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The Rudolf Steiner Archive

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Rudolf Steiner in the Waldorf School
GA 298

24 July 1920, Stuttgart

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5. Ansprache bei der Feier zum Abschluss des ersten Schuljahres

5. Speech at the Ceremony Marking the End of the First School Year

[ 1 ] Meine lieben Kinder! Heute, wo wir am Ende unseres ersten Schuljahres der lieben Waldorfschule stehen, wollen wir einiges uns in die Seele schreiben von demjenigen, warum wir eigentlich in dieser Waldorfschule sind, welches der ganze Sinn davon ist, daß unser lieber Herr Molt im Verein mit der lieben Frau Molt diese Waldorfschule für euch, meine lieben Kinder, und für die Menschheit gegründet haben, und welches der ganze Sinn davon ist, daß ihr jeden Morgen hierherkommt, etwas Tüchtiges lernen sollt, und daß ihr vor allen Dingen hier durch Menschen, die sich für euch unendliche Mühe geben, als tüchtige Menschen selber ins Leben eingeführt werden sollt.

[ 1 ] My dear children! Today, as we approach the end of our first school year at our beloved Waldorf School, let us take a moment to reflect on why we are actually here at this Waldorf School—what the whole purpose of it is—that our dear Mr. Molt, together with our dear Mrs. Molt, founded this Waldorf School for you, my dear children, and for humanity, and what the whole purpose is behind you coming here every morning to learn something worthwhile, and that, above all, you are to be guided into life as capable individuals by people who go to infinite lengths for you.

[ 2 ] Seht ihr, meine lieben Kinder, wenn ich öfters während dieses Schuljahres hierhergekommen bin, dann habe ich in den einzelnen Klassen, ihr wißt es, immer eine Frage gestellt an euch, eine Frage so recht aus dem Herzen heraus, ich habe euch gefragt oftmals: Liebt ihr eure Lehrer? [Ja! - rufen die Kinder.] Seht ihr, und ihr habt mir immer so herzhaft geantwortet wie eben heute.

[ 2 ] You see, my dear children, whenever I’ve come here during this school year—as you know—I’ve always asked you a question in each class, a question that comes straight from the heart. I’ve often asked you: Do you love your teachers? [“Yes!” the children call out.] You see, and you’ve always answered me as wholeheartedly as you did today.

[ 3 ] Jetzt kommen Wochen, wo ihr eure Lehrer eine Weile nicht sehen werdet; jetzt möchte ich euch etwas anderes sagen. Und ich hoffe, eure Herzen werden oftmals gerade auf diese Frage während dieser Ferien antworten. Ich möchte euch sagen: Lernt jetzt gerade, wo ihr eure Lehrer nicht sehen werdet, gegen eure Lehrer dankbar sein. Wie ihr gelernt habt, wie ihr euch bemüht habt, zu lernen eure Lehrer zu lieben, so lernt jetzt recht fest in eurem Herzen euren Lehrern dankbar zu sein, damit, wenn ihr euch selber fragt: Bin ich meinen Lehrern dankbar? - ihr dann aufrichtig und herzhaft antworten könnt: Ja, ich bin dankbar.

[ 3 ] There are weeks ahead when you won’t see your teachers for a while; now I’d like to tell you something else. And I hope your hearts will often respond to this very question during these holidays. I want to tell you: Now, just when you won’t be seeing your teachers, learn to be grateful to them. Just as you have learned, just as you have strived to learn to love your teachers, so now learn firmly in your hearts to be grateful to your teachers, so that when you ask yourselves, “Am I grateful to my teachers?”—you can answer sincerely and wholeheartedly: “Yes, I am grateful.”

[ 4 ] Nun möchte ich euch noch etwas sagen. Seht ihr, meine lieben Kinder, es soll bei uns hier nicht so sein, daß man sich als Kind der Waldorfschule sagt: Na, jetzt ist die Schule aus, wir gehen in die Ferien. Wenn wir in der Schule sind, dann müssen wir fleißig sein, dann müssen wir lernen; aber jetzt dürfen wir einmal faulenzen, brauchen nichts zu tun. Wir freuen uns, daß wir faulenzen dürfen. - Seht ihr, so wollen wir bei uns nicht sagen. Wir sollen ganz anders sagen; wir sollen uns sagen: Ja, der Tag ist schön, am Tag erlebt man vieles recht Schönes neben manchem Traurigen und Schmerzhaften; aber was wäre der Mensch, wenn er nicht durch die Sinne alles dasjenige erleben könnte, was die göttliche Geistigkeit so Großes und Schönes und Wahres in die Welt hereingestellt hat.

[ 4 ] Now I’d like to tell you something else. You see, my dear children, it shouldn’t be the case here that, as a child at the Waldorf School, you say to yourself: “Well, school’s out now; we’re going on vacation.” When we’re at school, we have to work hard; we have to study. But now we’re allowed to laze around for a change—we don’t have to do anything. We’re happy that we’re allowed to laze around. - You see, that’s not how we want to talk here. We should say something quite different; we should say to ourselves: “Yes, the day is beautiful; during the day we experience many beautiful things alongside some sad and painful ones; but what would a human being be if they could not experience through their senses all that which divine spirituality has placed in the world—all that which is so great, beautiful, and true.”

[ 5 ] Aber wir könnten nicht richtig alles das mit unseren Augen sehen und unseren Ohren hören, was die göttliche Geistigkeit so schön ins Leben hereingestellt hat, wenn wir nicht auch schlafen könnten, ruhen könnten. Bedenkt, ihr müßt, wenn ihr den Tag genossen habt, in der Nacht ausruhen, dann seid ihr am Morgen wiederum gestärkt. Eure Augen sehen besser und eure Ohren hören besser. Wenn ihr immer wachen müßtet, dann würdet ihr durchaus das Leben nicht in seiner ganzen Wahrheit und Schönheit, wie es die göttliche Geistigkeit gemacht hat, genießen und euch erarbeiten können.

[ 5 ] But we would not be able to truly see with our eyes or hear with our ears all that divine spirituality has so beautifully brought into life if we were not also able to sleep and rest. Consider this: after you have enjoyed the day, you must rest at night; then you will be refreshed again in the morning. Your eyes will see better and your ears will hear better. If you had to stay awake all the time, you would certainly not be able to enjoy and fully appreciate life in all its truth and beauty, just as divine spirituality has created it.

[ 6 ] So ist es auch im ganzen Leben. Ihr sollt nicht denken: Wir werden jetzt in den Ferien faul sein können -, sondern ihr sollt denken: wir haben alles dasjenige, was wir von unseren lieben Lehrern bekommen haben, was die Menschheit erarbeitet hat, damit die Menschen es wissen können, wir haben das empfangen, und wir brauchen jetzt ein wenig Ruhe, damit, wenn wir diese Ruhe gehabt haben, wir um so frischer und lebendiger wiederum kommen können in unsere Klassen, ein jeder sogar in eine höhere Klasse, und dann mit neuen Kräften dasjenige wiederum in unsere Herzen hinein empfangen können, was von unseren Lehrern in Liebe und harter Arbeit uns gegeben wird, was die Menschheit zum Dienst an der Menschheit sich erarbeitet hat. Also wir fassen das so auf, daß wir während dieser Ferienzeit gerade ausruhen, um wiederum kräftig zu werden für das ganze neue Schuljahr.

[ 6 ] It is the same way in life as a whole. You should not think, “Now we’ll be able to be lazy during vacation”—but rather, you should think: We have received everything from our dear teachers, everything that humanity has worked to achieve so that people may know it, we have received all of this, and now we need a little rest so that, once we have had this rest, we can return to our classes all the more refreshed and vibrant—each of us even advancing to a higher grade—and then, with renewed strength, take into our hearts once again what our teachers have given us with love and hard work, what humanity has worked out for the service of humanity. So we understand it this way: during this vacation period, we are resting precisely to regain our strength for the entire new school year.

[ 7 ] Dann, meine lieben Kinder, möchte ich euch ein wenig sprechen von dem ganzen Sinn dieser unserer Waldorfschule und dem Sinn unseres Daseins in dieser Schule. Seht ihr, der Mensch, zu dem ihr eigentlich erst so recht heranwachsen sollt, der Mensch hat einen leiblichen Körper, der Mensch hat eine Seele und hat einen Geist. Ihr alle habt Leib, Seele und Geist. Und alles das, was Leib, Seele und Geist ist, das kommt eigentlich, wenn der Mensch in die Welt hereinkommt, so ganz klein hereinkommt, recht unvollkommen heraus. Bei euch ist es auch noch recht unvollkommen. Es soll aber vollkommener werden. Hier in der Waldorfschule soll euer Leib gestaltet werden, damit er geschickt wird für alles, was der Mensch zu tun hat im Leben. Und eure Lehrer haben sich für euch bemüht, denkt nur, es ist euch zum Beispiel die Eurythmie herangebracht worden, die darauf hinarbeitet, daß der Körper recht geschickt wird im Leben, und manches andere ist an euch herangebracht worden, damit ihr an eurem Leibe geschickte, tüchtige, kraftvolle Menschen werdet. Wenn man klein ist, ist man ziemlich ungeschickt. Man muß erst geschickter werden. Ebenso ist es mit der Seele. Sie steckt in euch allen drinnen. Aber sie muß herausentwickelt werden, so daß sie überall hin Fäden spinnen kann nach dem Leben. Wie bei einem Knäuelchen, wie man da die Fäden herauswickelt, so müssen aus der Seele die Fäden fürs Leben herausgewunden werden. So wird die Seele entwickelt, und das geschieht für euch, damit ihr tüchtig werdet in bezug auf die Lebenskräfte. Aus eurer Seele sollen tüchtige Lebenskräfte herausgeholt werden. Und euer Geist - ja, meine lieben Kinder, wenn wir diesen nicht schulen, nicht unterrichten würden, dann wären wir überhaupt keine Menschen. Der Geist muß unterrichtet werden, damit wir ganz tüchtige Menschen werden.

[ 7 ] Now, my dear children, I would like to speak to you a little about the whole purpose of our Waldorf School and the meaning of our existence in this school. You see, the human being—the person you are actually meant to grow into—has a physical body, a soul, and a spirit. You all have a physical body, a soul, and a spirit. And everything that constitutes the physical body, the soul, and the spirit actually comes into the world—when a human being enters the world, so very small—in a rather imperfect state. It is still quite imperfect in you as well. But it is meant to become more perfect. Here at the Waldorf School, your physical body is to be shaped so that it becomes skilled for everything a human being has to do in life. And your teachers have worked hard for you—just think, for example, that eurythmy has been introduced to you, which aims to make the body truly skillful in life, and many other things have been introduced to you so that, through your bodies, you may become skillful, capable, and powerful human beings. When one is small, one is rather clumsy. One must first become more skillful. It is the same with the soul. It is within all of you. But it must be developed so that it can spin threads out into life in every direction. Just as with a little ball of yarn—as you unravel the threads from it—so must the threads for life be unwound from the soul. This is how the soul is developed, and this is done for you so that you may become capable in regard to the life forces. Powerful life forces are to be drawn forth from your soul. And your spirit—yes, my dear children, if we did not train it, if we did not teach it, then we would not be human beings at all. The spirit must be taught so that we may become fully capable human beings.

[ 8 ] Nun seht ihr, wenn der Mensch den Tag über gearbeitet hat, wenn das Kind gespielt und brav gelernt hat und dann schläft, dann kommen manchmal aus dem Schlafe heraus Träume — die meisten von euch werden ja schon geträumt haben. Das sind manchmal sehr schöne Träume, manchmal auch häßliche Träume. Und jetzt werdet ihr zur Ruhe gehen in den Ferien. Da soll auch so etwas kommen, was man mit den Träumen vergleichen kann. Seht ihr, wenn ihr da während der Ferienzeit an die Schule zurückdenkt, dann kann es sein, daß ihr denkt: Ach, ich habe liebe Lehrer gehabt, habe schön gelernt, habe mich gefreut, wenn ich in die Schule gehen durfte. Und seht ihr, wenn ihr das denkt, dann habt ihr schöne Träume während der Ferien. Und wenn ihr denkt: Ach, ich hätte eigentlich weniger faul sein sollen, ich bin nicht gerne zur Schule gegangen - und so weiter, dann habt ihr schlechte Träume während der Ferien. Deshalb denkt oftmals während dieser Ferienzeit an diese Schule zurück und denkt zum Beispiel: Zur Waldorfschule ziehen meine Gedanken. Dort wird mein Körper gestaltet zu geschickter Tätigkeit, dort wird meine Seele entwickelt zu tüchtiger Lebenskraft, dort wird mein Geist entwickelt zu rechtem Menschentum. — Wenn ihr dieses öfters denkt, wie euer Leib gestaltet, eure Seele entwickelt, euer Geist herangebildet wird, dann werdet ihr einen guten Traum hineinschicken in eure Ruhe, und dann wird auch die Ferienzeit etwas dazu beitragen, daß ihr tüchtige Menschen im Leben werdet.

[ 8 ] Now, you see, when a person has worked all day, when a child has played and studied diligently and then falls asleep, dreams sometimes come while they’re sleeping—most of you have probably had dreams before. Sometimes these are very beautiful dreams, and sometimes they’re scary ones. And now you’ll be getting some rest during the holidays. Something similar to dreams will happen then, too. You see, when you think back on school during the vacation, you might find yourselves thinking: Oh, I had wonderful teachers, I enjoyed learning, and I was happy when I got to go to school. And you see, when you think that, you’ll have pleasant dreams during the vacation. And if you think: “Oh, I really should have been less lazy; I didn’t like going to school”—and so on—then you’ll have bad dreams during the holidays. That’s why you should often think back on this school during the holiday season and reflect, for example: “My thoughts turn to the Waldorf School. There, my body is shaped for skillful activity; there, my soul is developed into a vigorous life force; there, my spirit is developed into true humanity.” — If you think about this often—how your body is shaped, your soul is developed, and your spirit is nurtured—then you will send a good dream into your rest, and then the vacation period will also contribute to your becoming capable people in life.

[ 9 ] Seht ihr, wie ich heute hereingekommen bin, hat mir euer lieber Mitschüler, der kleine, gute Häfele, etwas gegeben: wir wollen schauen, was es ist. Seht ihr, das ist mir gegeben worden - ein Waschlappen und Blümchen! Nun, ich denke mir, daß ich mich waschen und mir die Hände abtrocknen soll, und daß die Blümchen vielleicht ausdrücken sollen, daß Unterricht so etwas ist, was so schön blüht wie diese netten kleinen, weißen Blümchen. [R. Steiner zeigt den Waschlappen]: Das könnte uns daran erinnern, daß das, was wir hier lernen, auch etwas ist, womit wir in der Seele alles dasjenige wegwaschen können, was unvollkommen ist, was schlechte Gedanken und Empfindungen sind, was uns zur Faulheit, zum Unfleiß, zur Unaufmerksamkeit anspornt. Jedem möchte ich so einen geistigen Lappen in die Hand geben, damit er wegwasche, was Faulheit, Unfleiß, Unaufmerksamkeit und so weiter ist. Ich bin daher recht dankbar, daß ihr mir dieses Symbölchen gegeben habt und ich euch zeigen kann, wie wir es halten wollen, also: Recht viel wegwaschen von dem, was nicht drinnen sein soll in der Seele. - Seht einmal diese Blümchen! Ihr habt doch mannigfaltiges hier gelernt, und das ist notwendig gewesen für euch; denn was ihr gelernt habt, sind lauter solche Blümchen in eurer Seele. Denkt daran, wenn ihr euch sagt: Meine Gedanken eilen zurück zur Waldorfschule hin, dort wird mein Körper ausgebildet zur Geschicklichkeit, meine Seele entwickelt zu starker Lebenskraft und mein Geist entfaltet zu tüchtigem Menschentum — denkt daran, wie in eurer Seele Tag für Tag solche Blümchen gepflegt worden sind und wie ihr dankbar dafür sein sollt. Alles, was im Leben ist, kann uns dienen, damit wir so über das Rechte nachdenken. Das, liebe Kinder, wollte ich euch sagen.

[ 9 ] You see, when I came in today, your dear classmate, the little, kind Häfele, gave me something: let’s see what it is. Look, this is what I was given—a washcloth with little flowers! Well, I imagine that I’m supposed to wash myself and dry my hands, and that the little flowers might symbolize that learning is something that blooms as beautifully as these lovely little white flowers. [R. Steiner shows the washcloth]: This could remind us that what we’re learning here is also something with which we can wash away from our souls everything that is imperfect—bad thoughts and feelings—that drive us toward laziness, sloth, and inattention. I would like to place such a spiritual washcloth in everyone’s hand so that they may wash away laziness, lack of diligence, inattention, and so on. I am therefore very grateful that you have given me this little symbol and that I can show you how we want to use it—that is, to wash away a great deal of what should not be in the soul. - Just look at these little flowers! You have learned so many things here, and that has been necessary for you; for what you have learned are all such little flowers in your soul. Remember this when you say to yourselves: My thoughts rush back to the Waldorf School, where my body is trained in dexterity, my soul is developed into a strong life force, and my spirit unfolds into capable humanity—remember how such little flowers have been nurtured in your souls day after day, and how grateful you should be for them. Everything in life can serve us so that we may reflect on what is right. That, dear children, is what I wanted to tell you.

[ 10 ] Denkt auch aneinander! Ihr habt euch kennen und hoffentlich auch lieben gelernt. Denkt oft, recht oft aneinander und denkt, daß es gut war, daß ihr zusammengekommen seid, damit ihr von euren Lehrern zu tüchtigen Menschen gemacht werdet. Denkt nicht: Wir dürfen jetzt faul sein, sondern denkt: Ruhe ist uns notwendig, und nach der Ruhe werden wir wiederum hierher kommen und dann mit Frische das entgegennehmen, was uns unsere lieben Lehrer entgegenbringen.

[ 10 ] Think of one another, too! You have gotten to know one another and, hopefully, have come to love one another. Think of one another often—very often—and reflect on how good it was that you came together so that your teachers could help you become capable people. Don’t think, “Now we can be lazy,” but rather think, “We need rest, and after we’ve rested, we’ll come back here and, refreshed, embrace what our dear teachers have to offer.”

[ 11 ] Und jetzt möchte ich in eurer Gegenwart, damit ihr es hört, obwohl ihr es noch nicht verstehen könnt, ein paar Worte auch an eure lieben Lehrer richten, die hinter sich die ganze fleißige Arbeit der Waldorfschule haben, ich möchte ihnen die Hände drücken. Ich möchte zunächst die Hände drücken Herrn und Frau Molt dafür, daß sie uns diese Waldorfschule geschaffen haben, daß wir versuchen können, für die so geplagte Menschheit etwas zu tun. Meine Lieben - wie gesagt, ich rede zu den Lehrern, aber ihr, liebe Kinder, könnt es hören und könnt euch später daran erinnern -, wir haben bittere Jahre der Menschheit hinter uns, Jahre, in denen sich die Menschen blutig geschlagen und geschossen haben. Wir haben noch manches Bittere vor uns; denn es sieht noch sehr schlecht aus. Da waren es die Waldorflehrer, welche zuerst den Mut gefunden haben, hier zu erscheinen und dasjenige in ihren Glauben aufzunehmen, wovon ich überzeugt bin, daß es vor allen Dingen heute in den Glauben der Menschen aufgenommen werden muß; da sind die Waldorfschullehrer herangekommen und haben gesagt: Ja, es muß an den Kindern gearbeitet werden, damit, wenn wir alte Leute sind, durch unsere Arbeit das an den Kindern geschehen ist, was verhindern kann jenes Unglück und jene Bitterkeit, die über die Menschen gekommen sind. — Es gehört ein gewisser Mut und Arbeitsfleiß dazu; aber es gehört vor allen Dingen das dazu - und deshalb möchte ich Euch, meine lieben Waldorfschullehrer, so herzlich die Hand drücken -, was im Menschenherzen die Möglichkeit hervorruft, nicht zu schlafen, sondern zu wachen. Würde das, was von Euch da als Entschluß gefaßt worden ist, heute von vielen Menschen nicht verschlafen, sondern wachend angeschaut, würde das, was hier geschieht, Nachfolge finden, dann würdet Ihr Euch sagen können: wir haben als die ersten mitgearbeitet an dem, was für die Zukunft der Menschen so notwendig ist.

[ 11 ] And now, in your presence—so that you may hear it, even though you may not yet understand it—I would also like to say a few words to your dear teachers, who have all the hard work of the Waldorf School behind them; I would like to shake their hands. First, I would like to shake the hands of Mr. and Mrs. Molt for having created this Waldorf School for us, so that we can try to do something for humanity, which has been so sorely afflicted. My dear ones—as I said, I am speaking to the teachers, but you, dear children, can hear it and will be able to remember it later—we have bitter years of human history behind us, years in which people fought and shot at one another until blood was shed. We still have many bitter times ahead of us; for things still look very bleak. It was the Waldorf teachers who were the first to find the courage to come here and embrace in their faith what I am convinced must, above all else, be embraced in people’s faith today; the Waldorf school teachers came forward and said: “Yes, we must work with the children so that, when we are old, our work will have brought about in them what can prevent the misfortune and bitterness that have befallen humanity.” — It takes a certain amount of courage and diligence; but above all, it takes—and that is why I would like to shake your hands so warmly, my dear Waldorf school teachers—that which awakens in the human heart the ability not to sleep, but to stay awake. If what you have resolved here were not overlooked by many people today but were viewed with vigilance, and if what is happening here were to find followers, then you would be able to say to yourselves: we were among the first to contribute to what is so necessary for the future of humanity.

[ 12 ] Meine lieben Kinder, wenn die Lehrer des Morgens in die Schule hereingegangen sind, so waren sie solche Leute, welche die Aufgabe der Zeit wirklich begriffen haben und in fleißiger Hingabe sich dem gewidmet haben, was von ihnen verlangt worden ist. Und es war mir immer eine herzliche Angelegenheit, wenn ich euch gefragt habe: Liebt ihr eure Lehrer? - und ihr so herzhaft ja gesagt habt, und ich werde auch in den Ferien mich fragen: Sind die Kinder dankbar gegen ihre Lehrer? - Euch aber, Ihr lieben Waldorfschullehrer, drücke ich herzlich die Hand. Ich danke Euch im Namen des Geistes der Menschheit, den wir versuchen zu pflegen in unserer ganzen geistigen Bewegung; ich drücke Euch in diesem Geiste die Hand für alles dasjenige, was Ihr geleistet habt für die Zukunftsideale der Menschheit. Es ist heute der Tag, wo wir uns an diese Dinge erinnern können, und es ist der Tag, wo ihr Kinder fühlen sollt, wie ihr dankbar sein sollt diesen euren Lehrern.

[ 12 ] My dear children, when the teachers of that time entered the school, they were people who truly understood the task of their era and devoted themselves with diligent dedication to what was required of them. And it was always a matter close to my heart when I asked you, “Do you love your teachers?”—and you answered with such heartfelt “yeses”—and I will also ask myself during the vacation: “Are the children grateful to their teachers?”—But to you, dear Waldorf school teachers, I extend a warm handshake. I thank you in the name of the Spirit of Humanity, which we strive to nurture throughout our entire spiritual movement; in this spirit, I shake your hands for all that you have accomplished for the future ideals of humanity. Today is the day when we can remember these things, and it is the day when you children should feel how grateful you ought to be to your teachers.

[ 13 ] Noch etwas möchte ich heute sagen. Neben demjenigen, was wir hier gelernt haben - das haben ja die einzelnen Lehrer so schön schon hervorgehoben -, neben dem, was wir so vieles gelernt haben, liegt noch etwas anderes. Das ist dasjenige, was ich nennen möchte: Der Geist der Waldorfschule! Er soll wieder zur echten Frömmigkeit ausbilden. Es ist im Grunde genommen der Geist des Christentums, der durch unsere Räume weht, der, von jedem Lehrer ausgehend, zu jedem Kinde hingeht, auch wenn etwas scheinbar von der Religion Fernstehendes gelehrt wird, wie zum Beispiel Rechnen. Hier ist es immer der Geist des Christus, der, von dem Lehrer ausgehend, in die Herzen der Kinder einziehen soll, dieser Geist, der von Liebe, von wahrer Menschenliebe durchweht ist. Darum möchte ich, daß ihr Kinder empfindet, wie ihr nicht nur erwas gelernt habt, sondern auch nach und nach hier empfinden gelernt habt, was die Liebe des einen zum anderen ist. Und so möchte ich, daß, wenn ihr jetzt in die Ferien geht, ihr daran denkt: allen Mitschülern gegenüber empfinde ich im Herzen das eine Wort: Auf herzliches Wiedersehen! Denkt aneinander mit diesem schönen Wort: Auf herzliches Wiedersehen dann, wenn wir gestärkt wiederum hier hereinkommen in diese Räume, wenn wir wiederum mit unseren Lehrern zusammenarbeiten können an dem, daß wir tüchtige Menschen werden.

[ 13 ] There is one more thing I would like to say today. In addition to what we have learned here—as the individual teachers have already so beautifully emphasized—and in addition to all that we have learned, there is something else. This is what I would like to call: the spirit of the Waldorf School! It is meant to nurture genuine piety once again. It is, in essence, the spirit of Christianity that flows through our classrooms, emanating from each teacher and reaching every child—even when something seemingly unrelated to religion is being taught, such as arithmetic. Here it is always the Spirit of Christ that, emanating from the teacher, is meant to enter the children’s hearts—this Spirit that is imbued with love, with true love for humanity. That is why I want you, children, to feel that you have not only learned something, but have also gradually learned here what love for one another truly means. And so I would like you to remember this as you head into vacation: toward all your classmates, I feel in my heart this one phrase: “See you again soon!” Think of one another with this beautiful phrase: “See you again soon,” when we return here, strengthened, to these classrooms, when we can once again work together with our teachers to become capable people.

[ 14 ] Seht, liebe Kinder, ihr müßt beachten, wie dieses Schulleben zusammenhängt mit dem ganzen Menschenleben. Wenn der Mensch alt wird, wird er siebzig, achtzig Jahre alt. Das Leben bringt Glück und Unglück, Schönes und Häßliches. Wenn wir alt werden, werden wir, wie gesagt, siebzig, achtzig Jahre alt. Man kann das Leben vergleichen mit einem Tag zu vierundzwanzig Stunden. Wenn uns der Tag das Leben versinnlichen würde, dann wäre ein Jahr, das wir zubringen in diesem Tag des Lebens, etwa zwanzig Minuten, und eure achtjährige Volksschulzeit wäre etwa so etwas wie zwei bis drei Stunden im ganzen Leben. So ist die Lebenszeit, die ihr in der Waldorfschule zubringt, so etwas wie zwei bis drei Stunden aus dem ganzen Leben. Und wenn wir die übrigen zwanzig Stunden, die wir zu leben haben, wo wir zu arbeiten haben, wo wir unter den anderen Menschen wirken sollen, damit Tüchtiges in der Welt geschehe, wo wir uns des Geistes bewußt werden sollen, wenn wir dieses andere durchleben, dann ist es für uns ein richtiger Herzenstrost, eine richtige Lebenskraft, wenn wir uns sagen können: Ja, die zwei bis drei Lebensstunden, die wir in der Volksschule verbracht haben, die haben uns etwas gegeben von Kraft und Geist und Arbeitstüchtigkeit für das ganze Leben.

[ 14 ] Look, dear children, you must realize how school life is connected to the whole of human life. When a person grows old, they reach the age of seventy or eighty. Life brings happiness and misfortune, beauty and ugliness. As I said, when we grow old, we reach the age of seventy or eighty. One can compare life to a day of twenty-four hours. If we were to visualize life as a day, then a year spent in this day of life would be about twenty minutes, and your eight years of elementary school would be something like two to three hours in the whole of life. Thus, the time you spend at the Waldorf School is something like two to three hours out of your entire life. And when we live through the remaining twenty hours—the time we have to live, when we have to work, when we are to act among other people so that something worthwhile may come to pass in the world, when we are to become conscious of the spirit—when we live through this other part of life, then it is a true comfort to our hearts, a true life force, when we can say to ourselves: “Yes, those two to three hours of our lives that we spent in elementary school have given us strength, spirit, and a capacity for work that will last a lifetime.”

[ 15 ] Das, meine lieben Kinder, wollen wir uns gerade jetzt am letzten Tage unseres ersten Schuljahres an der Waldorfschule sagen, wollen uns aber während der Ferien immer wiederum daran erinnern - ich möchte es in eure Seelen schreiben, so in eure Seelen schreiben, daß es blüht darinnen wie diese lieben Blümchen hier, damit ihr es oft und oft denkt: Meine Gedanken sollen hineilen zu der lieben Waldorfschule; dort wird mein Körper gestaltet zu rechter Tüchtigkeit und Arbeit, dort wird meine Seele entwickelt zu starker Lebenskraft, dort wird mein Geist erweckt zu wahrem, tüchtigem Menschentum. - Solche tüchtige Menschen möchten wir einmal aus euch allen haben, wenn ihr draußen stehen werdet im Leben und groß sein werdet.

[ 15 ] This, my dear children, is what we want to say to ourselves right now, on the last day of our first school year at the Waldorf School, but we also want to remember it again and again during the vacation—I want to write it into your souls, to write it so deeply into your souls that it blossoms within you like these lovely little flowers here, so that you will think of it again and again: My thoughts shall rush to the beloved Waldorf School; there my body is shaped into true competence and work, there my soul is developed into a strong life force, there my spirit is awakened to true, capable humanity. —We hope to see such capable people emerge from all of you one day, when you step out into life and grow up.

[ 16 ] Heute wollte ich, daß dies mein Herz zu eurem Herzen spricht. Ich möchte es in Liebe zu euch gesprochen haben, und ich sage es euch, damit ihr es euch merken könnt. Noch einmal, denkt daran: Meine Gedanken sollen hineilen zu der lieben Waldorfschule. Dort wird mein Körper gestaltet zu tüchtiger Lebensarbeit, dort wird meine Seele entwickelt zu starker Lebenskraft, dort wird mein Geist erweckt zu wirklichem echtem Menschentum. So soll es sein. - So wollen wir auseinandergehen, und wenn wir wiederkommen, dann wollen wir es weiter so halten, wie wir es gehalten haben.

[ 16 ] Today I wanted my heart to speak to your hearts. I want to have spoken these words to you in love, and I am telling you this so that you may take it to heart. Once again, remember: My thoughts should rush toward the beloved Waldorf School. There, my body is shaped for effective life’s work; there, my soul is developed into a strong life force; there, my spirit is awakened to true, genuine humanity. So it shall be. — So let us part ways, and when we return, let us continue as we have been doing.

[ 17 ] Nachher bekommt ihr das Zeugnis; wer ein gutes Zeugnis bekommt, soll es nicht etwa als ein Anweisung zum Faulenzen betrachten, und wer ein schlechteres Zeugnis hat, braucht nicht gleich zu weinen, sondern soll denken: Ich werde mich im nächsten Jahre noch besser anstrengen.

[ 17 ] You’ll receive your report cards later; those who get good grades shouldn’t take it as an excuse to slack off, and those who get lower grades don’t need to start crying right away—instead, they should think: “I’ll try even harder next year.”

[ 18 ] Aus dem Geist der Waldorfschule sagt ihr euch heute und drückt den Lehrern die Hand, sagend: Wir wollen uns finden wiederum im Herbst, zu lernen Tüchtigkeit zur Arbeit, zu entwickeln die Seele zu starker Lebenskraft und aufzuwecken den Geist zu rechtem Menschentum.

[ 18 ] In the spirit of the Waldorf School, you greet one another today and shake hands with the teachers, saying: “Let us meet again in the fall to learn diligence in our work, to develop our souls into a strong life force, and to awaken our spirits to true humanity.”

[ 19 ] So auf Wiedersehen!

[ 19 ] See you later!