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Spiritual-Scientific Linguistic Considerations
A Suggestion for Educators
GA 299

31 December 1919, Stuttgart

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Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Sie haben gesehen, daß in diesen Betrachtungen es zunächst darauf ankommt, die sprachgeschichtlichen Momente auf das Seelische zurückzuführen. Man kann in der Tat kein Verständnis des Vorganges der Sprachbildung und auch kein Verständnis des heutigen Bestandes irgendeines Sprachgebildes bekommen, wenn man nicht auf das seelische Element eingeht. Und ich will auch heute noch — um das in den nächsten Stunden dann durch speziell Sprachgeschichtliches zu illustrieren — einiges von demjenigen vorführen, was Sie von der Betrachtung sprachgeschichtlicher Erscheinungen zu der Entwickelung der Volksseelen leiten kann.

[ 1 ] You have seen that, in these considerations, the primary task is to trace the historical aspects of language back to the psychological. Indeed, one cannot gain an understanding of the process of language formation—nor of the current state of any linguistic structure—without addressing the psychological element. And today I would also like—in order to illustrate this in the coming hours with specific examples from the history of language—to present some of what the study of linguistic phenomena can reveal about the development of Folk-souls.

[ 2 ] Da möchte ich Ihre Aufmerksamkeit hinlenken auf zwei zusammengehörige Wörter: Zuber und Eimer. Wenn Sie heute diese Wörter, die alte deutsche Wörter sind, nehmen, so werden Sie aus dem Gebrauch dieser Wörter darauf kommen, daß ein Eimer ein Gefäß ist, in dem man etwas trägt, und das einen einzigen, oben angebrachten Henkel hat; ein Zuber ist das, was zwei Henkel hat. Diese Tatsache liegt heute vor und sie kommt zum Ausdruck in den beiden Wörtern: Zuber und Eimer.

[ 2 ] I would like to draw your attention to two related words: Zuber and Eimer. If you take these words—which are Old High German—today, you will deduce from their usage that an Eimer is a container used to carry something, with a single handle attached at the top; a Zuber is one that has two handles. This fact holds true today and is reflected in the two words: Zuber and Eimer.

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[ 3 ] Untersuchen wir das Wort Eimer, so können wir über tausend Jahre zurückgehen: wir finden es im Althochdeutschen oder in einem noch früheren Stadium und finden das Wort einbar. Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen ja den Lautzusammenhang bar vorgeführt habe. Er hängt zusammen mit beran: tragen, und durch Zusammenziehung des einbar ist Eimer entstanden. Wir haben also deutlich ausgedrückt, so daß man es durchsichtig in der alten Form erschauen kann, das Tragen mit einem Griff; denn bar ist einfach etwas zum Tragen. Zuber heißt im Althochdeutschen zwiebar, etwas, was man durch zwei trägt, also ein Gefäß mit zwei Griffen. So sehen wir, wie heutige Wörter durch Zusammenziehungen entstanden sind, die wir in der alten Form noch auseinandergelegt finden, was wir jedoch heute im Worte nicht mehr unterscheiden können.

[ 3 ] If we examine the word Eimer, we can go back over a thousand years: we find it in Old High German or at an even earlier stage, where we find the word einbar. Now, remember that I have already demonstrated the phonetic connection with “bar” to you. It is related to beran: to carry, and through the contraction of einbar, Eimer was formed. We have thus clearly expressed—so that it can be clearly seen in the old form—the act of carrying with one handle; for bar is simply something for carrying. Zuber is called zwiebar in Old High German, meaning something carried by zwei, that is, a vessel with two handles. Thus we see how modern words have arisen through contractions, which we still find separated in their ancient forms, though we can no longer distinguish them within the word today.

[ 4 ] Ähnliche Dinge können wir auch bei anderem Sprachmaterial beobachten. Wollen wir uns ein paar charakteristische Erscheinungen vor die Seele führen. Nehmen Sie zum Beispiel das Wort Messer. Das Wort führt zurück auf das althochdeutsche mezzisahs. Mezzi ist mit einem vorlautenden M nichts anderes, als was zusammenhängt mit ezzi, essen — ezzan, die alte Form für essen. Nun aber sahs, sax könnte man auch sagen in anderer Aussprache. Sie brauchen sich nur zu erinnern: Als sich das Christentum über Süddeutschland ausbreitete, da fanden die Mönche dort noch die ältere Verehrung für jene drei Gottheiten vor, wovon die eine die Gottheit Saxnot war; das ist der Kriegsgott Ziu. Saxnot ist die Zusammensetzung für das lebende Schwert, und sahs ist derselbe Lautzusammenhang. So daß Sie in dem Wort Messer das zusammengesetzte Wort Essensschwert haben: das Schwert, mit dem Sie essen.

[ 4 ] We can observe similar phenomena in other linguistic material as well. Let’s consider a few characteristic examples. Take, for example, the word Messer. The word traces back to the Old High German mezzisahs. Mezzi, with an initial M, is nothing other than a form related to ezzi, essen — ezzan, the old form of “essen.” But sahs, sax—one could also say these with a different pronunciation. You need only recall: When Christianity spread across southern Germany, the monks there still encountered the older worship of those three deities, one of whom was the deity Saxnot; that is the war god Ziu. Saxnot is the compound for the living sword, and sahs shares the same phonetic structure. So in the word Messer, you have the compound Essensschwert: the sword with which you eat.

[ 5 ] So ist auch interessant das Wort Wimper. Das führt zurück auf wintbra. Bra = die Braue, und wint ist das sich Windende. Sie sehen hier anschaulich: die sich windende Braue. Im zusammengesetzten Wort Wimper unterscheiden wir das nicht mehr.

[ 5 ] The word Wimper is also interesting. It can be traced back to wintbra. Bra = the Braue, and wint means “twisting”. You can clearly see it here: the twisting eyebrow. In the compound word Wimper, we no longer distinguish between these meanings.

[ 6 ] Nun noch ein charakteristisches Wort für solche Zusammenziehungen, wo ursprünglich noch gefühlte Zusammenhänge vorliegen. Sie kennen das nicht so selten vorkommende deutsche Wort Schulze. Gehen wir zurück ins Althochdeutsche, so finden wir dafür das Wort sculdheizo. Das war der Mann, zu dem man im Dorfe ging, daß er einem sagte, was man für eine Schuld habe, der einen aufmerksam machte, wenn man etwas ausgefressen hat. Der Mann, der zu entscheiden, zu heißen hat, was man für eine Schuld habe, der sculdheizo, Schuld-heißer, das ist der Schulze geworden. Ich will diese Beispiele einmal hinstellen, damit Sie mir folgen können, wie der Gang der sich fortentwickelnden Sprache ist.

[ 6 ] Now, here’s another characteristic word for such contractions, where there are still perceived connections from the original. You are probably familiar with the not-so-rare German word Schulze. If we go back to Old High German, we find the word sculdheizo. This was the man in the village whom people went to so he could tell them what debt they owed, the one who would call them out when they had done something wrong. The man who was tasked with deciding—heißen—what one’s debt was, the sculdheizo, the “debt-declarer”—that is who became the Schulze. I’ll present these examples so that you can follow me in understanding the course of a language’s ongoing development.

[ 7 ] Man kann nach dieser Richtung auch noch etwas anderes beobachten. Nehmen wir einmal etwas an, was im Dialekt leicht noch vorkommt. In Wien zum Beispiel hat sich ja manches Dialektische reiner erhalten als in Norddeutschland, wo die Abstraktion früh Platz gegriffen hat. Und dies geht zurück bis in die primitive Kultur, die bis ins 10. Jahrhundert hineinreicht. In die nordische Kultur hat sich das nicht eingeschoben, was in süddeutschen Gegenden erhalten geblieben ist an sprachbildendem Genius, dem man noch vielfach anmerkt, wie alte Formen des Sprachwirkens in ihm auftreten. So gibt es zum Beispiel ein anschauliches Wort in Wien, das heißt der Hallodri. Das ist einer, der gern Unfug treibt, der viel Schwierigkeiten macht, der sich unter Umständen Ausschweifungen, wenn auch nicht gerade außerordentlich bedenklichen, hingibt. Das Hallo weist hin auf das, was er tut; dann auf sein Gebaren weist die Endsilbe ri hin. Dieses ri ist noch ein dialektischer Überrest von dem althochdeutschen ari, das zum mittelhochdeutschen aere geworden ist, und das sich ganz abgeschwächt hat im Neuhochdeutschen in die Endsilbe er. Nehmen Sie also zum Beispiel ein althochdeutsches Wort: wahtari. Da haben Sie auch diese Silbe, haben das, was man im österreichischen Dialekt in dem Hallodri empfindet. Dieses Auftreten im Leben mit irgend etwas, das liegt in der Endsilbe ari, und wath ist das Wachen. Derjenige, der es mit dem Amt des Wachens so macht, das ist der wathari; im Mittelhochdeutschen wird es wahtaere, also noch mit voller Endsilbe; im Neuhochdeutschen ist es Wächter. Es ist zur Silbe er geworden, der man nurmehr wenig anfühlt von dem, was man bei dem ari empfunden hat: das Hantieren mit der Sache. In allen Wörtern, die diese Endsilbe er haben, sollte man daher fühlen, wenn man sich wieder durchdringt mit dem, was aus alten Zeiten erhalten ist, dieses Hantieren mit einer Sache. Derjenige, der im Garten hantiert, ist der gartenaere, unser heutiger Gärtner. Sie sehen daraus, wie die Sprache bemüht ist, Klangvolles, ich möchte sagen, Musikalisches in Abstraktes allmählich umzuwandeln, bei dem nicht mehr der volle Inhalt des Klanges nachempfunden wird und namentlich nicht mehr im Zusammenhang mit dem vollen Inhalt der Vorstellung oder der Empfindung.

[ 7 ] One can also observe something else along these lines. Let’s consider something that still occurs fairly frequently in dialect. In Vienna, for example, certain dialectal features have been preserved more purely than in northern Germany, where abstraction took hold early on. And this dates back to primitive culture, which extends into the 10th century. What has been preserved in southern German regions—that linguistic genius in which one can still frequently observe how ancient forms of linguistic expression manifest—has not found its way into Nordic culture. For example, there is a vivid word in Vienna called Hallodri. This is someone who likes to get into mischief, who causes a lot of trouble, and who, under certain circumstances, indulges in excesses—albeit not necessarily of an exceptionally serious nature. The Hallo refers to what he does; the final syllable ri refers to his behavior. This ri is a dialectal remnant of the Old High German ari, which became the Middle High German aere, and which has been greatly weakened in Modern High German to the final syllable er. Take, for example, an Old High German word: wahtari. There you also have this syllable—it’s what you perceive in the Austrian dialect in the word Hallodri. This way of carrying oneself in life with a certain something is embodied in the final syllable ari, and wath means to watch. The person who performs the duty of watching in this way is the wathari; in Middle High German, it becomes wahtaere, still with a full final syllable; in Modern High German, it is Wächter. It has become the syllable er, in which one can scarcely sense what one once felt in ari: the handling of the matter. In all words that have this final syllable “er,” one should therefore sense—when one immerses oneself once more in what has been preserved from ancient times—this handling of a matter. The one who tends to the garden is the gartenaere, our modern-day Gärtner. From this you can see how the language strives to gradually transform what is sonorous—I would say, what is musical—into something abstract, in which the full content of the sound is no longer evoked and, in particular, is no longer connected to the full content of the mental image or the sensation.

[ 8 ] Ein interessantes Beispiel ist das folgende: Sie kennen heute die Silbe ur in Ursache, Urwald, Urgroßvater und so weiter. Gehen wir etwa zwei Jahrtausende in unserer Sprachentwickelung zurück, so haben wir gotisch dieselbe Silbe als uz vorhanden; gehen wir ins Althochdeutsche zurück, also etwa ins Jahr 1000, so haben wir dieselbe Silbe als ar, ir, ur. Vor siebenhundert Jahren ist es noch immer ur und heute auch. Also verhältnismäßig früh hat sich diese Silbe umgewandelt. Nur bei Zeitwörtern hat sie sich abgeschwächt. Wir sagen zum Beispiel, indem wir dasjenige, was bekanntmacht, ausdrücken: Kunde. Wollen wir aber auf die erste Kunde hinweisen, auf diejenige, von der die andere Kunde ausgeht, so sagen wir Urkunde. Nun schwächt sich das ur für die Verben ab in er, so daß, wenn wir das Verbum kennen bilden, wir nicht sagen, wie es auch möglich wäre, urkennen, sondern erkennen; aber das er ist genau von demselben Bedeutungswert wie das ur in Urkunde. Wenn ich jemandem möglich mache, daß er irgend etwas tue, dann erlaube ich ihm irgend etwas; wenn ich das in einem bestimmten Falle zum Hauptwort mache, so wird daraus das Wort Urlaub, den ich ihm gebe durch mein Erlauben. Nun ist noch eine Bildung, die an alles das anklingt, außerordentlich interessant. Sie kennen das Wort: einen Acker urbar machen. Dieses urbar hängt auch mit beran zusammen, tragen machen. Urbar ist das ursprüngliche, das erste Tragenmachen eines Ackers. Sie haben da, ich möchte sagen, eine Bedeutungsanalogie in dem heute noch vorhandenen Wort ertragen. Wenn Sie heute sagen: Ertrag des Ackers —, dann ist dies dasselbe Wort wie das Urbarmachen des Ackers = das erste Erträgnis des Ackers. Und man hat ursprünglich das urbar auch dafür gebraucht, wenn man sagen wollte: den Acker so bearbeiten, daß er etwas tragen kann, zum Beispiel seinen Zins, seine Steuer.

[ 8 ] Here is an interesting example: Today, you are familiar with the syllable ur in words such as Ursache, Urwald, Urgroßvater, and so on. If we go back about two millennia in the development of our language, we find the same syllable in Gothic as uz; if we go back to Old High German, that is, to around the year 1000, we find the same syllable as ar, ir, ur. Seven hundred years ago, it was still ur, and it is today as well. So this syllable underwent a transformation relatively early on. It has only weakened in the case of verbs. For example, when expressing that which makes something known, we say Kunde. But if we want to refer to the first piece of news—the one from which the other news originates—we say Urkunde. Now, the ur weakens to er in verbs, so that when we form the verb kennen, we do not say—as would also be possible—urkennen, but rather erkennen; yet this “er” has exactly the same semantic value as the ur in Urkunde. If I make it possible for someone to do something, then I am granting them permission to do so; if I turn this into a noun in a specific context, it becomes the word Urlaub, which I grant them through my permission. Now there is another word formation that echoes all of this and is extraordinarily interesting. You know the phrase: “to make a field arable.” This “urbar” is also related to beran, “to make bear fruit.” Urbar is the original, the first act of making a field bear fruit. There, I would say, is a semantic analogy in the word ertragen, which still exists today. When you say today, “the yield of the field”—this is the same word as “making the field arable” = the field’s first yield. And originally, the urbar was also used for this when one wanted to say: to work the field so that it can bear something, for example, its rent or its tax.

[ 9 ] Das Studium der Vor- und Nachsilben, die in unseren Worten auftreten, ist überhaupt außerordentlich interessant. So haben wir zum Beispiel in zahlreichen Wörtern die Vorsilbe ge. Sie führt zurück auf ein gotisches ga. In diesem gotischen ga wurde noch durchaus das Zusammenziehende gefühlt; ga hat etwa die Gefühlsbedeutung des Zusammenziehens, Zusammenschiebens. Das wurde dann im Althochdeutschen gi und im Neuhochdeutschen eben ge. Wenn Sie dann das auf anderen Wegen gebildete Wort salle, selle, haben, und Sie setzen das ge voran, Geselle, so haben Sie einen Menschen, der mit einem anderen das gleiche Zimmer bewohnt oder im gleichen Saal mit ihm schläft: das ist dann der Geselle. Genosse ist derjenige, der mit dem anderen das gleiche genießt.

[ 9 ] The study of the prefixes and suffixes that appear in our words is, in general, extremely interesting. For example, in numerous words we find the prefix ge. It can be traced back to the Gothic ga. In this Gothic ga, the contracting force was still distinctly felt; ga has, roughly speaking, the emotional connotation of contraction or pressing together. This then became gi in Old High German and ge in Modern High German. If you then take the words salle or selle, which were formed in other ways, and place the ge at the beginning, Geselle, you have a person who shares a room with another or sleeps in the same hall with him: that is the “Geselle.” Genosse is the one who enjoys the same things as the other.

[ 10 ] Ich mache Sie hier schon aufmerksam auf das durch diese Beispiele charakteristisch Hindurchgehende. Man muß zum Wort in anderer Weise stehen, wenn man im Laute darinnen noch ein unmittelbares Gefühl hat von dem, was es bedeutet, als wenn man dies nicht mehr hat. Wenn man einfach ausspricht: Geselle, weil man sich von Kindheit an gemerkt hat, Geselle bedeutet dieses oder jenes, so ist es doch ein anderes, als wenn man dabei noch das Gefühl hat des Saales und bei Geselle eben diesen Zusammenhang des Saales mit zwei oder mehreren Menschen. Dieses Gefühlselement wird abgeworfen. Dadurch ist erst die Möglichkeit des Abstrahierens vorhanden.

[ 10 ] I would like to draw your attention here to the characteristic thread running through these examples. One must relate to a word differently when one still has an immediate sense of its meaning in the sound of the word itself, as opposed to when one no longer has that sense. If one simply says: “Geselle” because one has known since childhood that “Geselle” means this or that, it is still different from when one still has the sense of the hall and, in the case of “Geselle,” precisely this connection between the hall and two or more people. This emotional element is cast aside. Only then does the possibility of abstraction arise.

[ 11 ] Nun haben Sie zum Beispiel in vielen unserer Worte die Nachsilbe lich: göttlich, freundlich. Wenn Sie dieses lich aufsuchen vor zweitausend Jahren, so haben Sie es im Gotischen als leiks. Aber dieses gotische leiks, das dann althochdeutsch lich wird, das ist urverwandt mit leich und auch mit leib; und ich habe Ihnen schon gesagt, daß leich-leib ausdrückt die Gestalt, die zurückgeblieben ist, wenn der Mensch gestorben ist. Leichnam ist eigentlich schon etwas wie eine tautologische Bildung, wie eine Bildung von der Art, wie sie etwa ein Kind bildet, wenn es zunächst zwei ganz gleichlautende Wörter hat und sie zusammenstellt: wau-wan, muh-muh, wobei in der Wiederholung die Bedeutung aufgestellt wird. Es können aber auch nichtgleiche Laute zusammengestellt werden; und solch eine Zusammenstellung haben Sie zum Beispiel im Worte Leichnam. Leich ist eigentlich schon die Gestalt, welche zurückbleibt, wenn der Mensch von dem Seelischen verlassen ist; nam führt aber zurück auf ham, und ham ist das Wort, das erhalten geblieben ist noch in Hemd und heißt Hülle; so daß Leichnam die Gestalten-Hülle, das Gestalten-Hemd ist, das wir abgeworfen haben nach dem Tode. Es sind also zwei ähnliche Dinge: Gestalt - und das etwas verschobene Hülle, zusammengestellt wie wauwau. Nun ist aber aus diesem leiks, leich unsere Nachsilbe lich gebildet. So daß Sie also sehen: wenn Sie das Wort göttlich bilden, so muß dieses auf eine Gestalt hindeuten; denn das lich ist leiks: Gestalt. Ich weise da auf eine Gestalt hin, die das Göttliche ausdrückt; also gottgestaltet würde göttlich sein. Das ist besonders interessant zum Beispiel zu beobachten, wenn wir das althochdeutsche Wort anagilih ins Auge fassen. Da haben wir noch drinnen eben das aus dem Gotischen stammende ana, und ana ist: nahezu, fast; gilih ist die Gestalt. Was also ähnlich ist, das ist dasjenige, was fast die Gestalt hat. Das wird also, wenn es ein neuhochdeutsches Wort wird, zu ähnlich.

[ 11 ] Now, for example, many of our words end with the suffix lich: göttlich (divine), freundlich (friendly). If you trace this lich back two thousand years, you’ll find it in Gothic as leiks. But this Gothic leiks, which then became lich in Old High German, is etymologically related to leich and also to leib; and I have already told you that leich-leib refers to the form that remains after a person has died. “Leichnam” is actually something of a tautological formation—the kind a child might create when it first has two words that sound exactly the same and puts them together: “wau-wan,” “muh-muh,” whereby meaning is established through repetition. However, dissimilar sounds can also be combined; and you find such a combination, for example, in the word “Leichnam.” “Leich” is actually the form that remains when a person is forsaken by the soul; “nam,” however, traces back to “ham,” and “ham” is the word that has been preserved even in “Hemd” (shirt) and means “covering”; so that “Leichnam” is the form-covering, the form-shirt that we have cast off after death. So there are two similar things: “Gestalt” (form) — and the somewhat shifted “Hülle” (covering), combined like “wauwau.” Now, however, our suffix “lich” is formed from this “leiks,” “leich.” So you see: when you form the word “göttlich” (divine), it must point to a form; for “lich” is “leiks”: form. I am pointing here to a form that expresses the divine; thus, “gottgestaltet” would be “divine.” This is particularly interesting to observe, for example, when we consider the Old High German word “anagilih.” There we still find the element “ana,” which comes from Gothic, and “ana” means “nearly,” “almost”; “gilih” is the form. So what is “similar” is that which “almost” has that form. Thus, when it becomes a Modern High German word, it becomes “ähnlich.”

[ 12 ] Gerade bei diesem Beispiel können Sie etwas studieren, was zunächst nicht rein sprachgeschichtlich, sondern, ich möchte sagen, sprachpsychologisch ist, weil es Ihnen noch zeigen kann, wie die Gefühlswerte in den Wörtern leben, wie aber diese Gefühlswerte allmählich im menschlichen Erfühlen sich loslösen, und dasjenige, was die Vorstellung noch verknüpft mit den Lauten, zu einem ganz abstrakten Element wird. Ich habe Ihnen die Vorsilbe ge, gotisch ga vorgeführt. Denken Sie also, man fühle das noch, dieses Zusammenwirken in ga, was jetzt ge wird, und man wendet das an auf die Gestalt, auf das leich; dann würde ich empfindungsgeschichtlich sagen: zusammenstimmende Gestalt. Es lebt darin, ohne daß es sich ausspricht. Geleich, gleich würde also sein: zusammenstimmende Gestalten, zusammenwirkende Gestalten, geleich = gleich.

[ 12 ] In this example in particular, you can study something that is not, at first glance, purely a matter of linguistic history, but—I would say—of linguistic psychology, because it can show you how emotional values live within words, yet how these emotional values gradually detach themselves from human feeling, and how the mental image still links to the sounds becomes a completely abstract element. I have shown you the prefix “ge,” the Gothic “ga.” So consider: one still senses this interplay in ga, which has now become ge, and one applies this to form, to leich; then, from the perspective of the history of sensation, I would say: “harmonious form.” It lives within it without being explicitly expressed. Geleich, “equal,” would thus be: “harmonious forms,” “interacting forms”; geleich = “equal.”

[ 13 ] Betrachten Sie einmal ein Wort, das manche Geheimnisse enthüllt wir wollen es heute nur nach einer Seite hin betrachten -, betrachten Sie unser Wort Ungetüm. Dieses ä ist nur der Umlaut für ein ursprüngliches u: Ungetum; aber das tum, das wir da loslösen, geht zurück auf ein althochdeutsches tuorm, und dieses tuom hängt zusammen mit dem Worte tun: zustande bringen, machen, in ein Verhältnis bringen. In allen Wörtern, wo dieses tum zur Nachsilbe geworden ist, kann man eigentlich noch nachfühlen, daß da etwas von einem zusammenwirkenden Verhältnis enthalten ist: Königtum, Herzogtum, Ungetüm. Ungetüm ist dasjenige, wobei kein ordentlich zusammenwirkendes tum entsteht: das #2 negiert das Zusammenwirken; das getum wäre das Zusammenwirken selber.

[ 13 ] Let’s take a look at a word that reveals some secrets—today we’ll examine it from just one perspective—let’s look at our word “Ungetüm.” This “ä” is simply the umlaut for an original “u”: “Ungetum”; but the “tum” that we’re isolating here goes back to the Old High German “tuorm,” and this “tuom” is related to the word “tun”: to bring about, to do, to establish a relationship. In all words where this “tum” has become a suffix, one can still sense that there is something of a cooperative relationship contained within them: “Königtum” (kingship), “Herzogtum” (duchy), “Ungetüm” (monster). “Ungetüm” is that in which no proper, cooperative “tum” arises: the #2 negates the cooperation; the getum would be the cooperation itself.

[ 14 ] Zahlreiche Wörter haben wir, wie Sie wissen, mit der Nachsilbe ig: feurig, gelehrig und so weiter. Das geht zurück auf ein althochdeutsches ac oder auch ic, auf ein mittelhochdeutsches ag, ig, und das ist eigentlich die Wiedergabe von dem, was etwa eigenschaftswörtlich eigen heißt, es ist ihm eig. Wo also die Nachsilbe ig auftritt, da deutet sie auf ein eigen hin. Feurig = feuereigen, dem das Feuer eignet. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir also beobachten können, wie durch solche Zusammenziehungen und im Zusammenziehen erfolgende Umgestaltungen der Lautbestände der Abstraktionsprozeß erfolgt, den der Sprachgenius durchmacht.

[ 14 ] As you know, we have numerous words with the suffix ig: feurig (fiery), gelehrig (docile), and so on. This goes back to the Old High German ac or ic, and to the Middle High German ag, ig—and this is actually a reflection of what the adjective eigenschaft literally means: “belonging to oneself”; it is eig to it. So wherever the suffix ig appears, it indicates something “belonging to oneself.” Feurig = feuereigen, “belonging to fire.” I have told you that we can thus observe how, through such contractions and the resulting transformations of the sound system that occur during contraction, the process of abstraction takes place that the linguistic genius undergoes.

[ 15 ] Man könnte das so ausdrücken: In sehr, sehr frühen Zeiten der Sprachentwickelung eines Volkes lehnt sich der Mensch mit seiner Empfindung ganz an den Laut an. Man möchte sagen: Die Sprache besteht eigentlich nur aus differenzierten, komplizierten Bildern in den konsonantischen Lauten, in denen man nachbildet äußere Vorgänge, und aus darinnen vorkommenden Interjektionen, Empfindungslauten in den vokalischen Bildungen. Nun schreitet der sprachbildende Prozeß fort. Der Mensch hebt sich gewissermaßen heraus aus diesem Miterleben, aus diesem empfindungsmäßigen Miterleben des Lautlichen. Was tut er denn da, indem er sich heraushebt? Er spricht ja noch immer; aber indem er spricht, wird das Sprechen in eine viel unterbewußtere Region hinuntergestoßen als das früher war, wo die Vorstellung, das Empfinden noch zusammenhing mit der Lautbildung. Es wird das Sprechen selbst in eine unterbewußte Region hinuntergeworfen. Das Bewußtsein sucht mittlerweile den Gedanken abzufangen. Beobachten Sie das wohl als einen Vorgang der Seele. Dadurch, daß man den Lautzusammenhang unbewußt macht, erhebt man sich mit dem Bewußtsein zu dem nicht mehr im Laut und Lautzusammenhang allein gefühlten Vorstellen und Empfinden. Man sucht also etwas zu erhaschen, worauf der Laut zwar noch deutet, was aber nicht mehr so innig wie früher mit dem Laut zusammenhängt. Solch einen Vorgang kann man auch dann noch beobachten, wenn das ursprüngliche, ich möchte sagen, Sich-Herausschälen aus den Lautzusammenhängen schon vorbei ist, und man dasselbe, was man früher mit Lautzusammenhängen gemacht hat, jetzt mit Wortzusammenhängen machen muß, weil schon Wörter entstanden sind, bei denen man nicht mehr den Lautzusammenhang voll fühlt, bei denen man schon mehr gedächtnismäßig den Lautzusammenhang mit dem Vorstellungszusammenhang hat. Man macht da auf einer höheren Stufe denselben Prozeß, den man früher mit Lauten und Silben gemacht hat, mit Wörtern durch.

[ 15 ] One could put it this way: In the very, very early stages of a people’s linguistic development, human perception is entirely attuned to sound. One might say: Language actually consists only of differentiated, complex images in the consonantal sounds—in which external processes are imitated—and of the interjections found within them, sounds of sensation in the vocalic formations. Now the language-forming process continues. Human beings, so to speak, detach themselves from this shared experience—from this sensory experience of sound. What, then, do they do by detaching themselves? They are still speaking, of course; but as they speak, speech is pushed down into a much more subconscious realm than it was before, when a mental image and sensation were still connected to the formation of sounds. Speech itself is cast down into a subconscious realm. Meanwhile, consciousness seeks to intercept the thought. Observe this carefully as a process of the soul. By rendering the context of sounds unconscious, one rises with consciousness to the level of mental images and sensations that are no longer felt solely in the sound and its context. One thus seeks to grasp something to which the sound still points, but which is no longer as intimately connected to the sound as it once was. Such a process can still be observed even when the original, I might say, “emerging” from the sound contexts has already taken place, and one must now do with word contexts what one previously did with sound contexts, because words have already emerged in which one no longer fully feels the sound context, in which one already relates the sound context to the conceptual context more through memory. At a higher level, one goes through the same process with words that one previously went through with sounds and syllables.

[ 16 ] Nehmen Sie an, Sie wollten ausdrücken die menschlichen Wesen einer bestimmten Gegend, Sie wollten noch nicht fortschreiten zur völligen Abstraktion, so daß Sie zum Beispiel sagen würden: Die menschlichen Wesen Württembergs. Das würden Sie noch nicht sagen wollen, das würde noch zu abstrakt sein. Man hätte sich noch nicht aufgeschwungen, nehmen wir an, zu so starken Abstraktionen wie: Die Menschen Württembergs. Würde man dasselbe, was man da später durch dieses: Die Menschen Württembergs ausdrückt, abfangen wollen durch Konkreteres noch, dann würde man sagen: Die Bürger und Bauern Württembergs. Man sagt dieses, indem man dasjenige meint, was weder Bauer noch Bürger ist, oder beides, was aber gewissermaßen dazwischen schwebt. Um dieses abzufangen, was dazwischen schwebt, gebraucht man beide Wörter. Das wird insbesondere interessant und deutlich, wenn die beiden Wörter, die man gebraucht, um einen Begriff auszudrücken, den man dadurch bezeichnet, daß man sich ihm gleichsam von zwei Seiten nähert, wenn die beiden Wörter weiter voneinander abstehen, zum Beispiel, wenn man sagt: Land und Leute. Wenn man dieses sagt, dann liegt dasjenige, was man sagen will, dazwischen, und man nähert sich ihm. Oder: Wind und Wetter. Wenn Sie dieses sagen, so meinen Sie etwas, was Sie nicht durch ein Wort ausdrücken, was weder Wind noch Wetter ist, sondern was dazwischen liegt, was Sie aber einfassen, indem Sie Wind und Wetter gebrauchen.

[ 16 ] Suppose you wanted to refer to the human beings of a particular region, but you did not yet want to proceed to complete abstraction—so that, for example, you would say: “The human beings of Württemberg.” You would not yet want to say that; it would still be too abstract. One would not yet have risen, let us assume, to such strong abstractions as: “The people of Württemberg.” If one wanted to capture the same thing that is later expressed by “The people of Württemberg” using something even more concrete, then one would say: “The citizens and peasants of Württemberg.” One says this by referring to that which is neither a farmer nor a citizen—or both—but which, in a sense, hovers in between. To capture what hovers in between, one uses both words. This becomes particularly interesting and clear when the two words used to express a concept—which is designated by approaching it, as it were, from two sides—are further apart from one another, for example, when one says: “Land and People.” When you say this, what you mean lies in between, and you approach it. Or: “wind and weather.” When you say this, you mean something that cannot be expressed by a single word—something that is neither wind nor weather, but lies in between—which you, however, encompass by using “wind and weather.”

[ 17 ] Nun ist es interessant, daß sich im Laufe der Sprachbildung solche Zusammenstellungen so ausdrücken, daß sie irgendwie alliterieren, assonieren oder dergleichen. Daraus ersehen Sie, daß das Lautempfinden, das Tonempfinden in diese Dinge doch noch hineinspielt. Und wer ein lebendiges Sprachgefühl hat, kann ja heute noch solche Dinge fortsetzen, kann durch Ähnlichlautendes dazwischenliegende Vorstellungen abfangen, für die man zunächst nicht das unmittelbare Wort hat. Nehmen Sie an zum Beispiel, ich will am Menschen ausdrücken so etwas wie sein Verhalten, wie es ihm habituell, wie es ihm wesenhaft eigen ist. Wenn ich Anstoß daran nehme, da bloß ein Wort zu gebrauchen, das den Menschen als ein passiv Lebendiges hinstellt — weil ich ihn in seinem wesenhaften Sich-Äußern, Sich-Offenbaren, nicht als passiv Lebendiges hinstellen, aber auch nicht bloß tätig hinstellen will, sondern die Tätigkeit ableiten will von seinem Wesen -, da kann ich nicht sagen: Die Seele eines Menschen lebt - das wäre mir zu passiv; ich kann auch nicht sagen: Die Seele des Menschen webt -, das wäre mir zu aktiv. Ich brauche etwas, was dazwischen ist, und sage heute noch: Die Seele lebt und webt. Aus dem sprachbildenden Genius heraus finden sich solche Dinge zahlreich. Denken Sie sich zum Beispiel, man will ausdrücken, was weder Sang noch Klang ist, so sagt man Sang und Klang. Oder man will beim mittelalterlichen Dichter ausdrücken, daß er den Ton und Text vorbringt, das wollte man oft ausdrücken, daß die Dichter Ton und Text vorbrachten, da konnte man nicht sagen: Sie ziehen herum und singen -, sondern: Sie ziehen herum und singen und sagen. Das, was sie eigentlich taten, das war ein Begriff, für den das Wort nicht da war. — Sehen Sie, solche Dinge, die sind nur, ich möchte sagen, die Spätlinge für das, was früher mit heute nicht mehr durchsichtigen Lautzusammenhängen geschehen ist. Wir bilden gewissermaßen mit Worten wie Sang und Klang, singen und sagen, noch Zusammenziehungen, die früher mit solchen Lautbeständen gemacht worden sind, welche noch den Zusammenhang hatten zwischen dem Lautbestand und dem Vorstellungs- oder Empfindungselement.

[ 17 ] Now, it is interesting that, in the course of language development, such combinations come to be expressed in ways that somehow alliterate, assonate, or the like. From this you can see that a sense of sound still plays a role in these matters. And anyone with a lively sense of language can still carry on such practices today; they can use similar-sounding words to capture intermediate mental images for which one does not initially have a direct word. Take, for example, the case where I want to express something about a person—such as their behavior, how it is habitual to them, or how it is intrinsically their own. If I take issue with using merely a word that portrays a person as a passively living being—because I do not wish to portray them in their essential self-expression and self-revelation as a passively living being, nor do I wish to portray them merely as active, but rather to derive their activity from their essence—then I cannot say: “A person’s soul lives”—that would be too passive for me; nor can I say, “A person’s soul weaves”—that would be too active for me. I need something in between, and even today I say: “The soul lives and weaves.” Such expressions abound in the genius of language. Consider, for example, that when one wishes to express something that is neither song nor sound, one says “song and sound.” Or, when referring to a medieval poet, one wants to express that he presents both sound and text—this was often what one wanted to convey, that poets presented sound and text—yet one could not say: “They go about singing”—but rather: “They go about singing and speaking.” What they actually did was a concept for which no word existed. — You see, such things are merely, I would say, the belated manifestations of what once occurred through sound relationships that are no longer transparent today. In a sense, with words like “song” and “sound,” “sing” and “speak,” we are still forming connections that were once made with sound elements which still retained the link between the sound element and the element of a mental image or sensation.

[ 18 ] Nehmen Sie zum Beispiel, um sich ein ganz Charakteristisches nach dieser Richtung vorzuführen, das Folgende: Wenn die alten Deutschen zusammenkamen und Gerichtstag hielten, dann nannten sie so einen Tag tagading. So etwas, was sie taten, das war ein ding. Heute haben wir noch Ding drehen. Ein ding ist dasjenige, was da geschah, wenn die alten Deutschen zusammen waren. Man nannte es tagading. Nun nehmen Sie die Vorsilbe ver; die weist immer darauf hin, daß etwas in die Entwickelung eintritt. Wenn also das, was auf dem Tageding geschah, in die Entwickelung eintritt, dann konnte man sagen: es wurde vertagedingt. Und dieses Wort ist so nach und nach zu unserem verteidigen geworden; mit etwas Bedeutungswandel ist unser verteidigen daraus geworden. Und so sehen Sie, wie hier noch im Lautbestand vertagedingen dasselbe sich vollzieht, was sich später durch die Wortbestände vollzieht.

[ 18 ] Take the following example, for instance, to illustrate something quite characteristic of this trend: When the ancient Germans gathered together and held a court session, they called such a day “tagading.” What they did was a “ding.” Today, we still have the expression “ding drehen.” A “ding” is what took place when the ancient Germans were gathered together. They called it “tagading.” Now take the prefix “ver-”; it always indicates that something is entering a process of development. So if what happened at the “tageding” enters into a process of development, then one could say: it was “vertagedingt.” And this word gradually became our “verteidigen” (to defend); with a slight shift in meaning, it evolved into our “verteidigen.” And so you see how here, still within the sound system, “vertagedingen” undergoes the same process that later takes place through the lexicon.

[ 19 ] Da kommen wir dann nach und nach dazu, daß das Vorstellungsleben noch weiter abirrt von dem bloßen Lautleben. Nehmen Sie zum Beispiel so etwas wie das althochdeutsche alawari. Das würde die Bedeutung haben von: ganz wahr. Daraus ist unser Wort albern geworden. Denken Sie sich nun einmal, in welche Tiefen des Volksseelischen Sie hineinschauen, wenn Sie erblicken, daß etwas, das ursprünglich die Bedeutung hatte des Ganzwahren, wenn das albern wird, so wie wir heute das Wort albern empfinden. Da muß durchgehen die Anwendung des Wortes alawari durch, ich möchte sagen, Stämme, die das Auftreten des Menschen in der Eigenschaft des Ganzwahren als etwas Verächtliches finden, die sich dem Glauben hingeben, daß der Schlaue nicht alawar: ist. Dadurch überträgt sich die Empfindung: wer ganz wahr ist, ist kein Schlauer -, auf das, wofür ursprünglich eine ganz andere Empfindung angewendet worden ist; und so verschiebt sich die Bedeutung des ganz wahr in albern.

[ 19 ] This gradually leads us to the realization that the world of imagination strays even further from the mere world of sound. Take, for example, a word like the Old High German alawari. That would mean “entirely true.” From this, our word albern has developed. Just imagine the depths of the Folk-souls you are peering into when you see that something which originally meant “entirely true” has become albern, just as we understand the word albern today. The use of the word alawari must be shaped—I would say—by tribes that regard the manifestation of the human being in the capacity of “utterly true” as something contemptible, tribes that subscribe to the belief that the cunning one is not alawar. As a result, the notion—that whoever is “wholly true” is not “cunning”—is transferred to what originally had an entirely different connotation; and thus the meaning of “wholly true” shifts to “silly.”

[ 20 ] Wir können, wenn wir den Bedeutungswandel studieren, tief hineinschauen in den sprachbildenden Genius im Zusammenhang mit dem Seelischen. Nehmen Sie zum Beispiel unser Wort Quecksilber: dies ist das bewegliche Metall. Dieses Queck ist ganz dasselbe Wort wie zum Beispiel, sagen wir in Quecke, das auch Beweglichkeit bedeutet, oder dasselbe Wort, das in erquicken drinnen ist. Dieser Lautzusammenhang: queck und quick — mit einer kleinen Lautverschiebung: keck -, der bedeutete ursprünglich: beweglich sein. Würde ich also von einem von Ihnen vor 500 Jahren gesagt haben: er ist ein kecker Mensch, so würde ich ausgedrückt haben: er ist ein beweglicher Mensch, der nicht auf seiner faulen Haut liegt, sondern der arbeitsam ist, der sich umtut. Durch Bedeutungswandel ist das zu dem heutigen Wort keck geworden. Da ist die Verseelischung zu gleicher Zeit der Weg zu einem sehr bedeutsamen Bedeutungswandel. So finden wir ein Wort, welches ursprünglich kähn im Kampfe ausdrückt. Wir brauchen nur etwa fünfhundert Jahre zurückzugehen, so heißt das Wort kühn im Kampfe: frech. Ein frecher Mensch im Sinne früherer Zeiten würde bedeuten: ein kühner Mensch, ein Mensch, der sich nicht scheut, im Kampfe gehörig aufzutreten. Hier haben Sie den Bedeutungswandel. Diese Bedeutungswandel, die lassen uns wirklich tief in das seelische Leben in seiner Entwickelung hineinschauen. Nehmen Sie das althochdeutsche diomuoti. Deo, dio bedeutet immer Knecht, muoti, was verwandt ist mit unserem Mut, aber früher eine andere Bedeutung hatte, ist heute nur wiederzugeben, wenn wir sagen: Gesinnung, die Art und Weise, gegen die Außenwelt oder gegen andere Menschen gestimmt zu sein. So können wir sagen: diomuoti hatte die Bedeutung von richtiger Knechtsgesinnung, die Gesinnung, die ein Knecht gegen seinen Herrn haben soll. Nun drang das Christentum ein. Die Mönche wollten den Menschen da etwas sagen, was sie haben sollten als die Gesinnung gegen Gott und gegen geistige Wesen. Sie konnten das, was sie ihnen da sagen wollten, nur dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie anknüpften an eine Empfindung, die man schon hatte für diese Knechtsgesinnung. So wurde dieses diomuoti nach und nach zur Demut. Die Demut der Religion ist ein Nachkomme der Knechtsgesinnung der alten germanischen Zeit. So geschehen die Bedeutungswandel.

[ 20 ] When we study shifts in meaning, we can gain deep insight into the language-forming genius in connection with the soul. Take, for example, our word “Quecksilber” (mercury): this is the mercurial metal. This “Queck” is exactly the same word as, for example, in “Quecke” (couch grass), which also means “agility,” or the same word found in “erquicken” (to refresh). This phonetic connection—queck and quick—with a slight shift in sound to “keck”—originally meant “to be agile.” So if I had said about one of you 500 years ago: “He is a ‘keck’ person,” I would have meant: “He is a lively person who doesn’t just laze around, but is hardworking and active.” Through a shift in meaning, this has become the modern word “keck.” Here, the process of reification is at the same time the path to a very significant shift in meaning. Thus, we find a word that originally expressed “boldness in battle.” We need only go back about five hundred years, and the word for “bold” in battle was “frech.” A “frech” person in the sense of earlier times would mean: a bold person, someone who does not shy away from standing their ground in battle. Here you have the shift in meaning. These shifts in meaning allow us to look deeply into the development of the soul’s life. Take the Old High German word diomuoti. Deo and dio always mean “servant”; muoti, which is related to our word mut (courage) but used to have a different meaning, can be rendered today only by saying: “disposition,” the way one is attuned toward the outside world or toward other people. Thus we can say: “diomuoti” had the meaning of the proper attitude of a servant—the attitude a servant ought to have toward his master. Then Christianity made its way in. The monks wanted to convey to people what they should have as their attitude toward God and toward spiritual beings. They could express what they wanted to convey only by drawing on a feeling that people already had regarding this “servant’s attitude.” Thus, this “diomuoti” gradually became “humility.” Religious humility is a descendant of the servant’s attitude of the ancient Germanic era. This is how shifts in meaning occur.

[ 21 ] Überhaupt ist es gerade interessant, die Bedeutungswandlungen der Worte, oder besser Laut- und Silbenzusammenhänge, zu studieren, welche die Umänderungen der Bedeutung durch die Einführung des Christentums erfahren haben. Da ist manches vorgegangen, als das römische Priestertum das Christentum nach den nördlichen Gegenden gebracht hat, manches, das man eigentlich nur in seiner Urbedeutung äußerlich erkennt, wenn man auf den Bedeutungswandel der Worte sieht. Wenn in alten Zeiten, wo es noch kein Christentum gab, wo es aber ein ausgeprägtes Verhältnis gab des Herrischen zum Dienerischen, der Herr sagen wollte von irgendeinem Menschen, den er sich dienstbar, knechtbar gemacht hatte, den er erobert hatte: Der ist mir nätzlich, dann sagte er: der ist fromm, das ist ein frommer Mensch. Dieses Wort haben Sie heute nur noch in einem letzten Rest vorhanden - wo es gewissermaßen, um ein bißchen schalkhaft zu sein, an seine ursprüngliche Bedeutung: nützlich sein, erinnert —,in dem Ausdruck: zu Nutz und Frommen. Wenn man dieses sagt, dieses zu Nutz und Frommen, da ist zwar das Wort zusammengestellt mit dem Nutzen, mit dem es ursprünglich in der Wortbedeutung identisch war, aber da wird nur noch schalkhaft hingedeutet auf dieses Nützlichfinden. Der fromme Knecht war der, der einem möglichst viel nützt. Die römischen Priester haben auch gefunden, daß ihnen manche mehr, manche weniger nützen, und die Nützlichsten haben sie fromm genannt. Und so ist das Wort fromm auf einem merkwürdigen Wege gekommen, gerade durch die Einwanderung des Christentums von Rom aus. An Demut, an Frommsein und manchem anderen können Sie schon etwas studieren von den besonderen Impulsen, durch die das Christentum von Süden aus nach Norden getragen worden ist.

[ 21 ] In general, it is particularly interesting to study the shifts in the meanings of words—or, more precisely, the relationships between sounds and syllables—that have undergone changes in meaning due to the introduction of Christianity. Many such changes took place when the Roman priesthood brought Christianity to the northern regions—changes that can actually only be recognized in their original meaning by examining the shifts in the meanings of words. In ancient times, when Christianity did not yet exist but there was a pronounced relationship between the master and the servant, if a master wanted to say of some person whom he had made subservient, whom he had subjugated: “He is useful to me,” he would say: “He is pious; that is a pious person.” Today, this word survives only in a final remnant—where, to be a bit mischievous, it still recalls its original meaning, “to be useful”—in the expression: “to one’s benefit and good.” When one says “for benefit and piety,” the word is indeed paired with “benefit”—with which it was originally synonymous in meaning—but it now only playfully alludes to this notion of being found useful. The pious servant was the one who was of the greatest possible use. The Roman priests also found that some were more useful to them than others, and they called the most useful ones “pious.” And so the word “pious” has come about in a curious way, precisely through the spread of Christianity from Rome. In humility, piety, and many other aspects, you can already learn something from the particular impulses through which Christianity was carried from the south to the north.

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[ 22 ] Man muß schon auf das Seelische, das heißt, auf das innere Erleben eingehen, wenn man die Sprache verstehen will. Es ist durchaus das im Bilden der Worte vorhanden, was ich auf der einen Seite charakterisierte als das konsonantische Element, wenn man das nachbildet, was äußerer Vorgang ist, und auf der anderen Seite das Empfindende, das interjektive Element, wenn man seine Empfindungen in Anlehnung an das Äußere zum Ausdruck bringt. Nehmen wir ein ausgesprochen konsonantisches Wesen in der Sprachempfindung, in einem vorgerückten Stadium der Sprachentwickelung. Nehmen Sie an, man empfindet diese Form, die ich hier aufzeichne. Wenn der ursprüngliche Mensch diese Form empfand, da empfand er sie zweifach. Da empfand er sie, indem er von unten nach oben schaute, als das Eingedrückte. Das wurde allmählich zu einem solchen Lautbestand, der uns in dem Worte Bogen vorliegt. Wenn er von oben nach unten auf diese Form schaute — wie es äußerlich zum Beispiel besonders ausgedrückt werden kann dadurch, daß ich möglichst das aufbiege (es wird gezeichnet), da kommt das zustande, was ich von oben nach unten anschaue: dann wird es ein Bausch. Von unten nach oben ist es ein Bogen, von oben nach unten ein Bausch; in Bogen und in Bausch liegt noch etwas von der Empfindung drinnen. Will man dann das ausdrücken, was beides umfaßt, was gewissermaßen sich nicht mehr an die Empfindung anlehnt, sondern nach außen läuft, um den ganzen Vorgang auszudrükken, dann sagt man: in Bausch und Bogen. In Bausch und Bogen, imaginativ ausgedrückt, wäre das (Hinweis auf die Zeichnung) von oben und von unten gesehen. — Das kann man dann auch auf moralische Verhältnisse anwenden, wenn man mit jemandem ein Geschäft abschließt, so daß das, was sich ergibt, sowohl von innen wie von außen sich anschauen läßt: von innen angesehen ergibt es Gewinn, von außen angesehen das Gegenteil, Verlust. Wenn man mit jemandem ein Geschäft auf Gewinn und Verlust abschließt, so könnte man sagen: man schließt es in Bausch und Bogen ab, man nimmt nicht Rücksicht auf das, was unterschieden wird in der einzelnen Bezeichnung.

[ 22 ] One must certainly take into account the psychological aspect—that is, inner experience—if one wishes to understand language. What is present in the formation of words is, on the one hand, what I characterized as the consonantal element—when one imitates what is an external process—and, on the other hand, the feeling, the interjective element—when one expresses one’s feelings in reference to the external world. Let us consider a distinctly consonantal quality in the perception of language at an advanced stage of linguistic development. Suppose one perceives this form that I am sketching here. When early humans perceived this form, they perceived it in two ways. They perceived it—looking from the bottom up—as something indented. This gradually became the kind of sound structure we find in the word “arch.” When he looked down at this form—as can be expressed outwardly, for example, by my bending it upward as much as possible (it is drawn)—what I see when looking down comes into being: then it becomes a bulge. From bottom to top it is an “Bogen,” from top to bottom a “Bausch”; in “Bogen” and “Bausch” there is still something of the sensation contained within. If one then wishes to express what encompasses both—what, in a sense, no longer draws on the sensation but extends outward to express the entire process—then one says: in Bausch und Bogen. In “Bausch und Bogen”, expressed imaginatively, this (referring to the drawing) would be seen from above and from below. — This can also be applied to moral situations, such as when one enters into a business deal with someone, so that the result can be viewed from both the inside and the outside: viewed from the inside, it yields a profit; viewed from the outside, the opposite—a loss. When one enters into a business deal with someone on a profit-and-loss basis, one could say: one enters into it Bausch und Bogen, without taking into account the distinctions made in the individual terms.

[ 23 ] Ich wollte Ihnen damit klarmachen, daß man durch das Verfolgen der Entwickelung der Lautbestände, aber auch der Wortbestände, Bilder hat von dem Entwickeln des volksseelischen Elementes, und Sie können, wenn Sie dieses Vorrücken von dem Konkreten des Lautlebens zu dem Abstrakten des Vorstellungslebens als Richtlinien verfolgen, vieles dann selbst finden. Sie brauchen nur ein gewöhnliches Lexikon aufzuschlagen oder Wörter aufzunehmen aus der Umgangssprache und sie mit solchen Richtlinien zu verfolgen. Für unsere Lehrerschaft sage ich noch insbesondere, daß es außerordentlich anregend ist, mitten im Erzählen einmal hinzuweisen auf solche sprachgeschichtliche Momente, weil sie manchmal tief aufklärend sein können und außerdem das Denken außerordentlich anregen. Aber man muß immer gefaßt sein, daß man natürlich da auf Holzwege abirren kann; daher muß man immer recht vorsichtig sein, denn die Worte machen ja mannigfaltige Metamorphosen durch, wie Sie jetzt gesehen haben. Also es kommt darauf an, daß man nicht gleich auf äußeren Ähnlichkeiten etwa Hypothesen aufstellt, sondern daß man ganz gewissenhaft vorgeht.

[ 23 ] My aim was to make it clear to you that by tracing the development of the sound system—as well as the lexicon—one gains insight into the evolution of the folk-soul element; and if you follow this progression from the concrete realm of sound life to the abstract realm of the life of the imagination as a guiding principle, you will be able to discover much on your own. All you need to do is open an ordinary dictionary or pick out words from everyday speech and examine them using these guidelines. For our teachers, I would like to add in particular that it is exceptionally stimulating to point out such moments in the history of language in the middle of a story, because they can sometimes be deeply enlightening and, moreover, greatly stimulate thought. But one must always be prepared for the fact that one can, of course, stray onto the wrong path here; therefore, one must always be very careful, for words undergo manifold metamorphoses, as you have now seen. So it is important not to immediately formulate hypotheses based on superficial similarities, but rather to proceed with the utmost diligence.

[ 24 ] Daß man gewissenhaft vorgehen muß, das können Sie an einem Beispiel sehen, das ich Ihnen auch noch vorführen möchte. Es gab ein ursprüngliches, recht ehrliches deutsches Wort, das hieß Beiwacht — wenn sich die Leute zusammensetzten und miteinander wachten -, Beiwacht, Zusammenwacht. Es ist das eins von denjenigen Worten, die nicht wie manche andere von Frankreich nach Deutschland gewandert sind, sondern es ist unversehens einmal nach Frankreich gewandert, wie auch das Wort guerre, Krieg, die Wirren. Beiwacht ist in alten Zeiten einmal nach Frankreich gewandert und ist da zu bivouac geworden. Und es ist wieder zurückgewandert mit den zahlreichen Wanderungen der westlichen Wörter, die herübergekommen sind nach dem 12. Jahrhundert; es ist wieder herübergewandert und ist Biwak geworden. Dies Wort ist ein ursprünglich deutsches, das aber zuerst nach Frankreich gewandert ist und wieder zurückgekommen ist. In der Zwischenzeit war es wenig gebraucht. Solche Dinge finden also auch statt, daß Wörter auswandern, es ihnen dann zu schwül wird in der fremden Atmosphäre und sie wieder heimkehren. Also, alle möglichen Verhältnisse finden da statt.

[ 24 ] You can see from an example I’d like to share with you that one must proceed conscientiously. There was an original, quite honest German word called Beiwacht—when people would gather and keep watch together—Beiwacht, Zusammenwacht. It is one of those words that, unlike many others, did not migrate from France to Germany, but rather migrated unexpectedly to France at some point—just like the word guerre, “war,” and Wirren. Beiwacht migrated to France in ancient times and became “bivouac” there. And it migrated back again with the numerous migrations of Western words that crossed over after the 12th century; it migrated back and became Biwak. This word is originally German, but it first migrated to France and then returned. In the meantime, it was rarely used. So things like this happen: words migrate, then find the foreign atmosphere too stifling, and return home. In short, all sorts of situations occur.