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The Rudolf Steiner Archive

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Rudolf Steiner in der Waldorfschule
GA 298

30 April 1924, Stuttgart

21. Ansprache bei der Feier zu Beginn des sechsten Schuljahres

[ 1 ] Meine lieben Kinder, Schüler und Schülerinnen! Ihr werdet jetzt zunächst einmal ein wenig ruhig aufpassen müssen, denn die ersten, an die ich mich wenden möchte, sollen die Eltern sein, die Eltern, die wir hier bei unserem großen Freudenfeste unter uns haben dürfen, diejenigen, die ganz kleine Kinder zu uns gebracht haben, und die Eltern, die große Kinder in die Waldorfschule gebracht haben.

[ 2 ] Meine lieben Eltern der Schüler und Schülerinnen! Wir können durchaus den Augenblick schätzen und würdigen, in dem Ihr selber heute mit Eurem Gemüte Euch befindet. Derjenige, der nun schon eine ziemliche Strecke des Lebens durchgemacht hat, wie das bei den Eltern der Fall ist, weiß, daß das Leben mancherlei Prüfungen bringt an Schmerzen und Freuden, Prüfungen, die Leiden, allerdings auch Freuden bringen, und er hat das Liebste, was ihm das Leben beschert hat, seine Kinder. Da wissen wir nun hier, die wir die Waldorfschule führen und leiten wollen, wirklich ganz gut, was es heißt, sich zu entschließen: Wohin bringe ich mein Kind? Denn man tut das unter dem Eindruck dessen, was man im eigenen Leben durchgemacht hat, und man möchte, daß das Kind in möglichst richtiger Art dieses Leben durchmachen kann, das man ja kennt.

[ 3 ] Es kann nicht meine Aufgabe sein, heute über die Art und Weise zu sprechen, wie wir durch einen sachgemäßen und menschengemäßen Unterricht und eine sachgemäße und menschengemäße Erziehung aus allen Untergründen des Lebens heraus die Kinder in das Leben hereinstellen wollen. Aber dessen können Sie versichert sein, daß aus dieser unserer Pädagogik, aus dieser unserer Erziehungskunst das eine hervorgeht, daß wir zu würdigen wissen, was es heißt, als Eltern Kinder in die Schule zu schicken und sie damit in eine bleibende Richtung für das Leben zu bringen. In diesem Gefühl einer wirklich umfassenden Verantwortung wollen wir aus den Händen, mit denen Sie uns heute die Kinder hereinbringen, die Kinder entgegennehmen und die Versicherung geben, daß wir wirklich wissen, was das heißt.

[ 4 ] In diesem Gefühl wollen wir uns aber auch zusammenfinden: der Augenblick von heute möge sich oft wiederholen. Wir in der Waldorfschule, in einer in großen Kreisen noch nicht anerkannten Schule, brauchen dasjenige, was wir durch kraftvolles Zusammenwirken mit den Eltern haben können. Daher bitte ich Sie, beratschlagend und in anderer Weise oft in die Schule zu gehen. Es wird das, was wir und Sie für die Kinder wollen, im besten Sinne erreicht werden, wenn wir mit dem Elternhause in kraftvoller Weise zusammenwirken können. Wir wollen von der Schule aus versuchen, das in vollem Umfange durchzuführen.

[ 5 ] Dann möchte ich mich an die Kinder wenden, die heute zum erstenmal in der Schule sind. Ihr braucht eigentlich noch nicht gar viel zu verstehen. Es ist heute etwas gekommen, was ihr zum Teil schon kennt, was ihr zum Teil jetzt ja anfangen müßt zu lernen. Ihr habt die Eltern bisher liebgehabt, wißt, wie man das macht. Ihr müßt auch lernen, eure Lehrer und Lehrerinnen recht lieb zu haben. Wenn ihr eure Lehrer lieb habt, werdet ihr alles mögliche lernen, wenn noch einiges andere dazukommt. Aber das wird ganz gelinde kommen. Ihr werdet lernen müssen, manchmal eine Zeitlang stille zu sitzen; aber wenn die Stunde um ist, dürft ihr draußen wieder herumlaufen, aber nicht zu schnell, damit ihr euch nicht den Kopf zerstoßt. Ihr müßt auch immer recht freundlich miteinander sein. Ihr müßt vor allem also lernen, stille zu sitzen, die Lehrer lieben und dafür sorgen, daß ihr gesund bleibt und daß die anderen auch gesund bleiben.

[ 6 ] Wie ihr hier sitzt, von der niedersten bis zur höchsten Klasse, ihr habt heute am Ausgangspunkt von unserer lieben Lehrerin der ersten Klasse ein sehr richtiges Wort gehört: Die kleinen Knirpse sind etwas ganz anderes geworden, als sie früher waren, sie sind Schulkinder geworden. Das ist eben gesagt worden. Man kann Schulkind werden, aber das möchte ich nun, die niederste mit den höchsten Klassen verbindend, sagen: Aus der Schule kommt man nicht wieder heraus. Aus der Waldorfschule werdet ihr herauskommen; einige, nachdem sie die achte Klasse hinter sich haben, einige nach höheren Klassen. Wir haben ja zum erstenmal diejenigen, die die höchste Klasse durchgemacht haben, ins Leben hinausschicken müssen. Aber wenn das alles durchgemacht ist, dann kommt ihr erst recht in die Schule. Denn die allerwichtigste und bedeutendste Schule ist die Schule des Lebens, und wenn man aus der Schule austritt, tritt man erst ein in die Schule des Lebens. Und wir haben die Aufgabe, für die Schule des Lebens die Vorbereitungsschule zu sein.

[ 7 ] Dazu gibt es diejenigen, an die ich mich zuletzt wenden muß. Jetzt wende ich mich also an eure lieben Lehrer und Lehrerinnen. Da muß ich sagen, wenn ich mir die Schule so anschaue: Die wichtigsten unter den Schulkindern sind die Lehrer und Lehrerinnen! Daß diese einmal in die Schule hereingekommen sind, das ist das ungeheuer Wichtige für die Schule, denn die lernen immer. Und wißt ihr, von wem die am allermeisten lernen wollen? Am allermeisten wollen die von euch lernen! Wie ihr fähig werdet, Leiden und Freuden am besten durchzumachen, wie ihr gesund und krank seid, das alles wollen sie lernen. Sie haben so viel zu lernen von euch, damit sie in voller Liebe zu euch, euch zu Menschen machen, die im Leben ordentlich stehen können.

[ 8 ] Dazu ist eines vor allem nötig, was ich immer sage, was ich aber noch einmal sagen möchte, weil man es nicht oft genug sagen kann. In der Waldorfschule ist es so, daß das, was die Lehrer und Lehrerinnen tun, daß sie das mit der innigsten Freude tun. Man weiß, man arbeitet am großen Leben draußen mit dem, was am allerwichtigsten ist im großen Leben: man arbeitet mit Lebensanfängen. Wenn man diese freudestrahlenden Gesichter am ersten Tage sieht und diejenigen von unseren lieben Schülern und Schülerinnen, die schon länger da sind und die mir immer geantwortet haben, wenn ich gefragt habe: Habt ihr eure Lehrer und Lehrerinnen lieb? - wenn ich euch alle so sehe, möchte ich auch heute etwas sagen. Ihr habt in den Ferien gelebt ohne eure Lehrer und Lehrerinnen. Jetzt wird in der Schule nur gut gehen alles, wenn ihr mir wiederum auf eine gewisse Frage antworten könnt. Man vergißt ja manches. Eines darf aber von euch nicht vergessen werden. Ihr habt in eure Seele gepflanzt Liebe zu euren Lehrern und Lehrerinnen. Das habt ihr mir immer wieder versichert. Jetzt, nachdem ihr wieder eine Weile draußen wart, frage ich euch, ob ihr während der Ferien eure Liebe zu den Lehrern und Lehrerinnen vergessen habt? Wenn ihr sie nicht vergessen habt, antwortet mit einem deutlichen Nein. [Die Kinder rufen: Nein!) Das ist das, was euch richtig in das neue Schuljahr hineinstellt. Dann werdet ihr aufmerksam und fleißig sein, dann wird alles recht schön gehen.

[ 9 ] Meine Schüler von der höchsten Klasse, das heißt liebe Lehrer und Lehrerinnen! Wir wollen arbeiten, mutig und mit Enthusiasmus den Unterricht und die Erziehung aufnehmen, die Vorbereitung für die Lebensschule auch im neuen Schuljahr. So mag es geschehen, dann wird die Schule geleitet werden durch den höchsten Führer, durch den Christus selber. So mag es in dieser Schule zugehen. Vorwärts wollen wir schreiten aus Enthusiasmus für die Sache heraus und auch aus Liebe zu den Kindern, an denen die Lehrer sich so erfreuen und an denen sie so gut arbeiten können. So wollen wir mit Liebe und Begeisterung in den Kinderherzen, mit Liebe und Begeisterung in den Lehrerherzen weiterarbeiten.

[ 10 ] Vorwärts, meine lieben Kinder und meine lieben Lehrer, vorwärts!