the art of education in the future. What we require is a new perception of human nature. We can derive this only from a new science. The science taught today, and also represented by those who teach, is only the reflection of older times. Just as a new epoch should come, so too should come a new science, a new way to train teachers, a new pedagogy built upon a new understanding of human beings. For just that reason, we pay particular attention to a real understanding of humanity in the course to prepare the faculty for the Waldorf School. We cherish the hope that the future teachers in the Waldorf School will come to know the developing human. We hope that they will give this embryonic human the capacities that the future will require of people who work in the socially formed human society. We sense that much of what the old way of teaching has said about humanity is just words. Today we study the true essence of human thought, so we can train the child in the right kind of thinking. We study the true basis of real human feeling, so that in the genuinely social community people bring forth justice based upon true human feeling. We study the essence of human will, so that this human will can embrace and permeate the newly formed economic life of the future. We do not study people in a materialistic, one-sided way; we study the body, soul and spirit of the human being, so that our teachers can train the body, soul and spirit of human beings. We do not speak of body, soul and spirit merely as words. We attempt to discover how the various stages of the human being result from one another. We look carefully at how the children are when they enter the school, and the faculty takes over from the parents.
[ 13 ] Wie oberflächlich ist ein solcher Zeitraum im menschlichen Werden bisher von der sogenannten Erziehungswissenschaft beobachtet worden! Es gibt einen wichtigen Einschnitt im Leben des Kindes. Er liegt gegen das siebente Jahr hin, gerade gegen das Jahr, in dem das Kind in die Volksschule eintreten soll und der Lehrer von den Eltern das Kind für einen Teil des weiteren Unterrichts und der weiteren Erziehung übernimmt. Äußerlich ausgedrückt ist dieser wichtige Lebensabschnitt durch den Zahnwechsel, aber dieser Zahnwechsel ist nur ein äußeres Zeichen für etwas, was im Menschen als Wichtiges vorgeht.
[ 13 ] How superficially the so-called educational sciences have observed this period of human growth! There is an important turning point in the life of a child; it lies around the age of seven, just about that year in which the child enters elementary school. It is just at that year when the teacher should take over the child from the parents for a portion of the further education. The external expression of this important period of life is the change of teeth; however, the new teeth are only an outward sign of the important change occurring within.
[ 14 ] Sie haben gewiß schon von vielem gehört, was notwendig ist, um soziale Reformen und dergleichen heute in der richtigen Weise zu verstehen und aufzufassen. Aber viele von Ihnen waren wahrscheinlich noch immer der Meinung, daß von den leitenden, führenden geistigen Persönlichkeiten aus einer gewissen Kompetenz heraus alles in der nettesten Weise getan sei für die Menschheit. Die allerwichtigsten Dinge sind nicht getan! So daß es den heutigen Menschen ganz sonderbar anmutet, wenn man ihm sagt: In dem Alter, in dem das Kind die Schule betritt, geht eine ganze innere Revolution mit der Menschenseele, mit dem ganzen Menschen vor sich, die in dem Zahnwechsel nur den äußeren Ausdruck findet. Bis zu diesem Zeitpunkte ist das Kind nachahmendes Wesen, ein Wesen, das durch die Geburt den Drang auf die Welt mitbringt, alles so zu tun wie seine Umgebung. Es gehört einfach zur Menschennatur in diesen ersten Jahren, sich nur erziehen zu lassen von dem, was man in der Umgebung sieht. Und gerade mit dem Zahnwechsel beginnt erst die Zeit, in der etwas ganz anderes in der Menschennatur auftritt. Da tritt in der Menschennatur der Drang auf, von anderen etwas zu lernen auf Autorität hin, darauf hin, daß andere das schon können. Und dieser Drang dauert bis zur Geschlechtsreife, bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahr. Also gerade die Zeit der Volksschule ist für die Menschennatur von diesem Drange ausgefüllt. Und man kann in der Volksschule nur ordentlich unterrichten, wenn man diese ganze Revolution, die mit dem Kinde um das siebente Jahr vor sich geht, gründlich, erziehungskunstgemäß, kennenlernt. Da gebe ich Ihnen nur eine einzelne Tatsache für dasjenige, was bei der neuen Erziehungskunst gegenüber der alten gründlich wird beobachtet werden müssen.
[ 14 ] Certainly, you have already heard much about what we need to understand to properly comprehend social reforms, and so forth. However, many of you were probably still of the opinion, received from a study by the leading experts, that everything has already been taken care of for humanity in an admirable way. The most important things have not been done! Modern people find it quite strange, when we say that at the age when the child enters school, an inner revolution occurs in the human soul, in the whole being, which is only outwardly expressed only in the cutting of teeth. Until that time children are imitating beings, beings that bring through birth the urge to do everything as it is done around them. In these first years it is simply a part of human nature to allow ourselves to be trained by what we see in our surroundings. Just at the time of the cutting of teeth, something quite different begins to appear in human nature. The urge arises to learn from authority, to learn from those who already can do something. This urge lasts until the time of sexual maturity, until about fourteen or fifteen years of age. Thus, this natural drive fills the time in elementary school. We can properly teach in elementary school only if we have a thorough pedagogical understanding of this revolution within the child of seven. Here I have given you only a single example of what, compared to the old way, the new pedagogy must thoroughly observe and understand.
[ 15 ] Dann wiederum wird man wissen müssen, daß erst um das neunte Jahr herum die Zeit beginnt, wo wieder neue, innere, leibliche und seelische Kräfte im Menschen auftreten, so daß man durch den Unterricht, wenn man dasjenige, was man im Lehrplan erst nach dem neunten Jahr einfügen soll, vorher eingefügt hat, dem Kinde für das ganze menschliche Leben Schaden zufügt statt Nutzen.
[ 15 ] On the other hand, we need to know that around the age of nine new inner physical and spiritual strengths begin to come forth. If we were to teach prematurely what the curriculum foresees for the age after nine, the instruction, instead of helping, would damage the child for life.
[ 16 ] Man braucht eine gründliche Kenntnis des menschlichen Lebens, wenn man eine gründliche, eine wahre, eine dem Menschen dienliche Erziehungskunst ausüben will. Man muß wissen, wie man als Lehrer wirken soll vor dem neunten Jahr und nach dem neunten Jahr. Man darf nicht, indem man ein alter, griesgrämiger Schulrat geworden ist, der zum Beirat eines Ministeriums berufen ist, aus irgendwelchen äußeren Rücksichten heraus Lehrpläne aufstellen: das für die erste Klasse; das für die zweite Klasse; das für die dritte Klasse und so weiter - es kommt nichts dabei heraus, was den Menschen stark ins Leben hineinstellen könnte. Die Menschennatur selber muß uns lehren, was wir in jedem einzelnen Lebensjahr des Kindes mit dem Kinde erzieherisch und unterrichtend zu vollbringen haben.
[ 16 ] We need a comprehensive understanding of human life if we want to practice a comprehensive, a true, pedagogy serving humanity. We must know how to teach before and after the children reach the age of nine. We may not, as old, gray-haired administrators from the school board do, set up the curriculum to take into account just any external consideration: this for the first grade; this for the second grade; this for the third grade; and so forth. Nothing that could really prepare the child for life will result. Human nature itself must teach us what we need to accomplish through education in each year of the child's life.
[ 17 ] Bedenken Sie nur einmal: indem Sie erwachsene Menschen sind, lernen Sie ja eigentlich immer noch vom Leben. Das Leben ist unser großer Lehrmeister. Aber diese Möglichkeit, vom Leben zu lernen, die tritt ja frühestens erst ein mit dem fünfzehnten, sechzehnten, siebzehnten Lebensjahr. Da erst stehen wir der Welt so gegenüber, daß wir von dieser Welt selbst lernen. Bis dahin ist der Lehrer, der Erzieher, der uns in der Schule entgegentritt, für uns die Welt. Ihn wollen wir verstehen, ihn wollen wir lieben, von ihm wollen wir uns belehren lassen; er soll das an uns heranbringen, was in der Welt draußen ist. Denn zwischen uns und der Welt ist zwischen dem siebenten und dem fünfzehnten Jahr ein Abgrund. Den soll uns der Lehrer überbrücken.
[ 17 ] Consider for a moment that, as adults, you are still learning from life. Life is our great teacher. However, the ability to learn from life comes at the earliest at fifteen, sixteen or seventeen years of age. Then, we first stand face to face with the world in a way such that we can learn directly from the world. Until then, the teacher who faces us in the classroom is the world. It is the teacher we want to understand; it is the teacher we want to love; it is from the teacher we want to learn. The teacher should bring to us what is out there in the world. From the age of seven to fifteen years, there is an abyss between ourselves and the world. The teacher should bridge that gulf for us.
[ 18 ] Ja, können Lehrer, die nicht von alledem ergriffen sind, was das Leben gibt, die bloß in dem versauert und verkümmert sind, was ihnen eingetrichtert worden ist — so die Grammatik, so die Naturgeschichte, so und so die anderen Fächer lehren und so weiter — die sich dann nicht um das bekümmern, was die Menschheit in unserem Zeitalter am tiefsten erschüttert, können solche Lehrer dem Kinde durch sieben bis acht Volksschuljahre hindurch das ganze Leben darstellen, offenbaren, wie sie es müßten? — Eine neue Menschenkunde, eine neue Menschenerkenntnis ist notwendig. Und aus dieser Menschenerkenntnis heraus muß der neue Enthusiasmus kommen, der sich in der Lehrerschaft entwickeln muß.
[ 18 ] Can teachers who are not gripped by all that life has to give, who, embittered and soured by all that has been funneled into them, “teach grammar so, natural history so, and other subjects s0,” who do not concern themselves with what so agitates humanity in our time—can such teachers rightly depict and reveal to children all that life brings over the seven or eight years of elementary school? A new study of humanity, a new understanding of humanity is necessary. The faculty must develop a new enthusiasm out of this new understanding of humanity.
[ 19 ] Das weist Sie hin ein bißchen auf das, was wir in unserem Lehrerkursus in bezug auf das Denken der Kinder vorbereitend pflegen, um den Menschen gründlich kennenzulernen, damit wir aus der Menschennatur selber heraus den Menschen ins Leben hineinstellen können.
[ 19 ] This shows you some of what we keep in mind in preparing for the children in our teaching seminars: to thoroughly understand humanity so that we can teach from human nature itself and send the child into life.
[ 20 ] Das Zweite, was entwickelt werden muß in einer Zeit, in der man nach einer sozialen Gestaltung der menschlichen Gesellschaft strebt, das ist vor allen Dingen ein soziales Verhalten des Lehrers zu den Kindern schon in der Schule; das ist eine neue Menschenliebe. Das ist ein Achten auf gewisse Kräfte, die zwischen dem Lehrer und dem Schüler spielen und die nicht spielen können, wenn der Lehrer nicht wirklich lebensvoll in die Erziehungskunst eingeführt ist.
[ 20 ] The second thing that we must develop as we work toward a more humane form of society, is a social attitude of the teachers toward the children already in the school. This is a new love of humanity—an awareness of the interplay of forces between the teacher and pupil. Those forces cannot exist if the teacher does not enter into the art of teaching in a lively way.
[ 21 ] Ja, daß der Maler malen lernen muß, daß der Musiker ein Musikinstrument beherrschen lernen muß und auch noch manches andere, daß der Architekt die Architekturlehre lernen muß, das gibt man zu, und man stellt gewisse Anforderungen an diese Leute, damit sie Künstler werden. Diese Anforderungen müssen wir auch an die Lehrer stellen, die wahre Menschenkünstler werden sollen. Aber wir müssen sie im Ernste stellen. Dazu müssen wir wissen, daß keine gegenwärtige Pädagogik und keine gegenwärtige Erziehungskunst dem Lehrer das gibt, was erst durch eine gründliche Menschenkunde gefunden werden muß, damit eine neue Menschenliebe im Verkehr zwischen Lehrer und Schüler auftreten kann. Daß der Lehrer auf seinem Gebiete ein wahrer Künstler werde, das muß angestrebt werden.
[ 21 ] Everyone agrees that the painter must learn to paint, that the musician must have command over a musical instrument and much more, that the architect must learn architecture. We set certain requirements so these people may become artists. We also must set these kinds of requirements for teachers who would become true human artists. We must set them seriously. To do so, we must understand that no present-day pedagogy and no present-day educational method gives the teacher what must first be found through a thorough study of humanity. We must find it so that a new love of humanity may come into the relationship between teacher and pupil. Our goal must be that teachers become true artists in their field.
[ 22 ] Da spielt viel hinein. Der eine Lehrer betritt das Klassenzimmer: die Kinder fühlen sich das ganze Schuljahr hindurch abgestoßen; sie möchten am liebsten wieder hinaus aus dem Zimmer, weil ihnen das unangenehm ist, was der Lehrer die ganze Zeit über mit ihnen treibt. Ein anderer Lehrer braucht nur das Klassenzimmer zu betreten und bloß dadurch, daß er da ist, geht etwas durch die Schüler, was sogleich eine Brücke schafft zwischen jedem einzelnen Schüler und dem Lehrer. Wovon hängt denn so etwas ab? Der eine Lehrer, der auf die Schüler einen abstoßenden Eindruck macht, der geht nur in die Schule hinein, weil er sich nun auch, wie man sagt, sein Brot verdienen muß, weil er auch leben muß. Er hat sich angeeignet die äußeren Fähigkeiten, die Kinder zu dressieren. Er geht eigentlich ebenso ungern in die Schule hinein, wie die Kinder in die Schule hineingehen, und er ist auch froh, wenn er wieder draußen ist. Er betreibt die Sache mechanisch.
[ 22 ] Many things play a role. One teacher enters the classroom, and the children feel an aversion that lasts throughout the year; they would much rather be outside because what that teacher does with them is so unpleasant. Another teacher need only enter the classroom and, simply by being present, creates a bridge to each pupil. What makes such a difference? The teacher who makes such an adverse impression on the children goes into the school only to, as the saying goes, earn a living—in order to live. That teacher has acquired the superficial ability to drill the children, but goes just as unwillingly to school as the children and is just as happy when school ends. That teacher does the job mechanically.
[ 23 ] Mich wundert es nicht, wenn die Mehrzahl der Lehrer der Gegenwart ihren Unterricht mechanisch betreiben, denn die Menschenkunde, die aus der heutigen Wissenschaft kommt, diese Wissenschaft, die aus dem industriellen, staatlichen und kapitalistischen Leben der letzten drei bis vier Jahrhunderte hervorgegangen ist, ist eine tote Wissenschaft. Sie hat auch nur eine tote Erziehungskunst hervorgebracht, höchstens ein spintisierendes Erziehen. Diejenige Menschenkunde, die wir hier anstreben, von der wir wollen, daß sie Unterrichtskunst werde durch die Waldorfschule, diese Menscheneinsicht, diese Menschenkunde, die führt so in das Wesen des Menschen hinein, daß sie selber den Enthusiasmus, die Begeisterung, die Liebe erzeugt, daß dasjenige, was da als Kunde vom Menschen in unsere Köpfe hineingeht, unser Tun und unser Fühlen durchtränkt. Wirkliche Wissenschaft ist nicht ein totes Wissen, wie es heute vielfach betrieben wird, sondern ein solches Wissen, das den Menschen mit Liebe zu seinem Gegenstand durchdringt.
[ 23 ] I am not surprised that the majority of today's teachers view their work mechanically. Their understanding of humanity comes from the dead science that has arisen out of the industrial, statist and capitalist life of the past three or four centuries. That science has resulted in a dead art of education, at best a wistful form of education. We are striving for the understanding of humanity that we need to create the art of teaching in the Waldorf School. This vision of humanity, this understanding of humanity, so penetrates the human being that of itself it generates enthusiasm, inspiration, love. Our aim is that the understanding of humanity that enters our heads should saturate our actions and feelings as well. Real science is not just the dead knowledge so often taught today, but a knowledge that fills a person with love for the subject of that knowledge.
[ 24 ] Deshalb soll es so sein, daß bei dem Seminarkursus, den die Lehrer durchmachen, um sich darauf vorzubereiten, Ihre Kinder zu erziehen und zu unterrichten, eine solche Menschenkunde an die Lehrer herankommt, die sie selber so durchdringt, daß zu der Menschenkunde, zu dem Verstehen des werdenden Kindes, Menschenliebe im Unterricht hinzukommt. Und aus der Liebe, die der Lehrer und die Lehrerin bei den Schülern entfalten werden, wird in den Schülern dasjenige entspringen, dasjenige erquellen, was ihnen Kraft geben wird, leichter den Lehrstoff aufzunehmen. Denn aus der rechten Liebe — nicht aus der äffigen Liebe -, sondern aus der echten Liebe, die dasjenige durchdringt, was wir im Schulzimmer oder sonst beim Lehren und Unterrichten und Erziehen machen, aus dieser echten Liebe kommt es, ob der Unterricht dem Kinde leicht oder schwer wird, ob das Erziehen für das Kind gut oder schlecht ist.
[ 24 ] Thus, this understanding of humanity is brought to the teachers, in the seminar they are now taking to prepare themselves to educate your children. This understanding of humanity, this understanding of the growing child, should so saturate the teachers that a love of humanity enters the teaching. As recompense for the love that the teachers provide the children, a power will come forth, will well up from the children, that gives them the ability to take in more easily the material to be learned. The right kind of love, not overly protective love, but the real love that flows through what we do in the classroom or other teaching activities, determines whether the child will learn with ease or difficulty, whether the child’s education is good or bad.
[ 25 ] Und was wir drittens an dem Kinde heranerziehen wollen und wofür wir unsere Lehrerschaft vorbereiten, damit sie verstehe, es in der richtigen Weise an die Kinder heranzubringen, das ist die Willenskraft. Diese Willenskraft wollen wir so pflegen, daß wir die Kinder schon in verhältnismäßig früher Kindheit anfangen lassen, etwas Künstlerisches zu treiben. Denn dieses Geheimnis kennen die meisten Menschen gar nicht, wie es mit dem Willen zusammenhängt, sich einmal in der Kindheit in der richtigen Weise mit Zeichnerischem, Malerischem, Musik und sonstigem Künstlerischem befaßt zu haben. Man tut dem Kinde etwas ungeheuer Gutes, wenn man solches an die Kinder heranbringt.
[ 25 ] The third thing that we want to bring to the child and for which we prepare our teachers so that they understand the proper way to present it to the children, is willpower. We want to cultivate this willpower by allowing the child to do something artistic at a relatively early stage of childhood. Most people do not know the secret connection between the will and working in the proper way in childhood with drawing, painting, music and the other arts. We do so much good when the child has this opportunity.
[ 26 ] Unsere Kinder werden selbst Schreiben und Lesen aus dem Leben heraus lernen. So ist es beabsichtigt. Sie werden nicht pedantisch angehalten werden, Buchstaben schreiben zu lernen, die zunächst für jedes Kind, wenn es so abstrakt die Sache lernen soll, ja im Grunde genommen dasselbe sind, was die Buchstaben für die nordamerikanischen Indianer waren, als die europäischen «besseren» Menschen hinkamen. Ja, nicht wahr, der europäische «bessere» Mensch hat ja diesen nordamerikanischen Indianer mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Uns ist die Erzählung von einem der letzten Häuptlinge dieser von den Europäern ausgerotteten Indianer Nordamerikas erhalten geblieben, der eine schöne Rede hielt: Der weiße Mensch, der bleiche Mensch kam, um den dunklen Menschen unter die Erde zu bringen in allen seinen Gliedern. Aber der dunkle Mensch hat auch Vorzüge gegenüber dem bleichen Menschen, so sagte dazumal dieser Häuptling, er hat nicht die kleinen Teufelchen, die ihr auf dem Papier habt. - Man möchte schon sagen: Als solche kleinen Teufelchen fühlen die Kinder heute auch zumeist, was ihnen die Lehrer mit aller Pedanterie und Philistrosität auf die Tafel oder aufs Papier hinmalen, damit sie auch lernen, es auf Papier hinzumalen. Alle solchen Dinge können aber aus dem Leben herausgeholt werden. Und wenn es uns gelingt, das auch anzuwenden, was wir versuchen wollen, werden die Kinder schneller lesen und schreiben lernen, weil alles aus dem Leben herausgeholt ist, weil das Schreiben aus dem Zeichnen und nicht aus der Willkür herauskommt. Dadurch werden wir es zu gleicher Zeit erreichen, die Kinder zu willenskräftigen Menschen zu machen, so daß sie später im Leben ihren Mann oder ihre Frau stellen können.
[ 26 ] Our children will learn to read and write from life itself. This is our intention. We will not pedantically force them to write letters that for every child at first seem all the same. They need not learn it as an abstract thing, as letters were for the North American Indians when the Europeans came. It is true, isn't it? The Europeans destroyed the North American Indians down to the root. One of the last chiefs of the North American Indian tribes destroyed by the Europeans tells that the white man, the paleface, came to put the dark man and all he stood for under the earth. “The dark man had certain advantages over the palefaces,” the chief then continued; “he did not have the little devils on paper.” We want to say that everything teachers pedantically and narrow-mindedly draw on the blackboard for the pupils to copy is seen as little devils by today’s children. We can draw all such things from life. If we succeed in what we are attempting, the children will learn to read and write more quickly. When we derive everything from life, when writing comes from drawing and not from arbitrariness, children will learn more quickly. At the same time, we can raise strong-willed people who later in life will be up to the task.
[ 27 ] So werden wir nicht einfach oberflächlich sagen: Wir wollen Menschen erziehen, sondern wir fragen uns bescheiden und ehrlich mit einer tiefgründigen Wissenschaft zuerst: Was ist denn das Wesen des Menschen und wie offenbart es sich im werdenden Menschen? Wir gehen nicht und fragen zuerst bei den vorhandenen Ständen: Wozu sollen wir den Menschen erziehen und unterrichten, damit er seinem Stande genügt? Wir fragen auch nicht: Was schreibt diese oder jene Staatsgemeinschaft vor, wie wir den Menschen erziehen sollen, damit er dasjenige erfüllt, was sie von ihm verlangt? Nein, wir wenden uns an die einheitliche Menschennatur und ihre Anforderungen mit unseren Fragen. — Ja, sehen Sie, in dieser Beziehung stößt ja das, was die Menschen heute vielfach aus den alten sozialen Verhältnissen heraus haben, zusammen mit dem, was für eine sozialer gestaltete Menschenzukunft notwendig ist.
[ 27 ] We will not simply superficially say, “We want to educate people.” In a profound manner, we first ask ourselves, modestly and honestly, “What is the Being of Humanity, and how does it appear in the developing Human Being?” We do not first go and ask political and industrial leaders, “How should we teach and educate people so that they can take their place in society?” We also do not ask, “What does this or that governmental body compel us to teach so that people can fulfill what the state demands of them?” No, we turn our questions to the uniform nature of humanity and its requirements. Yes, you see, in this respect the old social conditions are in conflict with what is necessary for a more socially oriented human future.
[ 28 ] Heute übernimmt Ja der Staat von den Eltern den werdenden Menschen, das Kind, in einem bestimmten Lebensalter. Er würde es ja früher übernehmen, aber da ist es ihm noch nicht reinlich genug; da überläßt er vorläufig die Erziehung und was mit dem Kinde zu tun ist den Eltern. Aber wenn es soweit gediehen ist, daß es nicht mehr zu schmutzig ist, übernimmt es der Staat, und er ordnet dasjenige an, was in das Kind hineingetrichtert werden soll. Selbstverständlich läßt er in das Kind dasjenige hineintrichtern, was er braucht, um seine Stellen zu besetzen, und dasjenige mit dem Menschen zu machen, was er will. Die Menschen sind dann auch, wenn sie herangewachsen sind, oftmals recht zufrieden. Denn es wird ihnen ja gesagt: Ihr bekommt eine sichere Lebensstellung, und wenn ihr nicht mehr arbeiten könnt, werdet ihr pensioniert. — Diese Pensionierung ist etwas, was als ein Ideal gewisser führender Kreise von Leuten vorschwebt. Das erwarten sie in bezug auf Erziehung vom Staate. Und dann erwarten sie vom Staate auch noch, daß er ihre Seelen durch den Religionslehrer in die Hand nehme, damit diese Seelen nicht selbst zu arbeiten brauchen, sondern die Kirche diese Arbeit für die Seele übernimmt und diese Kirche sie dann pensioniert in bezug auf ihre Seelen nach dem Tode. So möchte man sich heute alles abnehmen lassen. Das ist das Ergebnis einer ganz falschen Erziehung.
[ 28 ] Today the state takes over the developing person, the child, at a particular age. The state would take over the child earlier, but the child is not clean enough for it. For a while, it leaves the rearing of and caring for the child to the parents. When the child has grown enough that it is no longer so dirty, the state takes over and dictates what we are to funnel into the child. Of course, the state allows us to funnel into the child only what is necessary for the workplace, thereby enabling itself to do with people as it will. Even when they are adults, people are often quite satisfied. The state tells them, “You will be assured of a lifelong job, and when you are no longer able to work, you will have a pension.” Retirement is a notion that some circles of leading people treat as an ideal. They expect it from the state education. These people also expect that the state, through the religion teachers, will take their souls in hand so that these souls need not work, since the churches will do the work for them. They expect that the churches will, so to speak, provide a “soul retirement” after death. Today everyone wants to have everything done for them. This is the result of a totally false education.
[ 29 ] Eine wirkliche Erziehung sorgt dafür, daß Leib, Seele und Geist des Menschen innerlich frei und selbständig werden. Und eine wirkliche Erziehung sorgt dafür, daß der Mensch auch ins Leben hineingestellt wird. Glauben Sie nicht, wenn wir so die Menschen selber befragen - das heißt, des Menschen Natur und Wesenheit befragen -, wie wir sie erziehen sollen, daß wir unpraktische Menschen machten! Nein, im Gegenteil! Wir erziehen diejenigen Menschen, die sich dann wahrhaft kräftig in das Leben hineinstellen können. Wir erziehen volksschulmäßig diejenigen Menschen, welche im späteren Lebensalter das kennenlernen, was mehr für das äußere, praktische Leben notwendig ist; aber die Leute haben gelernt zu denken; die Leute haben gelernt richtig zu fühlen; und die Leute haben gelernt, ihren Willen richtig anzuwenden. Das alles wollen wir so einrichten, daß Wahrheit und Kraft darin walten, nicht daß in der Erziehungskunde und Erziehungskunst sich nur geltend macht die Phrase: man soll den Menschen richtig erziehen; man solle aus ihm einen wahren Menschen machen.
[ 29 ] A real education takes care that body, soul and spirit will be intrinsically free and independent. A real education takes care to put people into life. Do you believe that if we really ask people how we should bring them up, that is, if we inquire into the nature and being of humanity, we would then create impractical people? No, just the opposite! We are educating people who can, in truth, put themselves powerfully into life. In grammar school we are educating humans who, in later life, will know more of what is necessary for the outward, practical life. These people will have learned to think; these people will have learned to correctly feel; and these people will have learned to properly use their will. We want to introduce all of this, so that truth and strength can rule, not so that in pedagogy the phrase holds, “We should bring up children correctly.” We should instead make the child a true person!
[ 30 ] Viel muß in der äußeren Welt geschehen, damit bessere soziale Verhältnisse herbeigeführt werden. Viel muß aber gerade auf dem Gebiete geschehen, auf dem die Waldorfschule einen Stein zu einem großen Gebäude aufrichten will. Es wird ein Schönes sein, wenn Sie mit vollem, herzlichem Sinn dabei sind, sich zu sagen: Pioniere wollen wir sein für ein zukünftiges Erziehungswesen; Pioniere in dem Sinn, daß wir die ersten sein wollen, die ihre Kinder einer solchen, in ein neues soziales Leben hineinwirkenden Zukunftserziehung anvertrauen. Pioniere wollen wir sein in dem Sinne, daß wir nicht nur glauben, ein paar äußere Einrichtungen werden zur Sozialisierung führen, sondern daß wir glauben, bis in das Innerste von Wissenschaft und Kunst und Erziehung müsse Wandel eintreten, wenn wünschenswerte Zustände der Menschheit herbeigeführt werden sollen.
[ 30 ] Much must happen in the outside world to create better social conditions. Much must happen in just the area where the Waldorf School wants to set a foundation stone for this great building. It would be something beautiful for you to say with heartfelt meaning, “We want to be pioneers for a future educational system. We want to be pioneers in the sense that we want to be the first to entrust our children to such an educational system of the future, one working for a new social life. We want to be pioneers in the sense that we do not believe that a few external changes will lead to a better social condition, but that a change must occur at the heart of science, art and education to bring about the desired condition of humanity.”
[ 31 ] Wie stellen sich heute die Menschen oftmals vor, was eigentlich geschehen soll? Sozialisiert soll werden, aber die meisten Menschen, welche selbst ganz ehrlich reden von Sozialisierung, die denken: Nun ja, aber irgendwo da stehen die Universitäten, die haben schon alles recht gemacht. Zwar die äußere Stellung der Universitätsprofessoren, die muß vielleicht etwas geändert werden, aber die Wissenschaft selber, da dürfen wir nicht irgendwie daran rütteln. Mittelschule, Gymnasium, Realschule - die Leute denken gar nicht einmal daran, daß das, was im äußeren Leben ist, hervorgegangen ist aus diesen Schulen. Denn die Menschen, die in diesen Schulen erzogen werden, die haben das äußere Leben gemacht! Man denkt höchstens daran, man müsse das Volksschulwesen etwas anders gestalten, als es bisher war. Man gibt sich da recht sonderbaren Anschauungen hin, indem man sagt: Der Unterricht muß unentgeltlich erteilt werden. - Ich möchte wissen, wie das in Wirklichkeit gemacht werden soll. Man streut sich ja nur Sand in die Augen, denn der Unterricht muß bezahlt werden; er kann nicht unentgeltlich sein; es geht nur auf dem Umweg durch die Besteuerung oder dergleichen. Aber man erfindet solche Phrasen, die gar keiner Wirklichkeit entsprechen.
[ 31 ] How do people today often imagine what should actually happen? Socialization should occur, but most people, even those who quite honestly speak of socialization, think, “Sure, somewhere there are the universities, and they have already done everything right. It may be that we need to change the outward position of the university professors a little, but science itself, we may not change that in any way.” Middle school, high school, trade school—people just do not think that outward life has come from these schools. But the people educated in these schools have created the outer life. At most, we think we should organize the lower level of education somewhat differently than it is now. This results in self-deception, in that we say, “We must provide education without cost.” I would like to know how we can, in fact, do this. We just deceive ourselves, since we must pay for education. It cannot be free of cost—that is only “possible” through the deception of taxes or such things. We make up such phrases, which do not have any basis in reality.
[ 32 ] Die Menschen denken, das oder jenes soll ein bißchen an den Einrichtungen geändert werden. Daß alles gründlich von oben bis unten dem Wandel unterworfen werden müsse, daß wir eine andere Lehrerbildung brauchen, einen anderen Geist in der Schule, sogar eine andere Liebe, als sie jetzt durch die verbildete Lehrerschaft in die Schule hineingetragen wird, daran denken leider allzuwenig Menschen. Und Sie werden sich gegenüber der ganzen Menschheit ein großes Verdienst erwerben, wenn Sie in dieser Beziehung Pioniere sind; wenn Sie zum Heile der allgemeinen Menschheit daran denken, daß das Schulwesen erneuert werden muß, und wenn Sie mit herzlichem Interesse und herzlichem Sinn an dieser Erneuerung des Schulwesens teilnehmen. Je besser Sie daran denken, daran teilzunehmen, sich für dasjenige zu interessieren, was in dieser Waldorfschule geschehen soll, desto besser wird es auch der Lehrerschaft gelingen, mit Ihnen im Einklang zu wirken zum Heil und Segen Ihrer Kinder und damit der ganzen zukünftigen Menschheit — wenigstens in den Grenzen, an die wir zunächst denken können.
[ 32 ] People think that we should change this or that in the organization a little. We must subject everything to fundamental change, from top to bottom. We need another teacher training, another spirit in the school, even another love, different from that which modern sophisticated faculties bring into the schools. Unfortunately, all too few people think about that. You will perform a great service to humanity if you are pioneers in this respect, if you think we must renew the educational system for the betterment of humanity, and if you take part in this renewal with heartfelt interest and heartfelt sense. The more you think of taking part, of interesting yourselves in what is to happen in the Waldorf School, the better the faculty will succeed in working in unity with you for the betterment and blessing of your children, and thus for the whole of future humanity—at least within the boundaries that we can envision now.
[ 33 ] Es kann der Mensch Ideale ausgestalten in der Einsamkeit. Die Ideale können schön sein. Er kann sie niederschreiben. Sie können diesem oder jenem Menschen gefallen. Gut, im Abstrakt-Idealen kann man einsam denken. Mit solchen Ideen, die sich auf Praktisches beziehen, mit Idealen, die verwirklicht werden sollen, wie das Ideal unseres neuen Schulwesens, ist man darauf angewiesen, Verständnis bei der Mitwelt zu finden. Verständnis möchte man dem Ideal der Waldorfschule wünschen, und zuerst bei den Eltern der Kinder, die der Waldorfschule anvertraut werden.
[ 33 ] People can work out ideals alone and write them down. The ideals can be beautiful and can please this or that person. Yes, people can think abstract ideals alone. But, with ideals that we should put into practice, such as the ideal of our new educational system, we are dependent upon finding understanding in the world. We want especially the parents of the children to be entrusted to the Waldorf School to be understanding of its ideal.
[ 34 ] Herr Molt hat gesprochen von der Verantwortung, die ihn trifft. Er hat recht. Diese Verantwortung ist aber eine noch viel weitergehende Sache. Dieser Verantwortung sind wir uns alle, indem wir für die Waldorfschule vorarbeiten, bewußt und werden uns immer bewußt bleiben. Denn eine solche Verantwortung liegt immer vor, wenn man in einer so radikalen Weise einem Ideal zustrebt, wie es durch die Waldorfschule geschehen soll, und wenn man genötigt ist, durch die Inangriffnahme dieses Ideals zu brechen mit dem, was Vorurteile in den weitesten Kreisen sind. Es wird heute wahrhaftig nicht leicht, alles dasjenige herauszufinden, was getan werden muß, damit die Kinder richtig erzogen werden, gerade volksschulmäßig. Denn die Phrase hat da zu große Verheerungen angerichtet.
[ 34 ] Mr. Molt has spoken of his responsibility, and he is right. This responsibility, though, is something that goes much further. We are all conscious of this responsibility as we prepare for the Waldorf School, and we will always remain conscious of it. Such a responsibility is always before us, when we work toward an ideal as radical as that of the Waldorf School. By taking up this ideal, we are forced to break with prejudices in the broadest sense. Truly, today it is not easy to find out everything we must do to educate children properly, particularly in grammar school. The empty phrase has caused such great havoc.
[ 35 ] Die Kinder sollen spielend unterrichtet werden — das war ja insbesondere auch das Ideal bürgerlicher Mütter, die in einer gewissen Liebe, man nennt das Affenliebe, den Kindern zugetan sind und die sich dasjenige, was man von der einen Seite mit einem gewissen Recht betonen kann - der Unterricht solle dem Kinde nicht zum Ekel werden -, so umsetzen, daß sie sagen, der Unterricht solle spielend vollzogen werden. - Wir sind uns alle ganz klar darüber: in den Unterricht muß in der richtigen Weise das Spiel wie auch die für das Leben vorbereitende Arbeit eingereiht werden, aber wir sind uns auch dessen bewußt, daß ein Spiel, zu dem die Kinder dressiert werden, kein Spiel mehr ist. Jenes Spielen, das heute in unseren Schulen vielfach gepflegt wird, zu dem die Kinder eben hindressiert werden, wie sie früher pedantisch zum Lernen dressiert wurden, das ist kein Spiel mehr. Spielen kann nur in Freiheit vollzogen werden. Aber es muß auch das Spiel abwechseln mit anderer Art, sich zu betätigen, so daß das Kind den Ernst der Arbeit kennenlernt, damit es im Leben dem Ernst der Arbeit gewachsen ist. Und so werden wir nach keiner Seite hin mit der Phrase arbeiten; wir werden der Arbeit ihre Zeit anweisen und dem Spiel seine Zeit anweisen, und werden alles nach den Offenbarungen der Wesenheit des werdenden Menschen, das heißt des Kindes, beurteilen.
[ 35 ] “We should teach the children through play.” This is particularly the ideal of middle-class mothers who, through a certain kind of love—we might call it a doting affection—are devoted to their children. From one side we may emphasize, with a certain right, that education should not become drudgery for the child. We could take the position that we should “playfully” carry out education. We are all quite clear that in education we must bring play as well as work together in the proper relationship to prepare for life. However, we are also conscious that play which trains the child like an animal, is play no longer. This play, often found in our schools today, trains the children like animals, just as before we pedantically drilled them. Play can only occur in freedom. However, play must alternate with another kind of activity so that children learn the seriousness of work, so that they are up to the seriousness of work in life. We will not work with empty phrases. We will have a time for work and a time for play. We will judge everything by the manifestations of the nature of the developing person, of the child.
[ 36 ] Denn so, wie wir uns einleben sollen in wahre Menschenkunde, schwebt es uns vor, daß wir allmählich die Schule dahin bringen, daß die Kinder gerne in diese Schule hineingehen, daß sie sich freuen, in diese Schule hineinzugehen. Wir werden nichts Unnatürliches erziehen. Es wäre selbstverständlich unnatürlich, zu glauben, daß Kinder, die wieder einmal Ferien haben sollten, nicht lieber im Freien herumtollen, statt zur Schule zu gehen. Wir werden auch nicht so unverständig sein, zu glauben, daß Kinder, nachdem sie wochenlang herumgetollt haben, in der ersten Stunde hübsch brav sitzen sollen. Wir werden unsere Kinder verstehen. Aber wir werden es doch dahin bringen, daß nach einiger Zeit durch die Art, wie wir uns zu den Schülern verhalten, diese Schüler das, was in der Schulzeit geschieht, gerade so gerne tun wie das Herumtollen während der Ferien. Und das wird ein Ideal sein für die Waldorfschule, daß die Kinder wirklich aus innerem Antrieb dasjenige tun, was sie tun sollen. Nicht werden wir unser Ziel darin sehen, den Kindern bloß zu befehlen, sondern wir werden unser Ziel darin sehen, uns zu den Kindern so zu verhalten, daß die Kinder an unserem Verhalten empfinden: Das tue ich gerne, das mache ich gerne durch mit dem, der mir als Lehrerautorität vorgesetzt ist.
[ 36 ] Just as we should familiarize ourselves with the true understanding of humanity, so must we gradually bring the school to the point that the children happily go to it, that they are glad to go to this school. We will not seek to attain anything unnatural. It would be unnatural to believe that children, who should have vacation, should go to school and not play during vacation. We will also not be so foolish as to believe that children, after they have played for weeks, should sit well-behaved in the classroom upon just returning to school. We will understand our children. However, after awhile, through the way that we relate to the children, they will do their work during school time just as happily as they play during vacation. An ideal of the Waldorf School is that the children do what they should do, out of an inner force. We do not see our goal as simply to command the children. Rather, our goal is to relate to the children so that from our attitude the children feel, “I am glad to do this, I am happy to go through this with my teacher.”
[ 37 ] Und dann werden Ihre Kinder nach dem Unterricht nach Hause kommen, und wir möchten gerne, daß Sie dann Freude haben, wenn die Kinder Ihnen vorplaudern von dem, was ihnen in der Schule freudigen Genuß bereitet hat. Wir möchten gerne, daß Sie sich erfreuen an den sich freuenden Gesichtern der Kinder, wenn sie aus der Schule nach Hause kommen. Nicht deshalb, weil wir das ganze Leben zu einer Unterhaltung machen möchten, wahrhaftig nicht! - sondern weil wir wissen, wieviel von dem, was heute so furchtbare soziale Zustände sind, davon kommt, daß die Sache anders war. Und weil wir wissen, daß noch Schlimmeres in die Menschheit kommen würde, wenn nicht in der Erziehungsfrage sorgfältig angefangen würde, neuen sozialen Zuständen zuzustreben. Nicht um dem Kinde Freude zu machen, sondern weil wir wissen, was die Freude dem Kinde für eine Kraft gibt, wollen wir alles daransetzen, in dem ernsten Sinn den Unterricht und die Erziehung so zu gestalten, wie ich mir erlaubte, es Ihnen zu schildern.
[ 37 ] When your children come home from school, we hope that you enjoy it when they talk about the things they enjoyed at school. We hope that you enjoy the joyous faces of the children when they come home after school. We do not hope this because we want to make life into some sort of entertainment, but because we know how many of today’s terrible social conditions result from something that could be different. We know that worse will come to humanity if we do not work for new social circumstances through conscientious new beginnings in education. We do everything possible to form education and upbringing as I have described it to you, not to do the child a favor, but because we know the power that joy gives to the child.
[ 38 ] Wir möchten diese neue Schule schaffen wie ein Beispiel; diese Schule, nach der sich eigentlich ahnungsvoll viele Menschen sehnen, die man aber nicht den Mut hat, wirklich ins Auge zu fassen. Glauben wird man müssen, verstehen wird man müssen, daß dasjenige, was man soziale Frage nennt, durchaus auch an der so charakterisierten Schulfrage hängt; daß dasjenige, was man soziale Umwandlung nennt, sich nicht zuletzt in der Weise wird vollziehen müssen, wie das bei der Waldorfschule versucht wird. Es würde ein ungeheurer Schaden sein, wenn gerade der soziale Impuls verkannt würde, welcher der Begründung der Waldorfschule zugrunde liegt. Möge er erkannt werden zuallererst bei denjenigen, die ihre Kinder dieser Waldorfschule anvertrauen. Der Verantwortung sind wir uns voll bewußt: etwas in die Welt zu setzen, dem Sie anvertrauen sollen Wohl und Wehe, Entwicklung und Zukunft Ihrer Kinder. Aber wir haben uns zu dem, was geschehen soll unter dieser Verantwortung, wahrhaftig nicht aus irgendeiner Willkür hingewendet. Wir haben uns zu dem aus der Erkenntnis heraus hingewendet, daß unsere Zeit solche Aufgaben notwendig macht; aus der Erkenntnis heraus, wie es besonders jetzt notwendig ist, mit dem Besten, was der Mensch verstehen kann, an den werdenden Menschen, an das Kind heranzutreten.
[ 38 ] We want to create this new school as an example—this school so many people hunger for, but do not have the courage to look in the eye. We will have to believe, we will have to understand, that the so-called social question also rests upon the problem of education as I characterized it here, and that we can accomplish social change only in the way that we are attempting in the Waldorf School. It would be a great tragedy if the social impulse that is the foundation of the Waldorf School were ignored. May it first be recognized by those who entrust their children to the Waldorf School. We are all conscious of the responsibility of placing something in the world to which you should entrust the development and future of your children, come what may. We have not taken on the responsibility of what should happen here out of some sort of whim, but out of the recognition that such tasks are necessary in our time and that it is now particularly necessary to come to the developing human being, the child, with the best that humanity can understand.
[ 39 ] Ich weiß nicht, ob Sie das Gefühl genau kennen, [das man haben konnte,] wenn man während dieser furchtbaren Kriegsjahre, den letzten vier bis fünf Jahren, so durch die Welt gegangen ist und die Kinder gesehen hat, wie sie aufgewachsen sind, die Sechs-, Sieben-, Neunjährigen oder noch Kleineren. Dann konnte man zuweilen recht tiefen Schmerz empfinden, wenn man nicht ahnungslos und gedankenlos in der Welt lebte, sondern wenn man ein Bewußtsein hatte von dem, was bevorsteht, wenn nicht an Abhilfe gedacht wird für dasjenige, was die Menschheit in solch furchtbare Lage hineingebracht hat. Da wurde es einem schwer im Herzen, die heranwachsenden Kinder in der letzten Zeit zu sehen. Man konnte sie eigentlich nicht sehen ohne tiefsten Herzschmerz, wenn man nicht zu gleicher Zeit, soweit man selbst dazu in der Lage ist, den Entschluß faßte, eine andere Art des Kindesaufwachsens herbeizuführen, als diejenige war, durch die viele Menschen der Gegenwart gehen mußten, wodurch aber auch Unglück und Not der Gegenwart so vielfach herbeigerufen worden ist. Mit der Erziehung schaffen wir im eminentesten Sinne ein Stück Menschenzukunft. Aber man muß sich klar sein darüber, daß man umlernen, umdenken muß mit Bezug auf viele Dinge, denn man erfährt gerade heute bei hohen und niedrigen Erziehern sonderbare Dinge.
[ 39 ] I do not know if you know exactly the feeling of having gone through the world during these terrible war years, the last four or five years, and having seen how the children, the six- to nine-year-olds or still younger, have grown up. At times, you could feel quite a deep pain if you did not live unconsciously and thoughtlessly in the world, but lived, rather, with a consciousness of what lies ahead if we do not conceive some help for what has brought humanity to such a terrible state. You get a heavy heart, seeing the growing children lately. You cannot see them without having a deep heartache, if you do not decide at the same time, as far as you are able, to effect another way of bringing up children—a way that is different from the way people of today had to go, the way that has caused so much of the present unhappiness and misery. In the foremost sense, we create a piece of human future with education. We must be clear that we must relearn, must rethink, many things. Today, we experience many curious things from teachers in the upper and lower grades.
[ 40 ] Sehen Sie, ich habe in einer Stadt hier in der Nachbarschaft, die eine Hochschule hat, vor einiger Zeit darüber gesprochen, daß es zur sozialen Frage unter anderem auch gehöre, daß der Mensch sich, gedrückt durch die Gestaltung der Lebensfragen, wie es in der Gegenwart ist, nicht in einem menschenunwürdigen Dasein befinde. Ich charakterisierte dann das des weiteren. Da trat nachher man sollte es wahrhaftig nicht glauben, daß es so etwas gibt in der Gegenwart - ein Universitätsprofessor auf und sagte: er könne nicht fassen, warum ein menschenunwürdiges Dasein sich mit dem Lohnverhältnis des heutigen Proletariats verknüpfe. Er sehe eigentlich keinerlei Unterschied, wenn zum Beispiel der Caruso singe, und für den Abend dreißig- bis vierzigtausend Mark bekomme als Entlohnung, das sei doch geradeso, wie wenn der proletarische Arbeiter seine Entlohnung bekomme und wie er als Professor seine Entlohnung bekomme. Er sehe keinen Unterschied. Daher sei der Lohn nicht als das Menschendasein entwürdigend anzusehen. Der Caruso bekomme eben nur mehr für einen Abend. Es sei nur ein Unterschied in der Größe der Entlohnung, aber kein prinzipieller Unterschied, Lohn sei alles.
[ 40 ] I recently spoke in a neighboring city that has a university. I said that, among other things, the social question also involves the fact that people, although depressed by questions about the organization of life, do not consider themselves to be in an inhumane condition. I expanded upon that further. Afterward—it is hard to believe that today such people still exist—a university professor came up and said he could not understand why an inhumane existence of the modern blue-collar worker was connected with the wage scale. He saw their situation as no different from that of, for instance, Caruso, who sings, and receives a payment of thirty to forty thousand marks for the evening. That would be just the same as when a blue-collar worker received his wages and as when he, as a professor, received his salary. He could see no difference. There would be only a difference in the size of the payment, but no essential difference. Therefore he could not see wages as being a degradation of human existence. Wages are wages.
[ 41 ] Das bekommt man heute als Antwort von einem hochgebildeten Lehrer der Jugend. Mancherlei Antworten bekommt man auch von an weniger hohen Schulen Lehrenden. Das weist gar sehr hin auf die Notwendigkeit einer Erneuerung unseres Unterrichts- und Erziehungswesens. Man kann sagen: Wahrhaftig, wenn man heute in die Nähe so mancher Schulen, höherer Schulen kommt, und gerade von dieser Seite hört, was gesagt wird gegenüber der Neugestaltung unserer sozialen Verhältnisse, was gesagt wird auch gegenüber der Notwendigkeit, die Schulen neu zu gestalten, so ist das der lebendigste Beweis, daß diese Schulen neu gestaltet werden müssen. Denn was diese Leute sagen, können sie wahrhaftig nur dadurch sagen, daß diese Schule bisher eine Gestalt hatte, die anders werden muß.
[ 41 ] That is the response we receive today from a highly educated teacher. We receive such responses also from teachers at lower schools. This only emphasizes the necessity for a renewal of our training and educational system. We can say, “Truly, today, when we hear what people around many higher schools say about a reformation of our social conditions, and about the necessity to reform the schools, that is the most vivid proof that we must reform these schools. These people can only say what they say because these schools have a form that we must change.”
[ 42 ] Nun, zweierlei könnte eintreten. Herr Molt hat sich das Ideal vorgesetzt, die Schule zu begründen, welche heute über acht Tage feierlich eröffnet werden soll. Es könnte sein, daß durch eigentümliche Verhältnisse in unserer Zeit die Absicht verkannt würde, daß Widerstände sich auftun würden, so daß dieses Ideal nicht verwirklicht werden könnte; daß man es aus der Welt schafft, nachdem es kurze Zeit gewirkt hat und dergleichen. Dann wird man einmal sagen: Nun ja, Herr Molt hat etwas sehr Ideales gewollt, aber es war eine Utopie. So etwas läßt sich eben nicht so ohne weiteres verwirklichen. - Warum ist es eine Utopie gewesen? Weil man es nicht verstanden hat oder weil man Widerstände entgegengesetzt hat!
[ 42 ] Now, two things could happen. Mr. Molt has had the ideal to found the school which today and over the next eight days shall be ceremoniously opened. Due to the peculiar circumstances of our time, people could misunderstand his intention. Resistance could arise so that we could not put this ideal into practice, and it would disintegrate after a short time. Then we would say, “Yes, Mr. Molt wanted something quite ideal, but it was utopian. No one can put something like that into practice so easily.” Why is it utopian? It is utopian because it is not understood, or because it is resisted!
[ 43 ] Oder das Zweite kann eintreten: Verständnis kann sich ergeben für dasjenige, was selber aus einem echten sozialen Verständnis herausgeboren ist, Verständnis für das wirklich Praktische dieses idealen Wollens. Dann wird sich dasjenige, was da gewollt wird, einleben. Es wird sich so einleben, daß Sie zuerst und andere nachher sagen werden: Da hat einmal ein Mensch praktischer gesehen als die anderen, welche sich ganz mit Praxis angefüllt glaubten. Dann wird man nicht sagen: Eine Utopie hat gewaltet -— dann wird man sagen: Etwas richtig Praktisches ist in die Welt gesetzt worden!
[ 43 ] A second thing could happen. Understanding could arise for what is born out of true social understanding, understanding for the real practicality of this wish. Then what is desired will become customary. It will become so familiar, that at first you, and later others, will say, “There was someone who saw more practically than others who thought they knew all about practical life.” People will not say, “This was utopian.” People will say, “Something really practical was put into the world!”
[ 44 ] Möge von diesen beiden Möglichkeiten die letztere eintreten! Für denjenigen, der Herz und Sinn hat für die soziale Entwicklung der Menschheit in der Gegenwart und in die Zukunft hinein, erscheint es wahrhaftig als eine Notwendigkeit, daß diese zweite Möglichkeit eintritt. Darum werden wir mit innigster Befriedigung auf die Tatsache blicken dürfen, die dann eintreten würde, wenn Sie als die ersten, die ihre Kinder in die Waldorfschule schicken werden, verständnisvoll den Lehrern, die dort wirken, an die Seite treten, mit Interesse an die Seite treten werden. Das wird der Anfang sein davon, daß das, was mit dieser Schule gedeihen soll, auch wirklich gedeihen kann.
[ 44 ] May the second of these two possibilities come to pass! Those who have the heart and soul for the social development of humanity now and in the future see this as a necessity. We will be able to look with utmost satisfaction upon what will occur when you, the first to send your children to the Waldorf School, stand by the side of the teachers with understanding, with interest. That will be the beginning of what should thrive with this school, what can really prosper.
[ 45 ] Möge es gedeihen! Möge es so gedeihen, daß diejenigen, die dieses Gedeihen kennenlernen, recht bald an den verschiedensten Orten den Entschluß fassen, dergleichen zu tun. Denn selbstverständlich wird nur dasjenige hervorgehen können aus der Waldorfschule, was aus ihr hervorgehen soll, wenn möglichst bald an recht vielen Orten ein Gleiches aus gleichem Geiste heraus gebildet wird. Dann werden sehr bald sehr viele nachfolgen. Dann wird der Geist frei walten und sich ein freies soziales Unterrichts- und Erziehungswesen über die zivilisierte Erde verbreiten. Dann wird dieser Geist und dieser Sinn in die zivilisierte Erde einträufeln und wird dort drinnen eine wichtige Kraft sein für alles das, was uns helfen soll, zu einem besseren, menschenwürdigeren Dasein zu kommen in der sozialen Gestaltung.
[ 45 ] May it prosper! May it thrive, so that those who see this blossoming decide to do the same in many different places. Of course, only when, and may it be as soon as possible, the same takes place out of the same spirit in many places, only then can what should come out of the Waldorf School come out of it. Then soon many more will follow. The free spirit will rule and a free social training and educational system will spread over the civilized earth. This spirit and this feeling will be instilled into the civilized earth and will be an important power for all that will help us to come to a better, more humane existence in social organization.
[ 46 ] Möge man begreifen, daß die soziale Frage eine vielgestaltige ist, und daß eine der allerwichtigsten Gestaltungen die Schul- und Erziehungsfrage ist. Möge es geschehen, daß in den Herzen recht vieler gegenwärtiger Menschen Verständnis und Einsicht dahingehend erstehe, in den Kindern Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens zu entwickeln, so daß diese Kinder, wenn sie erwachsen sein werden, dankbar auf ihre Eltern zurückblicken, die da gestanden haben und zuerst die soziale Frage gesehen haben, aber noch gelitten haben unter demjenigen, was ihnen versagt wurde, aus dem Grunde, weil sie noch nicht die neue, sozial gestaltete Erziehung haben durchmachen können. Zu diesen Eltern aber, denen der Keimgedanke zu solcher Erziehung verständlich geworden ist, werden die Kinder dankbar zurückblicken, die in eine neue Zeit neben manchem anderen auch die Kraft hineintragen werden, die ihnen in einer wahrhaft menschenrichtigen Erziehung und in einem menschenrichtigen Unterricht geworden ist.
[ 46 ] May we grasp that the social question is a manifold one, and that one of its most important aspects is the question of education. May understanding and vision arise in the hearts of many people and powers for thinking, feeling and willing arise in the children. Thus, these children, when they are grown, can look back thankfully to their parents, who stood and first saw the social question, but still suffered deprivation because they themselves could not be brought up within the new socially oriented education. To these parents who understand the idea of such an education, the children will look back thankfully. Those children will be carried into a new time, along with many others, by the power that has become theirs through a truly humane upbringing and a humane education.
[ 47 ] Brauchbar wollen vielfach die Menschen den Menschen machen für das Leben. Das haben sie auch in der alten Unterrichtslehre gesagt. Menschenwürdig wollen wir durch die neue Erziehungslehre und Unterrichtskunst den Menschen ins Leben hineinstellen, dann wird durch Menschen, die so erzogen werden, dieses Leben selber so gestaltet werden, daß es menschenwürdig an den Menschenwürde recht verstehenden Menschen herantritt. - Möge solcher Geist walten bei der Begründung des Werkes, das Herr Molt einem Teil der Menschen in seiner Waldorfschule geben will.
[ 47 ] People want to make children useful for life in many ways. The old teachers also said that. Through the new educational system and pedagogy, we want to put people more humanely into life. Through these children, raised in this way, life itself will be so formed that its humanness appeals to the decency of understanding people. May this spirit rule in the founding of this work that Mr. Molt, through the Waldorf School, wants to give to a part of humanity.
[ 48 ] Frage: In welcher Weise wird in der Waldorfschule der Religionsunterricht erteilt? - Und in welcher Weise wird auf die Gefühle der Kinder, die aus anderen Schulen kommen, Rücksicht genommen?
[ 48 ] Question: How will religious instruction be given in the Waldorf School? Also, how will the feelings of the children coming from other schools be taken into account?
[ 49 ] Rudolf Steiner: Es soll im strengsten Sinne zunächst das festgehalten werden, daß die Waldorfschule nicht eine Weltanschauungsschule ist. Dasjenige, was aus der Weltanschauung genommen wird, die wir hier seit Jahrzehnten vertreten, das soll nicht dogmatisch an die Kinder herangebracht werden. Das soll nur dazu verwendet werden — weil es verwendet werden kann -, die Unterrichtsmethodik, die ganze Behandlungsweise des Unterrichts zu verbessern, zu reformieren.
[ 49 ] Dr. Steiner: Tt must first be emphasized that, in the strictest sense, the Waldorf School does not teach a particular philosophy. We are not going to bring dogmatically to the children what we derive from a philosophy that has been stated here for years. We will use it only because we can use it to improve, to reform the instructional methods, the way of handling the instruction.
[ 50 ] Dagegen müssen wir, das fordert unsere heutige Zeit, ganz absehen davon, dem Inhalte nach die Weltanschauung den Kindern zu überliefern. Das katholische Kind soll vom katholischen Religionslehrer in der katholischen Lehre unterrichtet werden; es sollen seine religiösen Übungen vom katholischen Religionslehrer geleitet werden. Ebenso das evangelische Kind. Wir wollen nicht in der Verbreitung irgendeiner Weltanschauung dasjenige suchen, was mit der Waldorfschule geleistet werden soll, sondern wir wollen, daß eine neue Unterrichtsmethode, Unterrichtsbehandlung, eine neue Erziehungsmethode und Erziehungsbehandlung aus dem herausquelle, was wir hinstellen können.
[ 50 ] On the other hand, we must, because our modern time needs it, present the content of the child’s religion. A Catholic teacher will instruct Catholic children in the Catholic tradition; a Catholic teacher will lead them in their religious exercises. The same is true for Protestant children. We do not seek to achieve the goals of the Waldorf School through the inculcation of any particular philosophy. What we want is that a new method of instructing and handling instruction, a new method of teaching and handling teaching arises out of what we do.
[ 51 ] Was mit den Kindern geschieht, die von anderen Schulen übernommen werden, ist eine sehr wichtige Frage, namentlich für die Kinder im vorgeschrittenen Alter. Wir werden nicht etwa mit der ersten Klasse beginnen und Klassen daraufsetzen, sondern wir werden gleich eine ganze Volksschule bis hinauf begründen. Da bekommen wir Kinder aller möglichen Altersstufen. Wir werden selbstverständlich durch die Methode, die wir jetzt in unserem Seminar besprechen, später manches anders machen können, wenn wir vom ersten Schuljahr an nur Kinder haben, die von uns unterrichtet werden, aber wir werden jetzt alle Rücksicht nehmen auf das, was die Kinder [bereits an anderen Schulen] in sich aufgenommen haben. Wir werden bei jeder Jahresklasse durchaus an das anknüpfen, was die Kinder vorher aufgenommen haben, und es nur in dem Sinne durchführen, wie wir es eben unserer Methode gemäß durchgeführt denken müssen. - Wir werden, was wir den Kindern angedeihen lassen wollen an Vorteilen, nur darin suchen, daß wir mit dem Unterricht ökonomisch verfahren. Der Laie weiß nicht, was auf diesem Gebiet alles geleistet werden kann. Wenn man so ökonomisch verfahren kann, kann man manches, was heute in zwei Stunden gelehrt wird, in einer Viertelstunde lehren. Das ist eine Sache der Methode, nur muß man die Methode kennen. Da ist es ungeheuer wichtig, daß etwas, was in einer Viertelstunde beigebracht werden kann, nicht in zwei Stunden beigebracht wird durch eine falsche Methode. Indem wir die richtige Methode, das heißt die der Menschennatur entsprechende Methode anwenden, werden wir ökonomisch im Unterricht verfahren können und dadurch manches leisten, was andere Schulen nicht leisten können, und dennoch überall die Lehrziele erreichen. So daß, solange unsere gegenwärtige Ordnung besteht, die Schüler, wenn sie bei uns die Schule absolviert haben, in andere Lehranstalten übertreten können, daß sie keine Zeit verlieren und dergleichen. Diese Dinge werden wir uns auch angelegen sein lassen.
[ 51 ] What happens to the children coming from other schools is a very important question, particularly for the older children. We will not begin with the first grade and then build upon that. Rather, we will begin with a complete elementary school. Thus, we will have children of all ages. Of course, through the methods we are now discussing in our seminar, we will later be able to do many things differently, when we have only children whom we taught beginning in the first grade. However, we will now take into account everything that the children have already learned. In each grade, we will begin with what the children have already learned and continue in the way appropriate to our methods. We will seek out only what is advantageous for the children without needing to repeat what they have already learned. In instructing, we can work very economically. Lay people have no idea of what we can accomplish. When we work so economically, we can teach in a quarter of an hour what normally takes two hours. This is a question of method; however, people must know the method. This is a very important thing, that we can teach in a quarter of an hour something that takes two hours to teach through incorrect methods. In that we use the right method, that is, a method that is in accord with human nature, we can teach more economically and accomplish much that other schools cannot accomplish, and still meet the criteria of the public school system. In this way, so long as we still have the present school system, when children graduate from our school, they can enter other schools without any loss of time. We will keep such things in mind.
