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The Rudolf Steiner Archive

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Rudolf Steiner in the Waldorf School
GA 298

11 June 1920, Stuttgart

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4. Die Schulgewohnheiten der niedergehenden Zeit und die Schulpraxis des kommenden Tages

4. Educational Practices of the Passing Age and Educational Practices of the Coming Age

Vortrag, Gehalten am Elternabend

Presentation Given at the Parents' Night

[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich darf Sie herzlich willkommen heißen hier in diesem Raume, in dem wir uns ja zum zweiten Male versammeln, um Fühlung zu nehmen in wichtigen Fragen, die das Leben unserer Waldorfschule betreffen. Es freut uns ganz besonders, daß Sie so zahlreich erschienen sind. Als Thema des heutigen Vortrages habe ich gewählt: Die Schulgewohnheiten der niedergehenden Zeit und die Schulpraxis des kommenden Tages.

[ 1 ] Ladies and gentlemen! I would like to extend a warm welcome to you all here in this room, where we are gathering for the second time to discuss important issues concerning the life of our Waldorf School. We are particularly pleased that so many of you have come. The topic I have chosen for today’s lecture is: “School Habits of the Passing Age and School Practices of the Coming Day.”

[ 2 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Mir schien es, daß ein solches Thema um so mehr gewählt werden dürfte, als es für Sie alle, nachdem unsere Waldorfschule ins Leben trat, mehr als ein bloßes Denkproblem geworden ist. Was in einer solchen Fassung meiner heutigen Ausführungen wie einleitend dastehen soll, ist für Sie nicht bloß ein Denkproblem, sondern eine Frage, in der Sie ernstliche Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der heutigen Zeit finden. Und Sie haben, nachdem Sie in dieser Auseinandersetzung zum Entschluß kamen, Ihre Kinder in die Waldorfschule zu schicken, bewiesen, daß Sie Vertrauen haben können zu dem, was in dieser Schule als Neues versucht werden will. Aus dem Empfinden dieses Vertrauens möchte ich versuchen, zu einer Art von Urteil dadurch zu kommen, daß ich alles dasjenige zu beleuchten unternehme, was als Zurückbleibendes, Absterbendes hinter uns liegt, und daß ich ins Auge zu fassen versuche, was uns jetzt schon aus der bisherigen Arbeit unserer Schule wie eine Ermutigung entgegentreten konnte.

[ 2 ] Ladies and gentlemen! It seemed to me that such a topic was all the more appropriate to choose, given that—since our Waldorf School was founded—it has become more than just a theoretical problem for all of you. What is intended as an introduction in today’s presentation is not merely a theoretical problem for you, but a question in which you find serious opportunities to engage with the present day. And by reaching the decision, through this engagement, to send your children to the Waldorf School, you have demonstrated that you can place your trust in the new approaches being pursued at this school. Drawing on this sense of trust, I would like to attempt to arrive at a kind of judgment by shedding light on all that lies behind us—what is being left behind and fading away—and by trying to take stock of what has already emerged from our school’s work to date as a source of encouragement.

[ 3 ] Wenn wir diese Frage betrachten wollen, so wird es dienlich sein, einmal ins Auge zu fassen, was eigentlich jener Moment, den man den Augenblick des Schuleintrittes beim Kinde nennt, innerhalb der heutigen Verhältnisse bedeutet. Die Verhältnisse sind so geworden, daß man sagen dürfte, was heute im Elternhaus an Frische und Unmittelbarkeit freigemacht wird für die heranwachsenden Zöglinge, hat sich herausgerettet aus den Einschachtelungen und Abschrankungen, wie sie unser soziales Leben bezeichnen. Es ist gerade die Möglichkeit, in der Kinderstube, im Heim einmal sich rein menschlich ausleben zu können. Nicht viele Kinder unserer Gegenwart haben überhaupt noch die Möglichkeit, ihre Kräfte so spielen zu lassen, wie es dem tiefen Drange ihrer eigenen Willensnatur entsprechen würde. Und daß sie dies nimmer vermögen, das hat sich in der Zeit der letzten zwei Jahrhunderte herausgebildet.

[ 3 ] If we wish to examine this question, it will be helpful to consider what that moment—which is referred to as a child’s first day of school—actually means in today’s circumstances. Circumstances have evolved to such an extent that one might say: what is now made available to growing children in the parental home in terms of freshness and immediacy has been rescued from the constraints and barriers that characterize our social life. It is precisely the opportunity to live out one’s life purely as a human being in the nursery, at home. Not many children today still have the opportunity to let their energies run free in a way that would correspond to the deep urges of their own volitional nature. And the fact that they are no longer able to do so has become evident over the course of the last two centuries.

[ 4 ] Werden nun aus dieser Umgebung Kinder in die Schule hineingeschickt, da vollzieht sich etwas höchst Bedeutsames, sehr Folgenschweres in der heutigen Zeit. Soviel man auch noch vor der Kinderstube hat zurückhalten können von dem bezeichneten eingeschachtelten Leben, alles das lauert auf den herankommenden jungen Menschen, das wird von dem ersten Schultag an wirksam, das wird vom Augenblick des Schuleintrittes an aktuell. Es wird so wirksam, daß man ohne Übertreibung von einer bedeutsamen Krisis im Leben des Kindes sprechen kann.

[ 4 ] When children from this environment are sent to school, something highly significant—and with far-reaching consequences in today’s world—takes place. No matter how much of this “boxed-in” life one may have managed to keep out of the child’s early upbringing, all of it lies in wait for the young person as they approach school; it takes effect from the very first day of school and becomes a reality from the moment they enter school. It has such a profound effect that, without exaggeration, one can speak of a significant crisis in the child’s life.

[ 5 ] Diese Krisis besteht darin, daß das Kind sich gegenübergestellt sieht einem fertigen System innerhalb der alten Schulgewohnheiten, die etwas haben, was an die Kinder herangebracht wird in Form eines ausgearbeiteten Lehrplanes; sie haben etwas, was feststeht als eine überlieferte umfassende Methode, und sie haben im Zusammenhang mit diesen Lehrzielen auch eine ganz bestimmte Art, besonders die Disziplin in der Schule auszuüben.

[ 5 ] This crisis consists in the fact that the child finds himself confronted with a ready-made system within the old school habits, which have something that is presented to the children in the form of a detailed curriculum; they have something that is established as a traditional, comprehensive method, and, in connection with these educational goals, they also have a very specific way of enforcing discipline in school.

[ 6 ] Und alles dieses ist so ausgestaltet worden, daf3 man leider nicht sagen kann, die eigentlich treibenden Kräfte der Gegenwart, namentlich die tieferen Strömungen des sozialen Werdens der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart, wären in diese Gestaltungen ausgeflossen. Was den Lehrplan betrifft, war es bis vor wenigen Jahren im allgemeinen so, daß diejenige Aufstellung galt, die vor fünfzig Jahren gemacht worden war. Das trug dazu bei, die schlechten Folgen zu mindern, die vom Lehrplan ausgehen konnten. Das wird später gestreift werden.

[ 6 ] And all of this has been structured in such a way that, unfortunately, one cannot say that the actual driving forces of the present—namely, the deeper currents of social development in the recent past and present—have found their way into these structures. As far as the curriculum is concerned, until a few years ago it was generally the case that the structure established fifty years ago remained in effect. This helped to mitigate the negative consequences that could arise from the curriculum. This will be touched upon later.

[ 7 ] Etwas derartig Fertiges lag vor, etwas, das so gemacht worden war, daß man nicht sagen konnte, die tätige Schulerfahrung ist da hineingeflossen, denn jene Menschen, die diese Feststellung von Amts wegen zu machen hatten, hatten vielleicht in der ersten Zeit ihrer Entwickelung eine gewisse Beziehung zur Schule gehabt. Sehr bald war diese Beziehung gelöst worden, nicht vielleicht vermöge ihrer hervorragenden Lehrerqualität, sondern vermöge der Tatsache, daß sie sehr geschickt sich erweisen konnten, sich ins ganze Verwaltungssystem des Schulwesens als Hoffnung erweckende angehende Beamte hineinzustellen. Diese Beamten verwalteten dasjenige, was man Aufstellung des Lehrplanes nennt, abgeschnitten von der eigentlichen Schulentwickelung, wenn man auch von einer solchen kaum eigentlich sprechen darf, wenn man nicht eher zu sprechen hätte von den hintangehaltenen Entwickelungskräften, die ein aufmerksamer Beobachter hätte sehen müssen.

[ 7 ] What was presented was something so fully formed, something that had been crafted in such a way that one could not say practical school experience had gone into it, for those people who were required by their official capacity to make this assessment may have had some connection to school during the early stages of their development. Very soon this connection had been severed—not, perhaps, because of their outstanding teaching abilities, but because they proved very adept at positioning themselves within the entire administrative system of the school system as promising, up-and-coming civil servants. These officials administered what is called the “curriculum,” cut off from actual school development—though one can hardly speak of such a thing in the first place; rather, one should speak of the stifled forces of development that an attentive observer would have had to notice.

[ 8 ] Diesem Lehrplan sah sich das Kind vom ersten Tag an bereits gegenübergestellt: etwas Fremdes, Kaltes, was mit unerbittlicher Strenge alles zu bestimmen haben wird, was seelisch-geistiges Leben des Kindes bedeutet, von dem ersten Tage ab. Nicht nur das ganze Ziel des Lehrens war festgesetzt, sondern es war namentlich in den letzten Jahrzehnten bestimmt worden, von Klasse zu Klasse, von Woche zu Woche, an welcher Stelle der Unterricht zu stehen hat an dem und dem Datum.

[ 8 ] From the very first day, the child was confronted with this curriculum: something foreign and cold that, with relentless strictness, would determine every aspect of the child’s emotional and spiritual life, starting from day one. Not only was the overall goal of instruction set in stone, but—particularly in recent decades—it had been determined, class by class and week by week, exactly where the lesson was to be in the curriculum on a specific date.

[ 9 ] Und es wurde die Erreichung des Zieles bis ins einzelste hinein vorgeschrieben durch das, was man die staatlich approbierte Methode nennen könnte. Diese Methode war von einer solchen Art, daß es dem einzelnen Lehrer nicht möglich gewesen wäre, in Freiheit von ihr abzusehen. Es wäre ihm nur kurze Zeit möglich geworden, dann hätte er sich in Konflikt befunden mit den Beamten, die das zu verwalten hatten.

[ 9 ] And the achievement of the goal was prescribed down to the smallest detail by what might be called the state-approved method. This method was of such a nature that it would not have been possible for an individual teacher to deviate from it freely. He would have been able to do so only for a short time; then he would have found himself in conflict with the officials responsible for administering it.

[ 10 ] Diese Methode, wie wirkt sie hinein? Diese Methode stammt aus Lebensvoraussetzungen der Menschheit, die im Grunde genommen längst überholt waren. Die Schule entwickelte sich im Mittelalter unter der Oberhoheit der Kirche. Dann übernahmen die Staaten alles das, was das Schulwesen der Kirche gewesen war. Es wurde die staatliche Schule ausgebaut, von der man sagen kann: je mehr ihre Grundlage im einzelnen bestimmt wurde, um so weniger konnte noch eine Entwickelungsmöglichkeit bleiben; je mehr man nach außen paradieren konnte, namentlich mit dem, was moderne Volksschule war, um so größer wurde die gähnende Öde innerhalb des Schulwesens selbst. Diese Öde mußte so groß werden, weil die Methode aus der alten Kirchenschule, Lateinschule stammt, sei es, daß man sie in das moderne neuzeitliche Gymnasium direkt verpflanzte, sei es, daß man sonst mit ihr arbeitet. Es war die alte unterrichtliche, juristisch-lateinische Methode in den Schulen aller Gattungen. Wenn dagegen angegangen wurde, wenn Teilreformen versucht wurden, so mag das eine historische Bedeutung haben, umgestaltende Kräfte sind nicht entfesselt worden von den Teilreformen.

[ 10 ] How does this method work? This method stems from conditions of human life that, in essence, have long since become obsolete. The school system developed in the Middle Ages under the authority of the Church. Then the states took over everything that had constituted the Church’s school system. The public school system was expanded, and it can be said that the more its foundations were defined in detail, the less room there was for further development; the more it could be paraded to the outside world—particularly through what was known as the modern elementary school—the greater the yawning void within the school system itself became. This desolation was bound to become so vast because the method originated in the old church school—the Latin school—whether it was directly transplanted into the modern, contemporary high school or whether it was otherwise employed there. It was the old pedagogical, legal-Latin method used in schools of all types. When attempts were made to counter this, when partial reforms were attempted, this may have had historical significance, but transformative forces were not unleashed by these partial reforms.

[ 11 ] Wir haben nun die Lehrplanüberlieferung, wir haben die Methode. In welcher Weise wurde nun beides ans Kind herangetragen? War es so, daß auch andere Voraussetzungen als diejenigen der rein lehrmäßigen Art auf das kindliche Leben eine schicksalbeeinflussende Bedeutung haben? Wir haben überall die Schule, die sich auf Standesgliederung aufbaut. Über die Einheitsschule hat man viel gesprochen. Zur wirklichen Tat ist man nicht gekommen, bis wir die Waldorfschule gründeten. Dieses tat man aus der Erkenntnis, eine große soziale Mission übernehmen zu sollen.

[ 11 ] We now have the curriculum tradition; we have the method. How, then, were both of these presented to the child? Was it the case that factors other than those of a purely academic nature also had a decisive influence on the child’s life? Everywhere we see schools structured along class lines. There has been much talk about the comprehensive school. But no real action was taken until we founded the Waldorf School. We did this out of the conviction that we had to take on a great social mission.

[ 12 ] Sowie das Kind am ersten Schultag in die Stunde kam, erlebte es nicht nur die Krisis, die wir als die seelisch-geistige bezeichnen, sondern es erlebte auch eine soziale Krisis. An diesem Tage, als das Kind zum erstenmal aus der Volksschule oder aus dem Gymnasium heimkam und seinem Spielgenossen begegnete, da mußte ihm zum Bewußtsein kommen, was man die Standesunterschiede nennt. Vom ersten Tage ab wurde ihm jenes Gift, das die Spaltung der einzelnen Gesellschaftsschichten gemacht hat, eingeträufelt. Eine solche Krise im Empfinden sozialer Art, im Empfinden des gesamten kindlichen Seelenlebens trat ans Kind heran am ersten Tag.

[ 12 ] As soon as the child entered the classroom on the first day of school, he or she experienced not only what we call a psychological and spiritual crisis, but also a social crisis. On that day, when the child came home from elementary school or high school for the first time and met his playmates, he had to become aware of what are called class distinctions. From the very first day, he was fed that poison that has caused the division among the various social classes. Such a crisis in the child’s sense of social reality—in the very fabric of the child’s inner life—came upon the child on that very first day.

[ 13 ] Wie muß sich ein derartiges ausleben? Das werden wir wissen können, so wie es uns die Geisteswissenschaft heute herausgearbeitet hat. Wir können sehen: das, was gestaltende Kraft wird im Unterricht vom siebenten Lebensjahre ab, kann deswegen gestaltend wirken, kann sich deswegen bestimmte Aufgaben stellen, weil im Kinde durch eine bereits vollzogene organische Entwickelung gewisse Kräfte frei geworden sind. Mit diesen Kräften kann man arbeiten. Man kann so arbeiten, daß sie das bewirken, was man die innere Ausbildung des Menschen nennt, daß sie sich ausprägen im Verlaufe der weiteren organischen Fortentwickelung. Das ist eine Grundanschauung, wie sie uns von der Geisteswissenschaft, deren Methode wir hineinzuarbeiten bemüht sind, geschenkt worden ist.

[ 13 ] How must such a process play out? We will be able to understand this based on what Spiritual Science has revealed to us today. We can see that what becomes a formative force in the classroom from the age of seven onward can exert a formative influence and can set itself certain tasks precisely because certain forces have been released in the child through an organic development that has already taken place. One can work with these forces. One can work in such a way that these forces bring about what is called the inner development of the human being, so that they take shape in the course of further organic development. This is a fundamental view bestowed upon us by Spiritual Science, whose method we strive to incorporate into our work.

[ 14 ] Stellt man dem gegenüber die Gewohnheit der alten Schule, so muß man sagen, die alte Schule hat keinerlei Beziehung zu jenen organisch freigewordenen Kräften gehabt, die in Betracht kommen während dieser Altersstufe, und hat gesündigt gegen die Anerkennung einer derartigen Anschauung, die hätte gefunden werden müssen aus der gesunden Unterrichtspraxis. Indem sie einerseits die freiwerdenden Kräfte nicht zur Gestaltung zu führen vermochte, begannen jene Kräfte zu wuchern, so daß sich Triebe entwickeln und nicht in den Strom der Entwickelung geführt werden, die vorgezeichnet ist. Andrerseits nahmen sie diejenigen organischen Kräfte schon vom ersten Schultage ab in Anspruch, die sehr viel später erst frei werden sollten und frei werden wollten, wenn man die kindliche Natur versteht.

[ 14 ] If we contrast this with the practices of the old school, we must conclude that the old school had no connection whatsoever to those organically liberated forces that come into play during this stage of development, and failed to recognize a perspective that should have emerged from sound teaching practice. On the one hand, because it was unable to guide these emerging forces toward creative expression, those forces began to run rampant, so that impulses developed rather than being channeled into the predetermined course of development. On the other hand, from the very first day of school, it drew upon those organic forces that, if one understands childhood nature, should only be set free much later—and would only wish to be set free then.

[ 15 ] Dadurch wurde bewirkt, was Ste im Knochensystem beobachten können. Der innere Halt, das Skelett wurde geschwächt. Es wurden gewisse Möglichkeiten des Aufrechtstehens im Leben dem Kinde dadurch genommen, daß man vom allerersten Schultage an eine reine Kopfbildung ans Kind heranbringen wollte, daß man nur zu seinem Verstand sprach, gar nicht tiefer herandringen wollte oder konnte.

[ 15 ] This resulted in what Ste observed in the skeletal system. The child’s inner stability—the skeleton—was weakened. Certain opportunities for the child to stand upright in life were taken away by the fact that, from the very first day of school, the aim was to focus solely on intellectual development, addressing only the child’s intellect without attempting—or being able—to reach any deeper.

[ 16 ] Solche Tatsachen spiegeln sich oft in kleinen Symptomen. $o war es interessant, in dem Buche von Haug den Satz zu finden, daß man den Unterricht der französischen Sprache, von der Sie wissen, daß wir sie von der allerersten Schulstufe ab unterrichten, nicht pflegen dürfe auf jener Stufe, weil die Sprache irrational sei.

[ 16 ] Such facts are often reflected in minor symptoms. $o It was interesting to find in Haug’s book the statement that the teaching of the French language—which, as you know, we teach starting at the very first grade—should not be practiced at that level because the language is irrational.

[ 17 ] Was offenbart sich in einem derartigen Merkmal? Ganz deutlich sehen wir hier, wie vor dem Kinde nicht der lebendige Mensch steht, sondern ein dickes Buch, das für uns alle Schicksalsbedeutung gehabt hat, das «Grammatik» heißt. Die Grammatik kann man auf dieser Stufe nicht an die Kinder heranbringen; das war identisch für die Menschen der alten Schulgewohnheiten mit der Unmöglichkeit, die lebendige Kraft der Sprache hineinspielen zu lassen in die kindliche Entwickelung. - So wie Sie in den Gymnasien das Buch stehen haben, so haben Sie in den Volksschulen anderes anstelle der lebendigen Persönlichkeit stehen, die eigentlich ans Kind die Inhalte des Lebens heranbringen muß. Von dem Buch ist man abgekommen, dafür finden Sie jetzt um so mehr Karten, Schemen, Tabellen. Alles das soll ans Kind herangebracht werden, damit es urteilen lerne.

[ 17 ] What does such a characteristic reveal? Here we see very clearly that what stands before the child is not a living human being, but a thick book that has held fateful significance for all of us—a book called “Grammar.” At this stage, grammar cannot be introduced to children; for those accustomed to the old school methods, this was tantamount to the impossibility of allowing the living power of language to play a role in the child’s development. - Just as you have the book in high schools, so in elementary schools you have other things standing in place of the living personality who should actually be bringing the contents of life to the child. People have moved away from the book; instead, you now find all the more cards, diagrams, and tables. All of this is supposed to be presented to the child so that it may learn to judge.

[ 18 ] Aber man wird zugestehen müssen, wenn man die kindliche Natur richtig kennt, daß die Unaufmerksamkeit des Kindes gerade gegenüber einer derartigen Unterrichtsart ihre feineren Gründe hat. Es strebt zurück von dem Buche, von der intellektualisierenden Anschauung, durch die Kraft der Weisheit, die das Kind vor Schädigung bewahren will. Es ist eine Selbsthilfe des Kindes, was als Unaufmerksamkeit eintritt. Das Kind entzieht sich den nivellierenden Einflüssen eines derartigen Unterrichts. Unterrichtet man von der ersten Stunde bis zur letzten in der geschilderten Art, dann wird der Versuch gemacht, durch Unaufmerksamkeit sich einem derartigen Unterricht zu entziehen.

[ 18 ] But one must admit, if one truly understands a child’s nature, that the child’s inattention—particularly toward this type of instruction—has deeper reasons. The child turns away from the book and from an intellectualized approach through the power of wisdom, which seeks to protect the child from harm. What appears as inattention is actually a form of self-protection on the part of the child. The child withdraws from the homogenizing influences of this kind of instruction. If one teaches in the manner described from the very first lesson to the very last, the child will attempt to withdraw from such instruction through inattention.

[ 19 ] Wie soll nun aber dieser Versuch gelingen innerhalb einer Schule, die auch eine Art Disziplin hatte! Nicht nur, daß in der eben angedeuteten Art und Weise der Lehrstoff herangebracht wurde; dem Kinde wurde auch zugemutet, daß es innerhalb eines Vormittages drei- bis viermal sich umstellen mußte in bezug auf den Lehrstoff, so daß es gestürzt wurde von der einen Stufe in die andere hinein. Wer deutlich die Entwickelung zu verfolgen wußte, der konnte erkennen, wie in der letzten Zeit das Streben vorhanden war, die Stunden noch weiter zu kürzen, auf 45 Minuten, kinematographisch den ganzen Unterrichtsstoff vorbeiziehen zu lassen. Die Gliederung übertrug sich noch auf die einzelnen Stunden. Und in welcher Art? Als Meisterwerk der modernen Didaktik, so stehen die Formalstufen da, von Ziller begründet, heute übernommen im ganzen Volksschulunterricht.

[ 19 ] But how could this experiment possibly succeed in a school that also enforced a certain kind of discipline! Not only was the curriculum presented in the manner just described; the child was also expected to switch subjects three or four times in the course of a single morning, so that he or she was thrown from one level into the next. Anyone who could clearly follow this development could see how, in recent times, there has been a drive to shorten classes even further—to 45 minutes—and to have the entire curriculum flash by like a movie. This structure was also applied to individual lessons. And in what way? The formal stages—established by Ziller and now adopted throughout elementary school education—stand as a masterpiece of modern didactics.

[ 20 ] Lassen Sie sich klarmachen, was ein solcher Lehrer innerhalb einer einzigen Unterrichtsstunde von 45 Minuten zu leisten hat. Der Stoff soll an das Kind herangebracht werden in sechs Phasen: Erstens: Anknüpfung; zweitens: Vertiefung, und nach der Vertiefung kommt die Beseelung des Stoffes; dann weiter nach der Beseelung kommt die Stufe der Verfügbarkeit des Stoffes. Sie schließt wenig in sich. Dann kommt die Stufe der Stoffbemeisterung, Stoffverwertung innerhalb der Stunde selbst. Aber das wiederholt sich ja viermal noch am selben Vormittag innerhalb der verschiedenen Gebiete. - Sie werden mir zugestehen, wenn ich sagen muß, unsere Kinder können nach einer derartigen Methode, die die Kinder mißhandelt, nicht behandelt werden. - Wenn sich solche mißhandelten Kinder den Wirkungen des Unterrichts, des Lehrplanes, der verlangt, am Dienstag, den 11. Mai, muß in allen Klassen dies und dieses Ziel erreicht werden, entziehen wollten, was geschah da?

[ 20 ] Consider what such a teacher must accomplish within a single 45-minute class period. The material must be presented to the child in six phases: First, introduction; second, reinforcement, and after reinforcement comes the inspiration of the material; then, following inspiration, comes the stage of familiarity with the material. This stage is rather limited in scope. Then comes the stage of mastering the material and applying it within the lesson itself. But this process is repeated four more times that same morning across different subject areas. - You will agree with me when I say that our children cannot be taught using such a method, which mistreats them. - If such mistreated children wanted to withdraw from the effects of the instruction—the curriculum that demands, “On Tuesday, May 11, this and that goal must be achieved in all classes”—what would happen then?

[ 21 ] Dann trat die Disziplin in Kraft. Sie arbeitete von der allerersten Schulstunde mit Mitteln, die in tiefer Weise das ganze moralische Leben des Kindes verseuchen mußten. Das Kind, das gewohnt war, sich natürlicherweise zu äußern, sah sich auf Schritt und Tritt dem Lob oder Tadel gegenüber. Schematisierung trat ein. Die Kinder stellten sich von vorneherein auf die Möglichkeit ein, gefragt zu werden, so daß sie nur in gewissen Fällen mit der Aufmerksamkeit beim Unterricht dabei waren. Wenn das Kind bis dahin gewohnt war, sich frei zu äußern, und es das in der Schule ebenso tun wollte, so erlebte es, daß es abgeschnitten wurde durch jene Rüge, die es immer erfuhr, wenn es in solcher Weise an den Lehrer herantreten wollte; es hatte Strafe zu gewärtigen, die die allergrößßten Bedenken ins kindliche Seelenleben senken mußte. Die Kinder mußten dann besondere Schulaufgaben machen, anstatt daß ihnen von vorneherein die Anschauung wachgerufen worden wäre, es sei eine Freude, in der Schule arbeiten zu dürfen. So wurde die Schulaufgabe zur Strafe gestempelt. Das Kind bekam eine eigenartige Auffassung vom Unterricht solcher Art. Der ganze Unterricht hat etwas mit einem Strafsystem zu tun. Es äußert sich in jenen organischen Beeinträchtigungen, die das kindliche Wachstum hemmen, daß im Kinde verschiedenes zur Wucherung kam, was sonst sich gesund entfaltet hätte.

[ 21 ] Then discipline took effect. From the very first school lesson, it employed methods that were bound to deeply corrupt the child’s entire moral life. The child, who was accustomed to expressing himself naturally, found himself facing praise or reprimand at every turn. A pattern of rigid conformity set in. From the very beginning, the children braced themselves for the possibility of being called on, so that they paid attention in class only in certain situations. If a child had been accustomed up to that point to expressing himself freely and wanted to do so in school as well, he found that he was cut off by the reprimand he always received whenever he tried to approach the teacher in that manner; they had to anticipate punishment, which was bound to cast the gravest doubts into the child’s inner life. The children were then required to complete special school assignments, instead of having the realization instilled in them from the very beginning that it is a joy to be allowed to work at school. Thus, schoolwork came to be branded as punishment. The child developed a peculiar view of this kind of instruction. The entire educational process is associated with a system of punishment. This manifests itself in those organic impairments that hinder a child’s growth, causing various aspects within the child to become distorted that would otherwise have developed healthily.

[ 22 ] Ich möchte darauf hinweisen, daß eine ganz bestimmte Erscheinung der späteren Schulstufe damit zusammenhängt. Unsere Schüler stehen ironisch gegenüber dem gesamten Schulwesen, und das durchsetzt das ganze Verhalten des Schülers zu seinem Lehrer, zu seiner Schule. Sie wissen alle aus ihrer Schulzeit her, wie es Vergnügen bereitet hat, über die Lehrer zu urteilen. Dann die Erscheinung der Schülerselbstmorde; immer mehr treten diese drohenden Erscheinungen hervor, und immer ratloser sieht sich die Verwaltung gegenüber diesen Erscheinungen. Wirkliche Lebenskräfte, die sich betätigen wollen in einem naturgemäßen Unterricht, sind zurückgedämmt worden. Alles was so zurückgestaut wird, das bewirkt jene Nervosität, die wir eine Zeitkrankheit nennen, die sich auf dem Gebiete des Schulwesens offenbart.

[ 22 ] I would like to point out that a very specific phenomenon in the later school years is connected to this. Our students view the entire school system with cynicism, and this permeates their entire attitude toward their teachers and their school. They all know from their own school days how much pleasure it brought to pass judgment on their teachers. Then there is the phenomenon of student suicides; these alarming incidents are becoming increasingly frequent, and the administration finds itself increasingly at a loss in the face of them. Genuine life forces, which seek to express themselves through education in harmony with nature, have been suppressed. Everything that is thus suppressed gives rise to the nervousness we call a “disease of our times,” which manifests itself in the realm of the school system.

[ 23 ] Nun fragen wir uns, was wurde erreicht und bis zu einem bestimmten Abschluß gebracht, wenn man von der untersten Schulstufe bis zur letzten Stufe geht? Unsere Volksschüler verlassen die Schule mit dem fünfzehnten Jahr. Menschen, die viel mit Proletariern zu tun hatten und “ die häufig den arbeitenden Menschen ins Gesicht gesehen haben, werden die Erscheinung bemerken, daß etwas wie eine gewisse Herbheit sich ausprägt im Antlitz dieser Menschen. Es ist viel darüber gesprochen worden, wenig gedacht. Aber man hat nicht beobachtet, daß dies ja gar nicht anders sein könne, daß dies eine naturnotwendige Folge davon ist, daß mit dem vierzehnten Jahre im Menschen das Empfindungsleben frei wird, und von diesem Zeitpunkt ab war für die Mehrzahl unserer Volksgenossen die Bildung abgeschnitten. Wie kann es anders sein, wenn Empfindungsfähigkeiten nicht zu bildenden Kräften zu werden vermögen im Schicksal dieser Menschen?

[ 23 ] Now let us ask ourselves: What has been achieved and brought to a certain conclusion when one progresses from the lowest grade to the highest? Our elementary school students leave school at the age of fifteen. People who have had a lot of contact with the working class—and who have frequently looked working people in the face—will notice that something like a certain harshness becomes evident in these people’s faces. Much has been said about this, but little thought has been given to it. But it has not been observed that this could not be otherwise—that this is a naturally inevitable consequence of the fact that, at the age of fourteen, a person’s emotional life is set free, and from that point on, the majority of our fellow citizens were cut off from education. How could it be otherwise when, in the course of these people’s lives, their emotional capacities are unable to develop into formative forces?

[ 24 ] Die anderen, die nun weiter fortgeführt wurden, die wurden erst recht hineingeführt in jene alte, lateinische Methode, von der ich eingangs sprach. Das Studium der klassischen Sprachen trat mehr in den Vordergrund, oder das Studium der Naturwissenschaften, die im Aufbau auch nur das Erbe des Römischen Reiches und Rechtes angetreten haben. Die Folge davon war, daß wenn aus der Volksschule notwendig in ihrer Entwickelung zurückgehaltene Menschen austraten, so traten von dem humanistischen Gymnasium Menschen heraus, die später die Vertreter des humanistischen Bildungsideals werden sollten. Es wurde dies als eine Errungenschaft dargestellt, daß man Sprachen treiben könne, die man um ihrer selbst willen treibe. Man bemerkte aber nicht, daß die Beschäftigung mit derartigen Sprachen zurückstrahlt auf den ganzen Menschen, daß die Menschen, die sich in vielen Stunden in die griechische Sprache versenkt hatten, unfähig wurden, die deutsche Sprache und die Sprache der Tatsachen zu verstehen. Jene Menschen, die von der Realschule ins Leben traten, die gaben ab die späteren Realpolitiker, die immer pochen auf Tatsachen, pochen auf Gesetze aller Art, die aber nicht sehen, wie die Wirklichkeit beeinflußt wird von ganz anderen Strömungen als denjenigen, die sie ihre Gesetze nennen.

[ 24 ] The others, whose studies were continued, were even more thoroughly introduced to that old Latin method I mentioned at the beginning. The study of classical languages came more to the fore, as did the study of the natural sciences, which in their structure were also merely the legacy of the Roman Empire and Roman law. The result was that while elementary school graduates were necessarily held back in their development, those who emerged from the humanistic gymnasium would later become the representatives of the humanistic educational ideal. It was presented as an achievement that one could study languages for their own sake. But it was not realized that engagement with such languages has a ripple effect on the whole person—that people who had immersed themselves in the Greek language for many hours became incapable of understanding the German language and the language of facts. Those who entered life from the Realschule went on to become the later realpolitikers, who always insist on facts and on laws of all kinds, but who fail to see how reality is influenced by currents entirely different from those they call their laws.

[ 25 ] Alle diese drei Schulaustritte dürfen wir so ins Auge fassen, daß wir die verhängnisvolle Wirkung so arbeiten sehen, daß die Kräfte hintangehalten werden, die organbildend sein können und Bildung beeinflussend im tiefsten Sinne des Wortes, daß andererseits die Kräfte, die nicht einströmen konnten, wuchern mußten. Dort, wo ein Gefühlsleben nicht gepflegt wird, hat es die Neigung, zur Sentimentalität zu gelangen auf Schritt und Tritt.

[ 25 ] We may view all three of these instances of dropping out of school in such a way that we see the disastrous effect at work: the forces that could have shaped the organism and influenced education in the deepest sense of the word are held back, while, on the other hand, the forces that were unable to flow in were bound to proliferate. Where emotional life is not nurtured, it tends to descend into sentimentality at every turn.

[ 26 ] Der Wille, was wurde aus dem? Entweder er wurde so gebrochen, daß wir jene Ruinen von Menschen haben, die heute auf verantwortungsvollen Posten stehen, oder auf der anderen Seite jene brutalen Gewaltmenschen, die in die Welt so hineintreten, daß sie alles unter ihren Füßen zusammenstampfen, eine Folge davon, daß der Wille gar nicht zu einer Pflege kommen konnte.

[ 26 ] The will—what became of it? Either it was broken to such an extent that we now have those “ruins of human beings” who hold positions of responsibility, or, on the other hand, those brutal, violent individuals who stride into the world trampling everything underfoot—a consequence of the fact that the will was never able to be nurtured.

[ 27 ] Diese Erscheinungen sind häufig zusammengefaßt worden. Kritik ist in Hülle und Fülle ausgeübt worden. - Als sich der Vorgang der Weltrevolution abspielte, da war die Meinung entstanden: Jetzt wird aus dem Brodem der kochenden neuen Kräfte etwas hineinfließen können, etwas wie eine neue Lebensströmung in das Schulwesen selbst; man wird dazu kommen, die Kritik aufzupeitschen zu einer gestaltenden Tat. Seit jenen Tagen ist man nicht müde geworden, immer wieder das Wort «Einheitsschule» zu gebrauchen als einen Titel für die Bestrebungen, die meinten, sich mit der Zeit in Verbindung zu setzen. Aber wenn wir die Auslassungen der Gesetzgebung beobachten, so werden wir nicht umhin können zu sehen, was wie eine schwarze Gefahr uns gegenübertritt. Wir sehen, daß zwar jene Gliederung der Schule, wie sie althergebracht war, äußerlich verändert worden ist, daß aber, weil das, was man Schulkonzession nennt, viel ausgiebiger als sonst noch zur Geltung kommen möchte, die Gefahr als drohend bezeichnet werden muß. Wir sehen, daß die Volksschule zu einer Konfessionsschule, einer Parteischule und Schule von bestimmten wirtschaftlichen Gruppen werden kann, daß man noch weniger als früher bedacht ist, auf das allgemein Menschliche Rücksicht zu nehmen, jetzt mit aller Eindringlichkeit des juristisch arbeitenden Beamtenapparates.

[ 27 ] These phenomena have often been summarized. Criticism has been leveled in abundance. — As the process of the world revolution unfolded, the view had emerged: Now something will be able to flow from the cauldron of seething new forces—something like a new current of life—into the school system itself; we will be able to transform the criticism into a creative act. Since those days, people have not grown weary of repeatedly using the term “unified school” as a label for the efforts that sought to connect with the times. But when we observe the omissions in the legislation, we cannot help but see what stands before us as a dark danger. We see that, although the traditional structure of the school system has been outwardly altered, the danger must be described as imminent because what is called “school licensing” is set to take on a much greater role than before. We see that the public school can become a denominational school, a partisan school, and a school for specific economic groups; that there is even less consideration than before for universal human values, now enforced with all the rigor of the legal bureaucracy.

[ 28 ] Sie werden finden, daß der Beamte innerhalb der neuen Zustände nicht seine Bedeutung verloren hat, daß er viel mehr wirken kann, daß er viel mehr zersetzen kann, als innerhalb des alten Systems. Beachten Sie, mit welcher Eifersucht gewacht wird, daß alle Verfügungen beachtet werden. Gegenüber diesem brutalen Willen wird man nicht umhin können zuzugeben, daß es nicht leicht möglich werden wird, jenes Bildungsideal durchzuführen. Wir werden gewärtig sein müssen, daß mehr als früher bestimmt werden wird, was als Unterricht ans Kind herangebracht werden soll, namentlich im Geschichtsunterricht.

[ 28 ] You will find that the civil servant has not lost his importance under the new conditions; rather, he can have a much greater impact—and cause much more disruption—than he could under the old system. Note the zeal with which compliance with all regulations is enforced. Faced with this brutal determination, one cannot help but admit that it will not be easy to realize that educational ideal. We will have to expect that, more than in the past, it will be determined what is to be taught to children, particularly in history classes.

[ 29 ] Was wird die Folge weiter sein? Die Folge wird sein, daß der Beamtencharakter des Lehrers sich noch mehr ausprägen wird.

[ 29 ] What will be the next consequence? The consequence will be that teachers will take on an even more bureaucratic character.

[ 30 ] Alledem gegenüber steht unsere Welt von heute, die Not der Zeit, die noch nach ganz anderem verlangt als demjenigen, was man als einen schwachen Zukunftsschimmer ausgießen möchte über das Schulwesen und darüber hinaus. Warum können die Neuerungen nicht zu jenem Ziele führen? Wir kommen zu einem eigenartigen Gesetz: Wenn irgendwo etwas gedacht wird, und es sich nicht auszugießen vermag, weil es nicht durchdrungen ist von der ganzen Energie des Menschenwesens, so wirkt es so, daß dies nicht eine Verminderung des Negativen ist, sondern sich verbindet mit den negativen Zuständen. Es fließt unterirdisch da hinüber. So hat es Lichtwark ausgedrückt: Teilreformen bewirken nur eine Verstärkung der bereits bestehenden Tendenzen. Alles andere ist zu erwarten als eine Neugestaltung. Wir können nur eine weitere Verstärkung der schon vorhandenen Bestrebungen erwarten.

[ 30 ] Set against all this is our world today, the plight of our times, which demands something entirely different from what some would like to cast as a faint glimmer of hope for the future—not only in the school system but beyond it as well. Why can’t these innovations lead to that goal? We arrive at a peculiar law: When something is conceived somewhere, and it is unable to manifest itself because it is not imbued with the full energy of the human being, it has the effect not of reducing the negative, but of combining with the negative conditions. It flows underground in that direction. As Lichtwark put it: Partial reforms only serve to reinforce existing tendencies. Anything but a fundamental transformation is to be expected. We can only expect a further intensification of the existing tendencies.

[ 31 ] Nun, dieses Bild habe ich vor Ihnen aufgerollt, um Ihnen deutlich werden zu lassen an dem, was mir nicht übertrieben scheint, was aus dem persönlichen Leben vieler Lehrender schicksalmäßig beseitigt werden möchte, weil wir, wenn wir jenes Bestreben unserer Freien Schule richtig ins soziale Leben der Zeit hineinfließen lassen wollen, wissen müssen, welche Gefahr uns von dem alten Schulwesen droht. Es kann nicht die Aufgabe meiner jetzigen Ausführungen sein, unsere Bestrebungen noch einmal zu wiederholen.

[ 31 ] Well, I have presented this picture to you in order to make it clear—and this does not seem like an exaggeration to me—what fate seems intent on eliminating from the personal lives of many teachers; for if we wish to allow the aspirations of our Free School to flow properly into the social life of our time, we must be aware of the danger that threatens us from the old school system. It cannot be the purpose of my current remarks to repeat our aspirations once again.

[ 32 ] Wenn in unserer Schule jene Bestimmungen fehlen, die das alte Schulleben gesetzmäßig regeln, so bedeutet das nicht, daß wir uns unsere Aufgabe leicht gemacht haben. Wir haben uns unsere Aufgabe schwerer gemacht. Die Zeit muß fordern, daß man schwere Lasten auf sich nimmt, um derjenigen Entwickelung willen, von der wir eine Zukunft erwarten dürfen. Wenn wir aber die schweren Lasten auf uns genommen haben, so können wir sie nur tragen, wenn alle diejenigen mittragen helfen, die uns Vertrauen geschenkt haben, wenn sie darauf bedacht sind, daß die kleinsten Wirkungen von Bedeutung sind, und hierbei auf das Ernsteste das Schulleben verfolgen; keine Unterrichtsstunde, keine andere Unternehmung, die im Verlaufe des Schulwesens sich ergibt, ist so gedacht, wie sie sich innerhalb der alten Schulgewohnheiten ergibt.

[ 32 ] If our school lacks the regulations that legally govern the old school system, that does not mean we have made our task easier. We have made our task more difficult. The times demand that we take on heavy burdens for the sake of the development from which we may expect a future. But once we have taken on these heavy burdens, we can bear them only if all those who have placed their trust in us help to carry them, if they are mindful that even the smallest actions matter, and if they follow school life with the utmost seriousness; no lesson, no other activity that arises in the course of school life, is conceived in the same way as it is within the old school customs.

[ 33 ] Was hier geleistet wird, ist Lebenskraft unseres Volkes selbst, sind Kräfte, deren Auswirkungen wir brauchen. Unsere Zeit lechzt nach ihnen. Wenn nun das Elternhaus der Schule so gegenübersteht, wie es innerhalb der alten Schulgewohnheit der Fall ist, so muß vieles von dem ganz anders verwirklicht werden. Entweder es bestand ein Kampf, oder es bestand dies, was man nennen kann ein Hinundherwerfen zwischen Elternhaus und Schule. Denn wie häufig treten Sie der Meinung gegenüber, daß die Eltern froh sind, sobald die Kinder in der Schule sind. Sie möchten sie den ganzen Tag in der Schule haben und sind sehr aufgebracht über alle Zumutungen, die gemacht werden, daß sie die Tätigkeit der Schule unterstützen sollen. Das Kind übernimmt alle Nuancen, die in seiner Umgebung angeschlagen werden, in feiner Weise. Wenn das Kind beobachten kann: Was mir in der Schule gesagt wird, das wird zu Hause anders betrachtet! - dann kommt das Kind in einen Zwiespalt, und diejenigen Wirkungen, die auf das Kind ausgehen sollen, können nicht ausgehen.

[ 33 ] What is being accomplished here is the very life force of our people—forces whose effects we need. Our times are crying out for them. If, however, the family home stands in opposition to the school, as is the case under the old school customs, then much of this must be achieved in a completely different way. Either there was a conflict, or there was what one might call a back-and-forth between the family home and the school. For how often do you encounter the view that parents are glad as soon as their children are at school? They want them to be at school all day and are very upset by all the unreasonable demands made of them to support the school’s activities. The child subtly absorbs all the nuances present in their environment. If the child observes: “What I’m told at school is viewed differently at home!”—then the child is torn, and the effects intended to influence the child cannot take hold.

[ 34 ] Nachdem wir unsere Schule ins Leben gerufen haben, nachdem wir mit allen Kräften danach ringen, einen Teil zu erfüllen, da sind die alten Schulgewohnheiten lebendig geblieben, so daß Menschen, die innerhalb dieser Gewohnheiten groß geworden sind, die Voraussetzungen aus einem Alten ins Neue hineintragen. Sie möchten das Ganze nach jenem Einschachtelungsmuster beurteilen. Es kann vorkommen, daß Menschen besorgt sind, wenn man nicht nachweisen kann in unserer Schule, die alle Kräfte entwickeln will: warum hat das Kind das oder das noch nicht gelernt und so weiter? Man ist in großen Sorgen. Man sollte berücksichtigen, daß diese Sorgen ungerechtfertigt sind, daß wir dann nicht sprechen dürfen von einer neuen Schule, sondern daß wir die alten Schulgewohnheiten in irgendeiner umgeschachtelten Form in die Schule aufgenommen hätten. Dasjenige, was in der Waldorfschule abweichend gemacht wird von den alten Schulgewohnheiten, wird so gemacht aus einer Praxis, die nicht aus einer verstandesmäßig erklügelten Anschauung erfließt, sondern aus jenen Kräften, die sich auf die Werdekräfte der jungen Menschen und des Volkes selbst beziehen. Indem wir Ihnen diese Zusicherung geben, dürfen Sie sich mit Ihren Vertrauenskräften genug verbunden fühlen. Sie werden die Geduld haben müssen, wenn Sie abwarten wollen das, was da reift.

[ 34 ] Now that we have established our school, and are striving with all our might to fulfill a part of its mission, the old school habits have remained alive, so that people who grew up within these habits carry the conditions from the old into the new. They want to judge the whole thing according to that pattern of pigeonholing. It can happen that people become concerned when, in our school—which aims to develop all faculties—we cannot demonstrate why a child has not yet learned this or that, and so on. People are deeply worried. One should bear in mind that these concerns are unjustified; that if this were the case, we could not speak of a new school, but rather that we would have incorporated the old school habits into the school in some repackaged form. What is done differently in the Waldorf school compared to old school habits is done out of a practice that does not stem from an intellectually contrived view, but from those forces that relate to the developmental powers of young people and of the people themselves. By giving you this assurance, you may feel sufficiently connected to your inner sources of trust. You will need to have patience if you wish to wait for what is ripening there.

[ 35 ] Nehmen Sie doch als ein Zeichen der beginnenden Reife die Stimmung, die unsere Kinder überall beseelt und belebt, die die Kinder in die Schule hineintragen, wenn sie sich sagen: das Lernen ist hier keine Strafe. Nehmen Sie jene Stimmung, die sich sogar an frisch geröteten Wangen mancher unserer Zöglinge offenbart, nehmen Sie sie als Wahrzeichen dafür, daß Dinge in der Reife sind. Lassen Sie sich nicht einschüchtern durch die Gespenster, die in unsere niedergehende Zeit hineinbrechen möchten. Sagen Sie sich: Das Kind, das hier heranwachsen soll, das soll nur mit sich selbst einmal verglichen werden können, wenn es als reifer Mensch ins Leben herausgetreten sein wird.

[ 35 ] Take, as a sign of emerging maturity, the spirit that inspires and enlivens our children everywhere—the spirit they bring with them to school when they tell themselves: “Learning here is not a punishment.” Consider that spirit, which is even evident in the rosy cheeks of some of our pupils; take it as a sign that things are maturing. Do not let yourself be intimidated by the spectres that seek to intrude upon our declining age. Tell yourself: The child who is to grow up here should only be able to compare themselves to their former selves once they have stepped out into life as a mature person.

[ 36 ] Wenn wir eine derartige Anschauung an die Schule heranbringen, dann wird die Schaffensfreude, die uns belebt, Früchte tragen, daß wir sehen, das heutige Leben wird mit der Schule zu rechnen haben. Schöpferkräfte können nur aus solchen Schulen kommen, wo Schöpferkräfte nicht zurückgestaut werden, sondern wo sie entwickelt werden, so daß der erste Tag in der Schule nicht eine Krisis bedeutet, sondern das Kind so hineinführt, daß es aufgeschlossen wird für das Leben später; so daß es die Schule verläßt, nicht als Gewaltmensch, nicht als bloß mit Kopfwissen beladener Mensch, sondern als Mensch, der eine neue Bildung zu vertreten vermag, die wahre Menschenbildung der neuen Zeit. In der wahren Erkenntnis des Menschenwesens liegt das Unterpfand für die Entwickelung unseres Volkes in der Zukunft.

[ 36 ] If we bring such a perspective to the school, then the joy of creation that animates us will bear fruit, so that we will see that modern life will have to reckon with the school. Creative powers can only emerge from schools where they are not stifled but rather nurtured, so that the first day of school does not mark a crisis but instead guides the child in such a way that they become open to life in the future; so that the child leaves school not as a domineering person, not as someone merely burdened with intellectual knowledge, but as a person capable of embodying a new kind of education—the true human education of the new era. In the true understanding of the human nature lies the guarantee for the future development of our people.

[ 37 ] Auch diese Aufgabe ist groß, aber es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß sie herb ist. Man will vor dem Antlitz unserer Zeit nicht so klaren Blickes stehen, daß man die verbitterten Züge sehen will. Man will Schleier über Schleier vor dieses Antlitz ziehen und will sich seinen Anblick deswegen fernhalten, weil man die Sprache fürchtet, die aus dem Antlitz redet. Herb und groß sind die Aufgaben, die wir übernommen haben. Aber wir glauben, daß es Menschen geben kann, die die Aufgaben doppelt zu lieben vermögen, weil sie herb und groß sind. Wir vereinigen uns mit Ihnen in der Hoffnung, daß Sie sie lieben lernen werden, weil es eine herbe Aufgabe ist. Aus der Herbheit wird die Frische entspringen können.

[ 37 ] This task, too, is a great one, but it is a sign of our times that it is harsh. People do not want to stand before the face of our times with such a clear gaze that they would see its embittered features. People want to draw veil after veil over this face and thus shield themselves from its sight, because they fear the language that speaks from it. The tasks we have taken on are harsh and grand. But we believe that there may be people who are capable of loving these tasks all the more precisely because they are harsh and grand. We join with you in the hope that you will learn to love them precisely because they are arduous tasks. From this harshness, freshness will be able to spring forth.

[ 38 ] Herb und scharf ist das, was wir zu vertreten haben; aber diese Herbheit wird uns die Kraft geben, hier von der Freien Waldorfschule aus der niedergehenden Zeit ein Flammenzeichen auf die Stirne zu schreiben. Sie möge, während sie dahinlebt im Phrasentum, die Kraft finden, einen kräftigen Tod zu sterben, daß darauf fallen möge die Sonne des kommenden Tages.

[ 38 ] What we have to uphold is harsh and sharp; but this harshness will give us the strength, here at the Free Waldorf School, to inscribe a flaming symbol on the brow of this declining age. May it, as it lives out its days in empty rhetoric, find the strength to die a powerful death, so that the sun of the coming day may rise upon it.