Geisteswissenschaftliche Sprachbetrachtungen
Eine Anregung für Erzieher
GA 299
31 Dezember 1919, Stuttgart
Vierter Vortrag
[ 1 ] Sie haben gesehen, daß in diesen Betrachtungen es zunächst darauf ankommt, die sprachgeschichtlichen Momente auf das Seelische zurückzuführen. Man kann in der Tat kein Verständnis des Vorganges der Sprachbildung und auch kein Verständnis des heutigen Bestandes irgendeines Sprachgebildes bekommen, wenn man nicht auf das seelische Element eingeht. Und ich will auch heute noch — um das in den nächsten Stunden dann durch speziell Sprachgeschichtliches zu illustrieren — einiges von demjenigen vorführen, was Sie von der Betrachtung sprachgeschichtlicher Erscheinungen zu der Entwickelung der Volksseelen leiten kann.
[ 2 ] Da möchte ich Ihre Aufmerksamkeit hinlenken auf zwei zusammengehörige Wörter: Zuber und Eimer. Wenn Sie heute diese Wörter, die alte deutsche Wörter sind, nehmen, so werden Sie aus dem Gebrauch dieser Wörter darauf kommen, daß ein Eimer ein Gefäß ist, in dem man etwas trägt, und das einen einzigen, oben angebrachten Henkel hat; ein Zuber ist das, was zwei Henkel hat. Diese Tatsache liegt heute vor und sie kommt zum Ausdruck in den beiden Wörtern: Zuber und Eimer.
[ 3 ] Untersuchen wir das Wort Eimer, so können wir über tausend Jahre zurückgehen: wir finden es im Althochdeutschen oder in einem noch früheren Stadium und finden das Wort einbar. Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen ja den Lautzusammenhang bar vorgeführt habe. Er hängt zusammen mit beran: tragen, und durch Zusammenziehung des einbar ist Eimer entstanden. Wir haben also deutlich ausgedrückt, so daß man es durchsichtig in der alten Form erschauen kann, das Tragen mit einem Griff; denn bar ist einfach etwas zum Tragen. Zuber heißt im Althochdeutschen zwiebar, etwas, was man durch zwei trägt, also ein Gefäß mit zwei Griffen. So sehen wir, wie heutige Wörter durch Zusammenziehungen entstanden sind, die wir in der alten Form noch auseinandergelegt finden, was wir jedoch heute im Worte nicht mehr unterscheiden können.
[ 4 ] Ähnliche Dinge können wir auch bei anderem Sprachmaterial beobachten. Wollen wir uns ein paar charakteristische Erscheinungen vor die Seele führen. Nehmen Sie zum Beispiel das Wort Messer. Das Wort führt zurück auf das althochdeutsche mezzisahs. Mezzi ist mit einem vorlautenden M nichts anderes, als was zusammenhängt mit ezzi, essen — ezzan, die alte Form für essen. Nun aber sahs, sax könnte man auch sagen in anderer Aussprache. Sie brauchen sich nur zu erinnern: Als sich das Christentum über Süddeutschland ausbreitete, da fanden die Mönche dort noch die ältere Verehrung für jene drei Gottheiten vor, wovon die eine die Gottheit Saxnot war; das ist der Kriegsgott Ziu. Saxnot ist die Zusammensetzung für das lebende Schwert, und sahs ist derselbe Lautzusammenhang. So daß Sie in dem Wort Messer das zusammengesetzte Wort Essensschwert haben: das Schwert, mit dem Sie essen.
[ 5 ] So ist auch interessant das Wort Wimper. Das führt zurück auf wintbra. Bra = die Braue, und wint ist das sich Windende. Sie sehen hier anschaulich: die sich windende Braue. Im zusammengesetzten Wort Wimper unterscheiden wir das nicht mehr.
[ 6 ] Nun noch ein charakteristisches Wort für solche Zusammenziehungen, wo ursprünglich noch gefühlte Zusammenhänge vorliegen. Sie kennen das nicht so selten vorkommende deutsche Wort Schulze. Gehen wir zurück ins Althochdeutsche, so finden wir dafür das Wort sculdheizo. Das war der Mann, zu dem man im Dorfe ging, daß er einem sagte, was man für eine Schuld habe, der einen aufmerksam machte, wenn man etwas ausgefressen hat. Der Mann, der zu entscheiden, zu heißen hat, was man für eine Schuld habe, der sculdheizo, Schuld-heißer, das ist der Schulze geworden. Ich will diese Beispiele einmal hinstellen, damit Sie mir folgen können, wie der Gang der sich fortentwickelnden Sprache ist.
[ 7 ] Man kann nach dieser Richtung auch noch etwas anderes beobachten. Nehmen wir einmal etwas an, was im Dialekt leicht noch vorkommt. In Wien zum Beispiel hat sich ja manches Dialektische reiner erhalten als in Norddeutschland, wo die Abstraktion früh Platz gegriffen hat. Und dies geht zurück bis in die primitive Kultur, die bis ins 10. Jahrhundert hineinreicht. In die nordische Kultur hat sich das nicht eingeschoben, was in süddeutschen Gegenden erhalten geblieben ist an sprachbildendem Genius, dem man noch vielfach anmerkt, wie alte Formen des Sprachwirkens in ihm auftreten. So gibt es zum Beispiel ein anschauliches Wort in Wien, das heißt der Hallodri. Das ist einer, der gern Unfug treibt, der viel Schwierigkeiten macht, der sich unter Umständen Ausschweifungen, wenn auch nicht gerade außerordentlich bedenklichen, hingibt. Das Hallo weist hin auf das, was er tut; dann auf sein Gebaren weist die Endsilbe ri hin. Dieses ri ist noch ein dialektischer Überrest von dem althochdeutschen ari, das zum mittelhochdeutschen aere geworden ist, und das sich ganz abgeschwächt hat im Neuhochdeutschen in die Endsilbe er. Nehmen Sie also zum Beispiel ein althochdeutsches Wort: wahtari. Da haben Sie auch diese Silbe, haben das, was man im österreichischen Dialekt in dem Hallodri empfindet. Dieses Auftreten im Leben mit irgend etwas, das liegt in der Endsilbe ari, und wath ist das Wachen. Derjenige, der es mit dem Amt des Wachens so macht, das ist der wathari; im Mittelhochdeutschen wird es wahtaere, also noch mit voller Endsilbe; im Neuhochdeutschen ist es Wächter. Es ist zur Silbe er geworden, der man nurmehr wenig anfühlt von dem, was man bei dem ari empfunden hat: das Hantieren mit der Sache. In allen Wörtern, die diese Endsilbe er haben, sollte man daher fühlen, wenn man sich wieder durchdringt mit dem, was aus alten Zeiten erhalten ist, dieses Hantieren mit einer Sache. Derjenige, der im Garten hantiert, ist der gartenaere, unser heutiger Gärtner. Sie sehen daraus, wie die Sprache bemüht ist, Klangvolles, ich möchte sagen, Musikalisches in Abstraktes allmählich umzuwandeln, bei dem nicht mehr der volle Inhalt des Klanges nachempfunden wird und namentlich nicht mehr im Zusammenhang mit dem vollen Inhalt der Vorstellung oder der Empfindung.
[ 8 ] Ein interessantes Beispiel ist das folgende: Sie kennen heute die Silbe ur in Ursache, Urwald, Urgroßvater und so weiter. Gehen wir etwa zwei Jahrtausende in unserer Sprachentwickelung zurück, so haben wir gotisch dieselbe Silbe als uz vorhanden; gehen wir ins Althochdeutsche zurück, also etwa ins Jahr 1000, so haben wir dieselbe Silbe als ar, ir, ur. Vor siebenhundert Jahren ist es noch immer ur und heute auch. Also verhältnismäßig früh hat sich diese Silbe umgewandelt. Nur bei Zeitwörtern hat sie sich abgeschwächt. Wir sagen zum Beispiel, indem wir dasjenige, was bekanntmacht, ausdrücken: Kunde. Wollen wir aber auf die erste Kunde hinweisen, auf diejenige, von der die andere Kunde ausgeht, so sagen wir Urkunde. Nun schwächt sich das ur für die Verben ab in er, so daß, wenn wir das Verbum kennen bilden, wir nicht sagen, wie es auch möglich wäre, urkennen, sondern erkennen; aber das er ist genau von demselben Bedeutungswert wie das ur in Urkunde. Wenn ich jemandem möglich mache, daß er irgend etwas tue, dann erlaube ich ihm irgend etwas; wenn ich das in einem bestimmten Falle zum Hauptwort mache, so wird daraus das Wort Urlaub, den ich ihm gebe durch mein Erlauben. Nun ist noch eine Bildung, die an alles das anklingt, außerordentlich interessant. Sie kennen das Wort: einen Acker urbar machen. Dieses urbar hängt auch mit beran zusammen, tragen machen. Urbar ist das ursprüngliche, das erste Tragenmachen eines Ackers. Sie haben da, ich möchte sagen, eine Bedeutungsanalogie in dem heute noch vorhandenen Wort ertragen. Wenn Sie heute sagen: Ertrag des Ackers —, dann ist dies dasselbe Wort wie das Urbarmachen des Ackers = das erste Erträgnis des Ackers. Und man hat ursprünglich das urbar auch dafür gebraucht, wenn man sagen wollte: den Acker so bearbeiten, daß er etwas tragen kann, zum Beispiel seinen Zins, seine Steuer.
[ 9 ] Das Studium der Vor- und Nachsilben, die in unseren Worten auftreten, ist überhaupt außerordentlich interessant. So haben wir zum Beispiel in zahlreichen Wörtern die Vorsilbe ge. Sie führt zurück auf ein gotisches ga. In diesem gotischen ga wurde noch durchaus das Zusammenziehende gefühlt; ga hat etwa die Gefühlsbedeutung des Zusammenziehens, Zusammenschiebens. Das wurde dann im Althochdeutschen gi und im Neuhochdeutschen eben ge. Wenn Sie dann das auf anderen Wegen gebildete Wort salle, selle, haben, und Sie setzen das ge voran, Geselle, so haben Sie einen Menschen, der mit einem anderen das gleiche Zimmer bewohnt oder im gleichen Saal mit ihm schläft: das ist dann der Geselle. Genosse ist derjenige, der mit dem anderen das gleiche genießt.
[ 10 ] Ich mache Sie hier schon aufmerksam auf das durch diese Beispiele charakteristisch Hindurchgehende. Man muß zum Wort in anderer Weise stehen, wenn man im Laute darinnen noch ein unmittelbares Gefühl hat von dem, was es bedeutet, als wenn man dies nicht mehr hat. Wenn man einfach ausspricht: Geselle, weil man sich von Kindheit an gemerkt hat, Geselle bedeutet dieses oder jenes, so ist es doch ein anderes, als wenn man dabei noch das Gefühl hat des Saales und bei Geselle eben diesen Zusammenhang des Saales mit zwei oder mehreren Menschen. Dieses Gefühlselement wird abgeworfen. Dadurch ist erst die Möglichkeit des Abstrahierens vorhanden.
[ 11 ] Nun haben Sie zum Beispiel in vielen unserer Worte die Nachsilbe lich: göttlich, freundlich. Wenn Sie dieses lich aufsuchen vor zweitausend Jahren, so haben Sie es im Gotischen als leiks. Aber dieses gotische leiks, das dann althochdeutsch lich wird, das ist urverwandt mit leich und auch mit leib; und ich habe Ihnen schon gesagt, daß leich-leib ausdrückt die Gestalt, die zurückgeblieben ist, wenn der Mensch gestorben ist. Leichnam ist eigentlich schon etwas wie eine tautologische Bildung, wie eine Bildung von der Art, wie sie etwa ein Kind bildet, wenn es zunächst zwei ganz gleichlautende Wörter hat und sie zusammenstellt: wau-wan, muh-muh, wobei in der Wiederholung die Bedeutung aufgestellt wird. Es können aber auch nichtgleiche Laute zusammengestellt werden; und solch eine Zusammenstellung haben Sie zum Beispiel im Worte Leichnam. Leich ist eigentlich schon die Gestalt, welche zurückbleibt, wenn der Mensch von dem Seelischen verlassen ist; nam führt aber zurück auf ham, und ham ist das Wort, das erhalten geblieben ist noch in Hemd und heißt Hülle; so daß Leichnam die Gestalten-Hülle, das Gestalten-Hemd ist, das wir abgeworfen haben nach dem Tode. Es sind also zwei ähnliche Dinge: Gestalt - und das etwas verschobene Hülle, zusammengestellt wie wauwau. Nun ist aber aus diesem leiks, leich unsere Nachsilbe lich gebildet. So daß Sie also sehen: wenn Sie das Wort göttlich bilden, so muß dieses auf eine Gestalt hindeuten; denn das lich ist leiks: Gestalt. Ich weise da auf eine Gestalt hin, die das Göttliche ausdrückt; also gottgestaltet würde göttlich sein. Das ist besonders interessant zum Beispiel zu beobachten, wenn wir das althochdeutsche Wort anagilih ins Auge fassen. Da haben wir noch drinnen eben das aus dem Gotischen stammende ana, und ana ist: nahezu, fast; gilih ist die Gestalt. Was also ähnlich ist, das ist dasjenige, was fast die Gestalt hat. Das wird also, wenn es ein neuhochdeutsches Wort wird, zu ähnlich.
[ 12 ] Gerade bei diesem Beispiel können Sie etwas studieren, was zunächst nicht rein sprachgeschichtlich, sondern, ich möchte sagen, sprachpsychologisch ist, weil es Ihnen noch zeigen kann, wie die Gefühlswerte in den Wörtern leben, wie aber diese Gefühlswerte allmählich im menschlichen Erfühlen sich loslösen, und dasjenige, was die Vorstellung noch verknüpft mit den Lauten, zu einem ganz abstrakten Element wird. Ich habe Ihnen die Vorsilbe ge, gotisch ga vorgeführt. Denken Sie also, man fühle das noch, dieses Zusammenwirken in ga, was jetzt ge wird, und man wendet das an auf die Gestalt, auf das leich; dann würde ich empfindungsgeschichtlich sagen: zusammenstimmende Gestalt. Es lebt darin, ohne daß es sich ausspricht. Geleich, gleich würde also sein: zusammenstimmende Gestalten, zusammenwirkende Gestalten, geleich = gleich.
[ 13 ] Betrachten Sie einmal ein Wort, das manche Geheimnisse enthüllt wir wollen es heute nur nach einer Seite hin betrachten -, betrachten Sie unser Wort Ungetüm. Dieses ä ist nur der Umlaut für ein ursprüngliches u: Ungetum; aber das tum, das wir da loslösen, geht zurück auf ein althochdeutsches tuorm, und dieses tuom hängt zusammen mit dem Worte tun: zustande bringen, machen, in ein Verhältnis bringen. In allen Wörtern, wo dieses tum zur Nachsilbe geworden ist, kann man eigentlich noch nachfühlen, daß da etwas von einem zusammenwirkenden Verhältnis enthalten ist: Königtum, Herzogtum, Ungetüm. Ungetüm ist dasjenige, wobei kein ordentlich zusammenwirkendes tum entsteht: das #2 negiert das Zusammenwirken; das getum wäre das Zusammenwirken selber.
[ 14 ] Zahlreiche Wörter haben wir, wie Sie wissen, mit der Nachsilbe ig: feurig, gelehrig und so weiter. Das geht zurück auf ein althochdeutsches ac oder auch ic, auf ein mittelhochdeutsches ag, ig, und das ist eigentlich die Wiedergabe von dem, was etwa eigenschaftswörtlich eigen heißt, es ist ihm eig. Wo also die Nachsilbe ig auftritt, da deutet sie auf ein eigen hin. Feurig = feuereigen, dem das Feuer eignet. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir also beobachten können, wie durch solche Zusammenziehungen und im Zusammenziehen erfolgende Umgestaltungen der Lautbestände der Abstraktionsprozeß erfolgt, den der Sprachgenius durchmacht.
[ 15 ] Man könnte das so ausdrücken: In sehr, sehr frühen Zeiten der Sprachentwickelung eines Volkes lehnt sich der Mensch mit seiner Empfindung ganz an den Laut an. Man möchte sagen: Die Sprache besteht eigentlich nur aus differenzierten, komplizierten Bildern in den konsonantischen Lauten, in denen man nachbildet äußere Vorgänge, und aus darinnen vorkommenden Interjektionen, Empfindungslauten in den vokalischen Bildungen. Nun schreitet der sprachbildende Prozeß fort. Der Mensch hebt sich gewissermaßen heraus aus diesem Miterleben, aus diesem empfindungsmäßigen Miterleben des Lautlichen. Was tut er denn da, indem er sich heraushebt? Er spricht ja noch immer; aber indem er spricht, wird das Sprechen in eine viel unterbewußtere Region hinuntergestoßen als das früher war, wo die Vorstellung, das Empfinden noch zusammenhing mit der Lautbildung. Es wird das Sprechen selbst in eine unterbewußte Region hinuntergeworfen. Das Bewußtsein sucht mittlerweile den Gedanken abzufangen. Beobachten Sie das wohl als einen Vorgang der Seele. Dadurch, daß man den Lautzusammenhang unbewußt macht, erhebt man sich mit dem Bewußtsein zu dem nicht mehr im Laut und Lautzusammenhang allein gefühlten Vorstellen und Empfinden. Man sucht also etwas zu erhaschen, worauf der Laut zwar noch deutet, was aber nicht mehr so innig wie früher mit dem Laut zusammenhängt. Solch einen Vorgang kann man auch dann noch beobachten, wenn das ursprüngliche, ich möchte sagen, Sich-Herausschälen aus den Lautzusammenhängen schon vorbei ist, und man dasselbe, was man früher mit Lautzusammenhängen gemacht hat, jetzt mit Wortzusammenhängen machen muß, weil schon Wörter entstanden sind, bei denen man nicht mehr den Lautzusammenhang voll fühlt, bei denen man schon mehr gedächtnismäßig den Lautzusammenhang mit dem Vorstellungszusammenhang hat. Man macht da auf einer höheren Stufe denselben Prozeß, den man früher mit Lauten und Silben gemacht hat, mit Wörtern durch.
[ 16 ] Nehmen Sie an, Sie wollten ausdrücken die menschlichen Wesen einer bestimmten Gegend, Sie wollten noch nicht fortschreiten zur völligen Abstraktion, so daß Sie zum Beispiel sagen würden: Die menschlichen Wesen Württembergs. Das würden Sie noch nicht sagen wollen, das würde noch zu abstrakt sein. Man hätte sich noch nicht aufgeschwungen, nehmen wir an, zu so starken Abstraktionen wie: Die Menschen Württembergs. Würde man dasselbe, was man da später durch dieses: Die Menschen Württembergs ausdrückt, abfangen wollen durch Konkreteres noch, dann würde man sagen: Die Bürger und Bauern Württembergs. Man sagt dieses, indem man dasjenige meint, was weder Bauer noch Bürger ist, oder beides, was aber gewissermaßen dazwischen schwebt. Um dieses abzufangen, was dazwischen schwebt, gebraucht man beide Wörter. Das wird insbesondere interessant und deutlich, wenn die beiden Wörter, die man gebraucht, um einen Begriff auszudrücken, den man dadurch bezeichnet, daß man sich ihm gleichsam von zwei Seiten nähert, wenn die beiden Wörter weiter voneinander abstehen, zum Beispiel, wenn man sagt: Land und Leute. Wenn man dieses sagt, dann liegt dasjenige, was man sagen will, dazwischen, und man nähert sich ihm. Oder: Wind und Wetter. Wenn Sie dieses sagen, so meinen Sie etwas, was Sie nicht durch ein Wort ausdrücken, was weder Wind noch Wetter ist, sondern was dazwischen liegt, was Sie aber einfassen, indem Sie Wind und Wetter gebrauchen.
[ 17 ] Nun ist es interessant, daß sich im Laufe der Sprachbildung solche Zusammenstellungen so ausdrücken, daß sie irgendwie alliterieren, assonieren oder dergleichen. Daraus ersehen Sie, daß das Lautempfinden, das Tonempfinden in diese Dinge doch noch hineinspielt. Und wer ein lebendiges Sprachgefühl hat, kann ja heute noch solche Dinge fortsetzen, kann durch Ähnlichlautendes dazwischenliegende Vorstellungen abfangen, für die man zunächst nicht das unmittelbare Wort hat. Nehmen Sie an zum Beispiel, ich will am Menschen ausdrücken so etwas wie sein Verhalten, wie es ihm habituell, wie es ihm wesenhaft eigen ist. Wenn ich Anstoß daran nehme, da bloß ein Wort zu gebrauchen, das den Menschen als ein passiv Lebendiges hinstellt — weil ich ihn in seinem wesenhaften Sich-Äußern, Sich-Offenbaren, nicht als passiv Lebendiges hinstellen, aber auch nicht bloß tätig hinstellen will, sondern die Tätigkeit ableiten will von seinem Wesen -, da kann ich nicht sagen: Die Seele eines Menschen lebt - das wäre mir zu passiv; ich kann auch nicht sagen: Die Seele des Menschen webt -, das wäre mir zu aktiv. Ich brauche etwas, was dazwischen ist, und sage heute noch: Die Seele lebt und webt. Aus dem sprachbildenden Genius heraus finden sich solche Dinge zahlreich. Denken Sie sich zum Beispiel, man will ausdrücken, was weder Sang noch Klang ist, so sagt man Sang und Klang. Oder man will beim mittelalterlichen Dichter ausdrücken, daß er den Ton und Text vorbringt, das wollte man oft ausdrücken, daß die Dichter Ton und Text vorbrachten, da konnte man nicht sagen: Sie ziehen herum und singen -, sondern: Sie ziehen herum und singen und sagen. Das, was sie eigentlich taten, das war ein Begriff, für den das Wort nicht da war. — Sehen Sie, solche Dinge, die sind nur, ich möchte sagen, die Spätlinge für das, was früher mit heute nicht mehr durchsichtigen Lautzusammenhängen geschehen ist. Wir bilden gewissermaßen mit Worten wie Sang und Klang, singen und sagen, noch Zusammenziehungen, die früher mit solchen Lautbeständen gemacht worden sind, welche noch den Zusammenhang hatten zwischen dem Lautbestand und dem Vorstellungs- oder Empfindungselement.
[ 18 ] Nehmen Sie zum Beispiel, um sich ein ganz Charakteristisches nach dieser Richtung vorzuführen, das Folgende: Wenn die alten Deutschen zusammenkamen und Gerichtstag hielten, dann nannten sie so einen Tag tagading. So etwas, was sie taten, das war ein ding. Heute haben wir noch Ding drehen. Ein ding ist dasjenige, was da geschah, wenn die alten Deutschen zusammen waren. Man nannte es tagading. Nun nehmen Sie die Vorsilbe ver; die weist immer darauf hin, daß etwas in die Entwickelung eintritt. Wenn also das, was auf dem Tageding geschah, in die Entwickelung eintritt, dann konnte man sagen: es wurde vertagedingt. Und dieses Wort ist so nach und nach zu unserem verteidigen geworden; mit etwas Bedeutungswandel ist unser verteidigen daraus geworden. Und so sehen Sie, wie hier noch im Lautbestand vertagedingen dasselbe sich vollzieht, was sich später durch die Wortbestände vollzieht.
[ 19 ] Da kommen wir dann nach und nach dazu, daß das Vorstellungsleben noch weiter abirrt von dem bloßen Lautleben. Nehmen Sie zum Beispiel so etwas wie das althochdeutsche alawari. Das würde die Bedeutung haben von: ganz wahr. Daraus ist unser Wort albern geworden. Denken Sie sich nun einmal, in welche Tiefen des Volksseelischen Sie hineinschauen, wenn Sie erblicken, daß etwas, das ursprünglich die Bedeutung hatte des Ganzwahren, wenn das albern wird, so wie wir heute das Wort albern empfinden. Da muß durchgehen die Anwendung des Wortes alawari durch, ich möchte sagen, Stämme, die das Auftreten des Menschen in der Eigenschaft des Ganzwahren als etwas Verächtliches finden, die sich dem Glauben hingeben, daß der Schlaue nicht alawar: ist. Dadurch überträgt sich die Empfindung: wer ganz wahr ist, ist kein Schlauer -, auf das, wofür ursprünglich eine ganz andere Empfindung angewendet worden ist; und so verschiebt sich die Bedeutung des ganz wahr in albern.
[ 20 ] Wir können, wenn wir den Bedeutungswandel studieren, tief hineinschauen in den sprachbildenden Genius im Zusammenhang mit dem Seelischen. Nehmen Sie zum Beispiel unser Wort Quecksilber: dies ist das bewegliche Metall. Dieses Queck ist ganz dasselbe Wort wie zum Beispiel, sagen wir in Quecke, das auch Beweglichkeit bedeutet, oder dasselbe Wort, das in erquicken drinnen ist. Dieser Lautzusammenhang: queck und quick — mit einer kleinen Lautverschiebung: keck -, der bedeutete ursprünglich: beweglich sein. Würde ich also von einem von Ihnen vor 500 Jahren gesagt haben: er ist ein kecker Mensch, so würde ich ausgedrückt haben: er ist ein beweglicher Mensch, der nicht auf seiner faulen Haut liegt, sondern der arbeitsam ist, der sich umtut. Durch Bedeutungswandel ist das zu dem heutigen Wort keck geworden. Da ist die Verseelischung zu gleicher Zeit der Weg zu einem sehr bedeutsamen Bedeutungswandel. So finden wir ein Wort, welches ursprünglich kähn im Kampfe ausdrückt. Wir brauchen nur etwa fünfhundert Jahre zurückzugehen, so heißt das Wort kühn im Kampfe: frech. Ein frecher Mensch im Sinne früherer Zeiten würde bedeuten: ein kühner Mensch, ein Mensch, der sich nicht scheut, im Kampfe gehörig aufzutreten. Hier haben Sie den Bedeutungswandel. Diese Bedeutungswandel, die lassen uns wirklich tief in das seelische Leben in seiner Entwickelung hineinschauen. Nehmen Sie das althochdeutsche diomuoti. Deo, dio bedeutet immer Knecht, muoti, was verwandt ist mit unserem Mut, aber früher eine andere Bedeutung hatte, ist heute nur wiederzugeben, wenn wir sagen: Gesinnung, die Art und Weise, gegen die Außenwelt oder gegen andere Menschen gestimmt zu sein. So können wir sagen: diomuoti hatte die Bedeutung von richtiger Knechtsgesinnung, die Gesinnung, die ein Knecht gegen seinen Herrn haben soll. Nun drang das Christentum ein. Die Mönche wollten den Menschen da etwas sagen, was sie haben sollten als die Gesinnung gegen Gott und gegen geistige Wesen. Sie konnten das, was sie ihnen da sagen wollten, nur dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie anknüpften an eine Empfindung, die man schon hatte für diese Knechtsgesinnung. So wurde dieses diomuoti nach und nach zur Demut. Die Demut der Religion ist ein Nachkomme der Knechtsgesinnung der alten germanischen Zeit. So geschehen die Bedeutungswandel.
[ 21 ] Überhaupt ist es gerade interessant, die Bedeutungswandlungen der Worte, oder besser Laut- und Silbenzusammenhänge, zu studieren, welche die Umänderungen der Bedeutung durch die Einführung des Christentums erfahren haben. Da ist manches vorgegangen, als das römische Priestertum das Christentum nach den nördlichen Gegenden gebracht hat, manches, das man eigentlich nur in seiner Urbedeutung äußerlich erkennt, wenn man auf den Bedeutungswandel der Worte sieht. Wenn in alten Zeiten, wo es noch kein Christentum gab, wo es aber ein ausgeprägtes Verhältnis gab des Herrischen zum Dienerischen, der Herr sagen wollte von irgendeinem Menschen, den er sich dienstbar, knechtbar gemacht hatte, den er erobert hatte: Der ist mir nätzlich, dann sagte er: der ist fromm, das ist ein frommer Mensch. Dieses Wort haben Sie heute nur noch in einem letzten Rest vorhanden - wo es gewissermaßen, um ein bißchen schalkhaft zu sein, an seine ursprüngliche Bedeutung: nützlich sein, erinnert —,in dem Ausdruck: zu Nutz und Frommen. Wenn man dieses sagt, dieses zu Nutz und Frommen, da ist zwar das Wort zusammengestellt mit dem Nutzen, mit dem es ursprünglich in der Wortbedeutung identisch war, aber da wird nur noch schalkhaft hingedeutet auf dieses Nützlichfinden. Der fromme Knecht war der, der einem möglichst viel nützt. Die römischen Priester haben auch gefunden, daß ihnen manche mehr, manche weniger nützen, und die Nützlichsten haben sie fromm genannt. Und so ist das Wort fromm auf einem merkwürdigen Wege gekommen, gerade durch die Einwanderung des Christentums von Rom aus. An Demut, an Frommsein und manchem anderen können Sie schon etwas studieren von den besonderen Impulsen, durch die das Christentum von Süden aus nach Norden getragen worden ist.
[ 22 ] Man muß schon auf das Seelische, das heißt, auf das innere Erleben eingehen, wenn man die Sprache verstehen will. Es ist durchaus das im Bilden der Worte vorhanden, was ich auf der einen Seite charakterisierte als das konsonantische Element, wenn man das nachbildet, was äußerer Vorgang ist, und auf der anderen Seite das Empfindende, das interjektive Element, wenn man seine Empfindungen in Anlehnung an das Äußere zum Ausdruck bringt. Nehmen wir ein ausgesprochen konsonantisches Wesen in der Sprachempfindung, in einem vorgerückten Stadium der Sprachentwickelung. Nehmen Sie an, man empfindet diese Form, die ich hier aufzeichne. Wenn der ursprüngliche Mensch diese Form empfand, da empfand er sie zweifach. Da empfand er sie, indem er von unten nach oben schaute, als das Eingedrückte. Das wurde allmählich zu einem solchen Lautbestand, der uns in dem Worte Bogen vorliegt. Wenn er von oben nach unten auf diese Form schaute — wie es äußerlich zum Beispiel besonders ausgedrückt werden kann dadurch, daß ich möglichst das aufbiege (es wird gezeichnet), da kommt das zustande, was ich von oben nach unten anschaue: dann wird es ein Bausch. Von unten nach oben ist es ein Bogen, von oben nach unten ein Bausch; in Bogen und in Bausch liegt noch etwas von der Empfindung drinnen. Will man dann das ausdrücken, was beides umfaßt, was gewissermaßen sich nicht mehr an die Empfindung anlehnt, sondern nach außen läuft, um den ganzen Vorgang auszudrükken, dann sagt man: in Bausch und Bogen. In Bausch und Bogen, imaginativ ausgedrückt, wäre das (Hinweis auf die Zeichnung) von oben und von unten gesehen. — Das kann man dann auch auf moralische Verhältnisse anwenden, wenn man mit jemandem ein Geschäft abschließt, so daß das, was sich ergibt, sowohl von innen wie von außen sich anschauen läßt: von innen angesehen ergibt es Gewinn, von außen angesehen das Gegenteil, Verlust. Wenn man mit jemandem ein Geschäft auf Gewinn und Verlust abschließt, so könnte man sagen: man schließt es in Bausch und Bogen ab, man nimmt nicht Rücksicht auf das, was unterschieden wird in der einzelnen Bezeichnung.
[ 23 ] Ich wollte Ihnen damit klarmachen, daß man durch das Verfolgen der Entwickelung der Lautbestände, aber auch der Wortbestände, Bilder hat von dem Entwickeln des volksseelischen Elementes, und Sie können, wenn Sie dieses Vorrücken von dem Konkreten des Lautlebens zu dem Abstrakten des Vorstellungslebens als Richtlinien verfolgen, vieles dann selbst finden. Sie brauchen nur ein gewöhnliches Lexikon aufzuschlagen oder Wörter aufzunehmen aus der Umgangssprache und sie mit solchen Richtlinien zu verfolgen. Für unsere Lehrerschaft sage ich noch insbesondere, daß es außerordentlich anregend ist, mitten im Erzählen einmal hinzuweisen auf solche sprachgeschichtliche Momente, weil sie manchmal tief aufklärend sein können und außerdem das Denken außerordentlich anregen. Aber man muß immer gefaßt sein, daß man natürlich da auf Holzwege abirren kann; daher muß man immer recht vorsichtig sein, denn die Worte machen ja mannigfaltige Metamorphosen durch, wie Sie jetzt gesehen haben. Also es kommt darauf an, daß man nicht gleich auf äußeren Ähnlichkeiten etwa Hypothesen aufstellt, sondern daß man ganz gewissenhaft vorgeht.
[ 24 ] Daß man gewissenhaft vorgehen muß, das können Sie an einem Beispiel sehen, das ich Ihnen auch noch vorführen möchte. Es gab ein ursprüngliches, recht ehrliches deutsches Wort, das hieß Beiwacht — wenn sich die Leute zusammensetzten und miteinander wachten -, Beiwacht, Zusammenwacht. Es ist das eins von denjenigen Worten, die nicht wie manche andere von Frankreich nach Deutschland gewandert sind, sondern es ist unversehens einmal nach Frankreich gewandert, wie auch das Wort guerre, Krieg, die Wirren. Beiwacht ist in alten Zeiten einmal nach Frankreich gewandert und ist da zu bivouac geworden. Und es ist wieder zurückgewandert mit den zahlreichen Wanderungen der westlichen Wörter, die herübergekommen sind nach dem 12. Jahrhundert; es ist wieder herübergewandert und ist Biwak geworden. Dies Wort ist ein ursprünglich deutsches, das aber zuerst nach Frankreich gewandert ist und wieder zurückgekommen ist. In der Zwischenzeit war es wenig gebraucht. Solche Dinge finden also auch statt, daß Wörter auswandern, es ihnen dann zu schwül wird in der fremden Atmosphäre und sie wieder heimkehren. Also, alle möglichen Verhältnisse finden da statt.
