The Renewal of the Pedagogical and Didactic Arts
through Spiritual Science
GA 301
28 April 1920, Basel
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The Renewal of Education, tr. Pusch, et. al.
6. Eurythmischer, musikalischer, Zeichen- und Sprachunterricht
6. Teaching Eurythmy, Music, Drawing, and Language
[ 1 ] Um einiges, was ich später ausführen will, zu illustrieren, gehe ich heute von einer Verhaltungsmaßregel aus, die ich in unserer Stuttgarter Waldorfschule versuchte. Nachdem ich dem Unterricht in den acht Klassen beigewohnt hatte und mich überzeugt hatte, wie unterrichtet wird, wurde ich in einer Lehrerkonferenz darauf aufmerksam, daß der eine oder der andere der Lehrer mit diesem oder jenem Kinde nicht fertig wurde, und daß im allgemeinen dem, was man gern in einer bestimmten Zeit erreichen wollte, aus diesem oder jenem Grunde eine gewisse Anzahl von Kindern in der Schule nicht folgen konnte. Ich habe mir dann die Liste dieser zurückbleibenden Kinder geben lassen und mir aufeinanderfolgend gerade die Kinder einer jeden einzelnen Klasse kommen lassen, die sich als solche Schwächlinge in der damals verlaufenen Zeit des Schuljahres ergeben haben. — Da ich mich nur während der Weihnachtsferien in Stuttgart aufhalten konnte, war dies nur durchzuführen, weil sowohl die Eltern als auch die Kinder unserer Waldorfschule außerordentlich willig waren. -Es handelte sich für mich dann namentlich darum, mit dem betreffenden Klassenlehrer zusammen festzustellen, um was es sich eigentlich psychologisch oder vielleicht auch physiologisch handeln könne. Bei einer solchen Prüfung der Schülerfähigkeit muß man — und das möchte ich zur Illustration des Folgenden sagen — von etwas tieferen Prinzipien ausgehen, als diejenigen sind, die man heute anzuwenden pflegt unter dem Einfluß der sogenannten experimentellen Psychologie, gegen die ich auch nichts vorbringen will, wenn sie in ihren Grenzen bleibt.
[ 1 ] To illustrate some things I will discuss later, I will begin today with a remedy I attempted at our Waldorf School in Stuttgart. After I had observed the teaching in the eighth grade, I mentioned in a faculty meeting how various teachers were unable to cope with some of the children. I also mentioned that what we want to accomplish in a particular period could not be accomplished by a certain number of the children due to that problem. I had the teachers prepare a list of children who were lagging behind, and then I met with each of the children from the various grades who appeared to be weak during the previous school year. Since it was possible for me to be in Stuttgart only during the Christmas holiday, these meetings were made possible by the extraordinary willingness of the parents and children at the school. It was important for me and the respective class teachers to determine what the problem with each child could have been, from either a physiological or psychological perspective. When testing the capabilities of students in this way, you need to start from somewhat deeper principles than those commonly used today that are derived from so-called experimental psychology. (But I do not want to say anything against this so long as it remains within its own boundaries.)
[ 2 ] Ich versuchte vor allen Dingen dies Prinzip zur Geltung zu bringen, daß man fehlerhafte Anlagen zuweilen prüfen muß an Dingen, die der eigentlichen Äußerung dieser fehlerhaften Anlagen sehr, sehr ferne liegen. Zum Beispiel nehmen wir den Fall: es stellte sich heraus, daß ein Kind, meinetwillen in der dritten Volksschulklasse, also ein acht- oder achteinhalbjähriges, wie es dort ist, durchaus nicht zu einer gewissen Aufmerksamkeit zu bringen ist. Wenn es aufmerkt, sagen wir, so kann man ihm etwas beibringen, das es übrigens vielleicht dann bald vergißt; aber es ist nicht möglich, das Kind in der richtigen Weise zu einem bestimmten Grade, zu einem wünschenswerten Grade von Aufmerksamkeit zu bringen.
[ 2 ] I attempted to show how it is possible to test insufficient capacities on things that actually lie very far from the capacity in question. For example, we can take the situation where a child in the third grade, for instance, that is, about eight or eight-and-a-half years old, is not sufficiently attentive. When the child is attentive, we can teach him or her something that he will most likely soon forget. It is, however, not possible to properly develop the desired level of attentiveness in that child.
[ 3 ] Nun nahm ich ein solches Kind vor. Wie gesagt, die Kinder sind dort sehr willig durch die ganze Haltung unserer Lehrerschaft, die ja in der Art vorbereitet ist, wie ich es Ihnen neulich charakterisierte. Ich nahm also ein solches Kind vor und versuchte zum Beispiel folgende Prüfung mit ihm. Ich sagte: Nimm einmal schnell deinen linken Unterarm mit deiner rechten Hand. Oder nachher zeichnete ich ihm den Umriß eines Ohres auf und fragte: Ist das ein linkes Ohr? Ist das ein rechtes Ohr? Oder ich zeichnete irgendeine geometrische Figur, die das Kind eigentlich gar nicht zu verstehen braucht, neben eine andere Figur, und versuchte herauszubekommen, ob das Kind eine Empfindung hat dafür, daß die eine Figur zu der anderen symmetrisch gestaltet ist, und wie lange das Kind braucht, um dies festzustellen, nicht nach irgendeiner Uhr gemessen, sondern nach dem Gefühl gemessen.
[ 3 ] I examined one such child. As I said, the children there are very willing, because of the faculty’s general attitude, which was prepared in the way I characterized for you recently. I examined such a child and presented him with the following test. I said to the child, grasp the lower part of your left arm with your right hand. I also drew the outline of an ear and asked him if it was a left ear or a right ear. Then I drew some geometric figure that the child did not actually need to understand alongside another figure and attempted to determine whether the child had some feeling that the one figure was formed symmetrically to the other. I also attempted to determine how long the child needed, measured through a kind of feeling, not a watch.
[ 4 ] Auf diese Weise konnte man sehen, daß solch ein Kind eine schnellere oder langsamere Begabung hat für unmittelbare Lebenstatsachen. Nach einigen Monaten kam ich wiederum an die Schule, und da stellte sich heraus — einfach indem solche Dinge berücksichtigt worden sind, indem mitten in den Unterricht hinein ähnliche Fragen an das betreffende Kind gestellt worden sind, daß zwei-, drei-, viermal so etwas mit ihm gemacht wurde -, daß schon eine gewisse Wirkung auf das Kind erzielt worden war. Eine gewisse Wirkung hat es nämlich immer auf das Kind, wenn man versucht vom Bildlichen auszugehen, aber von solchem Bildlichen, das sich an die eigene Körperlichkeit, an die eigene Leiblichkeit anknüpft, also nicht von etwas Bildlichem bloß auszugehen, das das Kind anschaut, das außer dem Kinde ist, sondern von dem Bilde auszugehen: erfasse mit der rechten Hand deinen linken Unterarm, oder dergleichen.
[ 4 ] In this way we could see whether a child was quick or slow in regard to things with a direct connection to life. After a few months, I returned to the school. In the intervening time, such things had been taken into account and right in the middle of class similar questions were asked of this same child. This had been done two, three, or four times. When I returned, it was apparent that they had had a certain effect upon him. When you begin with pictures, that always has an effect upon the child, but particularly when you use such pictures that are connected with the child’s own body and not those that the child simply views, which lie outside him. Pictures such as “grasp your left arm with your right hand” are particularly effective.
[ 5 ] Diese Bildlichkeit, wo das Kind sich selbst in das Bild hineinstellen muß, das ist etwas, was dann fortdauernd auf das Kind wirkt. Wer mit Geisteswissenschaft nicht bekannt ist, kann nicht in der richtigen Weise die ganze Impression, den ganzen Eindruck, den ein solches Bild auf das Kind macht, von einem anderen, mehr abstrakten Bild, das nur äußerlich angeschaut wird, unterscheiden. Wir unterschätzen nämlich, wenn wir nicht von Geisteswissenschaft ausgehen, den Einfluß, den auf die ganze Entwickelung eines Kindes die Zeit hat, die das Kind verschläft. Es wird viel zu wenig in der Menschenbeobachtung ins Auge gefaßt, welch ein Geschehen vor sich geht vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Nicht wahr, innerhalb unserer materialistischen Weltanschauung, in unserer praktischen Empfindung sind wir doch mehr oder weniger gedrängt dazu, wenn wir es auch bestreiten wollten, das Geistig-Seelische wie unmittelbar aus dem Körperlich-Physischen her sich ergebend anzusehen. Dadurch werden wir niemals darauf aufmerksam, daß tatsächlich während des Wachens vom Aufwachen bis zum Einschlafen wir es zu tun haben mit einem Zusammensein des Geistig-Seelischen mit dem physischen Menschen und daß wir es dagegen zu tun haben vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit einem ganz anderen Wesen, das da im Bette liegt. Dieses Wesen, das da im Bette liegt, ist eigentlich seines höheren Geistig-Seelischen beraubt, und dieses Geistig-Seelische führt ein außerkörperliches Dasein vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Aber wenn dieses Geistig-Seelische sein Bewußtsein auch erhält durch die Körperlichkeit — unser Körper ist notwendig, damit wir von unserem Seeleninhalte ein Bewußtsein haben -, so ist unsere Körperlichkeit nicht notwendig, um diesen Seeleninhalt zu erleben. Es geht in dem Seeleninhalt fortwährend etwas vor in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und das, was da vorgeht, das kann man ja allerdings nur studieren mit Hilfe von geisteswissenschaftlichen Untersuchungen. Da stellt es sich dann heraus, daß nur das Bildhafte, das heißt das, was entsprechende Gefühle erweckt, in unser Seelisches eingeht, und daß alles das, was wir nur an abstrakten Begriffen aufnehmen, was wir aufnehmen an unanschaulichen, unbeweglichen Begriffen, nicht an uns arbeitet vom Einschlafen bis zum Aufwachen, gar nicht eingeht in unmittelbarer Weise in unser Seelisches.
[ 5 ] Illustrative teaching, where the child is directly placed in the picture, has a lasting effect. Those who are unacquainted with spiritual science will not be able to properly differentiate between the impression made upon a child by such a picture from the impression made by a more abstract, more externally viewed picture. If we do not begin from the perspective of spiritual science, we underestimate the influence it has upon the entire development of the child, particularly during the time when the child is sleeping. Much too little attention is paid to what occurs during the period from falling asleep until awakening. It is certainly true that within our materialistic view of the world and in our practical understanding we are more or less forced to see the spirit-soul as something that directly results from the physical body, even though we may deny this. We are therefore never aware that during the period of wakefulness, from awakening until falling asleep, we work with a connection of the spirit-soul with the physical human being and, in contrast, during the period from falling asleep until awakening, quite a different being is lying there in bed. That being lying there in bed has actually been robbed of its higher spirit-soul aspect, and that spirit-soul exists outside the physical body during sleep. Even though the spirit-soul receives its consciousness through physicality—that is, the physical body is necessary for us to be aware of the content of our soul—the physical body is not necessary in order for us to experience that content. There is continual activity in the content of the soul during the period from falling asleep until awakening, and what occurs there can be studied only with the help of spiritual-scientific research. Through such research, it is apparent that we take into our soul only what we receive pictorially, that is, only what awakens corresponding feelings. Everything we receive as mere abstract concepts—things we learn as unpictured, unmovable concepts—does not work within us during the period of sleep. It does not directly enter our souls.
[ 6 ] In gesunder Weise beim Kinde geht das Bildhafte nur ein, wenn es in irgendeiner Weise an die eigene Körperlichkeit gebunden ist, wenn die eigene Körperlichkeit damit verknüpft ist. Auf solch feine Unterschiede im Leben kommt außerordentlich viel an für eine Grundlegung der pädagogischen Kunst. Wir müssen geradezu rechnen lernen mit der Mitwirkung des Geistig-Seelischen in dem Zustande, den der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen durchmacht. Lernen wir das nicht kennen, dann werden wir im Grunde genommen doch recht wenig für das spätere Leben durch die Schulzeit oder überhaupt durch die Erziehungszeit erreichen.
[ 6 ] A child learns things presented pictorially in a healthy way only when they are in some way connected with the child’s own physical body. The basis of education is extraordinarily dependent upon such subtle differences in life. We need to take into account the activity of the spirit-soul during that state in which human beings live from falling asleep until awakening. If we do not learn to recognize that, we will achieve very little during school or through education in general for the child’s later life.
[ 7 ] Aber erst dadurch, daß wir diese zwei Glieder der menschlichen Wesenheit zusammen schauen, indem wir es mit dem Kinde zu tun haben, erst dadurch werden wir aufmerksam darauf, wie sich in dem Kinde zusammensetzt dasjenige, was es scheinbar als eine ganz einheitliche Tätigkeit vollbringt. Wir müssen uns nämlich durchaus klar werden darüber, daß, wenn wir versuchen, irgend etwas an das Kind rein intellektualistisch heranzubringen, daß wir dann unter Umständen gerade bei dem einen oder bei dem anderen Kinde versagen. Wenn wir uns bemühen, dasjenige, was fehlt, also zum Beispiel die schnell sich erfassende Aufmerksamkeitskraft durch solches Bildliche zu unterstützen, dann bringen wir an das Kind etwas heran, was es vielleicht gerade im einzelnen Falle braucht.
[ 7 ] Only when we look at these two aspects of human nature will we become aware of what it is within a child that appears to bring about a unified activity. We need to be completely clear that when we attempt to teach a child something from a purely intellectual perspective, we can, at least under some circumstances, completely fail with some children. If, on the other hand, we attempt to support something that is missing in the child, through pictorial instruction, for example, a quick comprehension, then we can give the child something that is, perhaps, just what is needed in a specific case.
[ 8 ] Wenn man es aus den sozialen Verhältnissen heraus notgedrungen mit einer größeren Schülerzahl zu tun hat, kann man bei gutem Willen selbst bei großen Klassen dann in einer gewissen beschränkten Weise individualisieren — indem man zum Beispiel Schwächlinge herausnimmt und aufmerksam zu werden versucht auf dasjenige, was ihnen fehlt und was durch vielleicht fernliegende Kleinigkeiten abgeändert werden kann. Das hier Charakterisierte möchte ich allerdings nicht als mustergültig hinstellen, aber das Mustergültige muß in dieser Richtung liegen. Das Wesentliche ist, daß man durch ein solches Studium des kindlichen Lebens es dahin bringt, zu begreifen, wie scheinbar ganz einheitliche Tätigkeiten in der menschlichen Natur sich aus einer Zweiheit heraus ergeben, und das muß man beachten.
[ 8 ] Even when we are forced by social conditions to work with a large number of students in the class, we can to a certain extent relate individually and with goodwill. For example, we can find the weaker children and give some attention to attempting to help them through details that sometimes appear unrelated. I do not want to suggest that what I have described here is the ideal; nevertheless the ideal does lie in that direction. Through such a study of a child’s life, you begin to comprehend how activities within human nature that appear quite unified are the result of a duality that we must respect.
[ 9 ] Ich habe vorgestern hier entwickelt, wie der Schreibunterricht ausgehen soll von dem Zeichenunterricht, vielleicht sogar von einem einfachen Malunterricht, der aber dann dienen wird für manches andere noch, das ich erwähnen werde. Ich habe in der Waldorfschule überhaupt den Versuch gemacht, und es scheint mir, daß schon gewisse Beweise für das Gelingen nach kurzer Zeit vorhanden sind, bei den kleinsten Kindern gerade überall von einer Art Künstlerischem auszugehen. Unsere Kinder in der Waldorfschule, die kleinsten, werden eigentlich schulmäßig kaum zwei Stunden des Tages in Anspruch genommen. Eine für die heutigen Verhältnisse große Zeit wird verwendet, damit gleich die Kleinsten fremdsprachlichen Unterricht erlernen. Und es ist — ich weiß, wie viele Vorurteile dagegen sind — von einer ungeheuer tiefgehenden Wirkung in bezug auf das Lebendig- und AufmerksamWerden der Kinder, in bezug auf das Wachwerden der Seelen, wenn man versucht, ohne irgendwelche grammatische Pedanterie, bloß in einer Art sachlichen Konversierens, fremdsprachlichen Unterricht gerade an kleine Kinder heranzubringen. Französischen und englischen Unterricht bekommen unsere Kinder sofort, wenn sie in die Schule hereinkommen. Darauf wird eine größere Zeit verwendet als es sonst üblich ist. Das Weitere, und zwar der Nachmittagsunterricht, besteht fast nur darinnen, daß wir Musikalisches treiben. Dem eigentlichen Schulunterricht fügen wir aber schon das ein, was ich die zeichnerische Grundlage für das Schreiben nenne. Also die Kleinsten werden vor allen Dingen in der Weise zum Zeichnen angeleitet, wie ich es nachher charakterisieren werde. Den Nachmittag, mit Ausnahme von ein paar Religionsstunden, welche die Pastoren, die Geistlichen erteilen, wo man sich richten muß nach der Zeit, verwenden wir fast ausschließlich dazu, körperliche Übungen zu machen und Gesanglich-Musikalisches zu treiben. Da sieht man gerade, wenn man bei den Kleinsten gleich so anfängt, daß man wirklich den ganzen Menschen erfassen kann mit dieser Art der künstlerischen Grundlegung des ganzen Unterrichtes.
[ 9 ] The day before yesterday I showed how instruction in writing should be developed from instruction in drawing, or perhaps, from simple instruction in painting. That instruction will also serve for many other things I will mention. In the Waldorf School, I have generally made the attempt—and I believe there are certain indications that it was relatively successful after a short period of time—to begin with artistic activities even with the youngest children. Our youngest children in the Waldorf School are actually only occupied with school subjects for two hours a day. A relatively large period of time is spent with the younger children in teaching foreign languages. Although I am aware of the prejudices against this, there is a tremendously deep effect in regard to the children’s liveliness and attentiveness, that is, in regard to the awakening of their souls, when you attempt to teach foreign languages to young children without any grammatical pedantry, simply through speaking. Our children begin to learn French and English as soon as they enter school. In doing so, we use more time than is usual. The instruction in the afternoons consists almost only of music. We include in the normal school instruction what I have referred to as a drawing-basis for writing. Thus the younger children are primarily taught drawing in the way that I will describe later. Exception for a few hours in which the pastors and spiritual leaders provide religious instruction and where we need to work according to their schedule, afternoons are used almost exclusively for physical exercises and singing and music. When you begin in this way with the youngest children, you can see how you can include really the entire human being with this kind of artistic foundation of instruction.
[ 10 ] Durch das Musikalische werden vor allen Dingen die Kinder verinnerlicht. Nun haben wir die körperlichen Übungen so eingeteilt, daß wir teilen zwischen dem bloßen physiologischen Turnen und demjenigen, was wir die Eurythmie nennen. Dasjenige, was wir die Eurythmie nennen — Eurythmie kommt auch vom künstlerischen Standpunkte aus in Betracht, aber das werde ich ein anderes Mal auseinandersetzen, könnte ich vom pädagogisch-didaktischen Standpunkte nennen ein beseeltes Turnen. Das wird hinzugefügt zu dem bloßen physiologischen Turnen. Sehen Sie, das bloße physiologische Turnen — womit ich das Turnen meine, wie es heute getrieben wird —, das geht doch mehr oder weniger, wenn man es auch leugnet, von einem Studium der menschlichen Körperlichkeit aus. Gewiß, ich weiß, daß dagegen sich manches einwenden läßt. Aber im ganzen denkt man doch nur auch bei dem, was man Durchseelung des Turnunterrichts nennen könnte — die heutige Naturwissenschaft gibt ja auch keinen Anlaß mehr zu denken -, doch nur eigentlich an das Physiologische oder höchstens an das Psychologische. Die Eurythmie unterscheidet sich von dem dadurch, daß jede Bewegung, die das Kind macht, beseelt ist, daß jede Bewegung nicht nur eine körperliche Bewegung ist, sondern daß jede Bewegung ebenso der Ausdruck eines Seelischen ist, wie der Sprachlaut der Ausdruck eines Seelischen ist.
[ 10 ] The children have primarily an inner experience through the musical instruction. We have divided the physical exercises in such a way that we alternate between simply physiological gymnastics and what we call eurythmy.1 What we call eurythmy is, from a pedagogical perspective, something we could call “ensouled gymnastics.” We could also look at eurythmy from an artistic perspective, but I will discuss that at another time. Eurythmy is added to the normal physiological gymnastics. Physiological gymnastics, by which I mean gymnastics as they are normally done today, start more or less from a study of the human body (even though people deny this). In general, even in regard to an “ensoulment of gymnastics,” we actually are only concerned with the physiological or, at best, the psychological aspects, as modern science gives no reason for thinking of anything more. Eurythmy differs from that in that each movement the child makes is ensouled. Each movement is not simply a physical movement; it is at the same time an expression of the soul in just the way that the spoken word is an expression of the soul.
[ 11 ] Da hat sich allerdings herausgestellt, daß wirklich durch die ganzen 280 Kinder hindurch, die wir in der Waldorfschule in acht Klassen haben, daß drei diesen Unterricht nicht mitmachen wollten. Sie wollten ihn nicht. Die anderen haben die größte Freude daran. Ging man der Sache nach, so fand man, daß diese drei die aktive Betätigung nicht liebten. Sie sind zu faul dazu; sie wollen lieber Bewegungen machen, die den Menschen bloß passiv in Anspruch nehmen. Sie wollen nicht hineingießen in die Bewegung dieses Durchseeltsein der Bewegung.
[ 11 ] We have found that among the entire 280 children that we have in eight classes in the Waldorf School, only three do not wish to participate in this instruction. They did not want to do it at all, whereas the others enjoy it a great deal. When we looked into this, we discovered that these three did not at all like any physical activity. They were simply too lazy. They preferred more passive activities. They did not want to pour themselves into this ensouled movement.
[ 12 ] Eurythmie läuft zuletzt darauf hinaus, daß man, wenn man sie versteht, eurythmisierend, von Eurythmie ablesen kann genau ebenso ein Wort, einen Satz, wie durch die bloße Lautsprache. Es ist Eurythmie entstanden dadurch, daß — wenn ich den Goetheschen Ausdruck gebrauchen darf — durch sinnlich-übersinnliches Schauen die Bewegungstendenzen des Kehlkopfes, des Gaumens, der Lippen studiert sind, und daß nach dem Goetheschen Metamorphosenprinzip die Bewegung eines Organs übertragen ist auf den ganzen Menschen. Bei Goethe herrschte die Anschauung, daß die ganze Pflanze nur ein kompliziertes Blatt sei. Wir sagen: Alles das, was der Mensch an Bewegungen nach seinem Willen vollziehen kann, ist ein Nachbilden dessen, was nicht die wirklichen Bewegungen, aber die Bewegungstendenzen sind in den Sprachorganen, so daß immer der ganze Mensch zu einem lebendig bewegten Kehlkopfe wird.
[ 12 ] In the end, eurythmy is such,when you understand it, that you can read it in just the same way as you can read words and sentences. If I may use a Goethean expression, eurythmy developed through a sense-perceptible and supersensible observation of the tendencies in the movement of the larynx, gums, and lips, and then applying the Goethean principle of metamorphosis2 to transfer the movement of those organs to the entire human being. Goethe’s view was that an entire plant is only a more complicated leaf. What I mean here is that everything that a human being does in movement according to her will is a reflection not of the actual movements, but of the tendencies of those movements found in the organs of speech, so that the entire human being becomes a lively, moving larynx.
[ 13 ] Das ist etwas, was ungeheuer selbstverständlich auf die kindliche Natur wirkt; denn man muß nur bedenken, daß das Sprechen in Lauten ein Lokalisieren der menschlichen Gesamttätigkeit ist. Es fließt zusammen in dem Sprechen die Vorstellungstätigkeit und die Willenstätigkeit, und indem sie sich begegnen, werden sie Gefühlstätigkeit, Vorstellungstätigkeit und Willenstätigkeit. Die vorstellende Tätigkeit, die in unseren zivilisierten Sprachen zum größten Teile eine sehr abstrakte ist, die wird nun gelassen bei der Eurythmie, und es fließt alles aus dem ganzen Menschen aus dem Willen heraus, so daß der Wille eigentlich bei der Eurythmie in Anspruch genommen wird. Eurythmie ist das Gegenteil vom Träumen. Träumen bringt den Menschen in das Erleben der Vorstellungswelt. Er liegt ruhig da, und die Bewegungen, die er sich vorstellt, die sind nicht in Wirklichkeit da. Er mag große Landpartien unternehmen im 'Traume — er bewegt sich in der Wirklichkeit nicht. Das ist alles in seiner Vorstellung vorhanden. Bei der Eurythmie ist das Umgekehrte da. Beim Traum ist der Mensch halb eingeschlafen, bei der Eurythmie stärker aufgewacht, als er im gewöhnlichen Leben aufgewacht ist. Er führt dasjenige aus, was gerade im 'Traume unterschlagen wird; er unterdrückt dasjenige, was im Traume die Hauptsache ist; er führt für alles, was Vorstellen ist, zugleich eine Bewegung aus. Diese Aktivität, sie paßt allerdings manchen Kindern nicht. Also, ich bin fest überzeugt davon, und ich muß sagen, die kurze Zeit, in der wir in dieser Weise die sonst für das Turnen vorgeschriebene Zeit zwischen Turnen und Eurythmie teilen, sie hat mich doch schon überzeugt davon - natürlich dem Grade nach, die Sache muß erst weiter ausgeprüft werden -, daß das bloße physiologische Turnen gewiß diejenigen Dinge teilweise erreicht, die man anstrebt, aber es trägt dieses physiologische Turnen nichts bei zu der Stärkung der von der Seele ausgehenden Willensinitiative, höchstens indirekt, dadurch, daß man lernt, gewisse körperliche Ungeschicklichkeiten leichter zu überwinden. Aber in positiver Weise trägt das bloße physiologische Turnen nichts zur Willensinitiative bei. Und ich kann nicht anders, als dieser Frage auch eine große soziale Bedeutung beilegen.
[ 13 ] Eurythmy has an enormous effect upon the nature of the child. We need only recall that speaking is simply a localization of the entire activity of a human being. In speaking, the activities of thinking and will come together. In encountering one another, they also become an activity of feeling. The intellectual activity, which in our civilized language is very abstract, is left out in eurythmy so that everything flows out of the human will. Thus the will is what is actually utilized in eurythmy. Eurythmy is the opposite of dreaming. Dreaming brings human beings into experiencing the world of thought. People simply lie there and the movements that they imagine do not actually exist. They may travel through a large area of land, but in reality they do not move. All this is only present in the person’s imagination. In eurythmy, it is just the opposite. In dreaming a human being is half asleep, whereas in eurythmy a person is more fully awake than he or she is during normal wakeful life. In eurythmy, a person does just what is left out in dreams and suppresses what is the main aspect of dreaming. Thus each thought is immediately carried out as a movement. For many children, this activity is not always what they want to do. I am convinced that while simple physiological gymnastics achieves its intended effects, it does nothing to strengthen those activities of the will that begin in the soul, or at best it strengthens them indirectly in that people more easily overcome a certain physical clumsiness. However, simple physiological gymnastics does not actually do anything to strengthen the will. This is a conviction that I have from the short time in which we have divided the required time for gymnastics between normal gymnastics and eurythmy. Of course, this is a question that must be considered further. Nevertheless I believe it has major social significance.
[ 14 ] Sehen Sie, ich frage mich heute: Woher kommt es denn, daß wir, trotzdem wir durch die Not der letzten Jahre gegangen sind, heute vor einer Menschheit stehen, welche so wenig Verständnis hat für die um sich greifende Willenslähmung? Diejenigen, die hier in der Schweiz leben und niemals sich zum Beispiel Gegenden anschauen, wie man sie heute in Deutschland finden kann, die haben doch kein rechtes Verständnis für eine solche Erscheinung. Sie werden dieses Verständnis in fünf bis sechs Jahren oder vielleicht etwas später erwerben; denn dasjenige, was sich in einzelnen Gegenden Europas ergibt, wenn nicht Remedur geschaffen wird, wird sich über ganz Europa verbreiten —- man hat in Gegenden, die noch wenig davon betroffen sind, keine Vorstellung davon, wie gelähmt gerade der seelische Wille zum Beispiel der mitteleuropäischen Bevölkerung ist. Das ist etwas Furchtbares. Wenn man sich Mühe gegeben hat, durch Wochen und Monate die Leute auf das oder jenes hinzuweisen und man dann mit dem einen oder anderen spricht hinterher, sagt er: Das mag ja alles recht sein, aber es ist schon alles ganz gleich! Das ist eine Rede, die ich oft und oft gehört habe im Verlaufe eines Jahres. Und ich kann nicht anders - ich habe mir viel Mühe gegeben, auf die Gründe für solche Dinge zu kommen - als auch das als eine Folge der großen Lobhudelei — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf, ich bitte aber, daß Sie mir ihn nicht übelnehmen - des bloßen physiologischen Turnens anzusehen. Das stärkt nicht die Initiative des Willens! Die Initiative des Willens wird gestärkt, wenn man Bewegungen ausführt als Kind, wo jede einzelne Bewegung eine seelische zu gleicher Zeit ist, wo Seele sich hineingießt in jede einzelne Bewegung.
[ 14 ] I ask myself today how it is that, in spite of the suffering we have gone through in the past years, we are confronted with a humanity that has so little understanding of how the will has been crippled. Those of you who live here in Switzerland and have never seen, for example, such areas as we find in Germany today do not have any real understanding of what this means. You will only gain such an understanding in five or six years, or perhaps later. What is now occurring in some areas will, if some redress is not found, spread through Europe. In those areas that have not yet been affected there is little idea of how crippled the will is in the Central European population. This is something terrible. You can expend much effort over weeks or months in pointing out to people one thing or another, and then when you speak with someone later, they tell you that may all be correct what you have said, but it doesn’t matter. That is a statement I have often heard in the course of a year. I have put much effort into finding the foundation of such things, but I can find no other reason than that they are the result of excessive praise of physiological gymnastics. That does not strengthen the will. The will is strengthened when, as a child, you carry out movements where each movement is at the same time connected with the soul, so that the soul pours itself into each individual movement.
[ 15 ] Wenn man in dieser Weise versucht, künstlerisch und -— wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf — künstlerisch-menschlich an die Dinge heranzukommen, da sieht man, was gerade die jüngsten Kinder von einer solchen künstlerischen Führung des Unterrichts in Wirklichkeit haben. Durch dasjenige, was sie als beseeltes Turnen durchmachen — das kann man ganz deutlich sehen —, wächst ihr Interesse für die Außenwelt. Es ergibt sich als eine ganz notwendige Folge, daß das Interesse für die Außenwelt wächst. — Herman Grimm, der Kunsthistoriker, hat mir in verschiedenen Gesprächen seine Verzweiflung darüber ausgesprochen, daß die Gymnasiasten, die an die Universität kommen und denen er Kunstgeschichte vortragen sollte, bei der Vorführung eines Bildes von Raffael nicht unterscheiden konnten, welche Gestalten hinten und welche vorne stehen, daß sie gar nicht den geringsten Begriff haben von irgend etwas, was im Hintergrunde, im Vordergrunde ist. Herman Grimm sagte mir oft: Ich bin ganz verzweifelt, wenn ich diese Schüler bekomme und ihnen dann Kunstgeschichte vortragen soll. — Bei solchen Kindern, die nun in den ersten Jahren schon lernen, mit bewußtem Seelenleben ihre eigenen Bewegungen zu durchdringen, würde dies, wie ich glaube, ganz und gar nicht möglich sein. Sie bekommen ein solches Interesse für die Beobachtung der Außenwelt, daß das ganz erstaunlich ist. Zu dieser Kultur des Willens hat man in der entsprechenden Weise hinzuzufügen die Kultur der Innerlichkeit, die entsteht, wenn man richtiges Musikalisches und Gesangliches an die Kinder heranbringt. Und beides muß im Einklang gehalten werden. Wir haben, um diesen Einklang zu erreichen, eben den Versuch gemacht, daß der Gesangs-, der Eurythmie- und der Turnunterricht durch dieselbe Lehrkraft erteilt werden. Wenn man dieses versucht, so findet man, daß durch das Eurythmisch-Turnerische das Verhältnis zur Außenwelt in bezug namentlich auf das, was vom Willen ausgeht, gestärkt wird, mit Initiative durchdrungen wird, und daß vom Musikalischen in jeder Form ausgeht die gemüthafte Verinnerlichung. Das ist etwas, was außerordentlich bedeutsam ist. Dann aber, wenn man in dieser Weise versucht, das werdende Kind zu studieren, dann wird man eben aufmerksam, wie namentlich beim werdenden Kinde Dinge, die einheitlich zu sein scheinen, aus zwei Quellen des menschlichen Erlebens hervorgehen.
[ 15 ] If you attempt to approach things artistically, or perhaps we could say, artistically-humanly, then you will see what the youngest children in particular gain from such an artistic form of instruction. Through ensouled gymnastics, their interest for the external world grows. The growth of their interest for the external world is a necessary result. In various discussions, Herman Grimm,3 the art historian, told me about his frustrations with the gymnasts who came to the university and to whom he was to lecture about art history. When he presented them with a painting by Raphael,4they were unable to determine which figures were in front and which were toward the back. They hadn’t the least idea about what was in the foreground and what was in the background. Grimm often said to me that he was absolutely unsure of what to do with such students when he was to lecture to them about art history. I believe that children who in their early years of school do their exercises with awareness in their soul would not at all have this problem. They have an astonishing interest in observing the external world. In addition to this cultivation of will, we also need to cultivate inner reflection in a corresponding way through the proper teaching of music and singing. Both must be kept in balance. We have tried this harmony by having the same teacher teach singing, eurythmy, and gymnastics. If you try to do this, you will find that the relationship to the external world, something that arises from the will, is strengthened by eurythmy and gymnastics. It is permeated with a kind of initiative. You will also find that inner reflection with feeling is strengthened by music in all forms. This is extremely important. If you attempt to study the developing child in this way, then you will notice how particularly by developing things that appear to be unified actually arise out of two sources of human experience.
[ 16 ] Ich habe wirklich durch Jahrzehnte hindurch vor allen Dingen meine Aufmerksamkeit zugewendet dem primitiven Zeichnen der Kinder. Dem Zeichnen der Kinder kommt man nicht bei, wenn man versucht, die primitiven Formen, zu denen das Kind es bringt, bloß zu verfolgen, sondern um richtig zu verstehen, was eigentlich vorgeht in dem Kinde, indem es zeichnet, ist notwendig, daß man beobachtet Kinder, die aus irgendwelchen Umständen heraus schon mit dem 6., 7. Jahre Neigung haben zu zeichnen, dann wiederum, daß man beobachtet solche Kinder, welche durch irgendwelche Umstände nicht dazu kommen, vor dem 9., 10. Jahre zu zeichnen. Es ist ja nicht gut, daß es solche Kinder gibt, aber in unserem Leben hat es wirklich solche Kinder genügend zu beobachten gegeben. Es ist ein großer Unterschied in den Zeichnungen, die diejenigen hervorbringen, die etwa mit zehn Jahren zeichnen und noch niemals früher gezeichnet haben, gegenüber den Zeichnungen, die im 6., 7. oder im 8. Jahre hervorgebracht werden. Der Unterschied ist der, daß Kinder, welche im frühen kindlichen Alter irgendwie veranlaßt werden zu zeichnen — das wissen Sie ja alle, ich brauche das nur zu wiederholen -, in einer sehr primitiven Weise zeichnen. Sie zeichnen so, daß sie, sagen wir, einen Kopf zeichnen (es wird gezeichnet), Kopf, zwei Augen, einen Mund - sie zeichnen ja oftmals die Zähne - und dann gleich die Beine. Oder aber sie zeichnen: Kopf, sie zeichnen dann auch den Rumpf, machen da zwei Striche (für die Arme), und manchmal werden sie sich bewußt, daß dies noch etwas wie eine Hand hat oder dergleichen.
[ 16 ] I have studied the primitive drawings of children for decades. You will not understand children’s drawings if you attempt to simply follow the primitive forms in which children make them. In order to properly understand such drawings, which is actually a representation of what is occurring in the child while drawing, you need to observe children who for some reason or another at the age of six or seven have a talent for drawing as well as children who for whatever reason are unable to draw before the age of nine or ten. It is not good that there are such children, but there is certainly sufficient opportunity to observe them. There is a major difference in the drawings produced by those children around the age of ten who earlier could not draw at all when compared with those drawings made by children at the age of six, seven, or eight. The difference is that those children who at an early age draw something, this is certainly something you all know, those children draw in a very primitive way. They draw, for instance, a head like this [Steiner draws], a head, two eyes, and a mouth. They also often draw the teeth and the legs immediately below. Or they may draw a head, then the torso, make two lines here [for the arms], and sometimes they are aware that on the end of them they need a hand or something.
[ 17 ] Nun, solche Zeichnungen können Sie ja verfolgen. Es ist ja auch da in den pädagogischen Handbüchern außerordentlich reiches Material gesammelt. Nun handelt es sich aber darum, daß man solche Zeichnungen aus dem ganzen Wesen des Menschen heraus verstehen lernt. Das ist heute außerordentlich schwierig, weil wir im Grunde genommen nicht umfassende Kunstanschauungen haben, weil wir den ganzen Prozeß des künstlerischen Hervorbringens des Menschen nicht in der richtigen Weise erfassen. Unsere Kunstanschauung ist beeinflußt von dem künstlerischen Schaffen, wie es sich herausgebildet hat in der neueren Zeit. Und eigentlich wird ja erst in den allerletzten Jahren in oftmals recht unzulänglicher Weise Front gemacht gegen dasjenige, was sich da herausgebildet hat - in oftmals recht unzulänglicher Weise, das sage ich ausdrücklich. Denn im Grunde genommen hängt unser ganzes künstlerisches Hervorbringen in irgendeiner Weise am Modell, das heißt, an der äußeren Anschauung.
[ 17 ] You can certainly pursue such drawings, and there is also much such material collected in pedagogical references. What is important here, however, is that we learn to understand such drawings from the perspective of the entire nature of a human being. Today that is extremely difficult because we have no comprehensive view of art. This in turn is because we do not properly comprehend the process of how people create art. Our view of art has been influenced by the way artistic creation has developed in modern times. In the most recent years there has often developed a very insufficient opposition to what has developed. I am expressly using the term insufficient. Fundamentally, our entire artistic creation is connected in some way with a model, that is, with an external perspective.
[ 18 ] Ich habe wahrhaftig in meinem Leben viel Zeit zugebracht in Ateliers und habe gesehen, wie alles beim heutigen Künstler, namentlich beim Bildhauer, beim Maler, vom Modell abhängig ist. Das führt dann dazu, daß man zum Beispiel glaubt, daß auch die Griechen vom Modell in ihrem künstlerischen Schaffen abhängig waren, und doch ist dieses nicht der Fall. Es ist nicht der Fall. Wer richtig versteht so etwas wie, sei es meinetwillen die Laokoon-Gruppe, sei es irgendeine einzelne Figur — wir haben ja solche natürlich aus der späteren griechischen Kunstzeit —, aber wer sich wirklich hineinversenkt in diese Dinge, der wird doch nach und nach dazu kommen, einzusehen die Unabhängigkeit gerade des griechischen Künstlers vom Modell. Gewiß, der griechische Künstler konnte gut anschauen, und er konnte gut behalten das Bild. Aber das allein genügt eben nicht. Der griechische Künstler schuf namentlich als Plastiker so, daß er von dem Fühlen des Gliedes, von dem eigenen Fühlen und Empfinden des Gliedes und seiner Bewegung im künstlerischen Schaffen ausging, daß er zum Beispiel einen gebeugten Arm mit einer geballten Faust innerlich empfand, und dieses innerliche Empfinden, also nicht dasjenige, was er bloß mit dem Auge anschaute an dem äußeren Modell, gab er wieder, sondern dieses innerliche Empfinden, dieses Fühlen der menschlichen Gestalt, das prägte er dem Stoffe ein. Es ist tatsächlich dieses innerliche Erfühlen des Menschen seit der Griechenzeit der europäischen Zivilisation verlorengegangen. Und man muß erst studieren den Übergang vom Erfühlen des Menschen, von seiner organischen Selbsterkenntnis, die beim Griechen da war, die schließlich in jedem griechischen Gedicht steckt, die in jedem griechischen Drama steckt, wenn man sie nur finden will - man muß den Unterschied zwischen diesem Erfühlen, dieser organischen Selbsterkenntnis des Menschen, besser gesagt Selbstanschauung des Menschen oder Selbsterfühlung des Menschen, und dem, was entsteht durch anschauungslose Nachahmung des Angeschauten, durch das Bauen auf das Modell erkennen können. Und gewiß, es floß beim griechischen Künstler dasjenige, was er wollte, zusammen. Man hat es ja leicht, nicht wahr, indem man sagt: durch die olympischen Spiele und dergleichen konnte der Grieche die Formen übersehen. Gewiß, das trug auch dazu bei; aber das Wesentliche des künstlerischen Schaffens war dieses innerliche Erfühlen, das Organ-Erfühlen. Und so war er schaffend ganz stark unabhängig von dem Modell, das höchstens für ihn eine Art Vorwurf war, an den er sich äußerlich hielt, Das Wesentliche war bei ihm dieses innerliche Erfühlen, diese organische Selbsterkenntnis.
[ 18 ] I have spent a great deal of my life in art studios and have seen how everything that modern artists produce, that is, sculptors and painters, depends upon a model. This leads people to think, for example, that the Greeks also depended upon models for their artistic creation, yet that is not the case. Those who properly understand something like the Laocoön group, or some other such figure—those of course are from the later Greek period—those who really go into such things will slowly come to recognize the independence, particularly of Greek artists, from the model. Certainly Greek artists could see things well and retain them in a picture. However, that alone is insufficient. The Greek artist, particularly as a sculptor, created from the feeling of a limb, from their own feeling and perception of a limb and its movements. Thus in their artistic creations they inwardly felt, for example, a bent arm and a balled-up fist, and that inner feeling was not simply what they saw with their eyes in an external model. It was not the external model that was reproduced in a material, but that inner feeling, the feeling of the human form. It is in fact this inner feeling of the human being that has been lost to European civilization since the time of the Greeks. We need to study the transition from the feeling of the human being, from an organic self-recognition that existed with the Greeks and that in the end is contained in every Greek poem, in every Greek drama. We need to recognize the difference between that feeling, between the organic self-recognition, or, better, self-observation or self-feeling of a human being, and what occurs through a simple imitation of what is seen, through basing work upon a model. It is clear that the Greek artists were able to achieve what they wanted. It is easy to say that the Greeks gained an overview of forms through the Olympic Games and such things, and certainly that was of some help. However, the most important aspect of artistic creation was that inner feeling, the feeling organ. Thus the Greeks were in their artistic creations very independent of the model, something that for them was a kind of preliminary design, which they held to externally.
[ 19 ] Und ich muß sagen: sehe ich mir jetzt noch so primitive und schematische Zeichnungen eines Kindes an, so finde ich in jeder einen Zusammenfluß der kindlichen Anschauung und des kindlichen primitiven Sicherfühlens in den Organen. Man kann, ich möchte sagen, in jeder einzelnen Linie dieser kindlichen Zeichnungen auseinanderhalten: da versucht das Kind etwas aufzusetzen, was aus dem Auge stammt; da versucht es etwas hineinzusetzen, was aber bloß aus dem innerlichen Erfühlen stammt. Nehmen Sie sich eine ganze Anzahl von kindlichen Zeichnungen, versuchen Sie zu sehen, wie das Kind Arme und Beine zeichnet, dann werden Sie sehen, das stammt aus dem innerlichen Erfühlen; nehmen Sie an, wenn das Kind Profil zeichnet, das stammt aus dem Anschauen. Aus zwei Quellen des seelischen Lebens fließt das zusammen. Und die Sache wird interessant, wenn man dann Zeichnungen von Kindern nimmt, die bis zu einem gewissen Lebensalter nicht gezeichnet haben, die zeichnen mehr oder weniger eigentlich Intellekt. Die kleinen Kinder zeichnen nicht Intellekt, die zeichnen Erleben, primitive Anschauungen verquickt mit dem primitiven Organ-Erfühlen. Ich glaube, man kann immer unterscheiden, wenn das Kind den Mund hinzeichnet, so ist der Umriß des Mundes angeschaut, wenn es die Zähne macht, da ist das aus dem innerlichen Organ-Erfühlen in irgendeiner Weise genommen. Wenn Sie aber ein Kind, das erst anfängt im 9. oder 10. Jahre zu zeichnen, verfolgen in seinem Zeichnen, so werden Sie sehen, das macht eigentlich manchmal viel schönere expressionistische Sachen als die Expressionisten; das zeichnet, das malt hin unter Umständen sogar, besonders gern mit dem Buntstift, malt hin dasjenige, was es sich einbildet, was es sich ausgedacht hat. Es ist manchmal ganz. merkwürdig, wie Kinder irgend etwas, wovon man zunächst gar nicht weiß, was sie wollen, hinzeichnen und dann sagen: Das ist der Teufel, oder: Das ist ein Engel. Es sieht gar nicht irgendwie wie ein Engelwesen aus, aber das Kind sagt: Das ist ein Engel. Es malt seinen Intellekt, es malt das, was es sich eingebildet hat.
[ 19 ] When I look at the drawings of a child, as primitive and sketchy as they are, I can find in each of them a confluence of the child’s perspective and the child’s primitive feeling of himself in his organs. In every individual line of a child’s drawing, we can see how the child attempted to put down what originated in the eye and attempted also to put down those things that originate in inner feeling. If you take a large number of children’s drawings and attempt to see how children draw arms and legs, you will see that that originates from an inner feeling. When you look at how children draw profiles, you will see how that originates from viewing. The drawings thus originate from two separate sources. The situation is even more interesting when you look at drawings done by children who have been unable to draw until a certain age. They draw more or less out of the intellect. Small children do not draw from their intellect; they draw from experience, from primitive views enlivened with a primitive feeling. I believe it is possible to always differentiate when a child draws a mouth: then the outline of the mouth has been seen. But when it draws teeth, that is in some way taken out of an inner feeling. If, however, you look at a child who has begun to draw only at the age of nine or ten and study the child’s drawings, you will see how the child actually often makes more beautiful expressionist drawings than the expressionists themselves. The child draws often with colored pencils and draws what it thinks, what it has thought up. It is often quite curious how children often draw something we do not recognize and will then say that it is a devil or an angel. The drawing does not at all look like an angel, but the child says this is an angel. In such cases, the child is drawing its own intellect; the child is drawing what it has thought up.
[ 20 ] Es ist ebenso, wenn in den Jahren, in denen es darauf ankommt, zwischen dem 6., 7. und 9. Jahre, nicht gepflegt wird das innerliche Organempfinden, dann überwuchert sogleich der Intellekt. Und dieser Intellekt, der ist im Grunde genommen der Feind des intellektuellen menschlichen Lebens und auch des sozialen Lebens, wobei ich durchaus nicht für die Verdummung der Menschheit sprechen will. Aber es kommt darauf an, daß wir eben den Intellekt in seiner parasitären Natur erkennen, daß wir ihn erkennen so, daß wir ihn für vollkommen nur ansehen, wenn er aus dem ganzen Menschen sich ergibt und nicht einseitig auftritt. Aber man wird nur etwas erreichen nach dieser Richtung, wenn man den künstlerischen Zeichen- und Musikunterricht — ich will über all diese Dinge noch einiges später sprechen — unterstützt zu gleicher Zeit durch andere Zweige des Unterrichts, vor allen Dingen durch den Sprach- und auch durch den Rechenunterricht.
[ 20 ] If a feeling for the inner organs is not cultivated in the years when it is important, that is, between the ages of six and nine, the intellect will take over. This intellect is essentially the enemy of intellectual human life as well as of social life. I of course am not in favor of making people dumb. It is important, however, that we recognize the parasitic nature of the intellect and that we recognize the intellect as being complete only when it arises out of the entire human being and not in a one-sided way. That, however, is possible to achieve only when drawing and music instruction are supported in all areas of instruction, most importantly in speech and arithmetic.
[ 21 ] Sprachunterricht — sehen Sie, erst muß man den ganzen Sinn des Sprachunterrichtes kennenlernen. Ich muß sagen, eigentlich ging mir der Sinn des Sprachunterrichts auf, als ich Gelegenheit hatte zu verfolgen, was sich ergibt, wenn dialektsprechende Kinder mit anderen Kindern, die nicht Dialekt sprechen, in der Schule zusammensitzen. Gerade die Beobachtung der dialektsprechenden Kinder und die Führung der dialektsprechenden Kinder ist ja außerordentlich wichtig und auch interessant. Der Dialekt, jeder Dialekt hat nämlich eine gewisse Eigentümlichkeit. Er geht noch aus dem hervor, was ich innerliches Erfühlen des Menschen nennen möchte, genau ebenso, wie es ein innerliches Organ-Erfühlen gibt, das nur unter unserem heutigen Intellektualismus sehr zurückgegangen ist, so ein innerliches Erleben, das doch den ganzen Menschen im Grunde genommen in die Sprache hineindrängt. Aber bei unserer abstrakt gewordenen sogenannten gebildeten Umgangssprache - Schriftsprache nennt man es manchmal -, da ist kein rechter Zusammenhang mehr zwischen dem innerlichen Erleben und zwischen dem, was sich im Laut oder in der Lautfolge äußert. Gewisse feine Unterschiede, die da bestehen in dem Verhältnis des anschauenden Menschen zu seiner Umgebung, die kommen in dem Dialekt wunderschön zum Ausdrucke. Von denen verspürt man in der gebildeten Umgangssprache nichts mehr. Wenn ich zum Beispiel als Knabe gehört habe: Himmlitzer — ich wußte gleich, das ist irgend etwas, was dem Laute ähnlich sein mußte. Himmlitzer — versuchen Sie nun einmal zu fühlen das Wort Himmlitzer. Es ist in gewissen Dialekten der Blitz oder auch das Wetterleuchten; es liegt in dem Laute das durchaus drinnen, in der Lautfolge. Die Sprache zeichnet da. Sie zeichnet auf innerlich musikalische Art. Dieses enge Zusammenhängen des innerlichen Gefühlserlebnisses mit der Sprache ist eigentlich im Dialekte unendlich viel stärker als in unserer gebildeten Umgangssprache.
[ 21 ] As for teaching languages, you first need to gain a sense of how to do this. I first became aware of this sense of teaching languages when I had the opportunity of pursuing the result of having children who spoke dialect sit in the same classroom as other children who did not speak the dialect. It is very interesting to observe children who speak a dialect and how they carry themselves. A dialect, every dialect, has a certain characteristic. It arises out of what I would call an inner feeling of the human being just in the same way as the inner organic feeling arises, something that is much less important in today’s intellectualism. Dialect is an inner experience that pushes the entire human being into speech. In modern conversational speech, the so-called educated speech, which has become abstract, there is no longer a proper connection between inner experience and what is expressed in a sound or series of sounds. Certain subtle differences in the relationship between the person and the person’s surroundings are often wonderfully expressed in dialect. That is something you can no longer detect in educated speech. For example, when as a child I heard the word sky-flash (Himmlitzer), I knew immediately that it was something that must be similar to the sound. Try to feel the word Himmlitzer. In certain dialects, that is the word for lightning. There is something in the sounds or in the series of sounds. Here the language is drawing a picture; it paints in a kind of inner music. The close connection between language and inner experiences of feeling is enormously stronger in dialect than it is in educated language.
[ 22 ] Dann kommt aber noch etwas in Betracht. Es ist doch eine eigentümliche Erscheinung, daß, wenn wir vergleichend dieSprache studieren, wir darauf kommen, daß die eigene Logik der Sprache gerade bei primitiven Sprachen größer ist als bei gebildeten Umgangssprachen. Man würde das Gegenteil erwarten. Es ist — allerdings nicht bei den Negersprachen, aber das sind wirklich primitive Sprachen - ich werde darauf auch noch mit einem Worte zurückkommen -, es ist bei gewissen primitiven Sprachen eine merkwürdige innere Logik in der Sprache, die dann gar viel abstrakter, einfacher wird, wenn die Sprache mehr zivilisiert wird. Und so ist auch im Dialekt tatsächlich mehr innere Logik als in der gebildeten Umgangssprache, und man kann sehr, sehr viel erreichen; wenn man, sagen wir, in der Dorfschule ganz aus dem Dialekt heraus zu arbeiten hat, dann muß man natürlich mit dem Dialekt beginnen, dann muß man mit den Kindern den Dialekt reden, dann muß man versuchen, dasjenige zum Bewußtsein zu bringen, was unbewußt schon in der Sprache darinnen ist, und das ist eigentlich die Grammatik. Die Grammatik sollte im Grunde genommen ganz lebendig gelehrt werden, so lebendig gelehrt werden, daß man die Voraussetzung macht, sie ist ja schon da, wenn das Kind spricht. Es ist ja schon alles da, wenn das Kind spricht. Man läßt das Kind Sätze aussprechen, die ihm ganz liegen, deren inneren Zusammenhang und innere Plastik das Kind fühlt. Und dann beginnt man damit, das Kind aufmerksam zu machen, wie das bewußt werden kann, was es unbewußt vollzieht. Das braucht man durchaus nicht zu einer pedantischen Analyse zu machen, aber man kann die ganze Grammatik dadurch entwickeln, daß man einfach das Leben der Grammatik, das schon da ist, wenn das Kind sprechen gelernt hat, daß man dieses Leben zur Bewußtheit heraufholt.
[ 22 ] There is something else to consider. It is curious that when we compare languages, we discover that the inner logic of a language is greater in primitive languages than in more educated speech forms. You would actually expect the opposite. This is, of course, not true with the languages of black Africans. But those are really primitive languages and I will come back to those in a moment. In certain primitive languages there is a remarkable inner logic, which is much more abstract yet simpler than when the language becomes more civilized. Thus there is in dialect a greater inner logic than in educated language, and we can achieve a great deal. If, for example, in a village school we have to work with dialect, then we must begin with dialect, as we need to attempt to make conscious what already exists unconsciously in the language, namely, the grammar. Grammar should be taught in a very lively way. It should be taught in such a lively way that we assume that it already exists when the child speaks. When the child speaks, the grammar is already there. You should allow the children to speak sentences in the way they are used to speaking so that they feel the inner connection and inner flexibility of the language. You can then begin to draw the child’s attention and make them aware of what they do unconsciously. You certainly do not need to do that through a pedantic analysis. You can develop the entirety of grammar by simply making the children more aware of the life of the grammar that is already there when the child has learned to speak.
[ 23 ] Ja, man kann diese Voraussetzung machen, daß eigentlich die ganze Grammatik schon im menschlichen Organismus drinnen steckt. Macht man ernst mit dieser Voraussetzung, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Indem du zur rechten Zeit in lebendiger Art herausholst die bewußte Grammatik aus dem unbewußten Üben der Grammatik, arbeitest du einfach an der Herstellung des Ich-Bewußstseins des Kindes. Und mit dieser Erkenntnis im Leibe, möchte ich sagen, muß man gegen das 9. Jahr hin, wo das Ich-Bewußtsein normalerweise richtig erwacht, alles hinorientieren, ins Bewußte heraufheben dasjenige, was unbewußt unten steckt im kindlichen Organismus. Dann erreicht das Kind diesen Rubikon der Entwickelung mit dem 9. Jahre in einer normalen, in einer günstigen Weise, dann hebt man in der richtigen Weise herauf das Unbewußte zum Bewußten. Dann arbeitet man mit den Kräften im Kinde, die sich entwickeln wollen, nicht mit Kräften, die man von außen in das Kind erst hineinbringt. Und diese Art, Sprachunterricht zu treiben an dem, was das Kind schon aussprechen kann, und die Unterstützung dieses Sprachunterrichts durch einen lebendigen Verkehr, den man entwickelt zwischen den die gebildete Umgangssprache sprechenden Kindern und den dialektsprechenden Kindern, indem man das eine an dem andern sich abmessen läßt gefühlsmäßig, nicht in abstrakter Art, gefühlsmäßig das eine Wort, den einen Satz, den Dialektsatz in den anderen hinüberleitet, ein solcher Sprachunterricht läßt einen, wenn man ihn während 1"/z Stunden erteilt hat, gehörig schwitzen. Auch die Lehrer, die in dieser lebendigen Weise in der Waldorfschule zu unterrichten haben, haben genug, wenn sie morgens 1"/z bis 1?/a Stunden in dieser Weise unterrichtet haben. Wenn man in dieser Weise den Sprachunterricht treibt mit der Erkenntnis im Leibe, daß man eigentlich die Bewußtheit, das Selbstbewußtsein dadurch erzeugt, dann arbeitet man mit dem Künstlerischen, das man in dem Zeichnen und musikalischen Unterricht gelegt hat, zusammen, dann sind das zwei sich gegenseitig unterstützende Prozesse.
[ 23 ] We can certainly assume that all grammar already exists in the human organism. If you take that assumption seriously, you will realize that by making grammar conscious in a living way, you work on the creation of an I-consciousness in the child. You must orient everything toward that knowledge that exists in the body around the age of nine, when a consciousness of the I normally awakens. You need to bring forth into consciousness everything that exists unconsciously in the child’s organism. In that way the child will reach the Rubicon of development at the age of nine in a favorable way. In that way you bring into consciousness what is unconscious. You then work with those forces in the child that want to develop, not the forces that you bring from outside the child. There is a way of teaching language by using the way the child already speaks and supporting the instruction through a living interaction between those children who speak a more cultivated language and those who speak a dialect. In this way you can allow them to measure themselves against each other, not in some abstract way, but using feeling to guide a word, a sentence, in dialect into another. If you do that for an hour and a half, you will really make the children break out into a sweat. The teachers who teach this way in the Waldorf School certainly have enough when they do this for an hour and a half or so each morning! If you give instruction in language by working with the knowledge in the body so that you create an actual self-consciousness, you are working in harmony with the foundation you have laid in drawing and musical instruction. Thus you have two processes that support each other.
[ 24 ] Dies möchte ich zunächst einmal über das Zusammenarbeiten des Sprachunterrichts mit dem künstlerischen Zeichnen und musikalischen Unterricht sagen.
[ 24 ] Not translated
[ 25 ] Es hat mich eigentümlich berührt, als ich in den Handbüchern der neueren pädagogischen Literatur gefunden habe, wie da behauptet wird, daß der Zeichenunterricht durch den Sprachunterricht beeinträchtigt wird, weil der Sprachunterricht den Menschen — überhaupt das Sprechen — zur Abstraktion treibt. Man verlernt das Sehen, man verlernt das Verfolgen desjenigen, was in der Außenwelt an Formen und an Farben vorhanden ist —- so wird behauptet. Das ist dann nicht der Fall, wenn man den Sprachunterricht nicht in abstrakter Weise, sondern so treibt, daß man ihn auch aus dem innerlichen Erleben herausholt. Dann unterstützen sich beide, und dann wird dasjenige, was Heranerziehen des Selbstbewußtseins ist bis gegen das 9. Lebensjahr hin, Stück für Stück sichtbar werden daran, daß es übergeht in ein Durchdringen der äußeren Anschauung mit einem künstlerischen Gefühl auch für die äußere Form.
[ 25 ] I was quite startled as I found in some more recent pedagogical literature a statement that teaching drawing was negatively influenced by language class because instruction in language or speaking in general forces people into abstractions. People forget how to see and how to view what exists in the external world as forms and colors. That is what is asserted there. That is not the case if you give instruction in language not in an abstract way, but instead develop it out of an inner experience. Then they support one another and what develops as a consciousness of the self around the age of nine becomes visible, piece by piece, as it goes on to imbue an external view of things with an artistic feeling for form.
[ 26 ] Und da lasse ich auch noch in der Waldorfschule die folgende Unterstützung gewähren, weil eben ganz aus dem Künstlerischen heraus gearbeitet werden soll. Es dürfen bei uns die Lehrer nicht zufrieden sein, wenn die Kinder einen Kreis zeichnen können, ein Quadrat zeichnen können, ein Dreieck zeichnen können, sondern es müssen unsere Kinder den Kreis, das Dreieck, das Quadrat fühlen lernen. Sie müssen den Kreis so zeichnen, daß sie das Runde in der Empfindung haben. Sie müssen das Dreieck so zeichnen lernen, daß sie die drei Ecken in der Empfindung haben, daß sie schon, indem sie die erste Ecke andeuten, die Empfindung haben: da werden drei Ecken. Ebenso zeichnen sie das Quadrat so, daß sie empfinden das Eckigwerden, das das Gefühl, die ganze Linienführung vom Anfange an durchdringt. Ein Kind bei uns muß lernen, was ein Bogen ist, was eine Horizontale ist, was eine Vertikale, Gerade ist, aber nicht bloß für das Anschauen, sondern für das innerliche Verfolgen mit dem Arm, mit der Hand. Das soll gemacht werden auch als Grundlage für den Schreibunterricht. Es soll bei uns kein Kind ein P schreiben lernen, ohne daß es erst ein Erlebnis hat über eine Vertikale und über einen Bogen; nicht bloß, daß das Kind eine abstrakte Anschauung nach außenhin laufend, von der Vertikalen und von dem Bogen hat, sondern eine gefühlsmäßige Anschauungsweise soll es haben, ein gefühlsmäßiges Erleben der Dinge.
[ 26 ] I have had the teachers in the Waldorf School do the following exercises because they should be working entirely out of an artistic perspective. Our teachers may not be satisfied when the children can draw a circle or a square or a triangle. Instead, our children need to learn how to feel a circle, triangle, or square. They need to draw a circle so that they have a feeling of roundness. They should learn to draw a triangle so that they have a feeling for the three corners and that when they have first drawn one corner they should feel that there will be three. In the same way, when they draw a square, they should have a feeling of the right angle, a feeling that is carried throughout the whole drawing process from the very beginning. Our children need to learn what an arc is, what vertical or horizontal is, what a straight line is, not simply in seeing it, but an inner feeling of how the arm or the hand follows it. This is done as a basis for teaching writing. None of our children should learn to write aP without first having the experience of the vertical and an arc, not simply that a child has an abstract understanding of that, of the vertical and the arc, but a feeling for a felt experience of such things.
[ 27 ] Indem man nach und nach alles bloß Intellektuelle aus dem Künstlerischen, aus dem ganzen Menschen herausarbeitet, wird man auch ganze Menschen heranziehen, Menschen mit wirklicher Initiative, die wiederum Lebenskraft im Leibe haben, nicht Menschen, die, wie bei unserer Bevölkerung sich jetzt herausstellt, nachdem sie ja die große Prüfung durchgemacht hat, mit 30 Jahren eigentlich nicht wissen, wo sie stehen. Es ist in dieser Beziehung zum Verzweifeln. Wenn man berufsmäßig — wenn ich mich des paradoxen Ausdrucks bedienen darf Menschen kennenzulernen hat, dann kann man folgendes Erlebnis haben: Man hat zum Beispiel zu prüfen 26-, 30jährige Menschen, ob sie wohl zu dieser oder jener Anstellung kommen. Ja, da wird man nicht mit ihnen fertig heute — das ist eine sehr ausgebreitete Tatsache —, wenn man an sie herantritt mit der Zumutung, sie sollen Initiative entwickeln, insbesondere diejenigen Menschen, die in die praktischen Berufe hineinsegeln. Es wird einem gesagt: Ja, jetzt verlangen Sie dies und jenes von mir, aber ich will erst nach Indien, oder ich will erst nach Westamerika gehen, um dort die Usancen meines Berufes kennenzulernen. Das heißt, der Mensch will sich zunächst hineinsetzen ganz passiv. Er will nicht aus seiner Initiative heraus etwas haben, sondern er will sich in die Gelegenheit bringen, daß die Welt aus ihm etwas macht. Ich weiß, indem ich dieses ausspreche, sage ich für viele Menschen etwas Schreckliches. Aber ich deute zu gleicher Zeit damit etwas an, was einem von dem fertigen Menschen aus durchschauen läßt alles das, was die Erziehung und der Unterricht aus diesen Menschen in den letzten Jahrzehnten nicht gemacht haben, nämlich Menschen, die, wenn es nötig ist, im gehörigen Lebensalter wirklich Initiative, bis in die Seele hinein Initiative entwickeln können. Es ist ja natürlich leicht, zu sagen, man soll die Initiative heranerziehen. Es handelt sich darum, wie man das macht, daß man den Unterrichtsstoff, daß man das Erziehungsleben so gestaltet, daß sie nicht gegen die Willensinitiative, sondern im Sinne der Willensinitiative wirken. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 27 ] By slowly developing everything intellectual out of the artistic, that is, out of the entire human being, you will also develop the entire human being, people with real initiative, with a real force of life in their bodies. They will not be like people in our own population who no longer know where they are after they have done their final examinations. This is a real tragedy. If your professional task is to understand human beings, then it is possible that you can experience the following. You are, for example, to test someone around the age of twenty-five or thirty whether he is to receive a given position. You approach him with the expectation they should develop some initiative, particularly if he is to go into a practical profession. The person tells you, however, that you expect one thing or another but that he wants to go to India or to America in order to learn more about the profession. What that means is that he actually wants to move into the profession passively. He does not want to develop anything out of his own initiative, but instead wishes to have the opportunity that the world will make something of him. I know that saying this is something horrible for many people, but at the same time I am pointing out something we can see in people who have completed their education in the last decades. It has not developed a genuine initiative, initiative that reaches down into people’s souls when it is necessary later in life. It is of course easy to say that we should develop initiative. The question is, though, how we do that, how we can arrange the material we are to present in education so that it acts not against initiative in the will, but strengthens it.
Fragenbeantwortung
Discussion
[ 28 ] Damit ich nichts schuldig bleibe, möchte ich jetzt noch einige von den Fragen beantworten, die mir gestellt worden sind. Zunächst möchte ich auf die Frage der Psychoanalyse, die ja so oft von den verschiedenen Seiten her gestellt wird, eingehen. Diese Psychoanalyse ist so recht das Kind unserer materialistischen Zeit. Unsere materialistische Zeit kommt nicht einmal dazu, den Einklang zu suchen zwischen dem schaffenden Geiste, der, ich möchte sagen, der Künstler unseres Leibes ist, und zwischen der körperlichen, physischen Organisation. Beide stehen nebeneinander, das Körperlich-Physische und das Geistig-Seelische, und die Theorien bemühen sich, Brücken zwischen beiden zu schlagen. Was haben wir in der neueren Zeit alles erlebt an solchen Brücken, die geschlagen werden sollen zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physisch-Leiblichen, von den Anschauungen des Cartesius bis herauf zu dem psycho-physischen Parallelismus und so weiter! Alle diese Theorien sind im Grunde nur aus der Ohnmacht geboren, den Menschen als ein Ganzes zu überschauen, Man sieht nicht, wie alles Physische aus dem Geistigen heraus plastiziert wird, und wie alles Geistige im Grunde genommen in diesem physischen Leben gleichzeitig sich offenbart nach der anderen Seite als ein Physisches. Man muß nur verstehen, wie man im Grunde genommen nur durch Abstraktion das eine von dem anderen trennt. Und so ist es denn gekommen, daß gewisse Erscheinungen, die man verstehen kann, wenn man diese Harmonie zwischen dem Physischen und Psychischen durchschaut, in der neueren Zeit ganz verkannt wurden.
[ 28 ] I would now like to answer a few questions. To begin with, I would like to go into the question of psychoanalysis. Psychoanalysis is a child of our materialistic times. In our time, people do not try to seek the harmony between the sleeping spirit, which I might refer to as the artist of the body, and the physical organization of our bodies. Both of these aspects stand next to one another. Psychological theories attempt to form bridges between them. Just think of all such bridges we have seen in modern times that were to be formed between the spirit-soul and the physical body, beginning with the views of Descartes,1 psychophysical parallelism, and so forth. All these theories have essentially been born out of an incapacity to view the human being as a whole. People do not see how the physical is formed out of the spiritual and how the spiritual is revealed simultaneously in the physical body. We need only to understand how the one has been separated from the other through abstractions. Thus certain things have been totally misunderstood in modern times, even though they are understandable when we recognize the harmony between the physical and the psychological.
[ 29 ] Nehmen Sie einmal an, ein junger Mensch habe ein ihn erschütterndes Erlebnis. Jedes erschütternde Erlebnis wirkt namentlich vor dem 20. Jahr zugleich organisch - in späteren Lebensjahren findet eine solche Wirkung auch noch statt, wenn auch in geringerem Ausmaße. Irgend etwas geht auch im Physischen vor. Von diesen Zusammenhängen wird heute eigentlich nur das, was sich an der äußersten Oberfläche abspielt, durchschaut. Man sieht wohl darauf hin, wie der Mensch erbleicht, wenn er Angst hat, und wie er errötet, wenn er sich schämt. Man sieht aber nicht, wie ein erschütterndes Erlebnis, das vielleicht durch Wochen das menschliche Gemüt in eine bestimmte Empfindungsrichtung bringt, auch im ganzen menschlichen Organismus etwas rein physisch in eine andere Richtung bringt, als dies gekommen wäre, wenn dieses erschütternde Erlebnis nicht stattgefunden hätte. Das menschliche Organ wird zunächst eine ganz normale Struktur haben. Diese normale Struktur reagiert nun zunächst gegen die Erschütterung. Nach einer bestimmten Anzahl Jahren wird sich, da das menschliche Leben rhythmisch verläuft, eine gewisse Art der Wiederholung der ursprünglichen Organerschütterung einstellen. Wenn man einen 38jährigen Menschen kennenlernt, bei dem irgendwelche seelische Anomalien auftreten, wird man diesen Vorgang nur verstehen, wenn man sich sagt: Das Erlebnis, das in diesem Fall in der Seele auftritt, weist auf ein früheres Erlebnis hin, das ebenso viele Jahre vor dem 35. Jahr liegt, als die Wiederholung nach dem 35. Jahr liegt. Der eigentliche Grund der seelischen Anomalie, die wir bei dem 38jährigen Menschen beobachten, kann somit in einem Erlebnis liegen, das der betreffende Mensch in seinem 32.Lebensjahr gehabt hat. Das Heraufkommen des Erlebnisses im 38. Jahr versteht man, wenn man den Zusammenhang zwischen der seelischen Erschütterung, die im 32. Jahr stattfand, und gewissen physischen Organen erkennt. In einem anderen Fall kann es so sein, daß das gegenwärtige Erlebnis auf ein anderes Erlebnis hinweist, das ebenso viele Jahre vor dem 28. Jahr stattfand, als Jahre seit dem 28. Jahr verflossen, bis die Wiederholung des Erlebnisses auftrat. Eine Beobachtungsgabe muß man sich aneignen, um den Zusammenhang zwischen dem SeelischGeistigen und der Organologie zu erkennen. Was tut statt dessen unsere Zeit? Wenn man Arzt ist und noch so materialistisch denkt, kann man doch nicht leugnen, daß es immerhin ein Seelenleben gibt. Der Materialismus zeichnet sich nun gerade dadurch aus, daß er nichts von der Materie versteht, und in der Zeit des Materialismus kann die Tragik erlebt werden, daß dieser Materialismus die materiellen Prozesse nicht versteht. Und gerade deshalb bezieht man nicht das seelische Erlebnis auf das Materielle. Man sagt dagegen fälschlicherweise: Eine isolierte Seelenprovinz, die durch lange Jahre da war, die wirkt jetzt wiederum herauf, die muß man heraufziehen, bewußt machen, während es darauf ankäme, den organischen Gesundheitszustand des Menschen zu studieren, nicht psychoanalytisch an ihm herumzuprobieren.
[ 29 ] Take, for example, a young person who has had a traumatic experience. Every traumatic experience that occurs before the age of twenty has an effect upon the physical body. Even in later years such an effect is present, though to a much lesser extent. Today the only thing that is seen in that regard plays out only at the most extreme, superficial level. People see, for example, how a person reddens when he or she is ashamed, or turns pale when afraid. They do not see how a traumatic experience that perhaps over a period of several weeks pushes human feeling in a particular direction also causes the physical body to develop in a different direction than it would have otherwise taken. The body begins with a normal structure, but this structure changes as a result of traumatic experience. Since human life follows a rhythm, after a particular number of years a special kind of repetition of the original organic trauma will occur. If you meet a person who is thirty-eight years old and has some anomalies in his or her soul, you understand that this anomaly indicates an earlier experience that must have occurred as many years before the age of thirty-five as the recurrence does after that age. Thus the psychic anomaly that we observe in the thirty-eight-year-old can be connected with an experience that person had at about the age of thirty-two. We can also understand the recurrence of this experience at the age of thirty-eight when we recognize the relationship between the traumatic experience at the age of thirty-two and certain physical organs. In other cases, the present experience may be related to an experience that occurred just as many years before the age of twenty-eight as the number of years that have passed since that age. We need to acquire a capacity of observation in order to recognize the connections between experiences in the spirit-soul and their relationship to the organs. But what is done in modern times? If you are a physician, regardless of how materialistically you think, you still cannot deny that there is some life of the soul. Materialism is characterized by the fact that it understands nothing of the material, and in our time of materialism we experience the tragedy of how materialism does not even understand material processes. It is just for that reason that people do not relate things experienced in the soul to material things. On the contrary, they erroneously say that an isolated experience that has been hidden for many years now suddenly has risen to the surface and we must become conscious of it. What is important is to study the person’s organic state of health rather than poking around in that person through psychoanalysis.
[ 30 ] So ist es auch mit der Anwendung der Psychoanalyse auf die Pädagogik. Nur weil man das, worauf in diesem Vortrag der besondere Wert gelegt wird, nämlich das einheitliche Zusammenwirken des Geistig-Seelischen mit dem Körperlich-Physischen, nicht durchschaut, spricht man von der Anwendung der Psychoanalyse in der Pädagogik. Man kann nicht einseitig etwa nur das Geistig-Seelische behandeln. Davon wollen wir dann noch genauer sprechen.
[ 30 ] The same is true with regard to the use of psychoanalysis in education. People do not understand the interaction between the spirit-soul and the physical body. Only for this reason do they speak about the use of psychoanalysis in education. We cannot simply work one-sidedly with the spirit-soul.
[ 31 ] Jetzt möchte ich noch auf etwas anderes hinweisen, auf die Klippe des Pubertätsalters. Da darf ich kurz sein. Diese Klippen des Pubertätsalters treten nur dann auf, wenn eben nicht ordentlich erzogen wird. Wenn die Kinder in dieser Weise innerliches Erschauen und innerliches Erleben haben, wie ich es heute geschildert habe, dann wirkt das auf die ganze seelische und physische Organisation des Kindes so zurück, daß andere Empfindungen und ein anderes Verhältnis zur Außenwelt auftreten, als wenn ich gerade im 7., 8. Lebensjahre das Kind zu intellektuell oder zu wenig künstlerisch entwickle. Die Sünden des Erziehens im 7. und 8. Lebensjahre erscheinen in den unrichtigen Empfindungen des Pubertätsalters. Heute macht man allerdings die kuriosesten Erfahrungen, und wenn man darüber sprechen würde, was einem heute oftmals von Müttern oder Vätern von ihren Kindern erzählt wird, dann würde man eben sehen, wie der Materialismus in alle Gemüter eingegriffen hat. Es kommen heute Leute und sagen von ihrem 5- oder 6jährigen Kinde, es habe sexuelle Ungezogenheiten. Dies zeigt, daß man nicht mehr unterscheiden kann. Wenn ein Messer ein Rasiermesser geworden ist, ist es eben kein Taschenmesser. So sind Handlungen, die beim Kinde auftreten und die äußerlich sexuelle Triebe zu verraten scheinen, gar nicht sexuelle Handlungen, sondern fordern lediglich, daß man das Kind in naturgemäßer Weise erzieht; dann treten irgendwelche abnormale Empfindungen im Pubertätsalter ganz gewiß nicht auf. Wer das Leben kennt, weiß, daß es ebensowenig ein sexueller Akt ist, wenn das Kind sich in der Nähe der Sexualorgane kratzt, wenn es dort eine kleine entzündliche Stelle hat, die vielleicht äußerlich wenig bemerkbar ist, als wenn es sich an der Nase oder an der Wange kratzt. Damit ist mehr gesagt und auf mehr hingewiesen, als man gewöhnlich annimmt, und das muß man eben durchschauen. Und dann wird man nicht in solches Zeug verfallen wie Freud, der nun, statt die Dinge anzuschauen wie sie sind, nämlich, daß es einerlei ist, ob das Kind sich an der Wange kratzt oder woanders, wenn das Kind noch nicht das Pubertätszeitalter erlangt hat, aus dem heutigen Materialismus heraus behauptet, es sei ein sexueller Akt, wenn sich das Kind am Schnuller ergötze. Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, von dieser Theorie aus kann man eben alles unter einen Gesichtspunkt bringen. Goethe wollte das mit einem seiner sehr humoristischen Gedichte treffen, indem er den Beweisen, die Welt bestehe aus so und so gearteten Atomen und den Weltanschauungen, wonach alles als Wille oder als unbewußtes Sein konstruiert wird, entgegenstellt: »Die Welt ist ein Sardellensalat«. (Goethe: Lyrische Gedichte.) Gustav Theodor Fechner, der Humorist hat wirklich auch eine gute Tat begangen. In seinem Büchelchen: «Der Mond aus Jodin» - es ist schon in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen -, bewies er auch einmal nach dem Muster der Beweise, die man für vieles hat, daß der Mond lediglich aus Jod besteht. Dieses Büchlein sollte man heute als eine Illustration mancher Weltanschauungsdenkweise überall auflegen, statt es mehr und mehr verschwinden zu lassen.
[ 31 ] I would now like to say something about the difficulties that arise during puberty. These arise only when children have not been properly brought up. If children have the kind of introspection and inner experience that I described today, then that will have an effect upon the entire physical body and soul of the child. The child will have different perceptions and a different relationship to the external world than it would have had had it developed it too intellectually or with too little experience in art when the child was about seven or eight years old. The errors made in teaching children when they are seven or eight years old reappear in their problematic feelings during puberty. If we were to speak about the things that we often hear mothers and fathers tell about their children, we would be able to see how materialism has taken control of our feelings. People come to me and tell me about their five- or six-year-old child who has undesirable sexual behaviors. This shows only that people can no longer differentiate. If a knife has been made into a razor blade, then it is no longer a pocketknife. In the same way, activities that occur with children and which at a superficial level appear to expose some sexual desires are in fact not actual sexual activities, but simply demands that the child be brought up according to his or her own nature. When that is done, then abnormal feelings will not occur during puberty. It is no more a sexual act if a child scratches herself in the region of the sexual organs because there is a small sore (which may be easy to miss) than it would be if she were to scratch herself on the nose or cheek. If we understand this, we will not fall into the craziness of Freud.2 Instead of recognizing that it makes no difference whether a child scratches herself on the cheek or somewhere else, he claims that it is a sexual act when a child enjoys sucking on a pacifier. Freud’s perspective puts everything into one hat. This is something that Goethe tried to do with one of his most humorous poems, “The World Is a Sardine Salad,”3 in which he attempted to counter the argument that the world consists simply of so-and-so-many different atoms and the views of the world according to which will and unconscious existence are simply constructs. Gustav Theodor Fechner, the humorist, did something really funny in his book, The Moon Is Made of Iodine, which appeared in the early nineteenth century. He proves through formal logic that the moon is made up simply of iodine. We could use that little book as an example of the way people think of the world today.
[ 32 ] (Auf einen Einwand, Dr. Steiner habe nur Freud, nicht die anderen Richtungen berührt:)
[ 32 ] Steiner replies to an objection that he has referred only to Freud and has not mentioned other directions.
[ 33 ] Als Antwort auf Ihre Frage wäre es ja notwendig, daß ich eine ganze Reihe von Vorträgen hielte. Da dies nicht möglich ist, möchte ich nur noch das Folgende sagen: Wie stark in unserer Zeit, ich möchte sagen, der Fanatismus für gewisse Richtungen ist, das tritt einem ganz besonders bei den Anhängern der Psychoanalyse entgegen. Bei der Beantwortung einer Frage habe ich für ein gewisses Beispiel auf die Freudsche Meinung in bezug auf die Sexualität hingewiesen. Es ist ja natürlich schon richtig, daß andere Psychoanalytiker sehr stark von dieser einseitig sexualistischen Deutung abgegangen sind. Insbesondere ist gerade in den letzten Monaten von einzelnen Psychiatern sehr, sehr stark gewissermaßen abgeschwenkt worden von der ursprünglichen Freudschen Richtung, sogar von der Jungschen Richtung - aber derjenige, der die Psychoanalyse im Zusammenhang mit der ganzen Zivilisationsentwickelung der neueren Zeit beurteilen kann, der wird in der Psychoanalyse niemals etwas Neues sehen, respektive nicht den Keim zu einem Neuen sehen können, sondern die letzte Konsequenz des Materialismus. Für den Materialismus ist es eben charakteristisch, daß er, statt in lebendiger Anschauung auf den Zusammenhang des Geistig-Seelischen mit dem Physischen einzugehen, das Physische nur aus der alleräußersten Anschauung heraus charakterisieren will, wie es in der Physik, Chemie gilt, und daß er auf der anderen Seite stehenbleibt bei der abstrakten Charakteristik des Geistig-Seelischen. Und das wird, indem man einfach kontinuierlich die seelischen Bestände fortverfolgt durch das Leben des Menschen, in der Psychoanalyse bis zum äußersten Extrem getrieben. Es wird nicht und braucht nicht im mindesten geleugnet zu werden, daß die positiven Dinge, die man im Auge hat, wenn man heute von der Psychoanalyse redet, als solche richtig sind. Gewiß, es ist durchaus richtig, daß gewisse seelische Erlebnisse fortwirkend in einer bestimmten Umformung wiederum durchschaut, erkannt, beobachtet werden können. Aber es handelt sich darum, daß in der Zeit, die dazwischen liegt, eine solche Wechselwirkung stattgefunden hat zwischen dem, was da in der Psychoanalyse als isoliertes Seelisches betrachtet wird, und den Organwirkungen, daß beim Neuauftreten eine starke Einseitigkeit herauskommt, wenn man auf diese Organwirkungen nicht hinzuschauen vermag.
[ 33 ] To fully answer your question, I would need to hold a whole series of lectures. Since that is not possible, I would like to say only the following. How strongly the fanaticism for particular views is in our time is especially clear with supporters of psychoanalysis. In answering a question, I used an example indicating the Freudian position with regard to sexuality. It is, of course, correct that other psychoanalysts have a view different from that onesidedly sexual interpretation. In recent months, some psychiatrists have strongly distanced themselves from the original Freudian direction, and even from Jung’s5 direction. However, those who can judge psychoanalysis in connection with the development of civilization in modern times will never be able to see something new, not even a seed of something new, in psychoanalysis. They will always see only the final consequences of materialism. It is characteristic of materialism that instead of examining the relationship of the spirit-soul with the physical, in a living way it attempts to characterize the physical in only the most superficial ways, in the ways that are valid for physics and chemistry. On the other hand, it remains an abstract characterization of the spirit- soul, which has been carried to an extreme in the way that psychoanalysis simply follows the path of the status of the soul throughout the life of the human being. I certainly do not deny the positive things that some people have in mind when they speak of psychoanalysis today when those things are correct. It is certainly correct that certain experiences in the soul have a lasting effect and can be recognized and observed as causing a particular change. What is important here, though, is that during the period lying in between, an interaction occurs that psychoanalysis considers to be something isolated in the soul. The effects upon the physical organism that become apparent as a strong one-sidedness are not recognized.
[ 34 ] Diese Theorien, von denen die Psychoanalyse auch eine ist, denen haftet in der Gegenwart etwas sehr Eigentümliches an. Man kann mir glauben, daß ich mich gerade mit den Dingen, die vorgebracht worden sind, sehr eingehend beschäftigt habe. Es handelt sich darum, einzusehen, daß heute die Tendenz besteht, Theorien, die für ein gewisses, eingeschränktes Gebiet richtig sind, zu Unrecht als allgemeine Gesetze zusammenzufassen. Die Psychoanalyse ist hierfür ein Schulbeispiel. Eine Zusammenfassung zu einem Gesetz oder einer Theorie ist nur dann berechtigt, wenn die Anwendbarkeit in allen Konsequenzen im Praktischen verfolgt werden kann. Gerade das kann aber der Psychoanalytiker bei seiner Theorie nicht. Weil der Psychoanalytiker den wahren Zusammenhang zwischen Physischem und Psychischem nicht kennt, setzt er gegenwärtige psychische Tatbestände einseitig in Beziehung mit früheren psychischen Tatbeständen. Dies tritt gerade bei Jung so stark hervor. Jung steht ganz abseits von einer umfassenden Betrachtung der Welterscheinungen. Nun ist ja anzuerkennen, daß Jung gewisse Komplexe gelten läßt und sie sogar in der seelischen Evolutionsreihe zurückverfolgt. - Der sogenannte Odipus-Komplex, wie ihn einzelne Psychoanalytiker beschreiben, ist etwas sehr Interessantes selbstverständlich und auch sehr gefangennehmend. Der Fehler liegt aber darin, daß man in der dargestellten Erscheinungsreihe nicht den notwendigen Umfang aller anderen Erscheinungen umfaßt, mit denen die dargestellte Erscheinungsreihe zusammenhängt. Was ich meine, läßt sich durch ein einfaches Bild veranschaulichen. Wenn Sie eine abgeschnittene Rose und einen Kristall auf einen Tisch stellen, so können Sie sagen, beides seien Gegenstände. Diese Gleichstellung von Rose und Kristall unter dem Begriff Gegenstand ist aber nur unter einem äußerlichen Aspekt berechtigt. Die abgeschnittene Rose ist keine Wirklichkeit, und Sie können sie nicht so betrachten wie den Kristall, der in einer gewissen Weise ein Abgeschlossenes ist. Natürlich muß auch der Kristall von einem noch weiteren Gesichtspunkt im Einklang mit seiner eigentlichen Umgebung betrachtet werden. - Man muß eben überall den Umfang der Erscheinungen suchen, in den sich ein Komplex, den man hat, einordnet. Man kann nicht nur das, was unmittelbar vor einem liegt, berücksichtigen. Auch eine Baumblüte zum Beispiel kann nicht für sich allein als Gegenstand betrachtet werden, höchstens der Baum; von einem weiteren Gesichtspunkt muß sogar die Erdbeschaffenheit, die Luftbeschaffenheit und so weiter hinzugenommen werden. Die Psychoanalyse macht vor allen Dingen den Fehler, daß sie Erscheinungen isoliert betrachtet, die nur, wenn sie an andere Erscheinungsreihen angeschlossen werden, erklärbar sind. Durch diese einseitige Betrachtung entstehen Fehler. Ich habe auf das sexuelle Beispiel nur aus dem Grunde hingewiesen, weil in der Literatur zum Beispiel das Fischsymbol als Zeichen für das männliche Sexualorgan erklärt und in einer Weise belegt wird, in der wissenschaftlich nicht belegt werden darf. Solche Erklärungen sind einfach grotesk. Auch die Erscheinung des sogenannten Ödipus-Komplexes kann nicht nur in einer bestimmten Strömung, das heißt isoliert betrachtet werden, sondern man muß sie mit anderem in Zusammenhang bringen und sich zu einer Betrachtung der Gesamtmenschheitsentwickelung aufschwingen.
[ 34 ] Such theories, of which psychoanalysis is one, have something unusual about them at the present. I have studied these things intensely. What is important to recognize here is that there is a tendency today to take theories that are correct for a particular and limited situation and extend them into general laws. Psychoanalysis exemplifies that. Summarizing theories into a law is justifiable only when they can be used in all practical situations. This is not true of psychoanalytical theory. Since the psychoanalyst does not understand the true relationship between the physical and the psyche, he or she tends to relate the psychic facts only to earlier psychic states. This is something that is quite strongly apparent with Jung. Jung is quite far from a comprehensive consideration of events in the world. We should, however, recognize that Jung has understood certain complexes and has traced them back in the evolution of the soul. The so-called Oedipus complex is, in the way that some psychoanalysts have described it, something that is very interesting and captivating. The problem lies in the way that the described series of symptoms does not comprehensively include all other symptoms connected with it. What I mean here can be demonstrated through a simple picture. If you place a rose and a crystal on a table, you can say that both are objects. Equating a rose and a crystal through the concept of “object” is, however, only justified in an extremely superficial way. A rose is not simply an object alone, and you cannot consider it in the same way as you would a crystal, which is,in a certain way, something complete. (Of course, we should not forget that a crystal also needs to be considered in relationship to its normal surroundings.) Thus we need to seek the full context of symptoms in which we place a complex. We cannot simply take the most obvious things into account. The blossom of a tree, for example, cannot be simply considered as an object in itself. The tree must also be taken into account. Looking still further, we would need to take into account the qualities of the soil and of the air and so forth as well. The primary error of psychoanalysis is that it considers symptoms in isolation that can only be explained in connection with other symptoms. I previously referred to the sexual example because psychoanalytic literature declares the fish symbol to be the symbol for the male sexual organ, and this is proven in a completely unscientific way. Such declarations are simply grotesque. Nor should the so-called Oedipus complex and its symptoms be considered in isolation. Instead we need to bring it into relationship with the entire development of humanity.
[ 35 ] (Auf eine weitere Einwendung, die Geisteswissenschaft betreffend:)
[ 35 ] Not translated
[ 36 ] Wenn Sie meine Geisteswissenschaft ins Auge fassen wollen, so können Sie diese eben nicht bloß aus diesen pädagogischen Vorträgen ins Auge fassen, sondern Sie müssen sie gründlicher studieren. Das ist eine mehr oder weniger groteske Behauptung, daß meine Geisteswissenschaft irgend etwas zu tun hat mit der des 19. Jahrhunderts.
[ 36 ] Not translated
[ 37 ] Die Geisteswissenschaft, die ich vertrete, kann man nicht als solche aus diesen pädagogischen Vorträgen bloß ersehen, sondern diese pädagogischen Vorträge sind eben nur eine Konsequenz dieser Geisteswissenschaft.
[ 37 ] Not translated
