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The Rudolf Steiner Archive

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Spiritual-Scientific Linguistic Considerations
A Suggestion for Educators
GA 299

2 January 1919, Stuttgart

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Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Nun möchte ich auf Grund dessen, was ich schon ausgeführt habe, und um zum Teil auch noch dieselben Tatsachen zu bekräftigen, heute davon ausgehen, zu bemerken, daß gerade in der Sprachwissenschaft sich die Folgen materialistischer Betrachtungsweise am traurigsten, aber vielleicht auch am augenfälligsten zeigen. Man kann zwar nicht sagen, daß diese materialistische Betrachtungsweise zum Beispiel in der Physik nicht noch schädlicher wirkt, weil sie weniger bemerkt wird; aber am traurigsten wirkt sie in der Sprachwissenschaft, aus dem Grunde, weil sie da am allerleichtesten hätte vermieden werden können, und weil man da hätte sehen können, wie Geist und Seele im sprachbildenden Genius eigentlich wirken. Nun handelt es sich darum, mit dieser Einsicht, die ich damit andeute, sich noch älteren Zeiten der Sprachbildung dadurch zu nähern, daß man sie zunächst an jüngeren Zeiten beobachten lernt; an jüngeren Zeiten, die noch mehr überschaubar sind, an denen man den Sprachwandel noch so verfolgen kann, daß deutlich durch den Sprachwandel und seine Metamorphosen der Wandel in den Empfindungen und in den Gefühlen der Volksseele hindurchscheint. Verhältnismäßig weit zurück liegt ja schon die Sprache des deutschen Volkes zur Zeit etwa des Minnesanges, also der Zeit, die man historisch die Ritterzeit nennt; aber sie liegt ja doch nur so weit zurück, daß man gewisse Dinge noch leicht literarisch verfolgen und so über manchen Bedeutungswandel sich aufklären kann. Allerdings, so viel sieht man da nicht mehr, als wenn man den Homer liest, wo jene für uns heute als Schimpfworte wirkenden Bezeichnungen auftreten, mit denen sich da die griechischen Helden belegen. Denn das halten wir heute nicht mehr aus, daß wir uns gegenseitig Ziegenmägen oder Esel nennen. Das weist auf eine Zeit zurück, wo ein Esel durchaus noch in solchem Ansehen stand, daß ein Held ein Esel genannt werden konnte. Die Tiere — das geht aus den homerischen Dichtungen klar hervor — waren in jener Zeit durchaus noch nicht so mit Empfindungsnuancen belegt wie heute.

[ 1 ] Based on what I have already explained, and in part to reinforce those same facts, I would like to begin today by noting that it is precisely in linguistics that the consequences of a materialistic approach are most disheartening—but perhaps also most evident. It cannot be said, of course, that this materialistic approach does not have an even more harmful effect in physics, for example, simply because it goes more unnoticed; but its effects are most disheartening in linguistics, for the reason that it could have been most easily avoided there, and because one could have seen there how the mind and soul actually operate in the genius that shapes language. The task now is to use this insight, which I am hinting at, to approach even earlier periods of language formation by first learning to observe them in more recent times; more recent times, which are even more manageable, in which one can still trace linguistic change in such a way that the transformation in the sensibilities and emotions of the Folk-souls clearly shines through the linguistic change and its metamorphoses. The language of the German people at the time of the minnesang—that is, the period historically known as the Age of Chivalry—is, after all, relatively far in the past; but it is, after all, not so far in the past that one cannot still easily trace certain things through literature and thus gain insight into many shifts in meaning. Admittedly, one does not see much more there than when reading Homer, where those terms—which today strike us as insults—appear, with which the Greek heroes address one another. For we can no longer tolerate calling one another “goat’s stomachs” or “donkeys” today. This points back to a time when a donkey was still held in such high regard that a hero could be called a donkey. The animals—as is clear from the Homeric poems—were by no means imbued with the same emotional nuances in those days as they are today.

[ 2 ] Nun, ein wenig können wir uns zum Verständnis dieser Dinge erheben, wenn wir eben noch weniger weit zurückliegende charakteristische Beispiele aufsuchen, So wenn wir im Mittelalter die Redensart finden: Sie klebten wie ein Pech in ihrer Feinde Scharen. Es kommt uns heute komisch vor, wenn man von jemand, der tapfer im Kampfe aushält, sagt: Er klebte wie ein Pech, aber dieses Wie-ein-Pech-Kleben, das war durchaus eine mögliche Ausdrucksweise in der Zeit des Minnesanges.

[ 2 ] Well, we can gain a little insight into these matters if we look for characteristic examples from a slightly more recent past. For instance, in the Middle Ages we find the saying: “They clung like pitch to their enemies’ ranks.” It seems strange to us today to say of someone who bravely holds his ground in battle, “He clung like pitch,” but this “clinging like pitch” was certainly a valid way of expressing oneself in the era of courtly love.

[ 3 ] Und bei Wolfram von Eschenbach finden Sie eine charakteristische Redensart, die Ihnen zeigt, wie man damals erstens noch viel auf das Anschauliche gesehen hat, zweitens aber gewisse Empfindungsnuancen für gewisse Vorgänge und Dinge hatte, die heute solche Vorgänge und Dinge verächtlich machen. Wenn also Wolfram von Eschenbach in seriöser Art das Auftreten einer Herzogin vor einer männlichen Persönlichkeit schildert, so sagt er: ihre Erscheinung drang in das Auge dieser Persönlichkeit und durch das Auge in das Herz wie eine Nieswurz durch die Nase. Es ist anschaulich, denn der Geruch der Nieswurz strömt sehr anschaulich, man könnte sagen, sehr ruchbar durch die Nase; aber wir würden es heute nicht sagen. Daraus sehen Sie, wie die Gefühlswelt sich verwandelt hat, und diese Verwandlung der Gefühlswelt sollte man studieren, wenn man nicht materialistischeSprachwissenschaft treiben will.

[ 3 ] And in Wolfram von Eschenbach you will find a characteristic turn of phrase that shows you, first, how much importance was still placed on the visual aspect in those days, and second, how certain subtle nuances of feeling existed for certain events and things—nuances that today make such events and things seem contemptible. So when Wolfram von Eschenbach seriously describes a duchess’s appearance before a male figure, he says: her appearance penetrated the eyes of this figure and, through the eyes, into the heart, like a hellebore through the nose. It is vivid, for the scent of the hellebore flows very vividly—one might say, very noticeably—through the nose; but we would not say that today. From this you can see how the world of feeling has changed, and this transformation of the world of feeling is something one should study if one does not wish to engage in materialistic linguistics.

[ 4 ] Einem neueren Dichter, wie Sie wissen, war es noch gegönnt, von einer würdigen weiblichen Persönlichkeit zu sagen: Sie blickte wie ein Vollmond drein. Aber man würde im weitesten Umfange diese im Mittelalter ganz gebräuchliche Redensart heute nicht mehr verzeihen. Wenn Sie aus einer ähnlichen Empfindung heraus einer Dame sagen würden: Sie blicken mich wie ein Vollmond an, so würde das heute nicht mehr zu einer möglichen Umgangssprache gehören; im Mittelalter aber war das Liebliche des Mondes, die Milde des Mondes das Vorherrschende im Volksgemüte. Und man hat von diesem aus gerade dasjenige, was man am Damenblick, an der Damenmiene liebte, verglichen mit dem Vollmond.

[ 4 ] As you know, a more recent poet was still able to say of a dignified woman: “She gazed at me like a full moon.” But today, such a figure of speech—which was quite common in the Middle Ages—would no longer be tolerated, even in the broadest sense. If, moved by a similar sentiment, you were to say to a lady, “You look at me like a full moon,” that would no longer be part of acceptable colloquial speech today; in the Middle Ages, however, the moon’s loveliness and gentleness were the dominant themes in the popular imagination. And it was precisely from this perspective that people compared what they loved about a lady’s gaze and expression to the full moon.

[ 5 ] Gottfried von Straßburg redet in seinem «Tristan» ganz seriös von geleimter Liebe. Geleimte Liebe ist das, was auseinandergegangen war, aber sich wieder zusammengeschlossen hat. Er redet vom Klebenbleiben der Verwundeten auf dem Schlachtfelde. Das würde heute beleidigend wirken. Und wenn gar das Mittelalter sagt: Die kaiserlichen Beine eines Menschen, um seine würdige Beinhaltung auszudrücken, oder wenn er sagt: Die kaiserliche Magd Maria, so zeigt Ihnen das als Wesentliches die Wandlung der Gefühlswelt.

[ 5 ] In his Tristan, Gottfried of Strasbourg speaks quite seriously of “glued-together love.” Glued-together love is that which had come apart but has come back together again. He speaks of the wounded clinging to the battlefield. That would seem offensive today. And when even the Middle Ages speak of “a person’s imperial legs” to express dignified posture, or refer to “the imperial maiden Mary,” this essentially reveals to you the transformation of the emotional world.

[ 6 ] Ich führe Ihnen diese Beispiele aus dem Grunde an, damit Sie aufmerksam werden, wie dieser Wandel der Gefühlsnuancen sich auf weniger bemerkbaren Gebieten geltend macht. So wenn im Mittelalter noch gesprochen wurde von krankem Schilfrohr. Was ist krankes Schilfrobr? Krank ist da nur das schmückende Beiwort für ein recht langgestrecktes Schilfrohr. Und die Zeit liegt gar nicht weit zurück, wo krank, wenn man es ausgesprochen hat, überhaupt nichts anderes bedeutete als schlank. Wenn man in der damaligen Zeit jemanden krank genannt hätte, so hätte man gemeint, er ist ein großer, schlanker Mensch. Nicht meinte man im heutigen Sinn, er sei krank. Wenn man das sagen wollte, so hätte man sagen müssen, er sei sächtig, von einer Sucht befallen. Damals war Kranksein gleich Schlanksein. Nun denken Sie sich, was da vorgegangen ist! Man hat allmählich die Empfindung bekommen, daß es etwas Unmenschliches am Menschen sei, wenn er schlank sei. Man hat sich die Empfindung angeeignet, daß normal beim Menschen ist, ein bißchen nichtschlank zu sein. Auf diesem Umwege ist entstanden die Verkoppelung des Lautzusammenhanges krank mit süchtigsein, mit Nicht-normal-organisiert-Sein. Also, es nimmt ein Wort eine gewisse Empfindungsnuance in Anspruch, das früher einer ganz anderen Empfindungsnuance zugehört hat.

[ 6 ] I am citing these examples to draw your attention to how this shift in emotional nuances manifests itself in less obvious areas. For instance, in the Middle Ages, people still spoke of a “sick reed.” What is a “sick” reed? Here, “sick” is merely a descriptive adjective for a rather long reed. And it was not so long ago that the word “sick,” when used, meant nothing other than “slender.” If someone had been called “sick” back then, it would have meant that they were a tall, slender person. It did not mean, in today’s sense, that they were ill. If one had wanted to say that, one would have had to say they were “sächtig”—afflicted by an addiction. Back then, being “krank” was synonymous with being “schlank.” Now just imagine what happened! People gradually came to feel that there was something inhuman about a person if they were slender. People have come to believe that it is normal for a person to be a little less than slender. Through this roundabout path, the association between the word “sick” and “being addicted,” or “being abnormally organized,” has emerged. Thus, a word has come to carry a certain emotional nuance that previously belonged to an entirely different emotional nuance.

[ 7 ] Es liegt aber die Zeit noch gar nicht weit zurück, da konnte ein Wirt gute Geschäfte machen, wenn er elenden Wein anpries. Also ein Wirt konnte sagen und verkündigen lassen im Dorf: bei mir ist elender Wein zu finden. Elend ist hier ganz dasselbe Wort wie unser Elend. Sie finden einen Anklang an die alte Empfindungsnuance von Elend nur noch im Dialekt, wo gewisse Dörfer, die weit an der Grenze draußen sind, das Elend genannt werden, die Elenddörfer. Man sagte zum Beispiel noch in Steiermark zu meiner Zeit: der Mann ist aus dem Elend und meinte damit, er ist aus einem Grenzorte. — Und es haben sich gewisse Dörfer bis jetzt den Namen Elend erhalten. Diese Bezeichnung ist nur von weiter draußen hereingerückt; denn elender Wein hieß ausländischer Wein, und das Elend ist das Ausland, so daß also der Wirt wenigstens bis zum Jahre 1914 —, wenn er zum Beispiel französische Weine anpries, gute Geschäfte gemacht haben würde, wenn er elende Weine angepriesen hätte. Da haben wir also einen Bedeutungswandel, der schon bei krank vorhanden ist.

[ 7 ] But it wasn’t all that long ago that an innkeeper could do good business by touting “miserable” wine. An innkeeper could say—and have it announced throughout the village—“You can find miserable wine here.” “Elend” here is exactly the same word as our “Elend.” You can still find echoes of the old connotation of “Elend” only in the dialect, where certain villages located far out on the border are called “Elend”—the “Elend villages.” For example, in Styria in my day, people would say, “That man is from Elend,” meaning he was from a border town. — And certain villages have retained the name “Elend” to this day. This term has simply moved in from further out; for “elender Wein” meant foreign wine, and “Elend” is the foreign country, so that at least until 1914—when, for example, an innkeeper touted French wines—he would have done good business if he had touted “elende” wines. So here we have a shift in meaning that is already present in the word “krank.”

[ 8 ] Der Dichter Geiler von Kaisersberg spricht kurioserweise — wenn Sie es bei ihm aufsuchen, wird es mehr durchsichtig sein — von einem hübschen Gott. Das können wir heute nicht mehr gut sagen. Er meinte damit einen wohlwollenden Gott. In häbsch finden wir damals die Gefühlsnuance, die wir heute mit dem Worte wohlwollend verbinden. Sie finden heute zuweilen noch die Redensart — denn solche Dinge haben sich als Reste erhalten -: ein ungebobelter Mensch. Sie werden dieses Wort verstehen, wenn Sie bei Luther lesen, daß die Menschen durch die Propheten gehobelt werden. Menschen werden durch die Propheten gehobelt, das heißt, sie werden zurecht gemacht. Da haben wir also noch die sinnliche Anschauung des Hobelns verbunden mit dem Wieder-Zurechtmachen.

[ 8 ] Curiously enough, the poet Geiler von Kaisersberg speaks—and if you look it up in his work, it will become clearer—of a “handsome God.” We can no longer really say that today. By this he meant a benevolent God. In the word “häbsch,” we find the emotional nuance from that time that we associate today with the word “benevolent.” You still occasionally come across the expression today—for such things have survived as remnants—: “an unplaned person.” You will understand this phrase when you read in Luther that people are “planed” by the prophets. People are “planed” by the prophets—that is, they are set straight. So here we still have the sensory image of planing combined with the act of setting things right.

[ 9 ] Mit diesen Beispielen sind wir nun etwas weiter zurückgegangen. Aber sehen wir noch auf etwas Näheres. Lessing, der also nicht sehr weit zurückliegt, will einmal ausdrücken — was man heute schon durch seine Wortprägung mißverstehen kann —, daß es vieles gibt, wofür man gerechterweise Sympathie entwickelt, was aber doch nicht zum Charakter des Schönen, daher nicht zum Gegenstand der Kunst erhoben werden kann. Und diese Wahrheit drückt er so aus, daß er sagt: Vieles von dem Anzüglichsten kann nicht Gegenstand der Kunst sein. Wenn wir das heute lesen, so werden wir unmittelbar glauben, anzüglich sei bei Lessing so gemeint, wie es heute gemeint ist; aber der Zusammenhang ergibt, daß wir nur dasselbe wie er meinen würden, wenn wir sagen würden: Vieles von dem Anziehendsten kann nicht Gegenstand der Kunst sein. - Also, Sie haben hier die Wandlung der Empfindungsnuance, so daß, was Sie heute als das Anziehendste bezeichnen, Lessing noch als das Anzüglichste bezeichnet hat. Wir bezeichnen damit heute etwas wesentlich anderes.

[ 9 ] With these examples, we have now gone back a bit further. But let us look at something more specific. Lessing, who is not that far in the past, wanted to express—something that can already be misunderstood today due to his choice of words—that there are many things for which one justifiably develops sympathy, but which cannot be elevated to the realm of the beautiful, and therefore cannot be the subject of art. And he expresses this truth by saying: Much of what is most alluring cannot be the subject of art. When we read this today, we immediately assume that Lessing meant “alluring” in the same way it is understood today; but the context reveals that we would only mean the same thing as he did if we were to say: Much of what is most attractive cannot be the subject of art. - So, here you have a shift in the nuance of feeling, such that what you today describe as “the most attractive” Lessing still described as “the most alluring.” Today, we use that term to refer to something fundamentally different.

[ 10 ] Nun ist interessant zu verfolgen, auf wie komplizierte Weise solch ein Bedeutungswandel sich eigentlich vollzieht. Nehmen Sie einmal an: das Wort krank, das früher schlank bedeutet hat, konnte also auch angewendet werden auf das Schilfrohr; ein krankes Schilfrohr ist ein Schilfrohr, das schlank ist, das daher weniger gut zu gebrauchen ist als ein kurzes, dickes Schilfrohr. Nun hat sich das allmählich gewandelt in der Empfindungsnuance, so daß es allmählich die heutige Bedeutung von krank empfing; aber heute ist schon wiederum etwas abgestreift. Denn Adelung, der in der Mitte zwischen jener Zeit und uns lebt, Adelung sagt zum Beispiel, man müsse gekränkte Schiffe ausbessern. Es wirkt heute ein bißchen komisch, oder wenigstens so, daß man weiß, daß der Betreffende ein Spaßvogel ist, wenn er von einer gekränkten Uhr zum Beispiel spricht; aber damals war das etwas Selbstverständliches, wenn man das mittlerweile gewandelte Wort krank auch auf Unorganisches angewendet hat. Sie sehen daraus, daß krank ursprünglich etwas mit der Gestalt zu tun hatte, und daß sich dann erst allmählich die Bedeutung von heute einschlich. Dann aber wurde das, was früher da war, ganz weggeworfen, und es bekam eine ganz neue Bedeutung, während wir bei den gekränkten Schiffen noch an die frühere Bedeutung denken können. Immer mehr und mehr ist das unmittelbare Erfühlen des Empfindungsgemäßen in den Worten abgestreift worden. Selbst bei Goethe — und zwar bei ihm, weil er in vieler Beziehung zurückgegangen ist auf das Walten des sprachbildenden Genius - findet sich noch ein deutliches Fühlen bei Worten, bei welchen wir nicht mehr deutlich fühlen. Zum Beispiel, nehmen Sie das Wort bitter. Bei uns ist es heute eine Bezeichnung für ein rein subjektives Erlebnis, für ein Geschmackserlebnis geworden. Und mit dem, was in alter Zeit anschaulich war und wovon das Wort bitter abgeleitet ist, bringen wir es heute in unserer Empfindung gewöhnlich nicht mehr zusammen: mit beißen. Es hängt aber zusammen mit beißen: was bitter schmeckt, beißt uns eigentlich. Goethe fühlt das noch und spricht von der bitteren Schere der Parze: die beißende Schere der Parze ist das! Die Menschen sind heute schon solche Abstraktlinge, daß sie sagen: Dichterische Freiheit -, wenn sie auf ein solches Wort stoßen. Aber es ist keine dichterische Freiheit, sondern es ist gerade aus dem vollen inneren Erlebnis hervorgegangen. Goethe lebte auch noch nicht in der Zeit, wo neunundneunzig Prozent dessen, was gedichtet wird, zuviel ist. Er fühlte der Sprache gegenüber — und das muß man sich bei vielen seiner Werke vor Augen halten - noch viel innerlich lebendiger, als das heute irgendein Mensch kann, wenn er einfach in der äußeren Bildung darinnensteht. Das können Sie wiederum fühlen, wenn Sie bei Goethe das Wort finden: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner erbärmlichen Darstellung. Kein Mensch scheint das heute anders zu empfinden, wenn er so redet, als daß das eine schlechte Darstellung ist. Goethe aber will andeuten, daß unser tiefstes Erbarmen hervorgerufen wird durch diese Darstellung. Wir müßten also ganz abstrakt sagen: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner Erbarmen herausfordernden Darstellung. Goethe aber sagte noch: Ein Ecce homo gefiel mir wegen seiner erbärmlichen Darstellung.

[ 10 ] It is interesting to observe the complex ways in which such a shift in meaning actually takes place. Suppose, for example, that the word krank, which used to mean “slender,” could also be applied to a reed; a krank reed is a slender reed, which is therefore less useful than a short, thick reed. Now, the nuance of the word has gradually shifted, so that it gradually took on the modern meaning of “krank”; but today, some of that meaning has already been shed again. For Adelung, who lives halfway between that time and our own, says, for example, that one must repair “kränkte” ships. It seems a bit odd today—or at least makes one realize that the person in question is a joker—when he speaks of a “damaged clock,” for example; but back then, it was perfectly natural to apply the word “krank,” which has since changed in meaning, to inorganic objects as well. You can see from this that “krank” originally had something to do with form, and that only gradually did the modern meaning creep in. But then what had been there before was completely discarded, and the word took on an entirely new meaning, whereas with “kränkten Schiffe” we can still recall the earlier meaning. More and more, the immediate sense of what the words convey has been stripped away. Even in Goethe—and particularly in him, because in many respects he returned to the influence of the language-forming genius—one still finds a clear sense of feeling in words where we no longer clearly sense it. For example, take the word “bitter.” For us today, it has become a term for a purely subjective experience, for a taste sensation. And we no longer usually associate it in our perception with what was vivid in ancient times and from which the word “bitter” is derived: biting. Yet it is connected to biting: what tastes bitter actually bites us. Goethe still senses this and speaks of the “bitter shears of the Fates”—that is precisely the biting shears of the Fates! People today have become so abstract-minded that they say, “Poetic license”—when they come across such a word. But it is not poetic license; rather, it has emerged directly from a full inner experience. Goethe also did not yet live in an age where ninety-nine percent of what is written in verse is superfluous. He felt language—and this is something one must bear in mind when considering many of his works—in a far more inwardly vivid way than any person today can, when they are simply steeped in external education. You can sense this again when you come across Goethe’s words: “I liked Ecce homo because of its pitiful portrayal.” No one today seems to feel otherwise when they speak in such a way as to imply that this is a poor portrayal. Goethe, however, wants to suggest that this portrayal evokes our deepest compassion. We would therefore have to say, quite abstractly: “I liked Ecce Homo because of its portrayal that calls forth compassion.” But Goethe went further and said: “I liked Ecce Homo because of its pitiable portrayal.”

[ 11 ] Selbst noch vor verhältnismäßig gar nicht ferner Zeit konnte man einen Menschen, der auf der Straße ging und gerne Kinder, gern arme Leute ansprach und mit ihnen redete, nicht hochfahrend war, sich nicht hoch trug, wenn man ihm Anerkennung zollen wollte, benennen: Du bist ein niederträchtiger Mensch. Das war möglich bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Ein niederträchtiger Mensch, das war für die damalige Zeit ein leutseliger Mensch: man lobte ihn, man zollte ihm von einem gewissen Gesichtspunkte aus das höchste Lob. — Ich glaube nicht, daß heute noch viele Menschen einen gründlichen Sinn damit verbinden, wenn sie in Schriften des 18. Ja hrhunderts lesen von einer ungefährlichen Zahl. Wir würden heute nur sagen: Eine Zahl, die ungefähr das Richtige sagt. Eine approximative Zahl, die nannte man eine ungefährliche Zahl. - Und was würden sich die meisten Menschen heute denken, wenn sie den im 18. Jahrhundert noch gang und gäbe gewesenen Ausdruck finden: unartige Pflaumen? Unartige Pflaumen sind diejenigen Pflaumen, die nicht die ganz typischen Merkmale der Art zeigen, die etwas Besonderes sind, die aus der Art herausfallen; das sind unartige Pflaumen. Erst wenn wir uns ein Gefühl aneignen, daß solche Wandlungen stattfinden, dann verstehen wir anderes, was seine Wandlung nicht so auffällig an der Stirne trägt. Zum Beispiel unser heutiges Wort schwierig. Sie wissen, mit welcher Empfindungsnuance man es gebraucht. Früher gebrauchte man es nur, wenn man sich bewußt war, daß man sagen wollte: voller Schwären, voller Geschwüre. Also, wenn man eine Sache schwierig fand, so wollte man damit die Empfindung ausdrücken: dieses Verrichten bewirkt Geschwüre. Sehr anschaulich und lebendig drückt man das aus, und dies hängt zusammen mit dem Ausdruck schwierig.

[ 11 ] Even in the not-too-distant past, a person who walked down the street and enjoyed approaching children and poor people to talk with them—someone who was not arrogant and did not put on airs when others sought to show him respect—could be called a despicable person. That was possible right up until the middle of the 18th century. A “vile person”—by the standards of that time—was an affable person: people praised him; from a certain point of view, they bestowed the highest praise upon him. — I do not believe that many people today still attach any real meaning to it when they read in 18th-century writings about a “harmless number.” Today we would simply say: a number that is roughly correct. An approximate number—that’s what was called a “roughly correct number.” —And what would most people think today if they came across the expression “unruly plums,” which was still commonplace in the 18th century? Unruly plums are those plums that do not exhibit the typical characteristics of the species, that are somewhat unusual, that fall outside the norm; those are unruly plums. Only when we develop a sense that such transformations take place do we understand other things whose transformation isn’t so conspicuously written on their foreheads. For example, our modern word “difficult.” You know the nuance of feeling with which it’s used. In the past, it was used only when one was conscious of wanting to say: “full of sores, full of ulcers.” So, when one found something “difficult,” one intended to express the sensation that performing this task causes sores. This is expressed very vividly and vividly, and it is connected to the expression “difficult.”

[ 12 ] Solche Dinge, die ganz aus der gegenwärtigen Empfindungsnuance herausgefallen sind und die beweisen, wie unrecht man hat, wenn man als Pedant an die Sprachbeurteilung herangeht und ableiten will, ohne daß man die Tatsachen der Sprachmetamorphosen kennt, die können sich auch in der Mundart zeigen. Wenn man jemandem ein Mittagsmahl vorsetzt, das viele Gänge hat, so kann man ihm heute sagen: er solle von dieser Speise nicht zuviel essen, denn es gäbe noch andere Speisen, für die er sich Appetit bewahren soll. Man kann heute sagen: Bitte, essen Sie nicht zuviel, es kommt noch anderes Gutes nach. — Es gibt aber noch eine gewisse Gegend des deutschen Sprachgebietes, wo gesagt werden kann: /ß von dieser Speise nicht zuviel, es gibt noch etwas hintenauf. Eine andere Mundart hat die Möglichkeit, zu sagen: Ach, das sind gute, liebe Kinder, die schlachten sich. Das heißt: sie sind nicht aus der Art geschlagen, sie sind gutartig, sie schlachten sich. Gerade solch ein Beispiel, wie: das sind gutartige Kinder, die schlachten sich, das weist uns auf das lebendige Zusammenleben zwischen Empfindung und äußerer Anschauung im Sprachgefühl.

[ 12 ] Such things—which have fallen completely outside the current nuances of perception and which prove how wrong one is when one approaches language evaluation as a pedant and attempts to draw conclusions without knowing the facts of linguistic metamorphoses—can also manifest themselves in dialect. If you serve someone a multi-course lunch, you might say to them today: “Don’t eat too much of this dish, because there are other dishes coming, and you should save your appetite for them.” Today you might say: “Please, don’t eat too much; there are other good things to come.” — However, there is still a certain region within the German-speaking world where one might say: “Don’t eat too much of this dish; there’s still something to come.” Another dialect offers the possibility of saying: “Oh, those are good, dear children who are at each other’s throats.” This means: they are not out of character; they are good-natured; they are just playfully bickering. It is precisely such an example—as in “those are good-natured children who are fighting”—that points to the vibrant interplay between feeling and external perception in linguistic sensibility.

[ 13 ] Das tritt einem manchmal als etwas außerordentlich Wichtiges entgegen. Sie haben bei Goethe eine Stelle im Gespräch, die er in späteren Jahren zur Charakterisierung seiner Arbeit am «Faust» gebraucht hat. Diese Stelle hat bei den «Faust»-Kommentatoren eine außerordentlich große Rolle gespielt. Goethe sagt einmal als ganz alter Mann, um die Arbeit an seinem Faust zu charakterisieren, es sei doch etwas, wenn seit über sechzig Jahren die Konzeption des «Faust» bei ihm jugendlich von vorne herein klar, die ganze Reihenfolge hin weniger ausführlich vorlag. Viele «Faust»-Kommentatoren haben daraus geschlossen, daß Goethe schon als junger Mensch einen «Faust»-Plan hatte, daß ihm die Konzeption zu einem «Faust» von vornherein klar war, und daß das Spätere nur eine Art Ausführung sei. Und vieles Unnötige und Unwahre mit Bezug auf die Charakteristik seiner Arbeit am «Faust» ist aus der Interpretation dieser Stelle gekommen. Diese Stelle kann erst richtig verstanden werden, seit Fresenius veröffentlicht hat, welche Bedeutung bei Goethe der Silbenzusammenhang von vorne herein hat. Mir trat dies besonders nahe, weil ich mit Fresenius arbeitete. Der kam, wenn er irgend etwas hatte, Jahrzehnte nicht zur Verarbeitung dieser Sache, Daher drängte ich ihn, daß er das veröffentliche, weil das sehr wichtig sei, was er da zu sagen hatte. Man kann die Stellen, an denen Goethe das Wort von vorne herein gebraucht hat, zusammennehmen: er gebraucht es nie anders als räumlich. Wenn er sagt, er habe ein Buch von vorne herein gelesen, so bedeutet das nichts anderes, als daß er nur die ersten Seiten des Buches gelesen hat. Und so kann man klar nachweisen, daß er nur die ersten Szenen des «Faust» in der Jugend klar konzipiert hat. Also hier deutet einfach das richtige Verständnis des Wortgebrauches auf die Arbeit Goethes hin, und Sie sehen gerade bei diesem Wortgebrauch, daß bei uns abstrakt geworden ist, was bei ihm räumlich angeschaut ist. Den Ausdruck von vorne herein gebraucht er immer anschaulich, räumlich. So beruht sogar ein großer Teil desjenigen, was Goethe so anziehend macht, auf diesem seinem Zurückgehen zu den Qualitäten des ursprünglich sprachschöpferischen Genius. Und man kann, wenn man von Goethes Sprache aus in Goethes Seele vorzudringen sucht — während heute die Forscher das nur materialistisch machen -, auch da wichtige Anhaltspunkte für eine Entmaterialisierung der Sprachwissenschaft finden. Es ist gut, wenn man sich bei solchen Dingen auch Rat holt.

[ 13 ] This sometimes strikes one as something extraordinarily important. In Goethe’s works, there is a passage in a conversation that he used in later years to characterize his work on Faust. This passage has played an extraordinarily significant role among Faust commentators. Goethe once said, as a very old man, to characterize his work on Faust, that it was indeed something special that for over sixty years the conception of Faust had been clear to him from the very beginning with the youthful clarity of a young man, even if the entire sequence was not yet fully elaborated. Many Faust commentators have concluded from this that Goethe already had a plan for Faust as a young man, that the conception of Faust was clear to him from the very beginning, and that what came later was merely a kind of execution. And much that is unnecessary and untrue regarding the characterization of his work on Faust has stemmed from the interpretation of this passage. This passage can only be properly understood since Fresenius published his findings on the significance Goethe attached to syllabic coherence from the very beginning. This was particularly close to my heart because I worked with Fresenius. Whenever he had something to share, it would take him decades to process it; therefore, I urged him to publish it, because what he had to say on the matter was very important. One can compile the passages in which Goethe used the phrase “from the very beginning”: he never uses it in any sense other than spatially. When he says he read a book “from the very beginning,” it means nothing other than that he read only the first few pages of the book. And so one can clearly demonstrate that he had clearly conceived only the first scenes of Faust during his youth. So here, a correct understanding of the usage of the word simply points to Goethe’s work, and you can see precisely in this usage that what has become abstract for us was viewed spatially by him. He always uses the expression “from the very beginning” in a vivid, spatial way. Thus, a large part of what makes Goethe so appealing is based on his return to the qualities of the original, language-creating genius. And if one seeks to penetrate Goethe’s soul through his language—whereas today’s researchers do so only in a materialistic way—one can also find important clues there for a dematerialization of linguistics. It is good to seek advice on such matters as well.

[ 14 ] Wir haben für vieles nicht mehr jene Sprachzusammenhänge, die das ursprüngliche Zusammengehören von Empfindungsnuancen und Lautbeständen zum Ausdruck bringen. Die Dialekte haben es noch manchmal; sie haben auch das, wodurch das Anschauliche zum Ausdruck kommt. So zum Beispiel finden Sie, weniger schon in der Schriftsprache, aber oft im Dialekt da oder dort den Ausdruck: unter den Arm greifen. Das heißt einfach, jemandem, der hilflos ist, helfen. Warum? Weil die jüngeren Leute den älteren, die nicht mehr so flott gehen können, die Hand boten, ihnen unter den Arm griffen und sie stützten. Dieser ganz anschauliche Vorgang ist übertragen worden auf Hilfeleistung überhaupt. Geradeso wie man gesagt hat, man wischt sich den Nachtschlaf aus den Augen, so hat man für das Helfen einen einzelnen konkreten Vorgang gewählt, durch den man das Abstraktere anschaulich ausdrückte. Manchmal war dann der Sprachgenius nicht mehr in der Lage, am Anschaulichen festzuhalten; dann hat er zuweilen auf der einen Seite das Anschauliche festgehalten, auf der anderen es abgeworfen. — Sie haben heute noch das Wort lauschen für eine gewisse Art des Zuhörens. Der österreichische Dialekt hat auch für das bloße Hören ein Wort, das noch mit diesem Lauschen verwandt ist: losen, und man sagt in Österreich nicht bloß zu jemandem, von dem man will, daß er zuhört: hör einmal, sondern los amol! Das Losen ist ein schwaches aktives Lauschen. Die gebildete Umgangssprache hat lauschen beibehalten. Losen ist das Verwandte, das mit der Empfindungsnuance einer schwächeren Aktivität darauf deutet. Im losen kann man noch das Schleichende spüren, das im verborgenen Zuhören sich äußert; und in gewisser Weise ist sogar das Losen schon übergegangen auf ein unerlaubtes Zuhören. Wenn zum Beispiel einer durchs Schlüsselloch etwas erlauscht, oder wenn einer zuhört bei etwas, wo zwei sich unterhalten, was nicht für ihn bestimmt ist, dann sagt man, er habe gelost.

[ 14 ] For many things, we no longer have the linguistic contexts that express the original connection between nuances of feeling and sound patterns. Dialects still have this sometimes; they also possess the elements that give expression to vivid imagery. For example, you’ll find—less so in written language, but often here and there in dialect—the expression: “to reach under someone’s arm.” This simply means to help someone who is helpless. Why? Because younger people would offer their hand to older people who could no longer walk so briskly, reach under their arm, and support them. This very vivid action has been extended to mean providing help in general. Just as people used to say “wipe the night’s sleep from one’s eyes,” a single concrete action was chosen to represent the act of helping, thereby vividly expressing the more abstract concept. Sometimes, however, the linguistic genius was no longer able to hold on to the concrete image; in such cases, he would occasionally retain the concrete image on the one hand while discarding it on the other. — Even today, you still have the word lauschen for a certain kind of listening. The Austrian dialect also has a word for mere hearing that is still related to this lauschen: losen, and in Austria, you don’t just say to someone you want to listen: “Hör einmal,” but rather “Los amol!” Losen is a weak, active form of lauschen. Educated colloquial speech has retained “lauschen.” “Losen” is the related term that, with its nuanced connotation, indicates a weaker form of activity. In “losen,” one can still sense the stealthiness that manifests itself in hidden listening; and in a certain sense, even “losen” has already crossed over into unauthorized eavesdropping. For example, if someone overhears something through a keyhole, or if someone listens in on a conversation between two people that is not intended for them, then one says that they have “gelost.”

[ 15 ] Erst wenn man eine Empfindung hat für das Empfindungsgemäße solcher Lautbestände, kann man allmählich übergehen, die Empfindung für die elementaren Laute, die Vokale und Konsonanten, zu entwickeln. So gibt es im österreichischen Dialekt ein Wort, das heißt: Ahnl; es ist die Großmutter, die Ahnl. Sie kennen es doch wohl? Die Ahnfrau ist etwas allgemeiner. Die Ahnl, da haben Sie die Ahne mit einem l verbunden. Es ist einfach der Ahn mit einem l verbunden. Um das zu verstehen, was da eigentlich sprachlich vorliegt, muß man sich sprachlich aufschwingen, dieses ! als Konsonant zu fühlen. Sie fühlen es, wenn Sie die Nachsilbe lich fühlen, von der ich gesagt habe, daß sie aus leik entstanden ist. Es hat etwas zu tun mit dem Gefühl, daß sich etwas herumbewegt, daß man in der Sprache nachzuahmen hat das sich Herumbewegende. Eine Ahnl ist eine Person, die man anschaut als eine Alte, die aber den Eindruck macht einer beweglichen Alten: man muß so im Gesicht herumschauen, damit man die Falten sieht. So sehen Sie, wie charakteristisch das ! angewandt ist.

[ 15 ] Only when one has a sense of the emotional quality of such sound systems can one gradually begin to develop a sense for the elementary sounds—the vowels and consonants. For example, in the Austrian dialect there is a word called “Ahnl”; it refers to the grandmother, the “Ahnl.” You’re surely familiar with it, aren’t you? “Ahnfrau” is a somewhat more general term. “Ahnl”—there you have “Ahne” combined with an “l.” It is simply “Ahn” combined with an “l.” To understand what is actually happening linguistically here, you have to elevate your linguistic awareness to perceive this “!” as a consonant. You feel it when you sense the suffix “lich,” which, as I mentioned, originated from “leik.” It has something to do with the sensation that something is moving about—that in language, one must imitate this movement. An “Ahnl” is a person whom one regards as an old woman, but who gives the impression of being an agile old woman: one has to look closely at her face to see the wrinkles. This shows you how characteristically the “!” is used.

[ 16 ] Nehmen Sie das Wort schwinden. Schwinden, hingehen, so daß es nicht mehr gesehen wird; etwas hingehen machen, indem es nicht mehr gesehen wird. Nehmen Sie nun einmal nicht ein Hingehen machen, daß es nicht mehr gesehen wird, sondern: Ich will so ein bißchen mogeln beim Hingehen machen; ich will etwas bilden, das doch wieder dableibt, was also nicht ausdrückt das wahre, wirkliche Schwinden: dann fühle ich das Sich-Herumbewegen - hier ein l -, und es wird schwindeln daraus. Das hat das l gemacht, und Sie können genau fühlen, welchen Empfindungswert ein solches / hat, wenn Sie von schwinden auf schwindeln übergehen. Sie werden die Eurythmie als etwas Selbstverständliches fühlen, wenn Sie sich in solche Dinge vertiefen. Sie werden fühlen, wie in der Eurythmie zurückgegangen wird auf ein ursprüngliches Verwandtsein des Menschen mit dem, was in den Lautbeständen enthalten ist, das ohne den Lautbestand, eben nur durch die Bewegung, zum Ausdruck gebracht werden soll. Sie werden, wenn Sie so etwas fühlen, auch genau empfinden können, wie zum Beispiel in einem Vokal wie # etwas Zusammenschmiegendes, Zusammenschließendes enthalten ist. Sehen Sie sich das # der Eurythmie an, dann haben Sie dieses Zusammenschmiegende, Zusammenschließende, und dann werden Sie sagen: in Mutter, mit der man sich gewöhnlich zusammenschließt, kann an erster Stelle unmöglich ein a stehen oder e stehen. Man könnte sich nicht denken, daß man da Metter oder Matter sagt. Mater bezeugt eben, daß es eine schon abgeschwächte Sprache ist, in der das vorkommt; ursprünglich heißt es Mutter.

[ 16 ] Take the word “fade.” To fade, to disappear so that it is no longer seen; to make something disappear so that it is no longer seen. Now, instead of simply making something disappear so that it is no longer seen, let’s say: I want to cheat a little bit when making it disappear; I want to create something that actually remains, which therefore does not express true, real fading: then I feel the movement—here an “l”—and it becomes “schwindeln.” The “l” has done that, and you can feel exactly what sensory value such an “/” has when you shift from “schwinden” to “schwindeln.” You will come to regard eurythmy as something self-evident when you immerse yourself in such matters. You will feel how eurythmy returns to a primal kinship between the human being and what is contained in the sound system—a kinship that is to be expressed without the sound system, through movement alone. When you feel something like this, you will also be able to sense precisely how, for example, a vowel like # contains something that draws together and unites. Look at the # in eurythmy, and you will see this drawing-together and uniting quality, and then you will say: in “mother” (Mutter), with whom one usually unites, an “a” or an “e” cannot possibly come first. One could not imagine saying “Metter” or “Matter” there. “Mater” simply attests to the fact that it occurs in a language that has already been weakened; originally, it was “Mutter.”

[ 17 ] Ich habe Sie durch das alles auf den Weg des sprachlichen Genius gewiesen, der, wie ich schon einmal sagte, eine Kluft aufrichtete zwischen dem Lautbestand und der Vorstellung. Beide sind ursprünglich im subjektiven menschlichen Erleben innig miteinander verbunden; sie trennen sich. Der Lautbestand geht hinunter ins Unterbewußte; der Vorstellungsbestand geht hinauf ins Bewußte. Und viele Dinge, die noch empfunden werden da, wo man ursprünglich mit den äußeren Tatsachen zusammenlebt, werden damit abgeworfen. Und gehen wir zurück in der Sprachentwickelung, dann finden wir überhaupt das Merkwürdige, daß uns die ursprünglichen Formen der Sprachentwickelung ganz hinausführen in das Tatsächliche; daß ein feiner Tatsachen- und Wirklichkeitssinn auf den primitiven Stufen der Sprachbildung vorhanden ist; daß die Leute, die auf dieser Stufe leben, mit dem, was in den Dingen ist und vorgeht, innig zusammenleben. In dem Augenblick, wo dieses innere Zusammenleben aufhört, vernebelt sich gewissermaßen der Wirklichkeitssinn, und die Leute leben in einem Unwirklichen, was in der Sprache zum Ausdruck kommt. In der ursprünglichen indogermanischen Sprache haben Sie, wie im Lateinischen, drei Geschlechter, wie auch wir im Deutschen noch drei Geschlechter haben. Man empfindet sie als etwas Verschiedenes: männlich, weiblich, sächlich. Im Französischen haben Sie nur noch zwei Geschlechter, im Englischen haben Sie nur noch ein einziges Geschlecht, was bezeugt, daß das eine Sprache ist, die als Sprache den Wirklichkeitssinn, man möchte sagen, grandios abgestreift hat, die nur mehr über den Dingen schwebt, aber nicht in den Tatsachen darinnen lebt. Es war noch etwas elementar Hellseherisches auf derjenigen Stufe der Menschheitsentwickelung, auf der die Geschlechter für das Wort gebildet wurden; man empfand da noch etwas Lebendig-Geistiges in den Dingen drinnen. So hätte niemals in den älteren Sprachformen der indogermanischen Sprachen der Sonne und die Mond entstehen können — was später nur umgewendet worden ist in die Sonne und der Mond -, wenn man nicht die elementarischen Wesenheiten, die in Sonne und Mond leben, empfunden hätte wie Bruder und Schwester. Im Altertum hat man empfunden: die Sonne ist der Bruder, der Mond die Schwester -— heute ist es an der Zeit, wo man umgekehrt verfährt -; man hat den Tag als den Sohn und die Nacht als die Tochter des Riesen Norwi empfunden. Das beruhte durchaus auf primitiver hellseherischer Anschauung. Die Erde hat man nicht so empfunden, wie die heutigen Geologen sie empfinden; die haben natürlich alle Veranlassung, ein Neutrum zu gebrauchen: das Erde müßten sie eigentlich sagen. Der heutige Mensch empfindet nicht mehr, wie die Erde tatsächlich die Gäa ist, zu der das Männliche der Uranos ist. Das aber empfand man auch noch in den Gegenden, in denen die germanische Sprache ursprünglich sprachbildend aufgetreten ist. — Sonst waren es wenigstens Empfindungsnuancen, die aus dem Zusammenleben in der Außenwelt sich ergaben, die zu der Geschlechtsbezeichnung, zu der Geschlechtscharakteristik den Anlaß gaben. So empfand man den Elefanten als stark, die Maus als schwach. Weil man den Mann als stark und das Weib als schwach empfunden hat, hat der Elefant das männliche Geschlecht bekommen und die Maus das weibliche Geschlecht. Die Bäume des Waldes sind zumeist weiblich, weil sie für das ursprüngliche Empfinden die Häuser, die Sitze für weibliche Gottheiten waren. Daß ein sächliches Geschlecht neben dem männlichen und weiblichen vorhanden ist, das ist eigentlich von ungeheurer Bedeutung, weil es auf etwas sehr Tiefes im Sprachgenius verweist. Wir sagen: der Mann, die Fran, das Kind. Das Kind, bei dem das Geschlecht noch nicht ausgesprochen ist, was noch nicht sein Endgültiges ist, was erst wird. Als das sächliche Geschlecht gegeben worden ist, ging es aus jener Stimmung beim Volksgenius hervor, wo man empfand, daß alles, was man als sächlich bezeichnet, erst etwas wird. Das Gold hat heute noch nicht das Charakteristikum, das ihm einstmals eigen sein wird. Es ist im Kosmos noch jung; es wird erst das sein, wozu es bestimmt ist. Daher sagt man nicht der Gold, nicht die Gold, sondern das Gold. - Man kann nun wiederum studieren, wie es sich damit verhält, wenn die Anschauung, aus der die Geschlechtscharakteristik hervorgegangen ist, schwindet. Wir sagen heute: die Mitgift, was deutlich beweist, daß es zusammenhängt mit einem früheren Wort, wie es auch der Fall ist: die Gift. Wir sagen heute der Abscheu, was deutlich beweist, wie es auch der Fall ist, daß es zurückführt auf ein Wort: der Scheu. Der Scheu, die Gift, diese Worte haben ihre Empfindungsnuance gewandelt. Die Gift wurde früher einfach so bezeichnet, daß man mehr meinte: das Gleichgültige des Gebens. Aber weil vorzugsweise das, was gewisse Leute gegeben haben und was nach Fausts Anschauung vielen Leuten schädlich war, in seiner Bedeutung, die sich gewandelt hat, angewendet worden ist auf eine Gabe, die anrüchig ist, verlor man den Zusammenhang mit der ursprünglichen Geschlechtscharakteristik, und es wurde das Gift. Und als das ursprüngliche starke Empfinden, das einer hatte, den man scheu nannte, das In-sich-Gefestigte, als das schwach wurde, da durfte das Wort die Scheu werden.

[ 17 ] Through all of this, I have guided you toward the path of linguistic genius, which, as I have said before, created a divide between the sound system and the mental image. Originally, both are intimately connected within subjective human experience; they become separated. The sound realm descends into the subconscious; the realm of ideas ascends into the conscious. And many things that are still perceived where one originally lives in harmony with external facts are thereby cast aside. And if we look back at the development of language, we find the remarkable fact that the original forms of linguistic development lead us entirely into the realm of the factual; that a subtle sense of fact and reality is present at the primitive stages of language formation; that people living at this stage live in intimate communion with what is in things and what takes place within them. The moment this inner connection ceases, the sense of reality becomes clouded, as it were, and people live in an unreal world, which is expressed in language. In the original Indo-European language, as in Latin, there are three genders, just as we still have three genders in German. They are perceived as distinct: masculine, feminine, and neuter. In French, there are only two genders left; in English, there is only a single gender, which testifies to the fact that this is a language that, as a language, has—one might say—magnificently shed its sense of reality, a language that now merely hovers above things but no longer lives within the facts themselves. There was still something elementarily clairvoyant at that stage of human development when the genders were formed for the word; people still sensed something living and spiritual within things. Thus, the forms “the Sun” and “the Moon” could never have arisen in the older forms of the Indo-European languages—which were later merely reversed to “the Sun” and “the Moon”—if one had not perceived the elemental beings living in the Sun and the Moon as brother and sister. In ancient times, people perceived the sun as the brother and the moon as the sister—today, however, the situation has been reversed; the day was perceived as the son and the night as the daughter of the giant Norwi. This was based entirely on a primitive clairvoyant perception. People did not perceive the Earth as today’s geologists do; they, of course, have every reason to use a neuter gender: they should actually say “the Earth.” Modern people no longer sense how the Earth is in fact Gaia, to whom the masculine Uranus is paired. But this perception was still held in the regions where the Germanic language originally emerged as a language-forming force. — Otherwise, it was at least nuances of perception arising from coexistence in the external world that gave rise to gender designations and gender characteristics. Thus, the elephant was perceived as strong, and the mouse as weak. Because men were perceived as strong and women as weak, the elephant was assigned the masculine gender and the mouse the feminine gender. The trees of the forest are mostly feminine because, in the original perception, they were the dwellings and seats of female deities. The fact that a neuter gender exists alongside the masculine and feminine is actually of immense significance, because it points to something very profound in the genius of language. We say: the man, the woman, the child. The child, whose gender is not yet defined—which is not yet final, but is only just becoming. When the neuter gender was established, it arose from that mood within the national genius where people felt that everything designated as neuter is only just becoming something. Gold today does not yet possess the characteristic that will one day be its own. It is still young in the cosmos; it will only become what it is destined to be. That is why we do not say “der Gold” or “die Gold,” but “das Gold.”—One can now, in turn, examine how this plays out when the perspective from which the gender characteristic arose begins to fade. Today we say “die Mitgift,” which clearly proves that it is connected to an earlier word, as is indeed the case: “die Gift.” Today we say “der Abscheu,” which clearly proves—as is indeed the case—that it traces back to a word: “der Scheu.” “Der Scheu,” “die Gift”—these words have changed their emotional nuance. “Gift” was formerly used simply to mean something more like “the indifference of giving.” But because the term—whose meaning had shifted—was applied primarily to what certain people had given and what, in Faust’s view, was harmful to many people, specifically to a gift that was disreputable, the connection to the original gender characteristic was lost, and it became “poison.” And when the original strong feeling that one had—which was called “shyness”—that sense of being grounded within oneself—began to weaken, the word was allowed to become “shyness.”

[ 18 ] Wie die Sprache abstrakter geworden ist, wie die Sprache sich herausgelöst hat aus dem Verwobensein mit der äußeren Wirklichkeit, das kann man am besten daran sehen, daß doch die indogermanischen Sprachen, also die alten Sprachen, acht Fälle hatten: Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, Vokativ, Ablativ, Lokativ, Instrumentalis. Das heißt, man drückte nicht nur die Stellung aus, die ein Ding hatte und die man heute empfindet, wenn man es im ersten, zweiten, dritten, vierten Fall ausdrückt, sondern man wußte auch andere Zusammenhänge mit der Empfindung zu verfolgen. So zum Beispiel: irgend etwas tun zu einer bestimmten Zeit — kann man so ausdrücken wie heute; man sagt, man tut es diesen Tag oder dieses Tages, man kann den Genitiv oder Akkusativ gebrauchen. Doch man empfindet nicht mehr das Helfende des Tages dabei, der Tageszeit und gerade dieses bestimmten Tages; man empfindet nicht mehr, daß, was man zum Beispiel am 2. Januar 1920 tut, man nicht mehr später tun könnte, daß einem die Zeit etwas Helfendes ist, daß die Zeit in etwas drinnensteckt, was einem hilft. Das empfand man in alten Zeiten, und man gebrauchte den instrumentalen Fall hi» tagu. Man müßte sagen etwa durch diesen Tag, vermittelst dieses Tages. Es ist zum Worte heute geworden. Heute, da steckt also ein alter Instrumentalis drinnen. Ebenso hiu jaru: es ist zum heutigen heuer geworden. Aber die Sprache hat nach und nach diese anderen vier Fälle abgeworfen und hat nur noch vier Fälle zurückbehalten. Daraus sehen Sie auch, wie das Abstrahierungsvermögen der Sprache fortschreitet, und wie wir, wenn wir uns diese Beispiele vor Augen führen, eben deutlich sehen können, wie allmählich sich das abstrakte Denkvermögen und damit ein gewisser Unwirklichkeitssinn herausgestaltet aus dem alten Wirklichkeitssinn, der in der Sprache zum Ausdruck kommt.

[ 18 ] The fact that language has become more abstract—that it has become detached from its intertwining with external reality—is best illustrated by the fact that the Indo-European languages, that is, the ancient languages, had eight cases: nominative, genitive, dative, accusative, vocative, ablative, locative, and instrumental. This means that one did not merely express the position a thing occupied—as we do today when we use the first, second, third, or fourth case—but was also able to trace other connections to one’s perception. For example: doing something at a specific time—this can be expressed as it is today; one says one does it on this day or on that day, using either the genitive or the accusative. But one no longer perceives the supportive role of the day itself, the time of day, and this particular day; one no longer perceives that what one does, for example, on January 2, 1920, one could not do later—that time is something that supports one, that time is embedded in something that helps one. People felt this in ancient times, and they used the instrumental case hi’ tagu. One would have to say, for example, “through this day,” “by means of this day.” It has become the word today. Today—there is an old instrumental case embedded in it. Similarly, hiu jaru: it has become this year. But the language has gradually shed these other four cases and has retained only four cases. From this you can also see how the language’s capacity for abstraction progresses, and how, when we consider these examples, we can clearly see how abstract thinking—and with it a certain sense of unreality—gradually emerges from the old sense of reality expressed in language.