The Healthy Development of the Human Being
An Introduction to Anthroposophical Education and Didactics
GA 303
24 December 1921, Dornach
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The Healthy Development of the Human Being, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Die Erziehungs- und Unterrichtskunst, von der hier in diesen Vorträgen gesprochen werden wird, beruht ganz und gar auf Menschenerkenntnis. Eine Menschenerkenntnis im durchgreifenden Sinne ist aber nur möglich aus einer umfassenden Welterkenntnis heraus, denn der Mensch wurzelt mit allen seinen Fähigkeiten, mit all den Kräften, die er in sich trägt, in der Welt im allgemeinen, und es kann im Grunde genommen eine wirkliche Menschenerkenntnis nur geben, wenn sie aus einer Welterkenntnis heraus entspringt. Man wird daher auch immer sagen, daß ein Zeitalter über das Erziehungs- und Unterrichtswesen diejenigen Ansichten und Ideen hat, welche sich aus seiner Welterkenntnis heraus ergeben. Man wird daher auch nur dasjenige, was man über Erziehungs- und Unterrichtskunst in der Gegenwart zu sagen hat, in der richtigen Weise beurteilen können, wenn man die Erziehungs- und Unterrichtsmaßnahmen der Gegenwart an der allgemeinen Welterkenntnis der Gegenwart prüft. Und da muß es bedeutsam sein, den Blick gerade auf einen Repräsentanten der Gegenwartsidee hinzurichten, auf eine Persönlichkeit, welche ganz drinnensteht in dem Vorstellungsleben, in der Weltansicht, wie sie sich im Laufe der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat, wie sie der Menschheit in der Gegenwart zu eigen geworden ist. Nun ist es ja außer allem Zweifel, daß die Menschheit bis in die Gegenwart herein ganz besonders stolz war und zum großen Teile auch heute noch ist auf das, was sich unter dem Einfluß des Intellektualismus, wenn wir es so nennen dürfen, in der neueren Zeit ergeben hat.
[ 1 ] The art of education and teaching, which will be discussed in these lectures, is based entirely on an understanding of human nature. However, a thorough understanding of human nature is only possible through a comprehensive understanding of the world, for human beings, with all their abilities and all the forces they possess, are rooted in the world at large; and, fundamentally speaking, a true understanding of human nature can only exist if it springs from an understanding of the world. One will therefore always say that an era holds certain views and ideas regarding education and instruction that arise from its understanding of the world. One will therefore only be able to properly assess what is currently being said about the art of education and instruction if one examines contemporary educational and instructional practices in light of the general understanding of the world that prevails today. And in this regard, it must be significant to turn our gaze specifically toward a representative of contemporary thought—a figure who is fully immersed in the world of ideas and the worldview that has taken shape over the course of the last few centuries and has become the very essence of humanity today. Now, there is no doubt whatsoever that, right up to the present, humanity has been particularly proud—and to a large extent still is today—of what has emerged in recent times under the influence of intellectualism, if we may call it that.
[ 2 ] Die gebildete Menschheit ist im Grunde genommen, wenn sie es auch nicht immer zugestehen will, ganz intellektualistisch geworden. Alles wird durch das Instrument des Intellektes in der Welt betrachtet. Und gerade wenn man den Blick auf diejenigen Namen hinwendet, die einem einfallen, wenn man von dem ersten Aufgang der neuzeitlichen Denkweise spricht, so wird man auf Persönlichkeiten hingelenkt, welche durch den Glauben an den Intellekt die neuzeitliche Philosophie und die neuzeitliche Lebensansicht begründet haben. Man wird auf Namen wie Galilei, Kopernikus, Giordano Bruno und andere gelenkt, und kommt dadurch auf Vorstellungen, von denen man heute zwar oftmals meint, sie leben nur in den wissenschaftlichen Kreisen: allein, das ist nicht richtig.
[ 2 ] Educated humanity has, in essence—even if it is not always willing to admit it—become entirely intellectualistic. Everything in the world is viewed through the lens of the intellect. And precisely when one turns one’s attention to the names that come to mind when speaking of the dawn of modern thought, one is drawn to figures who, through their faith in the intellect, laid the foundations for modern philosophy and the modern outlook on life. One is drawn to names such as Galileo, Copernicus, Giordano Bruno, and others, and is thereby led to mental images that, although often thought today to exist only in scientific circles, are in fact not limited to them.
[ 3 ] Wer heute wirklich mit unbefangenem Blicke zu beobachten vermag, was in den weitesten Kreisen der Menschheit an maßgebenden Lebensimpulsen vorhanden ist, der wird finden, daß überall eine Nuance naturwissenschaftlichen Denkens darinnen ist; und in diesem naturwissenschaftlichen Denken lebt doch wiederum der Intellektualismus. Man meint, daß man in Beziehung auf moralische Vorstellungen und Impulse, in bezug auf religiöse Ideen und Gefühle unabhängig sein könne von dem, was man naturwissenschaftlich denkt und empfindet. Man wird aber sehr bald sehen, daß man, indem man sich in der Gegenwart einfach dem überläßt, was durch alle Zeitungen und populären Werke von der Bildungsschichte in die breite Menschheit strömt, man mit alledem sich doch Vorstellungen hingibt, welche so gestimmt sind, daß der Ton einer naturwissenschaftlich gestimmten Saite immer hineinklingt.
[ 3 ] Anyone today who is truly able to observe, with an unbiased eye, the defining life impulses present in the broadest circles of humanity will find that everywhere there is a nuance of scientific thinking at work; and within this scientific thinking, intellectualism lives on. People believe that, when it comes to moral concepts and impulses, as well as religious ideas and feelings, they can be independent of what they think and feel in terms of the natural sciences. But one will very soon see that, by simply surrendering oneself in the present to what flows from the educational establishment into the broader public through all the newspapers and popular works, one is nevertheless submitting to mental images that are so imbued with the tone of a scientifically tuned string that it always resonates within them.
[ 4 ] Wer nicht durchgreifend versteht, daß sich der heutige Mensch mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen des Morgens zum Frühstückstisch hinsetzt und des Abends mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen zu Bette geht, daß er seine Geschäfte mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen verrichtet, daß er seine Kinder mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen erzieht, der versteht das Leben nicht, denn er glaubt, daß er ganz unabhängig vom naturwissenschaftlichen Denken dastehe im Leben. Es ist aber nicht der Fall. Wir gehen sogar in die Kirche mit naturwissenschaftlichen Vorstellungen, und wenn uns die ältesten, konservativsten Ansichten von der Kanzel herab verkündet werden, wir hören sie an mit einem Ohr, das naturwissenschaftlich gestimmt ist. Die Naturwissenschaft aber lebt vom Intellektualismus.
[ 4 ] Anyone who does not thoroughly understand that modern people sit down at the breakfast table in the morning with scientific mental images and go to bed at night with scientific mental images, that they conduct their business with scientific mental images, and that they raise their children with scientific mental images—such a person does not understand life, for they believe that they stand in life entirely independent of scientific thinking. But that is not the case. We even go to church with scientific mental images, and when the oldest, most conservative views are proclaimed to us from the pulpit, we listen to them with an ear attuned to science. Science, however, thrives on intellectualism.
[ 5 ] Zwar betont sie bei jeder Gelegenheit, daß sie alles auf Beobachtung, auf das Experiment und die äußere Erfahrung aufbaue. Aber das seelische Instrument, dessen man sich bedient, indem man das Teleskop nach den Sternen lenkt, das Instrument, dessen man sich bedient, wenn man im Laboratorium Versuche macht über Chemie, über Physik, das ist ein Instrument, das eben das intellektualistische der menschlichen Seele ist. Und dasjenige, was der Mensch aus der Natur macht, macht er durch seinen Intellekt.
[ 5 ] Although she emphasizes at every opportunity that she bases everything on observation, experimentation, and external experience, But the spiritual instrument that one uses when directing a telescope toward the stars—the instrument one uses when conducting experiments in chemistry or physics in the laboratory—is none other than the intellectual aspect of the human soul. And whatever a person derives from nature, he does so through his intellect.
[ 6 ] Nun liegt die Sache so, daß die Menschheit des gebildeten Abendlandes gerade in der neuesten Zeit ganz besonders entzückt geworden ist von all den Ergebnissen, die für die allgemeine Zivilisation durch den Intellektualismus heraufgekommen sind. Man hat gelernt, nunmehr so zu denken: Frühere Epochen der Menschheit waren mehr oder weniger unintelligent, sie ergaben sich kindlichen Vorstellungen über die Welt. Jetzt sind wir vorgeschritten zu einer intelligenten Auffassung der Welt. - Und man ist dazu gelangt, diese intelligente Auffassung der Welt als das anzusehen, was allein einen festen Boden hat. Man ist in die Furcht verfallen, daß man ins Phantastische hineinkommt, wenn man den Boden des Intellektualismus verläßt.
[ 6 ] The fact is that, especially in recent times, the educated people of the Western world have become particularly enthralled by all the achievements that intellectualism has brought about for civilization as a whole. People have come to think as follows: Earlier epochs of humanity were more or less unintelligent; they succumbed to childish mental images of the world. Now we have advanced to an intelligent understanding of the world. — And people have come to regard this intelligent understanding of the world as the only thing that stands on solid ground. People have fallen into the fear that they will slip into the realm of fantasy if they leave the ground of intellectualism.
[ 7 ] Derjenige, der im Geist der gegenwärtigen Zeit denkt, der der Geist namentlich auch der letzten Jahrhunderte war, der sagt sich: Zu einer wirklichen Erfassung des Lebens komme ich nur, wenn ich mich an das Intellektuelle halte; sonst laufe ich Gefahr, mich phantastischen Ideen über die Natur und über das Leben hinzugeben. — Das ist auf der einen Seite als eine feste Idee heraufgekommen in der neuesten Zeit.
[ 7 ] Anyone who thinks in the spirit of the present age—which has also been the spirit of the last few centuries—tells himself: I can only truly grasp life if I stick to the intellectual realm; otherwise, I run the risk of succumbing to fanciful ideas about nature and life. — On the one hand, this has emerged as a firmly held idea in recent times.
[ 8 ] Nun liegt etwas sehr Bemerkenswertes vor. Dasjenige, was man auf der einen Seite als das Wertvollste anschaut, als das Bedeutsamste für die ganze neuere Zivilisation, es ist auf der anderen Seite gerade in der unmittelbaren Gegenwart zu einer Frage geworden, und am meisten zu einer Frage derjenigen, die es mit der Erziehung und mit der Unterrichtskunst der Menschen ernst meinen. Man hat auf der einen Seite hinzuschauen, wie die Menschheit groß geworden ist durch den Intellektualismus, und man sieht andererseits heute die Erziehungs-, die Unterrichtsergebnisse des Intellektualismus und erklärt: Wenn man die Kinder nur intellektualistisch erzieht, verkümmern ihre Fähigkeiten, verkümmern ihre menschlichen Kräfte. - Und man sehnt sich darnach, gerade in Erziehungs- und Unterrichtskunst etwas anderes an die Stelle des Intellektualismus zu setzen. Man appelliert an das Gemüt, an den Instinkt, man appelliert an die Moralimpulse, an die religiösen Impulse des Kindes. Man will etwas haben, was abliegt vom Intellekt. Aber was brauchte man, um das zu finden, was man da haben will? Man brauchte eben eine durchgreifende Menschenerkenntnis, die wiederum nur sein kann die Konsequenz einer durchgreifenden Welterkenntnis. Wie die gegenwärtige Welterkenntnis über die Erziehung denkt, das kann man eben, wie ich eingangs bemerkte, bei einer repräsentativen Persönlichkeit ganz besonders ersehen. Und eine solche repräsentative Persönlichkeit scheint, wenn man alles erwägt, was dabei in Betracht kommt, Herbert Spencer zu sein.
[ 8 ] Now we are faced with something truly remarkable. That which, on the one hand, is regarded as the most valuable—as the most significant thing for the entire modern civilization—has, on the other hand, become a matter of debate precisely in the immediate present, and most of all for those who take the education and the art of teaching seriously. On the one hand, one must look at how humanity has flourished through intellectualism, and on the other hand, one sees today the results of intellectualism in education and teaching and concludes: If children are educated solely through intellectualism, their abilities atrophy, their human capacities atrophy. - And there is a longing, particularly in the art of education and teaching, to replace intellectualism with something else. People appeal to the child’s emotions, to instinct; they appeal to the child’s moral impulses and religious impulses. They want something that lies beyond the intellect. But what was needed to find what they were seeking? One needs, in fact, a profound understanding of human nature, which in turn can only be the consequence of a profound understanding of the world. As I noted at the outset, one can see particularly clearly how the current understanding of the world views education by looking at a representative figure. And such a representative figure, when one considers all the relevant factors, appears to be Herbert Spencer.
[ 9 ] Ich führe Herbert Spencer nicht etwa deshalb an, weil ich glaube, daß seine Erziehungsansichten in erster Linie für den Pädagogen heute in Betracht kommen; ich weiß, wieviel man gegen sie einwenden kann, und wie sehr man sie, indem sie einem gewissermaßen als etwas Laienhaftes erscheinen, ausbauen muß. Aber auf der anderen Seite ist Herbert Spencer eine Persönlichkeit, die mit ihrem ganzen Vorstellungsleben in all dem fußt, was im Laufe der letzten Jahrhunderte an allgemeiner Menschheitsbildung heraufgekommen ist. Wenn Emerson von repräsentativen Persönlichkeiten gesprochen hat, und eine Reihe solcher für die Entwickelung der Menschheit repräsentativen Persönlichkeiten angeführt hat, in Swedenborg, in Shakespeare, in Goethe und Dante, so muß man sagen, für die Gegenwart, für dasjenige, was die Gegenwart fühlt, empfindet und denkt, ist gerade Herbert Spencer in allererster Linie der repräsentative Mensch. Und wenn auch bei denjenigen Menschen, die im Sinne der modernen Zivilisation denken, dieses Denken je nach der Nationalität, eine französische, eine italienische, eine russische Nuance hat: über diese Nuancen hinausgehend ist dasjenige, was man bei Herbert Spencer an Art des Denkens findet, maßgebend für die ganze Gegenwart. Weniger sind die Ergebnisse maßgebend, zu denen Herbert Spencer in seinen vielen Büchern für die meisten Gebiete des Lebens gekommen ist, aber die Art, wie er denkt, die lebt in einem ganz unermeßlichen Grade im Grunde genommen in allen Gebildeten der Gegenwart, die von Wissenschaft beeinflußt sind und die das Leben nach der Wissenschaft einrichten möchten. Deshalb muß dem, der nicht vom eingeschränkten Schulstandpunkte aus, sondern vom weltmännischen Standpunkte aus die Stellung der heutigen Gebildeten zu Pädagogik und Didaktik beurteilen will, Herbert Spencers Urteil als besonders maßgebend erscheinen.
[ 9 ] I do not cite Herbert Spencer simply because I believe that his views on education are of primary relevance to educators today; I am aware of the many objections that can be raised against them, and of how much they need to be expanded upon, given that they appear, in a sense, somewhat amateurish. But on the other hand, Herbert Spencer is a figure whose entire intellectual life is rooted in everything that has emerged in the course of the last few centuries in the realm of general human education. When Emerson spoke of representative figures and cited a number of such figures—Swedenborg, Shakespeare, Goethe, and Dante—as representative of human development, one must say that, for the present—for what the present feels, senses, and thinks—Herbert Spencer is, above all others, the representative figure. And even if, among those who think in the spirit of modern civilization, this way of thinking takes on a French, Italian, or Russian nuance depending on nationality, what one finds in Herbert Spencer’s mode of thinking—transcending these nuances—is decisive for the entire present age. It is not so much the conclusions that Herbert Spencer reached in his many books on most areas of life that are decisive, but rather the way he thinks—a way of thinking that, to an immeasurable degree, lives on in the minds of virtually all educated people of the present who are influenced by science and who wish to organize their lives according to scientific principles. Therefore, to anyone who wishes to assess the stance of today’s educated people toward pedagogy and didactics—not from the limited perspective of the school system, but from a worldly perspective—Herbert Spencer’s judgment must appear particularly authoritative.
[ 10 ] Es wächst ja alles bei ihm heraus aus intellektualistischer Naturwissenschaft. Und welche Urteile wachsen aus dieser intellektualistischen Naturwissenschaft bei ihm heraus? Herbert Spencer, der natürlich den Blick vor allen Dingen darauf gerichtet hält, wie sich aus niederen Lebewesen allmählich der Mensch herausgebildet hat, wie der Mensch nun in seinem fertigen Zustande zu den niederen Lebewesen steht, er frägt sich: Erzieht man heute die Kinder, die Jünglinge und Jungfrauen im Sinne dieser naturwissenschaftlichen Denkungsarten? — Und diese Frage beantwortet er sich mit nein.
[ 10 ] Everything in his work stems from intellectualist natural science. And what conclusions does he draw from this intellectualist natural science? Herbert Spencer, who naturally focuses above all on how human beings gradually evolved from lower forms of life, and on how human beings, now in their fully developed state, relate to those lower forms of life, asks himself: Are children, young men, and young women today being educated in accordance with these scientific modes of thought? — And he answers this question with a no.
[ 11 ] Er hat in seinem Essay über das Erziehungs- und Unterrichtswesen die wichtigsten Fragen der heutigen Pädagogik berührt, zum Beispiel die Frage: Welche Erkenntnis ist die wertvollste? - Er stellt die Frage nach der intellektuellen Bildung, nach der moralischen Bildung, die Frage nach der physischen Entwickelung der Menschen. Aber wie im Zentrum all dieser Betrachtungen steht eines, zu dem man, möchte ich sagen, eigentlich nur als ein ganz im Sinne der Gegenwart denkender Mensch kommen konnte. Er sagt: Wir erziehen heute unsere Kinder so, daß sie ihren Körper in entsprechender Weise benutzen lernen, daß sie ihn im Sinne seiner Einrichtungen im Leben benützen können, Wir erziehen die Menschen so, daß sie in ihr Gewerbe, in ihren Beruf hineinpassen. Wir erziehen sie so, daß sie gute Staatsbürger sein können. Wir erziehen sie vielleicht auch nach unseren Anschauungen zu sittlichen, zu religiösen Menschen, aber wir erziehen sie zu einem nicht: wir erziehen sie nicht selber zu Erziehern.
[ 11 ] In his essay on education and teaching, he addressed the most important questions in contemporary pedagogy, such as: What is the most valuable form of knowledge?—He raises questions about intellectual education, moral education, and the physical development of human beings. But at the center of all these reflections lies one idea that, I would say, could really only be arrived at by someone who thinks entirely in terms of the present. He says: Today we educate our children so that they learn to use their bodies appropriately, so that they can use them in life in accordance with their natural faculties; we educate people so that they fit into their trades and professions. We educate them so that they can be good citizens. We may also educate them, according to our views, to be moral and religious people, but there is one thing we do not do: we do not educate them to become educators themselves.
[ 12 ] Und das ist es, was Herbert Spencer an aller Pädagogik und Didaktik heute vermißt: daß im Grunde genommen die Menschen nicht zur Kunst der Erziehung erzogen werden. Das drückt er so aus, daß er sagt: Wir erziehen die Menschen dazu, daß sie sich physisch ihres Leibes bedienen können, daß sie ihren Beruf ausfüllen können, daß sie im Staate ein wichtiges Glied sein können; aber wir erziehen sie nicht zu Eltern und Erziehern.
[ 12 ] And that is what Herbert Spencer finds lacking in all pedagogy and didactics today: that, fundamentally, people are not educated in the art of education. He expresses this by saying: We educate people so that they can make physical use of their bodies, so that they can fulfill their professions, so that they can be an important part of the state; but we do not educate them to be parents and educators.
[ 13 ] Nun sagt er als echter naturwissenschaftlicher Denker: wie in der natürlichen Entwickelung des Menschen der Abschluß dieser ist, daß der Mensch Nachkommen erhält, daß er fortpflanzungsfähig wird, so müßte auch in der Erziehung der Abschluß der sein, daß der Mensch die Fähigkeit erlangt, die aufwachsenden Kinder in der richtigen Weise zu erziehen und anzuleiten. — Das ist im Sinne eines Gegenwartsmenschen ganz richtig gedacht.
[ 13 ] Now, as a true scientific thinker, he says: just as the culmination of human natural development is that a person has offspring—that is, becomes capable of procreation—so too must the culmination of education be that a person acquires the ability to raise and guide growing children in the proper manner. — From the perspective of a modern person, this is quite a correct way of thinking.
[ 14 ] Aber zu welchen Urteilen kommt nun Herbert Spencer, indem er den Blick auf die Erziehungspraxis der Gegenwart hinlenkt? Er drückt das durch ein drastisches Bild aus, von dem ich glaube, daß es sehr gut ist. Er sagt: Wir haben großartige Erziehungsforderungen, Erziehungsideale - und Herbert Spencer wird diesen Erziehungsidealen, diesen Erziehungsforderungen, diesen Regeln voll gerecht; er wird zum Beispiel auch Pestalozzi voll gerecht —, aber er frägt nun nicht: Sind theoretisch diese Erziehungsprinzipien, diese Erziehungsmaximen schön, sympathisch? — Sondern er frägt: Wie ist die Erziehungspraxis, wie geht es in der Schule zu? - Und dafür findet er nun ein drastisches Bild. Er sagt: Man nehme nun einmal einen zukünftigen, sagen wir, in fünf bis sechs Jahrhunderten lebenden Archäologen, der das, was in unserer Gegenwart geschieht, aus den Dokumenten, Archiven ausgräbt, wie unsere Archäologen gewohnt sind, das auszugraben, was in früheren Epochen war; diesem Archäologen käme eine Beschreibung der heutigen Schulpraxis in die Hände. Er wird da sehen: Ja, die Kinder werden durch die Grammatik angeleitet, in die Sprache sich hineinzuleben. Aber was sie in der Grammatik lernen, das sieht man ja, das trägt gar nichts dazu bei, die Sprache im Leben zu handhaben. Und dann findet man: eine große Anzahl dieser Kinder muß Griechisch und Latein lernen, muß andere Sprachen lernen, die längst tot sind. Also ist das Erziehungsreglement eines Volkes, das keine eigene Literatur hat, das nicht viel lernen kann und erfahren kann, wenn es sich mit der eigenen Literatur befaßt; es muß sich daher mit alten Literaturen befassen. Und wenn auch viel geredet wird, daß die Erziehung ins Leben führen soll, man sieht an allem, was in der Schule getrieben wird, wie wenig diese Schule für das Leben eigentlich vorbereitet. Ah - denkt sich dieser Archäologe -, das kann nicht die allgemeine Schulpraxis dieser Generation gewesen sein! Da ist mir zufällig - dem Archäologen fallen ja natürlich die Dokumente zufällig von dem einen oder dem anderen in die Hände -, da ist mir zufällig die Schulpraxis für einen heranzubildenden Mönchsorden in die Hände gefallen!
[ 14 ] But what conclusions does Herbert Spencer reach when he turns his attention to contemporary educational practices? He expresses this through a striking image, which I believe is very apt. He says: We have magnificent educational demands, educational ideals—and Herbert Spencer fully lives up to these educational ideals, these educational demands, these rules; for example, he also fully lives up to Pestalozzi—but he does not ask: Are these educational principles, these educational maxims, theoretically beautiful and appealing? — Instead, he asks: What is educational practice like; what goes on in schools? — And for this he finds a striking image. He says: Let’s imagine a future archaeologist—say, one living five or six centuries from now—who unearths what is happening in our present from documents and archives, just as our archaeologists are accustomed to unearthing what happened in earlier eras; this archaeologist would come across a description of today’s school practices. There he would see: Yes, children are guided by grammar to immerse themselves in the language. But what they learn in grammar—as is evident—contributes nothing at all to using the language in real life. And then one finds that a large number of these children must learn Greek and Latin, must learn other languages that have long since died out. So this is the educational system of a people that has no literature of its own, that cannot learn or experience much by engaging with its own literature; it must therefore engage with ancient literatures. And even though there is much talk about education being meant to prepare students for life, one can see from everything that goes on in school just how little this school actually prepares students for life. “Ah,” thinks this archaeologist, “that cannot have been the general school practice of this generation! By chance—since, of course, documents happen to fall into the archaeologist’s hands from one source or another—I happened to come across the school curriculum for a monastic order in training!”
[ 15 ] So drastisch drückt sich immerhin ein Weltmann der Gegenwart über dasjenige aus, was ihm als Eindruck kommt, wenn er die Schulpraxis ins Auge faßt. Und er sagt, natürlich von seinem Gesichtspunkte aus, daß sich nun die also gebildeten Menschen dann, wenn sie erwachsen sind, dem Leben gegenüber nicht wie lebensfremde Mönche benehmen, das rührt einzig und allein davon her, daß das Leben eben seine grausamen Forderungen stellt. Aber ungeschickt benehmen sie sich doch in ihm, weil sie eigentlich als Mönche erzogen sind und nun in der Welt zurechtkommen sollen. Man kann da schon hineinblicken in den Eindruck, den nun die Lehr- und die Erziehungspraxis gerade auf ein solches weltmännisches Menschenwesen macht.
[ 15 ] This is how starkly a contemporary man of the world expresses his impression of what he observes when he considers school practices. And he says—from his own perspective, of course—that the reason people educated in this way do not behave like monks out of touch with life when they reach adulthood is solely because life imposes its own cruel demands. Yet they still behave awkwardly in the world because they were essentially raised as monks and are now expected to find their way in the world. One can already glimpse the impression that teaching and educational practices make on precisely such a worldly human being.
[ 16 ] Man kann auf das, was unsere moderne Anschauung, auf die wir so stolz geworden sind, dem Menschen für seine eigene Erkenntnis geben kann, am besten kommen, wenn man sich die Frage eben lebenspraktisch beantwortet, wenn man sich frägt: Was kommt nun für den Menschen zustande in bezug auf die Auffassung seines eigenen Lebenswertes, wenn er allüberall von Vorstellungen umgeben ist, die aus der intellektualistisch-naturwissenschaftlichen Erfassung des Lebens hervorgehen? Man braucht sich ja nur einmal vor die Seele zu führen, welche Welterkenntnis dadurch zustande kommt, und man wird fühlen und empfinden, welche Menschenerkenntnis dadurch zustande kommen kann.
[ 16 ] The best way to understand what our modern worldview—of which we have become so proud—can offer human beings in terms of their own understanding is to answer the question from a practical, everyday perspective, by asking: What does this mean for a person in terms of their understanding of their own value in life when they are surrounded on all sides by mental images that stem from an intellectual, scientific understanding of life? One need only bring to mind the kind of understanding of the world that results from this, and one will feel and sense what kind of understanding of humanity can come from it.
[ 17 ] Wir können in großartiger Weise das, was in der leblosen Natur vorhanden ist, durch unsere Naturgesetze zusammenfassen. Wir geben uns ja wohl auch den Illusionen hin, daß wir dadurch auch Verständnis gewinnen für das Lebendige, für den Organismus. Nun, ich will heute nicht über diese Illusionen sprechen; aber das gilt, daß wir eigentlich in Gemäßheit der heutigen Zivilisation uns vorzugsweise Vorstellungen hingeben, welche über das Aufschluß geben, was außerhalb des Menschen liegt. Wir bilden uns großartige physikalisch-chemische Vorstellungen, und wir können dann doch nicht anders, als diese Vorstellungen auszudehnen, wenn auch zunächst nur hypothetisch, über die ganze Welt. Gewiß, es gibt heute schon viele Menschen, welche die Berechtigung bestreiten, das, was wir im Laboratorium lernen, was uns durch das Teleskop überliefert wird und durch das Mikroskop, für eine allgemeine Weltvorstellung anzuwenden. Aber der Mensch kann eben nicht anders, als zu einer solchen Anwendung kommen. Und er kann auch nicht anders, als eine solche Anwendung dann auf sein Gefühl, auf seine Empfindungen wirken zu lassen. Und dehnt man dann, wenn auch, wie gesagt, nur hypothetisch, die im Laboratorium und auf der Sternwarte gewonnenen Vorstellungen auf Erden- und Weltenanfang, auf Erden- und Weltenende aus, wozu kommt man?
[ 17 ] We can, in a magnificent way, summarize what exists in inanimate nature through our laws of nature. We certainly also indulge in the illusion that through this we also gain an understanding of the living, of the organism. Well, I do not wish to speak about these illusions today; but it is true that, in keeping with today’s civilization, we tend to indulge primarily in mental images that shed light on what lies outside of human beings. We form grand physical and chemical mental images, and we cannot help but extend these images—even if only hypothetically at first—to encompass the entire world. Certainly, there are already many people today who dispute the validity of applying what we learn in the laboratory, what is revealed to us through the telescope and the microscope, to a general mental image of the world. But human beings simply cannot help but arrive at such an application. Nor can they help but allow such an application to influence their feelings and sensations. And if one then extends—even if, as mentioned, only hypothetically—the mental images gained in the laboratory and at the observatory to the beginning and end of the Earth and the universe, what does one arrive at?
[ 18 ] Nun, wenn auch heute die sogenannte Kant-Laplacesche Theorie vielfach modifiziert ist, das Allgemeine gilt doch: man kommt zu einem Anfangszustande von Erde und Welt, der in dem bekannten Urnebel besteht. Der Urnebel läßt sich aber doch nur nach aeromechanischen Gesetzen begreifen. Und wir verfahren ja auch so. Wir sehen auf einen Anfangszustand der Welt oder der Erde hin, der sich nur begreifen läßt nach dem, was wir durch die Aeromechanik gelernt haben. Da ist nichts Seelisches, da ist nichts Geistiges darinnen. Wenn dann Menschen nach ihren Herzens- und Seelenbedürfnissen sich etwas anderes vorstellen müssen, dann kommen sie zu allerlei seelisch-göttlichen, geistig-göttlichen Wesen, welche auch noch da waren außer dem, was aeromechanisch angenommen wird, und welche eine, ich möchte sagen, kosmische Geschicklichkeit besitzen, um dasjenige plastisch zu gestalten, oder in anderer Weise zu formen, was da als ein Urnebel vorhanden ist. Der Mensch, namentlich der Mensch mit seinen seelisch-geistigen Kräften und Fähigkeiten, ist nicht in diesem Urnebel drinnen enthalten, er wird gewissermaßen aus dem herausgeworfen, was mit dieser Weltanschauung und Weltphilosophie umfaßt wird. Derjenige, der sich dann ganz eingewöhnt hat in den Gedanken, daß nur die intellektualistische Naturwissenschaft Gewißheit gibt, wird natürlich doch in herbe Zweifel hineinkommen, wenn er außer dem, wozu er sich nach den Gesetzen der Aeromechanik berechtigt glaubt, noch Seelen- oder Geisteswesen in den Beginn des Erdenanfangs oder des Weltanfangs setzen muß.
[ 18 ] Well, even though the so-called Kant-Laplace theory has been modified in many ways today, the general principle still holds: one arrives at an initial state of the Earth and the world that consists of the well-known primordial nebula. However, the primordial nebula can only be understood in terms of aeromechanical laws. And that is indeed how we proceed. We look to an initial state of the world or the Earth that can only be understood in terms of what we have learned through aeromechanics. There is nothing psychological there; there is nothing spiritual in it. When people, in accordance with the needs of their hearts and souls, must create a mental image of something else, they arrive at all manner of soul-divine and spirit-divine beings who were also present alongside what is assumed from an aeromechanical perspective, and who possess—I would say—a cosmic skill for plastically shaping, or otherwise forming, what exists there as a primordial nebula. Human beings—especially human beings with their soul-spiritual powers and abilities—are not contained within this primordial nebula; they are, so to speak, cast out of what is encompassed by this worldview and philosophy. Anyone who has fully accustomed themselves to the idea that only intellectualist natural science provides certainty will, of course, be overcome by bitter doubt when, in addition to what they believe they are entitled to according to the laws of aeromechanics, they must also posit soul or spiritual beings at the beginning of the Earth or the universe.
[ 19 ] Wenn der Mensch also hypothetisch auf Erdenende und Weltenende hinblickt dann muß er nach den physikalischen Gesetzen verfahren. Und da tritt vor seine Seele hin der sogenannte zweite Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie, der besagt, daß alle lebendigen Kräfte ineinander umgewandelt werden, daß aber, wenn sie in Wärme umgewandelt werden, oder Wärme in sie umgewandelt wird, der Gesamtvorgang immer der ist, daß Wärme übrigbleibt, so daß zuletzt für die gesamten Prozesse der Erde sich der Zustand ergeben muß, daß alles, was sonst an lebendigen Kräften vorhanden ist, sich in Wärmekräfte umgewandelt hat. Es wird nichts mehr an Kräften bleiben, als: Differenzen von Wärmezuständen. Der sogenannte Wärmetod wird alles ergreifen. Wir schauen dann auf das Erdenende hin als auf einen großen Friedhof, in dem alles begraben liegt, was die Menschen jemals aus ihrem Seelischen hervorgebracht haben an intellektuellen, an moralischen Idealen, an religiösen Impulsen. Das alles enthüllt sich als Illusion, die wie ein Nebel, ja weniger als ein Nebel auftaucht in dem Menschen, der hineingestellt ist zwischen einen Erdenanfang, der nichts Menschliches enthält, und ein Erdenende, das wiederum nichts Menschliches enthält. Es enthüllt sich alles dasjenige, was der Mensch ist, vor diesem intellektualistisch-naturwissenschaftlichen Blicke als eine Illusion.
[ 19 ] So, if a person hypothetically looks toward the end of the Earth and the end of the world, he must proceed according to the laws of physics. And here the so-called second law of mechanical thermodynamics presents itself to the mind, which states that all forms of living energy are converted into one another, but that when they are converted into heat—or heat is converted into them— the overall process is always such that heat remains, so that ultimately, for the Earth’s processes as a whole, the result must be that everything that otherwise exists as vital forces has been transformed into thermal forces. Nothing will remain of these forces except: differences in thermal states. The so-called heat death will engulf everything. We will then look upon the end of the Earth as a vast cemetery in which everything that human beings have ever produced from their inner lives—intellectual and moral ideals, religious impulses—lies buried. All of this reveals itself as an illusion that appears like a mist—indeed, less than a mist—to the human being who is placed between an Earth’s beginning that contains nothing human and an Earth’s end that, in turn, contains nothing human. Everything that constitutes the human being is revealed as an illusion in the face of this intellectualistic, scientific perspective.
[ 20 ] Nun, in der Theorie nimmt sich dieses ja zunächst so aus, als ob man darüber hinwegkommen könnte, als ob man sich sagen könnte: Das ist eben Theorie. - Allein, wenn auch die Menschen heute noch nicht alle Etappen durchmachen, die von dieser Theorie zu den Lebensempfindungen hin vorhanden sind, in den allgemeinen Lebensempfindungen der heutigen Menschheit lebt doch die Konsequenz dieser Voraussetzungen. Wir denken über das Leben so, als wenn die Erde mit dem menschenleeren Urnebel begonnen hätte, als ob sie dem Zustande des Wärmetodes entgegenginge, wo wiederum alles Menschliche begraben sein wird. Man hat nicht den Mut, sich klarzumachen, wo der Anfang dieser heutigen Empfindungen liegt. Aber diese Empfindungen sind es, die auch für den einfachsten Menschen heute dadurch maßgebend werden, daß sie durch unsere Journal- und Buchliteratur auf manchmal recht undefinierbarem Wege bis in die breiteste Menschheit hineinfließen.
[ 20 ] Well, in theory, this initially seems as if one could get past it, as if one could say to oneself: That’s just theory. - However, even if people today do not yet go through all the stages that exist between this theory and their actual life experiences, the consequences of these assumptions are nevertheless present in the general life experiences of humanity today. We think of life as if the Earth had begun with a primordial nebula devoid of human life, as if it were heading toward a state of heat death, where once again everything human will be buried. People lack the courage to clarify where the origin of these contemporary sensibilities lies. Yet it is precisely these sensibilities that have become decisive even for the simplest of people today, as they flow—through our newspapers and books, sometimes in quite indefinable ways—into the broadest strata of humanity.
[ 21 ] Und aus diesem Empfinden heraus erziehen wir unsere Kinder. Wir erziehen sie ja allerdings auch zuweilen durch religiöse Vorstellungen, aber da kommen wir erst recht an einen Abgrund heran. Denn wenn wir gegenüber dem Anfang, den wir in der Vorstellung über das Leben haben müssen, der auch in unseren Empfindungen weiterlebt, wenn wir neben diesem Anfang nun mit religiösen Vorstellungen kommen, dann werden wir ja unwahr, und das Unwahre rächt sich nicht etwa bloß auf eine Weise, die man äußerlich intellektualistisch begreifen kann, das Unwahre rächt sich durch seine eigene Innenkraft. Eine Unwahrheit, auch wenn sie nicht zutage tritt, wenn sie sich nicht offenbaren kann, wenn sie auch nur im Unbewußten bleibt, wirkt zerstörend auf das Leben.
[ 21 ] And it is from this feeling that we raise our children. Of course, we sometimes raise them through religious mental images as well, but that brings us even closer to an abyss. For if, alongside the beginning—which we must have in our mental image of life and which also lives on in our feelings—we now introduce religious ideas, then we become untruthful; and untruth does not take its revenge merely in a way that can be understood externally in an intellectualistic sense—untruth takes its revenge through its own inner power. A falsehood—even if it does not come to light, even if it cannot reveal itself, even if it remains only in the unconscious—has a destructive effect on life.
[ 22 ] Wir kommen in die Unwahrheit hinein, wenn wir nicht darangehen, uns völlige Klarheit über diesen Anfang unserer heutigen Empfindungen zu verschaffen. Diese Klarheit liefert uns nichts anderes, als daß wir mit den modernen Vorstellungen eine Welterkenntnis gewinnen können, in der der Mensch keinen Platz hat.
[ 22 ] We fall into falsehood if we do not set out to gain complete clarity about the origin of our present-day feelings. This clarity reveals nothing other than that, through modern mental images, we can gain an understanding of the world in which there is no place for human beings.
[ 23 ] Sehen wir auf dasjenige, was uns ja mit Recht als naturwissenschaftliche Erkenntnis stolz macht: Wir verfolgen die Entwickelungsreihe der Lebewesen von dem einfachsten, unvollkommensten durch vollkommenere bis herauf zum Menschen, den wir als das Vollkommenste ansehen. Aber wenn wir uns dann die Frage stellen: Was ist der Mensch seinem Wesen nach? — so beantworten wir uns diese Frage damit, daß wir uns sagen: Der Mensch ist eben der Schlußpunkt der Tierreihe, er ist das vollkommenste Tier. Wir gehen nicht ein auf das Wesen des Menschen. Wir antworten nur: Inwiefern ist der Mensch das vollkommenste Tier? — Und gerade in der Anerkennung solcher Einsichten hat es die moderne Menschheit am allerweitesten gebracht. Von diesen Einsichten hat sie ihre Empfindungen am tiefsten beeinflussen lassen.
[ 23 ] Let us consider that which rightly makes us proud as scientific knowledge: We trace the evolutionary sequence of living beings from the simplest and most imperfect, through more perfect forms, all the way up to human beings, whom we regard as the most perfect. But when we then ask ourselves: What is human nature? — we answer this question by saying: Human beings are simply the culmination of the animal kingdom; they are the most perfect animals. We do not delve into the essence of human nature. We merely ask: In what sense is man the most perfect animal? — And it is precisely in the acceptance of such insights that modern humanity has made the greatest progress. These insights have had the deepest influence on its sensibilities.
[ 24 ] Wiederum darf ich auf diesem Gebiete Herbert Spencer anführen, weil sein ganzes Empfinden charakteristisch ist für das, was man überall auf dem Erziehungs-, auf dem pädagogischen Gebiete gerade dann wirksam sieht, wenn die Leute heute anfangen, im Sinne der modernen Gedanken reformieren zu wollen. Sie reformieren ja in der Regel aus diesen Vorstellungen heraus, die menschenfremd sind. Herbert Spencer ist da wiederum repräsentativ für dasjenige, was die Lebenspraxis uns heute auf Schritt und Tritt liefert. Herbert Spencer sagt zum Beispiel: Man müßte die heute übliche Beeinflussung der Kinder durch die Erwachsenen, durch Eltern oder Erzieher abschaffen. Aus älteren Zeiten sei uns die Unart geblieben, daß, wenn ein Kind etwas Unrechtes tut, wir zornig werden, wir es strafen, wir ihm bemerklich machen, daß wir uns darüber ärgern. Mit einem Worte: wir tun etwas, was in gar keinem Zusammenhange steht mit dem, was das Kind getan hat. Das Kind hat sich vielleicht dazu herbeigelassen, im Zimmer alle möglichen Gegenstände herumliegen zu lassen. Wir sehen das als Erzieher, werden zornig, wir prügeln vielleicht das Kind, ich will gleich das Drastische sagen. Welcher Kausalzusammenhang — und der Naturforscher muß ja nach dem Kausalzusammenhang fragen -, welcher Kausalzusammenhang besteht zwischen den Prügeln, die hier als eine Wirkung auftreten, und dem Unordnungmachen? Nicht der geringste!
[ 24 ] Once again, I may cite Herbert Spencer in this regard, because his entire outlook is characteristic of what we see taking effect everywhere in the field of education—in pedagogy—precisely when people today begin to seek reforms in line with modern ideas. As a rule, they reform based on these mental images, which are alien to human nature. Herbert Spencer is, once again, representative of what everyday life demonstrates to us at every turn. Herbert Spencer says, for example: We must do away with the influence that adults—parents or educators—typically exert on children today. We have inherited from earlier times the bad habit that, when a child does something wrong, we become angry, we punish the child, and we make it clear that we are annoyed by this. In a word: we do something that bears no relation whatsoever to what the child has done. The child may have gone so far as to leave all sorts of objects lying around the room. We, as educators, see this, become angry, and perhaps beat the child—I’ll go straight to the drastic example. What causal connection—and the natural scientist must, of course, ask about the causal connection—what causal connection exists between the beating, which occurs here as an effect, and the act of making a mess? Not the slightest!
[ 25 ] Herbert Spencer sagt daher: Wir müssen uns zu Missionaren der kausalen Naturvorgänge machen, wenn wir Kinder in der richtigen Weise erziehen wollen. Wir müssen zum Beispiel, wenn wir einen Knaben sehen, der neugierig ist, wie kleine Papierschnitzelchen an einer Flamme brennen, wir müssen uns dann sagen: dieser Kabe ist wißbegierig. Wir dürfen uns nicht darüber ärgern, daß er eventuell sich selbst beschädigt, oder uns vielleicht das ganze Zimmer anzündet, sondern wir müssen uns zunächst klar darüber werden, daß er wißbegierig ist, und müssen versuchen, ihn möglichst gelinde dazu zu bringen, daß er sich einmal verbrennt; dann wird er in dem, was er erlebt, den richtigen Kausalzusammenhang haben. So sollen wir überall sorgen, daß der richtige Kausalzusammenhang eintritt und uns zu Missionaren des Kausalzusammenhanges in der Natur machen.
[ 25 ] Herbert Spencer therefore says: We must become missionaries of causal natural processes if we want to educate children properly. For example, when we see a boy who is curious about how small scraps of paper burn in a flame, we must tell ourselves: this boy is eager to learn. We must not get annoyed that he might hurt himself or perhaps set the whole room on fire; rather, we must first realize that he is eager to learn, and we must try, as gently as possible, to get him to burn himself once; then he will understand the correct causal relationship in what he experiences. In this way, we should ensure everywhere that the correct causal connection takes place and make ourselves missionaries of causal connection in nature.
[ 26 ] Man wird heute überall hören, gerade wo man reformieren will, daß diese Maxime die einzig mögliche ist. Und derjenige, der unbefangen ist, wird sagen: Ja, sie ist die einzig mögliche, wenn unsere intellektualistisch-naturwissenschaftliche Grundempfindung die einzig richtige ist. Es gibt gar keine andere Möglichkeit, als so zu denken über das Erziehen und Unterrichten, wenn die naturwissenschaftlich-intellektualistische Richtung das Wahre ist.
[ 26 ] Today, wherever one seeks to implement reforms, one will hear that this maxim is the only one possible. And anyone who is impartial will say: Yes, it is the only one possible if our intellectualistic, scientific worldview is the only correct one. There is simply no other way to think about education and teaching if the scientific-intellectualist approach is the true one.
[ 27 ] Aber wozu kommt man dann mit aller Erziehungs- und Unterrichtskunst, wenn man bis ins Extrem hin so vorgeht, wenn man ganz wahr wird in diesem Erziehen und Unterrichten? Man spannt ja den Menschen ganz undgar ein mit all seinem Empfinden, mit all seinem Denken in dasjenige, was im Laufe der Natur sich vollzieht. Und, was er denkt und empfindet, das ist gewissermaßen nichts weiter mehr als dasjenige, was in der Natur geschieht, was ganz von selbst geschieht, was geschieht, wenn der Mensch eben möglichst unbewußt an der Natur sich nur beteiligt. Der Mensch wird dadurch in die äußere Natur ganz eingespannt, er wird nicht herausgehoben aus der äußeren Natur, er wird gewissermaßen zu einem Gliede in der Kette der Naturnotwendigkeiten gemacht.
[ 27 ] But what, then, is the point of all the art of education and teaching if one takes this approach to the extreme, if one becomes completely true to this process of educating and teaching? One completely and utterly engages the human being—with all his feelings, with all his thinking—in what unfolds in the course of nature. And what he thinks and feels is, in a sense, nothing more than what happens in nature, what happens all by itself, what happens when the human being simply participates in nature as unconsciously as possible. Through this, a person becomes fully integrated into external nature; they are not set apart from external nature, but are, in a sense, made into a link in the chain of natural necessities.
[ 28 ] Da sehen Sie das Umgekehrte von dem, was ich vorhin zu erwähnen hatte. Ich habe vorhin gesagt, der Mensch wird durch die moderne Naturphilosophie aus der Welt herausgeworten. Man kennt ihn nur noch als das letzte Glied der Naturentwickelung, aber nicht mehr als Menschen. Er wird herausgeworfen, weil man nichts über ihn weiß; weil man nichts über ihn selber aussagen kann, stellt man ihn wiederum hinein in die Natur. Und er soll auch praktisch nicht aus der Natur herausgehoben werden, er soll in die Naturordnung, in die Naturnotwendigkeit hineingefügt werden. Er soll ganz und gar zu einem solchen Wesen werden, welches den Kausalzusammenhang verwirklicht.
[ 28 ] Here you see the opposite of what I mentioned earlier. I said earlier that modern natural philosophy excludes human beings from the world. We now know them only as the final link in the chain of natural evolution, but no longer as human beings. He is cast out because nothing is known about him; because nothing can be said about him in and of himself, he is in turn placed back into nature. And in practical terms, he is not to be lifted out of nature; rather, he is to be integrated into the natural order, into natural necessity. He is to become, entirely and completely, a being that realizes the causal connection.
[ 29 ] Die Anschauung, die Gedanken über die Natur werfen den Menschen heraus. Die Erziehungs- und Unterrichtskunst stellt den Menschen in das Außermenschliche hinein. Man verliert ganz und gar den Menschen. Man macht sich das nur nicht klar, weil man nicht den Mut dazu hat. Aber wir sind heute an einem Weltenwendepunkte, wo man den Mut dazu haben muß, bis in diese Urimpulse der Menschheitsentwickelung hineinzuschauen, denn der Mensch muß dasjenige, was er vorstellt, zuletzt auch empfinden.
[ 29 ] Perceptions and thoughts about nature cast humanity aside. The art of education and teaching places humanity within the non-human realm. We lose sight of humanity entirely. People simply do not realize this because they lack the courage to do so. But today we are at a turning point in world history where we must have the courage to look deep into these primal impulses of human development, for human beings must ultimately feel the mental images they create.
[ 30 ] Nun ist das ja heute eine Tatsache, daß uns Menschen entgegentreten, welche mit gläubigem Gemüte auf dasjenige hinschauen, was naturwissenschaftliche Voraussetzung ist, und sich sagen: Man darf eben einfach über die Welt keine anderen Vorstellungen haben als diese: Erdenanfang = durch Aeromechanik zu begreifender Nebel; Erdenende = Wärmetod, Friedhof. In der Mitte: der Mensch, der zu seiner eigenen Illusion herauswächst aus dem Außermenschlichen, in dem aufsteigen, um ihn zu betrügen, die Illusionen von moralischen Ideen, von religiösen Impulsen, von allerlei sonstigen Idealen, und der sich zuletzt um all dieses betrogen sieht, weil alles das doch auslaufen muß in den allgemeinen Friedhof.
[ 30 ] Now, it is a fact today that we encounter people who, with a faithful mindset, look upon what is considered a scientific given and tell themselves: One simply must not have any other mental images of the world than these: the origin of the Earth = a nebula to be understood through aeromechanics; the end of the Earth = heat death, a graveyard. In the middle: humanity, which grows out of the non-human realm into its own illusion—a realm in which, to deceive it, the illusions of moral ideas, religious impulses, and all manner of other ideals arise—and which ultimately finds itself deceived by all of this, because all of it must ultimately end in the universal graveyard.
[ 31 ] Eine tragische Stimmung kommt dann über solche Menschen. Sie sind aber nur diejenigen, die das in besonders drastischer Weise ausleben müssen, was eigentlich im Unterbewußten im größten Teil der heutigen Menschheit abgelagert ist. Und aus dieser Stimmung heraus erwächst dasjenige, was wir heute in der allgemeinen Zivilisation sehen.
[ 31 ] A tragic mood then takes hold of such people. Yet they are merely those who must live out in a particularly drastic way what is actually buried in the subconscious of the vast majority of humanity today. And out of this mood arises what we see today in civilization as a whole.
[ 32 ] Mit dieser Stimmung können wir nicht erziehen, denn diese Stimmung ermangelt einer Welterkenntnis, die so stark in sich ist, daß sie zur Menschenerkenntnis vorschreiten kann, zu einer solchen Menschenerkenntnis, in der der Mensch seinen Wert und sein Wesen findet, so wie er es empfinden muß, wenn er sich wirklich in der Welt als Mensch wissen soll. Wir können heute den Menschen nach Naturnotwendigkeit erziehen. Wir können ihn aber dann nicht zum freien, zum wirklich freien Menschen machen. Wenn wir ihn zum wirklich freien Menschen heranwachsen sehen, so geschieht das, im Grunde genommen, trotzdem wir ihn falsch ausbilden, nicht weil wir ihn richtig ausbilden.
[ 32 ] We cannot educate people with this mindset, for it lacks an understanding of the world that is so deeply rooted in itself that it can progress to an understanding of humanity—an understanding in which human beings find their value and essence, just as they must perceive it if they are to truly know themselves as human beings in the world. Today we can educate people in accordance with natural necessity. But then we cannot make them free—truly free human beings. When we see them growing into truly free human beings, this happens, fundamentally speaking, in spite of our educating them incorrectly, not because we educate them correctly.
[ 33 ] Man kann heute nicht über die Welt nur denken. Man muß heute so über die Welt denken, daß das Denken allmählich übergeht in eine allgemeine Weltempfindung. Denn aus Empfindungen heraus entstehen die Impulse zur Reform, zum Weiterarbeiten. Anthroposophie will eine solche Welterkenntnis sein, die nicht im Abstrakten bleibt, die in die Empfindung sich hineinlebt und die dadurch zu einer Grundlage für Pädagogik und Didaktik werden kann.
[ 33 ] Today, one cannot merely think about the world. Today, one must think about the world in such a way that thinking gradually gives way to a general sense of the world. For it is from these feelings that the impulses for reform and for continuing work arise. Anthroposophy aims to be a form of world knowledge that does not remain abstract, but that lives itself into feeling and can thereby become a foundation for pedagogy and didactics.
[ 34 ] Was wir im Vorstellungsleben durch lange Zeiten begründet haben, tritt uns im äußeren Leben gegenwärtig bereits historisch entgegen. Der Mensch ist durch die Ideen über die Welt, durch seine Welterklärung, aus der Welt herausgeworfen worden. Auf dasjenige, was sich da als Vorstellung in den Oberschichten der menschlichen Zivilisation herausgebildet hat, antwortet heute das Echo aus den Impulsen von Millionen und aber Millionen des Proletariervolkes. Und die zivilisierte Welt will nicht einsehen den Zusammenhang zwischen dem, was sie denkt, und dem, was heute aus den Gemütern der Proletarier darauf antwortet. Dasjenige, was als eine Empfindung in dem einzelnen Menschen wie eine tragische Stimmung leben kann, daß er sich sagt: Was aus dem Menschen herauskommt an moralischen Idealen, an religiösen Impulsen, das sind im Grunde genommen Illusionen, eingezwängt zwischen dem nebulosen Erdenanfang und dem Wärmetod der Erde, das tritt uns in der Lebensphilosophie von Millionen und Millionen Proletariern heute entgegen. In dieser Lebensphilosophie wird als das einzige Reale dasjenige aufgefaßt, was der Mensch im wirtschaftlichen Leben arbeitet und erfährt.
[ 34 ] What we have established over long periods of time in our imaginative life is now already confronting us historically in our external life. Humanity has been cast out of the world by its ideas about the world, by its explanation of the world. What has taken shape as a mental image in the upper strata of human civilization is met today by an echo arising from the impulses of millions upon millions of the proletarian masses. And the civilized world refuses to recognize the connection between what it thinks and what is now responding to it from the hearts and minds of the proletariat. What may live as a feeling within the individual—a tragic mood in which one says to oneself: “Whatever emerges from human beings in the form of moral ideals and religious impulses is, at the root of it, an illusion, trapped between the nebulous beginning of the Earth and the heat death of the Earth”—this confronts us today in the philosophy of life held by millions upon millions of proletarians. In this philosophy of life, the only thing considered real is what a person works for and experiences in economic life.
[ 35 ] Wie durch die verschiedenen Epochen der Menschheitsentwickelung hindurch gewirtschaftet worden ist, wie gearbeitet worden ist im wirtschaftlichen Leben, wie produziert worden ist, wie gekauft, verkauft worden ist, wie durch dieses Produzieren, durch dieses Kaufen und Verkaufen die Lebensbedürfnisse befriedigt worden sind, das soll nach dieser proletarischen Weltanschauung, nach dieser proletarischen Weltphilosophie die einzige Wirklichkeit sein. Dagegen alles dasjenige, was im wirtschaftenden Menschen aufsteigt als moralische Anschauung, als religiöse Ideale, als künstlerische Impulse, als Staatsideale, das ist eine Ideologie, das ist etwas im Grunde Illusionäres, das ist ein unwirklicher Überbau über dem einzig Wirklichen der Produktionsprozesse. In dieser Form ist das, was sich in den Oberschichten der Menschen mehr wie eine theoretische, höchstens noch wie eine religiöse Überzeugung erhalten hat, in den proletarischen Schichten praktische Lebensweisheit nicht nur, sondern Lebensrealität geworden; das ist dasjenige geworden, wonach gehandelt wird.
[ 35 ] How the economy has been managed throughout the various epochs of human development, how people have worked in economic life, how they have produced, how they have bought and sold, and how the necessities of life have been satisfied through this production, buying, and selling—this, according to this proletarian worldview, this proletarian philosophy of the world, is supposed to be the only reality. In contrast, everything that arises in economic man as moral views, as religious ideals, as artistic impulses, as political ideals—that is ideology; that is, fundamentally, something illusory; that is an unreal superstructure built upon the sole reality of the processes of production. In this form, what has persisted among the upper classes more as a theoretical—or, at most, a religious—conviction has become, among the proletarian classes, not only practical wisdom but the very reality of life; it has become the guiding principle by which people act.
[ 36 ] In dieses Leben ist der Mensch hineingestellt. Aus diesem Leben heraus will er erziehen und muß er erziehen. Aber er muß dieses Leben, wenn er erziehen will, wenn er unterrichten will, unbefangen anschauen können.
[ 36 ] Human beings are placed within this life. It is from within this life that they seek to educate—and must educate. But if they wish to educate, if they wish to teach, they must be able to view this life with an open mind.
[ 37 ] Es ist ein Eigentümliches, daß gerade der Intellektualismus mit seinem Gefolge der naturalistischen Lebensauffassung eigentlich den Menschen nicht tiefer in die Wirklichkeit hineingebracht hat, sondern aus der Wirklichkeit herausgebracht hat. Verfolgen Sie frühere Lebensphilosophien von diesem Gesichtspunkte aus: Sie werden überall Lebensgedanken finden, die geeignet sind, an das Leben irgendwo anzuknüpfen, denen gegenüber es dem Menschen ja nicht einfallen würde, sie als bloße Ideologie anzusehen. Die Menschen wurzelten eben im Leben, und sie konnten deshalb nicht daran denken, daß ihre Gedanken nur wie ein Rauch wären, der aus dem Leben aufsteigt. Heute ist diese Anschauung über einen großen Teil der gebildeten Welt hin Lebenspraxis geworden. Und die Menschheit seufzt unter den Folgen desjenigen, was da geworden ist. Aber die Menschheit will noch nicht einsehen, daß, was in Rußland geschieht und immer weiter geschehen wird in der Welt, das Ergebnis dessen ist, was an unseren Universitäten gelehrt, was in unseren Schulen heranerzogen wird. Es wird gelehrt, es wird herangezogen - in der einen Lokalität hat man nicht den Mur, die Konsequenzen zu ziehen, in der anderen Lokalität geht man bis zu den äußersten Konsequenzen. Man wird das rollende Rad nicht aufhalten können, wenn man nicht bis zur Klarheit gerade auf diesem Gebiet drängt, hier wirklich Ursache und Wirkung einzusehen, wenn man nicht einsieht, daß der Mensch in eine Wirklichkeit hineingestellt ist, innerhalb welcher er sich unmöglich wird bewegen können, wenn er sie bloß intellektualistisch erfaßt. Der Intellektualismus hat als ein Instrument keine Kraft, in die Wirklichkeit einzugreifen.
[ 37 ] It is curious that intellectualism, with its accompanying naturalistic view of life, has not actually brought people deeper into reality, but rather has taken them out of it. Examine earlier philosophies of life from this perspective: You will find everywhere ideas about life that are capable of connecting to life in some way—ideas that people would never think to regard as mere ideology. People were simply rooted in life, and therefore could not conceive that their thoughts were merely like smoke rising from life. Today, this view has become a way of life across much of the educated world. And humanity groans under the consequences of what has come to pass. But humanity is still unwilling to recognize that what is happening in Russia—and will continue to happen throughout the world—is the result of what is taught at our universities and instilled in our schools. It is taught; it is instilled—in one place, people lack the courage to draw the necessary conclusions; in another, they take it to its extreme consequences. It will not be possible to stop the rolling wheel unless we press for clarity precisely in this area, unless we truly recognize cause and effect here, unless we realize that human beings are placed within a reality in which they will be unable to function if they grasp it merely intellectually. Intellectualism, as an instrument, has no power to intervene in reality.
[ 38 ] Ich kannte einmal einen Dichter, der sich schon vor Jahrzehnten die bittersten Vorstellungen gemacht hat über das, was aus dem Menschen werden müsse, wenn er nur immer mehr in den Intellektualismus hineintreibt. In der Gegend, in der dieser Dichter lebte, hat man eine drastische Vorstellung von intelligenten, intellektualistischen Leuten. Man nennt sie dort nämlich «großkopfet», das heißt, man meint, sie haben große Köpfe, geistig aufgefaßt. Dieser Dichter setzte sich das in ein recht drastisches Bild um. Er sagte: Die Menschheitsentwickelung läuft intellektualistisch; das muß dazu kommen, daß die Menschen endlich immer größere und größere Köpfe bekommen und die andere Leiblichkeit nur noch wie rudimentäre Organe daran hängt, rudimentäre Arme, ganz kleine Händchen, rudimentäre Beine, ganz kleine Füßchen, und dann werden die Menschen so fortrollen. Man hat es mit großen Kugeln zu tun, an denen Bein- und Armansätze als rudimentäre Organe sein werden. — In recht pessimistische Stimmung kam dieser Dichter über dasjenige, wozu es die Menschen bringen müssen, wenn sie weiter auf der Bahn des Intellektualismus so bis zum Rollen sich fortbewegen.
[ 38 ] I once knew a poet who, decades ago, had already formed the most bitter mental images about what must become of a person if he is driven ever deeper into intellectualism. In the region where this poet lived, people have a rather drastic mental image of intelligent, intellectual types. There, they are called “großkopfet”—which means people think they have large heads, in the sense of being intellectually gifted. This poet translated that into a rather drastic image. He said: Human evolution is proceeding in an intellectualistic direction; this must lead to people eventually developing ever larger and larger heads, with the rest of their physical form attached to them only as rudimentary organs—rudimentary arms, tiny little hands, rudimentary legs, tiny little feet—and then people will roll along like that. We will be dealing with large spheres, on which the attachments for legs and arms will be nothing more than rudimentary organs. — This poet adopted a rather pessimistic outlook regarding what humanity is bound to become if it continues down the path of intellectualism to the point of rolling along like this.
[ 39 ] Man kann sagen, das, was da als Intellektualismus uns erscheint, es entfernt den Menschen von sich selbst, es stellt eben den Menschen aus der Wirklichkeit heraus. Daher wird ihm zu der einzigen Wirklichkeit dasjenige, was der Proletarier als solche anerkennt, dasjenige, was man nicht hinwegleugnen kann, weil man entweder darauf stößt und dann nach unserem Erziehungssystem, auch wenn es reformistisch sein will, die Folge trägt im Kausalzusammenhang und sich Beulen schlägt, oder aber man wird hungrig — wiederum trägt man die Folge im Kausalzusammenhang. Da sieht man, spürt man, empfindet man das Reale genau. Aber man dringt nicht mehr in dieses Reale hinein.
[ 39 ] One could say that what appears to us as intellectualism distances people from themselves; it effectively removes people from reality. Consequently, the only reality left for them is what the proletarian recognizes as such—that which cannot be denied, because either one encounters it and, according to our educational system (even if it claims to be reformist), bears the consequences in the causal chain and ends up bruised, or one becomes hungry—again, one bears the consequences in the causal chain. That is when one sees, senses, and perceives reality precisely. But one no longer penetrates into this reality.
[ 40 ] Und der Mensch wird merkwürdigerweise in sich immer robuster, indem er sich immer mehr von der Wirklichkeit entfernt. Er wird schon, wenn auch bildlich gesprochen, so ist das doch wahr, diese rollende Kugel. Man wird einsehen müssen, wie man auf Universitäten und in Schulen dasjenige züchtet, wovor man zurückbebt, wenn es dann als Lebenswirklichkeit, als Lebenspraxis einem entgegentritt, wie das heute schon in hohem Maße der Fall ist. Die Menschen kritisieren dasjenige, was ihnen entgegentritt, sie wissen aber nicht, daß sie es gepflanzt haben. Die westlichen Menschen sehen auf Rußland hin und finden es furchtbar. Sie wissen nicht, daß ihre Lehrer im Westen das erst gepflanzt haben.
[ 40 ] And, strangely enough, the human being becomes ever more robust within himself as he distances himself further and further from reality. He becomes—even if only figuratively speaking, it is nonetheless true—that rolling sphere. We will have to recognize how universities and schools are fostering precisely what we recoil from when it confronts us as the reality of life, as the practice of life—as is already very much the case today. People criticize what confronts them, but they do not realize that they themselves have sown the seeds of it. Westerners look toward Russia and find it appalling. They do not realize that their teachers in the West were the ones who first planted the seeds of it.
[ 41 ] Der Intellektualismus, sagte ich, ist kein Instrument, mit dem man die Wirklichkeit anfassen kann. Im Erziehen muß man die Wirklichkeit des Menschen anfassen. Wenn der Intellektualismus kein Instrument ist, womit man die Wirklichkeit anfassen kann, so entsteht die große Frage: Können wir überhaupt auf intellektualistische Weise in der Erziehung etwas anfangen?
[ 41 ] Intellectualism, I said, is not a tool with which one can grasp reality. In education, one must engage with the reality of the human being. If intellectualism is not a tool with which one can engage with reality, then the big question arises: Can we even achieve anything in education through an intellectualist approach?
[ 42 ] Diese große Frage steht am Ausgangspunkte unseres Vortragskursus vor uns. Wir müssen nach anderen Mitteln greifen als nach denen, die uns der Intellektualismus in die Hand gibt. Und dazu können wir uns doch am besten aufschwingen, wenn wir wiederum das einzelne Gebiet aus dem ganzen Lebenszusammenhang heraus erfassen.
[ 42 ] This major question lies before us at the outset of our lecture series. We must resort to means other than those provided by intellectualism. And the best way to do this is to once again view the individual field within the broader context of life.
[ 43 ] Worinnen ist denn eigentlich die heutige Menschheit besonders groß, und wovon ist sie am meisten entzückt? Nun, von Kongressen im öffentlichen Leben. Nicht davon, ruhig sich mit dem Wesen einer Sache bekanntzumachen, sondern auf Kongresse zu gehen und dort über die Dinge zu diskutieren. Denn zum Diskutieren gehört zuletzt der Intellektualismus. Man geht nicht ein auf das Wesen. Man hat das Wesen schon und diskutiert darüber. Man kommt zusammen und diskutiert über alles mögliche. Die Kongreßusance, die diskutieren muß, das ist das, was aus dem Intellektualismus folgt, und was auf der anderen Seite zur Weltfremdheit führt. Und so kann man schon das Gefühl haben, daß im Grunde genommen unsere Kongresse alle als etwas Illusorisches über der Wirklichkeit schweben. Da unten im Leben, da geht allerlei vor, und auf Kongressen wird schön darüber gesprochen, auch geistreich darüber gesprochen. Ich kritisiere die Kongresse gar nicht im abfälligen Sinn. Ich finde, auf den Kongressen ist es so, daß sehr viel außerordentlich Geistreiches gesprochen wird. Es ist in der Regel so, daß man mit dem, was der A sagt, einverstanden sein kann und mit dem, was der B sagt, einverstanden sein kann, auch wenn es das Entgegengesetzte ist, man kann von einem gewissen Gesichtspunkte aus wiederum damit einverstanden sein. Ebenso mit dem C. Man kann eigentlich immer auf Kongressen von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit allem einverstanden sein. Warum? Weil alles im Intellektualismus schwingt und der Intellektualismus nichts über die Wirklichkeit aussagt. Und so könnte eigentlich unsere heutige Wirklichkeit so verlaufen, wie sie verläuft, auch ohne daß Kongresse da sind. Man könnte durchaus entbehren, was auf Kongressen geredet wird, trotzdem man seine aufrichtigste, wahrhaftigste Freude haben kann an all der Geistreichigkeit, die da entfaltet wird, denn alles ist im Grunde genommen gut.
[ 43 ] In what way, then, is humanity today particularly great, and what delights it most? Well, it is delighted by conferences in public life. Not by quietly familiarizing itself with the essence of a matter, but by attending conferences and discussing things there. For, ultimately, intellectualism is an integral part of discussion. People do not delve into the essence. They already have the essence and discuss it. They come together and discuss all sorts of things. The convention of the conference—which must discuss—is what follows from intellectualism, and what, on the other hand, leads to a lack of connection with the real world. And so one can already get the feeling that, fundamentally, all our conferences hover above reality as something illusory. Down there in real life, all sorts of things are happening, and at conferences people talk about them nicely—and wittily, too. I’m not criticizing conferences in a derogatory sense at all. I find that at these conferences, a great deal that is extraordinarily witty is said. It’s usually the case that one can agree with what Person A says and agree with what Person B says—even if they’re saying opposite things—because from a certain point of view, one can agree with both. The same goes for C. At conferences, you can actually always agree with everything from a certain point of view. Why? Because everything resonates with intellectualism, and intellectualism says nothing about reality. And so our reality today could actually unfold just as it does, even without conferences. One could certainly do without what is said at conferences, even while taking the most sincere, genuine joy in all the wit and ingenuity that is displayed there, for everything is, after all, good.
[ 44 ] Wir haben im Laufe der letzten fünfzig bis sechzig Jahre auf den verschiedensten Gebieten die großartigsten theoretischen Ausführungen erlebt und haben oftmals mit unbefangenem Sinn das Leben überblicken können und sehen können, wie dieses Leben im entgegengesetzten Sinne verlaufen ist. Zum Beispiel: als in einzelnen Ländern vor einiger Zeit die Frage nach der Goldwährung flüssig geworden ist, da wurde wirklich über die Goldwährung Wunderbares geredet. Man kann nur sagen, in Handelskammern, in Parlamenten, ich rede wirklich nicht ironisch, ich meine es ganz ernst, wurden die allergescheitesten Reden gehalten über die heilsamen Folgen der Goldwährung. Insbesondere haben ganz riesig scharfsinnige, gescheite Leute und auch Praktiker bewiesen: wenn die Goldwährung kommt, muß der Freihandel kommen; das eine ist die Konsequenz des anderen. Und siehe da: in den meisten Ländern, wo die Goldwährung gekommen ist, ist ein unerträgliches Wesen von Zollschranken, das heißt, die Unfreiheit des Handels gekommen! Das hat die Wirklichkeit, das Leben gesagt. Die Gescheitheit, die aus der Intellektualität hervorgewachsen ist, die hat, aber jetzt auf gescheite Weise, ohne es jetzt ironisch zu meinen, das Gegenteil gesagt. Man muß sich eben klar sein, daß der Intellektualismus aus dem Leben herauswächst, den Menschen großkopfig macht.
[ 44 ] Over the past fifty to sixty years, we have witnessed the most magnificent theoretical expositions in a wide variety of fields, and we have often been able to view life with an unbiased mind and see how that life has unfolded in the opposite direction. For example: when, some time ago, the question of the gold standard came to the fore in certain countries, truly wonderful things were said about the gold standard. One can only say that in chambers of commerce and in parliaments—and I am truly not being ironic; I mean this quite seriously—the most brilliant speeches were delivered on the beneficial consequences of the gold standard. In particular, extremely astute, intelligent people—as well as practitioners—argued that if the gold standard were to be adopted, free trade would inevitably follow; one is the logical consequence of the other. And lo and behold: in most countries where the gold standard was adopted, an intolerable system of tariff barriers—that is, the restriction of free trade—has emerged! That is what reality, what life itself, has shown. The wisdom that has grown out of intellectualism, however, has—in a sensible way, and without any irony—said the opposite. One must simply be clear that intellectualism grows out of life and makes people arrogant.
[ 45 ] Das ist dasjenige, was aus der Menschenerkenntnis hinausführt, was uns dem Menschen entfremdet, und was daher niemals die Grundlage für eine Pädagogik und Didaktik abgeben kann. Denn das pädagogische, das didaktische Verhältnis ist doch ein menschliches Verhältnis, das Verhältnis des Lehrers, des Erziehers zum Kinde, zum Schüler. Aus diesem menschlichen Verhältnisse heraus muß Pädagogik und Didaktik gewonnen werden. Das kann nur durch eine wirkliche Menschenerkenntnis geschehen, und eine solche wirkliche Menschenerkenntnis möchte Anthroposophie geben.
[ 45 ] This is precisely what leads us away from an understanding of the human being, what alienates us from the human being, and what therefore can never serve as the foundation for pedagogy and didactics. For the pedagogical and didactic relationship is, after all, a human relationship—the relationship of the teacher, the educator, to the child, to the student. Pedagogy and didactics must be derived from this human relationship. This can only happen through a genuine understanding of human nature, and anthroposophy aims to provide such a genuine understanding.
