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The Rudolf Steiner Archive

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Rudolf Steiner in the Waldorf School
GA 298

24 April 1923, Stuttgart

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16. Ansprache bei der Feier zum Beginn des fünften Schuljahres

16. Speech at the Ceremony Marking the Start of the Fifth School Year

[ 1 ] Meine lieben Kinder, liebe Schüler und Schülerinnen! [Zu den Erstkläßlern sich wendend sagt Dr. Steiner:] Es haben viele Lehrer gesprochen. Ihr müßt wissen, was ein Lehrer ist. Ein Lehrer ist ein guter Mensch. Aber wir müssen wissen, warum ein Lehrer ein guter Mensch ist. Ihr habt schon gelernt durch eure Eltern, was ein guter Mensch ist. Ein guter Mensch hat viele Eigenschaften, aber eine Eigenschaft hat er ganz besonders: er liebt die Kinder. Eure Eltern sind so gute Menschen, weil sie euch so geliebt haben. Und weil sie euch lieben, schicken sie euch auch hier in die Schule. Da werdet ihr Lehrer haben, die euch lieb haben.

[ 1 ] My dear children, dear students! [Turning to the first-graders, Dr. Steiner says:] Many teachers have spoken. You need to know what a teacher is. A teacher is a good person. But we need to know why a teacher is a good person. You have already learned from your parents what a good person is. A good person has many qualities, but one quality stands out above all others: they love children. Your parents are such good people because they have loved you so much. And because they love you, they are sending you here to school. There you will have teachers who love you.

[ 2 ] Was sollt ihr, wenn ihr wißt, daß ein Lehrer ein Mensch ist, der die Kinder lieb hat, was sollt ihr tun? Das können die sagen, die schon dagewesen sind. Fragt daher die Schüler und Schülerinnen: Habt ihr eure Lehrer lieb? [Die Kinderrufen laut: Ja!] Sehtihr, die haben die Lehrer-lieb.

[ 2 ] What should you do when you know that a teacher is someone who loves children? What should you do? Those who have been there before can tell you. So ask the students: Do you love your teachers? [The children shout loudly: Yes!] See, they love their teachers.

[ 3 ] Euer Lehrer wird sein euer zweiter Wohltäter. Denkt nach, ihr werdet lernen, was das ist. Wie eure Eltern, die eure Wohltäter waren und sind, so werden auch eure Lehrer eure Wohltäter sein. Die älteren Kinder haben schon etwas davon gemerkt, daß die Lehrer sie lieb haben. Und je weiter ihr hinaufkommt in die höheren Klassen, desto mehr wird es euch gewiß, daß man nur ein tüchtiger Mensch werden kann, wenn man etwas Ordentliches gelernt hat, und wenn man gelernt hat, sich richtig im Leben zu verhalten.

[ 3 ] Your teacher will be your second benefactor. Think about it; you will learn what that means. Just as your parents were and are your benefactors, so too will your teachers be your benefactors. The older children have already noticed that their teachers care for them. And the further you advance into the higher grades, the more certain you will become that one can only become a capable person if one has learned something worthwhile and if one has learned to conduct oneself properly in life.

[ 4 ] Liebe Kinder, es werden viele unter euch sein, die werden nicht wissen, was richtig brav sein heißt. Manche von euch glauben, schlimm sein ist besser als brav sein. Die älteren Schüler und Schülerinnen werden in der Schule selbst bemerken, wie sie immer näher kommen dem, was man das Leben nennt, wie sie sich hineinfinden müssen ins Leben, und dann werden sie ganz besonders daran denken müssen, daß man eigentlich niemals als rechter Mensch im Leben darinstehen kann, wenn man nicht richtig die Lehrer als seine größten Wohltäter lieb gehabt hat.

[ 4 ] Dear children, there will be many among you who do not know what it means to be truly well-behaved. Some of you believe that being bad is better than being well-behaved. The older students will notice for themselves at school how they are getting closer and closer to what is called life, how they must find their way into life, and then they will have to remember especially well that one can never truly stand as a good person in life if one has not truly loved one’s teachers as one’s greatest benefactors.

[ 5 ] Das sollt ihr euch hineinschreiben in die Vernunft und ins Gemüt. Ihr sollt es euch schreiben ins Gewissen. Denkt nach, wie tief das darin sitzen wird nachher für das Leben, wenn es in Vernunft und Gemüt und Gewissen darin sitzen wird; wie ihr richtig werdet denken können einmal, was ihr für das Leben durch die Schule geworden seid, wenn ihr in dieser Weise das in eure Seele hineinschreiben könnt.

[ 5 ] You should engrave this in your reason and in your heart. You should engrave it in your conscience. Think about how deeply this will take root in your lives later on, once it is embedded in your reason, your heart, and your conscience; how you will one day be able to truly understand what school has made of you for life, if you can engrave this in your souls in this way.

[ 6 ] Nun, ihr kommt alle her von einer Zeit, in der jeder von euch sich erinnern müßte daran, daß es Wohltäter gibt unter den Menschen, daß schließlich die Natur auch unsere Wohltäterin ist. Aber die letzten Tage, die haben euch erinnert an den größten Wohltäter der Menschheit, haben euch erinnern müssen an denjenigen, der vor fast zweitausend Jahren durch Leiden und Tod aus Liebe zur Menschheit gegangen ist, der der Menschheit durch seine Auferstehung den Geist gegeben hat. Ihr habt euch erinnern können an diesen großen Erden- und Menschheitswohltäter, an den Christus. Wir kommen in dieser Frühlingszeit von Christus, dem größten Wohltäter der Menschheit her.

[ 6 ] Well, you all come from a time when each of you should have remembered that there are benefactors among humankind, that, after all, nature, too, is our benefactor. But these past few days have reminded you of humanity’s greatest benefactor; they have had to remind you of the One who, nearly two thousand years ago, endured suffering and death out of love for humanity, and who, through His resurrection, gave humanity the Spirit. You have been able to remember this great benefactor of the earth and of humanity—Christ. In this season of spring, we come from Christ, the greatest benefactor of humanity.

[ 7 ] Aber indem wir zu ihm aufblicken, indem wir fühlen, was der Christus ist, lernen wir, was andere Wohltäter sein können. Und seht ihr, eure Lehrer werden so gute Lehrer sein zu euch, weil sie sich bemüht haben, den Christus kennenzulernen, weil sie sich bemüht haben, zur Frühlings-Osterzeit in der richtigen Weise ihre Gefühle zu dem Christus hinlenken zu können. Das ist dasjenige, was euch aber von Anfang an vorschweben soll, daß eure Lehrer erfüllt sind von der Kraft, die ausgeht von diesem größten Wohltäter der Menschheit. Und das ist es, was ich weiß, daß ich es nicht brauche zu sagen in irgendeiner auffordernden Weise, sondern nur auszusprechen brauche als eine Tatsache, daß Ihr, meine lieben Lehrer, diese Kinder heranzieht und unterrichtet in dem Sinne, daß sie von Euch wirklich ihr ganzes Leben hindurch empfinden werden, Ihr seid diejenigen Wohltäter, die das selbst sein können durch die Kraft, welche in Ihre Herzen dringt von dem Mysterium von Golgatha.

[ 7 ] But as we look up to Him, as we come to understand who Christ is, we learn what it means to be a benefactor to others. And you see, your teachers will be such good teachers to you because they have strived to get to know the Christ, because they have striven to direct their feelings toward the Christ in the right way during the springtime of Easter. This is what you should keep in mind from the very beginning—that your teachers are filled with the power that emanates from this greatest benefactor of humanity. And this is what I know—that I need not say it in any exhortatory way, but need only state it as a fact: that you, my dear teachers, are raising and instructing these children in such a way that they will truly feel throughout their entire lives that you are the benefactors who can be so yourselves through the power that penetrates your hearts from the Mystery of Golgotha.

[ 8 ] Zuletzt möchte ich mich wenden an die liebe Elternschaft, möchte ihr in einigen Worten zum Ausdruck bringen, daß die liebe Elternschaft die Kinder deshalb zur Waldorfschule hereinbringt, weil sie in dem Wesen der Waldorfschule etwas Besonderes sieht. Das gehört nicht hierher; es wird auch noch ausgesprochen werden, was der besondere Charakter der Waldorfschule ist. Aber dasjenige, was ich zusammenfassen möchte, was wir hier, ich möchte sagen als den Leuchtestern über unser Wirken gesetzt haben, das ist, daß aus der Betrachtung des Menschenwesens heraus das einfließen soll in Unterricht und Erziehung, daß daraus hervorgehen soll eine Vertiefung des Verantwortlichkeitsgefühls aller derjenigen, die hier in der Waldorfschule wirken.

[ 8 ] Finally, I would like to address the dear parents and express in a few words that you bring your children to the Waldorf School because you see something special in the very nature of the Waldorf School. That is not the focus here; the specific character of the Waldorf School will also be discussed later. But what I would like to summarize—what we have established here, I would say, as the guiding star for our work—is that, based on an understanding of the human being, this insight should flow into teaching and education, so that it may lead to a deepening of the sense of responsibility among all those who work here at the Waldorf School.

[ 9 ] Darum, liebe Eltern unserer Schüler, soll heute ganz besonders betont werden, wie ein Gelöbnis, daß wir uns bewußt sind, daß das Heiligste hierher gebracht worden ist. Wir können dem gegenüber nichts anderes stellen als unser tiefes Verantwortungsgefühl. Wenn aber dem gegenüber, was die Lehrer sehen in dem Entschluß der Eltern, ihre Kinder der Lehrerschaft zu übergeben, wenn das auf der anderen Seite dasteht, so wird bei der Lehrerschaft stehen ihr Wille zu einer hingebungsvollen Arbeit, voll Verantwortung und Kraft, die nötig ist, um Kinder zu dem zu machen, was sie in der Schule werden sollen. Daraus fühlt man, was es heißt - wenn man auf der einen Seite den Entschluß sieht und das Verantwortungsgefühl im rechten Blick des Herzens fühlt -, dann sieht man, wie die Kinder, indem sie hereingekommen sind, ein Gottesgeschenk sind für die Erde, wie sie werden müssen richtige Menschenbürger der Erde.

[ 9 ] That is why, dear parents of our students, we must emphasize today—as a solemn pledge—that we are fully aware that the most sacred thing has been brought here. We can offer nothing in return but our deep sense of responsibility. But if, on the one hand, the teachers see in the parents’ decision to entrust their children to the teaching staff—if that stands there—then on the other hand, the teaching staff will demonstrate their willingness to work with dedication, full of the responsibility and strength necessary to shape the children into what they are meant to become at school. From this one senses what it means—when, on the one hand, one sees the decision and feels the sense of responsibility in the true vision of the heart—then one sees how the children, by coming here, are a gift from God to the earth, and how they must become true human citizens of the earth.

[ 10 ] Alles Schulwesen besteht darin, aus Gotteskindern Menschenbürger zu machen. Daß das bei uns, aus diesem Verantwortlichkeitsgefühl in der besten Weise, in der man es tun kann, wach werden soll, das möchte ich insbesondere zu den Eltern gesprochen haben.

[ 10 ] The entire purpose of education is to transform God’s children into citizens of this world. I would like to address parents in particular regarding the need for this awareness to take root among us—out of a sense of responsibility—in the best way possible.

[ 11 ] Aus diesem Geiste heraus wollen wir arbeiten, wollt Ihr arbeiten, meine lieben Lehrer. Aus diesem Geiste heraus möchte ich zu den Eltern sagen, aus diesem Geiste heraus seht herein in unsere Schule und prüft, ob wir wirklich in der Lage sind, das zu tun, was Ihr von uns erwartet. Das wird die größte Befriedigung sein, wenn diejenigen, die mit Verständnis hinschauen auf das, was wir tun, auch ihrerseits die Befriedigung haben, daß angestrebt wird, Gotteskinder zu Menschenbürgern zu machen.

[ 11 ] Let us work in this spirit—let you work in this spirit, my dear teachers. In this spirit, I would like to say to the parents: look into our school with this spirit and see for yourselves whether we are truly capable of doing what you expect of us. That will be the greatest satisfaction—when those who look upon what we do with understanding also find satisfaction in knowing that we are striving to make God’s children into citizens of the world.